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Full text of "Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der älteren Kirche"

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la^MUiAiU 



^^^^dlUIBMAiba^^iUU^UBUi 



Zeitschrift ffir die neatestafflentliclie Wissenscliaft 
and die Kunde des Urchristentums 

Siebenter Jahrgaog 
1906 



Zeitschrift 



für die 

neutestatnentliche Wissenschaft 

und 

die Kunde des Urchristentums 

herausgegeben von 
D. ERWIN PREUSCHEN 



Siebenter Jahrgang 
Z906 



-^*^ 



G.IESZEN 

Alfred Töpelmann 
V vormals J. Ricker'tche Verlagsbuchhandlung) 

1906 



Anderweitiger Abdruck der für dU Zeitschrift bestimmten Abhandlungen 
oder ihre (Versetzung innerhalb der gesetzlichen Schutzfrist ist nur mit 
Genehmigung des Herausgebers und der Verlagsbuchhandlung gestattet. 



NOV 2% 156f: . 



DRUCK TON W. OBOOUUH M LBITStG 



Inhaltsverzeichnis 

Seite 

Schwartz, E., Osterbetrachtimgea i 

Klein, G., Die nrsprüngliche Gestalt des Vatemnsers 3 t 

Schurer, E., Die OOpa oder itOXr) ibpaia Act 3, 2 u. lo 51 

Loeschcke, O., Contra Marcellum, eine Schrift des Ensebios von Caesarea .... 69 

Bruaton, C, Les cons^qnences du vrai sens de 'IXaCTV^plov 77 

SÜlib, Rm Ein Bnichstack der Augostinischen Bibel 82 

Andersen, A., Zu Mt 26, 17 ff. und Lc 22, 15 ff. 87 

Deifimann, A., Bamabas 91 

Denk, J., TTpdEic oder TTpd£€ic tüuv dirocTÖAiuv? 92 

Nestle, B., Der süße Geruch als Erweis des Geistes 95 

„ Evangelien als Amulet am Halse und am Sofa 96 

Bugge, Chr. A., Über das Messiasgeheimnis 97 

Brückner, M., Zum Thema Jesus und Paulus 112 

Gebhardt, H., Untersuchungen zu der Evangelienhandscbrift 238 120 

Barüet, V., The origin and date of 2 Clement 123 

Krüger, Q., Zu Justin 136 

Schott, B., Die Aussendungsrede Mt 10. Mc 6. Lc. 9. 10 140 

Franko, L, Beiträge aus dem Kirchenslavischen z, d» neutestamentlichen Apokryphen. HL 151 

[I. u. n. s. 3. Jahrg. (1902) S. 146 ff. 315 ff.] 

Andersen, A., Mt 26, 26 flg. und Parellelstellen im Lichte der Abendmahlslehre Justins 172 

Boehmer, J., Zum 2. Artikel des Apostolikums 176 

WeUhausen« J.f^Aprov IkXoccv Mc 14, 22 182 

Nestle, B., Das Kamel als Schiffstau 182 

„ Eine Variante in Matth. 28, 18 183 

Rabbi 184 

„ Chorazin, Bethsaida 184 

„ Zur neutestamentlichen Vulgata 186 

Krüger, Q., Zum Streit der Apostelfursten 190 

Ter-Minassiantz, B., Hat Irenäus Lc i, 46 Mapidfi oder 'EXcicdßcT gelesen? ... 191 

Boehmer, H., Zu dem Zeugnisse des Irenäus von dem Ansehen der römischen Kirche 193 

Connolly, R. H., The Early Syriac Creed 202 

Franko, I., Beiträge aus dem Kirchenslavischen zu den neutestamentlichen Apokryphen 

. und der altchristlichen Literatur. IV 224 

Windisch, H., Das Evangelium des Basilides 236 

Vols, P., Ein heutiger Passahabend 247 

Klein, Q., Rein und unrein Mt 23, 25. Lc 11, 37. 42 252 

Nestle, B., 2^nm Erstickten im Aposteldekret 254 

„ Zu Lc 20, 22 256 

„ Die Hirten von Bethlehem 257 

„ Zur Einteilung der Apostelgeschichte im Codex B 259 

„ Eine semitische schriftliche Qnelle für Matthäus und Lucas 360 



VI 

Seite 

Völter, D., Bemerknngen som i. Clemensbrief 261 

Thieme, Q.» Inschriftliches zur Geschichte des Gebets 264 

Bischoff; A., *£ino6aoc 266 

„ 'AXXoTpi(o)€ir(cKOTroc 271 

„ Tö T^c Kupfou 274 

Nestle, B., Zum neutestamentlichen Griechisch 279 

„ I. Kor. 13, 3 280 

Spitta, Fr., Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc l n. 2 281 

Conybeare, F. C, The Gospel Commentary of Epiphanius 318 

Boehmer» H., Zur altrömischen Bischofsliste SS3 

Wait2, H., Die Quelle der Philippusgeschichten in der Apostelgeschichte 8, 5—40 . 340 

Schläger, Bemerkungen zu iticnc 'IncoO XpiCToO 356 

Sillib, R., Nachtrag zu S. 82 ff. dieses Jahrg 358 

Nestle, E., Zur Taube als Symbol des Geistes 358 

„ Ein Gegenstäck zum Gewölbe und zur Taube im Martyrium des Polykarp 359 

„ Eine nicht ausgenützte Quelle der neutestamentlichen Textkritik .... 360 

„ Ein neues Wort für das Wörterbuch des Neuen Testaments 361 

I, Die Stelle vom beiirvoxXiVruip Mt 20, 28 • 362 



Nebenstehend ein nach dem Alphabet der Verfasser geordnetes Inhaltsreneichnis 



vn 



Inhaltsverzeichnis 

nach dem Alphabet der Verfasser 

S«it« 

Andersen, A, Zu Mt 26, 17 ff. und Lc 22, 15 iT. 87 

„ Mt 26, 26 flg. nnd Parallelstellen im Lichte der Abendmahlslehre Justins 172 

Bartlet, V., The origin and date of 2 Clement 123 

Bischoff, A., 'EmoOcioc 266 

„ *AAXoTpi(o)€iT{cKOiroc ... 271 

„ TÖ T^OC KUpfoU 274 

Boehmer, H., Zu dem Zeugnisse des Irenäus von dem Ansehen der römischen Kirche 193 

„ Zur altrömischen Bischofeliste $3^ 

Boehmer, J., Zum 2. Artikel des Apostolikums 176 

Brückner, M., Zum Thema Jesus und Paulus 112 

Bruston, C, Les cons^quences du vrai sens de *IXaCTr|piov 77 

Bugge, Chr. A., Über das Messiasgeheimnis 97 

Connolly, R. H., The Early Syriac Creed 202 

Conybeare, P. C, The Gospel Commentary of Epiphanius 318 

DeiSmann, A., Bamabas 91 

Denk, J., TTpdBic oder TTpdScic tO&v dirocTÖXuiv? 92 

Franko, I., Beiträge ans dem Kirchenslavischen zu den neutestamentlichen Apokryphen 
und der altchristlichen Literatur. 

nL Revelatio Sancti Stephani 151 

IV. Das Martyrium der heiligen Photine 224 

p. u. n. s. 3. Jahrg. (1902) S. 146 ff. 315 ffJ 

Qebhardt, H., Untersuchungen zu der Evangelienhandschrift 238 120 

Klein, Q., Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers 34 

„ Rein und unrein Mt 23, 25. Lc ii, 37. 42 252 

Krüger, Q., Zu Justin 136 

„ Zum Streit der Apostelfürsten 190 

Loeschcke, Q., Contra Marcellum, eine Schrift des Eusebius von Caesarea .... 69 

Nestle, B., Der süße Geruch als Erweis des Geistes 95 

„ Evangelien als Amulet am Halse und am Sofa 96 

„ Das Kamel als SchiifsUu 182 

„ Eine Variante in Mafth. 28, 18 183 

„ Rabbi 184 

„ Chorazin, Bethsaida 184 

„ Zur neutestamentlichen Vulgata 186 

„ Zum Erstickten im Aposteldekret 254 

„ Zu Lc 20, 22 256 

„ Die Hirten von Bethlehem 257 

„ Zar Einteilung der Apostelgeschichte im Codex B 259 

„ Eine semitische schriftliche Quelle für Matthäus und Lucas 260 

„ Zum neutestamentlichen Griechisch 279 

„ I. Kor. 13, 3 280 



vm 

Seite 

Nestle, B., Zur Taube als Symbol des Geistes 35g 

„ Ein Gegenstück zum Gewölbe und zur Tanbe im Martyriun des Polykarp 359 

„ Eine nicht ausgenützte Quelle der nentestamentlichen Textkritik .... 360 

„ Ein neues Wort für das Wörterbuch des Neuen Testaments 361 

„ Die Stelle vom bciirvoKX/jTUip Mt 20, 28 362 

Schläger, Bemerkungen zu iricTic 'liicoO XpicroO 356 

Schott, B., Die Aussendungsrede Mt 10. Mc 6. Lc 9. 10 140 

Schürer, B., Die OOpa oder T^Xtilibpaia Act 3, 2 u. 10 51 

Schwartz, E., Osterbetrachtungen i 

Sillib, R«, Ein Bruchstück der Augustinischen Bibel 82 

„ Nachtrag zu S. 82 ff. dieses Jahrg 35S 

Spitta, Fr., Die chronologischen Notizen und die Hynmen in Lc i u. 2 28] 

Ter-Minassiantz, E., Hat Irenäus Lc l, 46 Mapid^ oder *EX€icd߀T gelesen? ... 191 

Thieme, Q., Inschriftliches zur Geschichte des Gebets 264 

Völter,^D., Bemerkungen zum l, Clemensbrief 261 

Vol«, P., Ein heutiger Passahabend 247 

Waitz, H., Die Quelle der Philippusgeschichten in der Apostelgeschichte 8, 5 — ^40 . 340 

WellhauBen, J., 'ApTov SkXqccv Mc 14, 22 182 

Windisch, H., Das Evangelium des Basilides 236 



E. Schwarte, Osterbetrachtüngen* 



Osterbetrachtungen, 

Von E* Schwanz ia Göttin gen. 

Ostem gilt der Christenheit schon seit langer 2^it als das historische 

Fjahresfest der Auferstehung. Wer die Geschichte des Festes rückwärts 

verfolgt, wird sich bald genötigt sehn, diese AuRassung fahren lu lassen, 

falls er es nicht vorzieht, auf jede historische Erklärung der verschiedenen 

Phasen, die das Fest durchgemacht hat, zu verzichten. 

Ostern und Pfingsten, die immer zusammengehören, sind die ältesten 
christlichen Jahresfeste; selbst sie sind nicht nur dem NT, sondern auch 
der Lehre der 12 Apostel unbekannt, ijhr sollt kein Fest feiern, es sei 
denn, daü ihr euern Bruder seht bei der Agape'*, lautet ein Spruch des 
Hebraeerevangeiiums» ' Den ältesten Gemeinden, die sich die „Herreo- 
jiinger'* nannten oder „die welche das Reich erwarten", steht ein jähr- 
liches Gedenken an den Tod und die Auferstehung Jesu nicht an, so 
wie die Witwe die Zeiten ihres Schmerzes und ihrer Hoffnung auf Wie de r- 
Ijehn nicht abzählt, solange sie mit dem Toten weiter lebt; erst wenn 
das alltägliche Leben sie zwingt, dann muß die Erinnerung aufgespeichert 
r und von Zeit zu Zeit gefeiert werden. Das echte und alte Fest der 
^Christen ist das Mahl der Gemeinde, bei dem der Herr zugegen ist/ 
nichts anderes. Den persönlichen Schülern Jesu und denen die als 
Missionare auszogen, war der Herr erschienen als der Messias; diese 
Erscheinungen waren die Legitimation ihres Berufs, und sein Geist war 
bei Uinen, wenn sie ihn brauchten. Das war ein inneres Erleben, von 



I HJerOTipn. rü Epli» St 4 [Hajrnaclci Sitiungsber. d, BcrL Ak^d. 1904, 1 75^ Prem- 
tichen, Aotilcgg* p. gji jH in H^hraiw guoqut tuangtUo k^mas äomirmm ad duHßmbi /0- 
fuenUm: ei numquam^ inquitf i&eti jüu ffisf cum fr^irtm uesirum uideritis in 
carit^ie. Griechisch wäre das ^^iwOTe eticppavSi^TC cl )k'r\ ötav tbriT£ t6v dbcXtpÖV 
Ofidrv ^v tQ dTdTTT}. eOqppaivecOai, cCrippocüvri ist die Festesfreude, die nnSGf des AT, 
und dtdini wird auch vom vierten EvaiigcUum [13, l] technisch gebraucht 

^ WcOhausen, Ev, Marci 1^5: „Die alte Tisch getneinschaft mit dem Meister wurde 
festgehalten." 

Zeitschf . f. dp aeuleil; Wlti. J^hf^, VU, tgoC. I 



£. Schwartz, Osterbetrachtungen. 



dem sie lebten; so etwas feiert man nicht an einem bestimmten Jahres- 
datum wie die Geburts- und Todestage berühmter Männer. 

Woher in Wahrheit das Fest gekommen ist, zeigt der Name an. 
Niemand bezweifelt, daß das irdcxa der Christen dasselbe Wort ist wie 
das noJD der Juden; dann muß man aber auch die Konsequenzen ziehen 
und eingestehen, daß das Pascha der Kirche eine jüdische Erbschaft ist 
Die ältesten Christen waren Juden und wollten es sein; sie haben das 
Pascha als Juden gefeiert. Langsam und schrittweise, in organischem 
Prozeß, löste sich das Christliche vom Jüdischen ab; das Alte und das 
Neue liegen jahrhundertelang nebeneinander, und keines von beiden darf 
über dem anderen übersehen werden. Eine Betrachtung, die das ver- 
meidet, die nicht konstruieren will, sondern beobachten, lohnt sich; denn 
in dem allmählichen Wachsen und Werden der Institutionen spiegelt 
sich das historische Geschehen am treuesten ab, viel treuer als in den 
bewußten Spekulationen der philosophischen Dogmatik. 

Die Greschichte des jüdischen Pascha ist von Wellhausen* aufgeklärt; 
zur Orientierung wiederhole ich seine Resultate. Die alten Israeliten 
sind durch die Eroberung Kanaans aus Hirten zu Ackerbauern geworden. 
Sie hingen an dem Lande, das sie mit ihrem Blut bezahlt hatten, mit 
mindestens der gleichen Liebe als wären sie Autochthonen gewesen; 
es war ihnen das Land, das Jahve ihnen gegeben hatte und ihnen jedes 
Jahr neu schenkte, wenn der Acker, der Ölgarten und der Weinberg 
ihre Früchte trugen. An drei großen Festen freuten sie sich vor Jahve. 
Wenn die Sichel in die Gerstenhalme ging, dann aß man die gerösteten 
Ähren oder die Fladen, die vom frischen Korn rasch, ohne Sauerteig, 
bereitet waren. Es folgen die Wochen der Ernte; das Ende, die 'ageret, 
wird mit den ersten Weizenbroten begangen. Im Herbst ist die vor- 
nehmste, froheste Feier, in den Laubhütten der Weinberge bei der Kelter. 
Noch im Deuteronomium treten die Ackerbaufeste scharf und deutlich 
hervor; sie sind zwar schon in bestimmte Monate gelegt, die Mazzot 
in den ersten, den späteren Nisan, die Sukkot in den siebenten, den 
Tischri, mit dem vor dem Eindringen der babylonischen Jahresrechnung 
das Jahr begann; das Wochenfest, die Schabuot, soll sieben Wochen 
nach dem ersten Gerstenschnitt fallen. Aber präzise Monatsdaten gibt 
es im Deuteronomium noch nicht, sie fehlen sogar noch in den alten 
Stücken von Leviticus 23. Da wird die erste Garbe vor Jahve ge- 
schwungen am Tage nach dem Sabbat, der in die Ungesäuerten fällt; 



Prolegomena 82 ff. Composition d. Hexateuch 72 fr. 159 ff. 



E, Schwarti, Osterbetrachtimgen, 



von dem Sabbat ab werden sieben Wochen gerählt, und am Tage nach 
dem letzten Sabbat ist das Schiulifest der Kornernte. Erst der Priester- 
kodex bringt die präzisen Datierungen, mit denen kleine Verschiebungen^ 
und Verlängerungen der Festzeiten zusammenhängen: die Mazzot sind 
nunmehr auf den 15. — 21. Nisan, Laubhütten auf den 15, — 22, Tischri 
fixiert. Den ,,Tag nach dem Sabbat'* [fütffn niHöD Lev. 2^, 11. 14. 16] 
beseitigte die traditionelle Interpretation, die schon in der LXX zu er- 
kennen ist: man versteht unter dem Sabbat den ersten Tag der Azyma, 
und der 16. Nisan wird zum Tag der Garbenschwinge, von dem aus 
die sieben Pfingstwochen, die TrevTfiKOcni, gerechnet werden. 

Unter den Ackerbaufesten nimmt sich das Pascha fremdartig am. 
Es ist ein Hirtenfest; die männliche Erstgeburt des Viehs wird dem 
Gott dargebracht; zugleich wars eine Pannychis, an den Vollmond ge- 
bunden. Das Pascha ist älter als die Eroberung Kanaans, und die 
jahvistische Erzählung hat Recht, wenn sie es bei den Israeliten voraus- 
setzt, die aus Aegypten zogen: weil Pharao sie nicht ziehen lassen will, 
um das Fest der Erstgeburt zu feiern, erwürgt Jahve die Erstgeburt 
Aegyptens. Als die kriegerischen Hirten von den besiegten Kanaamtern 
gelernt hatten, sich anzusiedeln und das Land zu bauen, geriet das 
Hirtenfest in Vergessenheit und hielt sich nur da, wo das Hirtenleben 
und die Erinnerung an die Wüste sich behauptete; erst die Restauration 
unter König Josias gmb es wieder aus. Es ist an die Mazzot angeschlossen 
— nicht erst durch Josias — ; im Deutcronomium wird das so geregelt, 
daß die Mazzot mit der Paschanacht beginnen und dann sechs Tage 
dauern. Da das Pascha ein Vollmondsfest war, wurde so eine Verbin- 
dung der Mazzot mit dem Monde hergestellt; es ist aber fraglich^ ob 
man in älterer Zeit es damit sehr genau genommen hat: da war der 
Beginn der Ernte wichtiger als der MondlauC Im Priesterkodex ist es 
umgekehrt i der setzt Mazzot und Laubhütten auf die Vollmondstage, 
den 15, Nisan und den 15. Tischri des lunisolaren Kalenders^ dessen 
Daten den Mondphasen wenigstens entsprechen wollen. Das Pascha 
wird in der Nacht vom 14. auf den 15. gefeiert j und dies nachexilische 
Gesetz ist das Fundament der christlichen Osterrechnung geworden* 

Das alte fröhliche Israel ist aus seinem Lande, das es bebaute und 
genoß mit seinem Gotte, von den Kriegsfiirsten Assurs und Babels 
herausgeholt wie die Vögel aus dem Nest; die Reste^ die zurückkehrten 
und sich um den zweiten Tempel ansiedelten, waren, ursprünglich wenig- 
stens, kein Volk niehr* sondern eine Gemeinde, Die Fäden zwischen 
dem Dienst Jahves und dem Leben auf dem Acker und im Weinberg 



£. Schwartz, Osterbetrachtungen. 



waren durchschnitten. Dem Priesterkodex sind die Feste nicht mehr 
die Höhepunkte des täglichen Daseins, an denen das Volk seiner Arbeit 
froh wird, sondern Gedenktage an die heilige Geschichte, in der Israel 
nichts ist als das Objekt des göttlichen Zorns und der göttlichen Gnade. 
Die geschichtsbildende Kraft die jedem Festritus innewohnt, hat auch 
in der vorexilischen Erzählungsliteratur ihre Wirkung getan; die Mazzot 
sind früh zu den Notbroten geworden, die das Volk beim Auszug buk, 
weil es in der Eile keinen Sauerteig mitnahm, und die Geschichte von 
der Tötung der aegyptischen Erstgeburt ist deutlich aus dem Pascha 
hervorgewachsen. Das setzt der Priesterkodex fort; freilich dichtet er 
keine Geschichten, sondern konstruiert pseudohistorische Theoreme. Er 
macht die Laubhütten des Kelterfestes zu Erinnerungszeichen an die 
Hütten, in denen das Volk in der Wüste wohnen mußte, und das Pascha 
ist nicht mehr vor dem Auszug schon da, wie in der alten, natürlichen 
Erzählung, sondern es ist bei dem Auszug selbst eingesetzt, damit das 
Volk Jahves gedenke, der es beim Morden der Erstgeburt verschont 
hat. Es fängt im Priesterkodex auch schon die Neigung an, die im 
talmudischen und rabbinischen Judentum so ungeheuerliche Dimensionen 
angenommen hat, daß die echte und lebendige Vergangenheit durch- 
strichen und alles in eine abstrakte Feme projiziert wird. Von dem 
wirklichen Leben der Königszeit weiß diese spintisierende Thora nichts 
mehr; ihr Interesse konzentriert sich auf den Auszug und die Gesetz- 
gebung in der Wüste; das versprochene Land, in dem das geschicht- 
liche Israel gekämpft, gesessen, gearbeitet, in dem es gelebt hatte, ver- 
liert seine Realität und wird zum Rahmen einer geschichtslosen Theo- 
kratie. 

Die Freiheitskämpfe der Hasmonaeer haben die Juden noch einmal 
zu einer Nation im politischen Sinne gemacht; der zweite Tempel wurde 
zum Mittelpunkt eines Reiches, das weiter sich ausdehnte als das Davids 
und Salomos. Durch die Überspannung des Nationalgefühls bekam die 
historische Auffassung der Feste eine ungeahnte Kraft, und vor allem 
das Pascha, das Fest des Auszugs [Phil, de sept. i8], wurde jetzt zum 
eigentlichen Nationalfest, an dem der Jude sich mit Stolz als Jude 
empfand. Rein politisch betrachtet, ist das Hasmonaeerreich nur einer 
der vielen kurzlebigen Raubstaaten, die sich in den Ruinen der Seleu- 
kidenmacht einnisteten, und die Emanzipation der Juden von der grie- 
chischen Herrschaft nur eine Episode in der allgemeinen orientalischen 
Reaktion, der die hellenistische Monarchie in heroischem Kampfe er- 
lag, nachdem Rom ihr tückisch die Sehnen durchschnitten hatte. Aber 



£. Schwarte, Osterbetrachüingen. 



das Judentum war damals mehr als ein nationaler Kleinstaat, das neue 
Reich Davids bildete den sichtbaren Mittelpunkt einer Gemeinde, die ihre 
Filialen in der ganzen Oikumene hatte und immer mehr anschwoll, nicht 
ntir durch Auswanderung, sondern auch durch Propaganda, In Scharen 
pilgerte diese Diaspora gerade zum Paschafest nach Jerusalem, zum 
lieÜigen Berge, nicht ohne der Priesterschaft und den Stadtbewohnern 
einen sehr realen Gewinn abzuwerfen^ und das dauerte fort, als Herodes 
und die römischen Kaiser dem hohenpriesterlichen Königtum ein Ende 
bereitet hatten: der äußere Druck steigerte den religiös -nationalen Fest- 
enthusiasmus 2um Fanatismus. Das Reich, das die Christen erwarteten, 
war freilich nicht von dieser Welt; Politik und Nationalkrieg war ihnen 
in noch höherem Maüe verhallt als den jüdischen „Frommen"; aber sie 
blieben doch Menschen und ihr nationales Empfinden haben sie nicht 
verleugnet' Sonst wäre die Klage über Jerusalem nicht ins EvangeHum 
gekommen, um von den wilden Zukunfts träumen der Apokalypse zu 
schweigen. So dachte die Urgemeinde nicht daran, sich vom Pascha 
ihrer Volksgenossen fern zu halten, und wenn der Apostel Paulus zu 
den Schabu'ot nach Jerusalem pilgert, so ist das ein vollgültiger Beweis 
dafür, daß die ältesten Christen das Pascha und die Mazzot nach dem 
Brauch der Väter feierten; es war jedem unbenommen, sich das christ- 
lich zurecht zu legen. ^ 

Die Katastrophe des Jahres 70 fegte mit dem nationalen Tempel 
auch die nationale Panegyris hinweg. Das Pascha wurde ausschließlich 
dasj was es in der Diaspora und bei allen, die nicht nach Jerusalem 
pilgerten, immer gewesen war, ein Fest des Hauses. ^ Damit mag schon 



> Dem Vedksser des Sterten ETangeliuTni hi Jesus der v^hre König der Juden, 
der Hirt» der sein Leben läßt fiir seine Schafe. Die Mietlinge, d. h* die Hohenpriester, 
fliehen, wenn die Wolfe komiucn [lo, 12]: in der prophetischen Sprache bedeutet der 
Einbruch der Bestien die fremde Invasion* and mit den Wölfen sind die Römer gemeifit. 
Freilich ist das Urteil über die letzten Hohenpriester hart und ungerecht» aber es »teht 
auf einer Linie mit dem HaD* mit dem der Evangelist die foubdioi darchweg bekämpft, 
d, h. die jüdischen leitenden Kreise im Gegensatz lum dxXoc, wie schon IL Grotius sah. 
Die Diebe und Rauber, auf welche das Volk nicht hörte [to, SJ, sind Herodes und seine 
Dynastie. Am 10. Kapitel ist mir aufgegangen, daÜ der Evangelist ein Voilbluijude war, 
kein Alexandriner und kein Hellenist; er Ist an der Metaphysik nuschuldig« die antike 
und moderne Kirchenvater ihm imputiert haben und tu imputieren fortfahren. 

3 1 Kor 5p 7 ^KKaÖdpaTe ti^v ica^aidv Eümhv, fva f\t£ vdov tpi^pafna, KuBd/c ^cre 
älUMc^t* Kai jap TÖ iidcxa ^^iiDv i^vBr) XplCT^ic üjcre ^oprd^ujjjiev ^n ^v lii\xXi tt^cii^ 
IJi.r\hl iy I6fjt] KttKiac xai Ttovriptac, dAX" ^v dEO^oic efXiKpiveiac Kai äXr(6£(ac. 

i Philo Vita Mos* a» 324 td biapaTi'ipia &r|^oqpavi^c ^opTi^ t6 XaXbaicxi XeTÖM€vov 
ndcxo, ^v ^ oöx ol M^v IbnDtai irpocdTouci x<^ ßuj^ili td Icpeia, Öueua b' ol Up€tc, 
dXXd v6^Q\} TTpocTd£ei ciLi^irav tA IGvoc i^pdrat, tdiv Katd ^ipoc iKdctou . ^ . . voM^^vroc 



£. Schwartz, Osterbetrachtungen. 



vor 70 den Christen die Gelegenheit geboten sein, das Fest unabhängig 
zu gestalten; jetzt wo sich Gemeinde und Synagoge überall und in 
steigendem Maße schieden, konnte der Prozeß weiter gehn und sich aus 
dem jüdischen ein christliches Fest herausbilden. Aber — und das ist 
nicht minder wichtig — man behielt das Fest bei, man schaffte es nicht 
ab, so wenig wie das AT. Wie die Christen dies richtiger zu verstehen 
glaubten, so erhoben sie auch den Anspruch, das echte Pascha zu feiern 
an Stelle dessen, an dem die irrenden „Brüder aus dem Volk*' festhielten. 
Darin liegt, daß man in dem Pascha nicht ein neues Fest, sondern das 
alte erblickte, und es war nur konsequent, wenn die Spuren seines rein 
jüdischen Ursprungs keineswegs verwischt wurden. Sie sind in der Be- 
Stimmung der Osterzeit* und in den Osterriten deutlich zu erkennen. 

Welchen lunisolaren Kalender die nachexilischen Juden gebrauchten, 
wissen wir nicht. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie nach der defini- 
tiven Befreiung von der Seleukidenherrschaft den Kalender der Stadt 
Tyrus annahmen, die, wie ihre vom Jahre 126 v. Chr. ab laufende Frei- 
heitsära zeigt, sich zur gleichen Zeit selbständig machte. Gut würde 
dazu passen, daß die Tempelsteuer in tyrischem Geld gezahlt werden 
mußte.' Handel und Verkehr geboten dem betriebsamen Volk, eine 
feste und anerkannte Zeitrechnung zu gebrauchen, in der sich Kontrakte 
aufsetzen ließen; es ist eine phantastische, des Talmuds würdige Scho- 
lastik zu meinen, daß die Juden mit empirischer Beobachtung der Neumonde 
hätten auskommen können wie Bauern und Beduinen. Die aramaeischen 
Monatsnamen waren leicht beizubehalten; man setzte sie den makedo- 
nischen gleich. Sicher ist, daß nach der Einführung des julianischen 
Sonnenjahres der tyrische Kalender in seiner julianischen Umgestaltung 
in Palaestina gebraucht wurde; nach ihm datiert Josephus, und man wird 
schwerlich fehlgehen, wenn man diesen Kulturfortschritt Herodes zu- 
gute schreibt Die orientalischen Modifikationen des julianischen Kalen- 
ders sind sehr zahlreich und mannigfaltig. Man scheint überall so ver- 
fahren zu sein, wie man es in der Provinz Asien und in Aegypten sicher 



Upuicdvr) TCTi^f^cOai. de sept. 18 iKdcrr\ bi oCK(a Kai" ^K€tvov töv xp<^vov cxf^ 
UpoO Kai c€fivdTT]Ta irepiß^ßXiiTai, toO ccpaTiacG^vroc i€p€{ou irpdc rf\y dp^örroucav 
cöiüxCav cöTpcmlofidvou Kai növ itiX rd cuccfna cuveiXerfi^vujv &TV€UTi<otc irepippav- 
THptoic KCKaGapfi^vuDv. 

1 Was ich im folgenden über die jüdische und christliche Pascharechnung mit- 
teile, sind in Kürze die Resultate meines Buches über „Christliche und jüdische Oster- 
tafeln", das in den Abhdlg. d. Gott. Ges. d. Wiss. Bd. 8 nr. 6 erschienen ist. Dort wird 
man die Dokumente und Beweise für meine Aufstellungen finden. 

2 Mitteilung meines Kollegen Willrich. 



E. Schwarta» OsterbetrachtimgeD, 



machte, daß man den Zustand^ in dem ein epichorischer Kalender sich 
gerade befand, dadurch perpetuierte, daß die julianische Schaltung ein- 
geführt ond bei der Einteilung des Sonnenjahres in Monate jede Rück- 
sicht auf den Mond abgeschafft wurde. Da die Mondschaltung kom- 
pliziert zu handhaben ist und leicht in Unordnung gerät, waren die 
Daten des alten lunisolaren Kalenders der Makedonen, der mit ihnen 
zugleich den Orient erobert hatte, in den verschiedenen Städten und 
Ländern an den verschiedensten Punkten des Sonnenjahres angelangt; 
diese Mannigfaltigkeit wurde nicht beseitigt, sondern festgelegt. Im 
tyrischen Kalender war das alte Neujahr, der Neumond nach der Herbst- 
nachtgleiche, nach makedonischer Bezeichnung der 1, DioSp im Lauf 
der Zeiten bis zum 18. November hinabgerutscht: den setzte der neue 
julianische Kalender dem 1. Dios gleich und dabei blieb es. Einfacher 
ordnete man die Gleichungen in Antiochien; da wurde der i. Dios zum 
1, November und man zählte so weiter, indem jeder makedonische 
Monat genau gleich einem römischen gesetzt wurde. 

Die Juden haben sich der neuen Ordnung ruhig gefügt, weil sie 
den praktischen Vorteil des festen Sonnenjahres sofort begriffen j von 
einer Opposition ist auch nicht die leiseste Spur zu bemerken. Es fiel 
ihnen nicht ein» einen heiligen Kalender neben dem bürgerlichen fort- 
zufuhren, aus dem einfachen Grunde, weil sie keinen hatten. Allerdings 
waren Pascha, Mazzot und Laubhütten Mondfeste oder zu Mondfesten 
geworden, sie blieben es auch; aber darum brauchte man keinen eigenen 
Kalender zu konstruieren, sondern die Priesterschaft von Jerusalem half 
sich viel einfachen' Man nahm als Vollmonde des ersten und siebenten 
Monats immer diejenigen, welche in einen bestimmten Monat des tyrisch- 
juUanischen Kalenders hineinfielen; es war auch gar nicht nötig, dafür 
jedes Jahr besondere Beobachtungen anzustellen. Das Mondjahr ist 
etwa II Tage kürzer als das Sonnenjahr; die Monddaten laufen daher 
zurück. Ist z. B. in einem Jahr am 30, Min Vollmond^ so ist ers das 
nächste am 19., das dritte am 8* Im vierten würde er aus dem März 
hinausgehen und etwa auf den 25. Febniar fallen; schaltet man 30 Tage 
ein und nimmt den nächsten Vollmond um den 27. März herum, so ist 
man wieder im März und das Spiel kann von neuem anfangen. Für 
längere Zeiträume reicht dies Subtrahieren von 11 und Addieren von 



t Das Prinzip dicket Ordnung, das nicht erraten werden konnte, siebt fest durch 
«Ine Urkunde, m der die Daten der Paschafeite, welche die antlocheni sehen Juden 
32S — 343 n. Chr. gefeiert haben, authentisch überliefert sind. Ich habe in meinem 
Bneh da$ Dokument veroffenüicht und die Schlüsse daraus ge otogen. 



8 £. Schwartz, Osterbetrachtungen. 

19 Tagen nicht aus; dann muß die unmittelbare Beobachtung nachhelfen. 
Das wird auch wohl geschehen sein, hatte auch keine Unzuträglichkeiten 
zur Folge; denn der eigentliche Kalender wurde davon nicht berührt und 
gab den sicheren Rahmen fiir die wandelbaren Mondfeste ab. 

Die Monate des tyrisch-julianischen Kalenders, die man in Palaestina 
zum Nisan und Tischri machte, sind der Xandikos und der Hyperbere- 
taeos; die Vollmonde des Pascha und der Laubhütten bewegten sich 
in der Epoche von Herodes bis zur Zerstörung des Tempels hin und 
her zwischen dem 18. April bis 18. Mai, der Dauer des Xandikos, und 
dem 19. Oktober bis 17. November, der Dauer des Hyperberetaeos. 
Für unsere traditionellen Osterbegriffe fallt das Pascha zu spät, für die 
realen Verhältnisse nicht. In der Praxis war der Zusammenhang der 
Feste mit dem Ackerbau noch nicht gänzlich gelöst; an den Mazzot 
mußte die Gerstenemte beginnen können, die Weinlese zu Laubhütten 
fertig sein. Und fiir die Pilgerfahrten war es nur günstig, wenn das 
Pascha in die gute Jahreszeit fiel und die Schiffahrt schon Wochen vor- 
her offen war; legte man es in den März, so wurde für die entferntere 
Diaspora das Reisen nach Jerusalem unmöglich. Andererseits war die 
Zeit des jerusalemischen Pascha im allgemeinen bekannt; wer wall- 
fahrten wollte, konnte sich darauf einrichten, zum Vollmond des tyrischen 
Xandikos in Jerusalem einzutreffen. 

Wenn die Juden Palaestinas sich mit dem Kalender einer benach- 
barten großen Handelsstadt zufrieden gaben, so fiigten sich die Juden- 
schaften in der Diaspora erst recht der bürgerlichen Zeitrechnung der 
Städte und Provinzen, in denen sie lebten. Die Feste wurden auch in 
der Zerstreuung gefeiert; man half sich mit der Bestimmung der Voll- 
monde ebenso wie in Jerusalem, ohne Wert darauf zu legen, daß die 
Festfeier überall auf die gleichen Tage wie in Palaestina gesetzt wurde. 
Im einzelnen versagt die Überlieferung; bekannt ist nur, daß in Aegypten 
zur Zeit des Josephus der Pharmuthi [27. März bis 25. April] die gleiche 
Rolle spielte wie in Palaestina der tyrische Xandikos. Die Zerstörung 
des Tempels hat an dem Prinzip, den Vollmond auf julianische Monate 
festzulegen, nichts geändert, und die Mannigfaltigkeit der julianischen 
Kalender im Orient brachte es jetzt, wo das Zentrum des Kultus fehlte, 
erst recht mit sich, daß die Paschadaten stark voneinander abwichen. 
In der Provinz Asien galt ebenfalls der Xandikos für den Nisan, an 
dessen Vollmond das Pascha begangen wurde und die Azyma anfingen; 
aber hier bedeutete der Xandikos etwas ganz anderes, er entsprach 
dem 21. Februar bis 23. März des lateinischen Kalenders. Der große 



E. Schwartz, Osterb etrachtungeiL 



Sabbat, an dem Folykarp verbrannt wurde, war wirklicb, wie der Name 
sagt, der Sabbat vor dem Pascha; und durch Kombination des über* 
lieferten Wochentags und des Monatsdatums mit dem Vollmond läßt sich 
ausrechnen, daß das viel umstrittene Datum die ß JIcpacT)^ Eoiv^iKOÖ = 
22. Februar 156 gewesen sein muß.' Durch eine Urkunde des orien- 
talischen Konzils von Sardica, welche durch die Sammlung des Theo* 
dosius Diaconus [Cod. Veron. 60] erhalten ist, steht fest, daß die antio- 
chenischen Juden den Paschavollmond in den Dystros setzten, der genau 
dem römischen März entspricht; die Paschadaten der Jahre 328—343 
sind erhalten, es sind: März-Dystros ir.; 30, 19. 8.; zj, 16. 5,; 24* 
13. 2.; 21. 10.; 29, 18, 7.; 26. Es muß auffallen, daß sowohl in Asien 
als in Antiochien die Paschadaten so viel früher sind als die alten 
palaestinischen; auf diese Daten paßt der Vorwurf, den die christlichen 
Alexandriner gegen die Juden ihrer Zeit erhoben, daß sie das Pascha 
statt im ersten, oft im letzten Monat des Jahres, d, h, vor dem Aequinoc- 
tium feierten. In Alexandrien selbst muß die jüdische Paschafeier in 
den Jahrhunderten nach der Zerstörung des Tempels früher geschoben 
seinj im Anfang des 4 Jahrhunderts entspricht dem Nisan nicht mehr, 
wie zu Zeiten des Joscphus, der Pharmutlii [27, März bis 25. Aprit], 
sondern der Phamenoth [25./26. Febn bis 26, März], und nur wenn der 
Schaltmonat eingelegt wurde^ rückte ein Paschavollmond in den Phar- 
muthi [Chron. pasch* p, 7, 3 ff,]* Die jüdische Theorie behauptete schon 
2U Philos Zeit, daß der Paschamonat von Moses der „erste" wegen des 
Frühlings aequinocti ums genannt sei. Damit ist noch lange nicht gesagt 
daß jeder PaschavoUmond nach dem Aequinoctium fallen müsse, aber 
es bricht allerdings die Anschauung durch, daß Pascha und Mazzot nicht 
zu weit vom astronomischen Frühlingsanfang abrücken dürfen, und diese 
Anschauung stieß, nachdem die Panegyris in Jerusalem aufgehört hatte, 
auf keine praktischen Hindernisse mehr. Tatsächlich sind die Zeit- 
räume, in denen die Paschavollmonde nach den Observanzen der klein* 



I Die EiosfuhrHche Berectmtm^ habe ich in den „Chti^tliclien qiid jüdischen Oster^ 
tafeln" gegeben. C H, Turner hatte das Richtige gesehco; lein Notbehelf, mit dem 
Pur im fest statt mit dem F&scha xu operiereTi, fällt weg, nachdem die jüdiiche Manier, das 
Pascha tu bestimmen, bekannt geworden ist. Es war ein neckischer Zufallg dsL& der 
Todestag Polykerps gerade auf den juHanischen Schatttag deis asiatischen Kalenders fiel. 
Damit M^iirde es Qnmoglicb, das genaue Daliim als Gedetilttag fest^ubaltea, und an Stelle 
der ß Zeßacrfi HavtiKoO trat die ß EavbiicoO, fHc im Gern ein jähr dem 33. Febniaf cnt- 
spricht. Das ist die Datierung, die schon früh dem Schreiben der Sniymaeer hintu* 
gefugt ist, und die wir nicht würden berichtigen können» wenn nicht der „groDe Sabbat*' 
in der Nähe eines Vollmondes liegen müC^te. Das trifft nur für das Jahr 156 zu, und 
da ist der 22,, nicht der 23. Februar ein Samstag* 



lO £. Schwartz, Osterbetrachtungen. 

asiatischen, antiochenischen, aegyptischen Juden hin und herlaufen, alle 
so gelegt, daß sie das julianische Datum des Eintritts der Sonne in den 
Widder, den i8. März, umfassen. 

Die jüdische 2^itrechnung des ersten nachchristlichen Jahrhunderts 
stimmt wenig mit dem Bilde überein, das man sich von der Entwicklung 
macht, welche das Judentum nach der 2^rstörung des Tempels und dem 
Vernichtungskrieg unter Trajan und Hadrian nahm. Man antizipiert 
gewöhnlich den Talmud und meint, die strenge Abschließung der S3ma- 
goge, der Verzicht auf die Propaganda, das geistige Ghetto sei die un- 
mittelbare Folge jener Katastrophe gewesen. In Wahrheit dauerte dieser 
Prozeß Jahrhunderte, und wird in Gang gebracht erst durch die Staats- 
kirche des konstantinischen Kaisertums. Und auch in späterer Zeit be- 
wahrt sich das Judentum da wo kein äußerer Druck es hemmt, noch 
recht viel von seiner alten expansiven Kraft. Zur Zeit Muhammeds 
existieren in Arabien große und mächtige Gemeinwesen jüdischer Reli- 
gion, die nur durch Propaganda, dadurch daß einheimische Araber das 
Judentum annahmen, entstanden sein können. Das sollte davor warnen, 
den Juden der späteren Kaiserzeit jede Mission abzusprechen; sie haben 
vor Konstantin der Kirche wirklich Konkurrenz gemacht, und die Chris- 
ten mußten sich nicht nur theoretisch mit ihnen auseinandersetzen. Was 
im Martyrium des Pionius [f 250] von seinen Disputationen mit den 
Juden erzählt wird, macht durchaus den Eindruck der Aktualität, nicht 
abstrakter Polemik, und es will doch etwas sagen, wenn die smymaeischen 
Juden zur Zeit der decianischen Verfolgung die abgefallenen Christen 
auffordern, in ihre Gemeinschaften einzutreten [Mart. Pionii 13]: da 
brauchten sie den Götzen nicht zu dienen und seien doch ihres Lebens 
sicher. Das sind einzelne Züge, aber sie sprechen Bände. So kennen 
auch in jenen Zeiten die Juden keinen heiligen Kalender, dessen kom- 
plizierte und verzwickte Festordnung nur von den Rabbinen gehandhabt 
werden kann: sie fügen sich einfach der bürgerlichen Ordnung und gleichen 
mit ihr das Gesetz aus so gut es eben geht, sind nicht einmal darum 
bekümmert, ihre Feste im ganzen Reich an einem Tag zu feiern und 
dadurch ihre Einheit und Geschlossenheit zu dokumentieren. Der spätere 
jüdische Kalender, dies monströse Kunstwerk rabbinischen Scharfsinnes, 
ist allerdings ein mächtiges Werkzeug in der Hand der Rabbiner ge- 
wesen, um die Judenschaft abzusondern und zusammenzuhalten; aber er 
ist nicht vor 500 entstanden. 

Eine eigene christliche Osterberechnung hat es in alter Zeit nicht 
gegeben, man richtete sich nach dem Pascha der Synagoge, ein schla- 



E, Scbwarti, Osterbetrachtungen. 



II 



gender Beweis für die These, daß das christliche Pascha nur eine Um- 
formung des jüdischen und nichts anderes ist In der kleinasiatischen 
Kirche feierten die Christen noch das ganze zweite Jahrhundert hindurch ' 
ihr Pascha am selben Tage wie die Juden, am Abend des 14* Nisan. 
Man ist heutzutage wohl darüber einig, daß diese quartodezimanische 
Observanz keine ketzerische Auflehnung war, sondern nichts anderes 
als das Festhalten an der uralten, im Wesen der Sache begründeten 
Sitte: mit der Differenz der evangelischen Berichte über den Todestag 
Jesu hat sie nicht das mindeste zu schaffen. Die Gegner der Quarto- 
dezimaner, die um 200 die Majorität hatten, stritten nicht für eine be- 
sondere Osterberechnung, sondern nur dafür, dafl die Ostervigilie immer 
auf die Nacht vom Samstag auf den Sonntag, der Osterfesttag stets 
auf einen Sonntag fallen müsse. Das Datum dieses Sonntags bestimm- 
ten auch sie nach den Juden; es war derjenige^ der auf die jüdische 
Paschafeier folgte. Das nannte man später, in der Zeit, in der man 
Osterzyklen hatte, das Pascha mit den Juden (oder das erste Pascha) 
feiern; Duchesne hat in einer seiner glänzendsten Arbeiten [Rev. des 
quesL histon 28, SE] nachgewiesen, dall die Quartodezimaner darunter 
nicht verstanden werden dürfen. Diese Observanz, den Ostersonntag 
nach dem Judenpascha anzusetzen, wird im 3. Jahrhundert in Rom und 
Alexandrien durch die Versuche, den Ostervollmond selbständig zu be- 
rechnen, verdrängt, und ist, weil diese beiden Zentren im Vordergrunde 
des historischen Interesses und der historischen Überlieferung stehen, 
aus der Kirchengeschichte hinausgeschoben; tatsächlich war sie erst neben 
dem quartodezimanischen Usus, dann allein das Alte und wirklich Über- 
lieferte, das sich vielerorts noch bis tief ins 4, Jahrhundert hinein erhielt. 
Pionius in Smyma tritt um 250 für sie genau so energisch ein, wie einst 
Polykarp für das xripeTv, für die Feier am 14. Nisan; ihm ist der Oster- 
sonntag nach dem Judenpascha eine Institution des Apostels Paulus, 
der die Gemeinde von Smyrna gestiftet hat^ Die Didaskalia, eine 
Sammlung kirchlicher Ordnungen und Paraenesen sehr verschiedener Ver- 
fasser, die ihrer Hauptmasse nach älter als der novatiantsche Streit und 
die Verfolgung des Decius sein muß, schreibt ausdrücklich vor, daß 
man sich in der Bestimmung des Ostersonntags nach den Brüdern aus 



' C^TfiSCO [in dieser Zeitschr. 5» aggCl Iiat mit Recht betont, daü diese aus Smyrna 
selbst stammende Überliefening in scbnurgradem Gegensatz £u der s. g. Tradition 
ton dem Aufenthalt des Apostels Johannes in Asien steht* Den Leuten, die nicht sinf- 
hören^ mit dieser „Tradition" zu operieren, können die Tatsachen der Ü herlief ening 
nicht oft genug tu Gemüte geführt werden. 



12 £. Schwartz, Osterbetrachtungen. 

dem Volke richten solle. Am Anfang des 4, oder Ende des 3. Jahr- 
hunderts sah sich der alexandrinische Bischof Petrus genötigt, gegen 
Kleriker zu polemisieren, welche die alte Observanz als apostolisch ver- 
teidigten und rundweg erklärten, daß es ihnen einerlei sei, ob die Juden 
ihr Pascha gesetzlich und astronomisch richtig ansetzten oder nicht. 
Am längsten und zähesten hielt sich diese Observanz in Antiochien und 
den von Antiochien abhängigen Kirchen; da bestand sie noch zur Zeit 
des nicänischen Konzils. Die konstantinische Staatskirche räumte mit 
den jüdischen Resten auf. Die „Einheit der Kirche'' ist das Programm 
der Kirchenpolitik Konstantins; die siegreiche Episkopalkirche, die dem 
Kaiser helfen sollte, die Welt zu regieren, durfte nicht mehr von der 
Synagoge abhängig sein und ihr vornehmstes Fest dann feiern, wenn 
die Juden die ungesäuerten Brote aßen. Schon der Beschluß der Synode 
von Arles [314], Ostern überall an einem Tage zu feiern, kommt faktisch 
auf ein Verbot der alten Observanz hinaus, und als Konstantin den 
Osten erobert hatte, ließ er durch das nicaenische Konzil die Feier „mit 
den Juden" formell verbieten. Daß er auf Widerstand stieß, verrät der 
erste Kanon des Konzils von Antiochien, der das Verbot energisch 
einschärfte. Und noch 387 hielt Johannes Chrysostomus es für nötig 
gegen diejenigen zu predigen, welche die Quadragesima nach dem 
Judenpascha berechneten. An der Peripherie, in den Sekten, denen die 
Großkirche nicht konservativ genug war, hielt sich der alte Gebrauch; 
so bei den Audianem* und den Novatianem in Phrygien.* 

Wenn etwas, so beweist diese Observanz, daß die Christen selbst 
in ihrem Pascha ein ursprünglich jüdisches Fest erblickten. Es ändert 
nichts, wenn schon früh und außerhalb Roms und Alexandriens 
sich Bestrebungen geltend machen, von den Juden und der unbequemen 
Mondrechnung loszukommen. Am interessantesten ist der Osteransatz 



X Sie beriefen sich dafür auf die Didaskalia, die sie in einer eigentümlichen Rezen- 
sion benutzten; ihrer konservativen Art entspricht es durchaus, wenn sie von der alten 
Kirchenordnung nicht lassen wollten. Vgl Epiphan. 70. 

» Ps. Chrys. t. 8 p. 276b; die Predigt ist Ostern 387 gehalten. Sozomenos [7, 186] 
bezeugt ausdrücklich, daß die Observanz bei den Novatianem althergebracht war, und 
Sokrates irrt sich, wenn er meint [4, 28 »öf,], die Synode von Pazos habe sie erst eingeführt 
Die Sache war vielmehr so. Die „jüdische" Observanz war in der novatianischen Kirche 
des Orients nicht die alleinherrschende geblieben, sondern einzelne Gemeinden, vor 
allem die Konstantinopler, hatten den Usus der Grol^kirche angenommen. Da machte 
die Synode von Pazos den Versuch, den Brauch der Väter f&r obligatorisch zu erklären, 
drang aber nicht durch; eine zweite Synode stellte den Status quo wieder her und er- 
klärte die Differenz für erträglich, um die Einheit der novatianischen Kirche nicht zu ge- 
fährden [Sokr. 5, 21]. 



E< Schwanz, OsterbetrachtungetL 



^5 



der Montanisten. * Sie verstanden unter dem jüdischen Nisan den sieben- 
ten Monat des Jahres, nicht mit Unrecht, da schon das AT die Mo- 
nate bald vom Nisan ab zählt, bald das Neujahr in den Herbst setzt ^ 
Den siebenten Monat setzten sie nun gleich dem siebenten Monat des 
asiatischen Jahres» der mit dem 24, März beginnt, und legten Ostern 
auf den Sonntag, der dem 14. dieses Monats ^ 6, April folgte. Darin 
spricht sich deutlich der Glaube aus, daß das Ostern der Christen gleich 
dem Pascha des AT sei; weder der 7. Monat noch das Datum desj 
14. lassen sich anders erklären. In Kappadokien soll es Usus gewesen 
sein [Epiphan. 50, i], den 25. März, das Aequinoctium des julianischen 
Kalenders zum Osterdatum zu machen- Wenn das damit gerechtfertigt 
wurde, daß der 25. März das Passionsdatum sei, so ist dies nur ein 
sekundäres Argument, ebenso wie sich die alexandrinischen Protopa- 
schiten und die phrygischen Novatianer darauf beriefen, daß auch Jesus 
das Pascha mit den Juden gefeiert hätte. Das sind Gründe, mit denen 
man die Observanzen nachträglich verteidigte, aber keine historischen 
Erklärungen des Ursprungs, auf die es bei der Polemik gar nicht ankam. 
Wer das Aequinoctium zum Osterdatum machte, adoptierte die jüdische 
Theorie, nach welcher Moses den Ostermonat wegen der Frülilingsnacht- 
gleiche den ersten genannt hatte: sagte man sich zugleich von der 
Mondrechnung los, so war es das einfachste, Ostern direkt an das Aequi- 
noctium anzuknüpfen. 

Leider ist es weder den Montanisten noch den Kappadokiern gelungen, 
das lunisolare Jahr von der Kirche fernzuhalten; die alexandrinischen 
und röffiischen Zyklen haben in die kirchliche Festordnung die Mond- 
rechnung wieder hineingebracht, von welcher die von Caesar anerkannte 
hellenische Wissenschaft das bürgerliche Leben befreit hatte. Es ist 
kein Zufall, daß das Bestreben, den Mond selbständig zu berechnen und 
die Kirche von der Vormundschaft der Synagoge zu befreien, ohne daß 
die Vorschriften des AT verletzt zu werden schienen, sich in den 
beiden großen Zentren der Christenheit zuerst durchgesetzt und von da 
aus sich über die Provinzen verbreitet hat* Hier war das Selbstbewußt- 
sein der christlichen Organisation am meisten erstarkt und hier war 
man zugleich am wenigsten geneigt zu revolutionären Neuerungen, die 
dem Verdacht ausgesetzt waren, schriftwidrig zu sein. Man konnte die 
Juden der Gegenwart schelten, daß sie das Pascha nicht mehr berech- 



t Ps, Chrys. t, S p. 2760, Sos, 7, 181a ff. Pionius polemisiert m der ViU Poly- 
karps dftgegen^ Tgl. De FiomD et Foljcarpo, G5tt. Progr, 1905 p. 35« 



14 £. Schwartz, Osterbetrachtungen. 

nen könnten; in den „Hebraeern" des AT mußte man die legitimen 
Stifter und Vorgänger der eigenen Ordnungen erblicken. Die Römer 
so gut wie die Alexandriner fundieren die Osterrechnung immer auf das 
AT und gehen regelmäßig auf das Pascha der Exodus zurück; Hippo- 
lyts Ostertafel verzeichnet alle überlieferten Paschafeste der alttestament- 
lichen Geschichte, stellt sie also auf gleiche Linie mit dem christlichen 
Osterfest. Die Rechnung wird nicht auf die Passionsgeschichte basiert, 
sondern umgekehrt, die Passionsgeschichte wird der fertigen Osterrech- 
nung adaptiert 

Die Ostertafel des römischen Hippolyt vom Jahre 222 ist die älteste 
die sich erhalten hat. Hippolyt schreibt griechisch, importiert durchaus 
griechische Weisheit und ist kein Mann von eigenen Gedanken; da 
femer die achtjährige Schaltperiode, nach der er den Zyklus konstruiert, 
auch von Dionys von Alexandrien empfohlen wird [Eus. KG 7, 20], so 
ist es sehr wahrscheinlich, daß Hippolyt von Alexandrien aus angeregt 
ist. Den Anlaß gab wahrscheinlich der Versuch des Blastus, in Rom 
die quartodecimanische Observanz einzuführen;^ außerdem darf man nicht 
vergessen, daß Hippolyt Bischof einer Sondergemeinde war. Für die 
legitime römische Kirche beweist seine Ostertafel nichts; sie kann am 

» [Tertullian.] adu. hacr. 8 est praeterea kis omnibus etiam Blastus accedens^ qui latenter 
luäaismum uult introducere, pascha enim dicit non aliier custodiendum esse nisi secundum Ugem 
Moysi XIIIL mensis. Der Vergleich mit Hippolyt. refut. 8, i8 lehrt, daß Ps. Tertullian 
Hippolyts großes Buch gegen die Ketzer exzerpiert hat, ebenso wie Epiphanius haer. 
50, I, den Filastrius 58 schlecht übersetzt; er lehrt zugleich, daß Hippolyts Tessares- 
kaidekatiten nicht die kleinasiatischen Quartodecimaner sind. Hippolyt kämpft nicht, 
wie vor ihm der Bischof Victor, gegen eine Provinzialkirche, die sich auf ihre apostolische 
Tradition beruft, sondern gegen einen einzelnen, der mit Bibelzitaten operiert und ein 
Argument gebraucht, das regelmäßig auch von denen ins Feld geführt wird, welche den 
Ostersonntag nach dem jüdischen Pascha bestimmen. Blastus sagte [Chron. pasch, 
p. 13, 2 aus Hippolyts Syntogma] ^iro(iiC€ TÖ irdcxa 6 XpiCTÖc töt€ % [i^ Hs.] ^ipq, 
xal EiraOev* biö K&fxd bct 8v rpöirov 6 xOptoc ^iroincev, oOtui irotciv. Ebenso argu- 
mentierte der alexandrinische Gegner des Petrus von Alexandrien [Chron. pasch, p. 7, 6] 
irpÖKCirai t^P ^M^v oöb^v ?T€pov f\ -rfiv dvdnvr]civ toO ird9ouc aöToO iroicicöai Kai 
Kaxd toOtov töv xatpöv djc ol dir* dpxf^c aÖTÖirrai irapabcbibKaci, uplv AtuvirrCouc 
iriCTcOcai und die phrygischen Novatianer [Sokrat 5, 22 73]: noch bei Chrysostomus 
[t. I p. 610 d] klingt der Gedanke nach. Daß Blastus in Rom ein Schisma hervorzu- 
rufen versuchte, bezeugt Euseb [KG 5, 15. 20«]. Dagegen hat sich die Polemik, in wel- 
cher Apollinaris von Hierapolis und Qemens von Alexandrien für das vierte Evangelium 
[Chron. pasch. 13, 16 ff.] eintreten, Melito von Sardes aber, den Clemens bekämpfte [Eos. 
KG 4, 264], die synoptische Oberlieferung verteidigte, nicht um die Berechnung oder 
den Ritus, sondern um die Typologie des christlichen Pascha gedreht Das Bruchstück 
aus Melitos Schrift bei Euseb. a. a. O. ist tmverkennbar die Einleitung eines Dialogs, 
der sich an eine Osterfeier anknüpfte; eine historische Nachricht über einen Paschastreit 
steckt nicht darin. 



£. Schwartz, Osterbetrachtungen. 



vs 



Anfang des 3. Jahrhunderts noch ganx wohl sich in der Bestimmung 
des Ostersonntags nach den Juden gerichtet haben. 

Die Oktaeteris war viel zu unvollkommen, um sich lange behaupten 
zu können. In Alexandrien stellte Anatolius zwischen 258 und 2yy einen 
neunzehnjährigen Zyklus auf^ aus dem mit geringen Modifikationen, wahr- 
scheinlich 320, der kanonisch gewordene alexandrinische Zyklus abge- 
leitet istj die Römer benutzten den 84 jährigen Zyklus, der zuerst im 
Jahr 243 sich nachweisen läßt. Die Machtkämpfe, welche die alexan- 
drinischen und römischen Päpste im 4. und 5, Jahrhundert über die 
Osteransage miteinander geführt haben, gehören nicht hierher, und 
ebensowenig kann ich hier die Konstruktion der beiden Zyklen aus- 
einandersetzen; nur die Frage der Ostergrenze muß ich mit ein paar 
Worten streifen. Die römische wie die alexandrinische Kirche hat die 
jüdische Theorie akzeptiert, welche den Paschamonat mit der Frühlings- 
nachtgleiche zusammenbrachte, weil Moses ihn den ersten genannt hatte,* 
Aber die beiden Kirchen übersetzen die Theorie nicht auf gleiche 
Weise in die Praxis. Der römische 84 jährige Zyklus legt in seiner ur- 
sprünglichen, durch Kompromisse noch unverfälschten Gestalt den frühe- 
sten Ostervollmond — den man nicht mit dem Ostersonntag verwechseln 
darf — auf den 15. März, den spätesten auf den 13, April, Auf diese 
Weise wird das julianische Aequinoctium, der 25, März, derart in die 
Mitte des Paschamonats gelegt, daß von den beiden Differenzen der 
Mondrechnung mit dem Sonnenjahrj die immer wieder vorkommen, die 
eine, 11 Tage, dem Aequinocttum vorangeht, die anderCj 19 Tage, ihm 
folgt,* Es ist sehr möglich, daß diese Zahlenspielerei von den römischen 
Juden des 3, Jahrhunderts übernommen ist Anatolius hat zuerst den 
Grundsatz aufgestellt,^ der mit dem alexandrinischen Zyklus gesiegt hat, 



* EEod. 13, 2. Die wahre Exklämtig ist die, dftß der Pnesterkode^ die Yerschie- 
bimg des alten jüdkchcn Neujahrs im Herbst auf das babylonische Neujahr im FrahUng 
rechtfertigen und als mosaische Institution legitimieren will [WellhaiiseUr Prolegg. 107], 
Er ist nicht durchgedrungen; dazu mag beigetragen habend d^Ü der meikedonische 
Kalender ebenso "svie der altjudische im Herbst anfängt. Die Zählung der Mona^Ce vom 
Frühjahr ab wird daher wieder aufgegeben und die babylQmsch'araniaebchcn treten an 
die SteUe, 

3 Die Rechnung steht hei dem Computisteti von ^3 [Fs. C^pr^ de pascha comp. 4]; 
dfcU sie auf den S4 jährigen Zyklus be£ogen werden mul^, habe ich in meinen 0«ter- 
tafcln bewiesen. 

J Er behauptet zwar, d&C^ es schon die Juden vor der Zerstörung des Tempels 
getan hätten [En$' KG 7« 32^^], aber das ist nicht wahr Philo und Josephus reden nur 
davoQp daß der 15. Hisan in die Zeit des Aequinoctiuins falle, das heißt nicht, daß er ihm 
notwendig und unter allen Umständen nachfolgen müsse. 



l6 £. Schwartz, Osterbe trachtungen. 

daß auch der früheste OstervoUmond später fallen muß, als der Eintritt 
der Sonne in das Zeichen des Widders; er nahm als Ostergrenze den 
26. Phamenoth [22. März], der kanonische Zyklus schob sie auf den 
25. [21. März] zurück. Weil aus politischen Gründen die alexandrinischen 
und römischen Päpste in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts sich über 
die Osteransetzung zu vereinigen pflegten, haben die Römer zugunsten 
der alexandrinischen Rechnung oft auf ihre frühen Daten verzichtet und 
darüber das Verständnis ihres Zyklus eingebüßt; ihre Rechnung ist 
schließlich so in Unordnung gekommen, daß sie nicht mehr aus noch 
ein wußten. Aber erst im 5. Jahrhundert taucht die falsche Behauptung 
auf, daß die römische Ostergrenze der 21. März sei. Eine Ironie der 
Geschichte ist es, daß die Juden, denen die Alexandriner und nach dem 
definitiven Sieg des alexandrinischen Zyklus die Christen überhaupt fort 
und fort vorhielten, daß sie ihr Pascha falsch berechneten, die christ- 
liche Theorie annahmen, als sie ihren neuen Kalender um 500 konstru- 
ierten; sie setzten ebenfalls den frühesten 15. Nisan so an, daß er mit 
dem Datum des Eintritts der Sonne in den Widder zusammenfiel. Frei- 
lich bestimmten sie diesen Zeitpunkt genauer, als es einst Anatolius ge- 
tan hatte, aber das ändert an der Tatsache nichts, daß die Rabbinen 
dem Grundsatz derselben Christen sich anbequemten, mit deren Oster- 
berechnung der neue Kalender konkurrieren sollte. 

Zur alt christlichen Osterfeier gehören drei Dinge: das Fasten vor 
Ostern,' die Vigilie in der Ostemacht und das Brechen des Fastens 
[technisch dTTOvncTi&ceai] am Schluß der Vigilie. Wann das Osterfasten 
anfangen, wie streng es gehalten werden sollte, darüber bestanden die 
verschiedensten Ordnungen, wie u. a. Irenäus an einer berühmten und 
viel zitierten Stelle bezeugt [Eus. KG 5, 24"]; im großen und ganzen 
ging die Entwicklung den Weg, daß das Fasten immer länger, aber 
weniger streng wurde. Es fehlt aber nie: ein christliches Osterfest ohne 
Fasten ist undenkbar. Die Vigilie der Ostemacht bestand in gemein- 
schaftlichem Wachen, Beten und Psalmsingen, eine kurze Schilderung 
gibt Eusebius [KG 2, 17**], wichtiger sind die ausführlichen Vorschriften 
der Didaskalia [p. 93, 6—18 Lag.]. Auch hier walten im einzelnen 
Unterschiede, in welche ein kanonischer Brief des Dionysios von Alexan- 
drien [p. 94 ff. der Feltonschen Sammlung] einen interessanten Einblick 
gestattet. In Rom dehnte man das Fasten und die Vigilie bis zum 
Hahnenschrei aus, Dionys selbst verlangt, daß man mit dem Schluß der 



> Tertull. de or. 18 die paschae quo eommunis et quasi publica ieiunü reUgio est, 

25. X. X906. 



E. Schwarte, Osterbctrachtuflgreiii 



V 



Vigilie wenigstens bis über Mitternacht warten solle; das Fasten erst 
im letzten Viertel der Nacht zu brechen, sei eine besondere Askese, die 
man anerkennen müsse, was so viel besagt, als da& eine solche Leis- 
tung nicht von jedem verlangt werden könne. Man erkennt aus seinen 
Äußerungen deutlich, daß in Ae^ypten und den angrenzenden Provinzen 
— er schreibt an den Bischof der kyrenaischen Pentapoljs — die Ostcr- 
vigilie im Haus gefeiert wurde, so daß individuelle Differenzen unver- 
meidlich sind und in gewissen Grenzen toleriert werden müssen* Daraus 
entwickelte sich die Observanz, die in den Oste ransagen der Festbriefe 
des Athanasius regelmäßig vorkommt: das Fasten wird am Abend des 
Ostersamstags gebrochen, in den Häusern, und der eigentliche Oster- 
gottesdienst der Gemeinde ist am Sonntag Morgen- Die Didaskalia 
zeigt ein anderes Bild: da wird die Vigilie gemeinschafüich begangen, 
und der Schluß ist eine Agapej die Reichen werden ermahnt von ihrem 
Überfluß den Armen abzugeben. Daß die Agape, der dtrovriCTic^oc, 
der Kern der Ostcrfeier und die Trennung des Fastenbrechens vom 
Ostergottesdienst sekundär ist, dürfte klar sein, im Übrigen braucht 
man sich nicht zu streiten, ob Haus- oder Gemeindefeier älter ist Denn 
wenn auch das Brechen des Fastens in der Osternacht mit der Aufer- 
stehungsgeschichte der Evangelien in Beziehung gesetzt ist, so ist diese 
Geschichte doch mit Nichten der Ursprung der Feier. Beim christlichen 
Mahl ist der auferstandene Herr immer zugegen, und er wird nicht nur 
einmal im Jahr gefeiert* Jene Beziehung Ist liturgische Deutung und 
lehrt über die Entstehung der pannychischen Feier nichts. Im Evan- 
gelium steht nichts davon daß die Jünger in der Auferstehtingsnacht 
gewacht hätten. Dagegen nennt das AT die Pas chan acht iTpo<pu- 
XtKKT] O^^De^n b'h [uür vigiliatmm], und Eusebius [KG 2, 17 ^'J hat in seiner 
Weise Recht, wenn er die pannychische Osterfeier der Christen mit 
der Fanny chis zusammenstellt, dte nach Piulos Bericht [de vita contempL 
p, 4Siff», vgL Conybeares Bemerkungen p. 306 flL seiner Ausgabe] die 
jüdischen Therapeuten an der Vigilie des Pfingstfestes abhielten. Es ist 
in jüdischen Kreisen üblich gewesen die großen Feste pannychisch zu 
begehen und nach jüdischem Gebrauch haben die alten Christen aus der 
Paschanacht eine Vigilie, eine O'HfilPn b^ gemacht oder vielmehr den 
alten pannychischen Charakter des Festes treuer bewahrt als die Juden 
selbst Das Pascha war ein Hausfestj die Hausgemeinde ist die älteste 
Form der christlichen Organisation, und man braucht als die ursprüng- 
liche Observanz nur anzusetzen, daß die Hausgemeinde in der Oster- 
nacht zusammenkam und nach der Vigilie das Fasten brach, um zw 



l8 £. Schwartz, Osterbetrachtiingen. 

verstehn, wie in späterer Zeit die Usancen auseinandergingen, indem die 
Feier teils eine Gemeindefeier wurde, teils das Brechen des Fastens den 
einzelnen christlichen Familien überlassen blieb und der sonntägliche 
Gottesdienst sich an die Stelle der Agape setzte. 

Das jüdische Pascha ist ein Mahl; das christliche soll sich durch 
das vorhergehende Fasten scharf von dem jüdischen unterscheiden. 
Gemeinschaftliches Fasten ist bei den Juden und daher auch bei den 
Christen ein Zeichen der Trauer. Durch den Herrenspruch Mc 2, 18 ff. 
Mt 9, 14 ff. Luk 5, 33 ff. wurde die Deutung des Paschafastens auf den 
Tod Jesu nahe gelegt und kommt oft genug vor. Ich bezweifle aber, 
daß die alten Christen auf den Gedanken kommen konnten ein jährlich 
wiederkehrendes Fasten zur Erinnerung an den Tod Jesu einzusetzen : der 
Herr war ja nicht tot, sondern lebte. Die Didaskalia schärft es mehr 
als einmal ein,* daß das Trauerfasten Jesu nicht gelten könne und dürfe; 
die Christen fasten aus Kummer über die verlorenen Brüder aus dem 
Volke, über das irrende Israel. Das ist nicht persönliche Spekulation, 
sondern in einem Ritus begründet; denn nach der Didaskalia hat das 
gemeinschaftliche Beten der Osterpannychis zum Ziel und Inhalt die 
Erlösung Israels; hier lag also eine liturgische, überlieferte Form vor, 
die ein die Ordnungen aufzeichnender Kleriker wohl deuten und ausmalen, 
aber nicht machen kann. Die griechische Rezension, welche die 
Audianer benutzten und die, nach dem wenigen zu urteilen, was Epi- 
phanius aufbewahrt hat, älter und eigentümlicher ist als die syrischen 
Übersetzungen, auf die wir angewiesen sind, gibt als ratio des Fastens 
und des Fastenbrechens an [Epiph. 70 p. 823 c]: X^touciv T^p ol aöroi 
dTTÖCToXoi ÖTi „öxav iKcTvoi €uu)xuiVTai, ufieic vncreüovxec utt^p auxdiv 
TrevecTie, öti dv xQ ^M^P? ttjc 4opxf]c xöv Xpicröv icraupwcav. xal 
öxav auxoi 7r€v9djci xd dfjufia dc9iovx€c dv mKpJciv [Exod. 12, 8], {ifieic 
eöu)X€ic9€." Das trifft den Nagel auf den Kopf. Das Pascha war 
für die Juden das Fest der nationalen Freude und des nationalen Stolzes: 
dem stellten die Christen das Trauerfasten entgegen. Schon im A. T. 
[Deut 16, 3] gelten umgekehrt die Mazzot als das Brot des Elends, 
[dfpxoc KttKibceujC, ^i^ DH^]; wenn die Juden es essen müssen, freuen sich 
die Christen bei der Agape, die das Fasten bricht, des erstandenen 
Messias. Im Gegensatz verrät sich das Bewußtsein der alten Gemein- 
schaft und der Ritus beweist, daß es seine guten Gründe hatte, wenn 



X Ich muß hier auf die Analyse des Textes verweisen, die ich in einem besonderen 
Kapitel der „Ostertafeln" gegeben habe. 



E. SchwarU, Osterbctrachtimgen. 



19 



die alte Kirche das Pascha ,,mit den Juden" feierte. Am Osterfest wird 
klar wie das Christliche aus der jüdischen Wurzel neu herausgewachsen 
ist* Es will nicht ein historisches Ereignis feiern, solche jährlichen Er- 
innerungsfeste haben immer etwas Gemachtes und Gezwungenes; es ist 
ein gewachsenes Reis auf altem Stamme, eine alte Form von innerem 
Leben umgebildet, und niemand kann sagen von wem und wie*s gemacht 
ist: denn nichts ist gemacht, sondern alles ist geworden. 

Sollte nun aber doch noch jemand daran zweifeln, daß das clu-ist- 
liche Pascha aus dem jüdischen hervorgewachsen ist und lediglich aus 
ihm erklärt werden muü, so kann ihn das Pfingstfest eines besseren 
belehren» Die jüdischen Schabu'ot sind kein einzelner Festtag, sondern 
die niSty, der Abschluß einer siebenwöchentlichen Festzeit^ die nach der 
zu Jesu Zeit schon feststehenden Tradition mit dem 16. Nisan, dem 
zweiten Tag der Mazzot beginnt: es ist die alte Freudezeit der Ernte, 
Ebenso ist die christliche TrEVTriKOcrri nicht der Pfingstsonntag allein, 
sondern eine jotägige Freudezeit, die mit dem Ostersonntag beginnt. 
Noch in den Festbriefen des Athanasius wird regelmäßig die gesamte 
Pfingstzeit angesagt. Der 20, Kanon des nicaenischen Konzils schärft 
die alte, schon TertuUian^ bekannte Vorschrift ein, daß in den Tagen 
der Pentekoste, d, h. von Ostern bis Pfingsten^ beim Gottesdienst eben- 
sowenig gekniet werden darf wie am Sonntag. Denn wie an jedem 
Sonntag, so weilt in dieser ganzen Zeit der Herr bei der Christen- 
gemeinde, und die Geberde der Knechtschaft schickt sich nicht, wenn 
der siegreiche Messias unter den Seinen ist. Da ist es mit Händen zu 
greifen, wie die jüdischen Schabu'ot von den Christen beibehalten und 
umgedeutet sind. 

Ich muß noch einmal zur Osterrechnung zurückkehren. Sobald der 
OstervoUmond selbständig berechnet und der Ostersonntag nach ihm 
bestimmt wurde, erhob sich die Frage, welches Mondalter für den Oster- 
sonntag zulässig seii dabei wird wegen des AT, das den Abend des 
14. Nisan (ür das Pascha festsetzt, als Mondalter des OstervoUmonds 
XIV angesetzt. Der Sache nach kommt die Frage nach dem Mond- 
alter auf das Problem hinaus, wie nah der Ostersonntag an den Voll- 
mond heranrücken dürfe ; ist diese Grenze festgesetzt, so ergibt sich von 
selbstp daß auch die 6 nächst höheren Mondalter zugelassen werden 



^ De omt. 23 m^ ^en\ sicHf ^apimus^ Mk dir d^minka^ rtsurree^imii mn ab isky 
(dem Nicderkiiieii) ianhifH^ ud &mm Oftjn^iaäf kalüu ei ö/ßdo cmierr dehtmus , , , ian^n-^ 
d*m €i Späth penifwsUs^ ^mtd eädem exttäaäotm- lifiUmmiaie dispHn^mut* i^fttrum ^mni di^ 
fuh dtibiitt pr&jtemere st dt& ud prima laätm m'aääMt qua It/^a» iHgridim$trf 

2* 



20 E. Schwartz, Ostcrbetrachtungen. 

müssen. Die Theorie hält stets daran fest, daß der Sonntag der das 
niedrigste zulässige Mondalter hat, also dem Vollmond am nächsten 
liegt, derjenige ist, den das Fest eigentlich /ordert; die anderen sind 
Notwendigkeiten, die sich nicht vermeiden lassen, weil der Vollmond 
sich nun einmal imi die Wochenrechnung nicht kümmert Der zyklisch 
berechnete Vollmond ist im Lauf der Entwicklung an Stelle des jüdischen 
Pascha getreten; er wird auch oft tö 'Eßpaiujv udcxa oder tö vo^iköv 
ndcxa genannt Geht man in die Zeiten zurück, in denen die jüdische 
Festansage den Ostersonntag bestinmite, so wird klar, daß in der 
Frage nach dem Mondalter des Ostersonntags eine ältere steckt, die 
sich sofort erheben mußte, so bald man die christliche Paschafeier 
auf den Sonntag veriegte, die Frage nämlich, wie nahe kann der 
Ostersonntag und vor allem die Ostervigilie an das jüdische Pascha 
heranreichen? Es ist nicht zu beweisen, liegt aber in der Natur der 
Sache, daß die Regeln, welche die kirchlichen Zyklen für die Mondalter 
festsetzen, auf ältere Observanzen zurücklaufen, die dem Intervall 
zwischen der christlichen Ostervigilie und der jüdischen Paschanacht 
gelten. 

Die Alexandriner setzen als niedrigstes und daher im letzten Grunde 
korrektes Mondalter des Ostersonntags die XV limae an. Dann fallt 
die Ostervigilie in die Nacht von der XIV auf die XV ltmae\ der An- 
satz des A. T. wird haarscharf erreicht, und gerade diese Rechnung 
dokumentiert am allerdeutlichsten, daß das Osterfest kein historisches 
Erinnerungsfest der Auferstehung sein soll. Die Passionsgeschichte wird 
so konstruiert, daß Jesus am 14. Nisan das Pascha aß, am 15. gekreu- 
zigt wurde und am 17. auferstand [Prolog des Theophilus bei Krusch, 
Studien z. mittelalterl. Chronolog. p. 225]. Das höchste zulässige Mond- 
alter des Ostersonntages ist XXI; es muß dann genommen werden, 
wenn der Vollmond auf einen Sonntag fallt 

Die römische Observanz, die schon im Zyklus Hippolyts in voller 
Schärfe heraustritt und dem Prinzip nach ohne Unterbrechung fest- 
gehalten ist, so lange es eine selbständige römische Osterrechnung ge- 
geben hat, verlangt als niedrigstes Mondalter die XVI lunae^ so daß 
der Charfreitag regulär auf die XIV lunae fällt Das paßt zur Passions- 
geschichte des Evangisiliumsjohannis; es würde aber sehr verkehrt sein, 
wollte man meinen, daß die Römer mit ihrem Ritus für dies Evangelium 
gegen die Synoptiker Zeugnis ablegen wollten. Das läßt sich schon 
dadurch widerlegen, daß der Computist von 243, der für den Oster- 
sonntag kein niedrigeres Mondalter als XVI zuläßt, anstandslos die Passions- 



E« Scbwartz» Osterbetrachtuogeii. 



21 



geschieh te so konstruiert, daß der historische Charfreitag das Mond- 
datum XV, wie bei den Alexandrinern, erhält,* Davor würde er sich 
ängstlich gehütet haben, wenn die von den Synoptikern abweichende 
Ansicht des vierten Evangelisten über den Todestag Jesu bei der Oster- 
rechnung irgend eine Rolle gespielt hätte. Auch die harmonisttsche 
Gleichgiltigkeit, mit der die Kirchenväter des zweiten und dritten Jahr- 
hunderts die Differenz der Passionschronologie behandeln, verrät, daß 
diese Differenz sich nicht in den verschiedenen Regeln über die Mond- 
alter des Ostersonntags fortsetzt. Nach Tertuliian adu. lud* S ist Chris- 
tus gekreuzigt temporibus pasckae . * die prima asymarum quo agnum 
accidtrunt ad uesperam. Das stimmt zum vierten Evangelium j aber das 
hindert ihn nicht an einer anderen Stelle [de bapt. 19] den Synop- 
tikern zu folgen* Irenaeus setzt 2, 22^ 3 die Passion auf den Tag nach 
dem Pascha und macht 4, 10, i nach Paulus und Johannes den gekreu- 
zigten Jesus zum Paschalamm. Man muü auch die römische Observanz 
auf das jüdische Pascha zurückführen, um die richtige Erklärung zu 
finden. Der 16. Nisan Ist bei d^n Juden der Tag von dem ab das 
Wochenfest gerechnet wird Bei den Christen beginnt die Pfingstzeit 
mit dem Ostersonntag; darum meinten die römischen Christen in der 
älteren Zeit, ehe sie den Mond berechneten, der Ostersonntag dürfe 
nicht vor den lö. Nisan, den zweiten Tag des Mazzotfestes rücken*' 
Daraus ist dann die Regel entstanden, dem Ostersonntag mindestens 
das Mondalter XVI zm sichern; fiel also der Vollmond auf einen 
Samstag, so wurde in Rom nicht, wie in Alexandrien, der nächste, 
sondern der darauf folgende Sonntag mit dem Mondalter XXH zum 
)stertag. 

E^ ist noch eine dritte Obser\^anz, die britisch-irische, zu berück- 
sichtigen. Die Nachrichten über die irische Osterfeter stammen aus später 
Zeit und müssen sehr vorsichtig gedeutet werden. Der 84 jährige Zyklus, 
den die Iren in der letzten Periode ihrer selbständigen Osterrechnung 
benutzen, ist nachweislich eine junge und schlechte Modifikation des rö- 
mischen, nicht älter als das 5. oder gar 6. Jahrhundert» Über das 
Alter Uirer Ostergrenze, des 25. März, wage ich keine Vermutung. Aber 



* [Cypr.] de pascha comp. 21 dominus /lasUr hms pmsus ist hma XV <i te^meuii tn 
türde Urra^ XVI, tertm aui^m du iuna XVfl inu^nia ret4erms tsi aS in/eHs tii ttrr^ funda- 
mtttiis^ 

* Clemens von Alcxatidrien [Chron, pascH. 15, ii]: TiJ T^Ov TptTij dv^crn V^P*?» 
^Vnc ^v irptÜTTj tojv 4ßbüMdÄujv toO eeptcjjioO, ^v f| Kai t6 hpd'^\ka vivo^o6^TriTQ 

tTpOC£V€tK€lV TÖV [£p^ 



22 E. Schwartz, Osterbetrachtimgen. 

die Mondälter ihres Ostersonntags, XIV— XX, sind viel zu eigentümlich, 
widersprechen der römischen und alexandrinischen Rechnung zu sehr 
als daß sie eine junge Erfindung sein könnten. Diese Observanz muß 
in eine Zeit zurückreichen, in der die Osterfeier noch sehr viel stärkere 
Differenzen aufwies als im 4. Jahrhundert, wo mit Hilfe der Kaiser der 
römische und der alexandrinische Papst die Welt unter einander teilten; 
sie ist ein Beweis, daß das Christentum schon im 3. Jahrhundert nach 
Britannien kam, und nicht über Rom, ^ sondern wahrscheinlich direkt aus 
dem Orient, oder wie man auch sagen kann, aus gallischen Kirchen die 
dem Orient nahe standen. Denn es duldet keinen Zweifel, daß die bri- 
tisch-irische Observanz der quartodezimanischen am nächsten steht 
Die Quartodezimaner müssen für den Fall daß das jüdische Pascha 
am Abend eines Sonntags gefeiert wurde, am Sonntag gefastet haben. 
Die Iren brachen, wenn der Vollmond an einem Sonntag eintrat, das 
Fasten am Sonntag Morgen oder Samstag Abend, für Römer und 
Alexandriner ein unerhörter Greuel. Auch diese alte Sitte beweist 
dasselbe wie alle andern Osterrechnungen und Osterbräuche, daß für das 
christliche Pascha nicht die Passionsgeschichte, sondern die Vorschriften 
des AT über das jüdische Pascha die Richtschnur abgeben, weil das 
Fest nichts anderes war und sein wollte als die Erfüllung des „Typus" 
der im Gesetz vorbereitet war. 

Ostern und Pfingsten sind verchristlicht; das dritte große Fest, 
Laubhütten ist nicht übernommen. Beachtenswert ist, daß der vierte 
Evangelist darin ein Problem gesehen hat [Jo 7, 8. 10 in scharfem und 
gewolltem Gegensatz zu 12, 23. 12]. 

n. 

Riten und Feste haben, wie schon gesagt, geschichtsbildende Kraft. 
Die Christen mußten bei ihren Festen des gestorbenen und auferstan- 



I Die Hypothese, daß die Mondalter XIV — XX am Anfang des 4. Jahrhunderts in 
Rom kanonisch gewesen wären, beroht auf falscher Ausdeutung einiger römischer Oster- 
daten, die durch Kompromisse zwischen Rom und Alexandrien zu erklaren sind. Der Zyklus 
des Hippolyt, der 84 jährige Zyklus und noch der Cursus paschalis des Victorius erkennen 
als römisch nur die Mondalter XVI— XXH an. Ein Prinsip das über zwei Jahrhunderte 
verfochten ist, kann nicht für ein paar Jahrzehnte als Prinzip aufgegeben sein, und daran 
ändert nichts, dafS die Römer in praxi und im einzelnen Fall sich ein nach ihrem Prinzip 
falsches Osterdatum um der Einheit der Kirche willen öfter haben gefallen lassen« Das 
haben die Alexandriner vor Theophilus auch getan, und trotzdem deutet darum niemand 
den alexandrinischen Zyklus um. Was aber den Alexandrinern recht ist, ist den Römern 
bilUg. 



E. Schwarte, Osterbetrachtungen^ 



23 



denen Heilands gedenken, und es hätte mit wunderbaren Dingen zugehen 
müssen, wenn diese Feste nicht auf das was sie von ihm erzählten, 
zurückgewirkt hätten. Der Anlaß dazu war umsomehr geboten, als Jesus 
zum Paschafest wirklich nach Jerusalem gegangen war. Erlebt hat er 
es nicht; der älteste, von Korrekturen noch freie Bericht sagt ausdrücklich 
[Mk 14, I. 2], da(^ er zwei Tage vor dem Pascha verhaftet sei^ »^damit 
am Fest kein Tumult entstehe," Dann ist er am Tage vor dem Pascha 
gekreuzigt." Dadurch ist die synoptische Erzählung, welche die Nacht, 
in der der Herr verraten ward, zur Paschanacht macht, von vornherein 
als ungeschichtlich gekennzeichnet, nicht minder aber auch die Korrektur 
des vierten Evangeliums, die Kreuzigung und Paschaopfer zusammenfallen 
läßt, Ist aber die Verbindung der Passion mit dem Tage des Pascha- 
festes eine Legende, so ist der Verdacht nicht abzuweisen, daß sie im 
Zusammenhang mit der Faschafeier der ältesten Gemeinden entstanden 
ist Es gilt also, die evangelischen Berichte einmal von diesem Gesichts- 
punkte aus zu betrachten. 

Das letzte Mahl Jesu mit den Jüngern kann kein Paschamahl ge- 
wesen sein, es stimmt nicht mit dessen Riten überein*' Streng genommen, 
behauptet die alte Überlieferung das auch nicht Die Erzählung bei 
Mk*i4, I2f* zerfällt in drei Abschnitte, die nur lose miteinander verbunden 
sindi die Vorbereitung des Pascha [vgl, 12 — 17]^ die Ankündigung des 
Verrats [18 — 21], das „Abendmahl" [22 — 25]. Dadurch daß der zweite 
und dritte Abschnitt gleichmä&ig mit der Bemerkung anfangen, daß das 
was erzählt wird, beim Essen geschehen sei — vgl. 18 dvaKeipIvujv 
auTiJuv Kai Ic9i6vtujv, vs* 22 4cÖiövtujv aüiuiv — und hinter die wunder- 
bare Vorbereitung des Pascha gestellt sind, werden sie beide, unabhängig 
von einander, an die Vorbereitung des Pascha angeknüpft, ^ und eben 

^ Vgl. Wellhaiisen> Et. Marci 114, Ev» Luc^ae 120, 
* Vgl. Spitta, Beitr, z, Gesch. tind Lit* d. Urchristenturos l, 231 E 
ä VgL Wellhausen, Ev. Marci 120. Das Wort 6 d^ßaTTTÖttcvoc jict* ^|ioO €k 
t6 TpijßUov soll nicht ein Zeichen angeben, woran der Verräter erkannt werden kann^ 
Mattha^us [26, 23] versteht a1$ Objekt richtig Tftv X£^P«i- ^^^ Ausdruck beißt, i,wer mit 
mir das Essen a.ns der Schüssel holt** and bedeutet nichts andere« als i^mein Tisch- 
genosse"; er wiederholt dos vorhergehende ö ^cÖlurv ^£t' d^oO, das wohl nur alä er- 
klärende Glosse hineingekommen ist Wenn Matthacus das Gespräch zwischen Judas 
und Jesus folgen laßt, in dem dieser dem Verrater sein Vorhaben auf den Kopf zusagt 
[26, 25], so beweist er damit« daß jene^ Wort Jesu nicht ausreicht den Verräter xu kenn- 
xeichnen. Bei Lukas [22, 21 — 23] werden die iwolf ebenso wenig aafgeklärt wie bei 
Marcus; ihov ^ x^^P Toö irapabibdvToc ^e ^iet' i^oO Icxl xf\c TßaniLr]C paraphrasiert 
die von Jesu gebrauchte Wendung richtig und so daß jedes Mißverständnis ausgeschlossen 
ist Dadurch daß die Szene hinter da* Abendmahl gerückt ist und Jesus dctr Verräter 
nicht wie bei Matthaeus offenbart* wird der schwere Anstoß beseitigt, dali er erst den 



24 E. Schwartz, Osterbetrachtungen. 

diese Tatsache beweist, daß die Ankündigung des Verrats und das letzte 
Mahl ursprünglich gesonderte* Geschichten waren, die jede für sich auf 
das Pascha bezogen wurden, als einmal die Anschauung aufgekommen 
war, das letzte Mahl des Herren sei ein Paschamahl gewesen. Dann 
sitzt der Paschatag nur fest in der durch und durch legendarischen Ge- 
schichte von seiner Vorbereitung; Matthaeus hat sich an den Wundem 
so gestoßen, daß er sie gestrichen [26, 17 — 19] und damit das Beste 
weggenommen hat. Was die Legende bezweckte, kann man aus der 
Argumentation lernen, mit der später die Bestimmung des Ostersomi- 
tags nach dem jüdischen Pascha verteidigt wurde [•gl. S. 14»]: „wir 
müssen das Pascha mit den Juden feiern, weil der Herr es auch getan 
hat." Nicht ohne Grund wird ein großer Saal auf geheimnisvolle, also 
göttliche Weise ausfindig gemacht, in dem das Pascha gegessen wird: 
man erkennt die Hausgemeinde der ältesten Zeit wieder, die sich in dem 
Saal eines Hauses zum Pascha versammelte. Und zwar nicht zur christ- 
lichen Ostervigilie, sondem zum rechten und echten Paschabraten der 
Juden; die Geschichte paßt nur zum jüdischen Fest. Sie soll moti- 
vieren, daß die Christengemeinde fortfuhr das Pascha nach der Weise 
der Väter zu essen, und verrät damit, daß diese Sitte anfing Anstoß zu 
erregen. 

Lukas bildet die ganze Erzählung stark um, nicht nur aus schrift- 
stellerischen Gründen, sondem auch darum, weil die Stellung der Ge- 
meinde zum Pascha eine andere geworden war. Allerdings behält er 
die wunderbare Vorbereitungslegende in vollem Umfang bei, beseitigt 
die Fugen die bei Markus und Matthäus die drei Teile der Erzählung 
auseinanderhalten, so daß bei ihm kein Zweifel möglich ist, daß das 
Abendmahl das Pascha sein soll, und setzt geradezu das Paschalamm an 



Verrat prophezeit und dann mit den Jüngern das Abendmahl i£t, obgleich Jndas noch 
dabei ist. Das Johannesevangelium, das hier wie sonst deutlich Lukas benutzt und fort- 
setst [Tgl. 13, 2. a; mit Luk. aa, 3] hebt diesen Anstoß scharf hervor [13, 18. 19] und 
gestaltet die Weissagung um su einem Privatgespräch zwischen Petrus, dem Liebling des 
Herrn und diesem selbst, auf welches das Erkennungszeichen wirklich folgt; damit es 
zu einem solchen werde, ist aus dem Ausstrecken der Hand in die Schfissel das Ein- 
tauehen des Brotes in die Brühe geworden, und das tut nicht Judas, sondern Jesus 
selbst föhrt das ganze Zeichen aus. Die Korrektur macht dem Dichter des vierten 
Evangeliums Ehre und die Maler taten Recht, wenn sie sich an sie hielten: aber sie 
bleibt doch eben eine Korrektur und wird durch kein Räsonnement, so sophistisch es 
auch sein mag, su einer selbständigen Überlieferung. 

s Das gilt nicht nur f^r das Abendmahl, sondem auch fUr die Prophezeiung des 
Verrats, denn die Schüssel aus der sich jeder das Essen herauslangt, paßt nicht zum 
Paschabraten. 



E, Schwarti, Osterb eirachtungen. 



2i 



Stelle des Brotes.' Aber in bedeutungsvoller Weise ist das Wort, das 
Jesus beim Becher spricht, er werde nicht wieder von der Frucht des 
Weinstocks trinken, auf das Pascha übertragen [22, 15. 16]; im8u^[i^ 
iTTtOuMIca TOUTO t5 irctcxci qpayeTv ficö' u^ujv trpo toö ]h€ iraÖtTv* lifm 
fäp 6^tv ÖTi ou p-i] (pdT^ ctuTÖ ^uic örou TtXripuuOfl Iv xfl ßaciXeiqi toO 
öeou. Das Pascha, das Jesus mit seinen Jüngern ißt, ist das letzte; das 
jüdische Freudenfest soll durch Jesu Leiden seine Erfüllung finden in 
der Freude des Reiches Gottes. Was Wellhaosen [Ev* Lukas 122] noch 
zweifelnd ausspricht, halte ich, wenn man es mit der Geschichte des 
christlichen Osterfestes zusaaimenhält, für sichere Lukas verkehrt die 
Legende vom Paschamahl in Ihr Gegenteil, er will die jüdische Pascha- 
feier nicht motivieren, sondern für antiquiert erklären. 

Mit energischer Aufbietung aller schriftstellerischen Mittel und ge- 
mäll seiner Feindschaft gegen das offizielle Judentum setzt der vierte 
Evangelist dies Bestreben fort. Mit festem Griff reißt er die Eucharistie 
aus der Einleitung der Leidensgeschichte heraus und macht die Speisung 
des Volks zum Gegenbild der Abendmahlsfeiern der christlichen Ge- 
meinde [6, 26. 27. 32 — 35. 4t. 48 — 58]; in der Datierung j,kurz vor dem 
Pascha der Juden" [6, 4], der Erwähnung des Verräters und dem sich 
anschließenden Gespräch mit Petrus [6, 64ff-; vgl. Lk 22, 31 f.] deutet 
er die Stelle an, an der die Eucharistie vor seiner Änderung stand. 
Wie sie vom Paschamahl gänzlich gelöst ist, so weist er zweimal darauf 
hin, daß die Nacht der Gefangennahme nicht die Paschanacht war 
[13, 1. iS, 2S]. Das Herrenmahl wird als Agape gekennzeichnet^' aber 
nicht das Mahl ist die Hauptsache, sondern die biaKOvia des Herrn, 
die ihr vorhergeht Jesu Rede an die Jünger bei Lukas 22, 25 ff. ist in 
eine symbolische Erzählung umgesetzt, die das 5iaK0Vttv, das bei Lukas ^ 
noch mit den Mahl zusammenhängt und ,, aufwarten" heißt, zum nied- 
rigsten Dienst steigert, Lukas hatte Mt 19, 2S hereingezogen und die 



» Luk aa, 19. 20 sind von Blaß mit Recht gestrichen; vgl Wdlhauseti, Ev. Marci 
124« Ev* Lucae t2i. 

3 Das Verbum ^-jaiiäv t^, i. 54 geht allerdings auf die Fuf^vr&schQTig; über die 
singulare^ um nicht m sagen sprachwidrige Anwendung im Sinne von „einen liebes- 
die&st erweisen'^ erklärt sich nur daraus da£ die Anspiel nng auf die dx^^^ Leabsicbtigt 
ist Dem Evangelisten ist es wichtiger, daÜ Jesus seinen Jungem die Füße gewaschen, 
all daß er mit ihnen eine Agape gehalten hat; If^h dpa iy piicvj^ C^^u^v djc 6 MaKOVÜJv 
hatte Lukas \ßZf 27] gesagt: darum wagt er es durch ein neugeprägtes Wort die FuB« 
Waschung zsm HaupUtück der Agape tu machen. 

1 Man darf vermuten^ dai^ Lukas Rang Streitigkeiten bei der Agape bekämpft, wenn 
er nicht geradezu auf die Diakonie anspielt Act i, 25 wird Apostolat und DiakoTite 
identifisiert. 



26 E. Schwartz, Osterbetrachtungen. 

Ermahnung an die Apostel mit Verheißungen verquickt; die weist der 
vierte Evangelist, wie immer, scharf ab [13, 33]: KaGuic elirov toTc 'Iou- 
baioic 8n öttou ifd) ^TTdrui, i)^öc oö buvacGe dXGeiv, xai öjiiTv X^ äpn,' 
und setzt an deren Stelle das neue Gebot 13, 34. Wie bei Lukas, so 
folgt auch hier das Gespräch mit Petrus. Man muß diese Fülle von 
Absichtlichkeiten, Beziehungen, Anspielungen, die fortlaufende Über- 
arbeitung des Lukas, die souveräne Handhabung des vorhandenen 
Stoffes sich gegenwärtig halten, um zu der Einsicht zu kommen, daß 
es unzulässig ist die synoptische Überlieferung und die des vierten 
Evangeliums über den Todestag Jesu als gleichberechtigt einander gegen- 
überzustellen und sie nach Wahrscheinlichkeitsgründen gegen einander 
abzuwägen. Der vierte Evangelist überliefert nicht, sondern er gestaltet 
um; er führt radikal durch, was Lukas angefangen hatte, und wirft die 
Paschafeier aus dem Evangelium von Jesus hinaus, weil er von dem 
Pascha der Juden nichts mehr wissen will. Es ist nur die Krönung des 
Ganzen, wenn der paulinische Gedanke [i Kor 5, 7] tö Tidcxa i\\xujy 
IruGri XpiCTÖc symbolisiert und in die Kreuzigungsgeschichte hineinge- 
tragen wird [19, 33 ff.];* wie die antiken Geschichtsschreiber dann zu 
zitieren pflegen, wenn sie zweifelhaftes, auffallendes, neues berichten, so 
beruft sich der Evangelist gerade für diese seine Abänderung der Da- 
tierung mit Nachdruck auf den Augenzeugen. Ihm ist alles, was ge- 
schehen ist, nur ein Gleichnis, und es kommt lediglich auf die innere 
Wahrheit des Gleichnisses an; die empirisch-historische Wahrheit existiert 
für ihn nicht 

Vom christlichen Pascha findet sich bei Lukas und dem vierten 
Evangelisten keine Spur. Es hat sich selbständig in der Gremeinde 
herausgebildet, weil das Judenpascha nicht mehr gebilligt wurde, aber 
die Überlieferung von einer Paschafeier des Herrn schon zu fest saß 
um beseitigt werden zu können. Laubhütten hatte keinen Halt an der 
evangelischen Tradition und verschwand aus der Festordnung der Kirche; 
aber — ein charakteristisches Zeichen für die Macht des Jüdischen — 
die Pfingstzeit mit dem Schlußfest blieb, weil die Schabu'ot von den 
Mazzot nicht zu trennen waren. Die Pentekoste wurde zur christlichen 



z Denn sie sterben nicht mit Jesu zusammen; vgl. vs. 36. 

» Das Petnisevangelium setzt allerdings ebenfalls die Kreuzigung auf den Pascha- 
^^ ls]i ^^^ CS hat das Johannesevangelium benutzt. Das folgt nicht so sehr aus 14 
(wo Jesus mit iif atiT^i gemeint ist), als aus kleinen Anspielungen im Wortlaut, ygL 6 
^EoucCav aÖToO ^cxn^örcc mit lo. 19, 10; 55 irap^KUMiov mit lo. 20, 11 ; auch daß 50 
Maria Magdalena allein genannt ist und das Grab in einen Garten [24] verlegt wird po 
19, 41. 20, 15], ist verräterisch« 



E. SchwartZ; Osterb etracbtungen. 



271 



Freudenzeit, und der Pfingstsonntag zum Tag des Geistes, den der Herr 
zurückgelassen hatte, in feinem Gegensatz zu der jiidischen Anschauung, 
daß Pfingsten das Fest der Gesetzgebung sei* Daß die Geschichte von 
der Ausgießung des Geistes auf die Stifter der Gemeinde das aftiov d^ 
aus dem Judentum übernommenen Festes ist, liegt auf der Hand; das 
Mißverständnis der Glossolalie beweist, daß sie nicht alt ist 

Die christliche Umformung der zwei jüdischen Jabresfeste wird zwar 
später zu setzen sein als die Aufzeichnung der Evangelien, darf aber 
auch nicht zu weit hinontergerückt werden* Man stritt sich nachher 
über die Zeit des Festes, aber nicht über den Ritus, wenigstens nicht 
über die Hauptsachen, das Fasten, die Vigilie und das Fastenbrechen. 
Diese Einigkeit läßt sich nur so erklären, daH die neue Sitte verhältnis- 
mäßig früh aufkam und sich rasch ausbreitete; von einem Kampf zwischen 
dem jüdischen und christlichen Ritus hören wir nichts* Viel älter als 
die Jahresfeste sind die christlichen Wochentage j sie reichen bis zur 
Urgemeißde hinauf. Schon Paulus kennt den Sonntag [i Kor lö, 2] 
und die Fasttage des Mittwochs und Freitags stehen im ältesten Evan- 
gelium [Mk 2, 18 ff. Mt 9, 14 ff. Lk S, 33ffJ, Ihre Institution wird auf 
eine Weissagung Jesu zurückgeführt; das kann nichts anderes heißen 
als dall sie eine Institution der Urgemeinde sind. Absichtlich wurden 
andere Tage gewählt als die welche bei den Juden üblich waren; daß 
dies der einzige Grund bei ihrer Aus wähl warj gesteht die Lehre der 
Apostel noch ganz offen ein [8, i]: al hk viicT€iai 6fiujv iii\ Ictwqüv ^etä 
Tüjv ÜTTOKpiTUJV v^CTeuGuci T^^tp beuTep^^ caßpdrujv xai ire^iTTri [Montag 
und Donnerstag]' {i|i£ic b^ vricTtücaie Tcxpdöa Kai napacKeuriv, Die 
Christen folgten übrigens den Juden auch darin daß die Fasttage nicht 
obligatorisch waren. Es zeigt sich im späteren Judentum die Tendenz die 
allgemeinen Fasttage auf den Montag und Donnerstag zu verlegen;* 
das ist her\'orgegangen aus der Sitte der Frommen an diesen Tagen 
freiwillig zu fasten, und ebenso hielten es die Christen, wie Tertullian 
bezeugt,^ die Apostellehre übrigens auch, denn deren Text ist zu para- 
phrasieren: „wenn ihr fastet, so sollt ihr nicht an denselben Tagen fasten, 
wie die Heuchler/' Aus den Evangelien geht hervor, daß das Fasten 



1 Scharer, Ncütestamentl. Zeitgesch- 3, 490, Za den dort angefltirten Belegen 
sind die Niichricliten AI Binmis [^,t)etikm älcr der Vergangenheit" p. ^27$ ff. des arabischen 
Originals] hin^iittifugen. 

> TeTtttlL de iemn« z nu^m aäitd imporunUs iugum c^^itm/m ei in immune srnm^m 
f^ieuttdürum ihumorum [außer dem Paschafasten], proinde mc siaimmtm quat et f/sae jkäm 
pudern dies haheani quattat ftriae et sexta^t /asiiur tfim^it currani n^pie sub kg£ pratcfpti 
ntqme utita supremam din^ 



28 E. Schwartz, Osterbetrachtungen. 

am Montag und Donnerstag speziell bei den Jüngern des Johannes üb- 
lich war; von ihnen hat es die Urgemeinde übernommen, ebenso wie das 
Gemeindegebet" 

Die Worte des Evangeliums ,,sie werden fasten, wenn der Bräutigam 
von ihnen genonmien ist", sollen das Fasten am Mittwoch und Freitag 
legitimieren, aber nicht den Grund dafiir angeben. Umgekehrt lag es 
nah die Stationstage geschichtlich auszudeuten, und wohin diese Nei- 
gung in der älteren Zeit führte, in der man mit dem evangelischen Er- 
zählungsstoff noch frei umsprang, lehrt die Didaskalia. Sie enthält einen 
Abschnitt in der die Stationstage auf das Fasten der Apostel in der 
Passionszeit zurückgeführt werden;» beide Tage, der Mittwoch und der 
Freitag, müssen nun eine historische Bedeutung bekommen. Der Freitag 
hatte sie längst; um auch den Mittwoch zu adeln, muß die Passions- 
geschichte umgedeutet werden. Der Verrat des Judas und damit auch 
das Herrenmahl werden auf die Nacht vom Dienstag auf den Mittwoch 
verlegt; da diese Nacht nach jüdischem Gebrauch zum Mittwoch ge- 
schlagen wird, ist nunmehr der Mittwoch ebenfalls ein Tag „an dem 
der Bräutigam von ihnen genommen wurde." Es ist nun aber wohl zu 
beachten, daß trotz dieser Versuche die Stationstage zu historisieren 
doch ihre Feier nicht auf die Trauer um den Herrn bezogen wird. Der 
auferstandene Jesus selbst sagt in längerer Rede zu den Aposteln, daß 
sie hoffentlich nicht um ihn gefastet hätten. Sie sollten den Mittwoch 
und Freitag feiem zu aller Zeit, aber nicht nach der Sitte des „ersten 
Volkes'', sondern gemäß dem neuen Bunde: deutlich schimmert hier das 
lkf\ M€Td TUiV ÖTTCKpiTdiv der Apostellehre durch. Das Fasten, so fahrt 
Jesus fort, gilt nicht mir, sondern der Trauer um die Juden; sie haben 
am Mittwoch begonnen sich zu verderben, als sie mich gefangen nahmen, 
und am Freitag haben sie sich ein Zeichen gesetzt, als sie mich kreu- 
zigten. Die Heidenchristen sind besonders verpflichtet für die irrenden 



« Vgl. Wellhausen, Evang. Marci 20. 

> 87, 20—90, 4 Lag. ; die Deutung von Sach. 8, 19 p. 89, 6 — 14 ist als Interpolation 
anszuscheiden. Dieser Abschnitt, von dem noch Spuren in den apostolischen Konstitu- 
tionen [5, 15] erhalten geblieben sind und den Petrus von Alexandrien [Pitra mon. iur. 
eccL I» 561] gekannt hat, ist in einem erheblich jüngeren Stück benutzt, welches das 
Fasten der Charwoche, das mit dem Montag beginnt, motivieren will [p. 91, 28 — 93, 6 
Lag.]. Das Paschamahl am Dienstag Abend wird hier durch eine neue an Mk 14, i. 2 
sich anlehnende Elrfindung mit der kanonischen Überlieferung ausgeglichen: das Syn- 
hedrion hätte, um Jesus vor der Ankunft der Pilger zu vernichten das Pascha zu früh 
angesetzt; der Charmontag wird zu dem Tage gemacht, an dem Judas ins Synhedrion 
ging und sich zum Verrat erbot 



Brüder aus dem Volk zu trauern und zu beten; denn sie sind berufen, 
damit sie durch ihre Fürbitte Israel erlösen. Das sind dieselben Ge- 
danken, die sich auch beim Paschafasten finden j dies Stück lehrt wie 
das Paschafasten mit den Gebeten der Vigilie aus den Stationstagen 
hervorgewachsen ist, und was sich die ältesten Gemeinden bei dem 
Fasten an den Stationstagen gedacht haben: es sind, wie die echt 
jüdischen Fasttage, Trauertage Israels* Das ist nicht judenchristlich, wie 
die Modernen sagen, sondern eben darum, weil es jüdisch gedacht und 
empfunden ist, urchristlich; es läßt sich nun einmal nicht ändern, daß das 
Evangelium des Gesetzes Erfüllung ist* Der organische Prozeß, durch 
den das Jüdische zum Christlichen umgewandelt wurde, hat sich natur- 
gemäß mit verschiedener Intensität und nicht in gleicher Schnelligkeit 
überall vollzogen; es konnte nicht ausbleiben^ daß sich in Folge dieser 
Verschiedenheit im Fortschreiten Differenzen und Gegensätze entwickelten: 
aber es war ein verhängnisvoller Fehler, darum weil der erste und 
größte Schriftsteller der christlichen Gemeinde solche Gegensätze lite- 
rarisch verewigt hat, einen durchlaufenden Kampf prinzipiell entgegen- 
gesetzter Parteien zu konstruieren und die Kirchengeschichtc auf die 
Antinomie , Juden Christen — Heidenchristen" festzunageln. Der Fehler 
wird aber dadurch nicht korrigiert, daß man die historische Auseinander- 
setzung der Christen mit dem Jüdischen auf die ersten Generationen 
beschränkt; die Zusammenhänge und der Gegensatz zwischen Kirche 
und Synagoge wirken viel länger fort, als man jetzt zu glauben geneigt 
ist Das lehrt die Geschichte der christlichen Institutionen ebenso wie 
die des Judentums, des echten und wirklichen freilich, das man aus dem 
Talmud nicht oder doch nur sehr unvollkommen kennen lernt* 

Zum Unterschied von den Trauertagen um die Brüder aus dem 
Volke war der Sonntag der christliche Freu den tag, an dem die Tisch- 
gemeinschaft mit dem Herrn fortgesetzt wurde* Wie der Mittwoch und 
der Freitag, so war auch der Tag nach dem Sabbat urspriinglich nicht 
um einer besonderen geschichtlichen Bedeutung willen gewählt — ^ die 
welche das Reich erwarteten, lebten nicht der Erinnerung, sondern der 
Hoffnung — , sondern wegen des Unterschiedes von dem offiziellen Juden- 
tum. Man darf an Muhammed erinnern, der. als die Juden und Christen 
auf ihn nicht hörten» durch neue Kultusformen seinen din zu einem neuen 
erhob und den Freitag zum Tag des Islam an Stelle des Sabbats und 
des Sonntags machte* War aber der Sonntag einmal zum Tag des 
Herrn geworden, so wurde er auch zum Tag der Auferstehung j und je 
mehr die Auferstehung den Charakter des persönlichen Erlebnisses ver- 



30 E. Schwartz, Osterbetrachtungen. 

lor und zur historischen Tatsache verdichtet wurde, um so mehr mußte 
die bestimmte Datierung auf den Sonntag in die Geschichten von der 
Auferstehung eindringen. 

Der Kern des Auferstehungsglaubens sind die Erscheinungen, welche 
den Jüngern in Galilaea zu Teil wurden; die Zeugnisse des Markus und 
Matthaeus [Mk 14, 28. 16, 7. Mt 28, 7. 16] stimmen hierin mit Paulus 
[i Kor 15, 5] überein. Schon Paulus kennt die Auferstehung am dritten 
Tage nach der Beisetzung, aber als Erfüllung einer alttestamentlichen 
Weissagung [Osea 6, 2]; vor Petrus hat nach ihm niemand den Auf- 
erstandenen gesehn« Der älteste Auferstehungsbericht steht am Schluß 
des echten Markus; neben ihm kommen die Erweiterungen des Matthaeus 
und Lukas oder gar die Konstruktionen des vierten Evangeliums' nicht 
in Betracht An der kindlichen Erzählung des Markus läßt sich noch 
beobachten, welche Schwierigkeiten der durch die Weissagung geforderte 
Zwischenraum zwischen dem Begräbnis und der Entdeckung des leeren 
Grabes gemacht hat Es mag noch hingehn, daß die Weiber die am 
Freitag gesehen haben, wie Joseph das Grab verschloß [15,47], sich am 
Sonntag aufmachen ohne an das Hindernis des Steines vor dem Grabe 
zu denken; erst unterwegs fällt es ihnen ein.* Viel schlimmer ist, daß 
sie den Plan fassen den Leichnam zu salben, nachdem er schon einen 
Tag und zwei Nächte im Grabe gelegen hat; das ist nicht nur gegen 
allen Ritus, sondern bei dem Klima Palaestinas ein unfaßbarer Gredanke. 



1 Die Pointe der Konstruktion ist die, dalS der Lieblingsjünger der einzige ist, 
der das leere Grab sieht und doch glaubt, daß Jesus auferstanden ist, ygL 20, 8, wo 
clbcv Kai McT€\}C€v die allein richtige Lesung ist, mit den Schlußworten 20, 29. Im 
Gegensatz zu ihm stehen Maria Magdalena und Thomas; Petrus rivalisiert mit ihm [vgl. 
18, I5f.]> erreicht ihn aber nicht: „denn sie hatten den Geist noch nicht, der sie die Auf- 
erstehung verstehen lehrte" [20, 9; vgl. 22]. 20, 16 läßt sich ein Textfehler beseitigen. 
Nachdem Jesu sie angeredet hat, dreht sich Magdalena um [14], erkennt aber Jesus erst, 
als er sie mit Namen ruft. Unmöglich kann sie sich noch einmal nach ihm umdrehen; für 
CTpaq)etca verlangt man ein Verb das erkennen bedeutet. Der sinaitische Syrer hat es 
geradezu [iV\ n\ ml] ; ein alter lateinischer Text bietet das unverständliche, also nicht 
interpolierte j/^/r'/. Das fuhrt auf das richtige: dmcr/jcaca. 

2 M. £. hat die alte Vulgata, in der die Syrer mit den Occidentalen zusammen- 
treffen, Mk 16,4 das Richtige bewahrt: xal gpxovrai Kai cöpicKouciv diroKCKuXic^^vov 
TÖv X(6ov. Nur so kommt heraus, daß die Weiber unterwegs wegen des Steines besorgt 
sind [vgl. die Erweiterung von Lk 24, i in D] und dann das Hindernis beseitigt finden. 
Der revidierte alexandrinische Text Kai dvaßX^\|iacai OcuipoOctv ön dvaKCKdXicxai 6 
X(6oc zwingt zu der Auffassung, als sei der Stein weggewälzt, während die Weiber vor 
dem Grabe stehen, ist also von Matthaeus beeinflußt; vgL Bnrkitts Bemerkungen Euan« 
gelion de Mephareshe 2, 241 f. Dagegen ist die Umstellung des 7|v jAp ^^ac cqpöbpa 
in der alten Vulgata falsch; es ist von Wellhausen [£v. Marci 145] erklärt. 



E* Schwanz, Osterbetrachtimgen- 



31 



Um das Wunder des leeren Grabes zu erzählen war es nicht nötig es 
mit solchen Unmöglichkeiten einzuleiten; Matthaetis [28, l] korrigiert sie 
demgemäl^ hinaus und der vierte Evangelist polemisiert direkt dagegen, 
wenn er behauptet, daß der Leichnam gleich bei der Besetzung rituell 
einbalsamiert sei [19, 39^]. Aber Lukas wagt nicht an diesem Teil von 
Markus Bericht zu rüttehi [2;^, 56 f.] ; seine Zustimmung und die Kritik 
der anderen vereinigen sich zu dem Beweis^ daß die Erzählung des 
Markus so genommen werden muß wie sie da steht* Dann aber können 
die^ wie schon gesagt, für das Wunder überflüssigen Unmöglichkeiten 
nur so sich eingestellt haben, daß die Salbung des Leichnams durch 
die Weiber wirklich überliefert war: sie waren nicht geflohen, wie die 
Jünger, und hatten bei der Bestattung geholfen. Das Andenken an diese 
Tat sollte nicht verloren gehen [Mk 14, 9]: darum wurde das Motiv 
der Salbung beibehalten, als aus der nackten Tatsache einer erfüllten 
Weissagung eine Geschichte wurde. 

Pau[us weili nichts davon, daß Jesus den Weibern am Sonntag 
Morgen erschienen ist, aber der Sonntag ist schon zu seiner Zeit der 
Tag des Herrn. In der ältesten Auferstehungsgeschichte finden die 
Weiber das Grab am Sonntag Morgen leer. Daraus folgt, daß der 
Sonntag seine Würde schon hatte, als diese Geschichte entstand, und 
weiter, daß er als Tag des Herrn in die Geschichte hineingekommen 
ist: am Sonntag ist das Grab leer gefunden, weil der Sonntag der echte 
und rechte christliche Festtag ist, nicht umgekehrt. 

Mit dem Sonntag der Auferstehung hängt der Charfreitag zusammen. 
Daß das Freitagsfasten kein Zeugnis für den Freitag als Todestag 
Jesu istj geht schon daraus hervor, daß nicht nur am Freitag, sondern 
auch am Mittwoch gefastet wird. Ferner überliefern die Synoptiker 
keineswegs, daß Jesu am Freitag gekreuzigt, sondern, daß er am Freitag 
Abend begraben ist Bei Markus ist diese Angabe als Kausal-, nicht 
als Temporalsatz in die Erzählung eingeschaltet, daß Joseph von Arima- 
thia sich ein Her^ faßt und Pilatus um den Leichnam bittet [15, 42 f,]: 
Kai ^bT\ ÖT^iac T€VOjLi£VT]C, ina, T^v napacKcuri. Ö ^criv Trpocdßßaiov, IXöujv 
1iuct^(p ö dtTÖ 'Api^aOaiac, eucxn^tuv ßou^tuTric» Bc Kai aüxöc [wie die 
Jünger] f^v 7rpoclJ€XÖ^£VOc Tfjv ßaciXciav toö Oeoö, ToXjincac etcnXOev 
TTpöc TÖv TTiXdTOV Kai ^tncaio tö cw\ia tou 'lr|COÖ. Die tralaticische 
Exegese meint, das soUe heilten, „weil der Leichnam am Sabbat, der 
Freitag Abend mit Sonnenuntergang beginnt, nicht begraben werden 
durfte", und kann sich dafür nicht nur auf das Petrusevangelium [5 ; vgl. 
23« 34] berufen, sondern auch auf das vierte kanonische, das diese 



32 £. Schwartz, Osterbetrachtungen. 

Interpretation mit der ihm eigenen, etwas aufdringlichen Deutlichkeit 
einschärft [19, 31. 42]. Um so seltsamer berührt es, daß Matthaeus und 
Lukas von dieser Motivierung nichts wissen wollen; jener bringt die 
Datierung an einer späteren Stelle, bei Gelegenheit einer ihm eigentüm- 
lichen Version der Auferstehungsgeschichte, ' und Lukas vermeidet nicht 
nur den Kausalsatz, sondern setzt hinzu [23, 54] Kai cdßßarov iTtdqpuiCKCv: 
nach ihm ist Jesus begraben, als der Sabbat schon angebrochen war, 
und niemand findet etwas dabei. Das ärgste aber ist, daß Markus 
eigene Erzählung dem Kausalsatz schnurstracks zuwiderläuft. Es ist schon 
spät, also mindestens dicht vor Sonnenuntergang, als Joseph zu Pilatus 
kommt: ^ „über dem Besuch bei Pilatus, dem Herbeiholen des Haupt- 
mannes, und den Vorbereitungen zur Bestattung muß der kirchliche 
Sabbat längst eingetreten sein" [Wellhausen, Ev. Marci 143]. Unter 
diesen Umständen bleibt nichts anderes übrig als anzunehmen, daß die 
Datierung durch eine uralte Korrektur in den Kausalsatz hineingekommen 
ist, und dieser ursprünglich erklären sollte, wie es kam, daß ein Rats- 
herr von Jerusalem — wie das auffiel, verrät Lk 23, 51 und die Ent- 
fernung des Titels bei Mt 2j^ 57 — , und nicht die Galiläer sich ein 
Herz faßte und sich um den Leichnam des Hingerichteten kümmerte. 
Man mag Gründe gehabt haben das zu beseitigen; es gibt zu denken, 
wenn Lukas die Flucht der Jünger nach Galiläa rücksichtslos eliminiert. 
Wie dem aber auch sei, das „Zeugnis*' des Markus und damit auch der 
übrigen Evangelisten für den Freitag ist kein vollwichtiges. 

Der Freitag und der Sonntag entsprechen zusammengenommen dem 
paulinischen iTHTeptai 1% f|M^P? tQ xpliq Karä xdc Tpacpdc. Vom „dritten 
Tage" pflegen Matthaeus [16, 21. 17, 23. 20, 19] und Lukas [9, 22. 18, 33. 
24,7. 21. 46] zu reden; Wellhausen [Ev. Marci 71] ist es aufgefallen, 
daß Markus [8, 31. 9, 31. 10, 34] dafür sagt juerd Tpeic flM^potc, was ja 
freilich dasselbe heißen kann. In dem Worte Jesu über das Wieder- 
aufbauen des Tempels sitzt 6id Tpiiöv f|^ep0üv oder xpiclv fj^^paic fest 
[Mk 14, 58. 15,29]; Matthaeus wagt es nicht zu ändern {27, 40. 63], 



X 27, 62 tQ hk ^iraOpiov, f^nc ^ctI ^€Td Tfjv irapacKCU^jv. Der Sabbat wird um- 
schrieben, nicht nur weil die Zeitangabe aus Markus übernommen ist, sondern auch da- 
mit nicht zu grell hervortritt, daß das Synhedrion am Sabbat eine Sitzung abhält 

3 Pilatus wundert sich allerdings, daß Jesus schon tot ist, aber diese Verwunderung 
soll nur motivieren, daß der römische Feldwebel, der bei der Hinrichtung das Kommando 
geführt hat, den Rapport über den Tod erstattet. Es war den Christen wegen der Auf- 
erstehungsgeschichte wichtig, daß eine völlig einwandsfreie Person, die weder Christ 
noch Jude war, den faktischen Tod Jesu bezeugte. Die gleiche Tendenz tritt gröber in 
der custodia hervor, die bei Matthaeus die Auferstehung miterlebt 

25. z. X906. 



£. Schwartz, Osterbetrachtungen. 33 

interpretiert es aber mit ?U)C Tf\c Tpirric i\iiipac [27, 64]. Nun gab es 
aber außer Os 6, 2 noch eine zweite Weissagung, die auf die Auferstehung 
bezogen wurde. Matthaeus hat sie erhalten [12, 40 — lona 2, i. 2]: lücrrep 
ydp fjv 'luivdc Iv tQ KOtXiqi toO KrJTOuc rpeic f\\iipac xai rpeic vtJicrac, 
oÖTuic ?CTai 6 uiöc toO dvGpuiTrou tv tQ xapbicjt rfic v]c TpeTc i\^ipac 
Kai TpeTc vuKTttC. Diese Gleichung ist auf keine Weise mit dem Frei- 
tag und Sonntag zu reimen, wie am besten die harmonistischen Kunst- 
stücke beweisen, die in dem schon besprochenen alten Stück der Didas- 
kalia über die Stationstage [p. 88, 16 ff. Lag.] angestellt werden; sie hätte 
nicht aufkommen können, wenn Freitag und Sonntag von jeher in der 
Überlieferung festgesessen hätten. Dann aber ist der Verdacht kaum 
abzuweisen, daß wegen des Freitagfastens das Begräbnis mit dem die 
Auferstehungsgeschichte beginnt, in die Zeit gelegt wurde, in welcher 
der Freitag aufhörte und der Sabbat begann, und das bewirkte wiederum, 
daß die Auferstehung „am dritten Tage" statt des doppelsinnigen „in 
oder nach drei Tagen" in der Überlieferung sich weiter ausdehnte; 
Lukas hat nur den „dritten Tag." 



[Abgeschlossen am 18. Jaacuur 1906.] 
Zeittchr. t d. nentest Wiss. Jahrg. VIT. 1906. 



34 G. Klein, Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers. 



Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers. 

Von Q. Klein in Stockholm. 

Wir besitzen bekanntlich zwei Rezensionen des Vaterunsers. Nach 
den neuesten kritischen Ausgaben des NT lauten dieselben folgender- 
maßen: 

Lc 1 1, 2 — 4 

1. Vater, geheiligt werde dein Name, 

2. Es komme dein Reich, 

3. Unser nötiges Brot gib uns täglich, 

4. Und vei^b uns unsere Sünden; denn auch wir vergeben jedem, 
der uns schuldig ist, 

5. Und fähre uns nicht in Versuchung. 
Mt 6, 10—13 

1. Unser Vater, der du bist in den Himmeln! Geheiligt werde 
dein Name, 

2. Es komme dein Reich, 

3. Es geschehe dein Wille wie im Himmel, so auch auf Erden, 

4. Unser nötiges Brot gib uns heute, 

5. Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vei^eben haben 
unsem Schuldnern, 

6. Und fähre uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Bösen. 
Folgende Abweichungen finden sich demnach im Lukanischen Texte: 

es fehlt die Zufägung zur Anrede „Vater". — Es fehlen weiter die bei 
Matthäus an dritter und sechster Stelle (zweite Hälfte) sich findenden 
Bitten. — Für die vierte Bitte hat Lukas die Übersetzungsvariante: gib 
uns täglich. — In der fänften Bitte liest Lukas „Sünden" und er hat die 
Präsensform „denn auch wir vergeben". Außerdem fehlt bei Lukjis der 
in späteren Handschriften des Matthäus sich findende doxologische 
Schlufi des Vaterunsers: denn dein ist die Kraft und die Herrlichkeit in 
Ewigkeit 



G. Klein, Die ursprüngüche Gestalt des Vai^runsers. 



3S 



Dagegen bestätigen alte Zeugeni daß Lukas in seinem Vaterunser 
auch eine Bitte um den heiligen Geist hatte. Welches ist nun die ur- 
sprüngliche Fassung des Vaterunsers? Nach Harnack* weder die eine 
noch die andere. Vielmehr hat er für die ursprüngliche Gestalt des 
Vaterunsers folgenden Wortlaut festgestellt: Vater, das Brot für den 
kommenden Tag gib uns heute, und vergib uns unsre Schulden, wie 
auch wir vergeben haben unsem Schuldigem, und führe uns nicht in 
Versuchung hinein* 

Nach meinem Dafürhalten besitzen wir die Urgestalt des Vaterunsers 
bei Matthäus; denn nur in dieser Form entspricht es den Anforderungen, 
die an ein jüdisches Gebet gestellt wurden* 

Nach Ps 119, 164 wurden sieben Eulogien für den Tag festgesetzt 
Daher kannte man vor der Zerstörung des Tempels nur Birkath Scheba, 
das „Sieben-Gebet"* — Das Vaterunser mit der Schlül^doxologie besteht 
aus sieben Bitten* 

Ein Gebet soll aus drei Teilen bestehen. Es beginne mit einem 
Hymnus, mit einer Verherrlichung Gottes (nDB^), Darauf folge das indi- 
viduelle Gebet (iT^sn) und den Schluü bilde eine Doxologie, eine Dank- 
sagung (iTlin). — Diese Ordnung findet sich auch im Vaterunser. — 
Die ersten drei Bitten enthalten eine Verherrlichung Gottes, denn Gottes 
Name wird verherrlicht, wenn sein Reich kommt und sein Wille geschieht. 
Die mittleren drei Bitten enthalten die eigentliche Tefillah, das indivi- 
duelle Gebet Und die siebente Bitte enthält die Doxologie. 

Zur Bekräftigung dessenj daß kein Gebet mit einer individuellen 
Bitte beginnen dürfe, dienen folgende Steilen: (Berakoth 31a)» Man 
könnte meinen, der Mensch dürfe um seine individuellen Bedürfnisse 
flehen und dann beten, das aber ist schon längst durch Salomo erklärt 
worden, denn es heißt i K S, 28: zu hören auf den Gesang und auf 
das Gebet „Gesang" bedeutet „LoV*; „Gebet'* bedeutet das indi- 
viduelle Bitten. Man verkündige darum zuerst Gottes Lob und dann 
bete man. 

Im Traktate Soferim 14, 22 lautet ein Gebet; Erhaben und gepriesen 
und geheiligt - ♦ . werde der Name des Königs aller Könige - . in den 
Welten, die er geschaffen . , nach seinem Willen und dem Willen 



» Adolf Hamack, Sitxongsberichte der kgl pr€U0. Äkad. d* "Wissenscli* — Sltiimg 
der philos. liistor* Klasse vom 21, Januar I904 V. Sondcrab druck S* 39» 

* HiT »n'j&nn bm niin ^» ztwyasb T\thm ^r an^Bia im ^V&n^ yrrn v:rct ai» bm^ b\T 
nwp3 it n^&n it rhrw) nV&n n?. Midr. Debarim E n yi-rih n^ßw ?o"pn Hm im^p tt n3*i 
b^^f^ 3"nm GTpG hm inn» an» im* uW> .m» hm. 

3* 



36 G. Klein, Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers. 

seines ganzen Volkes Israel. Möge erscheinen und sich offenbaren 
sein Reich. 

Das Kadischgebet, das am Schlüsse der hagadischen Vorträge rezi- 
tiert wurde,^ beginnt mit den Worten: Erhaben und geheiligt werde 
sein großer Name . . kommen möge sein Reich. 

Nach Berakoth 29b muß ein Gebet enthalten: Erwähnung des gött- 
lichen Namens (Haskarath ha-schem) und Erwähnung des Reiches 
(Haskarath malkuth). Darum betet auch Jesus: Geheiligt werde dein 
Name, es komme dein Reich. Name und Reich sind demnach un- 
zertrennlich. 

Dasselbe Kapitel in Matthäus, das das Vaterunser enthält, fuhrt uns 
auch in die Gedankenwelt Jesu ein. Es handelt von den Gaben, die 
denen zuteil werden sollen, die nach dem Reich Gottes trachten. Und 
seine Gedanken zusammenfassend spricht Jesus: Euer himmlischer 
Vater weiß ja, daß ihr dies alles bedürfet Trachtet aber zuerst nach 
seinem Reich und Recht, so wird euch dies alles zugelegt werden. 
Sorget nun nicht auf den morgenden Tag; der morgende Tag wird 
fiir sich selbst sorgen. 

Diese Worte in unmittelbarer Nähe des Vaterunsers bilden gleich- 
sam eine Erklärung und nähere Begründung der ersten drei resp. 
vier Bitten. V. 32 „Euer himmlischer Vater" entspricht dem „Unser 
Vater, der du bist in den Himmeln"; V. 33 „Trachtet C,ZiiTeiT€" gleich 
dem hebr. Wpa, rwpD = Gebet, Bitte) aber zuerst nach seinem Reich" 
entspricht dem: „es komme dein Reich"; „und Recht"* entspricht dem: 
„es geschehe dein Wille"; denn der Wille Grottes ist identisch mit Recht, 
mit ÖBIWD und HpTJ. „Sorget nicht auf den morgenden Tag" ent- 
spricht dem: „unser nötiges Brot gib uns heute". 

Nach Berakoth 30a soll ein Gebet, selbst des Einzelnen in der 
Pluralform abgefaßt sein. Die Stelle lautet: Stets soll der Mensch sich 
mit der Gemeinde verbinden, d. h. seine Nächsten in sein Gebet ein- 
schließen. 

Auch das Vaterunser ist in der Pluralform abgefaßt 

Varianten im Vaterunser. 
In dem Berichte vom Manna heißt es Ex 16, 4: „Und Jahve sprach 
zu Mose: Siehe, ich werde euch regnen lassen Brot vom Himmel, und 



X s. Zunz, Gottesdienstliche Vorträge S. 372 Anm. t 3 Vgi. die Parallelstelle 

bei Lc 12,29—31. Dort fehlt „und Recht"; darum fehlt auch die dritte Bitte. VgL aber 
Lc 22, 42 u. Parall., da scheint henrorxugehen, daD auch ihm diese Bitte nicht fremd war 



das Volk soll hinausgehen und sammeln den täglichen Bedarf an seinem 
Tage, damit ich es prüfe, ob es wandeln wird nach meiner Unterweisung, 
oder nicht-** 

In der Mechilta* z. St finden sich zwei Deutungen dieses Verses, 
R, Eleasar aus Modiim findet hier das Verbot» von einem Tag auf den 
andern Manna zu lesen. Die Worte: IDW QT* 121 deutet er: den Bedarf 
des Tages für dksen Tagi denn wer den Tag schuf der schuf auch 
seine Nahrung. Aus dieser Stelle folgert R. Eleasar: wer für heute zu 
essen hat und fragt:* was werde ich morgen essen? der gehört zu den 
Kleingläubigen, denn es heißt: damit ich es prüfe. (Nur der bewährt sich 
in der Prüfung, ob er Gottvertrauen hat, der für den andern Tag nicht 
sorgt,) Anders deutet R* Josua diesen Vers. Nach ihm besagen die 
Worte 1DVS OV 131 man sammle von dem einen Tage auf den andern. 

Eine ähnltche Meinungsverschiedenheit findet sich schon bei HiUel 
und Schammai. Bezah i6a liest man:^ Schammai pflegte zu sagen: 
vom ersten Tage deiner Woche an bereite dich für deinen Sabbat vor; 
während Hfllel mit dem Psalmisten zu sagen pflegten gepriesen sei der 
Herr Tag für Tag (Ps 6%, 20}. 

Die hier aufgeführte Meinungsverschiedenheit der Tannaim erklärt 
nach meinem Dafürhalten die Varianten in der Bitte ums Brot Nach 
Matthäus lautet dieselbe: unser nötiges Brot gib uns heute. Das ist 
ein Gottvertrauen, %vie es von Hillcl und Eleasar gefordert wurde, Lukas 
dagegen hat: unser nötiges Brot gib uns täglich. Das ist eine Auf- 
fassung wie sie auch Schammai und Josua hatten. 

Wie aber hat Jesus gebetet? Darauf antwortet das Evangelium mit 
klaren Worten, Nach Mt 6, 34 lehrte Jesus: „Sorget nicht für den mor- 
genden Tag, der morgende wird für sich selbst sorgen." Das entspricht 
ganz der angeführten Lehre R, Eleasars, Jesus fährt fort: p Je der Tag 
hat genug an setner Plage". Hier hat Jesus nach meiner Meinung gleich 
Hillel Ps 68^ 20 zitiert und hat dem Verse die Deutung gegeben: Gte* 
priesen sei der Herr, 1i^ ODy^ Dl^ Dr täglich legt er uns eine Plage auf. 



1 Ed. M* Fn«<lmftnii S. 74b D^nö CHM BifAw na yem ^»i*t -^ lövi d^'* -131 lop^ 

^ Dit ^mwiö i^^n iJDi« ;po^ Jt? nae« iDino n^ nn inis^ ^im no iDt«i a^^n Ssk^ rto- 

2 Sotah 48 b wird dieser Sprach mit «mer geringen Veränderutig im Namen des 
R> Elicser haggadol tradiert: nilöl* ^^bpü K^« ir« IftD^ ^31« rtD "tOlHI iVds n& "h ^SrW 'Ö Vd. 
Dieter Elieser gehört ^u den treuesten Tr^denten. Er sagt von ilch \ Nie babe ich etvos 
gesagt, das ich nicht von meinem Lehrer ubcrkomTiien hätte (Sukkah 28 a), Wir haben 
es demnach mit einem alten Spruche zu tun. J Y'^^^ T^*^ ^^ 



38 G. Klein, Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers. 

Jesus wird demnach gebetet haben: unser nötiges Brot gib uns 
heute. 

Lehrreich ist, daß Lukas in der Parallelstelle 12, 29 Jesu Spruch 
Mt6, 34 gar nicht hat Nach unserer Darstellung des Sachverhalts ist 
das kein Zufall, sondern der Spruch wurde mit Absicht fortgelassen. 

Eine weitere Variante haben wir in der fünften Bitte. Matthäus 
hat: wie auch wir vergeben haben, Lukas dagegen: denn auch wir 
vergeben. 

Wie mag nun Jesus gebetet haben? Auch hierüber belehrt uns 
Jesus selbst im Evangelium. — Unmittelbar an das Vaterunser knüpft 
Matthäus den Ausspruch Jesu an, unter welchen Bedingungen die Sünden- 
vergebung erfolgt. (Mt 6, 14) „Denn wenn ihr den Menschen ihre Fehler 
vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. (15) 
Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebet, so wird euer Vater eure 
Fehler auch nicht vergeben." — In der Parallelstelle Mc 11,25 heilit es, 
gleichsam bezugnehmend auf das Vaterunser: „Und wenn ihr euch zum 
Gebete stellet, so vergebet, was ihr gegen irgend jemand habt, damit 
auch euer Vater in den Himmeln euch eure Übertretungen vergebe." 

Demselben Gedanken gibt Jesus auch folgenden Ausdruck: (Mt 
5, 23 ff.) „Wenn du denn deine Gabe zum Altar bringst, und es fällt dir 
dort ein, daß dein Bruder etwas gegen dich hat, so lasse deine Gabe 
dort vor dem Altare, und gehe zuerst hin und versöhne dich mit deinem 
Bruder, und hierauf komme und bringe deine Gabe dar." 

Ganz so lehren auch die Rabbinen:* Sünden gegen seinen Neben- 
menschen werden am Versöhnungstag erst dann vergeben, wenn er 
seinen Nächsten um Versöhnung gebeten hat. Ohne diese erlangte Ver- 
söhnung würde man Jemandem gleichen, der das Reinigungsbad ninmit 
und gleichzeitig ein verunreinigendes Reptil in seiner Hand hält.* 

In Übereinstimmung damit betet nun Jesus: „Und vergib uns unsere 
Schulden, wie auch wir vergeben haben unsern Schuldnern." Die 
Kluft, die dich von deinen Nebenmenschen trennt, muß bereits überbrückt 
sein, der Akt der Aussöhnung muß bereits hinter dir liegen, wenn du 
Vergebung für deine Sünden erflehen willst. 

In der Parallelstelle Lc 12,58 fehlt Mts, 23. 24, auch das ist kein 
Zufall. 

Es hat sich uns demnach ergeben, daß das Vaterunser in allen 
Stücken den Anforderungen, die an ein jüdisches Gebet gestellt wurden, 



X Mischnah Joma VIII, 9. 2 Taan. 16 a. 



G. KieiHf Die ursprüögUchc Gestatt des VateruDsers. 



39 



entspricht. Es beginnt mit der Heiligung des göttlichen Namens, diesem;^ 
folgt die Bitte ums Reich, In diesem Reiche möge Gerechtigkeitj 
herrschen, d, h. alles geschehe nach dem Willen Gottes im Himmel undJ 
auf Erden. Dies ,,ayf Erden*' bildet den Übergang %\i den individuelleü 
Bitten, — So gehören zunächst diese fünf Bitten zusammen und ihren 
authentischen Wortlaut besitzen wir im Evangelium Matthäus^ wie das 
aus den im Namen Jesu ül>erliererten Aussprüchen bestätigt wird. Daß 
die sechste Bitte zum Vaterunser gehört, ist nie in Zweifel gezogen 
worden. Diese besteht aber aus zwei Teilen wie bei Matthäus und nicht 
wie bei Lukas, der nur den ersten Teil hat; „und führe uns nicht in^ 
Versuchung," Das ergibt sich zunächst aus einem alten jüdischen Ge- 
bete, das also lautet: . . „führe uns nicht in Versuchung und Verunehrung 
und gib dem bösen Triebe keine Gewalt über uns." 

Erlöse uns vom „Bösen" bedeutet nämlich nichts anderes, als vom 
„bösen Triebe", Jezer hara, d. i. vom „Gesetze des Fleisches", Beweis 
dessen ist Mt 26,41: In Gethsemane sprach Jesus zu seinen Jüngern: 
„Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung (ck ireipac^dv) 
faltet j der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach". IClarer als 
mit diesen Worten kann der Inhalt der zweiteiligen sechsten Bitte nicht 
ausgedrückt werden, Jesus betet: Führe uns nicht in Versuchung, (denn 
der jezer hara hat Gewalt über das schwache Fleisch), sondern erlöse 
uns vom Bösen (befreie uns ganz von ihm, dann übt er keine Gewalt 
mehr über uns aus). Es verdient weitere Beachtung, daH nach der 
jüdischen Tradition in der messianischen Zeit der „böse Trieb" ent- 
wurzelt werden wird nach Ez 36,26/ Lukas, der diese Bitte nur in der 
fForm hat; „Und flihre uns nicht in Versuchung**» laut Jesus sprechen 
(22^ 45): „Stehet auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet" 
Dagegen hat Marc 14, 38 auch den Nachsatz. 

So hat sich auch die sechste Bitte nach Matthäus auf Grund von 
anderweitigen Aussprüchen Jesu als authentisch erwiesen. 

Für die siebente und letzte Bitte endlich findet sich zwar keine 
Parallele, aber ich halte es nicht für unmöglich, da& sie von Jesus selbst 
herrührt. Zunächst konnte Jesus nicht mit „Bösem" schließen. Nach 
jüdischem Denken und Fühlen mußte man 510 Ü15 mit etwas Gutem 



I Seder EliahM rabba S. 19 Pin ■ßP' m DaittDö p«n 5^ n» ^M^Dni; das. S. 61. Gott 
bedauert» <!en bösen Trieb erseliaßrcq %rx baben, Id folge dieser Reue ward den Sun dem 
die Möglicbkeit gegeben» Buße eu tun, Indem sie sprechen- ^Schöpfer der Welt, Dir bt 
ei offenbar und bekannt, dal^ der böse Trieb uns {tmx Sünde) lockt, o nimm uns ent* 
gegen in deiner großen BarmherfEgkeit, da wir vollkommene Buße vor dir tun/' 



40 G. Klein, Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers. 

schließen. ^ Das geht schon bis auf die prophetische Zeit zurück. Daraus 
erklären sich manche Zusätze zu den Propheten. Dasselbe Verfahren 
findet sich auch in der Mischna. Da sich femer die ersten sechs Bitten 
an die jüdische Form anlehnen und mit nv^ mit der Verherrlichung 
Gottes beginnen und auf diese das individuelle Gebet, die Tefillah, folgen 
lassen, so wird wohl Jesus das Gebet dem jüdischen Schema gemäß mit 
einer rP*Tin, einer Doxologie, abgeschlossen haben. Diese haben wir nun 
in der i Chr 29, 10 entlehnten siebenten Bitte. Dadurch wird das Gebet 
aber auch ein „Birkath Scheba", ein Siebengebet. 

Daß diese siebente „Bitte" schon früh den Schluß des Vaterunsers 
bildete, geht aus der Didache hervor. 

Die Bitte um den heiligen Geist. 

Wie aus Tertullians Streitschrift gegen Marcion hervorgeht, las dieser 
statt der ersten Bitte um die Heiligung des göttlichen Namens: „es komme 
dein heiliger Geist über uns und reinige uns." Auch Gregor von Nyssa 
371 — 394 kennt dieses Gebet. Und noch im siebenten Jahrhundert 
schreibt Maximus Confessor „freilich sichtlich im Anschluß an Gregor" in 
seiner Auslegung des Vaterunsers: was hier Matthäus „Reich" nennt, 
bezeichnet anderwärts ein anderer der Evangelisten mit „heiliger Geist", 
indem er sagt: „Es komme dein heiliger Geist »(„über uns" fehlt) und 
reinige uns."* 

Es gilt zunächst die Frage zu beantworten: wie kam die Bitte um 
den heiligen Geist ins Vaterunser? Eine weitere Frage ist: warum wurde 
diese Bitte aus dem Vaterunser entfernt? Zu einer Beantwortung dieser 
Fragen kann erst dann geschritten werden, wenn zuvor festgestellt wird, 
welche Bedeutung der heilige Geist, nach jüdischer Tradition, im messia- 
nischen Zeitalter haben sollte und welche Wirkungen von ihm erwartet 
wurden. 

In einer Baraitha, die der im zweiten Jahrhundert n. Chr. lebende 
Chasid R. Pinchas ben Jair tradiert hat, wird eine Reihe von Tugenden 
aufgezählt, deren Besitz den Menschen befähigt, des heiligen Geistes 
teilhaftig zu werden. Der Schluß seines Ausspruches lautet: „der Besitz 
des h. Geistes führt zur Auferstehung der Toten." 



1 Jer. Meg. 5, 7. Sofcrim 12. Maimonidcs M. Th. Hilch. Tcfilla 13. 

2 VgL von Sodens sehr bemerkenswerten Anfsats: Die ursprüngliche Gestalt des 
Vaterunsers, in „Die christliche Welt" 1904 No. 10. 



G. Klein, Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers. 41 

Das wird bewiesen aus Ez 37, 14: und ich werde meinen Geist in 
euch geben und ihr werdet leben.* 

Daß die Auferstehung der Toten im messianischen Zeitalter erwartet 
wurde, wissen wir aus Dan 12,2. 

Um diese Zeit herbeizuführen, bedarf es in erster Linie der Umkehr 
und Buüe, vgl. Jes 59, 20. Denn ohne Umkehr kann Israel nicht erlöst 
werden. Und diese große Bekehrung (Teschuba gedola) Israels wird 
stattfinden bei der Wiederkunft des Propheten Elia nach dem Worte der 
Schrift: Mal 3,23: Siehe, ich sende euch Elias, den Propheten, bevor 
eintrifft der Tag des Ewigen, der große und furchtbare.* 

Durch ein symbolisches Zeichen sollte dieser Umkehr Ausdruck 
gegeben werden und von alters her hatte man ein solches Zeichen in 
der (Tebilah) Taufe. — Ex 19, 10 spricht der Herr zu Mose: Gehe zum 
Volke und heilige es. Seder Elijahu Rabba^ erklärt: diese Heiligung 
geschehe durch die Taufe. Auch der Aufnahme von Proselyten muß 
die Taufe vorangehen. Kerithot 9a wird gefragt: aus welcher Stelle der 
Schrift läßt sich die Notwendigkeit des Taufbades erweisen? Aus Ex 
24, 8: Und Mose nahm das Blut und sprengte es auf das Volk. Eine 
Besprengung ohne Taufbad ist undenkbar (,»ween hosaah belo tebila"). 
Daß die Essäer sich dieses Symboles bedienten, um den äußersten Grad 
der Reinheit zu erlangen, ist bekannt. 

Über das Wasser als Symbol der Buße werden wir in folgender 
Weise belehrt: 

I Sam 7, 5 spricht Samuel: „versammelt das ganze Volk gen Mizpa, 
daß ich für euch bete zum Ewigen. Und sie versammelten sich gen 
Mizpa, und schöpften Wasser und schütteten es aus vor dem Ewigen 
und fasteten an demselben Tage und sprachen daselbst: wir haben wider 
den Ewigen gesündigt." — Der Midrzisch* fügt hinzu: was ist die Meinung, 
daß sie Wasser geschöpft und ausgeschüttet haben? Das will sagen, 
sie haben Buße getan und ihr Herz wie Wasser vor Gott ausgeschüttet 



I Mischna Sota 9 Ende, vgl. W. Bacher, Agada der Tannaiten I 276, II 497 und 
Seder Elijahu Einleitung S. 27. 

a Jer. Erubin. Jer. Schabbat 1, 5 : ^TTn ^JVUI T^ö'^ D^DOn rrnn Vrh *rao «HpH mi 

Dirm DDa. joma86an. b: ^^1 h«\^ \irh Hai 'ivf h»^76 ^Kn«r ynrrsf miiwvi «atn. Pirke 
d*R. Eliescr, 43 Ende: yhni^ p^H nawn ymsf buniff' YH DH. das.: nawn penp ^m«r pw 

. . . ^3iH nn 'ir VT^H KirW TP T^VM. Vgl. Midr. Agada S. 39 u. 40 über Teschuba. 

3 Editio Friedmann S. 72 : n^^aei DflttTip. 

4 Midr. Tehillim 119 Schluß und Midr. Sam. z. St.: i6m D'^fiivn D'imV VH Dns IPMI 

l^h D^BD ^3ß«f new 1.T0T pi Tvohvf mwjo rQ"pn ^iß^ d^3 üih 'ow\ ny\w\ wpw. 



42 G. Klein, Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers. 

in vollkommener Buße. So sagt auch Jeremias Klagel 2, 14: Schütte aus 
dein Herz wie Wasser. 

In diesem Sinne taufte auch Johannes und predigte von der Taufe 
der Buße zur Vergebung der Sünden, Mc 1,4 und Parallelen. Von dem, 
der nach ihm kommen sollte, erwartete er aber noch mehr. „Ich taufe 
euch mit Wasser, er aber wird euch mit dem heiligen Geist taufen", 
Mc I, 8. 

Nach meinem Dafürhalten hat Johannes diese seine Predigt an 
Ezechiel 36, 25 — 27 angeknüpft. Auf seine eigene Taufe bezog er den 
Vers: „Und ich sprenge reines Wasser über euch, daß ihr rein werdet; 
von allen eueren Unreinheiten und von all eueren Götzen will ich euch 
reinigen." Auf seinen Nachfolger, der mit Geist taufen soll, bezog er 
die folgenden Verse: Und ich gebe euch ein neues Herz, und einen 
neuen Geist gebe ich in eure Brust . . .* Und die Wirkung dieses 
Geistes soll sein, wie schon oben auch auf Grund einer Stelle bei Ez 
37, 14 ausgeführt wurde, Auferstehung der Toten. 

Daß Jesus in seinem messianischen Beruf von einer solchen Wirkung 
des heiligen Geistes überzeugt war, kann man deutlich aus den Evan- 
gelien ersehen. — Zunächst berichten die Synoptiker einhellig, daß Jesus 
nach der Taufe des Johannes in den Besitz des heiligen Geistes kam. 
Weiter berichten sie, daß Jesus zu seinen Jüngern gesprochen: „wahrlich, 
ich sage euch, es sind einige unter denen, die hier stehen, welche den 
Tod nicht kosten werden, bis sie das Reich Gottes kommen sehen mit 
Macht.-* (Mc 9, 1 und Parallelen ) 

Auf die Anfrage des Johannes: „Bist du, der da kommen soll, oder 
sollen wir eines andern warten?" antwortet Jesus: „Gehet hin und berichtet 
an Johannes, was ihr hört und sehet. Blinde sehen wieder und Lahme 
gehen. Aussätzige werden rein und Taube hören und Tote werden 
erweckt und Armen wird die frohe Botschaft gebracht." (Mt 11 ; Lc 7). 

Soviel steht fest, daß Jesus die Auferstehung der Toten als un- 
mittelbar bevorstehend sich dachte. Vgl. Lc7, 11 — 17, das wird un- 
mittelbar vor der Anfrage des Täufers erzählt. Von der Wiederbelebung 
des Jairus Töchterlein berichten einstimmig die Synoptiker. Mit Recht 
sagt Holtzmann:* „Es versteht sich von selbst, daß bei so kurzer Er- 
zählung eines höchst merkwürdigen Vorganges noch gar mancherlei 
Fragen übrig bleiben. Aber deshalb hat man durchaus keinen Grund, 
die ganze Erzählung als sagenhaft zu verwerfen, da sie in sonst glaub- 

X S. meinen Aufsatz: Zur Erläuterung der Evang. in Ztschr. f. d. neutestam. 
Wiisensch. 1904« S. 149. > Oscar Holtzmann, Leben Jesa 1901, S. 213 Anm. 



G, Kieita, Die urspruiigUche Gestalt des \'aLerunsers» 



43 



würdigen Quelle überliefert ist*'* Außerdem muß in Betracht gezogen 
werden, daß nur die Annahme, daß Jesus Taten vollbracht^ die ihm und 
seinem Anhange als „wunderbar", als „übernatürlich" erschienen, sein 
energisches Messiasbewußtsein erklärt. Und was konnte Jesus mehr m 
seinem Glauben an seinen messianischen Beruf stärken, als eine von ihm 
geglaubte Wiederbelebung eines Tüten. Nur aus dieser Überzeugung 
heraus, die ihn und seine Jünger erfüllte, konnte der vierte Evangelist 
Jesus sprechen lassen: „Denn wie der Vater die Toten aufweckt und 
lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will" (S, 21, 
vgL das ganze Kap. 5 u* iIj42}. 

Es kann demnach keinem Zweifel unterliegen, daß Jesus von dem 
heiligen Geist, in dessen Besitz er sich wußte, schon bei Lebzeiten die 
Auferstehung der Toten erwartete und mit dieser die Ankunft des 
Gottesreiches. Von hier aus verstehen wir erst recht; warum Jesus sein 
Gebet mit „Geheiligt werde dein Name" eröffnete und dieser die Bitte 
ums „Reich" folgen ließ. Denn nach jüdischer Anschauung wird der 
Name Gottes durch die Auferstehung der Toten geheiligt Im 
Seder EUjahu rabba/ einem Midrasch, der alte chasidäische Aussprüche 
enthält^ heißt es: „Der Heilige, gelobt sei er, läßt die Toten in 
dieser Welt auferstehen, damit sein großer Name geheiligt 
werde*** In demselben Kapitel wird die Auferstehungsvision des Pro- 
pheten Ezechiel behandelt und am Schlüsse heißt es: aus £257,9 „Und 
er sprach zu mir: weissage dem Geiste; weissage, Menschensohn, und 
sprich zu dem Geiste: So spricht der Herr: aus den vier Winden komme, 
o Gdst, und wehe diese Getöteten an» daß sie leben!" folgt, daß Nebu- 
kadnezar, der König von Babel, sie erschlagen hatte. Und als sie wieder 
belebt wurden und auf ihren FüÜen stehen konnten und sich vermehrten, 
da wurde der Name des HeiUgen gelobt und verherrlicht in der W^elt, 
von einem Ende bis zum andern, Und von dieser Stunde heißt es; 
£238,23 „Und ich erweise mich groß und heilig, und tue mich 
kund vor den Augen vieler Völker, und sie erkennen, daß ich 
Jahve bin". 

Auf diese Stelle gründet sich das Gebet für Leidtragende, das 
sogenannte Kadisch gebet, das zum Inhalte hat: die Bitten um Heiligung' 
des göiÜichtn Namens und und um das Kommen des Reiches, Denn auf 
die Erfüllung dieser Bitten folgt die Auferstehung, — So lagen auch 
Jesus zunächst diese Bitten am Herzen* Sie bildeten den Mittelpunkt 



1 ^lin iQP cnp^ na mn b^ud Tf^pn^ B^ren n^na a aalt 



44 G. Klein, Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers. 

seines Sehnens und Hoffens. Und diese aus dem Vaterunser streichen, 
hieße Jesu des Teuersten zu berauben, was seine Brust erfüllte. 

Wie aber verhält es sich mit der Bitte um den h. Geist? wie kam 
diese ins Vaterunser? Da Jesus im Besitz des heiligen Geistes war, so 
konnte er dieses Gebet nicht gesprochen haben. Diese Bitte konnte 
nur von einem herrühren, dem der heilige Geist noch ein Gegenstand 
der Sehnsucht und der Verheißung war — von Johannes. Zu dieser 
Erkenntnis ist auch von Soden gelangt. Er hält diese Bitte für ein 
Taufgebet aus der Taufbewegung des Johannes stammend. „Seine 
Taufe ist nur ein Sinnbild der Buße. Reinigung bringt erst der Messias 
(Mt 3, 12; Lc 3, 17 „er wird seine Tenne reinigen"), der mit dem Geist 
und mit Feuer tauft (Lc 3, 16). Ja nach Joh 3, 25 wird im Anschluß an 
die Taufbewegung die Frage der „Reinigung" diskutiert. Die von 
Johannes Getauften harren dem messianischen Heil entgegen, dessen 
Erstlingsgabe der heilige Geist ist. Trefflich paßt da das sehnsüchtige 
Gebet für die durch die Taufe sich für die messianische Zeit Rüstenden: 
Es komme Dein heiliger Geist über uns und reinige uns. Warum sollte 
nicht der Täufer die Seinen solch ein Gebet gelehrt haben?" — So weit 
von Soden, dem ich mich insofern anschließe, daß auch ich die Bitte 
für ein Taufgebet halte. Nur muß ich den Satz: „Reinigung bringt erst 
der Messias" anders fassen. Nach dem oben Ausgeführten muß die 
Reinigung und die Buße der Ankunft des Messias vorangehen, ja diese 
bewirken erst die Ankunft des Messias. Sicher bringt der Messias auch 
Reinigung, aber seine Reinigung wird anderer Art sein; er wird mit 
Geist und Feuer taufen und reinigen wird er am Tag der Auf- 
erstehung die Gerechten von den Gottlosen. Das ist der Sinn der 
Worte bei Lc 3, 17: „Er hat seine Wurfschaufel in der Hand, seine 
Tenne zu säubern und den Weizen in seine Scheuer zu bringen. Die 
Spreu aber wird er verbrennen mit unverlöschlichem Feuer" (vgl. 
Dan 12). — Ich habe oben darauf hingewiesen, daß die Predigt des 
Johannes an EZ36, 25— 27 angeknüpft hat. Da der Inhalt des kurzen 
Taufgebetes mit der Predigt des Johannes identisch ist, so wird auch 
dieses Gebet uns erst durch Ezechiel recht verständlich. Um so ver- 
ständlicher, wenn wir an die Formel denken, die in alten jüdischen 
Gebeten angewendet wird: Gib uns dies oder jenes, wie geschrieben 
steht So mag auch Johannes gebetet haben: Es komme dein heiliger 
Geist und reinige uns, wie geschrieben steht: Und ich sprenge reines 
Wasser über euch, daß ihr rein werdet .... und gebe ich euch ein 
neues Herz, und einen neuen Geist gebe ich in eure Brust . . . 



G. Klein, Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers. 



4S 



Wie kam aber diese Bitte ins Vaterunser? Ich nehme zum Aus- 
gangspunkt die Notiz bei Lc ii, i: ,,Einer seiner Jünger sagte zu ihm: 
Herr, lehre uns beten, so wie auch Joliannes seine Schüler gelehrt hat,*' 

Wir wissen aus Daniel, wie man sich in Zeiten der Drangsal in die 
Schriften vertieft hat, um das „Ende" zu erspähen. Seit Daniel hat das 
Studium der Schrift nach dieser Richtung nicht abgenommen. Die 
römische Tyrannis hat dafür gesorgt, daß die Frommen in Israel keinen 
anderen Ausweg kannten, ,,als ihren Blick auf ihren Vater im Himmel 
zu richten**. Je grö&er die Not, desto stärker die Hoffnung auf den 
Retter, auf den Messias. Man suchte In der Schrift, stärkte sich an der 
Schrift und man gab seine Weisungen aus der Schrift Die Propheten- 
abschnitte, namentlich die von der glücklichen Zukunft handelten, waren 
der Mittelpunkt des Sehnens und Hoffens, Aus ihnen hat auch Johannes 
geschöpft. Namentlich war es das 36- Kapitel in Ezechiel, in dem er 
die Richtschnur für sich und seinen Nachfolger gefunden. Die Verse 
25 — 27 sind das Thema seiner Büßpredigten, der Inhalt seiner heißen 
Bitten, 

Es ist daher nicht unmöglich, daß Jesus, dessen Lebenswerk ohne 
Johannes fiir uns undenkbar ist, angeregt durch den Täufer, diesem 
Kapitel in Ezechiel die gleiche Sorgfalt, gleiche Vertiefung widmete. 
Und auch er hat, anknüpfend an die Zukunfts Verheißungen dieses Pro- 
pheten, seine Bitten, die wir als Vaterunser kennen, formuliert. 

Dem V. 23: j^Und ich werde heiligen meinen großen Namen'^ . . . 
entspricht die erste Bitte; Geheiligt werde dein Nam-e. 

Dem V. 24: pUnd ich werde euch nehmen aus allen Völkern und 
euch sammeln aus allen Ländern" . . . entspricht die zweite Bitte: Es 
komme dein Reich.' 

Den VV, 25^ — 27 entspricht die Bitte um die Reinigung durch den 
h* Geist. 

Dem V. 26b: »,Und ich werde entfernen das steinerne Herz* aus 
euerem Fleische" entspricht die sechste Bitte: Erlöse uns vom Bösen. 

Dem V. 28: „. . . Und ihr werdet mir zum Volke und ich euch 
zum Gotte sein" entspricht die dritte Bitte: Es geschehe dein Wille 
wie im Himmel, so auch auf Erden. 

Den VV, 29b und 30 : ,,Und ich werde . , • dem Getreide rufen und 
es vermehren, und Über euch keine Hungersnot lassen. Und werde ver- 



^ ,gSammIting der Zerstreuteß" gehört lu den wichtigsten Verheißungen in der 
messi^ni^hen Zeit> 

* So wird der ftböse Trieb** genannt, vgL oben. 



46 G. Klein» Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers. 



mehren die Frucht des Baumes und den Ertrag des Feldes" usw., ent- 
spricht die vierte Bitte: Unser nötiges Brot gib uns heute. 

Dem V. 3 1 : „Dann gedenket ihr eurer bösen Wege und eurer Hand- 
lungen, die nicht gut waren, und ihr werdet mit euch selber hadern ob 
euren Missetaten und ob euren Greueln" entspricht die fünfte Bitte: Und 
vergib uns unsere Schulden. 

So finden sich die Keime zu den sechs Bitten, die in Jesus beten- 
dem Herzen sich zum „Vaterunser" gestaltet, im 36. Kapitel des Pro- 
pheten Ezechiel. Hier findet sich auch aber der Keim zu einer siebenten, 
zur Bitte um den heiligen Geist. — Hat Jesus auch diese Bitte gesprochen? 
Die vorhandenen Geschichtsquellen gestatten uns kein Urteil über Jesu 
Wirksamkeit vor seinem Zusammentreffen mit Johannes. Möglich, daß 
auch er gleich Johannes diesen Gebetsseufzer oft ausgestoßen hat. Aber 
das steht fest, daß Jesus nach der Taufe des Johannes sich im Besitze 
des heiligen Geistes wußte. Durch diese Taufe ist das Messiasbewußt- 
sein in ihm erwacht und als Messias hat er diese Bitte nicht gesprochen. 
Er hat sie also aus seinem Gebete ausgeschaltet.' Wie konnte er um 
eine Gabe bitten, in deren vollen Besitz er sich wußte, kraft deren er 
jeden Augenblick in der Lage zu sein wähnte, die Welt aus den Angeln 
heben zu können. 

Wir wissen nun, in welchem Zusammenhang die Bitte um den hei- 
ligen Geist mit dem Vaterunser steht. Die Kenntnis dieses Zusammen- 
hanges scheint noch nachzuklingen in der Notiz Lc ii,i: Sie besagt 
nichts anderes, als daß die beiden Gebete einer Wurzel entstammen. 

Als Jesus starb und die Wirkung des heiligen Geistes in seinem 
Sinne ausblieb, so übertrug man auf denselben andere Wirkungen. Diese 
Umwertung des Begriffes „heiliger Geist" ist aber in verschiedenen 
Kreisen verschieden zum Ausdruck gekommen. — Im vierten Evange- 
lium 3,5; 7,38.39 wird das Wasser, ursprünglich das Symbol der 
Johanneischen Bußtaufe, geradezu das Symbol des heiligen Geistes. Daher 
ist es nicht unmöglich, daß man auch in christlichen Kreisen auf Grund 
dieser Umwertung und bezugnehmend auf Ez 36, 25 das Taufgebet des 
Johannes sich aneignete. „Ist dann späterhin bei den Christen vom Täuf- 
ling außer der Taufbitte auch das Vaterunser gesprochen worden, so bot 
auch dies Anlaß, die erstere beim Vaterunser am Rande beizufügen", 
sagt V. Soden. Ich glaube, man tat dies mit vollem Bewußtsein und im 
Glauben, das Vaterunser in seinem ursprünglichen Wortlaut zu besitzen. 



X Und es kam an ihre Stelle die Doxologie aus i Chr 29, 10. 



G. Klein, Die ursprüngliche G^talt des Vaterunseri. 



47 



So ist die Bitte um den heiligen Geist in das Vaterunser hinein- 
gekommen. Allmählich dringt, namentlich durch paulinische Dogmatik, 
eine neue Auffassung des heiligen Geistes durch. Nach Joh20, 21 — 23, 
identisch mit Apostelgeschichte 2, wird der h- Geist Besitz der Jünger,* 
Hamack drückt das treffend so aus: „Die Begahung mit dem (heiligen) 
Geist war im apostolischen und nachapostolischen Zeitalter das ent* 
scheidende, den Christenstand begründende Erlebnis. Und so wurde 
diese Bitte um den h, Geist wieder entfernt," Am längsten erhielt sie 
sich im Lukastext Marcions. Ihm paßte diese Bitte in sein judenfeind- 
liches System hinein. „Er sah sie als eine andere und glücklichere 
Fassung der ersten Bitte an, in der ihn der zu heiligende Name zu sehr 
an den Jehova der Juden gemahnte/** 

Es gilt jetzt noch einige Worte über die dunkle Überlieferung in 
der Apostelgeschichte 19, 2 — 4 zu sagen. Paulus traf zu Ephesus einige 
Jünger und sprach zu ihnen: ,,habt ihr den heiligen Geist empfangen, da 
ihr gläubig wurdet? Sie aber erwiderten: Nein, wir haben auch nicht 
gehört, ob es einen heiligen Geist gibt Er aber sagte: auf was seid ihr 
denn getauft? sie aber sagten; auf die Taufe des Johannes, Paulus aber 
sagte; Johannes hat die Taufe der Buüe getauft, indem er das Volk 
hinwies auf den, der nach ihm kommen sollte, dali sie dem glaubten, das 
heißt auf , , . Jesus, Da sie es aber hörten, wurden sie auf den Namen 
des Herrn Jesus getauft. Und da ihnen Paulus die Hände auflegte, kam 
der heilige Geist über sie « . . ," 

Wir haben es hier mit Jüngern zu tun, die aus dem Täufer- 
kreise stammten. Für sie war die Umwertung des Begriffes ,,heiliger 
Geist" noch ein unbekannter Faktor* Das Herabkommen des Geistes 
bedeutete für sie, wie für Johannes nach Ez 37, 14 das Erscheinen des 
Messias, der kraft des heiligen Geistes die Auferstehung herbeifüJiren 
wird. Und auf die Frage des Paulus, ob sie den h. Geist empfangen hätten, 
antworten sie höchst erstaunt: „Wir haben nicht einmal gehört, daß es 
einen heiligen Geist gibt, wie du ihn lehrst. Wir sind auf die Taufe des 
Johannes getauft und der h, Geist kommt uns nicht zu, sondern einem 
Größeren/' Da erwidert ihnen Paulus ! dieser Größere ist bereits 



< Vgl E. V. Dobichüb, Ostem und Pßngsten, DaB die Kap, 36 u. 37 d»uch bei der 
UmbUdung der Lelire Tom h. Geiste machgewirkt, geht hervor^ aus Jäh. 30,32» verglichen 
mit Ei 37, 9, 

' Möglicherweise stammt auch aus diesem Kreise das: ^Jehre uns beten, so wie auch 
Johannes seine Schüler gelehrt bat*** Und der Sinn wäre: wie Jobannei um den b. 
Geilt gebeten, so lehre auch du uns di^se Bitte, — So wurde diese Bitte auf Jesus selbst 
auriick gefuhrt. Und so änderte m^n auch Lc 11,13 ,»h, Geist" für „Gutes** Mt 7, n* 



48 G. Klein, Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers. 

gekommen und hat seinen Jüngern die Gabe des heiligen Geistes verliehen 
und ihnen die Vollmacht gegeben, durch die Taufe auf den Namen Jesu 
und durch Handauflegung auch andere in den Besitz des heiligen 
Geistes gelangen zu lassen. „Und da ihnen Paulus die Hände auflegte, 
kam der heilige Geist über sie, und sie redeten mit Zungen und 
weissagten." 

Das war die neue, ihnen bis dahin fremde Wirkung des Geistes. 
Es war die Erfüllung der Weissagung — nicht Ez 37, 14; diese wird sich 
beim zweiten Advent erfüllen, sondern Joels von der Ausgießung des 
Geistes über alles Fleisch^ die jetzt im Mittelpunkt stand und Geist und 
Herz der Gläubigen beherrschte. 

Das Resultat unserer Untersuchung ist demnach Folgendes: Die 
Urgestalt des Vaterunsers besitzen wir noch und zwar in der Form, wie 
es uns im Evangelium Matthäus überliefert worden ist. Nur in dieser 
Form ist es, um mit Harnack zu sprechen, „den offiziellen jüdischen 
Gebeten blutsverwandt", aber das gerade spricht für seine Echtheit. 
Denn auch aus den offiziellen jüdischen Gebeten* weht uns Propheten- 
und Psalmistengeist entgegen. Ich stimme Harnack bei, wenn er sagt: 
„Der Zusammenhang aber, in den Matthäus das Vaterunser gestellt hat, 
ist offenkundig unrichtig. In Verbindung mit einer langen Rede kann 
es nicht gestanden haben, am wenigsten nach der Mahnung:" „Wenn 
du betest, gehe in dein Gemach, und, nachdem du die Türe geschlossen, 
bete zu deinem Vater." Ja man darf auf Grund dieser Stelle fragen, 
ob Jesus überhaupt ein Mustergebet und ein solches für viele zugleich 
(f||ieic)3 gelehrt haben kann." Nein. Jesus hat sicher nicht daran ge- 
dacht, ein Gebetsformular für eine kultische Gemeinde zu schaffen. Sein 
Gebet ist vielmehr ein Kind des Augenblickes, aus der messianischen 
Stimmung heraus geboren. Es ist ein Aufschrei der Seele zu Gott, um 
ihr das zu geben, was für den Augenblick der Welt not tat. Harnack 
hat auch darin recht, wenn er sagt: „Man kann nicht jedem in jedem 
Momente zumuten, er solle um die Heiligung des Namens Gottes, das 
Kommen des Reiches usw. bitten." Das hat Jesus aber auch gar nicht 
verlangt. Er hat vielmehr die Zukunft, „das Ende", in der Gegenwart 
erwartet und seine Bitten sind durch und durch messianisch, insofern er 
deren Gewährung jeden Augenblick erhoffte. Von den ersten drei Bitten 



« Und das gilt auch für die Gebete der nachchristL Zeit, vgl. die Gebete für den 
Neujahrs- und Versöhnungstag. 

a Ist wahrscheinlich Fragment einer Predigt, die zum Ausgangspunkt Jes26,20 hatte, 
3 Über die Fluralform auch beim individuellen Gebete vgL oben. 

25. X. X906. 



G* Kleini Die ursprüngliche Gestalt des Vatertm5er&. 



49 



braucht das nicht erst bewiesen zu werden. Aber auch die drei resp. 
vier letzten sind für die Gegenwart^ und zwar für die allernächste, 
berechnet. 

Jesus bittet um das nötige Brot für heute. Um sich würdig für 
das Gottesreich vorzubereiten, muß man seinen Schuldnern bereits ver- 
geben haben. Auch das letzte Hindernis, der ,jböse Trieb", muß vorerst 
beseitigt sein. Und das wird und muli geschehen; denn Gott gehört 
die Kraft und Herrlichkeit in Ewigkeit, 

Dieses Gebet haben die Jünger Jesu als heiligsten Schatz treu be- 
wahrt. Und nach seinem Tode war dieses Gebet das teuerste Ver- 
mächtnis, das der Meister seiner ersten Gemeinde hinterlassen hatte. Und 
dieser Besitz der Urgemeinde, die aus Juden bestand, ist uns im Evan- 
gelium Matthäus treu erhalten worden. — Allmählich dringt das Evan- 
gelium auch in heidnische, zum Teil auch judenfeindliche Kreise. Un- 
vermerkt erleiden die Zentral begriffe des Urchristentums mannigfaltige 
Veränderungen. Aus dem Messias wird der Logos, der heilige Geist 
wird hypostasiert, wird dauerndes Besitztum und neue Wirkungen 
knüpfen sich an denselben. Auch dem „Reich Gottes" wird Gewalt 
angetan und die Heiligung des göttlichen Namens wird ein unverständ- 
licher Begriff. Da kann es nicht Wunder nehmen, daß man namentlich 
mit den ersten drei Bitten frei schaltete, daÜ man manche Pointen, die 
die Augenblicksstimmung reflektierten, wegließ und den Spuren dieser 
Veränderungen können wir noch nachgehen in unserem Lukasevangelium, 
dem Liebling sevangeli um Marcions. — — 

Im Zusammenhange mit dem Vorgetragenen mögen hier noch die 
Ansichten Rabbi Akibas über den heiligen Geist und über die Reinigung 
angeführt werden. 

An Deut i8, 11^ knüpft Akiba Folgendes: Wenn derjenige^ der sich 
aushungert und dann auf dem Totenacker übernachtet^ damit der Geist 
der Unreinheit auf ihm ruhe, dies auch erreicht; sollte nicht, wer sich 
kasteiet, um den heiligen Geist auf sich zu bringen, dies um vieles eher 
erzielen? Aber was kann ich tun, unsere Sünden haben es bewirkt 
(daß der heilige Geist von uns gewichen ist), nach Jes 59, 2, 

Wenn es aber keinen heiligen Geist gibtj wie soll Israel von seinen 
Sünden gereinigt werden? Darüber belehrt Akiba in folgender Weise: 
Heil euch, Isiaelitent vor wem reinigt ihr euch und wer ist es, der euch 



) S^nhed. 6jb« In Sifre t^ St. wird das im Namen Eleasafs so tradiert: DH 71& 

"^^t vgL Bacher^ die Agada dtt Tannaiten I, 334, 

Zeiuclir. t (L aeutesL Wtss. Jaiu£. VII- 1906. ^ 



50 G. Klein, Die ursprüngliche Gestalt des Vaterunsers. 

rein macht? Euer Vater im Himmel, denn es steht geschrieben (Ez 36, 25) : 
Und ich will über euch sprengen reines Wasser usw. Ferner heißt es 
(Jer 17, 13): „Gott ist Israels Tauchbad" (=» Mikweh), so wie das Tauchbad 
den Unreinen rein macht, so wird Israel durch Gott rein.* 

Im Seder Elijahu rabba S. 105 heißt es: komm und bewundere die 
Kraftwirkung der Thora, sie ist imstande, selbst solche Abtrünnige, die 
dem Götzendienste ergeben waren und Buße getan haben, zu reinigen, 
denn es heißt (Ez 36, 25): und ich will über euch sprengen reines Wasser 
usw. Und unter „Wasser** versteht man „Worte der Thora" nach 
Jes SS, I. 

Daraus geht zunächst hervor, daß Ez 36, 2 S für die Reinigungsfrage 
von Bedeutung war. Weiter ist die antichristliche Tendenz in diesen 
Aussprüchen unverkennbar. Aldba betont, der Vater im Himmel ist der 
Entsündiger Israels. Er und kein anderer hat die Macht zu reinigen. 
Denn der heilige Geist hat sich infolge Israels Sündhaftigkeit zurück- 
gezogen. Nach Seder Elijahu vertritt die Thora die Stelle des heiligen 
Geistes. 

Erwägt man, daß Akiba Zeitgenosse Marcions war, so erscheint es 
als nicht unmöglich, daß Akibas Polemik hauptsächlich gegen Marcion 
gerichtet war, der in seinem Evangelium die Bitte hatte: komm, heiliger 
Geist, und reinige uns. 



X Mischna Joma 8,9: ^DSTIK nniDÖ ^Ö ,pni9Ö DflK MS ^iB^ bHTWtr tönWK TTTp» n «IDK 

Vtnvr riM. Akiba nimmt mp& in neuhebr. Bedeutung: Tauchbad. Er siliert Jer 17, 1 3 
und nicht 14, 8. Denn auf Grund dieses Verses nannte man Jesus „Heiland" und 
„Hoffnung Israels". Indem nun Akiba Jer 17, 13 umdeutet, so lehnt er damit auch die 
christliche Auffassung von 14, 8 ab. 



[Abgeschlossen am 13. Januar X906.J 



£. Schürer, Die 66pa oder truXr) djpaia Act 3, 2 u. 10. 51 



Die eVTV oder TryxH Cü[>viv Act 3, 2 u. 10. 

Von D. Emil Schürer, Professor in Göttingen. 

Eine vor ein paar Jahren gefundene Inschrift veranlaßt mich, die 
an sich freilich geringfügige Frage, welches Tor des Tempels Act 3, 2 
u. 10 gemeint sei, kurz zu erörtern. Die Inschrift gibt keinen Anhalts- 
punkt zur Entscheidung, aber sie ergänzt doch das Material der litera- 
rischen Quellen nach einer Richtung hin. Andererseits glaube ich, dafi 
die literarischen Quellen eine bestimmtere Entscheidung ermöglichen, 
als es nach dem Schwanken der Kommentare scheint. 

Der Kern der Frage ist der: ob ein Tor des äußeren oder des 
inneren Vorhofes gemeint ist 

Der äußere Vorhof, d. h. der große Platz, auf welchem alle zum 
Tempel gehörigen Gebäude standen, war durch die Substruktions-Bauten 
des Herodes zu einem länglichen rechteckigen Viereck erweitert, mit 
der größeren Ausdehnung von Norden nach Süden. Der Platz war auf 
allen vier Seiten mit starken Mauern umgeben, an deren Innenseite sich 
prachtvolle Säulenhallen anlehnten. Die Tore dieses Platzes werden von 
Josephus in der genauen Beschreibung, welche er im Bellum Judaicum 
V, 5 vom Tempel gibt, überhaupt nicht erwähnt. In seinem anderen 
Hauptwerk, Antiquitates XV, ii, erwähnt er zwar Tore, aber offenbar 
in unvollständiger Weise. Auch hier nämlich erwähnt er keine Tore im 
Osten und Norden. Von der Südseite sagt er nur im allgemeinen, daß 
sie Tore (iriiXa?) hatte (Antt. XV, 1 1, 5 §41 1). Genauer beschreibt er 
nur die Tore auf der Westseite, nach der Stadt zu. Es waren vier: 
eines nach dem königlichen Palast hin, zwei nach der Vorstadt imd 
eines nach der übrigen Stadt, indem man auf vielen Stufen in die 
Schlucht, welche Stadt und Tempelberg trennte, hinab und von da 
wieder hinaufstieg (Antt XV, 11, S S 4^^y Eine Ergänzung bieten 



z Von diesen Toren sind die beiden nach der Vorstadt die nordlichsten, das dritte 
führte über eine Brücke nach dem sogenannten Xystos, einem freien Platz, an welchem 

4* 



52 E. Schürer, Die Oupa oder irOXr] ibpala Act 3, 2 u. 10. 

einige Notizen im Bellum Judaicum, wo mehrmals ein Tor in der nörd- 
lichen Mauer des Tempelplatzes erwähnt wird (bei der Belagerung durch 
Cestius Gallus B. J. II, 19, S S 537, und bei der Belagerung durch Titus 
B. J. VI, 4, I S 222; dagegen die beiden Tore auf beiden Seiten der 
nördlichen liebpa B, J. VI, 2, 7 S 150 sind solche des inneren Vorhofes). 
Etwas ergiebiger ist die Mischna. Sie beschreibt die Tore des 
Tempelplatzes folgendermaßen (Middoth I, 3): „Fünf Tore hatte der 
Tempelberg: die beiden Chulda-Tore im Süden, das Kipponos-Tor 
im Westen, das Tadi-Tor im Norden, welches nicht benützt wurde, das 
östliche Tor, auf welchem die Burg Susan (n^^?5 l^httf) abgebildet war; 
durch dieses ging der die rote Kuh verbrennende Hohepriester und alle, 
die dabei halfen, nach dem ölberg hinaus". — Dazu ist im einzelnen zu 
bemerken: i. die beiden Chulda-Tore im Süden befanden sich wahr- 
scheinlich nicht in der den Tempelplatz umgebenden Mauer; sondern 



der ehemalige Palast der Hasmonaer lag, welchen beim Ausbruch des Krieges Agrippa IL 
bewohnte (Bell. Jod. n, 16, 3 $ 344). In diesem Sinne ist es also zu verstehen, wenn 
Josephos es Antt XV, 11, 5 beschreibt als cfc rd ßadXeia reivouca. Das Tor wird 
auch in der Geschichte der Eroberung durch Titus zweimal erwähnt, B. J. VI, 3, 2 S 191 : 
tAc ÜEacfoijcac öirdp rdv Eüctöv irdXac, VI, 6, 2 $ 325: Toönj fäp öirdp xdv Eucrdv 
7|cav irOXai ical yi<pvpa cuvdirrouca T<p Up<^ Tf|v &vui iröXiv. Es lag wahrscheinlich 
da» wo noch heute unter der jetzigen Bodenfläche ein groISer antiker Brückenbogen 
erhalten ist, der seit seiner Entdeckung durch Wilson im Jahre 1865 der Wilson- 
Bogen genannt wird. Durch neuere Nachgrabungen sind unter dem Wilson-Bogen 
Trümmer eines noch älteren Brückenbogens von römischer Bauart gefunden worden. 
Man darf vielleicht letzteren der herodianischen Zeit, den Wilson-Bogen einer späteren 
Restauration, etwa unter Hadrian, zuschreiben. S. überh. Rosen, Das Haram von Jeru- 
salem (1866) S. 9— 12, Wilson und Warren, The Recovery of Jerusalem, i87i,p. 76—94. 
Zimmermann, Karten und Pläne zur Topographie des alten Jerusalem, 1876, Taf. III, 
Profil E— £. The Survey of Western Palestine, Jerusalem by Warren and Conder, 
1884, p. 195—197, dazu die Plans, Elevations, Sections (1884 gr. fol.) pL X Profil E— F 
und pL XXXIIL Schick, Die Stiftshütte, der Tempel in Jerusalem und der Tempel, 
platz der Jetztzeit, 1896, S. 327 f. — Auch von dem vierten, südlichsten Tore ist in der 
Haram-Mauer in ziemlicher Tiefe noch eine deutliche Spur sichtbar, nämlich eine große 
Oberschwelle. Die Lage des hierdurch bezeichneten Tores, welches man Barclay- 
Tor zu nennen pflegt, in der Tradition „Tor des Propheten*' oder „Burak-Tor", ist so 
tief, daß man die Stufen, von welchen Josephus spricht, teilweise innerhalb des Tores 
anzunehmen hat Sie führten unter den großen Substniktionsgewölben, mittels deren 
Herodes den Tempelplatz erweitert hatte, auf die Plattform desselben hinauf. Aber auch 
außerhalb des Tores ging es noch weit in die Tiefe, wie durch die englischen Nach- 
grabungen erwiesen ist S. überh. De Vogüö, Le temple de Jerusalem 1864, p. 7 u. 
pl. IIL Rosen a. a. O. S. 8 u. 17—20. The Recovery p. iiiff. The Survey of 
Western Palestine, Jerusalem p. 187 ff., dazu die Plans, Elevations, Sections pl. XXXI, 
XXXn. Schick S. 329 f. — Der noch weiter südlich (nahe der südwestlichen Ecke) 
liegende sog. Robinson*Bogen ist vermutlich der Rest einer Brücke aus nachherodia- 
nitcher Zeit (Hadrian?). 



w 



K Schürcr« Die Güpa oder irv^n «J^pata Act j^ 2 u. lo. 



53 



sie führten, wie das südlichste Tor auf der Westseite, unter den Sub- 
struktionsgewölben, welche den südlichen Teil des Tempelplatzes trugen, 
hindurch (s, die vorige AnmJ, befanden sich also in der diese Gewölbe 
nach Süden hin abschließenden Mauer, Hier Bind noch heute solche 
Tore vorhanden. Beide sind vermauert. Das eine (westlichere) war ein 
doppeltes, das andere (östlichere) ein dreifaches, Das westlichere hat 
in spätrömischer und byzantinischer Zeit starke Restaurationen erfahren. 
Walirscheinlich bezeichnen aber beide die Stelle der alten herodtanischen.' 
Angesichts dieses Tatbestandes ist wohl nicht zu bezweifehi, daü der 
Name Chulda-Tore so viel ist wie „Tunnel-Tore",^ von n^'jlj „Maulwurf, 
Wiesel", dann aber auch „Loch» Vertiefung, ausgehöhlter Raum*' (Levy, 
Neuhebr. Wörterbuch H, 54^^ oben), 2. Das Kipponos-Tor entspricht 
wohl dem Xystos-Tore des Josephus; es ist das nach der eigentlichen 
Stadt führende Haupttor. Die drei andern von Josephus noch erwähnten 
Westtore waren von geringerer Bedeutung und waren daher den Ver* 
fassern des Traktates Middoth nicht bekannt. 3. Das Tadi-Tor im Norden, 
das nach der Hauptstelle Middoth I, 5 angeblich nicht benützt wurde, 
ist nach Middoth I, 9 doch benützt worden. Nach Middoth II, 3 war 
es das einzige, welches keine Oberschwelle {^^p^) hatte, sondern statt 
deren zwei (schräg) gegeneinander geneigte Steine. Die Meinung, daß 
es nicht benützt wurde, ist begreiflich. Denn in kurzer Entfernung nach 
Norden hin lag die Antonia, die durch Treppen direkt mit dem Tempel - 
platz verbunden war (Bell. Jud V, 5, 8 Jj 243: xaraßdcfit, Apgesch* 21, 35, 
40: dvaßctö^oi). Zur Benützung des nördlichen Tores lag daher nur 
wenig Veranlassung vor. Seine Existenz wird aber durch die oben an- 



» S. De Vogii^, Lc temple de Ji^rusalcm 18^4, p< §ff* pl- IV— VI, XOL Rosen, 
Das Haram von Jeruiitlem, S. 7, Wilson und Warren» The Recovery of Jemsaleni, 
1S7T, p. itSff. The Survey of Western Palestme, Jerusalem by Warren and Condcr 
1S84, p. 164—169, daiu die Plans, Elcvation?» Sections (1^84^ gr. fol.) pL \% XXV, 
XXVI, XXXIX. Schick, Die Stiftshütte, der Tempel in Jerusalem und der Tempel- 
plaia der Jetztzeit (1S96) S. 310 ff, 

J So übersetzt ä, B. auch Sepp, Jerusalem fl. Aufl. I, 159, In demselben Sinne 
erklären den Namen j Hancberg, Die religiösen Altertümer der Bibel 2. Aufl. 1S69, 
S. 36S („die Mischnah hat eine Beteichnung bewahrt, die sich rechtfertigt, seitdem man 
unter der Aksa-Moschee den alten Eingang ium Tempel wieder aufgefunden hat. Man 
mnü dnrch eine Art von Tunnel von der Pforte bis zur Area des Tempels her aufs teigen*')v 
und IsidorcLoeb, Les portcs dans Tenceinte du temple d*H^rode, Paris, Jos. Baer & C, 
1879, 8 S. (p. 6: Les portes de Halda sont donc les Portes de la Taupe. On comparait 
les galeries de ces portes anx galeries souterrames creus^es par la taupe; vgL auch die 
Anaeige im Magaiin für die Wissen seh. des Jadent VH, 1880, S* 60 f,) — Über die 
Tunnels, die noch heute von den Toren nach innen führen (über 60 Meter lang); s« die 
in der vorigen Anmerkung genannte litcratur. 



54 E. Schürer, Die Giipa oder mj\Y\ ibpaia Act 3, 2 u. 10. 

geführten Stellen des Josephus bestätigt. 4. Das östliche Tor war nach 
Para III, 6 durch eine Brücke mit dem Ölberg verbunden, über welche 
der Hohepriester ging, wenn er eine rote Kuh verbrannte. Das Tor 
selbst wird an letzterer Stelle nicht erwähnt. Nach Kelim XVII, 9 be- 
fanden sich zwei Normal-Ellenmaße H^Sn ]Bht8^a, eines in der östlich- 
nördlichen Ecke und eines in der östlich-südlichen Ecke. Die Ausleger 
denken hier an eine über dem Susan -Tor erbaute Kammer, in welcher 
jene Ellenmaße lagen. Aber das einfache TW^ ]BntJ^l VH niDfc< ^yttf kann 
das schwerlich heißen. Vielleicht ist der Sinn: Zwei Ellen waren auf 
den Torflügeln des Susan-Tores abgebildet, auf der Ostseite desselben 
in der nördlichen und südlichen Ecke. Trotz der zweimaligen Erwähnung 
der „Burg Susan" (Middoth I, 3 u. Kelim XVII, 9) ist wohl sehr zu be- 
zweifeln, ob wirklich diese auf den Torflügeln abgebildet war. Ein 
Grund dazu ist schwer einzusehen. Dagegen legt es die Stelle I Reg. 
7, 19 sehr nahe, an lilienförmige Ornamente QB^tS^ nfc^D) zu denken. 

Der innere Vorhof war ebenfalls ein längliches rechteckiges Vier- 
eck, aber mit der größeren Ausdehnung von Westen nach Osten. Auch 
er war von einer starken Mauer umgrenzt, an deren Außenseite eine 
ganz schmale Terrasse, der Chel, herumlief, zu welcher man auf Stufen 
vom äußeren Vorhof hinaufstieg. Durch eine Mauer war der innere 
Vorhof wieder in zwei Abteilungen geteilt: eine größere westliche, 
in welcher der Tempel und der Brandopferaltar sich befanden und alle 
Opferhandlungen vollzogen wurden, und eine kleinere östliche. Zu 
ersterer hatten nur männliche Israeliten Zutritt, zu letzterer auch Frauen 
(dalier der Frauen-Vorhof genannt). Über die Tore, welche zu diesem 
Vorhof oder eigentlich zu diesen Vorhöfen führten, haben wir vier Mit- 
teilungen, zwei bei Josephus (Bell. Jud. V, S, 2 — 3 u, Antt. XV, 11, 5) 
und zwei in der Mischna (Middoth I, 4 — S u. Middoth II, 6 =■ Scheka- 
lim VI, 3). 

Ich stelle die Angaben des Bellum Judaicum als die zuverlässigsten 
an die Spitze. Hiernach hatte der innere Vorhof vier Tore im 
Norden, vier im Süden und zwei im Osten (B. J. V, 5, 2 S ^9^)- 
Im Osten mußten es zwei sein, weil der Männer- und Frauen- Vorhof durch 
eine Mauer getrennt waren. Darum mußte gegenüber dem ersten Tore 
noch ein zweites sein (1. c. ttei öeur^pav eivai TiöXnv TiT\xr\TO ö' aörri 
TTJc TrpdjTTic dfvTiKpuc). Von den nördlichen und südlichen Toren führten 
je eines in den Frauen- Vorhof, je drei in den Männer- Vorhof (S 199). Auf 
der Westseite war kein Tor (S 200). Von den zehn Toren waren neun 
mit Gold und Silber bekleidet, eines aber war aus korin- 



r 



E. Schür er, Die 06pa oder itAXi| «lipaia Act 3, 2 u. to. 



55 



I 



thischem Erz und überragte an Wert weit die mit Gold und 
Silber bekleideten, (V, S. 3 S 20!: \iia h" i] tluiÖEv tou v€ui Kopiv* 
öCou x^^t^i^^ nokb Tf| TiMfi xdc KaiapYwpouc Köi rrtpixpiicouc uKepÄTOUca). 
In diesem Satze geben die Worte f\ UmBtv toO V€u) schlechterdings 
keinen Sinn, Auch die Form V€iü ist auffallend^ da Josephus im Bellum 
Judaicum sonst regelmäßig die Form vaöc gebraucht (so in der Be- 
schreibung V, 5 S 207, 209, 211, 215, 220 und in der Geschichte der 
Zerstörung VI, 4 Jj 238, 25 1^ 252, 254, 259, 260, 261, 266). Auf die 
richtige Fährte führt uns die Lesart einiger Handschriften, welche statt 
Toö vedj vielmehr tuj veui haben (so der von Cardwell verglichene cod. 
N = Laurent plut. 6g, cod. 17, saec. XII, und zwei von Niese ver- 
glichene, V = Vaticanus gr. 148 saec, XI und R ^ Palatinus gr. 2S4 
saec, Xi/XII). Ich zweifle hiernach nicht, daß statt loO vcdj zu lesen ist 
Tdjv iv luj (so besser als tuiv 4iJpujVp wie ich in Riehm*s Wörterb. II, 1884, 
S, 1640 vorgeschlagen habe). Das eherne Tor war „das äußere der beiden 
Östlichen'*/ Es gab ja nach Osten hin zwei: ein inneres» vom Männer- 
2um Frauen-Vorhof führendes, und ein äußeres, vom Frauen-Vorhof 
nach dem Tempelplatz führendes. Letzteres war das kostbare 
eherne. Jedenfalls ist dies, auch abgesehen von unserer Stelle, eine 
sichere Tatsache, Daß nämlich das eherne Tor im Osten lag, ist 
an zwei anderen Stellen direkt gesagt, Bell Jud, U, 17, 3 S 4'^^ ''^P^ 
Tflc x<3t^»cfic TuiXric . . . ^Tic f\v TOÖ Iv&ov kpoö TeTpajufiivn npöc dvaioXdc 
rjXiou, und Bell Jud. VI, 5^ 3 ,^ 293: f) b' dvaToXiKrj TTiiXi] toö ivho- 
Hpw [seil iepoö],* xo*^*^^ M^v oöca Kcti cTtßapujTdTti. Schon diese Aus- 
drucksweise läßt kaum einen Zweifel darüber, daß von den beiden öst- 
lichen das äußere gemeint ist In der Tat wird dasjenige Tor, welches 
vom Männer- zum Frauen- Vorhof führte, von Joseph us ganz anders be- 
schrieben. Er sagt; „Alle Tore waren gleich groß; aber das oberhalb 
des korinthischen vom Frauen- Vorhof her im Osten {des Männer*Vorhofes) 
dem Tempeltor gegenüber sich Öffnende war viel größer" (Bell* Jud, V, 
5, 3 »5 204: Tüjv M^v öXXcüv Tcov r^v tö fitTcÖoc, f\ b' hnip if\v Kopiv0iav 



1 Zum Gebrauch von {Eu*0cv vgl tö lEuueev Icpdv Bell. Jud. IV, 5, 1 6n. VI, 2, 7, 4, 4, 
5, 2. 6f 2t — Angenommen ist die von mir vorgeschlagene Esncßdation Tiöv ^i}*üJV von 
Fhil. Kohout in seiner sehr sorgfältigen Cbersetiung des BelL Jud* (Flatvius Josephus' 
Jüdischer Krieg, aus dem Griechischen übersetzt und mit einem Anhang von lusführ- 
liehen Anmerkungen versehen von Phil. KohonC, \J.n% 190*), s. die Übers, und Anm. 
zu V S 301, Auch Now&ck scheint sie zu billigen (Lehib, der hehr. Archäologie 11, 
1894. S, 7S). 

^ Dai von Niese aufg«fiommene unmögliche vaaO fehlt bei wichtigen Zeagen; es 
ist in ülgen und IcpoO zu ergänzen* 



56 E. Schürer, Die 80pa oder irOXr] ibpaia Act 3, 2 u. 10. 

diTÖ TTJc KuvaiKiwvfTiöoc li dvaxoXflc dvoiTOjüi^vii ttjc toO vaoO irOXnc 
dvTiKpü TToXCi jueiZuiv). Hier kann nur das Tor zwischen dem Frauen- 
und Männer- Vorhof gemeint sein. Es lag etwas höher als das korin- 
thische (viTT^p Tf|v KopivGiav), denn vom Frauen- Vorhof führten fünfzehn 
Stufen zum Männer- Vorhof hinauf (B. J, V, S, 3 S 206, Mischna Middoth 
11, 5, Sukka V, 4); und es lag direkt dem Tor des vaöc, des eigent- 
lichen Tempelgebäudes, gegenüber. Dieses große Tor war fünfzig Ellen 
hoch und vierzig Ellen breit, und war auch kostbarer als die andern, da 
seine Gold- und Silberbekleidung besonders dick war (B. J. V, 5, 3 § 205 : 
€ix€ Kai TÖv KÖCjüiov iToXuT€XkT€pov tili öaipiXk Tidxoc dpTÜpou t€ Kai 
XpucoO). — Von sämtlichen zehn Toren zeichneten sich also die beiden 
östlichen vor den übrigen aus, augenscheinlich deshalb, weil sie vor der 
Front des Tempels lagen. Das korinthische, im Osten des Frauen- 
Vorhofes, war massiv aus Erz und von kunstvoller Arbeit, so daß es 
an Wert alle andern überragte;* das große, zwischen Männer- und 
Frauen- Vorhof, war größer als die übrigen und mit dickerem Grold- und 
SUberblech bekleidet. Das korinthische war so schwer, daß 20 Mann 
dazu gehörten, es zu schließen (Bell. Jud. VI, S, 3 S 293). Unter den 
unheimlichen Vorzeichen vor dem Kriege, welche von den Unkundigen 
im günstigen, von den Kundigen im ungünstigen Sinne gedeutet wurden, 
erwähnt Josephus a. a. O. auch, daß dieses mächtige Tor einst bei 
Nacht von selbst sich öflfnete. — Die Gold- und Silberbekleidung der 
neun Tore war von „Alexander, dem Vater des Tiberius" also 
von dem alexandrinischen Alabarchen Alexander, gestiftet (B. J. V, 
5> 3 S 205). Sie wird auch contra Apion. II, 9 § 119 erwähnt. 



X Über das korinthische Erz vgl. Plin. Hist Nat XXXIV, 2, 6: Ex illa antem an« 
tiqua gloria Corinthium mazame laudatur. Es gab nach Plin. XXXIV, 2, 8 drei Arten, 
eine mit überwiegender Beimischung von Silber, eine mit überwiegender Zugabe von 
Gold, eine mit gleichmäßiger Mischung (eins tria genera: candidum argento nitore quam 
proxume accedens in quo illa mixtura praevaluit, altemm in quo auri fulva natura, 
tertium in quo aequalis omninm temperies fuit). Man hat diese Angabe vielfach be- 
zweifelt; sie scheint sich aber durch neuere Untersuchungen zu bestätigen. Das kost- 
bare Metall wurde in der Regel nur zur Anfertigung von Geräten verwendet Dafür, 
daß man ganze Türen davon gemacht hat, gibt es sonst kein Beispiel. Die Geräte 
waren so kostbar, daß am kaiserlichen Hofe in Rom die Sorge für dieselben einem 
eigenen Diener anvertraut war, der a Corinthiis (Corp. Inscr. Lat. X, n. 692. 6638, 30) 
oder Corinthiarius (Corp. Inscr. Lat. VI n. 8756. 8757) hieß. — Vgl. überhaupt: Pottier, 
Art. Corinthium aei, in Daremberg et Saglio, Dictionnaire des antiquit^s grecques et 
latines t I, 2, 1887, p. I507sq. Blümner, Technologie und Terminologie der Gewerbe 
und Künste bei Griechen und Römern Bd. IV, 1887, S. 183^185. Mau, Art. Corin- 
thinm aes, in Pauly-Wissowas Real-Enc. IV, 1233 f. 



Neben der genauen Beschreibung, welche Josephus Bell Jud. V, J, 

2 — 3 gibt, hat die summarische Antt. XV, ii, 5 keine Bedeutung, Er 
sagt hier {$ 418): „Der innere Vorhof hatte im Süden und Norden 
je drei Tore, im Osten eines, das große, durch welches wir, 
wenn wir rein waren, samt den Frauen eingingen*' (eix^V ö* 6 
^liv 4vt6c TTEptßoXoc Kaid jiiev tö vötiov koi ßöpetov Kki^xa Tpicioixouc 
TTuXü&vac dXXfiXujv istecruiTac, kcxtä bi f\\lou ßoXdc fva töv M^T^v, h( oö 
naprjEiixev dtvoi mctä tuvaiKuiv). Augenscheinlich hat hier Josephus 
indem er von drei statt vier Toren im Süden und Norden spricht, die* 
jenigen, welche nördlich und südlich zum Frauen-Vorhof führten, nicht 
beachtet. Eine noch größere Ungenauigkeit ist es, wenn er das östliche 
Tor, durch welches auch die Frauen eingehen durften, ,,das große" nennt, 
während es das korinthische ist, von welchem „das große" zu unter- 
scheiden ist.^ Die Beschreibung im Bell. Jud. verdient nicht nur wegen 
ihrer größeren Ausführlichkeit den Vorzug, sondern auch deshalb, weil 
sie viel früher geschrieben ist als die andere, als das Gedächtnis des 
Josephus noch frisch war. Das Bellum Judaicum ist überhaupt mit 
größerer Sorgfalt gearbeitet als die Antiquitates. In den Antiquitates 
bemerkt Josephus noch, daß Herodes von der Antonia einen geheimen 
Gang zum inneren Vorhof nach dem östlichen Tore habe machen lassen, 
über welches er einen Turm baute (XV, 11, 7 § 424; KotjeCKeudcÖTi 64 
Kai KpuTTTT^ öiiupul Tt|> ßaciXti, cpipouca m4v &nb rfic *AvTU)viac M^xpt ^oö 
Icuüöev kpou TTpöc Triv dvaioXiKi^v öupav, Iqp' fic aÖTi|» koi mäpyov Kate- 

CK£ÜaC£V), 

Auch in der Misch na haben wir zwei Beschreibungen, welche nicht 
miteinander übereinstimmen — die Qinef Middoth I, 4 — $ lautet: „Sieben 
Tore waren im Vorhof; drei im Norden, drei im Süden, eins im Osten. 
Im Süden das Brand -Tor (p^^Il IJJtf), das Erstgeburten -Tor OS.^ 
nnoari) und das Wasser -Tor (W)^*^ lÜ?'); irn Osten das Nikanor- 
Tor (y^^^i ^V0)j tnit zwei Kammern daran rechts und links, eine war 
die des Kleideraufsehers Pinchas, die andere war für die Verfertiger der 
Kuchen (d, h. des täglichen Speisopfers des Hohenpriesters) j im Norden: 
das Funken -Tor (J^^^iri "l^Sf) wie eine Vorhalle (Exedra) gebaut mit 
einem Obergemach darüber, denn die Priester hielten oben und die 




' Die Aii|;aben über die sieben Tore wären sämtlich riclitig, "wenii Josephus nur 
den Mänuer-Vörhof im Auge hätte. Aber das ^CTdt pJvaiKiDv wie der folgende Sati 
zeigen, daB unter dem ivrhc TtEp(ßoXoc der innere Vorhof mit EmichJuC de» Frauen* 
Vorhofes zu Terstehen ist 



jS E. Schürer, Die Gupa oder m)\r\ üjpa(a Act 3, 2 u. lo. 

Leviten unten Wache; es hatte auch eine Türe nach dem Chel; ferner 
das Opfer-Tor Q^W -ij^ttf) und das Brand-Haus OBlö? H'^i)." 

Abweichend hiervon ist eine andere Beschreibung in demselben 
Traktat der Mischna (Middoth 11, 6), welche sich fast gleichlautend 
auch Schekalim VI, 3 findet: „Dreizehn Niederwerfungen fanden statt; 
nach Abba Jose ben Chanan gegen die dreizehn Tore. Die südlichen 
waren, von Westen an: das obere Tor OI^/JO *TS?0» das Brand-Tor 
(pk'VJ "^W» das Erstgeburten-Tor (nniD^O ISB^ und das Wasser- 
Tor (D^.öi3 1230; und warum heißt es Wasser-Tor? weil man durch das- 
selbe den Krug voll Wasser zum Ausgießen auf den Altar am Laub- 
hüttenfest brachte [vgl. Sukka IV, 9]; R. Elieser ben Jakob sagt: in 
demselben fangen die Wasser an, stark abwärts zu fließen, bis sie unter 
der Schwelle des Tempels herausströmen. Im Norden waren, von 
Westen an: das Jechonja-Tor (n;^?^. IS.^), das Opfer-Tor (ja^gn IBB^), 
das Frauen -Tor (ü'^B^jn IS.^), und das Musik-Tor (y^*J ^V^)- Warum 
heißt das erste Jechonja-Tor? Weil durch dasselbe Jechonja ging, als er 
in Gefangenschaft geriet. Im Osten war das Nikanor-Tor fHißi ^VJS), 
welches auch zwei kleine Pforten hatte, eine rechts, die andere links. 
Endlich zwei im Westen, die keine Namen hatten." 

Die beiden Relationen der Mischna weichen in ähnlicher Weise von 
einander ab, wie die des Josephus. Denn der Hauptunterschied ist, daß 
die eine (Middoth I, 4—5) im Süden und Norden je drei Tore zählt, 
die andere (Middoth II, 6 = Schekalim VI, 3) je vier. Der Unterschied 
wird hier ebenso zu erklären sein, wie bei Josephus: die erste hat die 
südlich und nördlich zum Frauen- Vorhof führenden Tore nicht beachtet. 
In diesem Punkt verdient also die zweite den Vorzug (eines der nörd- 
lichen Tore heißt hier auch ausdrücklich „das Frauen-Tor", freilich 
nicht in der richtigen Reihenfolge). Es mag auch sein, daß sie Recht 
hat, wenn sie dem Nikanor-Tor zwei Nebenpforten gibt Dagegen ist 
es sicher eine Fiktion, wenn sie, um die Zahl 13 herauszubringen, von 
zwei namenlosen Toren im Westen spricht, von welchen keine der andern 
Quellen etwas weiß. Auf die Abweichungen in den Namen der 
Tore brauchen wir hier nicht einzugehen. Es würde auch vergebliche 
Mühe sein, wollte man den Versuch machen zu ermitteln, welche Namen 
da, wo Abweichungen stattfinden, den Vorzug verdienen. Für dieses 
Verfahren fehlen uns die nötigen Anhaltspunkte. Wir sehen nur, daß 
die Autoren der Mischna hierüber keine hinreichend sicheren Traditionen 
mehr hatten. 

In einem Punkte sind beide Beschreibungen der Mischna unvoll- 



r 



E, Schür er, Die Oiüpa oder tTÖXr) drpaia Act 3^ 3 iL 10, 



59 



ständig: sie erwähnen nicht das ,,große Tof* des Joseph üs, welches vom 
Männer- zum Frauen -Vorhof führte. Bei anderer Gelegeaheit kommt 
aber auch dieses vor und zwar unter der Bezeichnung ,^das obere 
Tor*' i]VhTl^ ^W)* Bei Beschreibung der Feierlichkeiten des Laubhütten- 
festes heißt es nämlich im Traktat Sukka V, 4: „Zwei Priester standen 
am oberen Tore, aus welchem man vom Vorhof der Israeliten 
in den Vorhof der Frauen hinabstieg, mit zwei Trompeten in den 
Händen usw/* In der Fortsetzung der Beschreibung wird dann Sukka 
V, 5 diesem oberen Tor ,,das untere Tor'* (Iinnn;^ 1^) gegenüber- 
gestellt, womit nach dem Zusammenhang nur das Nikanor-Tor gemeint 
sein kann. Die Bezeichnung „oberes Tor** ist zutreffend, da es fünfzehn 
Stufen höher lag als das andere (hierin stimmt die Mischna Sukka V, 4, 
Middoth II, 5 mit Josephus überein; nabh Mischna Middoth II, 5 waren 
die Stufen halbkreisforoiig). Es wird daher auf einem Irrtum beruhen, 
wenn Middoth II, 6 = Schekalim VI, 3 der Name „das obere Tor" für 
eines der südlichen Tore in Anspruch genommen wird. 

Kein Schwanken findet in beiden Hauptsteilen der Mischna (Middoth 
Ij 4 und II, 6 = Schekalim VI, 3) darüber statt, daü das Nikanor-Tor 
den östlichen Ausgang des inneren Vorhofes bildete. Schon aus diesem 
Grunde ist es sicher mit dem ehernen Tore des Josephus iden- 
tisch. Bestätigt wird dies durch Middotli II, 31 „Alle Tore wurden 
verändert, so daß sie von Gold waren, außer dem Nikanor-Tor, weil 
mit diesem ein Wunder geschehen war; andere sagen, weil das Erz 
desselben glänzend war** p^HSD IJjtfniBf ^??9)- In der Tosephta Joma 
II, 4 (ed Zuckermandel 1880, S. 183, 20 f*), wo dieser Satz ebenfalls steht, 
wird dazu ergänzend noch bemerkt: „R. Eheser ben Jakob sagt: sein 
korinthisches Erz war schön wie Gold'* (nriTD riD^ Srn «^JU^p ]ne?ini). 
Ähnlich bab. Joma 38*,' Das Nikanor-Tor ist also das eherne 
Tor im Osten des Vorhofes. Daß mit ihm Wunder geschehen seien, 
wird auch Mischna Joma III, 10 bemerkt. Im Talmud 0cn Joma m 
foL 41^^ bab. Joma 38^ ähnlich Tosephta l c.) wird dies näher aus- 
geführt* Ich setze die Relation des babylonischen Talmud in Gold- 
schmidts Übersetzung Iiierher (Der bab. Talmud, hrsg. von Goidschmidt, 
Bd. II, 1901, S* 856): „Nikanor reiste nach Alexandrien in Ägypten, um 
seine Türen zu holen j auf setner Rückreise erhob sich eine Meereswoge 

1 «*IÜ^p hat schon Wagen seU tu Sota I, S 0" Surenhusius Mischna Ol, I92) 
ticbtig erklart; ebcBSO Grätz, Monatsschrift 1876, S. 434; Zuckcrmandel \va Glossar ittr 
Tosephta 1S83 s. v,; Buch! er, Jewish Quarte rly Review XI, 51* In Ixvys Worte rb. TV» 31 J 
ist die Sache nicht erkannt. 



6o £. Schürer, Die Oupa oder irOXn ibpata Act 3, 2 u. 10. 

[und das Schiff drohte] unterzugehen. Da nahmen sie eine [der Türen] 
und warfen sie ins Meer; dennoch ließ das Meer von seinem Toben 
nicht ab. Als sie auch die andere [ins Meer] werfen wollten, richtete 
er sich auf und klammerte sich an diese, indem er zu ihnen sprach: 
Werft mich mit. Sofort ließ das Meer von seinem Toben ab; er grämte 
sich aber wegen der anderen. Als er den Hafen von Ako [tos. und jer. 
Jope] erreichte, tauchte sie auf und kam unter den Wänden des Schiffes 
hervor. Manche erzählen, ein Tier im Meer habe sie verschlungen und 
ans Land gespien." 

Erwähnt wird das Nikanor-Tor (mit dieser Bezeichnung) noch Sota 
I, 5 (am Nikanor-Tor mußten die des Ehebruchs beschuldigten Frauen 
nach Num 5, 15 ff. das Fluchwasser trinken; ebendaselbst wurden die 
Wöchnerinnen und die Aussätzigen für rein erklärt)* und Negaim XIV, 8 
(der Aussätzige steht am Nikanor-Tor, wenn er für rein erklärt wird). — 
Sonst ist öfters vom „östlichen Tor" des Vorhofes ohne nähere Bezeich- 
nung die Rede, wo wahrscheinlich das Nikanor-Tor gemeint ist (Bera- 
choth IX, 5. Orla II, 12. Joma I, 3. Taanith II, 5). 

Wenn man die erste Haoptstelle der Mischna (Middoth I, 4) fnr sich allein nimmt, 
so scheint sich zu ergeben, daD das Nikanor-Tor den östlichen Ausgang des Männer- 
Vorhofes gebildet hat, daß es also zwischen dem Männer- und Frauen-Vorhof 
gelegen hat Es wäre dann identisch mit demjenigen Tore, welches Sukka V, 4—5 „das 
obere Tor*' hei£t Dies ist in der Tat die herrschende Ansicht der jüdischen 
Gelehrten des Mittelalters, namentlich auch des Maimonides (s. Lightfoot, Descriptio 
templi Hierosolymitani c. 20, opp. I, 601 f.; Haneberg, Die religiösen Altertümer der 
Bibel, 2. Aufl. 1869, S. 297). Ihr folgen auch noch manche neuere Gelehrte, vor allem 
Lightfoot in seiner 1650 erschienenen Descriptio templi Hierosolymitani c. 18 und 20, 
opp. I, 593 f., 601 f. Letzterer erkennt aber an, daß Josephus das „eherne Tor** an 
den östlichen Ausgang des Frauen-Vorhof es setzt. Er ist daher geneigt, zwei eherne 
Tore anzunehmen: beim Nikanor-Tor seien nach den rabbinischen Quellen nur die Tor- 
flügel mit Erz bekleidet gewesen; das andere Tor werde von Josephus „das eherne** 
genannt, quia tota erat aenea et postes ac limina obtecta erant aere (opp. I, 594). Eine 
Widerlegung dieser Harmonistik ist wohl nicht erforderlich. — Der herrschenden jüdischen 
Ansicht folgen auchWetste^n (Nov. Test. II, 471), Hildesheim er, Die Beschreibung 
des herodianischen Tempels im Traktate Middoth und bei Flavius Josephus (Jahresbericht 
des Rabbiner-Seminares für das orthodoxe Judentum 1876/77, S. Iif.), Prescott, On 
the beautiful Gate of the Temple (Journal of Sacred Literature, Fifth Series, vol. II, 
1868, p. 33—45]» Büchler, The fore-court of women and the brass gate in the temple 
of Jerusalem (Jewish Quarterly Review vol, X, 1898, p. 678—718. XI, 1899, p. 46—63; 



s Genauer heißt es hier: „am östlichen Tor, welches am Eingang des Nikanor- 
Tores ist" (niipi 'WV nnD ^PW mtDH 1P«6). Wenn hier der Text nicht durch Glossierung 
verderbt ist („das östliche Tor*' erklärt durch „Nikanor-Tor^)» so ist die Ausdrucks weise 
eine sehr auffallende. Ist vorausgesetzt, daß das Nikanor-Tor auf seiner östlichen und 
weitlichen Seite Türen hatte? oder soll nur gesagt sein, daß die Betreffenden außerhalb 
des Nikanor-Tores, „am Eingang*' desselben zu stehen hatten? 



I 



die 1 weite Hälfte hatidelt über das eherne Tor). Prescott versteht nicht nur Bei L Jud, 
V, S, 3 S 20I, Eonclem auch S 204. dahin^ daß das eheroe Tor zwischen dem Nfanncr- 
imd Fraueo-Vorhof gelegen habe (S, 38» 39); ihm gegenüber, am östlichen Ausgang dt% 
Fraaen- Vorhof es habe das ,*gro&e Tor*^ gelegen. Das ht, wie gleich gezeigt werden 
wird, eine Umkehrung des deutlichen Sinnes von $204, Bücbicr legt Gewicht darattfp 
daß der Vorhof im eigentlichen Sinn der Männer-Vorhof gewesen »eL Wenn also die 
Miscbna das Nlkanof-Tor als das dstliche Tor desselben bezeichne, so habe es zwischen 
dem Männer* und Frauen- Vorhof gelegen. Der Fraucn^Vörbof sei überhaupt ein 
später Anbau» erst lur Zeit der Königin Helena um 44 — 48 n* Chr. errichtet 
{Quart. Review X, 706, 716, eine Hj-pothese, deren Stützen ebenso kunstvoll wie ge- 
brechlich sind> Auf dieselbe Lage des ebertien Tores fuhren nach B. auch drei von 
den vier Stellen des Josephis (B. J, V. 5, 3 S 201, U, 17, 3 S 4^1 u- B- J* VI, 5, 3 
S 393), Dagegen erkennt er an, daß die Stelle B. J. V, 5, 3 S 304 dem widerspreche 
indem iie das eherne Tor an den östlichen Ausgang des Fraucn-Vorhofes verlege {Qwart* 
Review XI, $6, 60), Er läi^t sich aber durch diese eine SteUe in aeiner Auffassung nicht 
irre machen* 

Die von Btichler beiseite geschobene Stelle des Josephua ist tatsächlich die c iniige, 
wekhe eine klare und sichere ßeschreibung der Lage gibt (V, 5. 3 S ^04: f\ b' ^nlp 
T^iv Kopivefav dffä rf^c ifuvaiKUJviriboc ^E dvaTf>Xf|C dvoiTOjj^vri Tfjc toO vaoO ttOXhc 
dvHKpÜ TToXö ii^iZui)/). Es ist hier von dem ,, großen Tor'*, welches gröDer war als aÜe 
andern, folgendes gesagt: 1, Es lag dem Tore des vadc, also des eigentlichen Tempel- 
hau^es, gegenüber, also im Osten desselben j 2. es führte ,|Vom Frauen -Vorhof her** 
3. es lag höber als das korinthische (Cmlp tV|v KopivÖlav}* Da nun das korinthische 
zweifellos auch ein östliches war, so kann es sich nur um die beiden im Westen und im 
Otten des Frauen-Vorhofcs ücg enden Tore handeln. Das westliche {nach dem Männer- 
Vorhof £u] lag aber um 15 Stufen höher als das östliche (B. J, V^ 5, 3 S 206, Middoth 
n, 5} Sukka V, 4). Also ist das tigroBe" das westliche nnd das korinthische das öst' 
liehe. Und ,,es Ist klar, daß man den Ausdruck iz dvaToX^C nicbl vom Standpunkte des 
Fraoen-Vorhofes nehmen darf, sondern vom Tempel aus" (so mit Recht Haneberg, 
Die reiigiösen Altertümer der Bibel, 2. Auf!, 1869, S. 291), — Über die Stelle B. J. V, 
St 3» S 201^ welche durch ihre Teittkorruption flu/öcv toO vedi viel Unklarheit verursacht 
hat, ist das Erforderliche bereits oben S. SS gesagt. Wenn unsere Emendation liUJBev 
Tt&V ^v £i)i richtig isf, so bestätigt sie in vollem MaL-e das aus V, 5} 3 S ^04 gewonnene 
Reiultat. Alle anderen Stellen stehen aber dem nicht entgegen, am wenigsten die des 
Josephus (H, 17, 3. VI, 5, 3), welche ihm vielmehr günstig sind, namentlich 11, 17, 3, 
wonach ,^vor dem ehernen Tore'* eine Volksversammlung gehalten wurde; das ist doch 
schwerlich im inuem Vorhof geschehen, wie es nach Büchlers Ansicht der Fall sein 
müßte. Aber auch die Stellen der Mischna bilden keine GegenLnstanz; sie Ignorieren, 
abgesehen von Sukka V, 4— St hei Beschreibung der Tore überhaupt die Trennung von 
Männer- und Frau en- Vorhof . Wenn sie also das Nikanor-Tor als das östliche Tor des 
Vorhofes bezeichnen, so liegt es höchstens bei Middotb l, 4 näher, an das östliche Tor 
des Männer- Vorhofes £u denken, dagegen bei Middoth II, 6 ^ Scbekalim VI, 3, wo vier 
nördliche und vier südliche genannt werden, ist eben aus diesem Grunde die Beziehung 
tuf das östliche Tor des Frauen* Vorhof es die nähertlcgende* Auch die Xotii, daß am 
NikanoT*Tor die des Ehebruchs beschuldigten Frauen das Fluch wasser trinken muCiten, 
und dal^ ebendort die Wöchnerinnen und die Aussätdgen für rein erklart wurden (Sota 
^1 5i Negaim XIV, S)| £prL€ht ftir diese Beziehung; denn solche hat man schwerlich 
hmerbalb des Frauen-Vorhofes stehen lassen, was bei der anderen Auffassung der Fall 
gewesen wäre. 

Die richtige Auffassung, daß das eherne oder Nikanor-Tor das Tor am 



62 E. Schürer, Die dupa oder iröXri ibpaia Act 3, 2 u. 10. 

ostlichen Ausgang des Frauen-Vorhofes war, ist vertreten von: L'Empereur 
zn Middoth n, 6 (in Sarenhusius Mischna V, 346 : die Mischna rechnet das Nikanor-Tor 
zu den Toren des Männer- Vorhofes contra Josephum et ipsam veritatem). — Haneberg, 
Die religiösen Altertümer der Bibel, 2. Aufl. 1869, S. 289, 291 f., 296 f., 323 f. (s. bes, 
S. 297: „Wie wir dem Josephus glauben, daiS die Ostpforte des Frauen-Vorhofes von 
korinthischem Erz war, so wollen wir auch für sehr wahrscheinlich halten, daß die von 
den Rabbinen über die Nikanorpforte erzählten Dinge eben jene korinthische angehen. 
Da aber nun einmal in der jüdischen Tradition an der Mittelpforte der Name Nikanor 
haften blieb, so wollen wir ihn der Kürze halber gelten lassen"). — Keil, Handbuch 
der biblischen Archäologie 2. Aufl. 1875, S. 155 (nennt dieses Tor irrtümlich zugleich 
„das große"). — Grätz, Die Höfe und Tore des zweiten Tempels (Monatsschrift für 
Gesch. und Wissensch. des Judent 1876, S. 385 — 397, 433—444» bes. S. 434f-)- — Spieß, 
Das Jerusalem des Josephus, 18S1, S. 76, 79f. — Schlatter, Zur Topographie und 
Geschichte Palästinas, 1893, S. iSofl^. — Nowack, Lehrbuch der hebr. Archäologie, 1894, 
n, 78. — Da vi es in: Dictionary of the Bible, ed. by Hastings and Selbie, vol. IV, 1902, 
p. 714*. — Benzinger in: Encyclopaedia Biblica, ed. by Cheyne and Black, voL IV, 
1903» col. 4946 (meint aber, daß die Mischna das Nikanor-Tor zwischen Männer* und 
Frauen- Vorhof setzt). 

Die Person des Nikanor, von welchem das Tor seinen Namen hat, 
ist uns jetzt durch die auf ihn bezügliche Grabschrift etwas näher gerückt. 
Auf einem in Jerusalem gefundenen Ossuarium findet sich nämlich die 
Aufschrift: 'Ocrd tüöv tou NeiKdvopoc 'AXeHavöpdiwc Troir|cavTOC idc Gupac 
HÜ^bt^ ^pl\ — Einige Schwierigkeiten macht hier der Ausdruck tujv 
TOU NeiKdvopoc. Die nächstliegende Erklärung ist ohne Zweifel: „der 
Leute oder Angehörigen des Nikanor". Aber diese kleinen Ossuarien 
dienten in der Regel nur dazu, die sterblichen Reste einer Person auf- 
zunehmen. Man bewahrte hier die Gebeine auf, die aus einem loculus 
entfernt wurden, um für eine neue Bestattung Platz zu machen. Nur 
selten sind in einem Ossuarium die Gebeine zweier oder gar mehrerer 
Personen gesammelt (Clermont - Ganneau 1. c. p. 335). Daher zieht 
Dittenberger (Orientis graeci inscriptiones selectae vol. 11, 1905, n. 599) 
die Erklärung vor: ossa quae sunt ex ossibus Nicanoris. Besonders 
spricht aber die hebräische Aufschrift ^Ü^h^ ^^ dafür, daß hier Nikanor 
selbst, nicht seine Familie oder Dienerschaft beigesetzt ist In der 
hebräischen Aufschrift ist tXO^ht^ nicht Name des Vaters, denn dann 
könnte p nicht fehlen, sondern, dem Griechischen entsprechend, Ab- 



X S. Clermont-Ganneau, La „Porte de Nicanor" du Temple de Jerusalem 
(Recueil d'arch^ologie Orientale t. V, 1903, p. 334—340 und pl. VH). Englisch: The 
Gate of Nicanor in the Temple of Jerusalem (Palestine Exploration Fund, Quarterly 
Statement 1903, p. 125— 131). — Eine Beschreibung der ganzen Grabanlage, in welcher 
das Ossuarium gefunden wurde, gibt Miss Gladys Dickson, The tomb of Nicanor of 
Alexandria (Quarterly Statement 1903, p. 326—332). — Über die xweifellose Echtheit 
s. Macal ister, Quarterly Statement 1905, p. 253—257. 



kürzung für mä035« „der Alexandriner".' Tctc Gupac schlechthin be- 
deutet sicher die berühmten Türen des Tempels, Der Plural kann ent- 
weder daraus erklärt werden, daß das Tor zwei Torflügel hatte (bei 
Homer ist dieser Gebrauch des plur. 0üpai das Gewöhnliche), oder 
darauSj daü das Nikanor-Tor zwei Nebenpforten hatte, wenn wir der 
Mischna (Middoth 11, 6* Schekalim VI, 3) glauben dürfen. Die erstere 
Erklärung scheint mir den Vorzug zu verdienen. Jedenfalls wird sich 
die Notk der Grabschrift nur auf das eine, aus der Mischna bekannte 
Nikanor-Tor beziehen. Durch iTOificavTOc wird Nikanor nicht als 
der Künstler bezeichnet, der die Torflügel angefertigt hat, sondern 
als der reiche Geber, der sie geschenkt hat. Dieser Gebrauch von 
TToicTv ist so gewöhnlich, daß es fast überflüssig ist, dafür Beweise an- 
zuführen,' Da er Alexandriner war, so ist es auch glaubhaft, daü die 



p 



> Vgl, Levy, Neuhebr* Wörtcrtj. s. v. Ein iiexandritiisches ScMff htlüt HJ^ßD 
n^UDD^K Kclim XV, I, Ohaloth Vni, 1. 3, 

2 Eine Fülle von Belegen geben die von W^ddington m Syrien, üamenUich ib 
der Ilatirangegend gesarnm eilen Insehriften (InscHptions grecques et latines de la Syne, 
1870)1 $. die Ntchweifi« bei Cbabotr Index alphabälique et analytjque de$ inscnplioms 
grecques et latines de la Syrie publiees par Waddington (Revvjc arch^ologique 1896, 
I— n, auch scp&rat im Format des lo!?chriften-WerkcSj 1897) Nr. VTII: Architectwre s* v» 
ttohIj« Ich hebe aus den 65 Belegstellen, welche er gibt, nur einige signifikante heraus, 
n. ao2j : N, X, lepeüc . * ^trönct t6v ßmjjöv Ik tiÖv fMu>v. — n. 2227 1 A, A. A, oCferpa- 
viKÖc kI I. dbeXtpöc ^woiricav tö ^vr^iov. — 2228 : Atp, Taii] 'Apaßiavoü t6 ^vt^eTov 
laurQ ^^oif]cev. — 5372 r O . * , , rdc vdpacjdhac xax icidvia Kai Td indvw aÖTiÄv im- 
citjXiÄ Köi KoXidc ^K Tüuv tbfüuv ^tt6tic€v, — 23S5 : P. Ä, Kai vlol aOxoO jjövol icai lopo* 
\öBr) fcpfjavoi) ^i^TTip 4E (biuuv Jcdwov {sie) rd n^f^jia ^Tioincev. ^ 2402 ^ T 0. [Ik] tiIjv 
iMwv KapdTiwv t5 lUvr^cTov ditolqccv. — 2413^: A. M. diroincev rä eupd/^ara ci^v 
KöIp^J Kai t6v puLi^öv iK xiBv ibimv €6c€ßefac CvcKa Au Kupiqj. — 2455* t6 koivöv 
*AYfHilvr)c ^TTotnccv 8£uj Aö^ou &id Aijp. TTXdTUivoc Botp^dpou Kai 'Apoüvou Xaipdvou 
UpoTaMeJjv. — 3471 1 'AX^n Poötpou ^trotnctv tauttl Kai Kavblbtu dv&pl 4k tüüv tbiuuv 
^Vl^rlc ^V£Ka ^HpaKXciÄTic dpxvT^KTiuv. — 24S3 : * . t^v 9üpav ^irolr^ctv [^k Tdjrjv ffe(u*v, 
— 2487 1 KX. KJt oÖ€T{pavoc) , . * ^ttoirjcev t^v cti'iXriv fbiaic aöroO bairdvaic, — 25 14 ^ 
A- 0. A. pou(XcuTnPic) t6 TüxTov ^£ eibiiuv ^notncev. — 2537^* : Opqtpa 'Aaeooi^vujv ^k 
ToO Koivoö aCfTiJDv ^troit|cav E{jc€P£iac x^P*v ti^v Kpriirtbav cüv rifi ßm^ui. — *537^* 
8* A. ßoDX{euTfic) Kai raÖToc iibtÄ.cp6c Ömiov Xcf^eiüvoc) ^noincav t6 ^pif^ov* — 2562'; 
. . , KaXojc ^TTolricev. dvdXuLjjxa tFjc otKobojifjc a6ToO vuj^kjiara ^f^ — 257 1 1 Z* M» N. 
dpx^cpcuc TÖ >iVFiM£[u>v| . . . ljioiT\cty^ — 26SSr 'HXiohuüpa k^ MdpSuiv ^troincav feiuXÄ 
Mvfl(jiiic xäpiv, — Als Subjekte von ^iToinccv oder in^oin^av kommen hier von ganze 
Körperachaften (24SS eine Ortsgcniemde, ^537^^ ein Stamm 'ip Fraueii (322S. 2385* 2471, 
2688)i Priester {2023. 2571), Ratsherren (2514. 2537'^), Militärpersonen (2*37' HS?» ^537^ 
[optio ist ein Utiteroffiziersgradj)^ mehrere Personen zusammen (2227, 2385, 2537^, 2688), 
Ei ist klar, dal^ diese alle die betrefTenden Gebäude, Denkmäler oder Gegenstände 
nleht selbst gemacht haben, soodem haben machen lassen; einmal wird der dpX^'^^'^'^^v 
ftoch daneben genannt jn. 247 1)< Das häufig vorkommende Ik tü;v tMuiv iit soviel 
wie iblatc aÖTOiJ bairdvaic (n, 24S7). Einmn,l wird die aufgewendete Summe genajint 



64 E. Schürer, Die Oöpa oder iru\ri ibpald Act 3, 2 u. 10. 

Tore aus Alexandria nach Jerusalem geschafft sind, wie die oben er- 
wähnte talmudische Legende voraussetzt. Dies gilt auch dann, wenn 
die Torflügel in Korinth selbst angefertigt sind, was nicht unwahrschein- 
lich ist (Josephus nennt das Tor V, S, 3 § 204 einfach Tflv KopivGiav). 
Wir wissen nichts darüber, ob man Waren aus korinthischem Erz auch 
in Alexandria angefertigt hat. Andererseits war für griechische Waren 
der Transport über Alexandria nach Jerusalem gewiß nicht ungewöhn- 
lich. Da Nikanor in Jerusalem beerdigt ist, scheint er auch dort ge- 
wohnt, also der cuvoYiwT^ . . . 'AXeHovöp^ujv angehört zu haben, die wir 
aus Act 6, 9 kennen. Möglich, aber weniger wahrscheinlich, ist freilich 
auch, daß er bei vorübergehender Anwesenheit in Jerusalem gestorben 
und deshalb dort bestattet ist. Unter den drei Relationen der tal- 
mudischen Legende (in Tosephta, jerus. und babyl. Talmud) setzt die 
des babylonischen Talmud — sie ist freilich die späteste — voraus, daß 
Nikanor von Jerusalem nach Alexandria gereist ist, um die Tore zu 
holen,* daß er also in Jerusalem seinen Wohnsitz hatte. 

Die Tatsache, daß der Alexandriner Nikanor das kostbare eherne 
Tor gestiftet hat, erinnert daran, daß ein anderer Alexandriner, der 
Alabarch Alexander, die Gold- und Silberbekleidung für die übrigen 
neun Tore geschenkt hat (B. J. V, S, 3 S 205). Die Schenkung des 
Alexander ist wahrscheinlich später als die des Nikanor. Denn die 
Mischna sagt, daß alle Tore „verändert wurden, so daß sie von Gold 
waren (Middoth ü, 3: 2^ h^ nvrfj ^m^^ D^ X^rj^ D'^TJjafn ^3) aus- 
genommen das Tor des Nikanor, weil . . . dessen Erz glänzend 
war**. Das prachtvolle eherne Tor hat also schon existiert, als der 
Alabarch Alexander für die übrigen unansehnlicheren Tore die Gold- 
und Silberbekleidung stiftete,* Trotz dieses Schmuckes blieb aber das 
eherne Tor noXü t^ tijüiQ idc KorrapTÜpouc Kai ncpixpücouc öirepÄTOuca 
(B. J. V, s, 3 S 201). 



(2562*). Daher bedeutet auch ö {b{uiv KÖnov (2385) oder ^k tiäv fbiujv KO^dTWV (2402) 
nicht, daß die betreffenden das ^vfj^a oder ^vr)Metov selbst gemacht, sondern daß sie 
durch anstrengende Arbeit die Kosten aufgebracht haben (vgl. 2412' Krigia ^ (Mujv 
K6iru)v TCUipTiKiöv). — Als Objekte werden u. a. auch genannt Td OupdiMara (2413^) 
und Tf|V eOpav (2483). Besonders der erstere Fall ist mit dem des Nikanor nahe 
verwandt 

< Auf den Unterschied der Relationen macht BQchler, Jewish Qnarterly Review 
X, 715 Anm. 2 aufmerksam. 

s Paläographische Gründe gestatten sehr wohl, die Aufschrift anf dem Ossuarium 
des Nikanor in den Anfang der christlichen Zeitrechnung za setxen. S. Clermont- 
Ganneau, Recaeil V, 334. 

X. 2. Z906. 




H Auf Grund des vorgeführten Materiales wird es wohl kaum noch 

H einem Zweifel unterliegen können, daß die 6üpa tou UpoO i\ X^jo^ivr} 

H (upaia (Act 3, 2) oder die dipaia nuXri tou Upou (Act 3, 10) das Tor 

H am östlichen Ausgange des inneren Vorhofes (genauer des 

H Frauen-Vorhofes) ist, welches Josephus ,,das eherne Tor" und die 

H Mischna ,,das Tor des Nikanor" nennt Die Gelehrten sind freilich 

H nicht immer dieser Meinung gewesen, und noch heute herrscht darüber 

H einige Unsicherheit Auf Grund der Voraussetzung, daü das eherne 

oder Nikanor-Tor zwischen dem Männer- und Frauen-Vorhof gelegen 

habe, haben ältere Gelehrte wohl an dieses Tor gedacht' Und noch 

Benzinger meint wenigstens, es sei unmöglich zu entscheiden, an 

welches der beiden Tore des Frauen-Vorhofes zu denken sei: das west- 

I liehe (nach dem Männer- Vorhof zu) oder das östliche (nach dem äußeren 

Tempelplatz zu),' Diese Vorsicht ist insofern berechtigt, als allerdings 
diese beiden Tore vor den übrigen sich auszeichneten: das erstcre durch 
seine GrÖüe und seine stärkere Goldbekleidung, das letztere durch den 
Wert und die Schönheit seiner Torflügel aus korinthischem Erze- Trotz- 
dem ist an ersteres sicher nicht zu denken: i. weil es an Wert und 
Schönheit doch hinter dem korinthischen zurückstand, und 2. weil es im 
Innern Vorhof lag, wo man sicher das Hemmliegen von Bettlern nicht 
geduldet haben würde- 

Ernsthafter ist die früher von vielen vertretene Ansicht zu erwägen, 
da& das Susan-Tor gemeint sei, also das Tor an der Ostgrenze des 
äußeren Tempelplatzes- Sie ist, soviel ich sehe, besonders durch 
Wagenseils Kommentar zum Traktat Sota in Umlauf gekommen;^ und 
sie hat längere Zeit hindurch sich überwiegenden Beifalls erfreut.^ Zu 



^ Wetstein, Nov« Test 11,471; loteUigo port^m oncntalem, CorinCbiam el mnxi^ 
mam, Nic^nofifi dtctam, pei quam introibant ck ritrio malierum inuirium 
Iiraeütarumi 

» Encydopacdia BibUca IV, 4946: Which of tUcse two doors ii inteuded by tbe 
„Beautiful" gate of Acts 3, 2, U is impossible to dcterminc. 

3 Toh, Christoph Wagen seil, Sota h. e. Über Mtschnicus de UÄOre adulterii 
suspecta, AUdorf 1674, z« Sota I, S (iü Sarenhusius Mi ich na III, 1^2)^ 

4 Job* Gottfn Lakemach eV, Observatioiiei pbilol. vol. 1, ed* i, Hdrost* 17^% 

p, ij|g i53, .«— Job. Emsl Im. Waick, De claudo a Peiro Eanato^ Jeru 1755 (aucb in 

dessen Dissertationcs in acta apost* vol. I* ed. 3, Jenae 1766^ p. 41 — S4)- ^^ Ben gel, 
Gtiotnon N. T. ^u Act 3, 2. — (Kuinoel, Ada apost. tStS. ed, 2. 1S27, u,d Act 3, 2 
stellt diese Erklärung lur Wahl, «cht aber die Beiiehüng auf das Chulda-Tor vor: 
utrum autem poiiam Susan* an Chulda nomine thpaia insiguierit scriptor, certo definiri 
nequit, praeplacet tarnen posterior fralio.) — De Wette, Exegetisches Handbuch 1, 4^' 
Apo Steiges eh. j. Aufl. 18+8, Dejrs., Lchrb. der liebr. Archäologie 4, Anfl.» bearb. von 

Ztiiichr. l d. neütcft, Wiu. Jahrg. VI- t9o6» 5 



66 E. Schürer, Die Oupa oder irdXn ibpaia Act 3, 2 u. 10. 



ihren Gunsten scheint der Zusammenhang in der Apostelgeschichte zu 
sprechen. Nachdem nämlich der Lahme durch Petrus geheilt ist, geht 
er mit den Aposteln in das Heiligtum hinein (Act 3, 8: €ia|X9ev 
cüv auToTc efc tö Upöv), also doch in das Heiligtum, an dessen Türe er 
gelegen und gebettelt hatte. Nach unserer Auffassung ist dies der 
innere Vorhof. Dann scheint es aber befremdlich, daß es ein paar Verse 
weiter heißt, das Volk sei zu ihnen zusammengelaufen in der Halle 
Salomonis (3, ii: cuv^öpafiev Trete 6 Xaöc Tipöc auTOÜc ^tti tQ croqt t^ 
KaXoufi4vij ZoXoiLiaiVTOc), denn die Halle Salomonis lag an der Ostgrenze 
des äußeren Tempelplatzes (Jos. Antt. XX, 9, 7 §220 — 22 1: t#|v dva- 
ToXiK#|v CTodv . . . )^v bi i\ crod toO fifev IHuiGcv Upoö, Keifi^vn ö' 
iy 9dpaTTi ßa9€i()i . . . IpTOV ZcXomövoc toO ßaciXdujc). Schlatter, der 
mit Recht bei Act 3, 2. 10 an das östliche Tor des inneren Vorhofes 
denkt, korrigiert eben darum denjosephus und nimmt an, daß die crod 
ZoXomiJVOC im Innern Vorhof gelegen habe.» Auch wer den Josephus 
nicht überschätzt, wird diese gewaltsame Lösung für unstatthaft halten.» 
Sollen wir also doch das Susan -Tor mit der Oüpa dipa(a gleichsetzen? 
Das ist schon deshalb kaum möglich, weil es an der äußersten Ost- 
grenze der Stadt lag und darum sicher kein Hauptverkehrstor für die 



Raebiger 1864, S. 361 („das östliche Haupttor Schuschan, wahrscheinlich eins mit 6upa 
^ipaia AG 3, 2"), — Win er, Realwörterb. II, 580 („die meisten Interpreten halten mit 
diesem Tore [Susan] die irCiXn \efO\xiyr\ tbpaCa Act 3, 2. 10 für einerlei"). — Nösgen, 
Kommentar über die Apostelgeschichte des Lukas, 1882, S. 113. — Zöckler im Kurz- 
gefai^ten Kommentar, N. T. 2. Abt. 1886. 

z Zur Topographie und Geschichte Palästinas, 1893, S. 197 ff. 

2 Schlatter sucht freilich zu zeigen, daß nach den anderen Stellen des Josephus, 
wo er nicht selbst spreche, sondern die ihm vorliegenden Quellen wiedergebe, die Halle 
Salomos im inneren Vorhof gelegen habe. Das ist aber nicht der Fall. Im Bell. Jud. 
V, 5, I heißt es, daü schon Salomo den Tempelplatz nach Osten hin künstlich erweitert 
und auf dem künstlichen Untergrund eine Halle erbaut habe (rd icai^ ävaroXdc fi^poc 
^KTCixCcavToc, ^irer^dr) ^(a crod t(|i x^M^ti). Später habe man dann mit der Erweiterung 
fortgefahren. Diese Darstellung gibt für unsere Frage keine Entscheidung. Antt XV, 
ii> 3 S 401 ist aber zweifellos von der Umfassungsmauer des äußeren Tempelplatzes 
die Rede (sie ist erbaut irap' aCm^v Tf)V fixpav), und dann gesagt, daß sie im Osten eine 
doppelte Halle hatte (womit auch nach Schlatter die dem Salomo zugeschriebene gemeint 
ist). Auch Antt VIII, 3, 9 S 97—98 heißt der Rate, welchen Salomo mit doppelten 
Hallen umgab, Td IEu)6€V i€pdv. Keine dieser Stellen ist also geeignet, Schlatters 
Memung zu stützen. Sämtliche Stellen des Neuen Testamentes (Joh 10, 23. Act 3, 11 
und 5, 12) setzen aber voraus, daß in der Halle Salomos ein freier Verkehr stattfand, 
auch Disputationen gehalten wurden. Das kann nur von einer Halle des äußeren Vor- 
hofes gelten, denn der ganze innere Vorhof war lediglich Knltusswecken gewidmet Die 
Notiz des Eupolemus (bei Enseb. Praep. ev. IX, 34» 9) gehört überhaupt nicht hierher, 
denn er spricht von einer Halle, welche Salomo nördlich vom Tempel erbaute. 



von der Stadt Kommenden war, was doch das vom Bettler aufgesuchte 
gewesen sein muß. Es war nach Para III, 6 durch eine Brücke mit 
dem Ölberg verbunden und vermittelte nur den Verkehr nach diesem 
hin* Es ist aber auch aus dem, was die Mischna bemerkt, kein AnlaÜ 
ersichtlich, weshalb gerade dieses Tor „das schone'' sollte genannt 
worden sein/ Ganz von selbst ergab sich aber diese Bezeichnung für 
das eherne, ttoXu xfl Ti^iij lac KütTapTupouc Kai ircpixpOcouc önepdTOUca. 
Dessen überragende Schönheit war besonders groß zu der Zeit, als die 
anderen ihre Gold- und Silberbekleidung noch nicht erhalten hatten. Da 
diese erst von dem Alabarchen Alexander (um 20—40 n. Chr.) gestiftet 
ist, ist es fraglich, ob sie zur Zeit von Act 3, 2 schon vorhanden war. — 
Der Zusammenhang der Apostelgeschichte ist aber, auch wenn wir den 
Erzähler für gut orientiert halten, kein wirkliches Hindernis für unsere 
Ansicht. Er hindert nicht anzunehmen, daÜ das Zusammenlaufen der 
Volksmenge in der Halle Salomonis erst stattgefunden hat, nachdem der 
Geheilte und die Apostel aus dem inneren Vorhof, in welchen sie ein- 
getreten waren, sich wieder herausbegeben hatten. 

Das eherne oder Nikanor-Tor war an sich ein äußerst geeigneter 
Plat2 für den Aufenthalt des Bettlers. Denn es verhält sich mit dem 
Osttor des inneren Vorhofes ganz anders als mit dem Osttor des 
äußeren Vorhofes» Obwohl die Leute, die aus der Stadt kamen, den 
äuüeren Vorhof wohl überwiegend von Westen her betraten, ist es 
doch wahrscheinlich, daß man in den inneren Vorhof in der Regel 
von Osten her eintrat Die Front des Tempels war ja nach Osten ge- 
richtet So war auch das östliche Tor des Vorhofes das Haupteingangs- 
tor. Eben darum wurde es mit grötierem künstlerischem Schmuck aus- 
gestattet als die anderen. Die Benennung ,, Frauen- Vorhof" darf uns 
auch nicht zu der irrigen Vorstellung verleiten, als ob dorthin nur die 
Frauen Zutritt gehabt hätten. Er hieß so, weil auch die Frauen dorthin 

L kommen durften. Wenn es dafür noch eines Beweises bedürfte, so ge- 
nügt es, auf folgende zwei Stellen des Josephus zu verweisen, die sich 
auf den Frauen- Vorhof beziehen* Antt XV, 11, 5 ^ 418 (das Östliche 
Tor); 5i' oö TTttp^etficv dtvoi ^eiä T^vaiKÜJV, c. Apion, II, 8 ,S I04- in 
Abc 
Tei: 



^ Ungefähr an der Stelle^ ^'^ ^'^^ <^^^ Snsan^Tor la sechcn liäben* beendet sich 
jetzt allerdingfs ein vermauertes Tor, vrelehes als j,das goldene" bezeichnet wird. 
Aber dieses stammt aus byz&ntmischer Zeit und hat mit dem Susan-Tor des herod manischen 
Tempels nicht mehr als die ungefähre Lage gemeinsam. S* über dasselbe: Tobler, 
TopogTuphie von Jerusalem I, iSS5, S^ ^55*^' De Vogü^^ Le temple de J£niialem 
1864, p. 13 ff., 64 ff. pL VTI— XIL Schick, Die Sttftshütte etc. i8g6, S, 285^. 



68 E. Schürer, Die Gupa oder iruXri ibpa(a Act 3, 2 u. 10. 

secunda vero porticu cuncti Judaei ingrediebantur eorumque coniuges, 
cum essent ab omni pollutione mundae. 

Die Identität der 0upa oder ttuXti ibpaia mit dem östlichen Tor des 
Frauen -Vorhofes ist auch von Lightfoot in seiner Descriptio templi 
Hieros. (opp. I, 593) anerkannt, indem er freilich das Nikanor-Tor der 
Mischna und das eherne Tor des Josephus unterscheidet und nur letzteres 
an den östlichen Ausgang des Frauen- Vorhofes verlegt (s. oben S. 60).* 
Auch Pres c Ott identifiziert das „schöne" Tor mit dem Osttor des Frauen- 
Vorhofes (S. 39 seiner oben genannten Abhandlung), obwohl er nicht 
das eherne, sondern das „große" Tor des Josephus hierher verlegt (s. oben 
S. 61). Die Mehrzahl der Neueren erkennt an, daß das „eherne Tor" 
des Josephus, das „Nikanor-Tor" der Mischna und das „schöne Tor** 
der Apostelgeschichte eins und dasselbe sind.* Dabei wird es hoffent- 
lich künftig sein Bewenden haben. 



1 In den etwas späteren Horae hebraicae läl^t lightfoot die Wahl xwischen dieser 
Gleichsetxong nnd der Gleichsetzung der 60pa tbpaia mit einem der Chalda-Tore. Er 
meint, djpafa könne auch von djpa in der Bedeutung tempus abgeleitet werden, und 
ebenso komme mVin vielleicht von *lbn = tempus, aevum. Dann wären beide Bezeich- 
nungen gleichbedeutend (opp. II, 698, zu Act 3, 2 u. 3, 11). Diese unglückliche Kom- 
bination, welche Kuinoel plausibel findet (s. oben S. 65) erledigt sich wohl durch das 
oben S/S3 über die Chulda-Tore Bemerkte. 

3 So Meyer, Komm, zu Act 3, 2 (aber mit der unrichtigen Bemerkung, da& es 
„an der Morgenseite des äußersten Tempelvorhofes'' gelegen habe, die auch von Wendt 
zunächst, 5. Aufl. 1880, beibehalten und erst später getilgt ist, 8. Aufl. 1899). — Keil, 
Handb. der bibl. Archäologie 2. AufL S. 159. — Schlatter, Zur Topographie und Ge- 
schichte Palästinas S. 197. — Nowack, Lehrbuch der hebr. Archäologie 11, 78. — 
Davies im Dictionary of the Bible, ed. by Hastings and Selbie IV, 714^ — Feiten, 
Die Apostelgeschichte übersetzt und erklärt, 1892. — Holtzmann im Hand-Kommentar 
zum N. T. I, 2, 3. Aufl. 1901. — Blaß, Acta apostolorum, editio philologica, apparatu 
critico, commentario perpetuo etc. illustr. 1895. 



[AbgeschloMea am 30. Januar X906.J 



r 



G. Loeschcke, Cantjra Marcellum, eine Schrift des Ey$ebius von Caesarea. 69 



Contra Marcellum, 
eine Schrift des Eusebius von Caesarea, 



Von Gerhard Locachcke tu Bonn. 

Conybeare hat in dieser Zeitschrift 1903, Sjoflf. und 1905, 2Soflr. sich 
in ^wei Aufsätzen mit der Frage nach dem Verfasser der Abhandlungen 
contra MarcelJum und de ecciesiastica theologia beschäftigt. Gegen- 
über der altkirchlichen und soweit ich sehe bisher allgemein angenommenen 
Überlieferung, daü Euseb von Caesarea der Autor dieser Traktate sei, 
und die Zeit ihrer Entstehung unmittelbar hinter die Konstanlinopeler 
Synode von 336 zu setzen sei, vertritt er die These, daß diese Bücher 
zwischen Herbst 540 und 343 geschrieben seien; als ihren Autor denkt 
er Euseb von Emesa. Das Hauptargument der ersten Abhandlung 
Conybeares, daß sich C. Marc, p, 19 B tine Beziehung auf den Brief 
des Marcell an Julius {= Epiph. haen LXXII) finde, ist von A* Har- 
nack in seiner Chronologie der altchristlichen Literatur H 544f- mit 
Recht zurückgewiesen worden: es wird hinfällig, sobald das Marcell- 
fragment mit Montacutius z, d. St, Rettbergs Fragmente nsammlung 
p. 49 ff., Zahn, Marcell von Ankyra p. 54 richtig abgetrennt wird. 
Conybeare selbst nimmt es in dem ersten Abschnitt seines zweiten Auf- 
satzes denn auch ausdrucklich zurück Trotzdem hält er die Behaup- 
tungen seiner ersten Abhandlung über Verfasser und Abfassungszeit von 
C. Marc, fest und versucht sie durch die genauere Darlegung einer 

L Reihe von Gründen, die in dem ersten Aufsatz nur flüchtig berührt waren, 
sicher zu stellen. 
In den Abschnitten 11 — V legt er einleitend dar, daü der nach dem 
Konzil von Nicaea geschriebene Brief des Euseb von Caesarea an seine 
Gemeinde interpoliert sei. Erst die antiochenische Synode von 341 
biete in ihrer zweiten Formet (bei Äthan, de Synod. 23) die Worte: 
ica0ujc Kai ö Küpioc f\\imv In^o^c Xpicxoc öiexctlaTo toTc ^aÖtitaTc Ufiuy 
nop€ueivTtc Ma6T)T€vcaTE ndvia rä iBvr\, ßa7rTl2;ovT€C auroi/c eic tö ovo- 
■ 



70 G. Loeschcke, Contra Marcellum, eine Schrift des Eusebius von Caesarea. 



dXnöujc TTOTpoc ÖVTOC, uioO bk dXiiBujc uiou Svtoc, tou öfe dxiou irveu- 
jittTOC dXriGujc axiou irveOfiaTOC övtoc." So gut die Worte hier in den 
Zusammenhang des Glaubensbekenntnisses paßten, und so sicher sie hier 
Original seien, so schlecht paßten sie in den Text des nach dem Brief 
des Euseb nach Caesarea von ihm zu Nicaea vorgelegten Credo; denn 
während die antiochenische Formel in ihrem zweiten Gliede den Sohn 
nenne, nenne die eusebianische den X6toc; und das mit Recht; denn 
auch die Theologie des Euseb habe es mit dem X6toc nicht dem Sohn 
zu tun; sie lehre auch nach dem Urteil ihrer Zeitgenossen zwei nicht 
drei ouclai; die Einmischung der trinitarischen Formel sei unangebracht. 
Hinzu komme, daß die zitierten Worte offenbar arianisches Schibboleth ge- 
wesen seien; eine Formel, die sie enthalten hätte, würden die nicaenischen 
Väter und unter ihnen besonders Athanasius, Eustathius und Marcdl 
nie gebilligt haben; und doch versichere Euseb, daß die Synode an 
seiner Formel nichts auszusetzen gefunden habe. Man müsse annehmen, 
daß der betreffende Abschnitt in das Glaubensbekenntnis des Euseb 
von arianischer Seite interpoliert sei; das mache um so weniger Schwierig- 
keiten, als Sokrates und Sozomenos den Brief des Euseb offenbar aus 
der Synagoge des Arianers Sabinos, einer in solchen Dingen unzuver- 
lässigen Quelle, entnommen hätten. Es sei beachtenswert, daß Athanasius, 
wo er de decr. Nie. syn. 3 auf den Brief des Euseb zu sprechen komme, 
mit keiner Silbe auf die anstößigen Worte anspiele; hätte er sie gelesen, 
so hätte er sie auch bestreiten müssen. 

Diese Argumentation ist wenig stichhaltig. Conybeare bedenkt zu- 
nächst nicht, daß wir es in dem von Euseb zu Nicaea vorgelegten Be- 
kenntnis nicht mit einem freien Ausdruck der persönlichsten theolo- 
gischen Überzeugungen des Euseb zu tun haben; wir haben ein 
Glaubensbekenntnis vor uns, und dieses pflegt altkirchlicher Sitte gemäß 
drei- nicht zweiteilig zu sein: in unserm Fall lautet es (bei Athanasius 
im Anhang zu de decretis): TncTeüofiev eic ?va 9€Öv . . .Kai efc ?va kü- 
piov 'IncoOv XpicTÖv . . . TTiCTCuofiev bi Kai €lc 8v TTveOfia fixiov; die trini- 
tarisch orientierte Schlußklausel paßt zu einer solchen Formel auf jeden 
Fall, mag in ilirem zweiten Gliede nun von dem ul6c oder dem X6toc 
die Rede sein. Sodann ist die Behauptung, daß die angeblich inter- 
polierten Worte arianisches Schibboleth gewesen seien, mindestens unbe- 
wiesen: gerade die antiochenische Formel, in der sie nach Conybeare 

I So nach dem Text des Athanasius. Conybeare 251 zitiert nach Sokr. II, 10; 
der Text weicht in unwesentlichen Punkten ab: Sokrates pflegt es mit dem Wortlaut 
der Ton ihm wiedergegebenen Aktenstücke nicht besonders genau zu nehmen. 




G. Loesc hckc^ Contra Marcellum, cbc Schrift des Eusebbs von Caesarea. Jl 

Original sind, wendet sich vom Standpunkt des Traditionalismus aus zum 
Schluß deutlich gegen die Arianer, wenn sie sagt: köi ei nc Xi^fu töv 
ulov KTicfia die tv Ttöv KTicjuidTiuv, f\ Yevvima tht Iv Tüiv T^vviiiidTUiV, Fl 
iToirma, LUC Iv Tuiv TTOiiindTtJuv» Kai ^r| lüc ai 0€Tai tpct^pai TtapaMbojKav, tüjv 

7rpO£ipt)/i£VU)V ^KCtCTOV d(p' tKdCTOU(?)' f\ £1 Tl dWO blh&CKU, fj €uaTTtX(l€Tctl, 

TTop' B TrapeXdßojuev, dvö0€^a Icrui. Die die Selbständigkeit und Wahr- 
heit des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes betonenden Worte 
wollen kaum mehr wie gegen den im Orient so gefürchteten Sabellianis- 
mus Front machen. Daß die nicaenische Synode ein Glaubensbekennt- 
nis, das sie enthielt, wie das des Euseb von Nicomedien, hätte zurück- 
weisen müssen, kann in keiner Weise gesagt werden: sie stand nicht 
auf dem Boden des allerdings von ihr selbst zum Stichwort des Glaubens 
erhobenen ö^ooucioc. Am wenigsten aber kann Eusebs Zeugnis, daü die 
Synode das Bekenntnis gut geheißen habe, in der Weise wie Conybeare 
es will verwertet werden. Wer die gewundene Art des Briefes des 
Euseb an seine Gemeinde überdenkt, und insonderheit die eigentüm- 
liche Art, in der die nicaenische Formel mit der von ihm selbst pro- 
ponierten verbunden wird, beachtet, wird nicht erwarten, daß sich Euseb 
verpflichtet gefühlt hätte, es seiner Gemeinde mitzuteilen, wenn dieser 
oder jener Bischof an seinem Glaubensbekenntnis Anstoß genommen 
hätte. Die Vermutung Conybeares schließlich, daß die Interpolation 
auf Sabinos zurückgehe, scheitert daran, daß die verdächtigten Worte 
sich schon in dem Texte finden, der Athanasius vorgelegen hat; die 
Überlegungen, die Conybeare zu de decr* 3 anstellt, können gegen die 
Tatsache nicht aufkommen, daß der von den Athanasiushss, im Anhang 
zu de decretis gebotene Text des Briefes mit dem bei Sokrates über- 
lieferten identisch isL Die Annahme, daß die Athanasiusüberlieferung 
(der Brief ist von Athanasius selbst de decretis beigegeben worden) 
aus Sabinos oder Sokrates interpoliert sei^ ist nicht zu diskutieren. Wir 
werden uns hineinfinden müssen, daß Euseb sowohl in diesem Brief, 
H wie in der Theophanie p, 177, 2 fr* (ed. Greßmann) und eventuell auch 

^^^ in contra Marc. Kenntnis des trinitarischen Taufbefehls verrät. 
^^^H In den Abschnitten VI — DC beschäftigt sich Conybeare vornehmlich 

^^^ mit dem Anfang des zweiten Buches contra Marcellum: rriv tou fakä- 
H Tov nicTiv f] Kai fidXXav t^v dTticTiav, ti^v ^k töv iriöv toö Öeoö, Kmpöc 

H i^bii KaXeT petd Ti^v IkÖcciv tu>v utr' autou öiaßXri9tVTuJV ck «pujc dtot- 

H y^Wt Kai Tf)v xP<5voic jiaKpotc £v&o^uxncacav t*£i dvbpi KaKOÖoEiav Ppaxv 

H TT€pi€X6övTac TOU tt|c tmcToXflc KpocxTiH^TOc dTtOTujuvuicai, btiiai t€ toTc 

H itdciv biä TTJc Tüüv aÖTou cpuivujv ^apTupiac oioc xic aiv Tflc XpiCToO 



72 G. Loeschcke, Contra Marcellum, eine Schrift des Eusebius von Caesarea. 

KaGiiTeiTO ^KKXncfac dfvGpuüTioc ktX. Conybeare will unter der hier er- 
wähnten dTTiCToXn den von ihm auf 340 datierten schon oben erwähnten 
Brief des Marcell an Julius von Rom verstehen. Er meint vor 340, wo 
die römische Synode Marcell zur Kommunion zugelassen habe, sei es 
überhaupt nicht nötig gewesen, die Beschlüsse von Konstantinopel zu 
verteidigen. Die Partei, die Marcell mit Unrecht verurteilt glaube, und 
gegen die Euseb nach p. 56 A schreibe, seien eben Julius und die rö- 
mischen Bischöfe. Die Worte tt^v xpövoic fiaKpoTc ivöojiiuxi^cacav 'tu> 
ävöpi KaKOÖoS(av spielten auf die Worte des Julius an im Briefe an 
Danius, Phlakillus und die andern Häupter der antiochenischen Synode 
(«= Athanasius: Apol. c. Ar. 32) Kai ou vöv raOra 7r€9povTiK4vai öia- 
ßcßaiifacaTO, dXXd Kai ^KTiaXai. 

Der hier versuchte Beweis zerschellt, sobald man die das zweite 
Buch einleitenden Worte in den Zusammenhang der Gesamtdisposition 
der zwei Bücher einreiht Sie wollen von Anfang bis zu Ende sich mit 
dem einen Werk auseinandersetzen, das Marcell nach p. lA einzig 
geschrieben hat und tun dies, indem sie einleitend (Buch I, Kap. i — 3) 
ausfuhren, daß Marcell von der hl. Schrift überhaupt nichts verstehe und 
sodann i) (Buch I, Kap. 4) auf die Verläumdungen des Marcell und 
2) (Buch U) auf die Irrlehre des Marcell an der Hand eben dieses 
einen Werkes eingehen; dem das zweite Buch einleitenden Satz ent- 
spricht sogar in der Form der Kap. 3 des ersten Buches (p. 18 C) 
abschließende Satz: toOtujv f)iLiiv €lpiiiLi4vu)V cic dTiööeiSiv toG ^r\bi raic 
6€{aic Tpa90tTc 8v x?^ Tpöirov ivTexuxnKivai töv fivöpa, KaXeT bf\ Kaipöc 
Kai Tf|v oöx ÖTin Tf\c Trfcreujc aöroO Ö6£av ^TncKdqiacGai, die dvovTia öo- 
5d2[u)v tQ ^KKXriciacTiKq biöacKaXiqi aurriv t€ Kai toöc TTpoecrwrac auxfic 
öt^ßaXXev. Die ohne jede genauere Bestimmung im Anfang des zweiten 
Buches zitierte 4^0x0X1*1 muß im engsten Zusammenhang mit dem cvrf- 
Tpaiufia stehen; sie kann um so weniger der Brief an Julius sein, als im 
folgenden in keiner Weise auf diesen Brief Bezug genommen wird. 
Der Anklang der Worte T#jv xP<^votc juaKpoic ^vbofiuxi^cacav Tip dvöpi 
KaKoboS(av an den Brief an Danius ist viel zu unbestimmt, um an diesem 
Resultat etwas ändern zu können. 

Schwieriger ist zu bestimmen, in welcher Weise sich die imcToXri 
zu dem cÖTTPOMMO verhält. Wenn, wie Zahn a. a. O. p. 46 anzunehmen 
scheint, das Buch des Marcell ein gesondertes Dedikationsschreiben an 
den Kaiser gehabt hat, so würde man zunächst an dieses zu denken 
geneigt sein. Aber die Existenz eines solchen „Dedikationsschreibens** 
ist nicht gesichert ja sogar unwahrscheinlich; die TioXXd ßaciX4u)C ItkiüMio, 



r 



G* Loeschcke, Contra MarceUum, eine Schrift des Eusebius von Caesarea, j^ 



I 



die man am ersten in ihm vermuten würde, verweist c/Marc, II, p. 55 D 
in das 0uinrpcMOt selbst Es macht den Eindruck, als ob Dedikations- 
schreiben und cTÜTTPOtMM« ^'^^^ literarische Einheit gebildet hätten; denn 
das (JuTTPCi^MCt war, worauf Conybeare 255 f, mit Recht hinweist auf jeden 
Fall selbst in Briefform abgefaßt Wahrscheinlich besteht die von Cony- 
beare p. 255 zurückgewiesene Meinung zu Recht, daß die IwicToXri nichts 
anderes wie das crÜTTpc^M^^ct selbst ist; es wird in diesem Ausdruck seiner 
literarischen Form nach bezeichnet, ähnlich wie z. B, des Athanasius 
Abhandlung Kard tiIiv Xctovtijuv 5ti t6 nvfÖMa t6 ariov KTie^a ^criv 
in Handschriften und Drucken als ^mcioXi^j npoc Icpctmüjva tov Infc- 
KOTTov erscheint 

Ein Grund contra Marcellum so spät wie Conybeare will zu datieren^ 
bestände somit vorläufig nicht; denn die Behauptung, daü es vor 340 
nicht notwendig gewesen sei, die Beschlüsse von Konstantinopel zu 
verteidigen, und daß unser Buch sich eben gegen die römische Synode 
richte, entbehrt jeder Begründung* Marcells Freunde sind bereits früh 
und eifrig für ihn an der Arbeit gewesen; schon 337 oder 338 habei^ 
sie erreicht, daß er wieder in sein Bistum zurückkehren durfte. 

Aber Conybeare hat noch einen zweiten wie er sagt entscheidenden 
Beweis gegen die Abfassung vor 341* In seinem zehnten Abschnitt 
verweist er auf p. 2qB: ^£Tct Taura ^iKpiv npoeXöuJV oö töv *Act€- 
piov fiövov, dXXd Kai töv iiiyav Eictpiov, ou tnc iiricKOn^fic tiXelcTcii xai Ö10- 
q^avetc ^trapxtai te Kai TroXeic p€T€Troir)6ncav, KaKÜJC d*fop€0€t. Diese Worte 
können nach Conybeare erst längere Zeit nach der Übersiedelung des 
Euseb nach Konstantinopel geschrieben sein; voll verständlich sollen 
sie erst nach dem Tod des Euseb sein. Sonst miiüte an Stelle des 
Aorist (jU€T€7roir|0r|cav), meint Conybeare, das Perfektum stehen. 

Ich muß gestehen, daß ich diesen Gr\xnd nicht ganz verstehe; der 
Aorist will mir auch unmittelbar nach der Übernahme des neuen Bis- 
tums durchaus am Platze erscheinen. Im übrigen kennen wir den ge- 
nauen Zeitpunkt der Übersiedelung des Euseb nicht; 338/39 erscheint 
^^^ sie als vollendete Tatsache.' 

^^B In den Abschnitten XI — XIV bringt Conybeare vier weitere Gründe 

^m gegen die Abfassung von c, Marc* durch Euseb von Caesarea: i) Euseb 
H V, Caesarea würde nie, wie dies p. 20 B geschieht, seinen Rivalen und 

H Namensvetter von Nicomedien als 6 liiyac bezeichnet haben. Sonst 

H ignoriere er ihn völlig, auch in der nach der gewöhnlichen Annahme mit 

iL 



Vgl Zahn «, A* O, 64ff. und Loofs REi XII 263. 

* Vgl Loofs REJ V, 6ao, 



74 G. Loeschckc, Contra Marcellum, eine Schrift des Eusebius von Caesarea. 

c. Marc, gleichzeitigen Schrift de vita Constantini. 2) p. 55 D werde 
Konstantinopel f| ßaciXiKf| ttoXic genannt, in der vita werde es des 
öfteren als die ^TrübvujLioc tiöXic oder ähnlich bezeichnet; die ßaciXeäouca 
TTÖXic sei dort Rom. 3) Zwar wäre es an und für sich möglich, daß 
Euseb einmal von der dyia Kai juaKapia Kai jiiucTiKfj rpidc spräche, aber 
daß dieser Ausdruck wie in contra Marcellum im Anschluß an Matth. 
28, 19 gebraucht werde, sei uneusebianisch. 4) Die Zurückweisung des 
Marcell sei zugleich eine Verteidigung des Asterius. Euseb habe kein 
Interesse gehabt, einen Mann zu verteidigen, dem er im Psalmenkom- 
mentar das Prädikat 6 'Apeiavöc beilege. Auffallend sei auch, daß 
Marcell in der vita Constantini nicht genannt werde; man würde dies 
erwarten, wenn Euseb gleichzeitig gegen ihn geschrieben hätte. 

Zu diesen vier Punkten ist zu bemerken: i) daß Euseb von Nico- 
medien Rivale des Euseb von Caesarea gewesen sei, ist kaum zu be- 
weisen; daß er in der vita Constantini nicht erwähnt wird, kann bei 
dem panegyrischen Charakter dieser Schrift* nicht sehr auffallen; er 
war einer der Hauptfiihrer im arianischen Streit, und es ist bekannt, daß 
der Euseb der vita diesen Streit als möglichst unbedeutend hinzustellen 
sucht Der Panegyriker Euseb und der Dogmatiker dürfen nicht ohne 
weiteres gegen einander ausgespielt werden. 2) Die verschiedene Be- 
zeichnung Konstantinopels in der vita und in contra Marcellum könnte 
höchstens dann zu Zweifeln an der Echtheit der letzteren Schrift 
Anlaß geben, wenn Konstantinopel hier durchweg ßaciXiK^j iröXic, dort 
durchweg d7ribvu|Lioc ttoXic genannt würde. Tatsächlich wird aber Kon- 
stantinopel in contra Marcellum überhaupt nur ein einziges Mal erwähnt; 
von einem verschiedenen Sprachgebrauch kann da nicht die Rede sein. 

3) Dieser Punkt erledigt sich auf Grund des zu Abschnitt I Gesagten. 

4) Daß contra Marcellum eine Verteidigung des Asterius sei, läßt sich 
nicht ohne weiteres behaupten; auch ist es noch sehr die Frage, ob 
nicht das Interesse Eusebs, Marcell der Häresie zu überführen, groß 
genug hätte sein können, um ihn im Notfall auch zum Verteidiger des 
Asterius zu machen. Vor allem aber stammen, wenn nicht alles täuscht, 
die von Conybeare herangezogenen Worte, 'Acrdpioc bi 6 dpeiavöc outujc 
TÖv qiaXfiöv iSiiYncaTO gar nicht von Euseb. Sie finden sich zwar in den 
Ausgaben seines Psalmenkommentars am Schluß der Erklärung des vierten 
Psalms, aber unter sehr eigentümlichen Umständen: Euseb erklärt (Migne 
XXIII, loi— 112) den Psalm vom ersten bis zum letzten Vers; er schließt 



X Vgl. Heikel in den Prolegomena zu seiner Aasgabe XLVffl 



G, Loeschcke^ Contra Marccüum, eine Schrift des Etisebius von Caesarea. 75 

die Erklärung deutlich mit den Worten ab Xrjiiteiujcai bi xdvTaööa töc ini 
TOic öiatifciX^aci biacroXdc, f)TOt irjc öiavom 4vaXXaTfiv trapiCTÜbcac f[ 
xdxa ^traßoXt^v toö mIXouc ^vaXXdiTovTOC f] tov t>uByi6v\ und dann fährt 
der Text ganz unvermittelt fort 'Aciepioc hk 6 dpeiavoc outujc töv i|^aX^öv 
^ErjyricctTo, worauf eine völlig neue Erklärung der ersten drei Verse des 
Psalms folgt; Euseb kommt nicht wieder zu Wort* Es bedarf nur eines 
Blickes in die Noten des Herausgebers Montfaucon um den sofort auf- 
steigenden Verdacht zu bestätigen, daß dieser letzte Abschnitt mit 
Euseb gar nichts zu tun hat, sondern ein selbständiges Asteriusfrag- 
mcnt ist Montfaucon sagt von dem Passus: Haec m caäice Tauri- 
nensi ab amcmuettse adiuncta sunt, nee habmtur in aUis mss. Der 
Taurinensis muß aus einer Catcnenhandschrift excerpiert sein, — Daß, 
worauf Conybeare noch hinweist, Marcell in der vita Constantini nicht 
erwähnt wird, kann ebenso wenig wie die Übergehung des Euseb in 
dieser Schrift gegen die Echtheit von contra Marcellum ernstlich ins 
Gewicht fallen. 

In den Abschnitten XV — XVIII bringt Conybeare noch einen letzten 
Grund gegen die Annahme, daß c. Marc, von Euseb von Caesarea ge- 
schrieben sei: der Verfasser spricht des öfteren von Eusebius PamphiH 
in der dritten Person. Conybeare hoflft im Interesse des Ansehens der 
patristischen Wissenschaft, daü angesichts dieses Argumentes in Zukunft 
niemand mehr c. Marc* Eusebius Pamphili zuschreiben wirdp 

Und in der Tat erscheint dieser Grund auf den ersten Blick durch- 
schlagend. Aber der Schein tiügts wer die von Conybeare und Har- 
nack a. a. O. gesammelten Stellen genauer prüft, wird sich doch dem 
Urteil Harnacks anschließen, daß auch dies kein ausreichender Beweis 
dafür ist, daß Eusebius nicht der Verfasser der Schrift ist In allen 
handelt es sich um die Zurückweisung von Angriffen, die Marcell gegen 
Euseb und seine Freunde gerichtet hat; daß Euseb sich hierbei so sehr 
selbst objektiviert, daß er von sich wie von einem dritten spricht, ist 
nicht undenkbar ' 

L Damit sind die Gründe, die Conybeare gegtn Euseb von Caesarea 
als Verfasser von c. Marc» und für eine Datierung der Schrift nach 
Herbst 340 genauer ausgeführt hat, erschöpft Denn einen weiteren, die 
der 
vorbi 
Stroj 



1 Um am Lebendeti lu demonstrieren, so schreibt £, B* K* Krumbacher, Kultur 
der Gegenwart L 8, obwohl er S, 3S3 von sich in der ersten Person gesprochen hat, 
S. 285: „Eine Ge£(itnt%u5giibe (nämlich der Lieder des Romanos) \vird seit 20 Jahren 
vorbereitet von K. Kmtnb acher", nnd 5 Zeilen spater: ,^ie Übersetzung der ersten 
Strophe ist von mir, die der i weiten von J* L> Jacob i**. 



y6 G. Loeschcke, Contra Marcellum, eine Schrift des Eusebius von Caesarea. 

angebliche stilistische Differenz zwischen unserm Werk und den echten 
Schriften Eusebs, deutet er ohne jeden Beleg nur kurz an. Vor dem 
Erscheinen von E. Klostermanns Ausgabe ist ihn zu diskutieren nicht 
möglich. Daß er trotz allem hier ausgeführten fiir Conybeares These 
entscheidet, glaube ich um so weniger, als Conybeare selbst zugesteht, 
daß Argumente aus dem Stil leicht täuschen. 

Contra Marcellum ist nach wie vor auf Grund der über die Ent- 
stehungsgeschichte der Schrift berichtenden Notizen am Ende des zweiten 
Buches zu datieren. Sie verraten keine Kenntnis von der Wiederein- 
setzung Marcells im Jahre 338, sie wissen noch weniger etwas von der 
zweiten Konstantinopeler Verurteilung des Jahres 338/39, sie berühren 
mit keinem Wort die Vorgänge der römischen Synode von 341 ; sie 
nehmen nur auf die Verurteilung von 336 Bezug. Contra Marcellum 
ist demnach aller Wahrscheinlichkeit nach vor 338 geschrieben: es will 
den Rechtsspruch der Konstantinopeler Synode von 336 gegen die Be- 
wegung verteidigen, die zur schließlichen Rückkehr Marcells führte. 

Dann aber kann es unmöglich Euseb von Emesa zum Verfasser 
haben; denn sein Verfasser ist (das zeigt besonders die Art, wie er 
p. 55 D von seinen cuXXeiTOUpTof spricht) Bischof; Euseb von Emesa 
ist erst 341 zum Bischof gewählt worden.' Wohl aber paßt alles auf 
das beste, sobald wir mit der Tradition bei dem Euseb von contra Mar- 
cellum an Euseb von Caesarea denken; er zählte nach Athanasius Apol. 
c. Ar. 87 mit zu denen, die auf des Kaisers Geheiß von Tyrus nach 
Konstantinopel eilten und dort Marcell verurteilten. 

Nach alle dem kann ich Conybeares Aufsatz in keiner Weise zu- 
stimmen und habe contra Marcellum auch in einer Abhandlung über 
das Syntagma des Gelasius Cyzicenus, die kürzlich im Rheinischen 
Museum LX 594ff. LXI 34f5f. erschienen ist, als ein echtes Werk des 
Euseb von Caesarea benutzt. Ich verweise auf sie, da sie geeignet ist, 
das hier Gesagte von andern Gesichtspunkten aus zu bestätigen. 



« Vgl. z. B. G. Krüger RE3 V, 618. 



[Abgeschlouen am 6. Februar 1906.] 



C. Bruston, Les cons^quences du vrai sens de 'IXacrripiov. 'j'j 



Les cons6quences du vrai sens de ixxCTHpiON. 

Par C. Broston, Montauban. 

On doit etre tres reconnaissant ä M. Deissmann d'avoir pris la peine 
de reunir tous les textes oü se trouvent les mots IXacrnpioc et IXacxri- 
piov. II en r^sulte clairement que dans Rom III, 25, IXacxripiov ne peut 
gu^re etre un adjectif, comme on l'a cru quelquefois, mais doit etre un 
substantif, et que ce substantif ne signifie pas (en tout cas, pas nöcessaire- 
ment ni meme habituellement) une victime propitiatoire, mais plutot une 
offrande (dvdOrma) propitiatoire ou expiatoire, Offerte ä la Divinite. 

S*il en est ainsi, cette offrande (la personne de Jösus) fut Offerte 
par Jdsus lui-meme ä Dieu, De sorte que, sans etre exprimöe explicite- 
ment par le mot IXacxripiov, Tidöe de Gucia y est ici impücitement con- 
tenue, — ce qui rösulte aussi du contexte, surtout des mots iv toi 
auToO a'ijLioiTi. 

Du sens de iXacTrjpiov ainsi dötermine r^sultent plusieurs cons^- 
quences importantes, que M. Deissmann semble n'avoir pas entrevues, 
mais qu'il me parait difficile de n'en pas tirer logiquement. 

1. D'abord, puisqu'un IXacxripiov est une offrande faite h Dieu par 
des Iwmmes^ il est impossible que Paul ait voulu dire que Dieu avait 
exposi Jdsus-Christ aux hommes comme IXacxripiov. Une teile idde serait 
en contradiction directe avec la notion meme de IXacxripiov. 

TTpodGexo n'a donc pas ici le sens local^ qu'on lui donne souvent, 
adoptö par M. Deissmann lui-meme, mais le sens temporel, confirmö 
d'ailleurs par Tusage qu'en fait Tapotre (Eph I, 9; Rom I, 13). Cest en 
vertu de la TipöOeac divine (Rom VHI, 28; IX, ii; Eph I, ii; m, 11 etc.) 
que J.-C. a etö plus tard iXacxi^piov. Tant de textes paralleles ne per- 
mettent pas d'en douter. 

2. Observons ensuite que si les mots iv xtu auxoO a'ifiaxi ont €i€ 
rattach^s ä ce qui les pröc^de imm^diatement, c'est vraisemblablement 
parce qu*on supposait que IXacxripiov renfermait Pid^e d'une victime 



78 C. ßruston, Les cons^quences du vrai sens de 'IXaciVipiov. 

immolte, sanglante. Puisqu'il n'en est rien, il n'y a aucune raison de 
considerer ces 4 mots comme faisant partie du membre de phrase relatif 
8v TipoeGeTO ktX. II est beaucoup plus naturel, au contraire, d*en faire la 
reprise explicative de tv XpiCToi 'It\coO. Que rdiroXÜTpujcic qui est en 
y-C. soit aussi, sp^cialement, en son sang^ c'est lä une id^e trfes frö- 
quente, * tandis que Pid^e que J.-C est IXaCTt'ipiov en son sang, döjä assez 
forc^e, obscure et invraisemblable en elle-mfime, le parait d'autant plus 
maintenant que nous savons qu'un IXacTrjpiov n'^tait pas un sacrifice 
sanglant. 

La proposition relative 8v irpo^GeTO 6 0eöc fX. öid Tricrewc signifie 
donc simplement que Dieu avait jadis (de toute ^temitd) d^cidö que 
J.-C. serait un jour un IX. par le moyen de la foi. En fait, il a €\A aussi 
une victime sanglante; mais cette id^e exprim^e dans la phrase principale, 
ne Test pas dans la proposition relative. 

3. II r^sulte de cette construction que toute la suite de la phrase: 
elc fvöciHiv Tflc biKaiocuvTic aöroO ktX. ne dopend pas de la proposition 
relative öv Tipo^GeTO 6 6eöc ktX., qui serait alors dömesur^ment longue 
et confuse, mais du d^but de la phrase principale: biKaioufievoi buipedv 
ktX. ou plutot de ttjc dTToXuTpuüCCUJC ific dv X. liicoO. La ddivrance qui 
est en J.-C, dans son sang h Itä (remarquez la place du pronom), et 
non dans celui des animaux, comme sous Tancienne alliance, eut pour 
but, dans la pensee de Dieu, „la manifestation de sa justice" (efc ?vÖ€i5iv 
Tflc ötKaiocuvric auTOÖ). Comment cela? 

Ceux qui pensent (comme M. Deissmann) que „la öiKaiocuvii Geou, 
dans les 4 passages oü eile est mentionn^e (au döbut de T^pitre) n'est 
pas un attribut de Dieu, mais la justice accord^e par Dieu au croyant, 
par gräce et en Christ" auraient vraisemblablement quelque peine ä Tex- 
pliquer. Car de ce que Dieu d^livre (dTToXiiTpwac) les hommes de la 
condamnation et de la mort ötemelle, il n'en r^sulte pas n^cessairement 
qu'il veuille leur communiquer sa justice propre; et une teile communi- 
cation de la justice divine pourrait difficilement etre appel^e „la mani- 
festation de la justice de Dieu." Pour etre manifestie, en effe^ il faut 
qu'une chose exisU et qu'elle ait ^t^ cachie au moins pendant quelque 
temps. Or une teile justice n'existaii pas parmi les hommes; eile ne 
pouvait donc etre ni cachie ni plus tard manifestie. Elle aurait pu etre 
donnee, communiquee aux hommes, aux croyants, mais eile ne pouvait pas 
leur fitre manifestie, La justice de Dieu, au contraire, existait, naturellement, 



Eph I, 7, Apoc 1, 5. V, 9; I Ker I, i8s.; Hcbr IX, 12 ss.; Rom V, 9; i Jean I, 7 etc. 




C Bruston, Lcs coDsequences du vrai scns de '[XacTVipioy* 



79 



de toute ^temite. Seukment, eile Äait cmhte jusqu'ä ce qu'enfin eile 
a ^t^ manifestem dans revangilc, 

La iiKaiocuVTi 9toO ne peut donc pas etre une qualite communi- 
qu^e aux hommes par Dieiu Partout et toujours dans rAncien et dans 
le Noveau T., c*est un attribut de Dieu. Ce qui le prouve, outre l'usage 
constant de cette locution, c'est qu'elle est ici en antithese avec ia 
c&lire de JDieu. Avant la venue de J*-C. c'ötait la caÜre de Dien qui se 
manifestait du ciel contre les injustices des homtnes (I, iS), et par con- 
s^quent sa justice ^tait cachee; raais maintenant dans T^vangile ce qui 
a iie mamfesie, ce qui se numifeste encore, c*est ia justice de Dieu (I, 17, 
in, 21, 25 et 26) et non plus sa col^re, Dans ces 4 textes il est de 
toute ^vidence que biKaiocüvri Geou a partout le nieme sens et que c'est 
un attribut divin, qui est ie cantraire de la caUre. 

Mais quand on sait que dans TAT. la Justice de Dieu est coostam* 
ment mise en parallele avec son salut, sa ntisiricm'di etc., il n'y a pas 
lieu de s*en etonner; au contrairei 

Ps XCVIII, 2 et 3: *ETvu»ptc€ Kupioc tö cuiiripiov aÖToO, Ivavtiov 
Tujv dövüüv dTT€K(iXuH/€ Ti^v öiKaiocüviiv auToO. 'E|4vnc6Ti TOU 
^Xlouc auTOu ktK, LXXXIX, ij et 18: 'Ev Tf| hiKmocuvij cou ^ ^v 
Tfj eööOKlqt cou. Isaie LI, 535*: *ETTi2ei laxi f\ biKaiocuvri \xqm, küi 
^EeXeuctiai übe cpujc tö cinTtipiöv ^ou, kt\. LVI, i: firfiKe tö cujttV- 
piöv ^ou TtapattvecOai, Koi tö IXeöc ^ou diroKaXuq)9nvaL 

On voit le rapport etroit qui existe entre ces passages et ceux de 
l'dpitre aux Romains. Cf, aussi Ps CHI, 17. XXIV, 5, XXXVI, 7. n. XL, 
II. LXXI, 2, 15 SS. etc, etc* Isaie XLV, 8, 19, XL VI, 15, LIX, 17 etc. 

C'est au point que les LXX ont parfois traduit par bitcaiocuvi;] 
rh6breu IDn donti, O^DFH cünipassion etc, (Gen XDC, 19; Ex XXXIV, 7^ 
Dan IX, 9. 13).* 

Enfin, dans la Sapience du Siracide, nous voyons par le texte h^breu 
retrouv^ recemment que ^Xermocüvri est la traduction ordinaire de T^^.^ 

II faut donc pcrdre Thabitude que nous avons d'identifier Ja justice 
de Dieu avec sa sev^rit^ ou sa col^re: dans le langage biblique eile en 

Lest pr6 eise nie fit P^pposL 
4* Avant de continuer le d^veloppement de sa pens^e, l'apötre re- 
vient en arriere, sur le temps pass^; il r^flechit que rdTtoXirrpu/ctc en 
J.-C. n'a pas eu seulement pour but (efc ou 7Tp6c) la manifestation de la 
justic 



* V, Revmt de thiokgie de Montanban i^oOi 
justice de Dieu dans l^^vangilc, par C» Brtiston.) 

» Sif. in, 14, 30. vn, 10. xir. 5 etc. 



p, 299 SS ^ (La manifest aÜon de la 



So C. Bruston, Les consequences du vrai sens de 'IXacri^piov. 



justice de Dieu dans le temps präsent, mais qu'elle a aussi eu pour caus^ 
finale (öid avec Tacc.) Toubli volontaire (Tudpeciv) dont Dieu, dans son 
Support, a us6 ä l'egard des p6ch& commis pr^c^demment: öid Tfjv 
Tidpectv Tujv . . . 

Entre eic et irpöc, &td ne peut indiquer qu'une cause finale ou un 
but, comme dans IV, 25 et ailleurs. Le parallelisme qui existe entre la 
Tidpecic TiMV TTpOTCTOVÖTUiv d|iapTr]|idTU)V et r?vöei£ic rrjc öiKaiocüvilc 
auTOÖ iv Tif» vöv Kaipai ne pennet pas non plus de supposer que öid ait 
ici un sens tout different de celui de Tipöc Enfin le sens de cause efficiente 
ou ant^rieure ne donne aucune idöe intelligible dans le contexte, car ä 
supposer que la irdpectc füt ant^rieure ä la manifestation de la justice 
de Dieu, il est clair qu'elle n'en est pas la causel La seule cause en 
est rdiToXuTpUJCic, avec la construction que nous avons adopt^e (ou le 
döcret divin ou Jösus IXacxripiov, avec la construction ordinaire). 

La Tüdpecic tOüv ttpot€TOv6twv d|iapTii|idTU)V doit donc etre consid6-ee 
comme une consequence de PdTroXÜTpuicic, aussi bien que T^vöciEic rrjc 
öiKaiocuvrjC auxcö. II s'agit, non de ce que Dieu fit jadis, mais de ce 
qu*il a bien voulu faire recetnment^ en consideration de rdTroXuTpujctc ou de 
Toeuvre de J.-C. : „dans son Support" ou sa bont^ (cf. II, 4), il a consenti 
ä consid^rer comme non avenus les p^ch^s des temps pass^, ou ä 
uTT€piöeTv Touc xp6vouc Tfjc dirvofac (Act XVII, 30), — ce qui signifie ä 
peu pres la meme chose. 

5. Apr^s cela, Tapotre reprend la phrase conunenc^e, en y rem- 
plagant seulement la pröposition par une preposition synonyme: irpöc 
•nrjv 2vöei£iv xfic öiKaiocuvnc aÖToO 4v xifi vOv Kaiptjj, pour la manifesta- 
tion de sa justice (bont6) dans le temps präsent (et ä Tavenir, pour ceux 
qui croient en Jesus), eic tö etvai aöröv biicaiov xoi biKaioOvTa töv ^k 
Tricxeiuc flncoOJ. 

Cette manifestation de sa justice pour le prösent et Tavenir a pour 
but et pour r^sultat qtu Dieu est justeQ) .... C'est ainsi qu'on traduit 
ordinairement; mais quoi? Dieu n'6tait-il donc pas juste avant la venue 
de J.-C? Qui oserait le soutenir? La redemption en Christ ne peut pas 
avoir eu pour but de faire que Dieu soit ce qu'il etait de toute eternite, 
ce qu'il est par nature et ne peut pas ne pas etre. 

Je consid^re biKatov comme une apposition ä auiov et je traduis: 
„pour que lui, (qui est) juste, soit aussi justifiant celui qui est de la foi 
{en Jesus]?» 



< V. Kfvuf de thhl, de Montauban, 1900 (article cit^). 

IX. 2. Z906. 



C. Bruston, Les cons^quences du vrai sens de 'IXacn^piov. 8l 



Le but de la rödemption n'est pas que Dieu soit juste (cela est 
impossible), mais qu'il justifie (ou rende juste) aussi celui qui a la foi. 

Et cela est assez naturel puisquil a voulu de tout temps que 
J^sus-Christ füt un IXacxripiov par la foi. 

L'dTToXÜTpiwcic a donc eu 2 cons^quences, et meme 3: 1° öid tt^iv 
Trdpeciv . . . Voilä pour le pass^. 

2** TTpöc Tf|v €vöeiEiv . . . Voilä pour le present et Tavenir. 

y eic TÖ eivai auröv . . . biKatouvra töv 4k Tricreuic. Cette con- 
clusion de la phrase (ou plutot de la protase) r^pond aussi bien que 
possible au d^but: AtKatou)i€VOi bwpedv ktX. 

6. C'est qu'en effet ces 3 versets (24 — 26) ne |>euvent pas etre la 
continuation de la phrase du v. 23: „Car tous ont p6ch6, et sont priv^s 
de la gloire de Dieu*', vu que si tous ont peche^ tous ne sont pas justifiks 
gratuitement etc., mais seulement ceux qui croient. 

Le professeur Oltramare, de Gen^ve (1881), a fort bien vu qu'avec 
le V. 24 commence une nouvelle phrase, dont Tapodose ne se trouve 
qu'au V. 27: 

„Etant justifies gratuitement etc., ou donc est la glorification? Elle 
a 6t^ exclue." 

Tous les d^tails des v. 24 — 26 montrent en eflfet que la justification 
est un don gratuit de Dieu par Christ et que par cons^quent il n'y a 
pas lieu, pour ceux qui en sont l'objet, de se glorifier. Une teile tendance 
ou tentation a ^t^ exclue, non par la loi des oeuvres, mais par celle de 
la foi, puisque (Top) Thomme est justifie par la foi seule (v. 27 — 30), 



Je termine ici ces quelques remarques» qui n'ont nullement pour 
but d'^puiser la mati^re (ce qui serait difficile), mais seulement de com- 
pl^ter et de rectifier sur quelques points Pötude si interessante et si 
importante de M. Deissmann, en en tirant les cons^quences logiques. 



[Abgctchlofttcn «m 15. Januar X906.J 
Z«ittclir. L d. neuttst Wiss. Jahrg. VII. 1906. 



82 RudolfSillib, Ein Bruchstück der Augustinischen Bibel 



Ein Bruchstück der Augustinischen Bibel. 

Mitgeteilt von Rudolf SilUb in Heidelberg. 

Gelegentlich des Umzuges der Heidelberger Universitätsbibliothek 
in ihren Neubau und der damit verbundenen Revisionsarbeit fand ich 
ein Büchlein, dessen Einband — war er doch mit uncialer Schrift be- 
deckt — meine Aufmerksamkeit sofort auf sich gelenkt hat. Der ziem- 
lich lose um das Pappbändchen gelegte Pergamentumschlag war leicht 
von dem Büchlein zu lösen; auch auf der Innenseite erschien die Schrift 
in leidlich gutem Zustand. Möge es einem nicht theologisch Gebildeten 
zu gute gehalten werden, wenn er versucht, seiner Freude an dem Fund 
durch die Veröffentlichung eines zwar kleinen, aber bemerkenswerten 
und beweiskräftigen Bruchstückes eines alten lateinischen Bibeltextes hier 
Ausdruck zu verleihen. 

Unser Text steht auf der oberen Hälfte eines mittelstarken, ungleich« 
mäßig abgeschnittenen Pei^amentblattes von 14,5 cm mittlerer Höhe 
und 19,5 cm mittlerer Breite; die untere abgeschnittene Hälfte dürfte 
nach dem verlorenen Text zu schließen genau ebenso groß gewesen 
sein wie die obere, so daß die Höhe des ganzen Blattes mit Hinzu- 
rechnung des vollen Randes mindestens 30 — 33 cm, die Breite min- 
destens 22 cm betragen hat Die Seiten sind mit scharfem Griffel 
liniiert, mit zwei Spalten beschrieben, die jeweils links imd rechts durch 
zwei senkrechte Linien begrenzt sind. Die Spalte scheint nach den je 
12 erhaltenen Zeilen unter Berücksichtigung des oben Gesagten 24 
Zeilen gezählt zu haben. Die unciale Schrift ist mit kräftig brauner 
Tinte geschrieben und steht auf der Linie; die Buchstaben sind leicht und 
frei hingeschrieben und verlassen mehrmals die Linie; auch einige Schreib- 
fehler sind vorhanden. Auf Spalte i Zeile 4 ist qui korrigiert, auf 
Spalte 3 Zeile 10 das auf Rasur stehende constituuntur, beides von 
späterer Hand Außer den frühe gebräuchlichen Abkürzungen für Jesus 
Christus und donoinus finden sich keine weiteren; das am Schluß der 



Zeile 1 1 der Spalte 2 verbundene üs ist ebenso wie das am Schluß der 
Zeile lo der Spalte 3 verbundene ur nicht als Abkürzung, vielmehr 
deutlich als Ligatur zu nehmen. Die pc^r cola et commata geschriebene 
Handschrift dürfte noch ins 6. Jahrhundert gesetzt werden. Die Tat* 
Sache, dali unciale Handschriften zumal in Fragmenten der Unter- 
suchung am schwersten zugänglich sind und einige Zweifel an der 
Richtigkeit meiner Altersbestimmung haben mich veranlaUt, die Autorität 
Herrn Prof, L. Traubes in München anzurufen. Seiner Güte verdanke 
ich die Bestätigung meiner Annahme mit der Begründung, karoUngische 
oder angelsächsische Nachahmung (sacc. VTI/VIII) liege nicht vor, viel- 
mehr ältere Schule und Tradition, Doch spreche die Dicke des Per- 
gaments und die Art der Spaltenbegrenzung gegen die Annahme höheren 
Alters (als saec, VI), auch die Schreibweise e für ae und namentlich 
auch die Form des a. Neben der Abkürzung dnm das ausgeschriebene 
nostrum stimme gut zu saec. VI 

Zu dem folgenden Texte ist zu bemerken, dall das von mir in ( ) 
Gesetzte auf Kapitel- bezw, Spalten-, Vers- und Zeilenzahlen hinweist, [ ] 
Ergänzungen bezeichnen, 

[ad] Romanos (V) (2) 

(i) (16) ex multis de 





(0 

(I)(l4) ue[run]t 

in stmüitudine[m] 
pr[ae]uaricatio 
nis ade qui est 

(5) forma futuri 

(15) sed non sicut de 
lictum ita et 
donum 

si enim unius de 
(10) licto multi 

mortui sunt 
[muIt]o magis 

(3) 

{I}(i9) sicut enim [per in] 
oboedi[entiam] 
unius [hominis] 
peccato[res con] 

(5) (s]tituti [sunt] 

mult[i] 
ita et per [unius] 



lictis in iusti 
ücationem 
(17) si enim in unius 
(5) delicto mors 

regnauit per 
unum 

multo magis 
abundantia[m] 
(loj gratiae et do 

[o]ationis et ius 
titie accipien[tes] 

(4) 
(1) nam 

per lesum Christum 

dominum nostrum 
(VI, i) quid ergo dice 
(5) mus 

pcrmanebimus 

in peccato 



84 RudolfSillib, Ein Bruchstück der Augustinischen Bibel. 

(3) (4) 

oboeditio[nem] ut gratia 

iusti abundet 

(lO) constituuntur (lo) (2) absit 

multi si enim mor[tui] 

(20) lex autem s[u]bin sum[us peccato] 

Der vorliegende Text gibt mit Lücken den Schluß des 5. und den 
Anfang des 6. Kapitels des Römerbriefes. Die Textvergleichung des 
ganzen Bruchstückes ist von Sabatier und erweitert von Rönsch bei 
seiner Edition des ^Jtalafragments des Römer- und Galaterbriefs aus 
der Abtei Göttweig" (vgl. Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie, 
Jahrg. 22, S. 224 ff.) verzeichnet. Angesichts der von Augustin und Hie- 
ronymus betonten latinorum interpretum infinita varietas hätte ich es 
nun nicht unternommen unser Bruchstück in diese einzureihen, wäre 
nicht eine Variante in der letzten erhaltenen Zeile so charakteristisch 
gewesen; ich kann mich darauf beschränken hier nur diese ausschlag- 
gebende hervorzuheben. Alle bis jetzt erhaltenen lateinischen Bibel- 
übersetzungen haben Kapitel 6, Vers 2 die Lesart: Absit: Qui enim 
mortui sumus |>eccato, quomodo adhuc vivemus in illo?, unsere dagegen 
das auffallende: Si enim mortui sumus. Zunächst könnte man an einen 
lapsus calami denken; wenige Verse vorher steht zweimal si enim, der 
Schreiber könnte sich also versehen haben. Glücklicherweise ist unsere 
Lesart aber durch zwei patristische Zitate bestätigt. Augustinus zitiert 
in Epist. CCXV genau unseren Text und im Enchiridion Kap. LH ihn 
ebenso nur mit Weglassung des enim. Auf diese Weise ist einmal die 
Echtheit des Augustinischen Zitates belegt und umgekehrt ergibt sich 
die Einordnung unseres Bruchstückes in das System der Handschriften 
des Neuen Testamentes von selbst, in die italische Revision der latei- 
nischen von Augustin benutzten Bibelübersetzung. Ein weiterer Beitrag 
zur Rekonstruktion der Augustinischen Bibel ist hiermit gewonnen. Die 
von Augustinus seiner Itala nachgerühmte verborum tenacitas und per- 
spicuitas sententiae bewährt sich freilich in unserem Fall kaum; dem 
allein überlieferten otrivcc gegenüber ist si doch wohl die freiere Über- 
setzung als qui, wenn auch in der späteren Latinität si nicht mehr die 
ausschließlich konditionale Bedeutung hat wie im klassischen Latein. 
Oder sollte unser si auf eine nicht überlieferte griechische Lesart zurück- 
gehen? Auf Grund unserer Variante ist unser Text zweifellos zu der 
Gruppe r der Bibelhandschriften zu zählen. Die namentlich durch 
Zieglers und auch Wölfflins verdienstvolle Untersuchungen über die 



I 



Freisinger Italafragmente erbrachten Resultate, wonach diese im Wesent- 
lichen mit der von Augustin benutzten sogen. lula übereinstimmen, 
werden wenn auch nur in bescheidenem Maße durch unseren Text 
erweitert* 

Schließlich ist noch über die Geschichte des Handschriftenbruch- 
Stückes zu berichten. Das Büchlein, dessen Einband unser Pergament 
bildete, ist betitelt: Johannes Harlemius» Index bibiicus, Äntverpiae 1571 
(auf dem Pergament mit Anonymi Index bibiicus bezeichnet). Ver- 
schiedene handschriftliche Einträge auf Titel- und Vorsatzblatt geben 
Auskunft über die früheren Besitzer- Zunächst nennt sich ein Besitzer 
schon aus dem Erscheinungsjahr des Büchleins: Ex libris M. Andreae 
Taurelli sum 1571; alle zu Rat gezogenen biographischen Hülfsmittel 
haben mich aber in der Bestimmung dieser Persönlichkeit Im Stich ge- 
lassen. Die Zeitangabe würde zu dem bekannten Philosophen und 
Mediziner Nicolaus Taurelhis passen, der deutlich geschriebene Vorname 
Andreas zu dem in Bologna lebenden Professor gleichen Namens, dessen 
Wirksamkeit aber erst in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts fällt* 
Indessen scheint mir dieser erste Besitzer des Büchleins für die Prove- 
nienz des Pergamentumschlages nicht maßgebend zu sein; es dürfte 
erst im Jahre 1600, als es vom Benediktinerkloster Petershausen (extra 
muros Constantienses) envorben wurde, zu seinem Einband gelangt sein. 
Der hierauf weisende Eintrag lautet: Ad usum F. Petrhusianorum com- 
pactus a F. Jodoco emptus a R* F. Jacobo Renz Priore anno 160O; 
außerdem ist das Eigentum des Klosters mit der weiteren Bemerkung: 
Monasterii Petrusiani sum und dessen aufgestempelten Wappen bekräftigt. 
Petershausen blieb das Büchlein erhalten, bis es Im Jahre 1827 mit der 
ganzen, übrigens nicht umfangreichen Klosterbibliothek zusammen mit 
der bedeutenden des Cisterzienserklosters Salem am Bodensee in den 
Besitz der Großherzoglichen Universltsbibliothek in Heidelberg gekommen 
ist. Daß der Einband deutschen Ursprungs ist, scheinen mir die Bünde, 
auf die der Index geheftet ist, zu beweisen: sie sind Pergamentstreifen 
einer deutschen Urkunde, Im Anschluß an die Annahme, der Einband 
sei in Petershausen gefertigt, mögen noch einige Bemerkungen über 
den vermutlichen Ursprung unseres Bruchstückes ausgesprochen werden. 
Nach dem Tridentinischen Konzil, wo die Vulgata zur kanonischen Aus- 
gabe der Bibel erklärt wurde, ist zweifellos manche alte lateinische 
Übersetzung makuliert worden, man schätzte sie nur nach ihrem Per- 
gamentwert und verwendete sie als willkommenes Einbandmaterial» 
So ist man auch in Petershausen verfahren. Entstanden kann aber hier 



86 RudolfSillib, Ein Bruchstück der Augustinischen Bibel. 



die Handschrift nicht sein, da das Kloster erst 983 von Bischof Geb- 
hard H. von Konstanz gegründet wurde. Möglicherweise hat Peters- 
hausen die Handschrift von der benachbarten Klostergründung des hei- 
ligen Pirmin, der Benediktinerabtei Reichenau, erhalten, wie dies nach- 
weisbar mit dem aus dem 10. Jahrhundert stammenden Sacramentarium 
Gregorianum der Fall ist. Eine alte Vulgata, der bekannte codex Au- 
giensis, war auch ehemals Reichenauer Eigentum und ist einst wohl wie 
unsere Handschrift von Frankreich oder Italien aus in den Besitz dieses 
Klosters gelangt. So wäre wohl ein weiterer Erweis für die Verbrei- 
tung der Augustinischen Bibel auch in Deutschland erbracht; man wußte 
auch hier die Vorzüge der alten Übersetzung vor der Vulgata zu 
schätzen. 

Meine Nachforschungen nach weiteren Bruchstücken unserer Hand- 
schrift an aus Petershausen stammenden Büchern und Handschriften 
sind bis jetzt leider ergebnislos geblieben, aber noch nicht abgeschlossen. 
Unser Bruchstück ist jetzt in die Reihe der Codices Heidelbergenses 
eingereiht und trägt die Nummer 369, 256. 



CAbf eschlossen am xo. Februar 1906.] 



Axel Andersen, Zu Mt 26, 17 ff, und Lc 22, I5ff. 8/ 



Miszellen. 



Zu Mt 26, 17 ff. und Lc 22, 15 ff.' 

Wenn man annimmt, daß der Bericht unserer Synoptiker vom letzten 
Mahle Jesu in den Evangelien echt sei, und die historische Wahrheit ent- 
halte, dann bietet das erste Fragment des Apolinarius ein unlösbares 
Rätsel: nur einige wenige besitzen um das Jahr 165 n.Chr. die historische 
Wahrheit; diese werden als difvooOvTec bezeichnet, und Apolinarius sagt 
von ihnen, daß sie in einen verzeihlichen Fehler gefallen sind; sie haben 
Belehrung nötig, — und bekommen dann von ihm den Bescheid, daß 
Jesus am 14. Nisan gelitten hat, „der anstatt des Lammes geopferte 
Sohn Gottes" usw. Das, sagt Apolinarius, ist die historische Wahrheit. 

Dazu kommt, daß dies offenbar auch die älteste Tradition ist, und 
die am besten bezeugte, indem sie durch Paulus (vgl. Preuschen in 
der Zeitschr. f. neutest, Wissensch. 1904, 15), das Johannesevangelium, 
Justin, Clemens Alexandrinus, Hippolytus und die kleinasiatischen Gre- 
meinden vertreten wird; femer „spricht die astronomische Berechnung 
des Vollmondes nicht gegen diese Datierung, und der jüdische Festbrauch 
verlangt sie" (Preuschen a. a. O.). Die Erzählung aber vom Pascha- 
essen Jesu und der Jünger tritt hier, um das Jahr 165 n. Chr., zum ersten 
Male in der historisch mit Sicherheit bestimmbaren Zeit auf. 

Es fragt sich denn, was doch veranlaßt haben kann, daß man diese 
Geschichte vom Paschaessen erdichtete. 

'Eöiödxeii|i€V, sagt Justin ApoL I, 66, Tf|V b\ eöxnc X6tou toö irap* 
aÖTOö euxapicrriGeTcav Tpoq>r\v . . . £k€(vou toO capKOTroinO^VTOC *lr\co\) 
Kai cdpKQ Kai aTjia etvat. 

Die Kirchenlehre seiner Zeit setzte also die Eucharistie in die engste 
Verbindung mit dem fleischgewordenen Logos, — nicht aber mit dem 
Paschamahle, dem Genuß des Paschalammes, (und auch nicht mit dem 



VgL mein „Abendmahl" S. 83, Anm. 1. 



88 Axel Andersen, Zu Mt 26, 17 ff, und Lc 22, isff. 



Opfer des groben Versöhnungstages). Vielmehr sagt Justin ausdrücklich, 
daß f| xfic C€|iiödX€U)C 7Tpocq>opd .... tuttoc f\v toö dpxou xfic euxapicriac, 
8v efc dvdjivriciv xoO TrdOouc oö ?Tra9€V . . . 'IrjcoOc Xpicröc 6 xüpioc 
fljüidiv Trap4öujK€ iroieiv (Dial. 41). Die Opferung aber des Pascha- 
lammes war das Vorbild des Christus: tö jüiucTiipiov oöv toö TrpoßdTOu, 
ö TÖ Tidcxa 9Ü€iv dvTdTttXTai 6 Geöc, tuttoc i^v toö XpicTOÖ (Dial. 40). 

Ferner sagt er Dial. 11 1: Kai touc iv AiipjTrTqj bi ciuGdvTac, 6t€ 
diribXXuvTO Td irpuiTÖTOKa tüöv AiifUTrTtuJV, tö toö irdcxa d^ßucaTO aijüia» 
TÖ ^KOT^pwce Tdiv CTttOiiujv Kai toö Ö7T€p9upou xP^cOdv. 'Hv Tdp tö irdcxa 
6 XpiCTÖc, 6 TuGtic öcTcpov. Und hier hat man ohne Zweifel die Quelle 
der Erzählung der dYVOOÖVTCC von dem Paschaessen Jesu und der Jünger. 
Denn in dem Augenblick, als „das Paschalamm war Christus", und man 
in der Eucharistie das wirkliche Fleisch Christi aß, und sein Blut trank,, 
dann war der Gedanke ganz unvermeidlich, daß die Eucharistie das 
wahre Pascha mahl und die Ablösung des vorbildlichen Paschaessens 
sei, und weiter war es selbstverständlich, daß man die Stiftung dieser 
das gesetzliche Pascha ablösenden Eucharistie auf ein gesetzliches 
Paschamahl verlegte, — obgleich Jesus zu der Zeit schon im Grabe 
lag. Apolinarius hebt ja aber eben die ÖTVOia derer hervor, welche 
behaupteten, daß Jesus am 14. Nisan das Lamm mit seinen Jüngern 
gegessen hatte. 

Die Erzählung von dem Paschaessen Jesu in der Nacht, da er ver- 
raten wurde, ist also die Frucht einer Spekulation über das doppel- 
deutige Pascha, — und der Verbindung der neuen Lehre von der 
Eucharistie als Fleisch und Blut des fleischgewordenen Logos, mit dem 
Pascha mahle. Der Text aber des NT war ja in jener Zeit, um das 
Jahr 165 n. Chr., noch nicht festgestellt, und auch diese Spekulation hat 
daher ihren Ausdruck in ihm gefunden, in Mt 26, 17: tQ TrpdiTij tujv 
dZüfiixiv, und Parallelstellen. 

Eine ähnliche Spekulation auf Grund des Hebräerbriefes, und die 
Verbindung von dessen IMOtÜer des neuen Bundes, der Fleisch und Blut 
angenommen und sich selbst als das wahre Opfer des großen Ver- 
söhnungstages dargebracht hat, — mit der neuen Lehre von der Eucha- 
ristie, hat aus den paulinischen Stiftungsworten bei dem Becher das: 
toOt6 icjxy TÖ aTjLid jliou Tf^c öiaerJKiic tö rrepi ttoXXujv iKxuvvojüievov eic 
dcpeav dfiapnwv, das wir jetzt im Matthäustexte lesen, gemacht, — 
Worte, die ja eine unverkennbare Verwandtschaft mit Hebr 9, 20 und 22 
zeigen: toOto tö aTjüia Tnc öiaerJKric — x^jpic aijiaTeKXucfac ou 
T(v€Tai d(p€cic. 



F 



Axel Anderseti, Zti Mt 26, 17fr. und Lc 22, i5ffl 



89 



Daß es sich aber sowohl bei dem Paschahmahle, Mt 26, 17, als bei 
diesen Worten, Mt 26, 28, um eine spätere Spekulation der Gemeinde, 
nicht aber um authentische Worte Jesu, handelt, folgt geradezu daraus^ 
daß es ihnen an jeder Anknüpfung in den Äußerungen Jesy in den 
Evangelien fehlt Jesus bezeichnet sich nie und nimmer als das wahre 
Paschalamm, oder das wahre Opfertier des grollen Versöhnungstages, — 
nicht einmal als Opfer, geschweige denn als Speise und Trank, Seine 
Selbstbezeichnung knüpft überall bei den Synoptikern — auch bei 
diesem selbigen Mahle, Mt 26, 24 — an einen ganz andern alttestament- 
lichen Gedankenkreis an, denjenigen des Menschensohnes, der kommen 
soll mit des Himmels Wolken, nachdem er um seiner selbst willen ge- 
litten hat, um zu seiner Herrlichkeit einzugehen. Daß er sich aber am 
letzten Abend seines Lebens plötdich zum ersten Male als das wahre 
Paschalamm, und zwar als Speise, oder den wahren „Farren des Sund- 
Opfers" f,tBock des Sündopfers''), und 2 war als Trank und sogar in 
einem Atem als Menschensohn und Paschalamm und Farren (Bock) 
des Sündopfers bezeichnet habe, das wird man gewiß schwerlich w^ahr- 
scheinlich machen können* 

In den Stiftungs Worten bei Mt Mk sind, wie man sieht, beide Vor« 
stdlungskreisep derjenige des Paschalammes und der des Opfers des 
großen Versöhnungstages, verbunden* Denn das Fleisch der Eucharistie, 
das gegessen werden soll, kann nicht das Fleisch des Farren (des 
Bockes) des Sündopfers sein. Dieses Fleisch sollte ja vor das Lager 
hinausgeführt und mit Feuer verbrannt werden. Auch kann es nicht 
das Fleisch des Hebr 10, 19 sein, eben weil es gegessen werden soll 
Das Fleisch der Eucharistie muß daher das Fleisch sein, welches durch 
das Paschalamm vorgebildet wan — Das Blut aber, das bei dem 
Pascha mahle keine Rolle spielte, ist bei der Bundesschließung und am 
großen Versöhnungstage die Hauptsache, vgl 2 Mos 24, 6 ff. und 3 Mos 
i6j 14 ff, (Das Blut, das in der Eucharistie des Justin getrunken wurde, 
ist das Blut des fieischgewordenen Logos.) — In den Stiftungsworten 
bei Lukas dagegen kommt nur die Pascha Vorstellung zum Ausdruckt 
nicht nur in der kürzeren Textform der D usw., sondern auch in der aus- 
führlicheren des Text, rec. Denn daß die Worte tö hn^p u^ujv ^kxuv- 
v6^€V0V, Lc 22, 20 eine in den paulinischen Bericht hineingeflossene, nach 
dem Zusätze beim Brote, v* 19, veränderte Reminiszenz an Mk 14, 25 
sind, kann doch, alles wohl erwogen, schweriich im Ernst in Zweifel 
gezogen werden* (Der neue Bund des Paulus ist auf Grund des Kreuzes- 
todes gestiftet: imKaTctpaTOc ndc ö KpCjid^evoc im EuXou, Gal 3, 13.) 



90 Axel Andersen, Zu Mt 26, lyff. und Lc 22, isff. 



Tö Cüijid Mou TÖ ÖTüfep OjLiuiv 6iö6|Li€VOv gehört also dem Vorstellungs- 
kreise des Pascha; tö aljüid ^ou ttJc öiaG/jioic tö rrcpl ttoXXüüv ^Kxuvvöfievov 
eJc dq)€Civ djiapTHJüV aber demjenigen des Opfers des großen Versöhnungs- 
tages, und beide Glieder gehören der Zeit nach Justin, und nach dem 
Auftauchen der neuen Lehre von der Eucharistie als Fleisch und Blut 
des fleischgewordenen Logos. 

Und der jetzige Abendmahlstext im NT hat sich aller Wahrschein- 
lichkeit nach im Wesentlichen folgendermaßen entwickelt: 

1. Einerseits der ursprüngliche Bericht der Synoptiker von einem 
Abschiedsmahle, dem öeiTTVOV des Johannes (vgl. mein „Abendmahl", 35), 
andererseits der paulinische Bericht von der Einsetzung des Hermmahles. 
Das 001^0, von dem daselbst die Rede ist, ist mit ^KKXiicia gleich- 
bedeutend. 

2. Einschaltung des ursprünglichen (cdjfia » ^KKXricia) paulinischen 
Berichtes in das Evangelium, indem tö ^ucTrjptov ö {fieXXe ^mTcXetv ö 
Küptoc in der Nacht, da er verraten wurde, als eine neue Paschafeier, 
toOto tö irdcxct, aufgefaßt wurde (vgl mein „Abendmahl", 27). Diese 
Stufe der Entwicklung ist durch die kürzere Textform Lc 22, 15 ff. ver- 
treten, und diese Textform liegt schon zur Zeit Justins vor. (In Mt 26, 17 
(TTpocfiXOov oi |Lia9nTaf)ff. kann ursprünglich von einer irpoeTOtfiäda am 
13. Nisan die Rede gewesen sein.) 

[Die Abendmahlslehre und der Abendmahlstext Justins.] 

3. Bearbeitung des Textes auf Grund der neuen Auffassung der 
Eucharistie als des wahren Paschaessens, durch die ausfuhrlichere Text- 
form des Syr. Sin und des Text. rec. Lc 22, 15 ff. repräsentiert. (Syr. 
Cur. steht am Übergang von der kürzeren zu der ausführlicheren Text- 
form.) ZiB^a ist hier mit cdpg gleichbedeutend. Die Grundbedingung 
fiir die Möglichkeit dieser Stufe tritt erst nach Justins Zeit ein.« 

4. Abschließende Bearbeitimg des Textes bei Mt^ Mk, indem die 
Auffassung von dem Eucharistiewein als das Blut des „Farren (Bockes) 
des Sündopfers^ in denselben eingeschaltet wurde, gleichzeitig mit, oder 
später als die vorige Stufe. Denn sie beruhen beide auf derselben Auf- 
fassung der Eucharistie. 



> Das al^ Just DiaL 70 steht als Gegensatz zu der Menschwerdung und dem 
Leiden (117), und ist daher nicht in eigentlicher Bedeutung aufzufassen, sondern es ist 
das aTjia des Pauliis und Ignatius : Das Kreazesblut, d. h. der Tod am Kreuze. 

Christiania. Axel Andersen. 



Barnabas. 



In meinen Bibelstudien S. 175 — 178 hatte ich den Namen Bama^ms 

mit dem semitischen theophoren Namen Bapveßouc zusammengebracht, der 
auf einer griechischen Inschrift des 3. oder 4. Jahrhunderts n. Chr aus Islahie, 
dem alten Nikopolis, in Nordsyrien aufgetaucht ist. Eine Mitteilung von 
P. Jensen verwertend, habe ich dann Neue Bibelstudien S, 16 auf den- 
selben Namen in einer weit älteren aramäischen Inschrift aus Palmyra 
vom Jahre 114 n. Chr aufmerksam gemacht; es lautet hier Bamebo 
(Ui"^D)* Die einzige Schwierigkeit bei der Identifikation bestand in dem 
zweiten a des biblischen Bamabas^ von dem ich annahm, daß es den 
^--Laut des semitischen Namens vertrete. Zur Begründung dieser Hypo- 
these konnte auf die Tatsache verwiesen werden, daß die griechischen 
Transkriptionen auch anderer mit Nebo zusammengesetzter Namen das 
e durch a wiedergeben fNaßouj(obovocop etc.). 

Eine soeben bekannt gewordene griechisch-syrische Inschrift der 
Kaiser^eit aus El-Mas'üdlje am Euphrat gibt nun die willkommene Be- 
stätigung. Es handelt sich um das von Hans Lucas in der Byzantini- 
schen Zeitschrift XIV (1905) S. 58 f. mit vielen anderen Inschriften aus 
Syrien, Mesopotamien und Kleinasien' veröffentlichte auch im Faksimile 
vorgelegte Euphratfiuli-Mosaik mit dem Texte 

BaciXcuc HO- 

Ta^iöc EOqppdrric 

EuTux^c Bapvaßt 

mvoc 4noi€i Oacp, 
Rätselhaft ist hier bloß 6a(p, das von dem Herausgeber mit Vorbehalt 

Lals 0a[ip](aKiiv6c) aufgelöst wird, eine Vermutung, die mir nicht beson- 
ders einleuchtet. 
Unter dem griechischen Text steht syrische Schrift, von dem 
Herausgeber nicht transkribiert, sondern nur mit der Notiz erwähnt; 
„Darunter der Name in syrischer Schrift wiederholt". Welchen Namen 
Lucas meint, ist hieraus nicht deutlich- Adalbert Merx liest nach dem 
Faksimile K3^ mß = Komg Euphrat, Der Name Bamabwn steht 
jedenfalls nur im griechischen Text; der Vater des Mosatkkünstlers hieß so, 
syris 



* Diese Insehriftcn sind für uns wegen ihrer m^issenbaflcn BibelElfite selir inler^ 
e^&nt Ich handelte über sie im Fhilologus 1^5, S. 475 ff. j^V^rkännte BibeUiUtc in 
syrischen ttnd mesopotamischen Inschriften.^* 



92 Jos. Denk, TTpdSic oder TTpdHcic tüiv äitoctöXujv? 



Auf diesen Namen kommt es uns an. Wir haben (auch Lucas 
erinnert an Bamebus) in Bapvaßiwv offenbar den alten Namen HilD, 
nur daß die Endung statt durch — ctc, wie in Bapvaßäc, oder durch 
— oOc, wie in BapveßoCc, durch — fujv gräzisiert ist. Daß derselbe semi- 
tische Name bei der Gräzisierung verschiedene Endungen erhalten kann, 
ist bekannt. Wertvoll ist bei dem neuen Namen der sichere ^7-Laut in 
der zweiten Silbe. 

Heidelberg. Adolf Deißmann. 



Upo^K oder Ilpdj«^ xGnv dstoardhov} 

Man hat sich bis heute daran gewöhnt, den abgekürzten Titel der 
Apostelgeschichte (nach Nestle, Einführung* S. 240 nur in fünf Hand- 
schriften TTPAEIZ ausgeschrieben) als Plural zu fassen und zu lesen, 
wohl mit Berufung auf das Vorkonmien von TupdEeic in Scriptio plena 
bei den griechischen, auf acta, actorum und actus, actuum apostolorum 
bei den lateinischen Kirchenautoren und nur dem Syrer seinen Singular 
als exotische Extravaganz zugestanden, ohne über das Warum sich 
Rechenschaft zu geben. 

Mit St. Hilarius von Poitiers beschäftigt, stieß ich in dessen Kom- 
mentar zum Matthäus Kap. 14, 11 (Migne icxx)C), geschrieben um 355, 
auf die merkwürdige Stelle: Nam sicut libro Praxeos continetur, ex 
Israel populi infinitate virorum quinque milia crediderunt (Act. 4, 4). 
Schon Mignes Index rerum et sententiarum Spalte 993 hatte mit Praxeos 
liber darauf aufmerksam gemacht Nur Er^ Lips. et Par. haben libro 
Praxeon: renitentibus cum Bad. omnibus mss. So die Anmerkung (j) 
bei Migne. 

Der gegenwärtig kompetenteste Kenner des Hilarius, Professor 
Anton Zingerle in InnsbrucI^ teilte mir in zuvorkommendster Weise (wofür 
auch an dieser Stelle verbindlichst gedankt sei) mit, daß der seinerseits 
coUationierte Turonensis ebenso wie die editio princeps auf Folio XIX 
Praxeos lesen und daß man sich mit obigem renitentibus omnibus mss. 
vorerst begnügen könne. 

Wer den Psalmenkommentar des Hilarius in Zingerles treff'licher 
Ausgabe studiert oder auch nur flüchtig eingesehen hat, staunt über die 
gründlichen griechischen Sprachkenntnisse des großen lateinischen 
Kirchenvaters. 



Jos* Denk, TTpölic oder TTpdlcic t*Iiv dTTocTÖJLoiv? 



93 



Ihm darf man also zutrauen, daü er mit seinem über Praxeos gewiß 
keine unverständliche Singularität in der Bezeichnung dieses Buches 
schaffen wollte, sondern daß er aus dem Vollen der lebenden Sprache 
schöpfte, indem entweder sein griechisches Original der Apostelgeschichte 
so betitelt war, oder er eine vulgarlateinische Übersetzung benutzte, die 
gleich Tertullians gräcisierten Arithmi und Critae für Numeri und Judices 
die griechische Bezeichnung nur mit lateinischen Buchstaben einfach 
herübergenommen. 

Bei der intensiven literarischen Wechselbeziehung zwischen Orient 
und Occident dürfen wir uns demnach nicht wundem, wenn in der 
kirchlichen Literatur des Abendlandes noch weitere Spuren dieses 
Singulargebrauches nun auch in der Übersetzung von Praxis, Praxeos 
sich finden j namentlich in Italahandschriften oder bei Autoren, die mit 
griechischen oder syrischen Katechetenschulen in engerer Verbindung 
stehen. 

Und so bietet uns ein Italatext der Apostelgeschichte (p^ von Per- 
pignan), herausgegeben von Samuel Berger, Paris 1895 4* auf S. 24; 
incipit actus apostolorum, 44: explicit actus apostolorum am Schluß von 
Kap, XIII, V. 30 — ji und Aponius (c^odex: Apponius), ein Erklärer des 
Hohenliedes aus dem 4,/ 5. Jahrhundert, weist in seinen Explanationis in 
Canticum Canticomm tibri Xn ed. Bottino et Martini, Roma 1843 gleich 
in vier Stellen den Singular actus auf, an drei anderen allerdings den 
Ablativ Plural S, 52, 2 actus apostolorum commemorat S, 96, 17 sicut 
actus apost. docet* S» 97, 5 sicut actus apostolorum probat historia. 
S, 126, 28 de quo crine ecclesiae stngularem laudem actus apost ex- 
toUit- Dagegen in actibus apostolorum S, 189,32. 214,9. 252,6- Näheres 
in Wittes InauguraKDissertation. Erlangen 1903, S. 39, Abs. 3, Es 
dürfte demnach richtiger der Singular im Syrischen wie im Vulgärlatein 
durch den Singular im Griechischen beeinfluüt erscheinen. 

Im Anschluß daran vorerst eine kleine Umschau unter den anderen 
lateinischen Bezeichnungen der Apostelgeschichte, 



I. acta und actus. 

Rönsch, der Italaforscher und -kenner icai tSox^v, weist in seinem 
Werke: Das Neue Testament Tertullians S. 391/92 nach» daß Tertullian 
nur die Form acta, acta apostolorum, instrumentum actorum kennt, je 1 mal 
auch apostolicum instrumentum, scriptura apostolicorum, commentanus 
Lucae. Sollte die Wahl gerade dieses Wortes mit der juristischen 
Bildung und anfänglichen Lebensstellung als Sachwalter zusammenhängen? 



94 Jos. Denk, TTpdEic oder TTpdHcic tüjv dirocTÖXujv? 



Auffällig ist immerhin sein Vermeiden des Wortes actus, das Augustin 
und Hieronymus so sehr bevorzugen. Nur der Canon Muratorianus aus 
dem 2. Jahrhundert hat acta omnium apostolorum. Dafi Cyprian in 
seinen echten Schriften nur acta verwendet wie sein Vorbild und Lands- 
mann TertuUian entnehme ich einer treffenden Bemerkung Wunderers in 
seiner Arbeit: Bruchstücke einer afrikanischen Bibelübersetzung in der 
pseudocyprianischen Schrift Exhortatio de paenitentia. Erlangen 1889. 
S. 52 S 6- Sprachliche Erscheinungen, i) Fle>don: bemerkt er „in 
actibus apostolorum S. 25 setzt actus voraus, bei Cyprian ist überall in 
actis apostoL, also acta mit den Handschriften WLM zu schreiben, da 
er auch in den Briefen wiederholt acta gebraucht; dagegen Lucifer und 
die späteren, so liber de divinis scripturis haben actus apostolorum". 
Damit wäre ein untrügliches Kriterium echter und pseudocyprianischer 
Schriften gefunden. Ja, ich möchte den Doppelgebrauch von acta und 
actus bei Hieronymus, Commentarioli in psalmos I, (3, 10) in apostolorum 
quoque actibus und II, (6, 17) in actis apostolorum (spätere Variante 
actibus) oder in Is 6, 8. (96) in apostolorum actibus, ibidem in eisdem 
apostolorum actis (Thesauruszitat I, 454, 44) nicht als stilistische Varia- 
tion betrachten, sondern ab Reminiszenz an den früheren kirchlichen 
(jebrauch des Wortes acta. Ein actum, analog dem Singular actus, 
scheint überhaupt nicht existiert zu haben. 

2. gesta, gestorum. 

Soviel ich zur Zeit sehe, gebraucht Hilarius acta, actus gar nicht, 
sondern in Ps 65, 20 (S. 261, 27) in gestis apostolorum. Gestum, gesta 
ist ein Lieblingswort desselben, namentlich in seinem Werke de mysteriis, 
wo er die typischen Handlungen der Patriarchen, des Moses und Josue 
mit gestum, -a bezeichnet Sonst bin ich dieser Bezeichnung für Apostel- 
geschichte nur noch b^f^^net beim Anonymus der testimonia fidei sub 
interrogatione et responsione disposita in Pitra, Analecta 5. Band 1888 
S. 150 ;S Vm in apostolorum gestis, $ V in actibus apostolorum, dann 
auch bei Avitus (Chevalier, S. 245, 22) in apostolorum gestis gegen 
drei Stellen in actibus apostolorum. Anzuführen wäre noch aus The- 
saurus 1, 439, sa 

3. actio, actiones. 

Itinerarium SQviae 37, 5 l^tiu* et de apostolo sive de epistolis 
apostolorum vel de actionibus; 43, 3 heiüt es dagegen: legitur ille locus 
de actus apostolorum (Thesaurus I, 454, 41). (jregor Turonensis, glor. 




____^ E. Nest le, Der süße Genich als Erweis des Geistes. 95 

mart. 4, sacer apostoUcae actioois _ • , stilus* Ob diese Bezeichnung 
eine irgendwie offizielle, liturgische Vorlage hat, läüt sich zur Zeit 
nicht sagen. 

Jedenfalls dürfte es sich lohnen, gerade diesen Fragen bei Neu- 
edierung von biblbcbea und patrislischen Stücken erhöhte Aufmerksam- 
keit zuzuwenden. 

Vorstehendes war Herbst 1904 druckreif; es sollte aber die neue 
Oxforder Ausgabe der Actus Apostolorum abgewartet werden» um eine 
allenfallsige Notiz der HH, Wordsworth und White mit berücksichtigen 
zu können. Genannten hochgeschätzten Herausgebern war das Hilarius- 
zitat nicht zur Hand, auch E. Nestles gediegene Rezension im Literar, 
Zentralblatt schweigt und so glaube ich den geehrten Lesern der Zeit- 
schrift mit meinem Aufsatz etwas Neues bieten zu können. Nos omnes 
non omnia possumus. 

München, Jos. Denk 



Der süße Geruch als Erweis des Geistes^ 

Zu IV, 272. 

Als ich die zwei Belege mitte üte und schrieb, daß sich zweifellos 
noch weitere finden lassen, hatte ich einen überaus wichtigen vergessen, 
an den mich Schmiede! wieder erinnerte, der in H. Goussens Studia 
theologica fasc, I 1S95 veröffentlicht wurde. Neben einer sahidischcn 
Version der Apokalypse enthält dies Heft pauca fragmenta genuina dia- 
tessaronica {s. Th Lz 1896 Nn 19). Eins derselben heißt: Et statim, 
ut diaUssarane testatur, lumen re/uhii fnagfmm et supra Jordanem effu- 
sae sunt nubes candidae et apparuere exercitus multi spirituuro qui 
coLlaudabant in aere et stetit quietus Jordanes a motu suo aquis iam non 
motis ei odor aromaium exinde diffundtbüiur. Gousscn zitiert für den 
Wohlgeruch Ephraem ed, Moesinger 156; Ephr* comm. in Acta (Catena 
armen, in Acta, Venet 1S39) p, 45 zu Act. 2,2; p. 49 zu Acta 2,6; 
p. 62 zu Acta 2, 32. Die Stelle ist gleichzeitig aus Jesudad's Kommen- 
tar von Harris veröffentlicht worden (Fragments of the Commentary 
of Ephrem Syrus upon the Diatessaron (London 1895 p, 45); sie ist 
zugleich wichtig als Bindeglied zwischen Justin dem Märtyrer und dem 
Diatessaron* Vgl über sie auch A. Hjelt in Zahns Forschungen, VII, 1, 
S. 52, 136. 

Prof, Häring in Tübingen verwies mich auf 2 Cor, 2,25f e^ujöfa 



96 E. Nestle, Evangelien als Amulet am Halse und am Sofa. 

ic^xiv Ttu Geuj ... olc \iiv öc\if\ Gavdrou eic Gdvarov, oTc bk öc\if\ liDf]c 
€ic Cuirjv und auf Eph. 5, 2 eic öcjuit^v euuiöiac. 

Daß die Vorstellung in letzter Linie mit den wohlriechenden Opfern 
zusammenhängt, scheint mir naheliegend. Wo dieser Wohlgeruch ist, 
da erscheint Gott, schon Gen. 8,21; umgekehrt wird auch gelten, daß 
wo Gott erscheint, ein besonderer Wohlgeruch sich geltend macht. 
Aber näher darauf einzugehen, ist nicht meine Absicht, nur an die 
Paradiesesbeschreibungen möchte ich noch erinnern. 



Evangelien als Amulet am Halse und am Sofa. 

In der 72. Homilie über Matthäus, wo Chrysostomus seinen Zu- 
hörern zu 23, 5 die q>uXaKTr|pia erklärt, daß Gott geboten habe, (^iprpCKP^vai 
ßißXioic jiiKpoic xd OaujittTtt auTOu, Kai i^nP^flcOai aöid twv x€ipt&v aurujv), 
sagt er (p. 703 B): ibc TioXXai vöv tujv T^vaiKUJV eöoYT^^ia tujv ipaxtiXwv 
dfapiÄcm ?xowci. Diese Stelle legt verschiedene Fragen nahe: War es 
möglich, ein ganzes Evangelium oder gar alle Evangelien — der Artikel 
fehlt allerdings bei Chrysostomus — auf einen so kleinen Raum zu 
schreiben? Oder sind unter euaipr^Xia einzelne Perikopen zu verstehen? 
vielleicht die Anfange der vier Evangelien? oder Abschnitte, die beson- 
ders wirkungsvoll galten? Sind unter den erhaltenen Handschriften noch 
solche, die nach ihrer Beschaffenheit einst solchem Zwecke gedient 
haben könnten? An einzelne für besonders bedeutungsvoll geltende Stellen 
zu denken, empfiehlt die Tatsache, daß solche in gewissen Hand- 
schriften durch die Schrift hervorgehoben sind. Irgendwo erinnere ich 
mich, eine von den unreinen Geistern handelnde Stelle neun mal wieder- 
holt gesehen zu haben. Daß es eine Druckausgabe der hebr. Bibel gibt, 
die man als Anhänger an der Uhrkette tragen kann, wurde 1892 in Nr. 7 
des Theologischen Literaturblattes berichtet In seinen Bemerkungen zur 
Stelle führt Field mit Berufung auf Suicer I, 1227 noch folgende Belege an: 
Chrys. hom. 19 ad pop. Ant.: al niivatKCC Kai rd naxbla id jaiKpd dvil 
cpuXaicflc lieTdXnc eöatr^^tct iiapvSja toO xpaxnXou Kai TraviaxoO ircpi- 
<p4pouctv öiTOUirep dv dirfwav. Isidorus Pelusiota^ ep. 150, lib. 2: ''IcOi 
ÖTi Td q)uXaKTiipta bcXria fjv iitKpd t6v vö^ov üjöivovto, direp £q>6pouv 
ol TOiV 'loübafiüv KaOnimToil löcTiep vöv al T^vaiKCC xd euafT^Xia jiiKpd. 
Mit Recht zieht Suicer a. a. O. noch folgende Stelle aus Chrysostomus 
bei (hom. 43 in I Cor.): tou euaYT^Xiov Kpd^acGai irapd tt^v kXivhv oök 
IXarrov tö dXeimocüvnv K€ic6ai (dv Kißuiriiu). cuaTT^Xiov T^p ddv Kpeiidcqc 
jin^^v iroMöv, oöbtv tocoOto ibcpcXriörjcij. 

Maulbronn. Eb. Nestle. 

14. 2. 1906. 



Chr. A. Bugge, Über das Messiasgeheimnis. 97 



Über das Messiasgeheimnis. 

Von D. Chr. A. Bugge in Christiania. 

Der Theorie W. Wredes über das Messiasgeheimnis kann ich mich 
zwar nicht anschließen, meine aber doch, daß seine Arbeit eine an- 
regende Bedeutung hat. Es kann nach dem Erscheinen des Wredeschen 
Buches nicht mehr übersehen werden und unbeachtet bleiben, daß hier 
ein bedeutsames Problem vorliegt, durch dessen Lösung wahrscheinlich 
ein sehr interessantes Licht über die Entstehung des Christentums ver- 
breitet werden könnte. 

Zunächst kann man getrost feststellen, daß es wirklich ein Messias- 
geheimnis gab. Es heißt ausdrücklich nach Mt 13, ii, daß Jesus sagte 
und zwar zu seinen intimeren Jüngern: „Euch ist es gegeben zuerkennen 
die Geheimnisse des Reiches der Himmel, jenen aber nicht gegeben". 
Mc4, II: „Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben, jenen 
draußen kommt alles in Gleichnissen zu". Das sagte er, als er allein 
war mit seiner nächsten Umgebung samt den Zwölfen. 

Wiederum wird bei Lc 8, 10 die Äußerung so wiedergegeben: 
„Euch ist es gegeben zu erkennen die Geheimnisse des Reiches Gottes, 
den andern aber in Gleichnissen, damit sie sehen und nicht sehen, hören 
und nicht verstehen". 

Nicht nur wird hier von dem Geheimnis oder den Geheimnissen 
gesprochen, sondern das geschieht in sehr bezeichnender Weise. Es 
ist von einem esoterischen und einem exoterischen Kreise von Menschen 
die Rede, gerade wie bei den Mysterien-Gesellschaften im Altertum und 
bis auf unsere Zeit, desgleichen von esoterischen Lehren, ganz nach 
der Art jener Gesellschaften. Sehr bezeichnend ist es auch, daß die 
Lehrmethode Parabeln sind. Denn bekanntlich war in Mysterien-Gesell- 
schaften von jeher die symbolische Lehrweise die übliche. Parabeln 
aber sind Symbole in Worten gefaßt, ja der Ausdruck, dessen Jesus 
sich in seiner eigenen Sprache bedient hat, Maschal, Meschalim, umfaßt 
zugleich die symbolische Darstellungsweise an sich. 

Zmtschr. £ d. n«tttest Wist. Jahrg. VII. 1906. 7 



98 Chr. A. Bugge, Über das Messiasgeheimnis. 



Mc 4, 34 heißt es: „Ohne Meschalim redete er nicht zu ihnen. Bei- 
seit aber erklärte er seinen Jüngern alles" — ^Ti^Xuev Tidvia. Daß der 
Kreis der Vertrauten sehr intim war, wird besonders betont durch die 
Worte: toTc ibioic jnaOnTOic. Der Maschal aber wurde von den Juden 
als der IttIXucic bedürftig angesehen, wenigstens unter Umständen. 
Das ersieht man schon aus Ez 17, i. Hier ist Maschal durch den 
Parallelismus synonym gestellt zu Chidda. Chidda aber ist Rätsel, oder 
eigentlich Knoten; ein Knoten aber bedarf der Auflösung: Xöac — 
dTrfXucic. 

Man mag die historische Wahrheit dieser Aussage bezweifeln. In 
der Tat ist sie bezweifelt worden (von Jülicher und den Anhängern 
seiner Parabeltheorie). Allein aus eigentümlichen Gründen, nämlich weil 
man die Sache nicht bestimmt genug geschichtlich betrachtet hat. 
Erstens sagt man: Diese Parabeln sind doch ziemlich leicht zu begreifen. 
Nun, für einen modernen Theologen zweifellos. Aber für einen damaligen 
Juden mit seinen herkömmlichen Begriffen über das messianische Reich 
war das in diesen Parabeln Gelehrte gar nicht so einfach und ein- 
leuchtend. Und zweitens bedeutet Mysterium hier nicht eine schwer 
faßliche Sache, sondern eine solche die enthüllt werden muß. Nach 
der Enthüllung mag ein Mysterium sogar einem Kinde einleuchtend sein. 
Eine Parabel — wenn das die Form des Geheimnisses ist — bedarf 
zudem öfters einer Auflösung. Ich glaube auch kaum, daß irgend ein 
mit der jüdischen Parabelbehandlung vertrauter Mann der Theorie 
Jülichers zustimmen wird oder den evangelischen Bericht in diesem 
Punkte bezweifeln möchte. Ein anderer Grund des Zweifels ist dog- 
matischer Art: man kann es mit der vorausgefaßten Auffassung der 
messianischen Würde Jesu nicht vereinbar finden, daß er die Wahrheit 
verschleiert, beziehungsweise verheimlicht. Allein geschichtlich stellt sich 
die Sache anders — was wir weiter unten darlegen werden. 

Hierzu kommen noch verschiedene positive geschichtliche Instanzen, 
die diesen Bericht von dem Messiasgeheimnisse oder den -Geheimnissen 
sehr natürlich machen. Darauf werden wir jetzt näher eingehen. 

Bekanntlich war im Altertum und besonders in dem römischen 
Reiche zur 2^it Jesu das Mysterienwesen sehr verbreitet Auch hatten 
große Lehrer wie Pythagoras und andere oft esoterische, geheime Lehren, 
vorgetragen, die nur intimeren Jüngern mitgeteilt wurden. Auch unter 
den Juden zur Zeit Jesu kannte man Richtungen mit Mysterien in optima 
forma, nämlich die Essäer. 

Josephus berichtet von den Essäem, daß bei der Aufnahme in den 



Chr. A. Bugge, Über das Messiasgeheimnis. 99 



inneren Kreis derselben, in den dritten und höchsten Grad, sie einen 
Eid schwören, wodurch sie sich u. a. verpflichten, nichts den Brüdern 
zu verhehlen und andererseits nichts über dieselben zu verraten, selbst 
wenn sie dadurch sich Verfolgungen oder gar dem Tode aussetzen. 
Das essäische Henochbuch cap. 69, 19 nennt Sehern hammephorasch 
oder den geheimen (Gottes)Namen in Verbindung mit einem Eid. 
Das nähere über dieses essäische Geheimnis hat der Rabbiner Prof. 
G. Klein ausgeführt in seiner in Stockholm erschienenen Abhandlung 
über Schem hammephorasch.* 

Allein nicht nur waren solche Geheimnisse ein in Palästina wohl- 
bekanntes Vorkommnis. Sondern Jesus muß den essäischen Kreisen 
sehr nahe gestanden haben. G. Klein spricht von zwei Arten von 
Essäem: r) den in der Wüste gemeinsam wohnenden Ordensessäern, 
2) den in bürgerlichen Verhältnissen lebenden Stammessäern. Den 
letzteren scheint die Familie Jesu angehört zu haben. Davon zeugt, 
daß viele von den religiösen Auffassungen, Lehren und Gewohnheiten 
Jesu und der ältesten Gemeinde mit den spezifisch essäischen überein- 
stimmen. Zweitens zeigen die Forschungen Baldenspergers und anderer, 
daß die Messiasgläubigen, wozu diese Volkskreise gehörten, sich von der 
apokalyptischen Literatur nährten. Die Apokalypsen aber sind nach 
dem Urteil der vorzüglichsten Kenner (Hilgenfeld, G. Klein u. a.) eben 
essäische Erzeugnisse. Hierzu kommt noch ein direktes Zeugnis. Epi- 
phanius von Cypern (f 403 n. Chr.) war nicht nur ein sehr gelehrter 
Mann und als solcher von seinen Zeitgenossen sehr hoch geschätzt, 
sondern er war als geborener Palästinenser mit den Verhältnissen seines 
Vaterlandes in der Gegenwart und Vergangenheit sehr genau bekannt. 
Epiphanius aber sagt in seinem Panarion Haeres. XXIV, daß die An- 
hänger Jesu eine kurze 2^it Jessaioi genannt wurden, ehe man zu An- 
tiochia anfing sie Christianer zu nennen. (nTOV€ bk Itt' 6XiTtfi XP6viu 
KaXeTcGai aurouc 'kccaiouc irpiv f| diri 'Avnoxeiac dpxt^v XdßuiCiv ol juia- 
Gniai KaXeTcGai Xpicnavoöc. Haeres. XXIV A, i.) Jessaioi sind aber 
mit den Essäern identisch. G. Klein sagt: „Daß der Name Jessäer mit 
dem der Essäer identisch ist, braucht nicht erst bewiesen zu werden".* 



« Vgl. auch G. Klein: Bidrag tili Israels religionshistoria, Stockholm, 1898, S. 56 
u. a. St. 

« G. Klein: A. a. O. S. 46. Der amerikanische Professor an der Tulane Univer- 
sity, New Orleans, W. B. Smith versucht in einer Abhandlung in der Zeitschrift „The 
Monist" (Januar 1905) über „thc Mcaning of the Epithct Nazorean" zu beweisen, daß 
die Nazoraioi eine schon vorchristliche Sekte oder religiöse Genossenschaft seien. Ich 

7* 



lOO Chr. A. Bugge, Über das Messiasgeheimnis. 



Demnach: Ein Messiasgeheimnis für den innersten Kreis der Ver- 
trauten war Jesu als Stifter einer Religionsgenossenschaft von Haus aus 
sehr nahe gelegt. Wenn nun unsere Quellen von einem oder mehreren 
solcher Geheimnisse ausdrücklich berichten, so wäre es gegen alle und 
jede vernünftige historische Methode, diese Tatsache zu bezweifeln oder 
gar in Abrede zu stellen. Wenn Mc von dem einen und die andern 
Synoptiker von mehreren Geheimnissen sprechen, so haben sie wohl 
alle Recht: Es war ein Hauptgeheimnis und mehrere davon abgeleitete, 
untergeordnete Geheimnisse, was in der Tat, meines Erachtens, auch dem 
Tatbestand entspricht. Davon das Nähere weiter unten. 

Steht es nun aber fest, daß es ein Messiasgeheimnis gab, so ist 
die nächste Frage: Worin bestand dasselbe? 

Nun ist zu beachten: Wenn es ein Geheimnis war, so dürfen wir 
natürlich nicht erwarten, in den gleichzeitigen Quellen ein direkt formu- 
liertes Nennen desselben zu finden. Vor allen Dingen dürfen wir nicht 
in den öffentlichen Reden Jesu, wenn diese wahrheitsgetreu wieder- 
gegeben sind, erwarten, die direkte Formulierung des Messiasgeheim- 
nisses zu finden. Allerdings wäre das möglich, wenn eine größere Zahl 
der Auseinandersetzungen im engsten Jüngerkreise aufbewahrt wären, 
wie das mit den zwei Parabelerklärungen Mt 13, Mc 4 und Lc 8 der 
Fall ist Aber von solchen „Mysterienvorträgen" besitzen wir bei den 
Synoptikern keine weiteren und auch diese verraten eigentlich nichts. 
Demnach sind wir bezüglich der Quellen des Lebens Jesu ausschließlich 
an indirekte Spuren des Geheimnisses hingewiesen. Eher könnte man 
erwarten, die Formel in den Briefen zu finden. Denn es war Jesu Voraus- 
setzung und bestimmter Wille, daß das Geheimnis einst in der Zukunft 
der ganzen Welt bekannt werden solle. Denn er hatte gesagt, daß was 
jetzt in den Kammern geflüstert würde, einst von den Dächern verkündigt 
werden solle (Lc 12, 3; Mt 10, 27; Mc 4, 22).» Allein, wann die Ge- 
meinde den 2^itpimkt für geeignet erachtet hat, um diese Veröffent- 
lichung vorzunehmen, können wir hier nicht nachweisen. Deshalb dürfen 
wir auch in den Briefen nicht sicher erwarten, die Formel vorzufinden. 



finde die Ausführongen Smiths, die sprachlichen wie die geschichtlichen, sehr beachtens- 
wert. Obwohl ich dem gelehrten Forscher nicht in allen Einzelheiten beipflichten kann, 
scheint es mir nicht ausgeschlossen, daß die Nazoraer wirklich eine religiöse Deno- 
mination waren und zwar mit den Essäem eng verbunden, daß sie irgendwie eine es- 
säische Denomination sein möchten. 

I Vgl. auch Joh 16, 25: „Dieses habe ich in Bildern (iv irapot|iiaic «» D^^tt^D^) 
zu euch geredet. Es kommt eine Stunde, da ich nicht mehr in Bildern lu euch reden, 
sondern offen (irappr)c(<;^) vom Vater berichten werde". 



Suchen wir demnach die indirekten Andeutungen auf und befragen 

zuerst den Apostel Paulus. 

In einer Abhandlung in dieser Zeitschrift (Mai-Heft 1903) über das 
„Gesetz in Christus*' habe ich nachzuweisen versucht, daß wir bei Paulus 
ziemlich deutlich ersehen, daß bei ihm der leitende Grundsatz der ist, 
daß Christus als das xtXoc v6^ou an dessen Stelle getreten ist, dessen 
Funktionen mutatis mutandis übernimmt, und daß dessen Prädikate auf 
Christus Anwendung finden. 

Ich ging dabei von der berühmten Stelle Rom 10, 4fr, aus. 

Diese Stelle verdient eine nähere Betrachtung* Was sich darüber 
sagen läßt, ist mit dem damals Gesagten nicht erschöpft. 

Vergegenwärtigen wir uns die Stelle Rom 10, 4 — 10 und die alt- 
testamentliche Stelle, auf die sie zurückgeht 

Rom 10, 4 — lO: „Christus ist des Gesetzes idXoc, um jeden, der 
glaubt, zur Gerechtigkeit zu. bringen. Denn Moses schreibt von der 
Gerechtigkeit durch das Gesetz: 

Der Mensch der sie tut, der wird dadurch leben. Die Gerechtig- 
keit aus dem Glauben aber sagt so: 

Wer wird zum Himmel hinauffahren? nämlich um Christum herunter- 
zuholenj — oder; 

Wer wird in die Unterwelt hinabfahren? nämlich um Christum von 
den Toten heraufzuholen. 

Was sagt sie vielmehr? 

Das Wort ist dir nahe: in deinem Munde und in deinem Herzen^ 
nämlich das Wort des Glaubens, welches wir verkünden. 

Das heißt: wenn du mit deinem Munde das Wort bekennst, daß 
Jesus der Herr, und in deinem Herzen glaubst, daß ihn Gott auferweckt 
hat von den Toten, so wirst du gerettet werden". 

Das alttestamentliche Wort, das hier benutzt wird zum Beweis für 
die Gerechtigkeit aus dem Glauben an Christum lautet also: Dt 30, 
12 — 14 „Nicht im Himmel ist es (nämlich das Gebot), daÜ du sagen 
könntest: Wer steigt uns in den Himmel um es uns herzuholen und 
es uns zu verkündigen, damit wir darnach tun? Auch ist es nicht jen- 
seits des Meeres, daß du sagen könntest: 

Wer fährt uns über das Meer und holt es uns herbei und ver- 
kündigt es uns, dati wir darnach tun? 

Sondern überaus nahe ist dir das Worti in deinem Munde und in 
deinem Herzen, sodaß du darnach tun kannst". 

Diese Schriftanwendung Pauli beruht nicht auf der Gematria oder 



102 Chr. A. Bugge, Über das Messiasgeheimnis. 



irgend einer der anderen bekannten jüdischen Methoden,* sondern einfach, 
wie auch von Paulus in demselben Zusammenhange ausdrücklich gesagt, 
darauf, daß Christus an die Stelle der Thorah tritt, weil er des Gesetzes 
Telos ist. Deshalb ist in der Tat Er es, welcher, tiefer betrachtet, ge- 
meint wird, so oft im alten Testament von der Thorah und den Miz- 
woth, woraus sie besteht, die Rede ist. Von dieser Voraussetzung aus ist 
wirklich das rechte Verständnis dieser Stelle: hinauffahren zum Himmel 
um den dort thronenden Messias herunter zu holen. Deshalb ist der tiefe 
Sinn in den Worten: „von jenseits des Meeres das Gebot herbei zu 
holen", in der Tat dieser: In den Abyssos hinunterzufahren um den 
Messias heraufzuholen. Deshalb setzt Paulus als Deutung der Worte: 
„das Wort in deinem Munde und in deinem Herzen" — das Wort des 
Bekenntnisses des Messias Jesus, „das Wort des Glaubens welches wir 
verkünden", das Wort vom Jesus Messias, welchen Gott selbst aus dem 
Abyssos heraufgeholt hat, auferweckt von den Toten und uns n^e 
gebracht, damit gleichwie die Juden ehemals durch Halten der Worte 
der Thorah, so jetzt die Christen durch den Glauben mit dem Herzen 
und das Bekennen mit dem Munde von Christo gerettet werden. Denn 
diese lebendige und persönliche Thorah Gottes können wir uns nicht 
durch Werke aneignen, sondern vielmehr durch den Glauben an Ihn, 
den Gott von den Toten zu unserer Errettung auferweckte. In und mit 
dieser Umdeutung ist wirklich der Beweis für die Gerechtigkeit aus 
Glauben an Christum geleistet Unter diesem Gesichtspunkt darf Paulus 
die Worte der Schrift umschreiben: er darf „Christus" zweimal für „Mizwah" 
einsetzen, er darf die Worte: „vom Himmel herunterholen" — „von den 
Toten heraufholen" (KaxaTaTeiv, Ik vcKpuiv dvaTcrreiv) statt (im Grundtext) 
„herholen" und „herbeiholen", (LXX: XrjijieTe ujiTv aurriv sc. IvToXrjv — 
Xdßq öjiTv) schreiben. Unter dieser Voraussetzung und nur unter derselben 
kann Paulus daran denken, diese Schriftstelle zum Beweis dafür zu be- 
nutzen, daß der Gott der alttestl. Schrift — auch Er ist gesonnen gewesen 
in der Fülle der Zeit die Menschen durch die Glaubensgerechtigkeit zu 
erretten. Er hat daran gedacht, selbst damals als Er die Thorah ver- 
kündigte: die Wortfügung derselben Verkündigung durch Moses ist mit 
Bezug darauf so und nicht anders geformt worden. 

Noch eine andere Seite dieses Zitates ist überaus interessant Die 
jüdische Theologie benutzte eben diese Deuteronomiumstelle als Be- 
weis dafür, daß ein anderer Heilsweg als der der Thorahhaltung aus- 



« Vgl. Ferd. Weber: Jüdische Theologie« S. li8C 



p. 



Chr. A. Bugge» Über das MessiasgeTieimiiis. 



103 



geschlossen sei und bleibe. Debarim rabba c. 8: Dt 30, 12 „Nicht im 
Himmel u. s. w, Moses sprach zu ihnen: Damit Ilu nicht saget: eirij 
anderer Moses wird erscheinen und eine andere Thorah vom Hirameil 
bringen, werde ich Euch verkündigen: Nicht im Himmel ist sie, nichts 
von ihr ist im Himmel zurückgebheben". — Nun nimmt Paulus gerade 
dieselbe Stelle auf und verwendet sie zum Beweis für den Heilsweg des 
Glaubens im Gegensatz zum Heilswege der Gesetzesw^erke. Das kann 
er nur dann tun, wenn er davon überzeugt ist, daß es seinen Lesern' 
als Axiom feststeht, daß Christus die eigentliche Realität der Thorah 
ist Denn in dem Falle kann^ darf, ja muü die Stelle umgebildet und um- 
gedeutet werden, wie hier von Paulus geschieht. Damit ist für Paulus 
viel gewonnen: etwas Positives^ indem er seinen Standpunkt im An- 
schluß an ein altberühmtes Gotteswort bewiesen hatj etwas Negatives, 
indem er dem Gegner seine Waffe aus der Hand schlägt. 

Demnach: Die Identität muß schon die Voraussetzung bei den 
Lesern sein, und zwar in einer nicht paulinischen Gemeinde, — schon etwa 
25 Jahre nach dem Tode des Meisters, also entschieden in der ersten 
Generation der Gemeinde und in der Kirche, welche noch von den 
Hauptaposteln und Ohrenzeugen Jesu geleitet wurde. 

Es laut sich nun im einzelnen nachweisen, dali Paulus die wichtigsten 
christlichen Lehrstücke einfach nach dieser Identitätsregel ausgeführt hat 
ich gedenke dies 2u tun in einem ausRihdichen Werke, welches hoffent- 
hch in nicht zu ferner Zuknjnft in deutscher und englischer Sprache er- 
scheinen kann („Studien über den Paulinismus"). 

Es fragt sich nun, ob wir die Spuren dieser Betrachtungsweise inl 
den Evangelien nachweisen können. Ich habe in meiner obengenannten 
Abhandlung angedeutet, wie der Prolog des vierten Evangehums von 
derselben Voraussetzung aus geschrieben Ist Doch dieser Prolog ist 
jedenfalls nachpaulinisch und diese Spuren der Identitätstheorie sind 
demnach nur ein Beweis dafür, daß dieselbe auch in Johanneischen 
Kreisen einheimisch war. Auch das ist sehr wertvoll. Allein Spuren 
der Theorie finden sich überall im neuen Testament. Um von dem 
Hebräerbrief zu schweigen, welcher nichts andres ist als die Anwendung 
jener Theorie, werde ich nun zwei besonders interessante Beispiele, das 
eine aus der Apostelgeschichte, das andere aus dem Matthäus-Evange- 
lium anfuhren. 

In der alten jüdischen Theologie finden wir folgende Vorstellung; 
Schemotli rabba c* 5 heißt es: Bei der Promulgation der Thorah, welche 
eigentlich für alle 70 Völker der Welt verpflichtend ist, habe der eine 



I04 Chr. A. Bugge, Über das Messiasgeheimnis. 

b^p Jahwes sich in 70 m^lp (-» 70 Sprachen) zerteilt, damit alle Völker 
es hörten, und jedes Volk hörte die Stimme Gottes in seiner Sprache* 
Ebenso heißt es Tanchuma zu Schemoth Abschn. 25 zu dem Worte 
ni^lp, die eine Stimme habe sich erst in sieben, dann in siebzig ni^lp 
zerteilt, damit alle Nationen hörten, und jede hörte die Stimme in ihrer 
Sprache. ' 

Vergleichen wir hiermit Acta 2, 7 — 11 : „Sind nicht alle diese, die 
da reden, Galiläer? wie kommt es, daß wir jeder seine Sprache hören, 
in der wir geboren sind? — Parther und Meder und Elamiter, und die 
Bewohner von Mesopotamia, Judäa und Kappadokia, Pontus und Asia, 
Phrygia und Pamphylia, Aegyptus und dem Libyschen Lande bei Ky- 
rene, und die hier wohnenden Römer, Juden und Proselyten, Kreter und 
Araber — wir hören sie reden mit unseren Zungen". 

Bei dieser Promulgation Christi für die Völkerwelt zerteilt sich auch 
die Stimme der Verkündiger, und die Zuhörer, welche Vertreter ver- 
schiedener Nationen sind, hören es auch in ihrer Sprache. Aber nicht 
genug damit Auch die 2Jahlen sind bedeutsam. Es werden 17 Völker 
genannt; demnach zwar nicht 7x10, aber doch 7+10. Die Zahl kann 
nicht zufallig sein. Erstens war die 2^hlensymbolik damals bei den 
Juden einheimisch, und zweitens ist die Zahl ein wenig künstlich zustande 
gebracht. Denn mitten unter den Völkernamen erscheint eine ganz 
heterogene Kategorie: Prosel)^en. Gerade wie beim Geschlechtsregister 
von Matthäus die 14x3 künstlich zustande gebracht ist, so auch hier. 
Die 7x10 Völker konnten nicht genannt werden, denn das würde der 
Wahrheit und Wahrscheinlichkeit widerstreiten. So spricht ein Volks- 
haufen nicht. 

Die Sache beruht auf der Identitätsvorstellung. Wie bei der Pro- 
mulgation der Thorah, so bei der Promulgation des Messias. Zufallig 
kann die Analogie nicht sein. 

Mechilta 64b heißt es: „Zur Zeit als die Thorah Israel gegeben 
wurde, erzitterten alle Könige der Erde in ihren Palästen". Infolge 
dessen kamen denn auch, als die Thorah gegeben war, die ersten Pro- 
sel}^en aus den Heiden, vgl Mechilta 66ab, 68b. 

Wer siebt nicht, daß es auch hierin und nach Matthäus dem Messias 
Jesus bei dem Erscheinen in der Welt genau so ergeht wie der Thorah 
bei ihrem Erscheinen? König Herodes erzittert in seinem Palaste und 
die ersten Prosel)^en aus den Heiden kommen um dem Neugeborenen 
zu huldigen. 

« VßL Ferd. Weber: Jüdische TheoL«, S. 2a 



t 



Chr. A. Bugge, über das Messiasgebeimnis. 



105 



Wer muü nicht hier zugeben, daß wir mitten im Zeichen der Iden- 
tität stehen? Denn daß es auf Zufälligkeit beruhe, daü diese Analogie 
so ausdrücklich herausgehoben ist, läßt sich nicht denken. 

Aber nun Jesus selber; hat Er diese Idee gehabt? Unbedingt Ja! 

Ehe wir das positiv nachweisen, fragen wir; War es in der damaligen 
jüdischen Denkweise irgendwie vorbereitet, daß diese Idee entstehen 
konnte? Auch das müssen wir bejahen 

Als Israel am Sinai die Thorah annahm, da übernahm es damit — 
in und mit der Thorah ~ „das Reich der Himmel"* (Malkuth Schama- 
Jim) sc. dasjenige Reich, dessen Sitz ursprünglich im Himmel ist, das 
aber mit der Gesetzgebung Dasein auf Erden gewinnt Durch den 
Sündenfall Israels mit xlem goldenen Kalb wurde dieses Reich großen- 
teils zurückgenommen, seine Realisation war und blieb sehr kümmerlich. 
Das Volk erwartete nun, daß das Reich aufs Neue und in seiner Fülle 
erscheinen würde. Das würde geschehen, sobald die Schechinah Jahwes 
ins heilige Land wieder zurückkehren würde-* 

Demnach; Mit der Erscheinung der Thorah auf Erden war ehemals 
das Gottesreich unter die Menschen gekommen. Nun verkündigte Jo- 
hannes der Täufer: das Reich Gottes ist nahe. Jesus sagte, es sei mitten 
unter dem Volke (Lc 17, 21). Die Gemeinde meinte, das Reich Gottes 
sei allen Ernstes mit Jesus Christus begonnen und gehe in seinem 
Namen der Vollendung entgegen* Mit anderen Worten; Christus ist 
auch in dieser Beziehung an die Stelle der Thorah getreten. Er tritt 
als das Endziel, das Telos der Thorah aufj ja als die endgiltige Realität 
der Thorah- Demnach: Glaubt man erst an die Verkündigung des 
Täufers und Jesu von Himmelreich, so kann man nicht umhin ihn als 
die lebendige, persönliche Thorah zu erkennen, als denjenigen, in dem 
die ältere Gottesofienbarung der Thorah sowohl idealisiert als realisiert 
wird* Ferner: Glaubt man, wie die Juden, an die Verknüpfung des 
Reiches Gottes mit der Thorah, und gleichzeitig daß dies Reich mit 
dem Messias Jesus komme, nun so ist eben Messias Jesus die wahr- 
haftige Thorah Gottes, und da die Thorah und der Messias alle beide 
präexistierten, ist Er es von jeher gewesen. 

Einen ferneren Umstand werden wir hier anführen. 

k Professor G. Klein in Stockholm" hat das Verdienst, in be- 
sonders überzeugender Weise nachgewiesen zu haben, daß Jesus aus 
BeU 



^ Siehe Ferd. Weber; Jüdische Theol», S. ayo, 274 ff. 64. 65 and die dftselbst ingeC 
Belegstellen, 

' Bidrag* tili Religio nshi&torio, Stockholm tS^S* 



106 Chr. A. Bugge, Über das Messiasgeheimnis. 

essäischen Kreisen hervorgegangen war. Dr. Klein sagt nun femer: 
„Von den Essäern wissen wir, daß sie Moses einen fast göttlichen 
Kultus leisteten, was bis dahin eine unter den Juden unbekannte Er- 
scheinung war**. Deshalb war Messias ihnen ein zweiter Moses. Von 
den essäischen Chasidim (ein Teil von ihnen hatte sich schon zu der 
Partei ausgebildet, aus der die Pharisäer hervorgingen) heißt es Mechilta 

zu Ex 14, 31: „Sie glauben an Gott und seinen Diener Moses** 

„Wenn sie an Moses glaubten, wie viel mehr müssen sie dann an Gott 
geglaubt haben. Daraus kannst du lernen, daß derjenige, der an den 
treuen Hirten glaubt, dem gleicht der an Logos glaubt, an den, der 
durch sein Wort die Welt ins Leben rief*. Infolge dessen sollte Messias 
der zweite der vollkommene Gesetzgeber sein. 

Von den sogenannten Nazoräern und Ebioniten (ursprünglich der 
Gemeinde angehörig) heißt es bei Eusebius (Evangelicarum demonstr. 
liber i, 7): Christus hat auch in besonderer Weise das Gesetz Mose 
und der Propheten erfüllt. Da viele Orakelsprüche noch nicht in Er- 
füllung gegangen waren, wurde es seine Aufgabe sie zu verwirklichen. 
Dt sagt: Ein Prophet usw. Diese Prophetie, welche noch nicht in Er- 
füllung gegangen war, hat Christus erfüllt als der zweite Gesetzgeber — 
nach Moses — als Stifter der anderen Religion. * Aber in welcher Weise 
sollte Christus der zweite und größte Gesetzgeber nach Mose sein? 
Erimiem wir uns nun, daß gleichwie die Thorah, indem sie am Sinai 
gegeben wurde, die Realisation des „Himmelreiches** begonnen hatte, — so 
lag die Schlußfolgerung nahe: Also sollte als der endgiltige Verwirklicher 
dieses Reichs, Messias, in die Stelle der Thorah treten. Besonders in 
essäisch-apokalyptischen Kreisen muß diese Identitätstheorie sich melden. 

Mit diesen Ergebnissen gehen wir an die Betrachtung der berühmten 
Aussage Jesu Mt 1 1, 25 — 29: „In jener Zeit nahm Jesus das Wort und 
sprach: Ich danke dir, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du 
dieses verborgen hast vor Weisen und Verständigen und hast es Un- 
mündigen geoffenbart, ja, Vater, denn so ist es wohlgefällig vor dir 
gewesen. Alles ward mir übergeben von meinem Vater, und niemand 
erkennt den Sohn außer der Vater, noch erkennt jemand den Vater 
außer der Sohn und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her 
zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch er- 
quicken. Nehmet mein Joch auf euch und lernet von mir; denn ich bin 
sanftmütig und demütig von Herzen; so werdet ihr Erquickung finden 
liir eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht". 

I G. Klein: BIdrag tili Israels religionshistoria, Stockholm, 1898, S. 63. 



i 



C h r. Ä. B u g g e , Ü b er das Messias^eheiintiis. 1 07 



Zum Verständnis dieser erstaunlichen Aussage set es vorausbemerlct: 
Nach der jüdischen Theologie hatte das Verhältnis 2ur Thorah Jahwes 
für den Israeliten zwei Pole; der eine war die Erkenntnis der Thorah, 
„Thalmud Thorah", der andere das Handeln nach der Thorah, „Maaseh 
Thorah"- Paulus nannte das letzte ^pTQ v6|uou. Es war aber als eine 
drückende Last, ein hartes Joch ,,Ü1 Thorah'*, Iw^qc vö^ou, angesehen» 
aber nichts tu tun; man tröstete sich mit dem Bewußtsein: je härter 
war das Joch, um so größer das Verdienst (,,Scchuth'') und um so 
herrlicher der Lohn. 

Nach der Lehre Pauli hat Christus den Menschen von diesem Joch 
befreit „Für die Freiheit hat uns Christus befreit. So stehet nun fest 
und lasset euch nicht wieder ins Joch der Knechtschaft bannen" 
(Gal 5, 0- 

In der Aussage Jesu Mt ir, 29 sagt nun der Heiland, der Messias^ 
auch Er habe ein Joch, und auch Er habe eine Erkenntnis, auch bei ihm 
kann man mit einem ,.Ü1*' und mit einem „Thalmud^* Bekanntschaft 
machen, nämlich dem ,,Ul des Messias'* und dem ,,Thalniud des Messias", 
Das heißt; auch diese Aussage ist auf die Voraussetzung gebaut, daß 
der Messias an die Stelle der Thorah tritt, ihre Funktionen übernimmt 
und ilirer Prädikate teilhaftig ist — die Identitätstheorie ! 

Aber die Aussage im ganzen besagt viel mehr. Dieses ist ein 
Geheimnis^ Es ist an sich den größten Intelligenzen verborgen (^Kpuipac) 
und es ist gewissen Menschen geoffenbart worden (dTreKÜXuipac)* Ver- 
borgen ist das Geheimnis sogar den Schriftgelehrten: denn wer zweifelt, 
daß der Herr diese mit coqpoi und cuvetoi gemeint hat? Geofienbart ist es 
dem intimen Kreise seiner Jünger; denn wer zweifelt, da.ü Er diese mit 
vrimoi gemeint, dieselben, von denen er sonst gesagt: Ihnen war das 
^ucTtipiov Tfic ßaciXtiac toü 0£Ou gegeben? Dieses Geheimnis hat Jesus 
direkt von Gott im Himmel erfahren, Gott hat ihm es geoflfenbart und 
damit auch sein Wesen enthiillt; denn niemand erkennt den Vater außer 
der Sohn. Aber dem Sohn ist alles kund, was im Vater ist^ wie denn 
der Vater allein weiß, was in dem Sohn wohnt Dieses eigentümliche 
Verhältnis samt dem Wesen dieser zwei Persönlichkeiten gehört zum 

I Geheimnis, Nun müssen wir bedenken, erstens: die jüdische Theologie: 
sowohl die offizielle, die wir in den Rabbinenschriften aufbewahrt finden, 
als die freiere in den apokalyptischen Kreisen, waren darin einig, daß 
der Messias durchaus und ausschließlich Mensch sein würde. Jesus 
wußte vom Vater her etwas ganz anderes. Der Messias Jesus war 



» G. Klein I Aogcf* Schrift, S. 6j. 



I08 Chr. A. Bugge, Über das Messiasgeheimnis. 



nicht einfach der Menschensohn, Er war der Sohn Gottes, dessen Vater 
im Himmel war und ihm demnach alles übergeben hatte. Es ist eigentlich 
dasselbe wie Mt 28, 18: Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf 
Erden, denn in der Verbindung Mtii, 25. 26 ist es hervorgehoben: 
daß der Vater Jesu „Herr des Himmels und der Erde** ist Wenn ein 
solcher Vater ihm alles übergibt, dann wird ihm damit gegeben „alle 
Gewalt im Himmel und auf Erden". Diese einzigartige Sohnesstellung 
entspricht der einzigartigen Tochterstellung der hypostasierten Thorah 
in der jüdischen Theologie. Indem Er die Stelle der Thorah einnimmt, 
geht der Inhalt seines Wesens weit über das des herkömmlichen Messias 
in der altjüdischen Theologie hinaus. Und diese Sachlage zieht weit- 
reichende Konsequenzen nach sich. Wenn er das alles unvermittelt und 
unvorbereitet der ganzen Welt offenbaren würde, so würde alle Welt 
das haarsträubend finden. Deshalb macht er es zum Geheimnis eines 
inneren, auserlesenen Kreises von unberührten, religiös jungfräulichen 
Seelen. Das wird mit viiTnoi gemeint sein. Hier kann er, ungestört 
durch alle Polemik und Anfeindung, nach allen Seiten hin ruhig die 
Sache auseinandersetzen, diese Darlegungen in privaten Unterredungen 
(Ktt'f iblav bk TOic ibioic jiaOiiTaTc iirdXuev irdvia Mc 4, 34) wurden von 
seiner hehren Persönlichkeit umstrahlt. Sie sahen dabei seine Herrlich- 
keit, schauten mit den Augen des Leibes und des Geistes eine Herr- 
lichkeit als des einzigen Sohnes vom Vater — und diese übertraf weit die 
Gottesoffenbarung, die Moses vermittelte: denn zwar die Thorah wurde 
durch Moses gegeben, allein durch Jesus Christus ist die Gnade und die 
Wahrheit gekommen (Joh I). Das Gresetz war eben ociä tiDv jicXXov- 
TUJV (Kol 2, 17). Hier haben wir das Messiasgeheimnis. Das scheint 
mir außer Zweifel gesetzt durch diese Mt-stelle, vei^lichen mit dem, was 
wir sonst über die Sache wissen und mit den drei oben angeführten 
Stellen von Geheimnissen des Gottesreichs (Mt 13, 11 ff.; Mc4,ii; 
Lc 8, 10). 

Nun verstehen wir auch, warum dieser Identitätsgrundsatz nie in den 
Evangelien und in den Reden Jesu formuliert vorkommt, ja überhaupt nicht 
im Neuen Testament Durchgängig wird die Verkündigung vom Messias- 
reich tatsächlich nach diesem Grundgedanken vorgenommen. Als ein roter 
Faden zieht sich der Gedanke durch alle Jesu-Reden. Die anderen Geheim- 
nisse sind von dem großen Hauptgeheimnis abgeleitet, in der öffentlichen 
Besprechung jedoch nie ausdrücklich ausgesprochen. Für die Eingeweihten 
waren die Anspielungen deutlich genug wie in der besprochenen Mt- 
stelle Kap. 11. Denen draußen war aber nichts verraten. Ihnen kam 



Chr. A. Biiggc, Über das Messiasgebeimnts* 



J09 



insofern alles in Rätseln zu, und ein Hauptmittel dazu waren Meschalim, 
die eben nach jüdischer Auffassung zu Rätseln sehr geeignet waren 
und zu diesem Zweck von den Rabbinern benutzt wurden. Das Nähere 
darüber habe ich in der Einleitung zu meinem Parabelkommentar aus- 
geführt Das ist eben der „rote Faden"* Es wird erzählt, daH ehemals 
in der englischen Marine alles Tauwerk mit einem roten Faden durch- 
zogen war. Das war ein Erkennungszeichen, wodurch jeder Kenner 
sich von der Echtheit der Tauwerke der Marine überzeugen konnte* 
Jede jesusmessianistische Rede gibt sich als echt zu erkennen, wenn 
sie mit dem genannten Gedanken stimmt, — wenn man den „roten 
Faden" darin wiederfindet. Daß dieser „rote Faden*' wirklich das ganze 
Evangelium durchzieht kann hier nicht nachgewiesen werden. Das 
gedenke ich in einer eigenen Schrift unter dem Titel ,,Z\Jtr Entstehung 
des Christentums*' auszuführen. 

Wir wissen damit auch was das Originelle in den Konzeptionen 
Jesu von seiner Messianitat und seinem Reiche wan Denn ob wir schon 
nachweisen können, daß die Prämissen zu dieser Konzeption in der jü- 
dischen Theologie gegeben waren, so. läßt sich nirgends eine Spur davon 
finden, daß dieser Schluß hieraus von irgend jemand anderen wirklich 
gebogen wurde. Das ist auch nicht tu verwundern» Denn diese Kon- 
zeption war dem jüdischen Bewußtsein, den jüdischen Vorurteilen, dem 
judischen Patriotismus, geschweige denn dem jüdischen Chauvinismus 
eigentlich im höchsten Grade widerlich. Es war ein Geist wie der Jesu 
nötig um diese Idee mit allen ihren Konsequenzen zu adoptieren. Unter 
den Konsequenzen war sowohl Aufgebung aller jüdischen Praerogative 
als auch die Abschaffung des Opferwesen'B und damit des Tempel- 
kultus* Der alte jüdische Tempel mußte prinzipiell abgebrochen werden 

(vgl Joh 2, TQ, 20). 

Damit sind wir darauf vorbereitet die Frage zu beantworten ; Wantm 
hatte Jesus ein Messiasgeheimnis? Bekanntlich haben die Mysterien- 
gesellschaften immer bestimmte Gründe, warum sie Mysterien haben 
und bewahren, Jesus wird auch solche gehabt haben, aber sie waren 
natürlich auch ein Geheimnis. Wir können diese Gründe nur nach 

L Wahrscheinlichkeit berechnen oder erraten. 
Wir Modernen und NichtJuden können kaum ganz nachempfinden, 
was für Gefühle eine solche Idee wie dieses Messiasgeheimnis Jesu bei 
den echten Juden erregen mußte» Das können wir aber sofort ahnen, 
daÜ die ganze Idee» zumal in einem galiläischen Laienprediger und 



HO Chr. A. Bu gge, über das Messiasgeheimnis. 



Um überhaupt irgendwie annehmbar oder verdaulich zu werden, mußte 
die Idee allmählich im intimen Verkehr und unter dem Einfluß einer 
einzigartigen, gewaltigen Persönlichkeit entfaltet werden. Wir sehen 
auch, daß Jesus sein Wesen sehr vorsichtig und nur schrittweise ent- 
faltet und gleichzeitig die Herzen des intimeren Kreises an seine Person 
bindet. Daß dieses Band wirklich hält und nicht reißt bei der vollen 
Verkündigung seiner Gottessohnschaft, freut Jesum außerordentlich, und 
der berülimte Auftritt bei Caesarea (Mt i6 u. Par.) zeigt, daß Jesus 
diesen Ausfall der Probe nicht als selbstverständlich erachtet. Im 
Gegenteil, ein Bekenntnis wie das Petri ist nicht ohne besonderen gött- 
lichen Beistand denkbar gewesen. Schon dies zeigt, daß die genannte 
Idee sich nicht dazu eignete dem Volke oder gar der jerusalemischen 
Judenschaft offen verkündigt zu werden. Die Folge davon war leicht 
zu berechnen: Die leitenden Juden hätten ihn sofort getötet, und zwar 
unter donnerndem Beifall seitens der Bevölkerung der Hauptstadt. Denn 
es waren die galiläischen Anhänger, die in der Todeswoche Ihm huldigten, 
die Hauptstädter waren es, die so kräftig: kreuzige! riefen, daß dieser 
Ruf die Oberhand gewann. Und doch war die verletzende Formel 
selbst noch nicht der Judenschaft ins Gesicht geschleudert, nur einige 
der Konsequenzen klar gelegt. 

Und nun Stephanus. Auch er hatte einige Konsequenzen aus dem 
großen Messiasgrundsatz gezogen. Er hatte dargelegt: Infolge der 
Stellung Jesu hatte die Thorah aufgehört als Regelwerk und Ver- 
dammungsurkunde giltig zu sein. Ferner waren die gesetzlichen Opfer 
hinfällig und demnach der Tempel selbst, diese Stätte des Opfer- 
dienstes, überflüßig geworden. Das entnehmen wir aus der Aus- 
sage der Zeugen, die zwar die Sache entstellt. Sie lautet: „Dieser 
Mensch läßt nicht ab, Reden zu führen gegen die heilige Stätte (sc. den 
Tempel) und das Gesetz. Denn wir haben ihn sagen hören: dieser 
Jesus der Nazoräer wird diese Stätte zerstören und die Sitten ändern, 
welche uns Moses gegeben hat" (Act 6, 13. 14). 

Das kostete dem Stephanus bekanntlich das Leben. 

Wir ersehen daraus, daß Jesus richtig handelte, wenn er die große 
Idee vorläufig als esoterische Geheimlehre bewahrte, bis der richtige 
Zeitpunkt da war, um alles bloßzulegen. 

Jesu mag diese Notwendigkeit wunderlich ja beunruhigend vor- 
gekommen sein. Er tröstete sich aber mit dem Beispiel Jesaiae, dem 
es gemäß dem Willen Gottes ebenso erging Mt 13, 14 ff. 

Allmählich wurde die Idee der Identität durch eine andere Formel 



Chr. A, Buggc, Über das Messiasgeheimnis. m 

abgelöst: symbolum apostolicum — das bekanntlich auch lange Zeit 
hindurch als Geheimnis gehandhabt wurde mit traditio symboli, reditio 
symboli etc. 

Was die wissenschaftlichen Folgen der Einsicht in diesen urchrist- 
lichen Tatbestand sein werden, überlasse ich der Zukunft. 



Schließlich bemerke ich noch folgendes: 

Ich habe hier ganz wie D. O. Pfleiderer in der 2. Ausg. des Pau- 
linismus Gebrauch gemacht von der jüdischen Theologie mit Benutzung 
des vorzüglichen Werkes Webers: Jüdische Theologie. Ich stelle mich 
dabei vollständig auf denselben Standpunkt wie der Altmeister Pfleiderer, 
wenn er sagt (in dem Vorwort zur 2. Aufl. des Paulinismus): „Es ist 
mir freilich das Bedenken entgegengehalten worden, daß die Quellen, 
aus welchen Weber seine Darstellung der jüdischen Theologie entnahm, 
von ungewissem und teilweise ziemlich spätem Alter sind. Ohne dies 
bestreiten zu wollen, kann ich doch das Gewicht dieser Bedenken nicht 
sehr hoch veranschlagen. Die Sache liegt so, daß bei der auffallenden 
und bis ins Einzelste gehenden Ähnlichkeit zwischen paulinischen und 
jüdischen Theologumenen eine geschichtliche Abhängigkeit auf einer 
der beiden Seiten angenommen werden muß. Daß nun die späteren 
Juden aus Paulus entlehnt haben sollten, ist offenbar höchst unwahr- 
scheinlich. Andererseits ist bekannt, daß in der jüdischen Schule die 
später schriftlich fixierten Lehren schon lange vorher in der mündlichen 
Überlieferung geherrscht hatten". 

Ja freilich. Die Theologie der rabbinischen Kommentare war keine 
individuelle sondern eine durchaus traditionelle Theologie. Mancher 
benutzt mit großer Zuversicht die Theologumena der Apokalypsen. 
Diese lassen sich als Literaturwerke leichter datieren. Allein ander- 
seits vertreten sie höchstens eine Theologie einer von der offiziellen 
abweichenden Richtung. Dagegen die Rabbinen tragen nur mit Sorg- 
falt die Lehren ihrer Lehrer vor. Jochanan ben Zakkai, Zeitgenosse 
Jesu, hatte fünf berühmte Schüler. Einer von diesen hielt es für sein 
größtes Lob, daß er niemals etwas vorgetragen hatte, was er nicht 
von dem Munde seines Lehrers hatte. Einem anderen wird es nach- 
gerühmt, daß er wie ein zementierter Brunnen war, aus dem kein Tropfen 
von der Lehre des Meisters entrann. 



[Abfcschlotseo am 14. April 1906.] 



112 M. Brückner, Zum Thema Jesus und Paulus. 



Zum Thema Jesus und Paulus. 

Von M. Brückner in Karlsruhe. 

Über die zu diesem Thema seit 1902 erschienenen Arbeiten hat 
E. Vischer in den Heften 4 u. 5 des vorigen Jahrganges der Theolo- 
gischen Rundschau berichtet und dabei auch mein Buch über die Ent- 
stehung der paulinischen Christologie freundlich besprochen. Doch niit 
dem Resultate, zu dem ich gekommen bin, ist V. nicht einverstanden. 
„Die Erklärung Brückners, durch die er versucht, zu zeigen, auf welchem 
Wege Paulus zum Jünger Jesu geworden und trotz seiner Gleichgültig- 
keit gegenüber Jesu Erdenleben dennoch in der Hauptsache mit ihm 
zusammengetroffen sei, mutet uns bei aller Scharfsinnigkeit zu, an einen 
merkwürdigen Zufall zu glauben". Ebenso bleibt nach Vischer auch bei 
Wrede, der in seinem „Paulus" (Religionsgeschichtliche Volksbücher 
I, 5/6) noch konsequenter die Unabhängigkeit des Paulus von Jesus 
vertritt, infolgedessen die Vision des Paulus „ein psychologisch uner- 
klärbares Rätsel". Deshalb scheint es Vischer immer noch die glaub- 
hafteste Lösung des Problems zu sein, dafi „ein starker Eindruck von 
der Macht des Geistes Jesu" bei der Bekehrung des Paulus entscheidend 
war, den dann auch die paulinische Christologie wenigstens zum Teil 
wiederspiegele. 

Bei der großen Bedeutung des Problems sei es mir gestattet, noch 
einmal die Frage aufzuwerfen, ob wir ein Recht zu der Annahme haben, 
daß Paulus durch die Persönlichkeit Jesu in der Darstellung seiner 
Christologie beeinflußt worden ist. 

Zunächst ein Wort zur Methode! Die Lösung des Problems ist 
bisher meist durch eine Vergleichung der paulinischen Briefe mit den 
Evangelien, sei es in einzelnen Stellen, sei es in ganzen Lehrbegriffen 
und Anschauungen, versucht worden. Das ist in den von V. bespro- 
chenen Werken wieder von Feine (Jesus Christus und Paulus 1902), 
Goguel (L'Apotre Paul et J6sus-Christ 1904) und Resch (Der Paulinis- 
mus und die Logia Jesu 1904) geschehen. Aber, wie auch V. gezeigt 

xa. s. X906. 



M, Brückner^ Zum Tberoa Jesus und Paulus, 



113 



hat, ganz ohne nennenswerten Erfolg. Denn die Anwendung dieser 
Methode ist durch zwei Tatsachen ausgeschlossen: durch die gesclücht* 
liehe Unsicherheit der evangelischen Überlieferung und durch die 
religionsgeschichtlich erwiesene Tatsache, daß gleiche religiöse und sitt- 
liche Anschauungen und Denkformen durchaus nicht immer die Ab- 
hängigkeit des einen vom andern begründen. Also selbst wenn der 
evangelische Überlieferungsstoff feststünde, wäre durch den Nachweis 
gleicher Anschauungen, ja auch gleicher Ausdrucksweise allein noch 
nicht die Abhängigkeit des Paulus von Jesus erwiesen. Mit Recht wirft V. 
die Frage auf: Lassen sich z. B. nicht auch frappante Parallelen zwischen 
Paulus und Epiktet nachweisen? Und fiele es nun deshalb jemand ein, 
die Abhängigkeit des einen vom andern zu behaupten? 

V, vermißt nun trotzdem bei Wrede und mir die Zeichnung eines 
Jesusbildes. Natürlich wurde eine solche die Lösung des Problems er- 
leichtern* Sie ist aber, wie auch V* selbst am Ende seines Aufsatzes 
hervorhebt, bei dem Stande der Evangelienkritik zur Zeit nicht möglich 
und würde deshalb das Problem nur noch mehr verwirrenp statt zu 
klären. Deshalb stelle ich die Forderung auf, daß das Problem zuerst 
einmal, soweit es geht, aus den paulinischen Briefen selbst in Angriff 
genommen wird* 

Man darf also an die paulinischen Briefe nicht mit der Frage 
herantreten: Was wußte Paulus von Jesus? Sondern man muß fragen: 
Wie stellt Paulus das Erdenleben Jesu dar? Man darf nicht fragen: 
Welche Züge des paulinischen Christusbildes stammen von dem ge* 
schichtlichen Jesus? Sondern man muß die Frage so stellen: Wie ver- 
halten sich die einzelnen Züge des paulinischen Christusbildes zu seiner 
Gesamtanschauung? Sind sie daraus hervorgewachsen, oder sind sie 
von außen eingetragen? 

Ich will nun versuchen, auf diesem Wege eine Beantwortung der 
oben gestellten Frage zu geben* 

Welches Bild gibt Paulus von dem Erdenleben Jesu? 

Die Antw*ort lautet, daß wir uns aus den paulinischen Briefen von 
dem Erdenleben Jesu überhaupt kein Bild machen könnten, wenn wir 
nicht von den Evangehen her schon gewisse Vorstellungen niitbrächten. 
Wir erfahren abgesehen von dem anders zu beurteilenden Abendmahls- 
bericht nichts als die nackten Tatsachen seiner irdisch-menschlichen, 
jüdischen Geburt und seines Kreuzestodes. Aber das könnte ja zufällig 
Die Hauptsache ist die prinzipielie Geringschätzung, ja Herab- 



setn. 



Setzung, die die Menschheit Jesu als solche bei Paulus erfährt 

Zeiuehx. f. d. neutest Wi&L Jahrf. VLL 1906. g 



Sie ist 



114 ^* Brückner, Zum Thema Jesus und Paulus. 

ihm nicht eine Offenbarung, sondern eine Aufhebung des messia- 
nischen Wesens des Christus, eine „Entleerung" und „Verarmung** 
seines eigentlichen Wesens, eine Zeit der „Schwachheit", die zum Tode 
führte. Ja, Paulus scheut sich nicht, das ganze Erdenleben Jesu unter 
den Begriflf „Sünde" zusammenzufassen 2. Cor 5, 21.» Die Entleerung 
seiner göttlichen Herrlichkeit war eine so völlige, daß nicht einmal die 
Dämonen in ihm den Messias erkannten i Cor 2, 8. Man beachte hier 
den Gegensatz der Auffassung zu Markus, bei dem die Dämonen überall 
in Jesus den Messias erkennen! 

Wichtig ist, daü Paulus nun auch die einzelnen Daten des Erden- 
lebens Jesu von diesem Standpunkte aus beleuchtet. Die eben angeführte 
Stelle bezieht sich auf den Tod. Aber auch, was Paulus über die Ge- 
burt Jesu sagt, ist unter diesen Gesichtspunkt gestellt Der Ausdruck 
„Weibgeborener" Gal 4, 4 bezeichnet für Paulus, wie ich auch aus dem 
jüdischen Sprachgebrauch nachgewiesen habe (S. 35), die ganze Niedrig- 
keit imd Nichtigkeit des Menschen. Ebenso hat dort die Bemerkung 
,,unter das Gesetz getan" eine für den Gottessohn erniedrigende Be- 
deutung. Nicht viel anders ist wegen des Gregensatzes, zur Gottessohn- 
schaft, in Rom i, 4 die Davidssohnschaft des Messias zu verstehen. Es 
ist bedeutsam, daß Paulus gerade solche Züge, die zu dem vulgär- 
nationalen Messiasbilde gehörten, so geringschätzig wertet Er will eben 
ausdrücklich von einem nationalen Messias nichts mehr wissen 2 Cor 
S, 16. Aber wir fragen: Kann Paulus bei dieser Beurteilung des Erden- 
lebens Jesu einen starken Eindruck seiner Persönlichkeit erhalten haben? 

Doch ich möchte vorerst noch auf zwei andre Eigentümlichkeiten 
hinweisen, die sich in den dürftigen Zügen aus dem Leben Jesu bei 
Paulus finden. Einmal auf die merkwürdige Tatsache, daß einzelne 
Züge halb geschichtlichen, halb dogmatischen Charakter tragen. Das 
gilt vor allem von dem Abendmahlsbericht, der anerkannt in der pau- 
linischen Form nicht geschichtlich ist und doch von Paulus so feierlich 
als wörtliche Wiedergabe eingeleitet wird. Die Zurückführung auf direkte 
Offenbarung „vom Herrn" ist noch keine befriedigende Erklärung. Auch 
die Begründung der Davidssohnschaft Rom i, 4, sowie des Todes und 
der Auferstehung Christi I. Cor 15 mit der „Schrift" ist in ihrer Be- 



X Näheres hierüber and zum Folgenden bei Wrede a. ft. O. S. 53ft and in m. 
Bache S. 41 ff. Um der Sache willen hebe ich hervor, d&fS sich die Anregungen, die 
ich Herrn Prof. Wrede zu verdanken habe, nicht auf die Christologie des Paulus be- 
ziehen. Ich bin hier völlig selbständig zu den gleichen Resultaten gekommen. VgL 
m. Vorwort und die Bemerkung S. 8, Anm. 3. 



M, Brückner, Zum Tbema Jesus und Paulas. 



US 



dcutung noch nicht genügend aufgehellt. Ebenso gehört hierher die 
oben schon berührte Anschauung des Paulus, daß die Dämonen die 
eigentlichen Urheber des Todes Christi seien. Die Erklärung hegt 
darin, daß es fiir Paulus keine rein geschichtliche Betrachtung gibt; 
es spielt alles in der himmlischen und irdischen Welt zugleich. Deshalb 
gehen ihm auch geschichtliches Wissen und dogmatische Vorstellung 
so ineinander über^ daß sich das eine vom andern oft nicht mehr trennen 
läßt Das muß man auch bei der Betrachtung der Worte „des Herrn" 
festhalten, die er überliefert. Bei i Thess 4, j 5 ist wohl mit Pfleiderer 
wegen des Inhalts, der schon recht viel ..Entschlafene" voraussetzt, 
nicht an mündliche Überlieferung, sondern an innere Offenbarung zu 
denken. Aber auch i Cor 7, 10 und 9, 14 können so erklärt wer Jen 
als Gebote ,,des Herrn*', zumal das letztere Wort leichter aus dem 
Gemeindebewußtsein verständlich erscheint' Auf keinen Fall rechtfertigen 
diese vereinzelten Worte das allgemeine Urteil, daß für Paulus „die sttt- 
Mchen Weisungen Jesu maßgebend*' waren* 

Eine zweite Beobachtung, die mit der ersteren eng zusammenhängt, 
ist die, daß sich bei Paulus schon höchst wahrscheinlich ungeschichüiche 
Tiaditionen über das Erdenleben Jesu finden. Ich rechne dazu die 
Davidssohnschaft, die Auferstehung „am dritten Tage** und die ZwÖlf- 
zahl der Jünger Jesu, Am leichtesten erklärt sich die Tradition von 
der Davidssohnschaft Jesu. Denn diese gehörte für den Juden zum 
Begriff des Messias; ja ,,Davidssohn** war einfach Messiastitel geworden. 
Aber auch die Auferstehung „am 3. Tage'* wird neuerdings immer 
befriedigender aus retigionsgeschichtlicher Tradition erklärt (vgl, Gunkel 
a. a. O- S, 7gff*i Pfleiderer, Entstehung des Christentums 1905 S. 161 f.). 
Daß endlich die Zwölfzahl der Apostel ungeschichtlich sei, ist mir auf 
Grund der Evangelienkritik schon längere Zeit sicher. Ich mache aber 
hier noch auf eine recht sorgfältige Untersuchung des verst, Pfarrers 
Wilhelm Seufert „Über den Ursprung und die Bedeutung des Zwölf- 
apostolats'* aufmerksam (Karlsruhe, Verlag von F* Gutsch 1903), in der 
der Verfasser nachzuweisen sucht, daü sich diese Tradition erst in der 
Urgemein de und zwar im Gegensatze gegen das Apostolat des Paulus 
gebildet habe und von Paulus übernommen worden sei. Wie es 
sich aber auch mit der Bildung dieser Tradition verhalte, so zeigt doch 
ihr Vorhandensein bei Paulus an sich schon aufs Neue, wie fem ihm 
das wirkliche geschichtliche Leben Jesu gestanden hat 




V£i «ich Hertlein m Pro!* Monmuhcfu i^4i S, adsflL 



Il6 M. Brückner, Zum Thema Jesus und Paulus. 

Wrede wirft nun S. 55 die Frage auf, wie sich nach der Vor- 
stellung des Paulus während der Erdenzeit Jesu das Göttliche in ihm 
zum Menschlichen verhalten habe. Ich glaube, daß sich Paulus gar 
keine Vorstellung davon gemacht hat, weil diese Frage für seine Theo- 
logie keine Rolle spielte. Gesagt hat er jedenfalls nur, daß Christus 
seine Göttlichkeit völlig abgetan habe, als er Mensch wurde, und daß 
er in Gestalt von Sündenfleisch (-=» Mensch) erschienen, von Grott zur 
„Sünde" gemacht sei. Das genügte ihm für seine Theorie vom Kreuzes- 
tode Jesu. Psychologische Erwägungen führen hier nur irre, wenn sie 
sich nicht an bestimmte Tatsachen oder Äußerungen halten können. 
Nun könnte man hier ja an „die sittlichen Weisungen" Jesu denken. 
Ich glaube nach dem oben darüber Gesagten nicht, daß Paulus so ge- 
dacht hat. Wrede weist deshalb auch mit Recht die Beantwortung der 
Frage ab, allerdings mit anderer Begründung. 

Sind nun aber nicht die sittlichen Prädikate des Gehorsams und 
der Liebe, die Paulus seinem Christus verleiht, wenigstens zum Teil 
durch den irgendiyie vermittelten Eindruck der Persönlichkeit Jesu be- 
dingt? Dem ist vor allem entgegenzuhalten, daß sich bei Paulus diese 
Prädikate überall auf den himmlischen Christus beziehen. Auch in der 
Stelle Rom 15, 3, die nach H. Holtzmann („Zum Thema Jesus und Paulus" 
in den Protestantischen Monatsheften 19CX5, S. 465 f.) die bezeichnendste 
ist für einen ganz frischen und lebensmäßigen Eindruck, den Paulus von 
Jesu geistiger Physiognomie gewonnen hatte: daß nämlich Christus nicht 
Gefallen an sich selber hatte. Denn auch hier zeigt schon der Aorist, 
den Paulus gebraucht, daß er nicht eine dauernde Lebenshaltung, son- 
dern eine einmalige Handlung, also wie überall, die Menschwerdung des 
Christus, im Auge hatte. Dazu kommt noch, daß Paulus den Ausdruck 
dpioceiv hier ganz deutlich in Anlehnung an v. i und 2 gewählt hat, 
wo er als ein geläufiger term. techn. des paul. Sprachgebrauches steht, 
vgl. bes. I Kor 10, 33. i Thess 2, 4. Gal i, 10 u. a. St 

Führt daher keine Stelle der paul. Briefe direkt auf einen Einfluß 
der Persönlichkeit Jesu zurück, so haben wir zu fragen, ob sich die 
sittlichen Prädikate des Christus nicht aus der Gesamtanschauung des 
paulinischen Christus-Bildes selbst erklären lassen. Das ist nun durch- 
aus der Fall, wie auch Wrede (S. 85) gezeigt hat Gehorsam ist 
Christus, weil er sich dem göttlichen Ratschluß zum Heile der Welt 
nicht widersetzte. Ich füge noch hinzu, daß Paulus diesen Gehorsam 
Christi nicht durch Hinweis auf das Leben Jesu, sondern durch den 
religionsgeschichtlichen Gegensatz zum Verhalten des „ersten Adam" 



t 



M. Brückner, Zum Thema Jesus und Paulus, 



117 



(Rom 5 u. Phil 2) anschaulich macht, wodurch die Herkunft dieser Vor- 
stellung aus der Christusspekulation noch besonders deutlich wird. 
j^Liebe aber mußte sein Motisr sein, weU seine Menschwerdung und sein 
Tod die höchste Wohltat für die Menschen waren. Solche Wohltat 
entstammt natürlich der Absicht wohlzutim, d h. eben der Liebe (Wrede 
S* 85)", Paulus hätte seinem Christus diese Prädikate verleihen müssen, 
auch wenn sie der geschichtlichen Persönlichkeit Jesu gar nicht ent- 
sprochen hätten. 

Dies letztere ist nun in der Tat eine Frage, die ich wenigstens 
2um Schlüsse noch berühren möchte. Ich glaube, daß unser Bild von 
der Persönlichkeit Jesu noch immer viel mehr von dem pauk und Johann. 
Christusbilde bestimmt ist, als diese von dem Eindrucke der geschicht- 
lichen Persönlichkeit Jesu, Der himmlische Christus des Paulus gibt in 
die Geschichte übertragen das Bild des johanneischen Christus (Joh 
I, 14). Das ist aber nicht das Bild des geschichtlichen Jesus, Vor 
allem darf der Tod Jesu gescWchtlich nicht mehr als die freiwillige Ge- 
horsams- und Liebestat des Messias angesehen werden. Denn 1) ist er 
den Uraposteln nicht so erschienen, sondem als ein unerwartetes und 
unbegreifliches Verhängnis» das man sich erst nachträglich mühsam mit 
der Absicht Gottes zusammenreimte; 2) führt auch die geschichtliche 
Forschung des Lebens Jesu immer mehr darauf, den Tod Jesu als das 
tragische Ende anzusehen, zu dem Jesus durch die — freiwillige oder 
unfreiwillige — Übernahme der Messiasidee geführt wurde (Wemle^ 
Bousset, Joh. Weiß). In dieser Beziehung habe ich auch meine S, 64 
m. Buches ausgesprochene Ansicht über den Tod Jesu geändert. 

Man stehe aber zu der Frage nach dem geschichtlichen Jesus wie man 
wolle: aus den paulinischen Briefen selbst ist ein Einfluü der geistigen 
Persönlichkeit Jesu auf die Christologie des Paulus nicht nachzuweisen. 
Das paulinische Christusbild ist in allen seinen Zügen aus sich selbst 
heraus verständlich, es weist nirgends auf eine Abhängigkeit von der 
Persönlichkeit Jesu hin und schließt eine solche durch die Bedeutungs- 
los^keit des Erdenlebens Jesu für Paulus aus, 

Haben wir demnach die oben gestellte Frage nach der Beeinflussung 
des pauL Christusbildes durch die geschichtliche Persönlichkeit Jesu zu 
verneinen, so scheinen die Bedenken Vischers bestehen zu bleiben, 
daß nämlich die Vision des Paulus dann ein psychologisch unerklär- 
bares Rätsel sei, und daß jede Übereinstimmung zwischen Jesus und 
Paulus auf einem merkwürdigen Zufall beruhe. 

Was zunächst die Vision des Paulus betrifft, so verweise ich auf 



Il8 M. Brücker, Zum Thema Jesus und Paulus. 

den Erklärungsversuch, den ich dafür in m. Buche S. 2i8ff. gegeben 
habe und den auch Vischer S. 185 ausfuhrlich darstellt, ohne Wider- 
spruch dagegen zu erheben. Es kommt für uns doch nur darauf an, 
den Grundgedanken richtig zu erfassen, der uns die Bekehrung des 
Paulus psychologisch begreiflich macht. Dieser Grundgedanke liegt 
m. E. darin, das Paulus in dem Tode Jesu die welterlösende Tat seines 
himmlischen Christus zu erblicken vermochte, wodurch für ihn der 
Widerspruch seiner national-beschränkten Messiashoffnung zu seinem 
universal angelegten Christusbilde gelöst wurde. Bei weiterer Vertiefung 
in das Problem habe ich nachträglich eine mir sehr willkommene Be- 
stätigung meiner Auflassung in der Wahrnehmung gefunden, daß der 
Universalismus des Heils der eigentliche Lebensnerv und Zentralgedanke 
des ganzen Paulinismus ist. Ich deute das hier nur an, hoffe aber, es 
bei anderer Gelegenheit näher begründen zu können. 

Klar ist jedenfalls, daß bei einer derartigen Erklärung der Be- 
kehrung des Paulus der Einfluß der Person Jesu nicht in Betracht 
kommt. Der Anknüpfungspunkt an den Glauben der Urgemeinde lag 
vielmehr für Paulus in der beiderseitigen Hoffnung auf die Parusie des 
im Himmel befindlichen Christus. Was daneben noch etwa ak spezieller 
Anlaß für die Auslösung der Spannung bei Paulus in Anschlag zu 
bringen ist, ob der Bekennermut der Jünger, oder Worte Jesu, oder ein 
freierer hellenistischer Standpunkt mancher Christen, ist schwer zu sagen, 
auch ziemlich gleichgiltig, weil es ohne erkennbare Nachwirkung für 
Paulus geblieben ist 

Muß man dann aber nicht mit Vischer von einem merkwürdigen 
Zufall reden, daß Paulus mit Jesus in der Hauptsache zusammengetroffen 
sei? Ich glaube, nicht einmal dann, wenn es sich dabei um bestinmite 
Punkte und Lehren handelte. Solche sind ja auch tatsächlich vorhanden, 
z. B. in der Theologie, in der Eschatologie und in der Ethik. Diese 
Übereinstimmungen rühren eben von dem gemeinsamen Boden des 
damaligen Judentums her. Ich könnte hier Vischers eigenes Beispiel 
von Paulus und Epiktet gegen ihn zu Felde führen. Was ich aber 
meine, habe ich (S. 222 Anm.) so formuliert, daß Paulus in voller Selb- 
ständigkeit Jesu gegenüber in seinem Evangelium vom Christus den 
Griechen doch den tiefsten Gehalt dessen geboten habe, was Jesus in seiner 
Person der Menschheit gebracht hat: den Glauben an die Vaterliebe Gottes 
und damit den in der Gottesldndschaft gegenüber allen scheinbaren 
Zweckwidrigkeiten des Lebens ergriffenen ewigen Wert der menschlichen 
Persönlichkeit. Das ist nun so natürlich weder die Lehre Jesu noch die 



M. Brückner, Zum Thema Jesus und Paulus. 119 

des Paulus, sondern nach meiner Überzeugung der ideale Kern beider. 
Und dieses ZusammentrefTen habe ich überaus wimderbar genannt; aber 
nicht im Sinne eines merkwürdigen Zufalls. Als ein merkwürdiger Zu- 
fall müßte es uns Heutigen vielmehr erscheinen, wenn dieser ideale 
Kern der Religion in einem Menschen gewissermaßen vom Hinunel ge- 
fallen wäre. Es ist aber die schöne Aufgabe für die Theologie unserer 
Zeit, den verschlungenen Wegen der Entwicklung der Religionsgeschichte 
nachzugehen und zu zeigen, daß damals die Zeit erfüllt war, in der die 
religiöse Idee ihre schönsten Blüten trieb, hier in einer hehren Menschen- 
gestalt von edler Einfalt und Volkstümlichkeit, dort in einem grandiosen 
Christusbilde, dem freilich die überzeugende Wahrheit und Wirklichkeit 
des Lebens fehlt, das aber dafür die geschlossene Einheitlichkeit des 
Gedankens voraus hat. 



[Abgeschlossen am x8. April 1906.] 



120 H. Gebhardt, Untersuchungen zu der Evangelienhandschrift 238. 



Untersuchungen zu der Evangelienhandschrift 238. 
(254 des Nov. Testam. ed. Tischendorf, A. 100 der Dresdner 

Kgl. Bibliothek.) 

Von H. Gebhardt in Dresden. 

Unter den 10 neutestamentlichen Handschriften der Kgl. Bibliothek 
zu Dresden ist eine der bemerkenswertesten Cod. Ev. 238 (Textkrit. v. 
Gregory), einmal deshalb, weil er zu den mit Scholien ausgestatteten 
Codd. gehört und sodann, weil er eine ganze Reihe singulärer Lesarten 
aufweist, oft recht gute. Da Matthäi diesen Kodex bearbeitet und auch 
aus ihm den Text seines Novum Testamentum Graece (Xu Bde.) mit 
festgestellt hat, so scheint es, als ob es einer Nachprüfung der Arbeit 
jenes sorgfaltig forschenden Gelehrten nicht bedürfe.* Gleichwohl wird 
sich in Folgendem zeigen, daß auch in der von Matthäi besorgten Aus- 
gabe des Neuen Testamentes eine Reihe von Fehlem schon in dem 
einen Kodex nachweisbar ist, so daß ilire Richtigstellung nicht ganz 
ohne Nutzen für die Neutestamentliche Wissenschaft ist, insbesondere 
auch für den Text der großen kritischen Tischendorfschen Ausgabe 
des Neuen Testamentes, da diese auch auf Matthäi fußt und da nach- 
weisbar auf diesem Wege einige Fehler in sie eingedrungen sind. 

Ich gebe nun eine Zusammenstellung der von Matthäi bei Bear- 
beitung von Ew. 238 übersehenen Abweichungen. Die Handschrift, 
deren Text, Ev. Luc. und Ev. Joh. enthaltend, mit roter, deren Scholien 
mit schwarzer Tinte geschrieben sind, weist zunächst in Luc. folgende 
Abweichungen auf: 

N. T. ed. Tischendorf VIII: Ev. 238 : 

1. Lc I, 17 ivibmov aÖToO iviiimov aörujv 

2. Lc 2, 39 txdXecav dxdXecev (mit «H) 

3. Lc 5, 3 xaefcac bk xal xae/jcac 



» S. Jülicher, Einl. i. d. N. Testa- 4- S. 495. 



H. Gebhardt, Untersuchungen zu der Evangelienhandschrift 238. I2I 



N. T. ed. Tischendorf VIII: 

4. Lc 5, 17 eic TÖ iäcOai auröv 

5. Lc 5, 27 A€U€iv 

6. Lc 6, 39 ^r|Ti ftuvarai 

7. Lc 7, 2 SVTI^OC 

8. Lc 7, 1 1 schließt mit öx^oc ttoXuc 



9. Lc 7, 15 dv€Kd9ic€V 



10. 


Lc 


7.24 


6nö dv^fiou 


II. 


Lc 


9,26 


Koi Tiüv dtlwv dfT^Xiuv 


12. 


Lc 


9.43 


M€T(xX€i6ttiti toO eeoO 


13- 


Lc 


II, 14 ^KßdXXwv 


14. 


Lc 


11,51 


dnoXoM^vou 


15- 


Lc 


12, 23 Tfic Tpoq)fic 


16. 


Lc 


12,48 


Koi (|i TtapdöevTO noXu 


17- 


Lc 


13,15 


ö KÖptOC 


18. 


Lc 


14, I 


aeeiv 


19- 


Lc 


14,21 


eic Tdc irXaxetac 


20. 


Lci6,6 


KaOfcac 


21. 


Lc 


18, 15 änTiiTOi 


22. 


Lc 


19,8 


TiBv ÖTtopxövTiuv 


23- 


Lc 


19, 15 bienpocTMciTeucaTO 


24. 


Lc 


20,38 


aÖTi:^ 


25. 


Lc 


22, 2 


£q>oßoCvTO Tdp TÖv Xaöv 



26. Lc 22, 10 eic fiv €ic7T0p€Ü€Tai 



27. Lc 24, 19 8c MV€TO 

Interessant sind noch folgende zwei 
Tischendorf* zitiert für die Lesart in 



Ev. 238: 
£v Tijj idcOai aOrouc 
Xeui (mit DK) 
\xf\ bivarai 

tv Tl\Xfji 

fügt am Schluß hinzu: rflc 
TTÖXeujc (von M. nur für Ew. 
248 u. 253 angeführt) 

dv€Kd9nc€V (von M. nur für Ev. 
251 angemerkt); auch im 
Schol. dieselbe Lesart dve- 
KdOiicev 

änö dvi^ujv 

^€Td TiTiv dyiujv dyT^^wv 

^CTaXeiÖTTiTi auTOÖ 

^KßaXiuv 

dTroXufi^vou (von M. dTioXXu- 
ixivov herausgeschrieben) 

Tflc Tpuqpfjc 

Kai i|) TiapiOeTO TioXtj 

ö 'Incoöc 

eiceXOeiv 

irci xdc TiXareiac 

xaOi^cac 

dipilTai 

Tiöv ÖTrapxövTwv ^oi 

^TTpaTMaTCÜcaTO 

aÖToC 

M. dichtet hier unsrer Hand- 
schrift die Lesart an: t<po- 
ßoOvTO bk TÖV Xaöv; aber 
Ev. 238 hat TÄp wie die 
übrigen Handschriften. 

M. las oiJ ddv eiciropetjCTai; 
aber es steht da: oi3 £&v 
eicTTOpeuiiTai 

ibc It^V€to. 

FäUe: 

Lc 10, 33: Kai löujv om. aöröv 



122 H. Gebhardt, Untersuchungen zu der Evangelienhandschrifit 238. 

MBLZ I. 33. 254 (238) offenbar auf Grund von Matthäi; aber das 
auTÖv ist vorhanden mit ACDX TAATT. 

Femer finden wir bei Tischend orf* falschlich die Bemerkung, daß 
Ev. 254 (238) in Lc II, 44 xd fivrj^aTa habe, während fivimeia dasteht 
Die Form fivi'i^aTa tritt erst v. 47 auf. 

Mindergroß ist die Zahl der in Jo von Matthäi übersehenen Fehler: 





Tischendorf*: 


Ev. 238: 


Jo4,2 


Kdxoi T€ '\r\covc aöxöc 


om. aöxöc 


J04, 51 


Kai fJTTttXav 8x1 


Kai dviiTT€iXav X^ovxcc (M hat 
offenbar dirr^YTtiXav gelesen) 


Jo 5, 10 


dpai xöv Kpäßßaxov 


xöv Kpdßßaxöv cou (das cou 
von M. übersehen) 


Jo6,7 


^XnXaKÖxec 


iXnXueöxcc 


Jo6,6o 


emov 


JXcYov 


Jo 8, 38 


& /^Koucaxc 


8 /jKOÖcaxc 


Jo 9, 12 


emav aöxijj 


ekov oöv aöxtj) 


Joft2i 


aöxöc TTcpl 4auxoO XaX/jcei 


aöxöc irepi aöxoO XaXrjcci 


Jo 9, 22 


CUV€X49€IVX0 


cuvdOevxo 


Jo 11,32 


f\ oöv Mapfa 


f| oöv Mdpea(aus demScholien 
erst ergibt sich der Irrtum 
des Abschreibers) 


Jo 11,40 


8x1 ddv mcx€ijcr|c 


om. 8x1 


Jo 15, 16 


xöv Trax^pa 


xöv irax^pa ^ou 


Jo 19, IS 


dKpauTCtcav 


£KpauTa2;ov. 



Aus dem Dargelegten ergibt sich, daß Matthäi bei allem bewunderns- 
werten Fleiß doch nicht ganz ohne Fehler gearbeitet hat und daß eben- 
deshalb der Textkritiker gerade auf dem Gebiete der Erforschung der 
Minuskelhandschriften, besonders auch der Nachprüfung früher geleisteter 
Arbeit, noch mancher Kleinarbeit, die doch auch nötig ist, sich unter- 
ziehen muß, um dem Ideal der voUkonmienen Wahrheit näher zu kommen. 
Die Worte Gregorys im i. Bande seiner Textkritik S. 3, die zu fleißiger 
Mitarbeit auf textkritischem Gebiete auffordern, stehen noch in voller 
Geltung. 



[Abgeschlossen am 15. April 1906.] 



Vcrnon Bartlet, The origin and datc of 2 Clement 123 



The origin and date of 2 Clement 

By Veraon Bartlet, Oxford. 

It is obvious that, if we could attain assurance as to the date and 
provenance of this, our earliest Christian homily, it would gain immensely 
in value to the historian. Not only would it add a significant page to 
our meagre records of local church history in the second Century; it 
would also cast a clearer light upon not a few other documents with 
which it is related, though at present all too vaguely. In a recent paper 
in this Journal,' Prof. Hamack has argued afresh for its Roman origin, 
and even for bishop Soter (c. 166 — 174) as its author. Accordingly it is 
perhaps due to him that I start my own contribution to the problem 
by referring to two Statements of his in defence of his theory, one 
positive, the other negative. 

Hamack asserts that the relation between 2 Qement and Justin's 
First Apology is such as to exclude a date for the former prior to 
c. 150 A. D. I assume with him that the phenomena point to literary 
dependence on the one side or the other; but differ from his view that 
Justin is prior. The resemblances in question are between i Apol. 53 
and the opening sections of the homily. They centre in the quotation 
by both of Is 54, i: EöqppdvOiiTi, creipa ^ oö TfKTOUca* M^ov xai ßöricov, 
f| oÖK ibbivouca- öti iroXXd xd xdKva xfic dprifjlou ^dXXov f^ xfic dxoucnc xöv 
dfvbpa; and turn on its application to the numerical position of Gentile 
Christianity as compared with Judaism (2 Clem.) and Judaic Christen- 
dom (Justin) respectively. Hamack infers that Justin's application is 
the earlier; 'Soter (— 2 Qem.) aber kann schon einen Schritt weiter 
gehen und behaupten, die Heidenchristen seien bereits zahlreicher als 
die Juden'. His reason for so judging is simply hinted, as follows: 'Für 
Justin, der aus Palästina stammte, ist noch der Unterschied von Juden- 
und Heidenchristen von hoher Bedeutung; der römische Bischof sieht 



« Vol. VI, pp. 67—71. 



124 Vernon Bartlet, The origin and datc of 2 Clement 

von diesem Unterschiede ab und stellt vielmehr die Heidenchristen und 
die Juden sich gegenüber. Dies bezeichnet auch einen großen Fort- 
schritt in dem Wachstum der Heidenkirche; sie erscheint nicht nur 
zahlreicher als die Judenchristen, sondern sogar zahlreicher als die 
Juden.' 

I say nothing about the reason suggested for reference to Jewish 
Christians in the one case and the absence of such reference in the 
other. It remains quite problematic, as there is another explanation at 
least equally good which points the other way. Justin's reference is 
exegetically the more natural one, as preserving the parallelism of the 
passage cited, which itself contrasts the issue of the barren type of 
humanity (the Gentiles, called proleptically the Gentile *Church' or 
*people' Xa6c) with the issue of the married type of humanity (the Jews) — 
which latter should of course mean Jewish-Christians. Hence it is a 
priori preferable view, that the looser or wilder exegesis of the 
homilist is on this very account the earlier, rather than that, having the 
more accurate exegesis before him, he deliberately substituted for it one 
of a more arbitrary kind. The likelihood depends, indeed, upon the 
sort of motive he had for such a Substitution. And it is here that 
Hamack*s view seems to fail most signally. His argument requires us 
to assume that during the fifteen or twenty years which he places be- 
tween Justin's Apology and 2 Qement, Gentile Christians had so in- 
creased in numbers that the homilist feit it no longer enough to describe 
them as more than Justin's relatively few (öXCtoi tiv€C) believers sprung 
from the whole mass of Jews and Samaritans, but proceeded to claim 
that they were actually more than the Jewish people at large. Surely this 
is quite incredible. The real explanation of tiiis daring paradox is that 
the homilist simply feil into it under the Suggestion of the text on which 
he was commenting, taken in a loose way\ and this we have shown 
he could hardly have done with Justin's more exact exegesis before 
him. Thus not only does Hamack's argument here crumble to pieces, 
but the phenomena to which he calls attention become a fresh argu- 
ment for the priority of 2 Qement to Justin's Apology,* and so go 
against Soter's authorship. In a word, his positive argument for a 
date later than Justin really teils the other way. 



z There are other features of the passage in Justin which point the same way, 
e. g. the extra reference to the more genuine piety of Gentile believers, irXciovdc T€ Kttl 
dXiiOccT^pouc ToOc &. ^Ovu>v . . . XpiCTiavoOc dbÖT€C, cf. ad fin, ibc hk Kai &Xr)8^CTepoi 
K. T. X. Jnstin also works out the idea that the Jewish land is now Spiifioc 



r 



Vernon Bartlet^ The origin and datc of 2 Clement. 



12$ 




His negative thesis, in defence of his position, is to the effect that 
no sure criteria have yet been produced pointing to an origin for 2 
Clement prior to 150 A. D. Of course, certainty in such matters is a 
relative term; but the two following indications seem each to be fairly 
conclusive, and in their combination completely so. 

i) The use of the Gospei according to the Egyptians in our homily. 
This may be taken as practically certain; at any rate it is considered 
so by Hamack and most other scholars. The proof of this rests ulti* 
mately on the passage in ck 12, agreeing closely with one quoted by 
Clemens Alex, as cited by the Encratite Cassian from that Gospel. 
But with this clue in band, it is natural to refer to the same source 
those evangelical quotations ako which depart considerably from the 
langiiage or thought of oor canonical Gospels (von Schubert, in Hen- 
necke's Handbuch zu den N* T, Apakryphen, p, 252^ specifies 4, 5» 5, 2 ff* 
8, 5 as primary cases, and 3, 2, 4, i (6, 1) and 13, 4 as secondary ones)* 
Eut can it be seriously maiutamed that such public use of an apo* 
cryphal Gospei pecuüarly Egyptian in origin and purpose — a Gospei 
not even rcferred to by Irenaeus (so far as extant), and in the West 
noticed only by the learned Hippolytus in a dcpreciatory way, in con- 
nexion with the Naassenes (Philos. V, 7, p. 136)— is likely to have been 
made in Rome as late as c, 166 — ^174, and that on an occasion when 
a preacher's authorities needed to be above suspicion? Credat jFudaeus 
Apeiia, to use Hamack's own phrase. This argnment, which teils 1 
heavÜy against so late a date, teils also against ei the r Rome or Corinth 
as churches before which our homily was delivered at any date< For 
we have no independent evidence that the Egyptian Gospei was ever 
read publicly outside Egypt But unless it was so read, and that fairly 
oftcn» the conditions of our problem would not be satisficd, seeing that 
it is alluded to without being named, as though to nanse it before the 
audience which the preacher was facing were superfluous- It must have 
been the local Gospei par exceilmce, standing in general use side by side 
with two or more of tlie Synoptic Gospels at least, upon which it was 
itself probably based. Need one add that this could be true of only 
one church known to us, vm that of Alexandria, and there only at a 
rather primitive period? 

2) But the case for a date before 150 and for Alexandrian prove- 
name might safely be staked on a Single passage in the homily, tliat^ 
in which the doctrine of the pre-mundane pnetmiaik Church (ch, 14) is 
adduced as a prime motive for d-p^pdrcia in relation to sins of the flesh. 



126 Vernon Bartlet, The origin and date of 2 Clement. 

In Order to exclude personal bias from our exposition of this famous 
section, we will first quote the preacher's words and then append the 
comments of von Schubert {pp. ät. p. 253). "Qcie, db^Xcpoi, ttoiouvtcc 
TÖ OtXimcx ToO irarpöc f||jiujv 0€ou icöpeGa Jk ttic £KKXv]c(ac ttic irpoiTiic, 
if[Q TTveujjiaTiKfic, Tfic Trpö f|Xioü Kai ceXnviic IkticjaIvtic* idv hk \ki\ Troirj- 
cu>>A€V TÖ etXrjMa Kupfou, icÖMcOa Ik t^c TPa<Pnc xnc Xctoügic 'ETevriOn 
6 o?k6c jjiou CTTTiXaiov Xijctujv i&cre oöv a!p€TicUi|Li€8a dirö rfjc iK- 
KXiidac Tnc h)if\c eivai, Iva cu)6iX»^€v. oök oToiJiai hk h\x&c dTVoeiv ön 
^KKXnda tiÄca c^\x& icriv XpicroO- X4t€i tdp h TP«q)T*| 'Eiroiiicev 6 
Geöc TÖv dvGpuiirov dpcev Kai GfiXu* tö dpcev dctiv ö Xpicröc, tö 
GnXu f| iKKXncfa* Kai öti Td ßißXia Kai et diröcroXoi Tf|v ^KKXiidav oä 
vöv eivai, dXXd dvwGev [X^to^civ öflXov]. Whereon von Schubert: *Sie 
(die Begründung) schließt an die Spekulationen vom präexistenten pneu- 
matischen Christus als dem himmlischen Menschen oder Adam an, die 
schon vorher 9, 5 anklangen, und erinnert an die gnostisch-valentinia- 
nische Vorstellung des Aeonenpaars (der Syzygie) Mensch und Kirche 
(dvOpuiiTOC Kai iKKXrjda). Wieder steht der Verf. mitten inne zwischen 
den paulinischen und den gnostisch-häretischen Aussagen, trägt aber 
seine gnostisierende Meinung naiv vor. Derartiges, nachdem die 
gnostische und speziell valentinianische Krisis über Rom (und Korinth) 
hinweggezogen war, in einem offiziellen Schreiben des röm. Bischofs Soter 
an den spezifisch 'katholisch' gerichteten B. Dionysius, den eifrigen Be- 
kämpfer der Häresie, enthalten zu denken, scheint unmöglich.* To con- 
tinüe with our author's argument: i^v tdp TTveu^aTiKrj [sc. f| dKKXiicia], 
ibc Kai 6 'liicoOc f|Miöv, dcpavepdiGii hl iiz ^cxaruiv toiv fi^epuiy tva /jjjiac 
cuicij' f| dKKXncia bt Trv€U|jianKf\ oöca ^avcpwOn 4v tQ capKi Xpicroö, 
bnXoGca f||JiTv ÖTi, idv nc ^möv rnp^icij aÖTf|v iv t^ capKi Kai \xi\ 90€ipi)» 
diroXti<p€Tai auTfJv 4v tijj irveÜMaxi xt^ dtiHi* 'l Tdp cdp£ aurii dviCTUiröc 
icnv TOö TTveujüUXTOc oöbdc oöv TÖ dvifrunov q>6eCpac tö aö6€vnKÖv 
^eTaXi^ilierau dpa oöv toOto X^t«, dÖ€X<poi* TnpncaTe Tf|v cdpxa tva 
ToO 7rv€u^aT0c ^eTaXdß^Te. ei hk X^TO^ev eivai tt^v cdpKa Tftv ^KxXndav 
Kai TÖ 7rv€Ö|ia Xpicröv, dpa oöv 6 ößpicac Tfjv cdpKa ößpicev Tf|v dKKXn- 
dav 6 TOiouTOc oöv ou ^eTaXrJMieTai toO TtvcüjuaToc, 8 dcriv 6 Xpicroc. 
TOcauTiiv öuvaTat f) cdp£ aüxr) )ji€TaXaßeiv l\i}i\v xai dOavacfav, koXXii- 
GIvTOC auT^ ToO irveu^aTOC toö dyiou. *Das Gedankenknäuel, das hier 
vorliegt, wird so zu entwirren sein: die eigentlich geistliche Kirche ist 
ebenso offenbar geworden, wie der eigentlich geistliche Christus, bei 
ihrer innigen Verbindung mit ihm ist ihre Offenbarung nicht unaUiängig 
von der seinigen, sie ist in seinem Fleische offenbar geworden, ja als 



Veraon Bartlet, The ongm and date of 2 ClcmcnL 



127 



sein Leib war sie geradezu sein Fleisch. Wie nun Christus (nach Eph» 
5, 26t) diesen seinen Leib oder sein Fleisch, die Kirche, untadelig dar- 
stellt, ihr innerer geistlicher Charakter und seine Verbindung mit ihr 
intakt bleibt; so sollen auch wir an unserem Teil die Kirche untadelig 
bewahren und damit auch unsere innere, geistliche Verbindung mit der 
wahren, geistlichen Kirche; was wir, 4m Fleische' bewahren, soUen^ wir 
*im h, Geiste* empfangen. Dieser Gegensatz bringt den Prediger auf 
eine doppelte Spekulation, um zu begründen, wie das eine durch das 
andere bedingt ist, i) platonisch; das Fleisch ist Gegenbild des Geistes, 
der das 'Originär, das auÖevTiicöv ist, darum wer jenes verletzt, vediert 
dieses; 2) mystisch-gnostisierend 14,4; tatsächlich ist aus der paulinischen 
Fassung des Verhältnisses von Christus zur Kirche als des Hauptes zum 
Körper die als des Geistes zum Fleische geworden. Das wird auf- 
gegriffen (*wenn wir aber sagen* etc.) und in mystischer Parallele auf uns 
gewendet: wer sein Fleisch verletzt, verletzt die Kirche, und bei der so 
engen Verbindung zwischen Fleisch und Geist, Kirche und Christus, 
auch Geist und Christus . , . Zu bemerken ist noch, daß der hl, Geist, 
wie Hamack richtig bemerkt, als besondere Hypostase überhaupt nicht 
gefaßt wird, er ist teils Christus selbst, teih der von ihm ausgehende 
Lebensgeist, — In dem ganzen Kapitel von der ^Kirche" erinnert nichts 
an die sich bildende ^Katholische Kirche' mit iliren Heilsvermitt- 
ungen/ 

It is quite immaterial whether one accepts in fo/a this exposition 

of the preacher's meaning or notj the conclusions to be drawn from 

the passag e remain unaßected. Von Schubert has drawn one of tiiem 

himselfj that which excludcs Harnack*s date, But the other is no less 

certain, when once we seriously put to ourselves the foUowing question. 

Remembering the practical and unidealistic temper of the Roman 

Church, can we imagine an address moving in such an atmosphere of 

Piatonic idealism — subtlc to the point of obscurity and passing ra- 

pidly from one nuance of the term Trveöjia to another^being delivered 

by a Roman bishop c» 166—174 to his own flock, and then being sent 

as an edifying moral exhortation to a sister church, for it to make 

what it might of such argumentation, at a time when the air was 

H charged with Valentinian aeonology? Only one answer is possible 

I when we apply our imagination to the Situation. But we may go 

I further, and selting finally aside the idea of a date after 150, boldly 

I assert that at no date during the second Century, or indeed later, can 

I we imagine such an address being delivered to the Roman church by 



128 Vernon Bartlet, The origin and date of 2 Clement. 

a representative man/ Nor is it really much easier to imagine the 
homily as preached to the Corinthian church, especially when we bear 
in mind what has been said as to the idnd of familiarity with the Egyptian 
Gospel presupposed by it. We must remember that 2 Clement was 
not written for a select circle of educated readers, but for delivery 
coram populo in church. This being so, the Piatonic cast of this chapter, 
with cdpH as dviiTuirov and TTveO^a as auGevTiKÖv, so that the former 
s the manifestation of the latter in the inferior order of the sensible, 
would surely be ill-adapted to its highly practical object, as at the 
heart of an earnest moral exhortation, even in Corinth. Only in one 
church can we imagine such a sermon as really in correspondence with 
its mental environment; and that is the church at Alexandria. Once 
we so envisage it, all becomes natural. The only wonder is that this 
should not have been feit long ago, in connexion even with the date^ 
which on other grounds seems most probable for it, viz. c. 120 — 140, 
as Lightfoot has sufficiently shown. No doubt the extemal evidence 
has helped to obscure things; yet need lessly, as we shall tiy to show. 
But let US first test our results a little further by internal criteria. 
Many of the homily's ideas and phrases claim affinity with the East 
rather than the West. This is notably the case with the final Doxo- 
logy, in which the characteristic theology of its author appears to an 
unusual degree. Tiji ^6vi}j Getfi dopdiifi, iraxpl ttjc dXnOefac, t(^ dHairo- 
creiXavn f|Miv töv cuiTflpa Kai dpxni^v xfic dcpGapdac, h\ oö Kai i<pa- 
v^pwcev f||jiTv T#|v dXnOeiav Kai xr^jv iTroupdviov Juiriv, autifi i\ b6£a €ic 
Touc aidüvac tiöv afiwvujv d^rjv. The whole is as akin to what we 
know of the Alexandrine type as it is unlike the Roman, particularly 
as regarda the term 6 iraTi^ip Tf\c dXiiBciac (so 3, i cf. 19, i), which 
occurs again and again in Sarapion's Prayer-book, an Egyptian work and 
no doubt ultimately Alexandrine. Then the conception of Christ as 
the Saviour, especially as inaugurator of immortality and medium of the 
manifestation of the truth and the heavenly life, reminds us at almost 
every point of Bamabas and the Eucharistie Prayers^ of the Didache, 



* In this connexion we may remind ourselves of the significant fact that no Latin 
Version of this homily is.known to have existed. 

s I do not forget that Hilgenfeld has suggested Clemens Alex, as its author — 
a theory which so far supports the one here put forward, as rightly gauging the spirit 
and affinities of our homily. But so late a date alone mies it out of court, e, g. in 
▼iew of the Eyangelical qnotations in 2 Qem., as contrasted with and Qement's own 
attitttde to the Gospel accoxding to the Egyptians. 

3 See ch^ 10,2: EOxapiCToO)i^v coi, irdxep dyic, öirdp toO &t^ou övö^aröc cou(the 

18. 5. 1906, 



r 



VernoB Bartlet, The ongm and date of 2 Clement. 



129 



which are both markedly Eastem. Yet it is to the general cast of 
the Doxology that one can appeal most confidently. Further the re- 
ferences to *this fiesh', over agamst an incipient tendcncy to deny 
its resurrection and so to regard its behaviour as indifferent, belong to 
the atmosphere of Alexandrine spiritualism for more than to Roman 
realism. This appears, for instance, from Hermas' way of meeting 
somewhat similar tendencies to moral lascity, which is far more con- 
cretely 'practica!, and does not contemplate such subtle apologies for 
sins of the flesh, at least to any great extent.' 

It is time, however, that we dealt with tlie connexion of Hermas 
and our homily, which is obviously a closc one, so dose as to argue 
literary dependence on one side or the other, A priori one would be 
inclined to regard Hermas as the borrower, in view of his ascertained 
tendency to use other writings without any formal sign of so doing 
(e, g. in the case of the Twa w^s^ and probably of the Didacke as a 
whole). But the point can perhaps be settled on t^vo prominent issues 
arising out of the chapter alrcady quoted from our homily, i) In Hermas, 
Vis. 11, 4, I, we read as to the guise in which the Church appears to 
Hermas, Atari oöv itptcßuTlpa" fiii, «piiciv, wdvTUJV TrpdJtTi tKiicÖir ?}id 
TOÖTO irp€cßuTfpa Kai hm Tauniv ö KÖcfioc KatTipTicöii. This is surely 
an echo of 2 Clem» 14, i, where the homilist goes on to ground this 
view in a mystic exegesis of Gen i, 27, supported by reference to the 
O. T, scriptures and the Apostolic writings, as implying a pre-existent, 
pneumaiic Church. Hermas quietly appropriates the idea more siwJ 

2) The Christology of our Homily connects it with Alexandria as 
decisively as it dissociates it from Rome* The prime criterion in the 
one case is the Epistle of Barnabas, and in the other the Shepherd of 
Hermas. No one has put the data for the conclusion we are drawing 



chieC part of i\ dX^iGfiia) . . . Kdi ÖTT^p Tf]c T"vdjcfmc . . . Kai ä^avadac i^c ^T^ü/picac 
f^^tv bid'lricoO; cf. IX, 3: i^niß Tf{<: lm9\c icai Tvdjcfujc (corresponding to f\ dXr\Btia.) f\c 
^liipicac, K. T. X, 

I Even if we should see in the tuen dcscribcd in Sim. IX, 19, 3 who öirocpiOricav 
Käl l&lfcoEöv KdTd Tdt ^mÖufitac tuiv dvepdnrujv T(jüv d^apTavövT^^v, teachera of «, 
tbeoretic du^ism, yet luch a tendeticy obvioüsly bulked Itss on Henn^* liontoii 
in Rome than on Ihat of onr homilist It is even possible, in the light of what follows, 
that Hermis may here be echottig tlie more expllcit Statements tn a Qeme&t* 

s A parallel to this is afforded by the probability made out by RcjUenstein in his 
P&fmtindr^Sf lifT., esp. 34^36, that Hermas obtained bis imagery of the Sbepherd* 
mstnictor from $ome of the Egyptian Hermeüc literatüre. That Alexandria and Rome 
stood in ytTf close literary relatiotis, and not least In Christian circlesj there Is good 
i-ea$on to believe ; and this makes Herm&s^ use of 2 Ckm. the more likelyi 
Z«lticbr, f^ d» neuLcjL WLf», Jahrf. VTI- 1996. g 



no 



Verfion Barclet, The ongiii and date of 2 Clement. 



on this point morc clearly and incisively than Hamack himsclf. In his 
History of Dognm he says that the 'diverse conccptions of thc Person, 
that is, of the nature of Jesus', current in primitive Christianity in a 
large sense, *may be reduced collectively to two, Jesus was eiüier re- 
gaided as the man whom God had chosen, in whom the Deity or the 
Spirit of God dwclt, and who. after bcing testcd, was adopted by God 
and invested with dominion (Adoptian Christology); or Jesus was re- 
garded as a heavenly spiritual being (the highest after God), who took 
flesh, and agatn returned to heaven after the completion of his work 
on earth (Pneumatic ChristoIog>0. These two Christologies, which are 
strictly speaking mutuaify exdtisive — the man who has become a God» 
and the Divine being who has appearcd in human form — yet came 
very near each other when the Spirit of God implanted in the man 
Jesus was conceived as the pre-existent Son of God, and when, on the 
other hand, the title Son of God for that pneumatic being was derived 
only from the miraculous generation in the flesh; yet tliese both seem 
to have been the mle. Still, in spite of all transitional fonns, tlie two 
Christologies may be clearly distinguishcd. Characteristic of the one 
is the development through which Jesus is first to become a Godlike 
Ruler,' and, connected therewith, the value put on the miraculous event 
at the baptism; of the other, a naive docetism, ' For no one as yet 
thought of affirming two natures^ in Jesus; either the divine dignity 
appeared rather as a gift, or tlie human nature (cdpf) as a vcil* as^ 
sumed for a time or as the metaroorphosis of the Spirit*. 

Now Hermas* Christology appears most distinctiy in Sim. V< rel- 
ating to the Faithful Servant* This Servant, here defined on his 



I 'Herrn as has the thing [i. e. GcofToCricic] ttself quite disttnctly', 
' H&mack safs tliis 'plainly appears* in B^m (5 and 12). £ut he OTcrlooks the 
fact that it is al least as eleu in 2 Clem. % $ cf Mrif aOc (cf* Ltghtfoot W 4v.) XpiCtdc» 
6 K^pioc 6 ciljcac f^dc, ttiv ^^v td TtpilfTüv irvfOpa, tflv^xQ cdpE Kai oÖtujc ^^^c 

^KäXueV . « * , la, I OÜK 0l&<X|U€V TT^V ^lU^pdV TftC ^m^aVCfaC TOO deoO^ ^TT€pU>TTl6€ic 

Xdp aüTÄc 6 »cüpioc <t%6 nvoc ndrc i^Eci aütoD f\ ßaciXeto, cltrev^ k. t. \., ef. I7p 4- 
Then later in Clem. Alex., as Hamack says, 'in spile of all hh priemte against bÖKrjciC 
proper, one c&n itill perceive a '^moderate docetism^'/ It is in fact most eharactensüe 
of AleÄandria, See also note 4, 

j *Faf tkis reqüires, as iti pteauppositioi», the perception that the divinity ajid 
hamAnity «re equaUy essential and import^nt for the personality of the Rcdeemer 
Chn%V 

I So Bamabas, sayi Hamack — adding that Ho this conceptioii corresponds the 
fonnala Ip^ccOm {(pav€poOc0ai) ^ Capid', which 1« cqually triic of 2 Clem, 14» 2 
(^(pavepdi6ii)^ with the analogous f| ^*CKXi|cfa hi irvcu^aTiKf) oüca ii^av^p\hBr\ iv rf^ 
capici XpiCToO. 



servile or distinctively human side as cdpS chosen of God, hsving 
served the Holy Spirit implanted by God recetves as |iic8öv a ccrtain 
abiding'place, described in the parable itself as the Status of co-heirship 
with the Master's beloved son (Tcv&Öat töv öouXov cvtkX?iPOv6^ov tu> 
uii^ auTOu (Sim. V, 2, ii) — m another connexion (Sim. IX, i, i) de- 
fiiied as the Holy Spirit.' That is, the seat of personality or will, as 
we should say, is conceived by Hermas to lie ia the Iower or human 
natura of the historic Christ, which by exercising its will aright, m 
sübjection to the higher element resident within (fcouXeucaca r^l ttvcü- 
^ati ä}xi}iiuu}c)j merits co-heirship in glor>^ with God's primal Son 
or Holy Spirit. This is an essenlially *adoptian* Standpoint, and it runs 
through Hermas* thought, as when he exhibits the Servant's conduct as 
the model for Christians fipece t^P [tuj Ö€u*] f] nopefa rfic capKÖc lauTiic 
ÖTi otJK IjuidvÖri Im ttjc ttic ^x^^ca tö nv€UMa to aTiov (v. d 6) . , , nctcct 
TÖp cdpE d7ToXi^qj£Tai juicSöv f\ eupcOcTca äjüiavTOC Kai äcmXoc, ^v fj tö 
TTveöiiot TÖ afiov KaxdiKncev (/^. 7, cf. 7, i). The analogy between 
Ciirist*s purity and that of the Christian reminds one enough of 2 Clem. 
14, 3 to make us infer Hermas* dependence, But all the more we 
notice the dtfference of the homilist*s Christolog>\ He makes the 
TTvtfl^a in Christ the personal element, which £q>avEpuf6ii iv ifi capici 
XpicTou — the C(ip£ being conceived 'as a vcil assumed for a time or as 
the metamorphosts of the Spirit\ Hrs Standpoint is essentiaUy *pneu- 
matic*, and even the cdpE is conceived in the sublimated fashion proper 
to Alcxandrian Platonism, as antitype of the spirit which determines tt 
His affinity with the Aiexandrine Barnaöas is as marked as is tlie 
contrast to the Roman Hermas, who has taken as much from 2 Clem. 
14 as he could assimilate» viz. the idea that näca cdpE dnoXrii|J€Tai 
^lceöv f) eüpceeica dpfavroc xai dciriXoc,' ^v fj tö 7tveu|4a to ärtov 
KaiiliKnccv, which plainly echoes our homilist's Idv Tic f^aiv rnpricTi auTr)V 
[sc, Ti^v iKxXriciav] ^v t^ cccpKi Kai )i^ q>6£iprj, dnoXnitJCTai aOn^v 4v t^ 
TTVeuMöTi Till dtiHi- Much in tlie accompanying argument is ignored 
by Hermas, as not in terms of his own thinking — unless tndeed we 
distinguish two stages in Ilermas' thought the latter of them being 
represented by the Christology of Sim. DC 12, 1—3, There the same 
Son of God appcars in two aspects or relationSr first as prior to all 



1 Cf. Harnack* ^p. Hl 1, 19311'; *lii Hermat the real substanlial thiog in Jesu» 
Christ u Ibe cdpi** 

1 Comp. 2 Clem. %, $ TTipi^caTe Tf|V cdpKCi drvi^v Kai 'rfjv cippoTtba ÄcmXov» 
fvct T^v [oiiiiviov] ZIu^^v d^o^aptB^cv, 

9* 



132 Vernon Bartlet, The origin and date of 2 Clement. 

creation (the rock on which the Church is built), and next as in ^cxdt- 
Tuiv Tiliv f||i€paiv . . . qpavepöc (as the gate-way leading into the rock, 
through which the saved enter into the kingdom). This recalls 2 Clem. 
14. 2 T^v Tctp TTVCu^axiKri (sc. f\ dKKXncfa), ibc Kai 6 *lncoöc fmuiv, icpa- 
vepübGn bi, dir' kx^Tiuv tiöv fmepuiv Iva f||iäc cifacij. There is much 
reason to regard Sim. IX as belonging to a later stage in Hermas' 
prophetic ministry than Sim. V, when perhaps he had come to adopt 
more of the standpoint of the 'pneumatic' Christology, which niade 
the Father's fellow-counsellor (cu^ßouXoc) at creation Himself appear 
on earth, and not merely a mode or portion of this Holy Spirit, such 
as *dwelt* also in humanity (cdpH) generally (as in Sim. V). But in 
any case we cannot imagine 2 Clements 'pneumatic' Christology and 
Elcclesiology, in eh. 14, dependent upon Hermas' diffuse, allusive, and 
figurative discussions; the dependence, so far as it exists at all, is the 
other way, though the works really belong to different local theological 
traditions, the one Alexandrine, the other Roman. 

This relation is further confirmed by 3) their respective teaching 
on ^^Tdvota. 2 Qem. makes an urgent call for repentance while men 
are still in this world (ibc oöv ic}iiy Inl ff\Cf ^exavoiicuj^ev k. t. X., 
eh. 8), without reference to any limit as to repetition; but a tüstinctive 
point in Hermas* message is that only one repentance for the baptized 
is possible, and that by special allowance, some holding that not even 
this is open (Mand. IV, i and 3). This being so, while Hermas may 
well have known our homilisfs teaching on the matter, 2 Clem. could 
not have expressed himself as he does, were the prophetic message of 
Hermas known to him and his hearers. In all respects, then, Hermas 
witnesses both that 2 Qem. was prior to the publication of his own 
work, and that it originated in another church than that of Rome. 

When we try to test the conclusions that have emerged again and 
again in our discussion of special pieces of internal evidence, viz. that 
our homily belongs to Alexandria and to the period c. 120 — 140, the 
result is altogether favourable, so far as the scanty evidence goes. Its 
affinities with Barnabas are manifest; and as we have seen, its funda- 
mental conceptions have marked points of contact with the Eucharistie 
prayers of the Didache, * The same is true of the earliest pseudo-Petrine 
writings, the Preaching and Apocalypse of Peter, both traceable to 
Alexandria and possibly to c. 125. 



Comparc also XIII, 4, XVI, 4 with Did. I, 3. 5; XVII, 3 t with Did. XVI, if. 



r 



VernoD Bartlet, The ongin and date of 2 Clement 



133 



The resemblances to the former are not on\y in sliglit turns of 
phrase, like öcitjuc Kai tiKavuic (5. 6, cL 6. 9 IpT« Ix^vnc öcia Kai bficata; 
Kerj'gma Petri, 5, ed. Preuschen» SciuJC Kai bmalwc pav6dvovT€c), but 
also in marked concepHons, e, g. ^neic ol ZiüJVTec toTc vexpoTc 6£0Tc 
oö euoiiev (3, i), compared with vtKpd vtKpoic TTpocqp^povxtc üjc OcoTc 
(Kery^g- 3, cf. Did, 6, 2 Xatpeia T<ip ^cn Gtüjv vtKpuiv), and the descrip- 
tion of the Jews as oi bOKouvtec Ix^iv 0e6v (2, 3) and as ^6voi oio- 
^jtcvoi TÖv Ö€6v fivdüCKeiV ouK ^TTiCTöVTai (Keryg. 4). In the case of the 
Peter Apocalypse we have such affinltie^ as are furnished by references 
to the Day of Judgment as involving the meUing of *ccrtain of the 
heavens' (i6» 3, cf, Frag. ap. Macarius Magnes, Preuschen, p. 52), and 
to the penalties of the unfaithful in contrast to the well-being of the 
rfghteous (17, 3 — 5, cf. Akhmim Frag, generally). Observe too tl\e naive 
reltgious way in which both refer to the action of God and of Christ 
as synomymous. In the Apocalypse we find 'the Lord' saying, *And 
then shall God come to my faithful ones , * - and shall judge the sons 
of lawlessness^ C^d init); while in 2 Clem. 12, 1 we read that *we 
know not the day of the Epiphany of God\ Thus we feel ourselves 
in the same rather special atmosphere in all three works; and it is 
that of Alexandria, to which the two Petrine works almost certainly 
belong; nor should we overlook the fact that Peter appears as the 
spokesman in the apocryphal Gospel cited in 2 Cleni* J, 3. 

Finally to yet another witness we may turn for further proof that 
the Christology of our homilist is Eastern in its affinities. In the Acfa PtiuH 
(ed. Schmidt, p. j% fin.) tlie incarnation ts explaincd by tlie words Hvcu^aioc 
älfiou ^EaTroctaX^VTOC 4k toO oupavou dirö toü Tratpöc £ic aöiriv (sc. Marj*^), 
^va 1X9 r| tic toötov töv Kocfiov kuI 4Xeu9€pübcr| Tracotv tiiv cdpKa bi« T>ic 
capKoc aijTOu , , . tbc Kai autöc ^auTÖv tuttov fm'iv dnibeiEev* Indeed 
we may say generally, that early Roman Christology was realist, cm- 
pirical, a püsteriari in attitude> Start ing from the Christ of history; 
while that of the Greek East was idealistic, speculative, a priori, start- 
ing from a Divine being belonging to the supreme spiritual order 
(irveO^a), who by appearing on carth in Judaea revealed the Unknown 
Father and brought incorruption to man, eise in bondage to his 
sensuoiis corruptible nature (cdpl). Of the latter type Akxandria was 
the head-quarters, as it had been of philosophic Jewish Hellenism, which 
had so much to do with preparing the soU for Gentile ChristianitJ^ 
He nee, as we have shown that 2 Clem> is a typical pro du et of this 
Eastem type of Christology and its related religious philosophy, it is 



134 Vernon Bartlet, The origin and date of 2 Clement 

most natural to look for its original home in Alexandria, at a date 
c. I30±. 

Against this conclusion no valid internal evidence* seems to exist. 
But as hitherto the extemal evidence has been supposed to point 
strongly to Corinth or Rome, we must try to show that this too favours 
Alexandria at least as well as either of those cities. To begin with, all 
the external evidence, both MSS and testimonia, is Eastern or directly 
dependent on Eastern witness. Rufinus and Jerome simply echo Euse- 
bius* language as to its non-acceptance, in such a way as to add to 
the force of the fact that it does not seem ever to have been trans- 
lated into Latin. Next we observe that its earliest favourable witness 
is an Alexandrine Biblical MS in which it appears along with i Clem. 
as an appendix to the New Testament. Further, although the other 
and much later Greek MS (to which, along with the Syriac version 
appended to the New Testament in what purports to be the Harclean 
recension, we owe our knowledge of the entire homily) is the famous 
Jerusalem codex in which the Didache come to light, and therefore does 
not itself belong to Alexandria; yet it is quite likely that its archetype 
for the two Clementine 'Epistles' (as well as Bamabas, which here 
precedes them, and perhaps the Didache too) was of Alexandrine 
origin. That is, the centre of diffusion in the East for 2 Clem., if not 
for I Clem. also,* was probably Alexandria: and in any case it was 
there^ that it had the highest, i. e. quasi-canonical honour. This does 
not seem to favour Lightfoot's view that Alexandria was only the 
second home of both Clementine *EpistIes'. For assuming with him 
that the homily was originally delivered in Corinth, considerable time 
would elapse before its true nature and origin were forgotten and it 
became assigned to Clement as a second epistle of his, and that too 
in the face of its own internal evidence. Yet it was only as an epistle 



X Lightfoot, it is trae, laid much, indeed undue stress upon the phrase c{c ToOc 
q>OapToOc dturvac KaranX^ouciv in 7, i, as though there were only one place, viz. 
Corinth, where such a rcference wonid be fally appropriate. He seems to forgct that 
in the second Century A. D. there were important games at a city like Alexandria« 

3 According to Zahn (Grundriß der G. N. T. K., p. 23) its use spread *probably 
first to Alexandria, later to the Syrians', which seems equally true of both writings. 

3 So Zahn, loc. cU, •Wahrscheinlich bezieht sich auf diese Briefe, was von kirch- 
licher Reception zweier Clemensbriefe bei den Kopten überliefert ist (Assemani Bibl. 
or. m, 14)*. See lightfoot, Clement^ I, 3 72 ff. for the Coptic form of the 85th Aposto- 
lical Canon, in both the Bohairic and Sahidic versions, as agreeing with the local 
estimate of both epistles implied in Cod. Alex.; so also with the Arabic versions of 
this canon. 



Vernon Bartlet, The origin and date of 2 Clement. 135 

that it could be attributed to Clement of Rome : as long as its character 
as a homily was kept in mind, the thought of his authorship could not 
arise at Corinth. So it could not reach Alexandria in its false character 
at a date consistent with its establishing itself there in a quasi-ca- 
nonical position. The only satisfactoiy hypothesis, on this score also, 
is that it became attached to i Oement, already in honour in the 
Alexandrine Church, soon after its own delivery c. I30±; and thus 
the confusion arose in Alexandria, its own home, in the course say of 
the third Century. First it became regarded as another writing (homily) 
of Qement's, and subsequently per incuriam (on the part of a copyist) 
as a second epistle of his. 

Not only do extemal and internal evidence, as cited above, support 
the theory here set forth. Constant study of the homily viewed in this 
light will be found to confirm it in a hundred little details. This at 
least is the present writer's experience since the time when, nearly a 
year ago, he embodied it in a paper read before the Oxford 'Society 
of Historical Theology'; and he now desires to submit it to like testing 
by Fachmänner in the wider circles to which this Journal appeals. 



LAbgMchlotsen am 13. Biai 1906.] 



136 G. Krüger, Zu Justin. 



Zu Justin. 

Von G. Krüger in Gießen. 

I. Zur ofvoc-övoc-Frage in Apologie und Dialog. 

In seiner Abhandlung über ,JBrod und Wasser: Die eucharistischen 
Elemente bei Justin" (Texte und Untersuchungen VII, 2, Leipzig 1891) 
hat Harnack es für erwiesen genommen, daß sowohl Apol. 54 wie DiaL 69 
das von Otto (p. 146, 16 und 248, 3) in den Text aufgenommene övov 
gegenüber dem überlieferten oivov gehalten werden müsse. Auch Zahn 
(Brot und Wein im Abendmahl der alten Kirche, Erlangen und Leipzig 
1892, S. II) spricht von der „überlieferten, anerkannt falschen Lesart 
olvov". Jülicher (Zur Greschichte der Abendmahlsfeier in der ältesten 
Kirche, in den Theol. Abhandlungen für Weizsäcker, Freib. 1892, S. 220> 
gibt Harnack unbedingt zu, daß oivov die Korrektur eines Abschreibers 
darstelle, und Funk (Die Abendmahlselemente bei Justin, in den Kirchen- 
gesch. Abhandlungen i, Paderborn 1897, 282) ist gleichfalls der Meinung, 
daß an beiden Stellen durch einen Späteren der „Wein" in die Darlegung 
Justins hineingetragen sei. Einen Beweis haben alle diese Gelehrten 
nicht beigebracht. Tatsächlich liest man bei Otto (ApoL 54 n. 15) nur: 
„AB et omnes edd. oivov. Solus Sylburgius (eiusque pedissequus Mo- 
rellus) exhibuit övov. Quam lectionem Grab. Thirlb. Asht. Galland. 
Braun, maxime probant, quod mox sequatur Kai tö toO tiuiXgu övo^a 
Kttl övou TTuiXov Kol tTTTTOU aijiafveiv löuvaxo". Dial. 69 hat aber auch 
Sylburg das oivov im Text belassen, trotzdem hier övov am Rande 
vermerkt ist und die Herausgeber es mit Ausnahme von Maranus ge- 
billigt haben. Otto nahm im Hinblick auf ApoL 54 övov folgerichtig 
in seinen Text auf. 

Schon Veil (Justinus des Philosophen und Märtyrers Rechtfertigung 
des Christentums, Straßburg 1894) hat in einer Anmerkung zu Kap. 54 
die Lesart övov zurückgewiesen. Wirklich dürfte das, was Zahn „an- 
erkannt falsch" nennt, das allein berechtigte sein. Was die Dialogstelle 



anbetrifft, so beweist eigentlich schon Ottos Übersetzung von ,,xal 5vov 
iv TOic ^lucTfiptoic aÖTOu TTapatpIpwciv'* mit „et asinum in eius mysteria 
inducuöt", wie hilflos man der Eintragung gegenübersteht. Einen er- 
träglichen Sinn dürfte man aber dem ßvoc in dieser Verbindung über- 
haupt nicht abgewinnen können. Interessanter und wichtiger ist die 
Stelle der Apologie- Bei oft wiederholter Durcharbeitung dieser Stelle 
ist es mir immer klarer geworden, daß der Wunsch, oivov durch 8vov 
ersetzt zu sehen, lediglich auf einem Mißverständnis der justinischen 
Bewetsfuhning beruht 

Justin will in Kap. 54 den Beweis erbringen, daß die |uu0OTTOir|ölvTa 
fiitö tujV iroinxdjv auf Antrieb der Dämonen entstanden sind Diese 
haben die Weissagungen der Propheten nicht richtig verstanden und 
„düc HXavtu^evoi i^l^^cavT0 tö nepi töv /|pdT€pov xpiCTÖV*. Zum Beweis 
wird Gen 49, 10, 11 in einer gegen den überlieferten Text verkür2ten 
Fassung so angeführt: „OÖK fKXeiif/€t , , , dTTÖKCixar Kotl aÖTÖc fctai 
TTpoc&oKla lOvojv, becpeüiuv Tipöc ajiirtXov t6v ttiSXov autou [fehlt: Kai 
Tfl IXiKi TÖV TTiIiXov THc övou aOioö], ttXuvujv irjv ctoXt\v auTOÖ iv aipan 
ciaqjuXnc". Im Folgenden wird die nachäffende Erfüllung dieser Weis* 
sagung auf zwei Mythen verteilt, einmal auf den vom Dionysos^ sodann 
auf den von Bellerophon: jener wird als Erfinder des WcinstockeSt 
dieser als — kurz gesagt — Pegasusreiter herangezogen. Wer Justins 
Beweisführung unbefangen auf sich wirken läßt, kann m. E, gar nicht 
darauf verfallen, daß in dem von Dionysos handelnden Satze vom 5voc 
hätte die Rede sein sollen: .joutujv ouv xtiuv TipocpnTiKUJV X6tu>v dKou- 
cavTtc oi baf^ov€C Aidvucov |jilv E^acav yi^ovivai vlbv tou öcou, tupe- 
TT^v hk T€V£CÖai d/iTT^Xou 7rapc&ujKav Kai oivov iv xok fiuCTiipioic aÜTOö 
dvaTpd<poua , . « *'• Als Erlautenmg für die äpireXoc und das at^a cia- 
9uX?ic des Genesistextes vortrefflich* Und ebenso richtig und treffend 
wird der Bellerophon -Mythus zur Erklärung des ttüjXoc herangezogen. 

Man könnte den Spieß beinahe umdrehen und behaupten: wäre an 
unserer Stelle övov überliefert, man möchte den Verdacht hegen, es 

Lhabe ursprünglich otvov dagestanden. Erst dann würde man, zur Ver- 
teidigung einer überlieferten Lesart, darauf hinweisen können, daß ja 
auch der Esel dem Dionysos heilig war, wie Hamack jetzt zur Ab- 
weisung des überlieferten olvoc tut- man würde sich aber sofort den 
Einwand zuziehen, daß eine derartige Verwendung des Esels in den 
Mysterien, wie sie unsere Stelle und mehr noch Dial. 69 voraussetzen 
würde, doch kaum erweislich ist* 
1 Honiftck schreibt [B^ 12S Anm. ij: ^^Der Esel war bekanntlich auch dem Bacchus 
I 



138 G. Krüger, Zu Justin. 



Auf die Entscheidung der Frage, ob Justin und mit ihm die rö- 
mische Gemeinde Wein oder Wasser als Abendmahlsgetränke benutzt 
haben, hat die vorstehende Erörterung keinen unmittelbaren Einfluß. 
Immerhin ist es doch von Bedeutung, wenn sich einwandsfrei feststellen 
läßt, daß der Wein in Apol. 54 und Dial. 69 nicht „eingeschmuggelt" 
(Hamack 131) ist. Es schwächt die Schmugglerposition auch für die 
berühmten Stellen in Apol. 6$ — 6y. Bezüglich dieser Stellen bin ich 
der Meinung, daß der oivoc (Otto p. 180, 4 imd 186, 6) so gut zu 
Recht besteht wie das Kpdtjia (p. 178, 6). Die römische Gemeinde 
stellte neben das Brot ein TiOTripiov Kpd^aroc oder oTvou (was ganz das 
Gleiche sagt, denn oivoc ist Mischwein) und daneben ein iroTripiov 
ööttTOC fiir die „Schwachen", die Wein zu trinken auch bei der heiligen 
Handlung Anstoß nahmen. Freilich ein Beweis dafür, daß das TroTripiov, 
der Becher, nicht aber die Art des darin enthaltenen Trankes die 
Hauptsache war, worauf auch alle anderen Anzeichen, z. B. die Aus- 
deutung von Jes 33, 16 in Dial. 70 und die Heranziehung des heiligen 
Brauches der Mithrasmysterien (ApoL 66 s. f.), hindeuten. Dieses Er- 
gebnis verdeutlicht zu haben, indem er die Untersuchung gerade auf 
das unbeachtete &&u)p lenkte, bleibt Hamacks Verdienst. 

2. Justin der Verfasser des Dialogs mit Trypho? 

Justins Beweisführung in Kap. 54 legt noch eine andere' Frage 
nahe. Wir sahen soeben, daß er die Genesisstelle ohne das überlieferte 
Ktti T^ fXiKi TÖv ttujXov tt^c övou auTOÖ anführt. Schon daß er auch in 
Kap. 32 (Otto p. 96, 7) bei übrigens völlig gleichlautendem Zitat die Worte 
wegläßt, läßt vermuten, daß er sie nicht gelesen, mindestens nicht gegen- 
wärtig hat In Kap. 54 ist aber zudem die ganze Beweisführung auf das 
Fehlen der Worte aufgebaut Es scheinen* nur zwei Fälle denkbar. 
Entweder: Justin hat die Worte, absichtlich weggelassen, um seinen 
Pegasusreiter anbringen zu können; denn wenn er das Wort vollständig 
zitierte, so mußte seine Beweisführung anders ausfallen. Aber dagegen 
spricht nicht nur, daß man ihm ein bewußtes Weglassen nicht zutrauen 
möchte, sondern auch die Leichtigkeit, mit der der gewandte Apologet 
trotz des övoc den Pegasus hätte verteidigen können, wenn er gewollt 
hätte. Oder: er hat die Worte nicht in seinem Texte gehabt. Dafür 



heilig*'. Nur nebenbei sei daranf hingewiesen, dal^ hier, wie so oft das „bekanntlich** 
nicht am Platze sein dürfte. Vgl. auch Zahn S. ii, Z. 7 v. u. 

> Ich sage absichtlich „scheinen", weil meist bei solchen kriüschen Erwägungen 
bald der dritte Fall hinzugefunden wird 



G. Krüger, Zu Justin. 139 



spricht einmal ihr Fehlen in Kap. 32, sodann aber die Beweisführung 
in 54. Zweifel erregt mir nur der Umstand, daß J. überhaupt auf den 
övoc verfiel. 

Dieser Zweifel begleitet den Vorsichtigen auch, wenn er das Problem 
weiter verfolgt. Hat nämlich Justin die Worte Kai t^ fXiKi ktX. nicht 
gelesen, als er die Apologie schrieb, so ist es doch mindestens auffallend, 
daß er sie wenige Jahre später bei der den gleichen Gegenstand be- 
handelnden Erörterung in Dial. 69 ohne jedes Schwanken benutzt hat. 
Bei solcher Sachlage wird es erlaubt sein, daran zu erinnern, daß schon 
Sam. Gottl. Lange in seiner „Ausführlichen Geschichte der Dogmen 
oder der Glaubenslehren der christlichen Kirche" (Leipzig 1796) die 
Vermutung aufgestellt hat, daß Justin nicht der Verfasser des Dialogs 
sein möchte. Lange war von der Richtigkeit dieser Vermutung so 
durchdrungen, daß er ohne Weiteres, auch in der Überschrift des Ab- 
schnittes, von dem „unbekannten Verfasser des Dialogus cum Tryphone" 
redete. Seine Beweisgründe sind teils kindlich teils falsch,* und es bleibt 
von alledem sehr wenig . im Leser haften. Immerlün bohrt der Zweifel 
weiter, und die von uns mitgeteilte Beobachtung ist geeignet, ihn zu 
verstärken. Ich kann ihm zur Zeit nicht weiter nachgehen, glaube aber 
darauf aufmerksam machen zu sollen, daß die Frage eine Untersuchung 
lohnen würde. Zur Vergleichung der Schriftzitate bietet Ottos Index 
vollständiges Material. Vielleicht nimmt ein Anderer das Examen auf. 
Besteht Justin es mit Ehren, um so besser. 



X Die Worte Tryphos (Otto p. 4, 2): cTjii bi 'Eßpatoc ^k iTcpiT0^f|c ktX. auf den 
Verfasser za beziehen und diesen daraufhin sn einem früheren Juden zu machen, war 
1796 gerade so unzulässig wie heute. 



[Abgeschiotten am 26. April 1906.] 



140 E. Schott, Die Aussendungsrede Mt 10. Mc 6. Lc 9. 10. 



Die Aussendungsrede Mt lo. Mc 6. Lc g. lo. 

Von B. Schott in Böblingen. 

L 

Die Aussendungsrede Mt lO zerfällt wie alle die großen Matthäus- 
reden in 3 Teile. Der Inhalt der 3 Stücke ist folgender: 

1. 10,5 — 15 enthält nach der geschichtlichen Einleitung Sa die 
eigentliche Anweisung für die Predigtweise, für die Mission. Nach 
einigen Sätzen über die allgemeine Aufgabe bei derselben (5—8) wird 
die Ausrüstung besprochen, welche die Missionare mit sich führen sollen, 
ein Zug, der allen drei Evangelisten gemeinsam ist (Mc 6, 7 — 9. Lc 9, 3). 
Sodann werden ganz bestimmte Vorschriften über das Auftreten ge- 
geben, wobei nie vergessen ist, daß den Missionaren die Aufnahme ver- 
weigert wird (Mt 10, 14. Mc 6, 1 1. Lc 9, 5). Der erste Teil schließt dann 
mit einem prophetischen Wort über die Verantwortung der Stadt, welche 
die Boten nicht aufnimmt, während Mc und Lc an Stelle derselben die 
historische Notiz über Ausführung und Erfolg des Befohlenen geben, 
worauf jetzt schon als beachtenswerten Umstand hingewiesen werden 
soll. Alles in allem ergibt sich, daß bei mancher Verschiedenheit im 
einzelnen doch dieser erste Teil der Rede bei allen drei Synoptikern in 
harmonischer Gestaltung sich findet, daß er überall mit einer geschicht- 
lichen Einleitung versehen ist, also auch als geschichtliche Erinnerung 
angesehen sein will, daß aber Mc und Lc durch die geschichtliche 
Schlußanfugung hierin noch weitergehen als Mt. 

2. ic^ 16 — 23. Nicht so der 2. Teil der Mtrede. Er enthält eine 
bewegteSchilderung der den Jüngern bevorstehenden Verfolgungen, sowie 
die Verheißung, daß es ihnen nie am rechten Worte fehlen werde. 10, 16 
gestaltet sich als anknüpfende Einleitung, die das Thema für das fol- 
gende aufstellte, 22b stellt sich, auch wenn wir nichts von Mt 13, 9 — 13 
wüßten, als Schluß heraus und 23 erweist sich als Nachtrag, der durch 
die aufs bestimmteste festgehaltene Beziehung auf die ursprüngliche 



jüdische Mission den 2. Teil der Rede vom 3. aufs schärfste scheidet, 
in dem diese Beschränkung nicht mehr festgehalten ist. 

Es fragt sich aber, ob dieses Stück nicht ursprünglich eine andere 
Stelle in der Überlieferung gehabt hat, Mc und Lc setzen es bekannt- 
lich als 2, Abschnitt des i. Teils in die eschatologische Rede (Mc 13, 
9 — 13. Lc 21, 12—19), dessen Stelle bei Mt durch eine prophetische 
Schilderung der Trübsale der Gemeinde vor den eigentlichen Wehen 
des Endes ausgefüllt ist So fehlen denn dem Stück bei Mc und Lc 
alle die Züge, welche auf eine ursprünglich andere Bestimmung der- 
selben hinweisen konnten 1 weder am Anfang noch am Sclüuß findet 
sich irgend eine Hinweisung auf die Mission. Es ergibt sich aber 
hieraus wohl, daß es in der Überlieferung überhaupt keine feste Stelle 
hatte, und sich allmählich seinen PlaU nach dem Gesetze der Wahl- 
verwandtschaft suchte. Es ist ein prophetisches Stück, das m großen 
Zügen das Los der Christen schildert, während Mt 24, 9 — 14 ganx be- 
stimmt das Los der jerusalemischen Gemeinde im Auge hat 

Trotzdem also zugegeben werden muß, daß das Stück ursprüng- 
lich ohne feste Stelle war, ist ihm doch von Anfang an die Beziehung 
auf die Mission eigen gewesen. Ohne diese Annahme wäre nicht zu 
begreifen, warum Mt das in die Aussendungsrede eingefügt hat 17b 
enthält zudem deutliche Anspielungen auf Fredigtweisen der Jünger in 
jüdischem Gebiete, wobei sie den jüdischen und römischen Gerichten 
verfallen konnten, Mc aber hat die dem Stücke innewohnende Be- 
ziehung zur Mission dadurch bestätigt, daß er aus Mt 24, 14 die Worte 
hierher gesetzt hat: Kai de iravia xa €Övif| irpuiiov hu KiqpuxÖiivm to 
€uatT£^tov, während Lc sich mit größerer Treue an seine Vorlage an- 
geschlossen hat 

3. Mt hängt dem 2* Teil der Rede noch ^mG^n 3. an, der den 
Charakter eines aus kleinen Abschnitten bestehenden Nachtrags trägt: 
iO> 24 — 42- Mt stellt damit allein; Mc hat ihn nicht, bei Lc begegnen 
wir einigen Worten aus demselben an andern Orten und in andern Zu- 
sammenhängen gelegentlich wieder. Das einleitende Wort z. B, über 
das Verhältnis der Schüler zum Meister hat Lc in die Bergrede auf- 
genommen und mit parabolischen Sprüchen über die Aufgabe der Jünger 
zusammengestellt, 6, 40- 

Die Ermahnung, sich vor den Menschen nicht zu fürchten und vom 
Bekenntnis abhalten zu lassen 10, 16 — 33, findet sich Lc 12, 2 — 9* Das 
Stück hat also in der Überlieferung festes Gefüge gehabt, es ist aber 
von Lc mit einigen sinngemäß angereihten Zusätzen versehen: it — 12 



142 E. Schott, Die Aussendungsrede Mt lo. Mc 6. Lc 9. 10. 

daß es den Jüngern nicht am Worte mangeln werde -= Mt 10, igf. 
Dazwischen ist 12, 10 ein Wort über die Verleugnung gestellt, das, weil 
den Sinn des Vorhergehenden abschwächend, nicht hierher gehört. 

Die Verse 34 — 36 sind von Lc zum Schluß des Redestückes c. 12 
gebracht (51 — 53) und auch wieder durch Zusatz (49 f.) vermehrt Es 
ist gewiß nicht zufallig, daß was in der Fassung des Mt zusammen- 
gehört, auch von Lc zusammengehalten ist, wie auch die anderweitige 
Verwendung Änderungen mit sich bringt, die Verse haben also wohl 
von Anfang an eine Einheit gebildet 

Dagegen läßt sich bei den folgenden, 37 — 39, annehmen, daß sie 
anfanglich nicht mit dabei gewesen sind. Sie erscheinen wie eine 
nähere Ausführung der Worte Mt 16, 24 — 26. Was dort aber ein Stück 
geschichtlicher Erinnerung ist, entbehrt hier der tieferen Motivierung. 

Den wirkungsvollen Schluß zum Ganzen bilden 40 — ^42, dem Schlüsse 
der Bergpredigt nicht unähnlich. Vergleicht man damit Lc 10, 16 und 
Mc 9, 41, so gewinnt man den Eindruck, daß schon formell angesehen 
Vers 41 der spätere Ausbau des ursprünglich einfachen Gedankens ist, 
und materiell wird sich dieses Urteil weiter bestätigen. 

Die vorstehende Skizzierung der Behandlung, welche die Aus- 
sendungsrede bei den einzelnen Synoptikern gefunden hat, ergibt, daß sie 
in der Anordnung und Gestaltung der evangelischen Texte mit bemerkens- 
werter Freiheit zu Werke gegangen sind, wo ihre Vorlagen eine solche 
gestatteten. Dies ist aber nur teilweise der Fall; mithin sind dieselben 
schon vor der durch die Synoptiker ihnen gewordenen Bearbeitung mit 
einem Teile ihres Bestandes in Gefiige und Zusammenhang gebracht 
gewesen, während ein andrer Teil diese erst durch sie erhalten hat 
Lassen sich nun bestimmte Gresichtspunkte aufzeigen, nach denen sie 
bei Anordnung und Gestaltung des Textes verfahren sind, und welches 
sind dieselben? Es läßt sich von vornherein sagen, daß solche ihnen 
von zwei Seiten aus sich an die Hand gaben: einmal ist es die Rücksicht 
auf den Leserkreis gewesen, fiir den sie schreiben, und sodann kommt 
der aus derselben sich herleitende Zweck in Betracht, der sie bei der 
Sammlung der Reden und Erzählungsstücke geleitet hat Erstere erklärt 
vornehmlich die Änderung und Weglassung einzelner Redewendungen, 
letzterer die Abweichungen in Anordnung und Verbindung. 

IL 

I. Versuchen wir daher zunächst den Zweck zu bestimmen, den 
Mt mit seiner großen Rede verfolgt 



w 



E. Schotti Die Aussen dimgsrede Mt la Mc 6. Lc 9. 10. 



H3 



Wir erinnern uns hier zuerst daraOi daß Mt am Schlüsse der Rede 
keine historische Notiz über die Aussendung der Zwölfe und etwaige 
Erfahrungen derselben bei dieser ersten Mission bringt, wie Mc und Lc. 
An sich ein unbedeutender Umstand, denn Mt erwähnt ja am Eingang 
schon die Tatsache der Aussendung: 10, S ciTrecTtiXe. Aber es geht 
doch daraus her\ror, daß dem SchriftsteÜer etwas anderes im Vorder- 
grunde steht, als geschichtliche Ereignisse zu erzählen. 

Viel mehr fällt der Umstand ins Gewicht, daß Mt die Auswahl und 
Namen der Zwölfe hier erst berichtetj richtiger gesagt nachholt. Eine 
geschichtliche Erinnerung hat Mt mit dieser kurzen geschichtlichen Ein- 
leitung sicher nicht reproduziert, und wenn er das nicht getan hat, so 
hat er es offenbar auch nicht tun wollen. Die Absicht, die er mit dem 
Ganzen der Aussendungsrede verfolgt, tritt im 3. Teil derselben mit 
genügender Deutlichkeit zutage. Die Zusammenstellung einer Reihe 
unter sich fast zusammenhangsloser und mit der Idee des Ganzen nicht 
in gleich engem Zusammenhang stehender Sprüche laßt sich nur be- 
greifen, wenn wir in ihr die Absicht wirksam sehen, die Uberiieferung 
von Worten Jesu für die Berufstätigkeit der Jünger auszuschöpfen. Mit 
andern Worten: Mt wiU eine umfassende Belehrung über die Aufgabe 
und die Schicksale der Jünger bei ihrer Missionsarbeit geben und hat 
zu diesem Zwecke die gesamte ihm vorliegende Überlieferung hier auf- 
geführt. Er ist mithin ebenso frei vorgegangen wie Mc und Lc, Seine 
großen Reden sind nicht als geschichtliche Niederschläge aufzufassen, 
sondern sie wollen dem lebendigen Bedürfnisse nach Belehrung aus dem 
Munde des Herrn selbst genügen, 

2. Wenn man von Mt herkommt, kann man von vornherein geneigt 
sein, die Relationen bei Mc und Lc als die älteren und geschichtlich 
treueren Darstellungen des Sachverhalts anzusehen, Sie haben beide 
ein kurzes geschlossenes Stück, geschichtlich orientiert, eine kurze An- 
weisung Jesu an seine Jünger, in der man nichts finden kann, das in 
diesem Augenblicke zu diesen Jüngern nicht hätte gesprochen werden 
können. Den Schluß bildet die Notiz, daß die Jünger dem erhaltenen 
Befehle gemali auszogen und die ihnen gewordene Vollmacht ausgeübt 
haben (Mc 6, 12 f. Lc 9, 6). Und Lc kommt 9. 10 darauf zurück, indem 
er auch die Rückkehr der Junger wieder erzählt 

Deutlicher als Wer kann der Unterschied zwischen dem ersten und 
den beiden andern EvangeHsten nicht zutage treten. Wo Mc und 
Lc mit einer geschichtlichen Notiz schließen, schließt Mt mit einem pro- 
phetischen Worte, das den Verächtern mit dem Los Sodoms droht 



144 E. Schott, Die Aussendungsrede Mt lo. Mc 6. Lc 9. 10. 

iO, 15. Er -erzählt nicht wie jene; die gebotene Rede wird ihm unter 
der Hand lebendig; was Jesus an seine Jünger geredet hat, redet er zu 
seinen Lesern, lebendig, persönlich, nicht in der Form geschichtlicher 
Erinnerung. Hat man hieraus nicht den Schluß zu ziehen, daß Mc und 
Lc reiner überliefert haben, also den geschilderten Tatsachen näher 
standen als Mt, der die Überlieferung durch Zutaten erweitert hat? In 
Wahrheit liegen aber die Dinge gerade umgekehrt. Mt schreibt für 
eine 2^it, in welcher man die überlieferten Worte Jesu in reichlichster 
Weise fiir das eigene Bedürfnis verwertete; man ist noch ganz und aus- 
schließlich an das Wort des Meisters gebunden, aus ihm schöpft man 
Ermahnung und Stärkung. Die Gemeinde hat noch nicht begonnen, 
selbst produktiv tätig zu sein. Die Aufzeichnung der Hermworte hat 
den Zweck, die Lehren und Grundsätze des Meisters in lebendiger 
Weise für das eigene Leben verwendbar zu machen. Die Mission hat 
noch keine oder doch nicht viel eigene Erfahrung hinter sich, welche 
sie leiten könnte. Mt schreibt also für die Zeit der ältesten jüdischen 
Mission. Mc und Lc stehen femer. Sie zeigen bei diesem Stoffe nicht 
mehr und nicht weniger Interesse als bei jedem andern, sie referieren 
über die Tatsache der Aussendung der Zwölf, sie wollen ein Stück aus 
der Geschichte Jesu bieten, während Mt Belehrung über den Missions- 
beruf der Jünger gibt. Mc und Lc sind die Historiker, Mt ist hinsicht- 
lich seines Zweckes vorwiegend praktisch orientiert. 

Doch bedarf dieses Urteil über die beiden ersten auch wieder in 
etwas der Einschränkung; denn auch bei ihnen ist der spätere Stand- 
punkt, den sie einnehmen, durchscheinend. Mc kennt jene Bestimmungen 
Jesu nicht mehr, welche die Mission auf Israel einschränken (Mt 10, 6. 23), 
während Mt sie in keiner Weise (auch 10, 18 nicht) über die Grenzen 
dieses Volkes hinausgehen läßt. Lc wiederum zeigt sich als Pragma- 
tiker, der im Ausdrucke glättet, wo es ihm nötig erscheint So ersetzt 
er das bei Mt und Mc sich findende Gavarujcouciv auTOuc durch eS u^wv 
(Mt 10, 21. Mc 13, 12. Lc 21, 16) und höchst bezeichnend ist die kom- 
mentierende Explikation des Gedankens: UTio^eivac €ic TeXoc cuiGncexai 
(Mt 10, 22 b) durch Lc 21, 19: ev nj uiio^ovq u^wv KtricacGe xac ipuxac 
vjxiDy. Das durch die veränderte Zeitlage schwer verständliche Wort 
erhält eine derselben entsprechendere Fassung. 

3. Eingehende Erwägung bedarf in diesem Zusammenhange die 
Tatsache, daß Lc von zwei Aussendungen in c. 9 und 10 berichtet. Die 
gewöhnlich zur Erklärung für ausreichend gehaltene Annahme einer 
Dublette ist bei näherem Zusehen nicht haltbar. In c 9 sind es 12, 

ao. 5. Z906. 



hier 70 Jünger, die ausgesandt werden. Die Anweisungen fiir die Reise» 
ausrüstung sind in c. lO andere, zum niindesten ausführlichere, und was j 
bedeutsam ist, das Wort vom Schicksal Sodoms (Mt lO, 15) ist hier^ 
eingereiht 10, 12 und mit 10, 16 ist dem Ganzen ein Schluß gegeben, 
der sich wie eine Nachbildung des Schlusses von Mt 10 ausnimmt 

Ein Vergleich von Lc 9, i — 6 und 10, 1—16 ergibt folgendes: Der 
Eingang der Aussendungsrede in c, 10 ist detaillierter als Lc 9. Da 
finden wir das Wort, das auch bei Mt die Aussendung motiviert und 
einleitet, von der Ernte und dem Arbeitermangel, ebenso das von den 
Schafen und WölfcHp das bei Mt die Überschnft für den 2* Teil der 
Rede bildet. Die Anweisung über die Reiseausrüstung ist beidemal 
gegeben, doch zeigt sich dabei eine kleine Difierenz. Lc 9 ist ver- 
boten, irgend etwas auf den Weg mitzunehmen, Stab, Tasche, Brot, 
Geld, zweiten Anzug, Dies in Übereinstimmung mit Mt 10, wo aul^erdem 
noch Schuhe verboten sind, und mit Mc 6, wo jedoch ein Stock ge- 
stattet und in Parenthese Sandalen befohlen sind.* Lc lO aber setzt 
fest: kein Beutel, keine Tasche, keine Schuhe, kein Grüßen auf dem 
Wege; vom Stock und dem 2, Anzug ist nicht mehr die Rede« So 
geringfügig die Differenz zu sein scheint, so schwierig ist ihre Er- 
klärung, Die Erlaubnis des Stockes und 2. Anzuges scheint auf größere^ 
Ausdehnung des Arbeitsfeldes hinzuweisen, die vorgesetzten Verbotet 
jedoch nicht Es wird aber hier wohl im Auge behalten werden 
müssen, daß Lc nach seiner eigenen Aussage am Anfange des Evan- 
geliums nach literarischen Vorlagen gearbeitet hat, die er in historischer 
Treue, wo immer möglich, beizubehalten bemüht war; abweichende Be- 
dürfnisse der Gegenwart bringen ihn nur dazu, die Vorlage unverändert 
neben die Variation zu stellen. 

Zu weitergehenden Schlüssen ermächtigt nun aber ein Vergleich 
der Anweisungen über die eigentliche Missionsarbeit Kap. 9 bietet in 
dieser Hinsicht nichts bemerkenswertes* es geht namenthch in keiner 
Weise über den Rahmen gedrängter geschichtlicher Erinnerung hinaus. 
Kap. 10 ist dabei umfangreicher, einzig steht in ihm 7 da: tv auiri 6e tt] 
oiiciqi |i£V£T£, £c6ovT€C Kai nivovTtc Tö nap* auTUJV a£ioc jap cptotTfic 



^^ ) Die Anweistuig kann nnprün glich nur dahin geUutet tiabtn, daJS Stock and 

^M Sftndaleti verbotet slod« Die AnDahm^i daL lie Emfangs gestattet, später verboten 

H wurden, ist unmöglich. Die Erlaubnis in Mc 6 aas schlechter Überlieferung tu erklären, 

^m ist naiv. Am besten wird den Tatsachen die Annahme gerecht, daü Jesus genaue Ao- 

^B weitmigeD über diese Dinge überhaupt nicht gegeben bat, sondern nur ganz allgemeine, 

^B während da« Detail deraelben durch das spätere Herkommen bestimmt wurde. 



146 £. Schott, Die Aussendungsrede Mt 10. Mc 6. Lc 9. 10. 

Tou jitcGou auTOU. Und im nächsten Vers kehrt derselbe Befehl wieder: 
€cGi€T€ xa 7rapaTi0€|ui€Va v\x\v. Von selbst tritt dieser Stelle das Pau- 
linische gegenüber: irav To TrapanGcjuievov ccGiexe in i Cor 10, 27. Lc 
kann sich hier nur in Abhängigkeit von Paulus befinden; ein solches 
Gebot ist im Munde Jesu undenkbar, wie die Geschichte der ältesten 
Gemeinde unwiderleglich beweist. Es kann ihm nichts anderes dabei 
vorschweben als eine Anweisung für die Berührung mit heidnischen 
Häusern zu geben. So ist es auch nicht mehr die erste Mission, die 
ihm vor Augen steht. Die Ausgesandten sind erepoi (10, i) und ihre 
Zahl übersteigt die der anfänglichen 12 Boten beträchtlich; sie be- 
schränken sich auch nicht mehr auf jüdische Landsmänner, die Scheu 
vor der Berührung mit den Heiden ist überwunden. Man ist damit 
jedenfalls in die Zeit gewiesen, welche die Gal 2 geschilderte Antiochener 
Episode charakterisiert, wenn man nicht vollends in die 2^it nach den 
großen Kämpfen des Apostels herabgehen will. 

Des weiteren aber ergibt die Betrachtung von Lc 10, daß der Ver- 
fasser diese Rede nach einem bestimmten Schema gestaltet hat. Lc 
10, 2 — 12 entspricht im Aufbau genau Mt 10, 5— 15. Den 2. Teil der 
Mtrede zieht Lc wie Mc in die eschatologische Rede c. 21; daß er nun 
aber dafür in den Versen 13 — 15 Ersatz schafft, ist Beweis, daß ihm 
das Schema einer Vorlage vorliegt; ebenso weist darauf der Schluß 
in 16 hin, der an Mt 10, 4off. auffallend erinnert und bei dem zu be- 
achten ist, daß er hier wie bei den 8 Makarismen die Auflösung in ein 
Doppelwort vornimmt, daß er dann, obwohl er auf eine spätere Phase 
der Mission Bezug nimmt, das Wehe über die galiläischen Städte hat 
stehen lassen, erklärt sich wieder nur aus dem Doppelcharakter des 
Evangelisten: Treue gegen die Vorlage neben möglichster Berück- 
sichtigung der Bedürfnisse der Gegenwart. Diese Behandlung haben 
die Reden Jesu aber sicher nicht erst durch Lc erfahren, sondern schon 
in der 2^it der mündlichen Überlieferung. Es ist etwas von der Sitte 
der christlichen Gemeindeversammlungen, das uns hier entgegentritt: 
ein Wort Jesu als geschichtliche Erinnerung fixiert, findet Verwendung 
und Anwendimg auf spätere Verhältnisse. Solange dieselben sich nicht 
wesentlich von denen zur Zeit Jesu unterscheiden, findet jene fast un- 
merkliche Variation der Herraworte statt, bei der Grundstock und Zutat 
sich fast nicht unterscheiden lassen; es ist lediglich in der Schnelligkeit 
der Entwicklung neuer Verhältnisse begründet, wenn das ursprüngliche 
Wort Jesu ohne Zutaten als reine geschichtliche Erinnerung aufbewahrt 
blieb. Es liegt in der Natur der Sache, daß Gemeinden auf fremdem 



E. Schott, Die Aussendungsredc Mt lo. Mc ö. Lc 9. la 



H7 



K un 



Boden, also heidenchristliche, sich zu solcher unparteiischen Aufbewahrung 
von Sprüchen besser eigneten, als judenchiistliche, die der Kampf um 
das eigene Recht immer wieder ^wang, die Worte des Meisters in direkte 
Beziehung auf ihre Lage und Verhältnisse zu bringen (cf, die ebjonitischen 
Stücke im Lc). 

Fassen wir kurz zusammen: 

I- Lc 9 ist geschichtliche Erinnerung, an der Form schon als 
solche zu erkennen, Lc 10 eine Anweisung für die Mission wie Mt 10. 

2. Als Zweck der Diremtion kann nicht gefunden werden: Rück* 
tragung der späteren geschichtlichen Entwicklung in das Leben Jesu 
selbst; sondern Lc will in ausgebreiteterer Weise als Mt dem Doppel- 
zweck gerecht werden, den jeder Evangelist verfolgt, wenngleich der 
eine mehr die geschichtliche, der andere die praktische Seite hat her* 
vortreten lassen. 

3- Lc 10 ist nach dem Schema von Mt 10 gearbeitet 

ra. 

Es ist schon oben erwähnt worden, daß der 2. Teil der Aus- 
sendungsrede bei Mc und Lc in die eschatologische Rede eingestellt 
worden ist* Mt 24, g— 15 ist ursprünglicher Bestandteil der kleinen Apo- 
kalypse. Beide Abschnitte, 10, 16 — 2$ und 24,9 — 15 sind eng mitein* 
ander verwandt, ja man kann sagen^ aus einer Wurzel erwachsen. Es 
ist beidemal eine Schilderung des Schicksals, das die Jünger zu erwarten 
haben, Mt 24, 9 — 1 5 zeigt sich indessen auf den ersten Blick viel feiner 
detailliert als lO, 16 — 23 j es ist eine aus lebendiger Erfahrung heraus 
entworfene, in prophetischem Tone gehaltene Schilderung des Zustandes 
der Christengemeinde, wohl der jerusalemischen^ indes 10, 16- — 23 jedes 
Eingehen auf eine bestimmt erkennbare geschichtliche Lage vermeidet* 
So legt sich die Vermutung nahe, daß 10, }6 — 23 älter ist als 24, 9 — 15, 
die wir sogar dahin weiterführen können, im letzteren Abschnitt die 
von späterer Erfahrung diktierte Ausführung des älteren prophetischen 
Stuckes zu sehen* 

Das höhere Alter von 10, 16 — 23 beweisen folgende Züge: 
In 24,9 — 15 ist schon von innerer Zerrissenheit der Gemeinde, Ge- 
fährdung ihrer Einheit und ihres Glaubensstandes die Rede; Mt 10 weiß 
davon noch nichts. Hier ist als Schauplatz der Geschichte der Ge- 
meinde das jüdische Land angenommen, Ortsgericht, Synagoge und 
römische Beamte bilden die gerichtlichen Instanzen; dort ist der älteste 
und engste Schauplatz verlassen, die Heiden als solche sind die Feinde 



10* 



148 E. Schott, Die Aussendungsrede Mt 10. Mc 6. Lc 9. 10. 

der Gemeinde. Man vergleiche 24, 9b mit 10, 22a, wo tujv eGviwv fehlt. 
Wenn es 10, 22 b heiüt: u7T0|üicivac €ic reXoc outoc ciwGriceTai, so ist 
dieses Wort in 24, 13 genau wiederzufinden; aber der Nachtrag 14 
betont noch geflissentlich, daß das Ende nicht kommen könne, ehe die 
begonnene Heidenmission zu Ende gefiihrt sei. Und das ist der ent- 
scheidende Punkt: während 10, 23 die Vollendung der jüdischen Mission 
noch nicht ins Auge zu fassen gewagt wird, erweitert 24, 14 die Hoff- 
nung dahin, daß vor dem Ende noch der Erdkreis mit dem Evangelium 
erfüllt werden müsse. 

Vergleicht man die beiden Texte näher, so gewinnt man ein höchst 
lehrreiches Resultat. Es sind denselben einige Ausdrücke wörtlich gemein. 
10, 17: Trapaöuicouav T^p ujuac 24, 9: TOie Trapaftuicouav ujiac eic 

eXiijiiv 
10, 22a: xai ececOe nicouncvoi 24,9b: Tu)v eGvujv b\a to ovojuia juiou 
UTTO navTuiv bia to ovo|üia 

|iOU 

10, 22b: be imojuicivac eic reXoc 24, 13: gleichlautend. 

OUTOC cujOncetai 
10, 21: Ttapabujcct abcXqpoc abeX- 24, lo: xai aXXriXouc Trapabwcouav. 
<pov. 

In den angeführten Versen haben wir das Gerippe des Abschnittes. 
Um diesen Kern her ist beiderseits eine Füllung gelegt, die sich als die 
von der jeweiligen Erfahrung diktierte Ausführung der Grundgedanken 
charakterisieren läßt. 

Hier lüftet sich der Schleier etwas, der über den Entstehungsver- 
hältnissen unserer Synoptiker liegt. Wir finden i) eine Anzahl kurzer, 
prägnant gefaßter prophetischer Sprüche, welche wie festes Grestein in 
der noch nicht zur Konsolidation gekommenen Masse der Überlieferung 
liegen; 2} eine sinngemäße Ausführung derselben, sprachlich schon 
von ihnen geschieden, inhaltlich Erweiterungen, wie sie die Erfahnmg 
darbot. 

So blicken wir von hier aus auf zwei Epochen der Über- 
lieferung. Die erste ist die, welche die erste Gattung von 
Herrnworten gefaßt und verbunden hat; die zweite hat sie 
mit weiteren Ausführungen versehen und in größere Zu- 
sammenhänge gestellt Sie werden dabei wie Themen zu 
Lehrvorträgen behandelt. Die 3. Stufe wäre dann die, welche 
die so entstandenen größeren Redestücke in den geschicht- 
lichen Zusammenhang gestellt hat (die Evangelienbildung). 



E. Schott, Die Aussen duDgsrcde Mt lo, Mc 6> Lc 9. lo. 



149 



Wir hätten also vor der Bildung unserer Evangelienliteratur 
zwei Stufen zu unterscheiden: 1} Die Fixierung und Sammlung 
der Herrnworte; ursprünglich mündlich zu denken, bald auch 
schriftlich aufgenommen, 2) Die Zusammenstellung derselben 
nach der inneren Verwandtschaft, wobei erläuternde Zusätze 
angefügt, wohl auch kurze geschichtliche Einleitungen bei- 
gegeben wurden. 

Demnach hat die literarische Tätigkeit bei den Redestücken be- 
gonnen, und sich nur um kurze Einleitungen zu denselben bemüht. Ob 
daneben von Anfang an auch eine entsprechende Sammlung und Ver- 
arbeitung der Taten Jesu, sowie seines Lebensganges herging, oder ob 
die Tätigkeit der Gemeinde an diesem Teil erst später eingesetzt hat, 
kann nicht wohl entschieden werden. 




rv. 

Die Aufgabe dieser Skizze schließt noch eine kurze Untersuchung 
über die Aussendung der ersten Jünger durch Jesus zu der von den 
Evangelisten angenommenen Zeit ein. 

1. In der Relation des Mt ist im ganzen die geschichtliche Er- 
innerung stark verblichen, wie schon die beiden Züge beweisen, daß die 
Namen resp. die Erwählung der Zwölfe nachgetragen wird, die Rück- 
kehr der Ausgesandten aber mit keinem Worte erwähnt Durch die 
ganze Rede hindurch sind femer Merkmale späterer Anschauungen zer- 
streut Ja das Schicksal Jesu erscheint 10» 24 schon als abgeschlossenj 
der Kreuzesweg 10, 38 als vollendet; die Verse 26/27 spiegeln schon 
die erste Entwickelung der Missionsgeschichte, und die Schlußworte 
nehmen auf die Hauptämter der Gemeinde Bezug, Wie bleibt da die 
Möglichkeit, eine bestimmte geschichtliche Erinnerung in diesem Stück 
anzunehmen? 

2. Bei Mc ist vor allem der Zusammenhang, in dem das Stück er- 
scheint, im Auge zu behalten. Es bildet den Kopf eines Abschnittes, 
der von 6^ 7 — 56 geht und aus 6 Stücken besteht. Er teilt sich deut- 
lich in zwei Hälften; die erste beginnt mit der Aussendungsrede, bringt 
sodann das Urteil des Herodes über Jesus, an das die Geschichte der 
Enthauptung des Täufers angehängt wird, und schließt mit der Er- 
wähnung der Rückkehr der Zwölfe, die zu einer Schilderung der um- 
fassenden Arbeits Wirksamkeit Jesu erweitert wird, 6, 30 — 33. 

Der 2. Teil beginnt mit dem Speisungswunder, reiht daran den 



150 E. Schott, Die Aussendungsrede Mt 10. Mc 6'. Lc 9. 10. 

Wandel auf dem See und schließt ebenso mit einem Ausblick auf die 
großartige Wirksamkeit Jesu in der Gegend Genesaret. 

Der gemeinsame Gedanke des ganzen Stückes ist der der Er« 
Weiterung der Mission Jesu: Land, Stadt, Königshof sind voll von ihm. 
Der erste Teil handelt von der Aufgabe der Jünger, ihrer Ausrüstung, 
ihren Gefahren in der Nachfolge ihres Herrn, der zweite stellt als Gegenbild 
dessen mächtige Durchhilfe heraus. Die beiden Wundergeschichten 
verwandeln sich unter der Hand in Allegorien, die sich diesem Zweck 
unterordnen. Das Ganze hat somit nicht den Charakter einer erschöpfen- 
den Beschreibung der erweiterten Tätigkeit Jesu, sondern wendet sich 
an die Jünger, hält ihnen Aufgabe, Grefahr und Hilfe vor. Was bei Mt 
durch die große Aussendungsrede geschieht, das leistet Mc durch diese 
kurzen, um sie herum gruppierten Erzählungen. Und es kann das wohl 
als eine Bestätigung dafür angesehen werden, daß dem Stücke von An- 
fang an ein lehrhafter Charakter beigelegt wurde. 

Mehr noch als Mc macht Lc diesen Eindruck, der in c. 10 deutlich 
auf die Bedürfnisse späterer Zeiten Bezug nimmt. 

So läßt sich wohl zusammenfassend sagen, daß das Stück ursprüng- 
lich als Spruchstück verfaßt war, und die Notiz von der Jüngeraus- 
sendung erst nachträglich bei seiner Einreihung in die Überlieferung 
angefügt wurde. 

Einige pragmatische Erwägungen bestätigen endlich unser Urteil 
über die Aussendung. Es ist schon wiederholt mit Recht hervor- 
gehoben worden, daß sich an die erste Aussendung eine zweite nicht an- 
schließt, spätere Versuche sogar mißlingen. Entscheidend aber ist die 
Erwägung, daß Jesus seine Jünger nicht wohl ausgesandt haben kann, 
ehe sie zum Glauben an seine Messianität gekommen waren, was vor 
dem Petrusbekenntnis bei Caesarea Mt 16, 13 ff. nicht der Fall war. 



[Abgeschlossen am la. Mai 1906.] 



Ivan Franko, Beitr. aus dem Kirchenslavischen zu den neutest. Apokr. 151 



Beiträge aus dem Kirchenslavischen zu den 
neutestamentlichen Apokr3q)hen. 

Von Dr. Ivan Franko in Lemberg. 
III. Revelatio sancti StephanL 

I. 

Wie bekannt, wird in dem Decretum Gelasianum unter den neu- 
testamentlichen Apokryphen, in unmittelbarem Anschluß an die „Reve- 
latio sancti Pauli apostoli" eine sonst nicht näher bekannte apokryphische 
Schrift „Revelatio sancti Stephani*' erwähnt Herr P. v. Winterfeld hat 
nun in dieser Zeitschrift (Bd. III, 358) darauf hingewiesen, daß es sich 
bei dieser zweiten Revelatio möglicherweise um keine Apokalypse, ähnlich 
der bekannten Paulus-Apokalypse handelt, sondern daß hier die nicht 
weniger bekannte „Epistola Luciani ad omnem ecclesiam de revelatione 
corporis Stephani mart3ms primi et aliorum" gemeint sein könne und 
eine „Apokalypse" des Stephanus niemals existiert hätte. Ich denke, 
daß der weiter mitzuteilende, in kirchenslavischen Übersetzungen vor- 
handene Text uns möglich macht, der Lösung dieser Frage etwas näher 
zu treten, und es sei mir darum erlaubt, zuerst die Anfangskapitel jener 
Lucianischen Epistel etwas näher zu betrachten. 

Seit dem J. 415 ist in Westeuropa 'ein Schreiben des jerusalemi- 
tischen Priesters Lucianus über die von ihm bewerkstelligte Auffindung 
der Reliquien des heil. Stephanus Protomartyr, des Nicodemus, Gamaliels 
und dessen Sohnes Abibus in Caphargamala nahe bei Jerusalem be- 
kannt Vermittler dieser Bekanntschaft war Avitus, ein spanischer, da- 
mals in Jerusalem weilender Priester, welcher, mit jenem Lucianus per- 
sönlich bekannt, denselben bewogen haben soll, die Geschichte jener 
wunderbaren Reliquienauffindung niederzuschreiben, seine Schrift sodann 
aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzte und zusammen mit 



152 Ivan Franko, Beitr. aus dem Kirchenslavischen zu den neutest. Apokr. 

einigen Reliquienpartikeln des Stephanus durch die Hände des Orosius 
nach Spanien schickte.* 

Nun gibt es von diesem lateinischen Texte der Lucianischen Epistel 
zwei Rezensionen, die sich nicht nur stilistisch, sondern vielfach auch 
sachlich, wenn auch nur in untergeordneten Details voneinander unter- 
scheiden. Das griechische Original der Epistel war aber unbekannt, 
bis es vor kurzem von dem bekannten Gräcisten Papadopulos-Kerameus 
in einem Cod. Sabaiticus der Jerusalemer Patriarchenbibliothek auf- 
gefunden und im fünften Bande seiner 'AvdXcKTa rflc lepocoXu^iTiKfic 
craxuoXoTtac (Petersburg 1898, S. 28 — 53) herausgegeben wurde. ^ Jetzt 
erst sind wir in den Stand gesetzt, uns vom Original sowie von der 
Übersetzung des Avitus ein richtiges Urteil zu bilden. Da aber das 
ganze, an sich ziemlich unbedeutende Werkchen für unser Thema gleich- 
gültig ist, so wollen wir nur die 3 Anfangskapitel des lateinischen, resp. 
Kap. I— IV des griechischen Textes näher betrachten, und dabei be- 
sonders jene Stellen hervorheben, welche den Kreis der neutestament- 
Uchen Apokiyphen berühren, d. h. von den im N. T. erwähnten Personen, 
von ihrem Leben oder Tode Dinge sagen, welche in den kanonischen 
Schriften nicht vorkonmien. 

Der lateinische Text (beider Rezensionen) enthält in KLap. i ein 
kurzes Exordium, worauf in Kap. II die Erzählung anhebt. Lucianus 
schläft am 3. Dezember des J. 415 in loco sancto bapisterii, wo er ge- 
wöhnlich als Wächter des Kirchenschatzes schlief; da erscheint ihm im 
Traume ein ehrwürdiger, graubärtiger Mann in Priesterkleidung, mit ge- 
sticktem Kreuzeszeichen auf der weißen Stola und mit einer goldenen 
Gerte in der Hand. Er berührt ihn mit der Gerte, ruft ihn dreimal 
beim Namen und heißt ihn zum jerusalemitischen Bischof Johannes gehen 
und demselben die Weisung bringen, er möge sobald als möglich den 
Redner und seine Genossen aus der bisherigen Vernachlässigung herauf- 
holen imd ihnen ein würdiges Denkmal errichten. Ihre Reliquien werden 
der ganzen, von schrecklichen Unglücksfällen heimgesuchten Welt zum 
Segen und Tröste gereichen. (Kap, III): Lucianus fragt: „Wer bist du, 
Herr, und wer sind deine Genossen?" Worauf er antwortet: ,J[ch bin 
Gamaliel, welcher Paul, den Apostel Christi, erzog und das Gesetz lehrte 



X Siehe den Brief des Avitus, dem Texte der Lttcianischen Epistel vorgedrackt, in 
Augustini Opera, ed. Benedict XVII, 2191, vgL Migne, Patrol. lat. XLI, 805—808. 

> Für den Hinweis auf diese Publikation und die gjaügt Mitteilung des betreffen- 
den Buches spreche ich hier dem Hochw. P. Hippolyt Delehaye in Brüssel meinen herz- 
lichen Dank aus. 



k 



Iv an Franko, Beitr, aus dem Kkchenslavischen zu den nemest. Äpokr. 153 

in Jerusalem, Und neben mir im östlichen Teile des Grabes liegt mein 
Herr Stephanus, welcher gesteinigt wurde von den Juden und den Äl- j 
testen der Priesterschaft in Jerusalem für Christum außerhalb des öst-- 
liehen Tores, welches nach Cedar führt; dort lag er Tag und Nacht 
hingestreckt, da ihm auf Befehl der gottvergessenen Fürsten kein Be- 
gräbnis gegönnt wurde, damit sein Körper von den Tieren gefressen 
werde. Doch durch Grottes Willen berührte ihn keines, weder ein Tier, 
noch ein Vogel, noch ein Hund. Ich, Gamaliel, Mitleid fühlend mit dem 
Diener des Christus, und verlangend, Lohn und Anteil mit dem heiligen 
Manne im Glauben zu empfangen, schickte in der Nacht einige an- 
dächtige und an Christum glaubende, in Jerusalem inmitten der Juden 
wohnende [Männer], und ermahnte sie, und gab ihnen die nötigen Hilfs- 
mittel, und bcwog sie, insgeheim zu gehen und seinen Körper auf meinem 
Wagen in mein Landgut Caphargamala, 20 Stadien von der Stadt ent- 
fernt, zu führen, und ließ ihn hier 40 Tage lang beweinen, und hieü ihn 
in meinem Grabmal in der östlichen Nische (theca) bestatten, und hieß 
ihnen alles geben, was notwendig war zu seiner Beweinung. Der andere 
aber, welcher in der anderen Nische beigesetzt ist, ist Herr Nicodemus» 
welcher zum Heiland Jesu in der Nacht gekommen war und das Evan- 
gelium von ihm hörte und herauskommend von Christi Jüngern getauft 
wurde. Und als dies die Juden erfuhren, setzten sie ihn von seinem 
Amt ab und verfluchten ihn und vertrieben ihn aus der Stadt. Auch 
diesen habe ich, Gamalieli da er eine Verfolgung für Cliristum erlitten 
hatte, in meinem Landgut aufgenommen, gab ihm Nahrung und Kleidung 
bis an sein Lebensende, und nach dem Tode begrub ich ihn ehrenvoll 
neben dem Herrn Stephanus. Ahnlich auch Abibus, mein liebster Sohn^J 
welcher mit mir die Taufe Christi empfing von seinen Jungem, und, 
nachdem er 20 Jahre gelebt hatte, vor mir starb und begraben wurde 
in der dritten, höheren Nische, wo auch ich nach späterem Tode bei- 
gesetzt worden bin* Meine Frau aber, Ethna mit Namen, und mein 
Erstgeborener, Selemias, weil sie keine Anhänger des Christenglaubens 
sein wollten, wurden in einem anderen Landgute ilu^er Mutter, d. h, 
in Capharsemelia begraben." Das weitere ist fiir uns gleichgültig* 

Die zweite Rezension, im ganzen wortreicher, legt dem Geiste 
Gamaliels folgende Worte über Nicodemus in den Mund: , Jener andere 
aber, welcher mit ihm hegt, ist Nicodemus, mein Neffe, welcher in der 
Nacht zum Heiland zu kommen pflegte, um Worte der Wahrheit zu 
vemelimen und durch das Wasser und den hL Geist wiedergeboren zu 
werden. Nachdem er den Herrn gehört hatte, wurde er von den heiligen 



154 Ivan Franko, Beitr. aus dem Kirchenslavischen zu den neutest. Apokr. 

Aposteln Petrus und Johannes getauft. Wegen dieser Taufe grollten 
dem Nicodemus die Ältesten der Priesterschaft und gedachten ihn tot- 
zuschlagen; doch aus Rücksicht auf meine Würden und seine Ver- 
wandtschaft mit mir taten sie das nicht. Dennoch gaben sie ihm viele 
Schläge, ließen ihn halbtot liegen, verfluchten und vertrieben ihn aus der 
Stadt und konfiszierten (diripientes) alle seine Habe. Ich aber ließ auch 
ihn aufheben und in mein Gut führen, und gab meinem Verwalter die 
Weisung, ihm alles Nötige zu geben. Nachdem er eine kurze Zeit noch 
gelebt hatte, entschlief er im Herrn." 

Diesen drei Anfangskapiteln der lateinischen Epistel entsprechen vier 
Kapitel des griechischen Textes, und zwar so, daß Kap. I des Griechen 
im lateinischen Texte keine Parallele hat. Hier wird nämlich in Kürze 
das Martyrium des hl. Stephanus nach den Acta Ap. erzählt, und an das dort 
über den Tod des Märtyrers Gesagte noch eine ziemlich unklare und 
mit dem Nachfolgenden im Widerspruch stehende Notiz hinzugefügt, daß 
„einige gläubige Männer herbeikamen, xai dTTOiricav t^wccökohov ircpceivöv, 
legten ihn unter einen Hügel (4k TrXaTtac toö ßouvoö), schrieben seinen 
Titel mit syrischen Lettern ,Chilief, erhoben ein großes Wehklagen 
nach ihm und kehrten, ihre Brüste schlagend, nach Jerusalem zurück". 

Kap. II des griechischen Textes ist eine Dublette zum Kap. IV 
desselben und Kap. III des lateinischen Textes. Was dort Gamaliel 
dem Lucian im Traume von sich erzählt, wird hier in der dritten Person 
von Gamaliel erzählt Nur wird hier gesagt, daß in der Nacht nach 
Stephanus Tode Gamaliel sich zu den Aposteln begibt (TrpocTTecibv toic 
dTTOCTÖXcic iv Tui Kaipiu iKeivuj) und dieselben zu bewegen sucht mit 
ihm hinauszugehen und den Körper des Märtyrers bestatten zu helfen. 
Im Kap. IV aber finden wir keine Spur einer solchen Unterredung Ga- 
maliels mit den Aposteln, sondern es wird gesagt, er hätte dfvöpac 
€ÖXa߀Tc Kai Tncroüc f\br\ cöv iiioi T€T0v6Tac tv XpiCTip hingeschickt und 
die Leiche in seinem Gute Caphargamala bestatten lassen. Davon, daß 
die Leiche bereits in einem Sarge geborgen war, wie im Kap. I gesagt 
wurde, finden wir weder in Kap. II noch in Kap. IV eine Spur. Die 
Episode vom Nicodemus wird im griechischen Texte beidemal so er- 
zählt, wie in der lat. Rezension B. : Nicodemus ist Gamaliels Nefie, wird 
von Petrus und Johannes getauft, von den Juden verflucht, beraubt, ver- 
trieben und halbtot geschlagen (dXX' dva0Ti|iaTfcavT€c auröv Kai irdvia 
Td ÖTrdpxovTa auToO dpirdcaviec eJc övona toö vaoO, rf\c iröXeujc ^Siüpi- 
cav aÖTÖv, Kai TiXtiTaTc ou taic luxoücaic aiKicavTCC if||ii9avfl KateXiTTOv 
aÖTÖv). 



w 



Ivan Franko, Beitr, aus dem Kirchenslavbchcn zu den neutest. Apokn 155 



Visio qua« appamit mea« pu- 
iiUitati ä Deö tcr, de revelatione 
reliquiarum beati «t gloriosi pro- 
tomartyris Stephani et primi dU- 
com Qirtsti, et Nie ödem i qui in 
erangelio scriptus est» et Ganaa- 
licliK qui in Actibus Apostolorum 
nominatur, necessariüm duiä pan- 
dere vestrae in Christo Dikctjomi, 
imploratufi ac map 5 jussus 3 siuiGto 
et Dei cültore patre ÄYito pre- 
sbytero, ut secundum Hdem coii' 
snmniatain inteirogantt quasi filuis 
patri obaudiens, sicut cognovi, cum 
omni simpHcitate impiger integre 
indic&rem omnem vcritatem. 




Kap* III des griechischen Textes bietet gewisseraiaüen eine Pa- 
rallele zu Kap. I des lateinischen, allein mit einer sehr charakterislischen 
Umformung, welche auf die Schriftstellerei des Avitus ein eigentümliches 1 
Licht zu werfen scheint Ich lasse hier diese beiden kurzen Texte 
parallel fniteinander folgern 

*0 hi dta6öc küI qnXdvepuJTToc fleöc In ^Qk- 
Xov öt^üjcai pouXdfjtvoc tö K^pac toD XpiCTOÜ 
atjToO, TouT^CTtv t6 icVipuTMa toö €6aTfcXtot>5 
EÜbÖKTicev hiä tS^C ipLf[Z dviKavörriroc In^ Icxä- 
Tujv TiDv T^jiepujv ditoxaXOvpai toOc äyCouc aüroO 
boiLfXouc, X^Tuu hfl Tov juaKdpiov KQi IvboEov 
Itdqpavov t6v iTpuiTobidxovov ical irpuiTOjudTvpo 
Kfll aijT6tTTr|V tf^c oöpavüjv ^actXeiat, In b^ küI 
NiKdbri^Aov TÖv ^v Totc E(;airreXiotc ^wi ätöO^ 
^vfJ^t3 jjötKapiZöiievov, ra^oXiVjX t€ töv iv xaic 
npd^eci T&v "AtrocTÖXujv ^iri AtnÖak cvjJißouXlatc 
€(rxapiCTOÜji€Vov , Kai 'Aßißov töv uldv at»Toö^ 
TÖV ^v Ttl rpaq)Q ^iv oO« ^M^qpepö^evov . ^v hi 
Totc dTpdtpoic ^ifiTd Tibv ^t^ujv cuv(ipie^o(*ji€vov^ 
Ka6ti»c Kai f\ 5T|Xuj8€tca t^ ly^^ dvaEtöniTi 5pacic 
^K Tpkoy lc^^av€V. 

Aus der Vergleichung dieser beiden Texte sehen wir, daü der 
lateinische entweder gar nicht von Avilus herstammen kann, oder aber 
daß Avitus sich einer unerhörten Renommisterei schuldig machte, indem 
er sich selbst einen heiligen Mann nennt und sich einen großen Einfluü 
auf den Lucianus, ja eine Autorität über denselben zuschreibt, wovon 
jener gar nichts weiÜ. Der griechische Text weiß nichts von Avitus 
und hat überhaupt gar nicht die Form einer Epistel, sondern ist in der 
schlichteren Form der Relation eines Augenzeugen gehalten. Ob das 
prahlerische lateinische Exordium wirklich von Avitus, oder von einem 
späteren Bearbeiter der Rezension geschrieben ist, will ich nicht ent- 
scheiden; es ist immerhin möglich, daß die Rezension B, so wie in der 
Episode mit dem Nicodemus, auch hier das Ursprünglichere bietet, indem 
sie dieses Kap, I ganz kurz faßt: ^^Revelationem sancti Stephani, quae 
mihi per gratiam Domini et Salvatoris nostri ostensa est, dignum duxi, 
ut vestrae panderem sanctitati, non jactantia quadam, sed ad confirma- 
tionem audientium*'. Doch scheint mir gegen die größere Ursprünglich- 
keit dieses schlichten Wortlautes der Umstand zu sprechen, daß an den 
griechischen Text des Kap, III hier fast nichts mehr erinnert- 

Dieser Zwiespalt der lateinischen Textgestalt scheint von vorn- 
herein den Gedanken auszuschließen, daß wir im Lateinischen die ur- 
sprüngliche, originelle Form des Lucianischen Werkchens » im Griechi- 



156 Ivan Franko, Beitr. aus dem Kirchenslavischen zu den neutest Apokr. 

sehen aber eine spätere Bearbeitung haben, was nach der Beschaffenheit 
der Handschrift, aus welcher Herr Papadopulos-Kerameus seinen Text 
veröffentlicht hat, immerhin möglich wäre. Eben das Kap. III des grie- 
chischen Textes scheint ursprünglicher und authentischer zu sein, als 
beide lateinischen Exordien und dürfte als ein integrierender Teil des 
Lucianischen Textes, als richtige Einleitung zur Erzählung seines eigenen 
Anteils an der Wundergeschichte betrachtet werden. Wenn es sich 
wirklich so verhält, so gewinnen wir aus der Betrachtung dieses ICapitels 
sowie aus der Vergleichung des griechischen Textes einige interessante 
Gesichtspunkte für die Greschichte dieser Tradition. 

Erstens ist dieses Kap. III im Griechischen keineswegs der An- 
fang des Werkchens, wie es das ihm analoge Exordium im Lateinischen 
ist; es deutet auf Vorhergehendes, bildet dessen Abschluß und leitet zu 
einem besonderen zweiten Teil über. Der lateinische Bearbeiter hat 
dieses Vorhergehende weggelassen und mußte darum auch das Kap. III 
entsprechend umformen. 

Zweitens bildet das gegenwärtig dem Kap. HI Vorhergehende nur 
eine notdürftige, fragmentarische Lückenfullung: Kap. 11 wurde nämlich 
a posteriori aus Kap. IV präpariert, während das Kap. I aus den Act 
excerpiert, nur am Schluß ein Anhängsel von fremdartigen, mit der 
weiteren Erzählung in Widerspruch stehenden Elementen aufbewahrt 
hat In dieser Form konnte die Erzählung doch nicht aus Lucians 
Feder hervorgeflossen sein. 

Drittens finden wir weiter: im Kap. IV des griechischen Textes, 
wenn wir denselben mit der Rezension B des lateinischen Textes ver- 
gleichen, daß der Lateiner hier Ursprünglicheres zu bieten scheint 
Nachdem er die Erscheinung des Gamaliel geschildert hat, fährt dieser 
Text also fort: Et cum hoc viderem, haesitans intra memet ipsum 
dicebam: „Quis putas est? de Deo est, an ex adversa parte?" Nee 
enim oblitus fueram veri^i Apostoli dicentis: „Nam et ipse satanas trans- 
figurat se in angelum lucis" (11 Cor XI, 14). Cum ergo viderem eum 
deambulantem, cogitare coepi in corde meo et dicere: „Si hie homo 
de Deo est, tertia vice me nomine meo clamabit; quod si me semel 
vocitaverit, non illi dabo responsum''. Es ist höchst zweifelhaft:, daß wir 
es hier mit einer rhetorischen Ausschmückung des lateinischen Über- 
setzers zu tim haben, und doch hat der uns bekannte griechische Text 
von diesem Absatz gar nichts. 

Nach diesen Bemerkungen dürfte es vielleicht nicht zu viel gesagt 
sein, wenn ich behaupte, daß uns keiner der bisher t>ekannten Texte 



die Lücianische Schrift voll und unverdorben aufbewahrt hat, daü die 
lateinische Rez. A dem Original am fernsten, die Rez. B demselben hie 
und da näher steht, als der griechische Text, dali sie beide aber eine 
vollkommene Unterdrückung eines ersten Teiles der Schrift gemeinsam 
haben; auch der griechische Text bietet diesen ersten Teil nicht, ob- 
wolil er ihn durch sein Kap, III postuliert, durch Kap. I und II not- 
dürftig ausfüllt, durch ein Fragment des Kap, I sowie durch den Titel 
„Maptüpiov Tou dtiou irpujTO^dpTupoc rieqpdvou Kai f\ €up€Cic tu*v Xei* 
Hidvujv aÜTOu" dessen Inhalt ahnen läHt Also über das Martyrium des 
Stephanus soOte im ersten Teile der Schrift ausführlich berichtet werden, 
und der gegenwärtige Schluß des Kap, I beweist, daß es auch in einer 
von den kanonischen Act abweichenden Art geschah. 

Wir können in unserer Betrachtung noch einen Schritt weiter gehen* 
Wenn Herr P. v, Winterfeld die Frage aufwirft, ob wohl diese Lucia- 
nische Schrift, die wir aus beiden lateinischen sowie aus der griechischen 
Rezension kennen, nicht jene von Gelasius auf den Index gesetzte Re- 
velatio sancti Stephani ist, — so müssen wir mit der Frage antworten: ■ 
was in aller Welt sollte den oder die Verfasser des Gelasianum bewogen 
haben, diese sowohl dogmatisch als auch ethisch gam inoffensive, vom 
heiligen Augustinus oft benutzte, in der gewöhnlichen Schablone der in 
jener Zeit so beliebten Mirakelgeschichten gehaltene Schrift auf den 
Index zu setzen? Ich denke, daß man eine ausreichende Antwort auf 
diese Frage schwerlich finden wird Nein, die im Gelasianum vermerkte 
Revelatio sancti Stephani dürfte doch mit der Lucianischen Schrift in 
ihrer jetzigen Gestalt nicht identisch sein! 

Etwas anderes wäre es, wenn wir den logisch erschlossenen ersten 
Teil der Schrift, die vom kanonischen Text abweichende Geschichte 
vom Martyrium Stephani besäßen, — da wäre es vielleicht möglich, auf alle 
vorher aufgeworfenen Fragen ausreichend zu antworten. Ich glaube nun 
diesen von späteren Bearbeitern sorgsam getilgten Teil der Lucianischen 
Revelatio in Hrchenslavischer Übersetzung gefunden zu haben, und zwar 
in zwei Lemberger Handschriften südrü ssischer Provenienz, beide an der 
Grenzscheide des XVL und XVII. Jahrh. geschrieben. Es sind eigent- 
lich ebenfalls zwei Rezensionen sui generis, die ich beide in dem im J. 
1902 erschienenen dritten Bande meiner Sammlung der in südrussischen 
(ukrainisch -ruthenischen) Handschriften vorkommenden Apokr>^phen 
(Monumenta linguae nee non litterarum ukraino-russicarum) veröflfentlicht 
habe. Ich nannte diese beiden Texte Rezensionen sui generis, weil 
der Grundtext in beiden bis auf geringe sprachliche Abweichungen fast 




158 Ivan Franko, Beitr. aus dem Kirchenslavischen zu den neutest Apokr. 

identisch ist und sie sich nur durch eine Anzahl größerer oder kleinerer 
Stellen unterscheiden, welche in einer Rezension vorhanden, in der an- 
deren aber systematisch getilgt worden sind. Da ich mir anfanglich 
über den Charakter dieser Kürzungen nicht klar war und den kürzeren 
Text auch für den ursprünglichen hielt, so druckte ich denselben voll- 
ständig ab (Monumenta III, 28 — 33) und fügte sodann die Paralipomena 
der anderen Handschrift besonders hinzu (S. 256—258). Ich gebe nun 
hier beide Rezensionen in einem Texte vereinigt in wortgetreuer Über- 
setzung wieder; es genügt, das in der ersten Handschrift (sie gehörte 
einst dem Basilianerkloster Zamostj und darum signiere ich sie kurz 
ZsLxn.) Getilgte und in der zweiten, in Lemberg geschriebenen (Lemb.) 
Enthaltene in eckige Klammem zu setzen; die Zusammenstellung dieser 
Tilgungen wird uns auch die leitende Absicht derselben erkennen 
lassen. 

n. 

Im Monat Dezember am 24. Tage. Das Martyrium des 
heiligen großen Protomartyr Stephanus. Gott Vater segne. 

Des guten Andenkens Würdiges, Geliebteste, bemühte ich mich für 
die Kirche Christi das unter uns verbrachte Leben, weiter das Gebet für 
die Welt und Ertragung der Marter und den Kranz der Vollkommenheit 
und das Siegesgeschenk des hohen Berufes des heiligen Märtyrers 
Stephanus aufzuschreiben. 

Es war in jener Zeit nach der körperlichen Ankunft unseres Herrn 
Jesu Christi und nach seinem Kreuzesleiden und nach dem Tode und 
auch nach der Auferstehung und nach der Himmelfahrt und der Rück- 
kehr zum Vater. Als zwei Jahre vorübergegangen waren, war ein großer 
Streit unter den Juden und Griechen wegen Jesu des Nazareners, wie 
er geboren wurde und wie er im Körper lebte und gekreuzigt wurde 
und starb und als der Erste von den Toten auferstand. Die einen 
[von den Juden und Sadducäem und Pharisäern und Griechen] sprachen, 
ein Prophet wäre erschienen; [die anderen sprachen: Nein, er verführte 
das Volk]; die anderen wieder sprachen. Jener sei ein Grottessohn ge- 
wesen. Und es war ein großes Geschrei im Volk, denn es hatten sich 
viele griechisch gelehrte Männer versammelt, viele Weisen von Äthio- 
pien, aus der Thebais und aus Alexandrien, aus Jerusalem und aus 
Asien, auch von Mauretanien und von Babylon; und von der ersten 
bis zur vierten Stunde dauerte das Geschrei, gleichsam wie ein großer 
Donner. Da stand Stephanus auf einem erhöhten Orte, ein gelehrter 



r 



Ivaü FrapkQ. Beitr, aus dem Kirchenslavischeo^ den neutesL Apokr. 15g 

und weiser Mann, geehrt von allen Leuten» aus dem Geschlecht Abra- 
hams, aus dem Stamme Benjamins, und nachdem er mit der Hand ge- 
winkt hatte, sprach er mit großer Stimme: ,3rüder alte und junge, 
höret mich nun. Wozu erhebt ihr ein so großes Geschrei, daÜ ganz 
Jerusalem zusammengelaufen ist? Selig aber ist jener Mann, der nicht 
zvt'eifelte' an Christum Jesum, den Sohn des lebendigen Gottes, Denn 
dieser ist es, der durch die Klugheit der Menschenliebe herabkam vom 
Himmel wegen unserer Sünden, und wegen menschlicher Roheit hinein- 
kam in den Scholl einer reinen Jungfrau, welche seit der Wette rschaiTung 
dazu gewählt worden war. Als Adam, der Vater der ganzen Welt, 
sein Weib benannte und sprach: ^Diese wird genannt werden Mutter 
dt^s Lebens\ so wurde in Wahrheit jenes Mädchen ,Leben* genannt, 
welches auch der Schrift gemäß gebar Und Christus wurde ein Mensch 
ohne Sünde, und wie er als Mensch geboren wurde, erfüllte sich die 
ganze Welt mit Licht Der Feind aber, darauf seine Hoffnung bauend, 
daß er als Kind körperlich geboren werden sollte, verleitete den Herodes 
zu seiner Ermordung, und er mordete 14 Tausend neugeborene Kinden 
Auch das war aus Menschenliebe, damit die reinen Kinder für das Heil 
der Menschen beten. Wie schlecht glaubt ihr an meinen Herrn Jesum 
Christum, welcher unsere Blinden sehend machte und euere Aussätzigen 
heilte und Dämonen vertrieb! Damit er aber auch die erste Versuchung 
verfluche, welche durch den Baum geschah, wählte er den ehrwürdigen 
Baum, wurde Kreuzesträger, und als er liir alle in den Hades kamj 
zermalmte er die Gewalt des Todes reichsbcsitzers, und am dritten Tage 
belebte er alle. Aber wehe den Ungläubigen, wenn er abermals kommt, 
um zu richten die Lebenden und die Toten! Da wird Feuer vor ihm 
gehen und um ihn ein großer Sturm. Da [erscheint] eine ungezählte 
Menge der Engel, und der Feuerwagen bewegt sich und ein Feuer 
der schrecklichen Flamme, und die Engel mit sechs Flügeln flattern 
umher, dem schrecklichen Winde befehlend, und der Oberwind bringt 
Verwirrung, Dann werden die Sterne vom Schrecken bewegt und fallen 
herab wie Blätter, und die Himmelspforten tun sich auf und die Bücher 
ÖiTnen sich, und die 12 Engel, welche jeglicher Seele beigesellt waren, 
werden die Taten der Menschen enthüllen. Dann bewegt sich das 
Meer vom Boden herauf, und welche hineingefallen waren, es gibt sie dem 
Schöpfer zurück. Und die hohen Berge [zerfallen und die Steine an den 
Berggipfeln zerbrechen] und alle Schluchten füllen sich aus, und das 



i Im Text: üc ne sti. ni. dvoje — der nicht «weiieltlg itand. 



l6o Ivan Franko, Beitr. aus dem Kirch ensla vischen zu den neutest. Apokr. 

Antlitz der Erde glättet sich wie ein wellenlos im Gefäß stehendes 
Wasser. Dann stellen sich auf stolze geflügelte Throne, und der Herr 
Gott Allerhalter setzt sich nieder und sein ruhmvoller Sohn Jesus 
Christus und der heilige Geist mit ihnen. Dann spricht der AUerhalter 
zum Jesus, welchen ihr gefangen nahmt und an einem Holze aufhängtet: 
,Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde niederwerfe als 
Fußschemel unter deinen Füßen*." 

Da erhob sich dn großes Geschrei, wie das Gebraus eines großen 
Sturmes, und das Volk rief: ;;Er möge vertilgt werden von der Erde! 
Er möge vertilgt werden, denn er sprach gotteslästerliche Worte!" [Und 
sie e^^fTen den Stephanus und führten ihn vor Pilatus also sprechend: 
„Vertilge ihn!" Da stand Pilatus auf der Treppe und schrie also sagend: 
„Behauptet ihr, daß auch dieser heilige Rechtschaffene, welcher predigt. 
Jener sei ein Gottessohn gewesen. Niemand sei? Vordem wurde ich von 
euch gezwungen g^en seinen allheiligen und makellos reinen Körper, 
und nun, böse Versanmüung, gegen wen hast du dich versammelt? 
gegen Stephanus h^ ihr Wut und Böswilligkeit? Was wütet ihr, was 
knirscht ihr mit den Zähnen? Habt ihr eueren Unverstand noch nicht 
fahren gelassen?" 

Da ergrifkn sie den Stephanus und führten ihn hinaus aus dem 
Tempel] und stellten ihn vom und sprachen untereinander: „Was sollen 
wir mit diesem Menschen tun?" Und es stand auf Kaiphas, der Älteste 
der Priesterschaft, und befahl, den Stephanus mit Stöcken zu schlagen« 
bis Blut den Boden benetzt Der Heilige aber, die Hände zum Hinunel 
hebend, sprach: „Herr, zähle ihnen diese Sünde nicht!" Dann sahen 
wir die Engel Gottes, wie sie dem Stephanus dienten. [Am Morgen 
aber nahm Pilatus und rief herbei seine Frau und seine beiden Kinder 
und sie tauften sich alle und lobten Gott Dann sanmielten sich hier 
Männer bis an die drei Tausend, erfüllt von jeglichem ihrem schliomien 
Gesetz, und disputierten mit dem Stephanus drei Tage und drei Nächte, 
und konnten seinem Verstände und seiner Weisheit nicht widerstehen, 
denn in ihm war der heilige Geist Endlich am vierten Tage] beriefen 
sk eine Ratsversammhmg und schickten einen Boten in die palästinische 
Caesarea zu einem Tarsener namens Saulus, er mc^ bald nach Jeru- 
salem Icommen. Denn dieser hatte die Gewalt empfangen, daß er jeden, 
der Christum bekennt, in Ketten hinschleppe vor die Ältesten der 
Priesterschaft und vor die öffentlichen Schriftausl^er. Sobald dieser 
nun den von den Ältesten der Priesterschaft und vom ganzen Syne- 
drium zugeschickten Brid* sah, ging er unverweOt nach Jerusalem, um 

aa c X90C. 



w 




Ivan Franko, Beitr, aus dem Kirchenslavischen in den neutcst. Apokr, l6l 

dem Stephanus zu verbieten» Und am Morgen setzte er sich auf 
der Treppe und befahl, den Märtyrer Christi vor sich zu stellen und 
sprach ztx ihm: ,Jch wundere mich, daß du, ein Mann von so großer 
und mannigfacher Weisheit, so deinen Verstand verlieren konntest, 
und einen Gekreuzigten für einen Gott ausgibst Doch das ganze 
Synedrium ist noch vom Gesetze nicht abgewichen. Ich aber ging 
sorglos herum in allen umliegenden Städten und Dörfern in Judäa 
und Galiläa und Peräa und in Damaskus und in der Jesititenstadt, 
[um die an den Gekreuzigten Glaubenden aufzusuchen], - Doch nach 
allem, was du mir antwortest, zu urteilen, wurde deine Weisheit von 
dir weggenommen. Darum wundere ich mich auch heute, dall du, 
auf 50 ungewöhnliclien Pfaden wandelnd, mich gezwungen hast, in 
diese Stadt zu kommen* Doch bitte ich deine Klugheit, deine wohl- 
unterrichtete Seele, tue Gutes, bewahre unsere väterlichen Traditionen, 
laß ab, das Volk zu verführen und alle Leute zu verwirren. Was nützt 
es dir, wenn ich, im tiefsten Gefühle empört, zürne und dir Qualen zu- 
fügen wül, einem so berühmten Manne und dazu meinem Blutsver- 
wandten?" 

Da erhob der selige Märtyrer Christi Stephanus seine Hände und 
sprach zu ihm: ,,Schweige, Saulus, du Verfolger der Kirche Christi! 
[Schweige, Saulus, du Mordsknecht, und wüte nicht geg^n die Kirche 
Christi], schände nicht unser Geschlecht, indem du Gott verleugnest! Er- 
kenne den lebendigen Sohn Gottes, das Leben der ganzen Welt Bedenke, 
daß wir einem Schöße entsprungen sind, des berühmten Abraham^ aus 
dem Geschlechte Jakobs, aus dem Stamme Benjamins. Denn ich zweifle 
an meinem Gc schlechte, indem ich jetzt mit dir spreche. Und dabei 
sehe ich voraus, daß es auch dir bestimmt ist, in Bälde denselben Kelch 
zu trinken» Doch was du nun an mir zu tun hast, tue baldj denn ich 
bin bereil^ auf jede beliebige Art zu sterben^ da ich für Christum zu 
sterben gewonnen bin." Da ergrimmte Saul und zerriß sein Kleid, und 
schlug eigenhändig den Stephanus mit Stöcken, Da sprang auf ein 
gewisser Gamaliel, ein Gesetzeslehrer, welcher auch den Saulus gelehrt 
hatte, und gab ihm eine Ohrfeige und sprach: „Solchen Unterricht 
empfingst du denn von mir, Saulus, daß du Solche, welche der Gnade 
würdig sind und in heiliger Weise Christi Nachahmer wurden, quälest? 
Weißt du denn nicht, daß ich von Jenem mein Leben habe? Wisse 
aber^ daß alles von diesem da Gesprochene den Menschen angenehm 
und lieb ist" 

Und noch schlimmer erzürnte Saulus und mit grimmigem Gesichte 

Zeitscbr, t it ii«iit«t. Wiu, JvliTg. VIL 1906. j X 



J 



l62 Ir&n Franko. Ee^. 2u:s den Kircbcss^riäcben rz des amtest. Apucr. 

Sprach er zu Gamal'ri: JLch verzeihe deinem Alter and sdione dich, 
weü bei dir mein Unterricht war; doch wexm du es nochmals wagst, in 
dieser Sache irgend ein Wert vcrziibringes. so bdcDomist du. Rede- 
gewandter, einen deiner Roheit würdigen Lohn*^. 

GamaSd sprach: «Sollte ich Teünehmcr sein an den ^lartem meines 
Christas, so hätte ich nidits Erwünschteres in diesem Leben"^. Da zer- 
rissen auch die Altesten ihre Kleider und streuten Staub in den Wind 
und liefen: ,,Gdcreuzigt soBen sie werden, wekhe gottesiästeriiche Worte 
^ifechen!*' 

Dann sprach Sauhis: -Man sol sie bis morgen bewachen'^. Und 
am anderen Tage sa& er auf den Stufen und befahl, ihn vorzuführen. 
Und sie führten ihn zor Kreuzigung. Und da stand vor ihm ein Eogd 
des Herrn und warf das Holz w^ und Stejdianus wurde seiner Wunden 
fireL Und sie becmlerten eine Anzahl von sieben Männern, und kamen 
herab von den Stufen, und sperrten den Mund des St^hanus auf und 
gössen gescfamcdzenes Blei hinein, und siedendes Pech in seine Ohren. 
Und sie sdiärften Nagel und trieben sie ihm hinein in die Brust und in 
die Waden seiner FüCe. Und der Sdige hob die Hände zum Himmd 
und schrie und sagte: „Herr, vergib ihnen diese Sunde!*' Und ein 
Engel des Herm kam herab vom Himmd und heilte ihn von allen 
diesen Wunden und machte ihn gesund. Damals glaubte eine sAr 
grobe Menge an Christus, und es vermdirte sich die Zahl der Kirche 
Christi durdi den Glauben des Stephanus, denn er war ein Profdiet und 
Lehrer für alle Menschen. 

Am andern Tage hielt die ganze Volksversammlung eine Beratui^ 
ab, und sie führten ihn außerhalb der Stadt, um ihn zu richten. Und 
der heilige Stephanus stand auf einem erhabenen Steine in der Nähe 
des heiligen Berges, erhob seine Stimme und sprach zu ihnen also 
redend: „Wie lange veriiartet Satan euere Herzen, dab ihr nicht erkennt 
das licht der Wahrheit? Das Gesetz und die Propheten predigen den 
Weg des Herm und verkünd^en die körperliche Geburt ChristL Es 
wird ja gesagt im ersten Gesetz, und im zweiten und in übrigen Büchern: 
,Weim das Jahr des Bundes kommt, dann sende ich meinen gdiebten 
Engel, den guten Geist der Sohnschaft, aus einer reinen Magd die 
Frucht der Wahrheit ohne Pflugschar und ohne Samen, und ein Bild 
des Säens, und wachsen wird die Frucht nach dem Gefühle der Pflan- 
zung in Ewigkeit von dem Worte meines Bundes, und Zeichen werden 
[geschehen^. Und Jesaias ruft also sagend: ,Ein Kind ist uns geboren 
und ein Sohn wurde uns gegeben', und abermals: ,Siehe, eine Magd 



t 




Ivaa Franko, Beitr. aus dem Kirchcsslavtscben zu den neutest. Apokr, i6j 

empfängt in ihrem Schöße und gebiert einen Sohn, und sein Name 
wird genannt Emmanuel, das heißt: mit uns ist Gott*. Und Prophet 
Nathan sprach: ,Ich sah eine Magd und ohne männliche Berührung^ 
und ein Knablein in ihrem Arm, und der war der Herr der Erde bis 
ans Ende der Erde*. Und wiederum spricht Prophet Baruch; ,Christus, 
der Ewige, erscheint als ein Stein vom Berge und zermalmt den Götzen- 
tempel der Vergebung'. David spricht r ,Steh auf, o Herr, in deine 
Ruhe, du und die Arche deiner Heiligkeit', Verstehet, Unverständige, 
was der Prophet sagt: ,In diesem Worte wirst du richten', er prophe- 
zeit die körperliche Geburt Christi. Ihr aber, dieses nicht verstehend» 
habt den Gebieter und Heiland der ganzen Welt gekreuzigt und ge- 
tötet; er aber stieg hinab zum Hades und gab das Leben der ganzen 
Welt, und [die Gläubigen] werden es auch empfangen in der Zeit der 
Verheißung; und dann werdet ihr erfahren, wer Jener ist, der freiwillig 
gelitten hat und ewig lebt." 

Und nachdem dieser solches geredet, hob er dte Augen empor 
zum Himmel und sprach; „Da sehe ich den Himmel offen und den 
Sohn Gottes stehend zur Rechten Gottes". Dann riefen [alle] mit groüer 
Stimme und kamen haufenweise und legten ihre Hände an ihn, sagend; 
,,Da spricht er gotteslästerliche Worte". Gamalicl sprach: „Wieso? 
Dieser ehrwürdige und gerechte Mann sah den Sohn Gottes stehend 
zur Rechten Gottes und zürnend und sprechend zum Vater; ,Siehe, in 
einem fort wüten die Juden gegen mich und hören nicht auf, den Be- 
kennern meines Namens Übles zuzufügen'. Und [der Vater] sprach zu 
ihm- jSetze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde hinwerfe unter 
deine Füße'/* Damals entstand ein großer Streit und sie ergriffen den 
Stephanus und banden und befestigten ihn sehr, und führten ihn zum 
Alexander, dem Bücherleser, welcher ein Vorgesetzter des Volkes und 
der Truppen in der Tiberias war, 

Und es geschah in dieser Nacht um die vierte Nachtwache, und 
ein Licht ej^länzte um ihn her wie das Licht des Blitzes, und eine 
Stimme sprach zu ihm: „Fasse Mut, Stephanus, denn du zeigtest dich 
in der Marter der Wahrheit nahe um meinetwillen, und wirst der Alteste 
über alle, welche für mich sterben^ Nun aber nähert sich die Stunde, 
da du zu mir hinaufkommst, und dein Andenken schreib ieh im Buche 
des ewigen Lebens, damit du dich freust und jubelst in diesen Zeit- 
altem und in zukünftigen ohne Ende," 

[Die Juden aber] beriefen hier eine Versammlung und pflegten Rat 
und verurteilten den Stephanus, daß er gesteinigt werde. Und es waren 



164 Ivan Franko, Beitr. aus dem Kirchenslavischen zu den neutest. Apokr. 

mit ihm Abibus, Nicodemus und Gamaliel [und Pilatus, der Statthalter, 
mit seiner Frau und seinen zwei Kindern und eine grobe Menge anderer 
Glaubender. Da stand Saulus vor allem Volke auf und] winkte mit der 
Hand und sprach mit grober Stimme: „Es hätte sich gebührt, o Männer 
und ihr alle Ältesten des Volkes, diesen Mann nicht zu töten [wegen 
seiner großen Kli^eit Da aber durch ihn viele Vornehmen unserem 
Glauben abwendig gemacht wurden], so urteile ich, daß er, Stephanus, 
mit Steinen geschlagen werde, damit nicht die ganze Volksversammlung 
ihm nachlaufe. So tut denn, würdige Versanmidte, wie euch genehm 
ist" Und alle riefen, sagend: „Gesteinigt soll er werden!" Und die ganz 
vome mit Stöcken Stehenden sahen einander an und wagten nicht, 
Hand an ihn zu legen, denn er war berühmt unter dem Volke. Und 
Saulus wurde zornig und nahm den Dienern die Kleider ab imd legte 
sie auf seinem Tische nieder und befahl seinen Leuten, die Hände auf ihn 
anzulegen« Und sich umschauend sprach zu ihm der ruhmreiche Märtyrer: 
„Saulus, Saulus, was du heute mir tust, soll morgen von denselben Juden 
auch dir getan werden, und leidend sollst du meiner gedenken". Da 
erzürnte Saulus noch mehr und befahl, ihn mit Steinen zu schlagen. 
Und das Volk sah hin und schlug ihn mit Steinen so dicht, daß man 
durch die Steine das Sonneolicht nicht sehen konnte. Da erschienen 
Nicodemus und Gamaliel und umarmten den Stephanus und beschirmtoi 
ihn, und wurden beide von Steinen getötet, und sie übergaben gelassen 
ihre Seelen dem Christus. 

Und der heilige Stephanus betete zu Gott und sprach: „Herr Jesus 
Quistus, zähle ihnen nicht diese Sünde, die uns mit Steinen erschlagen, 
da wir deswegen in dein Königreich einzugehen hoffen*^ Und nach- 
dem er dieses gesprochen, übergab er seine Seele dem Herrn in 
der zehnten Stunde. Da erschienen herrliche Jünglinge und fielen auf 
ihre Leichen und weinten mit großer Stimme. Und die ganze Ver- 
sanmüung trauerte um sie, sie sah, wie ihre Seelen von Engehi nach 
oben getragen wurden über der Himmelsfeste. Und als sie empor- 
blickten, sahen sie den Hinmiel offen, und die himmlischen Heerscharen 
den Seelen der Heiligen entgegengehend. Und so veranstalteten die 
Leute eine große Trauer um den Stephanus durch drei Tage und drei 
Nächte.» 



' Die Handschrift Zam. hat weiter folgenden Schloß : Und sie nahmen die Leichen 
der Heiligen und machten f^ jede Leiche einen silbemen Sarg mid legten die Leichen 
der H«ligen hinein, and schrieben auf jeden seinen Namen; den Sarg aber, worin 



w 



Ivan Franko, Beitr. aua dem Kirchenslavischen zu den neutest, Apokr. 165 

[Da gab sich Pilatus viele Sorge und nahm die Körper der Heiligen 
und machte für jede Leiche einen silbernen Sarg, und legte die Körper 
der Heiligen hinein, nachdem er auf jeden deiselben seinen Namen ge- 
schrieben hatte. Und den Sarg, worin der heilige Stephanus lag, ver- 
goldete er mit Gold und legte ihn mit großem Gepränge in seinem ge- 
heimen Grabe nieder. Doch der heilige Stephanus betete zu Gott und 
sprach: ,,0 Gott der Heerscharen, verbirg unsere Körper in meinem 
Landgute Serasima in den Kapogemata bis zur Zeit der Offenbarung, 
wann die mir nachfolgenden Märt>Ter versammelt sein werden". Und 
in derselben Nacht kam ein Engel vom Himmel herab und verlegte die 
Körper der Heißgen an jenen Platz, um den er gebeten hatte, 

Pilatus aber stand auf am andern Morgen und ging hinein in sein 
Gewölbcj um die heiligen Reliquien zu beräuchem, und da er sie nicht 
fand, zerriß er seine Kleider und weinte mit großem Weinen und sprach: 
,,Warum, o Herrscher aller Ewigkeiten, war ich nicht würdig» ein Diener 
zu sein deiner Sklaven? War es dafür, daß ich aus Unkenntnis deinen 
allheiligen und ehnviirdigen Leib geohrfeigt habe? Deswegen aber weine 
ich sehr. O Herr, verachte nicht mein Gebet!" 

Und in der anderen Nacht erschien ihm der selige Protomart>'t 
Stephanus gleichsam nicht im Traume, sondern im wachen Zustande, 
und sagte zu ihm: „O mein Geliebter, weine nicht und traure nicht, 
denn ich habe meinen Gott und den Heiland aller gebeten, unsere Ge- 
beine zu verbergen; in der Zeit unserer Offenbarung aber wird uns 
nach einer Erscheinung einer aus deinem Samen auffinden und dein 
Recht und Wunsch und Begehren wird vollendet werden, Baue aber 
einen Gcbetstempel auf unsere Namen und verordne deinen Nach- 
kommen, unsere Gedenktage zu feiern im Monate April, wie wir gefeiert 
haben, und nach Verlauf von sieben Monaten wirst auch du mit uns ^^ur 
Ruhe kommen*" Am morgen aber stand Pilatus auf mit großer Freude 
und baute eine schöne Kirche für heilige und selige Märtyrer und ver- 
ordnete, die Gedenktage der guten Märtyrer feierlich zu begehen. Und 




Stephanus log, beschlugen sie mit G^Id und legten ihn Im Verborgenen nieder. Da. betete 
der heilige Stepbanas zum Herrn sprechend; ^,HeiT der Heerscharen, verbirg «nsere 
Leichen in meinem Landgnte Arösoma in den K9.rsOgma!si(?) bis zur Zeit <ler Ent- 
MUangr wenn versammeU werden alle Märtyrer, [die] nach mir [gestorben sein werden"]. 
Und in derselben Nacht kam em Engel vom Himmel herab und verlegte die Leichen 
der Heiligen an jenen Tlüit, tun den er gebeten hatte. So also erUtt der heilige 
Stephanus die Marter itnd ging rühmlich znt Kühe für das menschUcbc Heil in Jesu 
Christo, unserem Herrn ^ welchem gebührt Ruhm, Ehre und Gewalt heute and immer 
und in die Ewigkeit der Ewigkeiten* 



l66 lyan Franko, Beitr. aus dem Kirchenslavischen zu den neutcst. Apokr. 

nachdem er alles würdig gemacht und vollendet hatte, ging er nach 
sieben Monaten auch selbst in Christo Jesu zur Ruhe ein und wurde 
begraben in Kapartasala. Und auch seine Frau starb in Frieden. Die 
heiligen Märtyrer Christi aber erschienen dreimal den ehrwürdigen und 
gläubigen Männern, zu ihnen sprechend und göttliche Worte offenbarend. 
Denn nach ihrem Tode glaubten ihrer viele [und kamen zur] Kirche 
Christi. Eine solche Marter erlitt der selige Stephanus und starb ruhm- 
reich mit den mit ihm zusammen Gemarterten, und empfing die Gabe 
für das Heil der Menschen in Christo Jesu, unserem Herrn, dessen Ruhm 
ewig ist. Amen."] 

m. 

Zu diesem wunderbaren Erzählungsstücke seien mir nun einige Be- 
merkungen gestattet. Vor allem muß ich bekennen, daß meine Über- 
setzung meinem Wunsche nach Exaktheit durchaus nicht in dem Grade 
entspricht, wie es mir lieb wäre. Der kirchenslavische Text beider 
von mir benutzter Codices ist weit davon entfernt, überall eine 
klare und verständliche Lesart zu bieten. Besonders für Kod. Zam. 
ist das ja leicht begreiflich, da der Verfertiger dieser Rezension darauf 
ausging, durch zweckmäßige und manchmal auch unzweckmäßige 
Streichungen dem Stücke einen für ein orthodoxes Ohr möglichst in- 
offensiven Klang zu geben. Er begnügte sich nicht damit, hie und da 
scharfe Ausdrücke zu lindem, sondern hat auch das Anstößigste, näm- 
lich die Verknüpfung der Stephanus- mit der Pilatus-Legende gänzlich ' 
getilgt und überhaupt alle Stellen, wo des Pilatus irgendwie gedacht 
wurde, weggelassen, wobei er manchmal auch ganz inöffensive Satz- 
stücke in seinem Übereifer verschwinden ließ. Aber auch Kod. Lemb., 
wenn er uns auch das im Kod. ZaoL Gestrichene aufbewahrt hat, muß 
doch eine ziemlich nachlässig geschriebene Vorlage gehabt haben, so 
daß es vielfach fast unmöglich ist, in der jetzigen Textgestalt irgend 
einen Sinn zu finden, was besonders an den auch sachlich schwierigeren 
Stellen, also vor allem in den Redestücken des Stephanus und Saulus 
sich sehr unliebsam bemerkbar macht. Ich habe mit diesen Schwierig- 
keiten nach bestem Wissen und Gewissen gekämpft, bekenne aber, daß 
es mir nicht überall gelungen ist, ihrer Herr zu werden; an einigen Stellen 
mußte ich zu Konjekturen meine Zuflucht ergreifen und dem Verständnis 
der betreffenden Stellen durch hinzugefügte Worte (sie sind in runde 
Klanmiem eingeschlossen) nachhelfen; hie und da ließ ich aber ganz 
dunkle imd zusammenhangslose Worte .stehen wie sie sich im KsL be- 




finden. Es ist höchst wahrscheinlich, daß sich diese Erzälilung, von 
welcher die rticlit eben rdclihaltigen Lcmb. Handschriftensammlungen 
gleich zwei Abscliriften bieten, in den großen Ksl. Handschriflensamm- 
lungen in Rußland in älteren und korrekteren Abschriften finden lassen 
wird, obwohl ich in der bisherigen russischen und auch südslavischen, 
die neutestamentlichen Apokryphen behandelnden Literatur von dieser 
Erzählung oder auch nur von einer Bezugnahme auf dieselbe bisher 
nichts gefunden habe. 

Unsere Bemerkungen müssen wir mit dem Schlußpassus beider 
Rezensionen unserer Erzählung beginnen, Stephanus betet im Himmel 
zu Gott, er möge seine, Gamalicls und Nicodemus {ob auch Abibus 
mit ihnen zusammen gestorben ist, wird nicht gesagt, obwohl er an 
einer anderen Stelle unseres Textes als Parteigänger des Stephanus ge- 
nannt wird) Leichen ,, verbergen bis zur Zeit der Offenbarung^*; im Ksl 
steht hier das Wort otkrovemje — dasselbe Wort, wodurch das grie- 
chische dTTOKaXu^iC regelmäßig wiedergegeben wird. Es wird hier also 
eine Erwartung geweckt, daß die Erzählung noch eine Fortsetzung — 
die Schilderung eben jener Apokalypsis — haben werde. Zugleich 
drängt sich uns auch ein anderer zwingender Schluß auf, daß diese Er- 
zählung nach der bereits erfolgten Entdeckung der Leichname, resp. 
ihrer Reliquien geschrieben wurde. Ja, noch mehr^ der Verfasser unserer 
Erzälüung kennt offenbar sogar den Urheber der Auffindung jener Re- 
liquien; Stephanus offenbart dem Pilatus in einem äußerst lebhaften 
Traume, einer seiner späteren Blutsvenvandten werde diese Entdeckung 
bewirken* Wir wissen nun, daß der Urheber dieser Entdeckung und 
zugleich der Verfasser des Berichtes darüber der jerusalemitische Priester 
Lucianus warj die obige Stelle drängt nun die Vermutung auf, daß 
dieser Lucianus auf Gniad irgend einer Familientradition die höchst 
zweifelhafte Ehre für sich in Anspruch nahm, vom Statthalter Pontius 
Pilatus abzustammen; dieses würde uns zugleich erklären, warum er bei 
der eigenartigen Erzählung von der Passion des Stephanus die Ge- 
legenheit bei den Haaren herbeizog, auch seinen vermeintlichen Ahnherrn 
auf Kosten der liistori sehen Wahrheit und des guten Geschmackes rein- 
zuwaschen und scldießlich sogar im Gerüche der Heiligkeit sterben zu 
lassen. 

Daß es sich bei unserer ksk Erzählung und der sog. Epistola Lu- 
ciani sowie ihrem griechischen Original, wie es von Papadopulos-Kera- 
meus publiziert worden ist, tatsächlich um Teile eines ursprünglichen 
Ganzen handelt, das beweisen nicht nur obige Andeutungen des ksl. 



l68 Ivan Franko, Beitr. aus dem Kirchenslavischen zu den neutest. Apokr. 

Textes, sondern auch Spuren im griechischen und lateinischen Texte. 
So ist der Schlußpassus des griechischen Kap. I, welchen wir oben 
zitiert haben, erst aus der Vergleichung mit dem ksl. Texte verständlich: 
es handelt sich dort keineswegs um beliebige Jerusalemer Christen, 
welche die Leiche des Märtyrers notdürftig bestatten; es sind viehnehr 
die Diener eines mächtigen und reichen Herrn, welche sie in einem 
silbernen und goldbeschlagenen Sarge beisetzen. Ferner treten in den 
griechisch-lateinischen sowie in ksl. Texten dieselben Personen und in 
demselben Charakter auf, außer Stephanus noch Gamaliel, Nicodemus 
und Abibus, alle drei als gläubige Christen; im ksl. erleiden die beiden 
ersten zusammen mit Stephanus den Märtyrertod, während sie in den grie- 
chisch-lateinischen, schon umgearbeiteten Texten lediglich mit Stephanus 
zusammen in einem Felsengrabe bestattet liegen, und von ihnen nur 
Nicodemus halbwegs als Märtyrer betrachtet wird. Wir werden bald 
den Grund ein^r solchen Umdichtung sehen. Auch die Gemeinsamkeit 
der Topographie darf nicht unerwähnt gelassen werden. Zwar dürfen 
wir im Ksl. in einer verhältnismäßig so späten und mangelhaften 
Kopie, wie ich sie in den Lemberger Handschriften benutze, keineswegs 
auf korrekte Wiedergabe syrischer Namen hoffen, aber doch ist es 
höchst wahrscheinlich, daß das im Kod. Lemb. überlieferte Kapartasala 
eben das Caphargamala des griechischen und lateinischen Textes ist. 
Zwar läßt die ksl. Erzählung in Kapartasala nur den Pilatus, die Mär- 
tyrer aber in einer Arosoma ^ genannten Ortschaft begraben werden, 
doch ist eine solche Verwirrung als Gegenbeweis nicht hoch anzu- 
schlagen, besonders fiir einen, der weiß, wie heillos oft die Verwirrung 
geographischer Namen in ksl. Handschriften ist 

Wenn wir auch an dem Gedanken festhalten, diese beiden Er- 
zählungen seien Teile eines ursprünglichen Ganzen, und die Urschrift 
Lucians habe wirklich, wie der griechische Titel noch besagt, das Mar- 
tyrium und die Auffindung der Reliquien des Stephanus als gleichwertige 
Teile dargestellt, so dürfen wir doch nicht denken, daß wir in dem 
griechisch-lateinischen Texte den einfach losgetrennten zweiten Teil 
dieser Erzählung intakt vor uns haben. Wir haben schon hervor- 
gehoben, daß die Mehrheit der Rezensionen, welche neben neueren Um- 
arbeitungen hie und da Spuren älterer Textgestalt aufbewahrt haben, 



' Die hierbei genannten Karsogmata resp. Kapogemata, eigentlich Kapogjmata 
scheinen mir das korrumpierte griechische xarurf/maTa — unterirdische Gewölbe 
XU sein. 




Ivan Franko, Beitr. aus dem KirchenslaviscbcQ zu den neutesL Apokn 169 

dafür spricht, daü die Lucianische Urschrift sowohl auf griechischem, 
als auch auf lateinischem Boden vielfach umgearbeitet, retuschiert und 
gereinigt wurde. Jetzt, da wir aus dem ksl Texte auch den ersten 
Teil dieser Schrift wenn nicht ganz volbtändigj doch immerhin in der 
Hauptsache kennen gelernt haben, ist es uns nicht schwerj zu erschließen, 
wie der zweite Teil, wenigstens in den an den eisten Teil unmittelbar 
anknüpfenden Kapiteln ausgesehen haben mag* Und so sehen wir, 
daÜ Kap, I und II des gegenwärtigen griechischen Textes unmöglich 
zur Urschrift gehört haben können, ebenso wie der, den ksL Text jetzt 
abschließende Satz mit der Doxologie. Vielmehr muß das gegenwartige 
Kap* in mit seinem bi äjaBbc Kai (piXdvepiUitoc 0£Öc unmittelbar 
an die Erzählung des Kod. Lemb. vom Tode des Pilatus und seiner 
Frau angeknüpft haben. Aus dem Inlialt der ksL Ensählung ersehen 
wir auch, daü das gegenwärtige griechische Kap. IV sowie die ihm 
entsprechenden lateinischen Texte keineswegs Teile der Urschrift, son- 
dern spätere Umarbeitungen sind, Gamaliel kann sich ja nicht als den 
letzten Überlebenden dargestellt haben, wenn er, wie im KsL erzählt 
wird, zusammen mit dem Stephanus und Nicodemus den Tod erlitt. 
Wenn er allein dem Lucianus im Traume erschien, und nicht, wie eine 
etwas unklare und offenbar auch von späterer Hand hinzugefügte Notis 
am Schlüsse der ksL Erzälilung, alle drei Märtyrer, so muH er doch die 
Sache so dargestellt haben, wie sie im ersten Teile dargestellt worden 
war; sobald aber dieser erste Teil als anstößig empfunden und eliminiert 
wurde^ mußte auch die Erzählung der Traumerscheinung entsprechend 
umgearbeitet werden. 

Es ist kein großer Scharfsinn nötig, um zu erkennen, warum die 
so beschaffene Lucianisciie Urschrift bei den Christen des V. Jahr- 
hunderts Anstoß erregen mußte. Wenn sie noch Gamaliel, Nicodemus 
und den ganz unbekannten Abibus (nicht zu verwechseln mit dem in 
der ApG. mehrmals genannten „Propheten" Abibus) als Märtyrer und 
Heilige passieren lassen konnten (auch hier zeigt die Umarbeitung ein 
bemerkenswertes Sträuben, indem aliein dem Nicodemus ein quasi 
Märtyrer-Titel zuerkannt wird), so gingen doch die Verherrlichung und 
Heiligsprechung des Pilatus einerseits und die Darstellung der Rolle 
des Saulus bei dem Tode des Stephanus andererseits den damaligen 
Christen völlig gegen den Strich. Zwar mochte der große Haufe aber- 
gläubischer und wundersüchtiger Menschen auch an dieser Fiktion Ge- 
fallen finden j für ihre einstige Verbreitung zeugt einerseits die Tat- 
sache, daß sie auch in Rom den Verfassern des Decretum Gelasianum 



170 Ivan Franko, Beitr. aus dem Kirchenslavischen zu den neutest. Apokr. 

wenigstens von Hörensagen bekannt gewesen sein muß, andererseits 
aber die noch merkwürdigere Tatsache, daß die griechische Urschrift 
trotz längst erfolgter Umarbeitung, noch jahrhundertelang existierte und 
schließlich auch ins Ksl. übersetzt wurde. 

Wann wurde diese Lucianische Urschrift verfaßt? Aus dem bereits 
Gesagten geht, wie ich glaube, unzweifelhaft hervor, daß das Jahr 41g, 
in welchem Orosius in Jerusalem die lateinische Umarbeitung und den 
Begleitbrief des Avitus empfing, das Datum der lateinischen Umarbeitung 
war, keineswegs aber das Datum der Verfassung der Urschrift sein 
mußte. Es ist wahr, in beiden lateinischen Rezensionen sowie im grie- 
chischen Texte des Pap. Ken wird die Sache so dargestellt, daß die 
Auffindung der Reliquien des Stephanus in demselben Jahre geschah. 
Avitus spricht sogar von seiner persönlichen Bekanntschaft mit Lucianus 
sowie davon, daß die Lucianische „Epistel'' geradezu auf sein, des 
Avitus, Betreiben verfaßt wurde. Wir haben aber gesehen, daß der grie- 
chische Text davon gar nichts weiß und werden auf die Wahrheitsliebe 
dieses spanischen Priesters nicht viel geben können, besonders da der 
damals in Bethlehem weilende Hieronymus über die ganze Angelegen- 
heit der Stephaüus-Reliquien sich gründlich ausschweigt. Bemerkens- 
wert ist dagegen eine Notiz des Nicephörus Kallisti, wonach die 
Reliquien des Stephanus bereits zur Zeit Konstantins des Gr. nach 
Konstantinopel gebracht worden seien. Diese Notiz hat Nicephörus 
vielleicht aus einem anonymen griechischen Schriftchen über diese 
Translation geschöpft (es ist auch ksl. vorhanden, eine lateinische 
Übersetzung des Anastasius Bibliothecarius s. Augustini Opera VH, 
818—822 der Migne'schen Patrologie, ser. lat. 41). Dieses Schriftchen, 
in der Form des Berichtes eines Augenzeugen verfaßt, wo der Verf. von 
sich und seinen Genossen in der i. Pers. plur. spricht (ein Wir-Bericht), 
knüpft unmittelbar an die Lucianische Erzählung von der Auffindung 
der Reliquien an, zeichnet sich durch dieselbe Wundersucht, durch das- 
selbe grobe Gemisch der realistisch gezeichneten Tatsachen mit einer 
abstrusen Phantastik aus und scheint mir keineswegs ein selbständiges 
Ganzes, sondern eben ein Fragment der Lucianischen Urschrift, der 
'ATTOKdXuqiic Tiüv Xetqidvwv toO dylou TTpujTOjiKipTupoc Zxecpdvou Kai 
TÄv |li€t' auToO |Li€|LiapTuprm4vwv zu sein. Denn die Idee der wunder- 
baren Offenbarung jener Reliquien beherrscht auch diese Schrift bis 
ans Ende: Greisterstimmen, Wunder, die menschliche Sprache eines 
Maultieres und selbst das Zeugnis eines Juden werden gehäuft, um zu 
beweisen, daß es eben die Reliquien des Stephanus sind. Die Zeit der 



Ivan Franko, Beitr. aus dem Kirchenslavischen zu den neutest Apokr. 171 

Beisetzung dieser Reliquien in Konstantinopel wird durch die gleich- 
zeitige Regierung Konstantins des Gr. und des Patriarchen Metrophanes* 
bezeichnet, was den Zeitpunkt zwischen 324 — 327 ergibt. Wir hätten 
somit hieher, in das zweite Viertel des vierten und nicht in das erste 
Viertel des fünften Jahrhunderts die Entstehung der Lucianischen Ur- 
schrift zu setzen. 



1 Im lateinischen Texte wird als Patriarch Eusebins genannt« was ein offenbarer 
chronologischer Unsinn ist. 



[Abgeschlotfen «n xo. Mai 1906.2 



1/2 A. Andersen, Mt 26, 26 flg. u. Parallelstellen i. Lichte d. Abendmahlslehre usw. 



Mt 26, 26 flg. und Parallelstellen im Lichte der 
Abendmahlslehre Justins. 

Von A. Andersen in Christiania. 

Nach unseren Synoptikern hat Jesus bei der Stiftung des Abend- 
mahles gesagt: toöto icTiv tö ctüfid fiou, tö öirip ufiuiv ölö6^€VOV, und 
toOtö kxiv TÖ aTfid |liou ttic öiaGnKric, tö irepl iroXXüjv ^Kxuvvö/ievov 
(eJc äqpeav d^apTlUJV). Dieser klare und inhaltschwere Gedanke soll 
der Ausgangspunkt der Entwicklung des Abendmahles sein. 

Nach Justin war die Hauptsache des Abendmahles zu seiner Zeit 
die dvdfivricic if\c Tpoqpf^c auTiöv £ripdc T€ koI ÖTpdc, bei der man töv 
fipTOv TTJc eöxapiCTiac Kai tö iroTiipiov öfxofuüc ttic eöxapicriac opferte; 
als etwas Nebensächliches kam die dvdfivncic toO c€CU)fiaT07roif)c9ai 
aÖTÖv, — ToO irdGoDC 8 TT^TTOvGe 6 ulöc toö GeoO, und toö atfiaTOC 
auToO hinzu. Diese ärmliche Feier soll also das Resultat der Entwick- 
lung der ersten hundert Jahre sein. 

Das kann unmöglich richtig sein. 

Die Sache verhält sich denn auch ganz anders: Die Abendmahls- 
lehre Justins ist die erste Stufe der Abendmahlslehre; der Bericht 
unserer Synoptiker aber bezeichnet eine Stufe der Entwicklung, welche 
diese Lehre erst in der Zeit nach Justin erreicht hat. Das geht aus 
folgenden Tatsachen unleugbar hervor: 

Das Abendmahl Justins ist aufs engste an die Lehre von der Fleisch- 
werdung des Logos geknüpft Bei seinem Abendmahl wurde Brot 
gegessen und Becher getrunken, welches öi* eöxnc Xötou toO nap 
auToO in Fleisch und Blut des fleischgewordenen Jesus verwandelt 
war, gleichwie unser Heiland, der öid Xötou GecO fleischgewordene 
Jesus Christus, sowohl Fleisch als Blut hatte, — d. h. das Abend- 
mahl wird durch die Fleischwerdung des Logos erklärt: „Gleiche 
Ursachen schaffen gleiche Wirkungen, dort ein Gotteswort, hier ein 
von r!»»««tus gesprochenes, also ebenfalls göttliches Wort, dort ent- 



r 




A* Anderseo, Mt 25^ 26%. u. Parailelstdicn L Lichte d^ Abendmablslehre usw, 173 

steht Fleisch und Blut, hier geschieht dasselbe; wenn jenes mög* 
lieh war, das ist der Zweck, für welchen der Vordersatz** {8v Tp6- 
TTOV ktX>) „geschrieben ist, so muß auch dieses möglich sein. Jenes ist 
geschehen, so muß auch dies geschehen können" (Rückert, Das Abend- 
mahl, 401), — und das Abendmahl häng^ von der Fleischwerdung des 
Logos ab; „Wäre er nicht cdp£, so konnten wir nicht cipB von ihm 
empfangen; nachdem er's aber geworden ist, kann auch anderer körper- 
licher Stoß, sobald er will, das werden, was er geworden hV (Rückert, 
a. a. O. 398), 

Dieser Vorstellungskreis des Logos ist der einzige, mit dem das 
Abendmahl Justins in Verbindung gesetzt winL Von den Vorstellungs- 
kreisen aber des Paschalammes (und der Sündopfertiere), an die das 
Abendmahl unserer Synoptiker geknüpft ist, findet sich bei dem Brote 
und dem Becher seines Abendmahles keine Spur, Das Paschalamm ist 
bei Justin Vorbild des geopferten wahren Paschalammes (DiaL c, in), 
nicht aber des gegessenen. Das Vorbild aber des ^Brotes der Dank- 
sagung*' war das Speisopfer; f\ ttjc cejLii?>dX€ujc irpoccpopd . . , runoc i^v 
ToO dpTOu Tfic €uxapicTiac, und die dcpectc twv d|iapTiuJV war an das 
Blut des geopferten Christus, nicht aber des gegessenen, geknüpft (DiaL 
c. in). — D. h. das Leiden und das Blut Christi war nur in Verbin- 
dung mit der Feier gesetzt, nicht aber mit den Abendmahlselementen, 
Brot und Becher, — Dem entsprechend findet sich auch in den 
Stfftungs werten Justins keine Spur von den Zusätzen unserer S>moptiker: 
t6 vnlp UjLAiIiv bib6^€V0V, und tö hnkp noWmv ^kxüvvöm€VOV, die eben 
Ausdruck ftir diese Vorstellungskreise sind* Justin sagt nur: toOtö Ictiv 
TÖ cujfid fiou, und tout6 Icnv t6 af^d ^011/ in unbestimmter, farbloser 
Allgemeinheit, — so wie sich denn auch seine Stiftungsworte auf unsere 
Synoptiker überhaupt nicht zurückfuhren lassen. Seine Worte bei dem 
Brote sind aber mit der kürzeren Textform Lc 22, 1 5 flg* verwandt, und 
bilden eine Mittelstufe zwischen D usw. einerseits (toötö icnv tö cili^d 
|iou) und dem Syr. Cur, andererseits (touto nouiTC ktX,), — d. h. die 
eigentliche Quelle für die Stiftungsworte Justins beim Brot ist Paulus, 
I Kor II. — Auch für das toötö Icnv tö al^d ^ou ist Paulus die 
%virkliche Quelle, indem das aVot in seinem toOto tö irOTfiptov fi koivt^ 
biö0^Kr| IcTiv Iv Td? 4jLJu> aijiaTi (urspr. iv Ttf> aTjuari |liou, wie Lc hat) der 
Hauptbegriflf wurde in dem Augenblick, als man das c^u^ot als »,Fleisch" 
auffaßte, (VgL das toOtö icnv tö atpd ^ou, kouv^ öiaöriicri des Syr, Sin.) 

Die Logoslehre aber ist den Synoptikern völlig fremd. Sie gehört 
einer späteren Zeit an. Die Erzählung aber, daß Jesus ein gesetzliches 



1/4 A. Andersen, Mt 26, 26 flg. u. Parallelstellen i. Lichte d. Abendmahlslehre usw. 

Paschamahl, am 14. Nisan, gegessen habe, gehört einer noch späteren 
Zeit an, — der Zeit zwischen Justin, dessen „Erinnerungen der Apostel, 
welche Evangelien genannt werden" erzählten (T^TPCtTrrai DiaL c. iii), 
daß Jesus am Paschatage, dem 14. Nisan, gefangen und gekreuzigt 
worden* sei, — und Apolinarius, bei dem die Erzählung von dem E^en 
eines gesetzlichen Paschamahles zum ersten Male in der Literatur auf- 
tritt, als Erzählung einiger unwissenden Personen (vgl. mein „Abend- 
mahl")« — Das ciöfia aber i Kor 11, 24, das zur Zeit Justins als „Fleisch 
des fleischgewordenen Jesus" interpretiert wurde, ohne irgend welche 
Spur des Opfergedankens und des Päschälammes, kann unmöglich von 
Anfang an als: „das im Tode gebrochene (gegebene) Fleisch'' aufgefaßt 
worden sein, — so wie denn auch die in dem Zusanmienhange einzig 
mögliche Bedeutung die der dxKXiida ist (vgl. mein ,^bendmahl"). 
Und der Zusatz t6 imkp öfii&v kann unmöglich: „der zu eurem Besten 
im Tode gebrochene (g^^ebene)" bedeuten. Er gehört aber auch in 
der Bedeutung: „das ich zu eurem Besten angezogen habe" dem Texte 
des Paulus nicht aa. Denn die Fleischwerdung spielt bei Pauhis keine 
RoUe» bei Justin aber eine außerordentlich groi^e Dazu kommt, da& 
weder Marcion noch Justin diesen Zusatz in ihrem Texte gelesen haben. — 
Dies aber sind denmach die Hauptzüge der Entwiddung des Abend- 
mahles bis zur 2^t des Irenäus: In dem Herrenmahle des Paulus setzte 
man sich mittels des zum Andenken Jesu geopferten Brotes, das sein 
0&M<^ *^ ^^ Bedeutung: die iiQcXncia war, in Verbindung mit dem oD^a 
XpiCToO, dem geistigen Organismus, dessen Haupt Christus ist — Um 
die Zeit der japanischen Briefe lehrte man, daO auch die äncXiftia 
Fleisch angezogen habe. Das c&}ka X|nctoO war die cdpS Xpicrou, die 
in jeder Einz^emeinde unter Leitung des Bischöfe repräsentiert war. 
Sie war Jesus Christus» auch copicnaiic und die Teilnahnie an ihrer 
Versanunfan^ war ein qidp|iaicov d O a vad a c ' Denn nur als eine JFstscf 
dfeses Fleisdies» jdas für unsere Sunden gditten, das der Vater in 
seiner Gute enredct faat^, hatte man an dem Leiden und der Auf- 
erstrinmg TeS. — Wenn man aber in der GemeindeversammkB^ Justins 
<fie Wofte horte: rour6 kmr tö oiifid fiou, in der Bedeutung: ^jäacs 
ist mein, des fleisdigewofdeoen Jesus, Fleisch^ zu gleicher Zeit ak man 
wnfite, dafl i^ t& v^iqeci ö X^mctöc, — das Paschalamm vurde aber 



* €va fiptov «lAv. So Tastet naa dk Eatviddsiif : l^Mä» ~ J«sti& — 2re^ 
sim, ^rddie «a mldsbires lUts^ ^nrd, warn I^^utins ^b Brot lyeLairt "bitte, du 



w 



A. Andersen, Mt 26, 26 flg. u. Parallelst elicn LJ^icbte d Abendjnahlslehre usw. 175 

auch gegessen, — dann war die Folgerung unvermeidlich, daß das 

geweihte Brot, das man in der Eucharistie aß, das Fleisch des wahren 
Faschalammes, und diese Eucharistie das wahre Paschamahl war, dessen 
Stiftung dann ganz natürlich von einigen unwissenden Personen auf 
ein gesetzliches Faschamahl verlegt wurde. — 

Dieser endgiltigen Auffassung des geweihten Brotes als des Fleisches 
des wahren Paschalammes (und des geweihten Bechers als des Blutes des 
wahren Sündopfertieres) entspricht nun der jetzige Abendmahlstext des NT, 

Er bezeichnet aber auch eine Hauptstufe in einer anderen Ent- 
Wicklung, — in der Entwicklung des „Christentums". 

Bekanntlich findet sich bei Lc der Gedanke, daß der Tod Jesu 
Heilsbedeutung habe, nur in den aus i Kor 11 interpolierten W* 19 
und 20 des Kap, 22. Dem ursprünglichen Texte aber, und der kürzeren 
Textform der D usw., ist er völlig fremd, — denn das cuj^a dieser 
kürzeren Textform ist die lKKXr|cia. Im jetztigen Texte des Mt (Mc) 
findet sich dieser Gedanke, außer in den Stiftungsworten, auch in der 
XÜTpov-Stelle, ist ^ber auch da ohne Zweifel in späterer Zeit eingeschaltet 
worden, — um eine Brücke zu schlagen zwischen der Predigt Jesu und 
dem Evangelium des Paulus, Denn die Predigt Jesu geht auf Ändenmg 
des Sinnes und gute Werke aus, und jedermann kann aus eigener Kraft 
„den Willen meines Vaters im Himmel'* tun^ (Man vgl. die Schweig- 
samkeit des Jacobusbriefes über Person und Wirksamkeit Jesu.) Den 
,,Christus" aber, welcher Mittelpunkt der Lehrgedanken des Paulus ist, 
kennt sie nicht, und hat fiir ihn auch keinen Platz, Das „Christentum" 
aber ist u. A. aus einem Kampfe dieser Predigt von der peidvota, mit 
dem Evangelium des Paulus von der auf dem Tode Christi beruhenden] 
biKmoci^vn hervorgegangen, — indem letzteres den Sieg davongetragen 
hat, — und die Einschaltung in den Text der Synoptiker der Heils- 
bedeutung des Todes Jesu ist ein Ausdruck für diesen Sieg. (Daß die 
Predigt Jesu noch zur Zeit des ersten Clemensbriefes die Übermacht 
hatte, geht aus diesem Briefe zur Genüge hervor (tö öljua toO Xpicrou 
, . . bid rnv fifieT€pav cu/xripiav iKX^etv rravil tiu Kocpiu ^eiavoiac x^iptv 
i.ixr\y€yK£V)y — wie denn dieser Brief auch die Richtigkeit der Annahme, 
daß der jetzige Abend mahlstext der SynoptUver einer späteren Zeit ge- 
hört, am kräftigsten bestätigt* Denn die ganze Auffassung des i Clem. 
von der Bedeutung des Todes Jesu ist mit einer Abendmalilslehre und 
einem Abendmahlstexte wie dem unserer Synoptiker völlig unvereinbar, 
läCt sich aber bei jener Annahme sehr leicht erklären*) 



[AbgeicbLoiiea am ii, Mju 19061] 




176 J. Boehmer, Zum 2. Artikel des Apostolikums. 



Zum 2. Artikel des Apostolikums. 

Auch eine Komma-Frage. 

Von Julius Boehmer in Raben (Bes. Potsdam). 

Eb. Nestle hat neulich in d. Ztschr. 1905 S. 106 darauf aufmerksam 
gemacht, wie bedeutsam die Stellung des Kommas in der dritten Vater- 
unser-Bitte, ob nach „geschehe" oder nach „Himmel", sei. Ein anderes 
Komma mag nicht minder schon manchem Nachdenklichen zu schaffen 
gemacht haben, das nämlich, welches im Apostolikum hinter „Pontius 
Pilatus" steht. Die auf Jesum Christum bezüglichen Worte „gelitten 
unter Pontio Pilato gekreuzigt gestorben usw." regen ohne weiteres die 
Frage an, ob denn und warum denn die Worte „unter Pontio Pilato" 
zu „gelitten" und lediglich zu „gelitten" zu nehmen seien, weil man sich 
erinnert, daß wenn Christi Leiden unter Pontius Pilatus stattfand, dann 
auch seine Kreuzigung und sein Tod unter Pontius Pilatus geschah. 
Warum ist nun Kreuzigung und Tod nicht zu Pontius Pilatus in Be- 
ziehung gesetzt? Wenn aber neben Kreuzigung und Tod das Leiden 
besonders genannt werden soll, warum wird dann nicht vielmehr zum 
Ausdruck gebracht, daß die Juden, genauer der hohe Rat mit diesem 
Leiden in Zusammenhang stehen? 

Alle diese Fragen und Bedenken lassen sich nur lösen, ja nur dann 
sachgemäß würdigen, wenn man sie geschichtlich ansieht FTier ist es 
nun von vom herein unzweifelhaft und allgemein anerkannt, daß es sich 
bei der Wendung „unter Pontius Pilatus" um eine liturgische Formel 
des Urchristentums handelt, die wir i Tim 6, 13 wohl zum ersten Male 
beurkundet findet Wenn es dort heißt: XpicxcO 'Incoö toö fiapru- 
pfjcavTOC iiti TTovTiou TTiXdTOu •nfjv KaXf|v öfioXoYiav, so deutet im Zu- 
sammenhang in der Tat nichts darauf hin, was die Hineinbeziehung des 
Pontius Pilatus zu begründen geeignet ist „Das schöne Bekenntnis*' 
meint gemäß v. 12 das Bekenntnis, daß Jesus der Messias sei Streng 
j[enommen nun hat Jesus dieses vor dem Synedrion abgelegt (Mc 

ai. 5. 1906. 



F 



J. Boehmer, Zum 2. Artikd des Apostolikums 



177 



14, 60 C) und vor dem römischen Statthalter nur wiederholt und zwar 
in modifizierter Gestalt* Weil es aber dem Heidenchristentuni^ nametit-j 
lieh zur Erfüllung seiner Missions-Aufgabe an lletden, viel mehr darauf^ 
ankommen mußte, daß Jesus sein Messiasbekenntnis dem Vertreter der 
heidnischen Obrigkeit, dem Organ des römischen Kaisers, ins Angesicht 
abgelegt habe, so begreift sich leicht, daß von Anfang an das Ini TTov* 
t(ou rTiXdTOU in den Vordergrund gestellt wurde und so eine solenne 
Formel zunächst katechetischer, dann liturgischer 'Art ward. 

Was besagt nun diese Formel? Im allgemeinen heißt im c, gen. 
pers. „zur Zeit'* ,^im Zeitalter** ,,während der Amtsperiode des''. Das 
ist auch hier, wie wir sehen werden, nicht vergessen worden. Den- 
noch liegt im Zusammenhang der Timotheusstelle, daß es hierauf nicht 
ankommen kann, sondern daß ^ttI ähnlich wie Mt 28, 14, Act 25, 9. 
26, 2 einfach „vor*', genauer: „in Gegenwart**, ,,im Angesicht" (das 
hebräische Up^) bedeutet. Das ist aber nicht immer für das Verständnis 
der Formel, auf die es uns ankommt, festgehalten worden, wovon auch 
noch die Rede sein wird. 

Das konnte es auch nicht wohL Denn weder das Leiden noch die 
Kreuzigung Jesu geschah „vor*' oder „angesichts von" Fondus Pilatus. 
Also die Formel im TTovtiou ITiidTOU kann bestehen und als solche an- 
erkannt sein^ ohne daü damit der Sinp gesichert wäre. 

Beschränken wir uns nun möglichst auf diejenigen Stellen, die für 
das Apostolikum in Betracht kommen, so ist es jedenfalls schon der 
Beachtung wert, daß Ignatius die Wendung hat: iv -pj T^wricti Kai Tiu 
nd9ti Koti TiJ dvacrdcti x^ Ttvo^ivq iv Kaipqi xfic ftT^Mi^viac TTovriou 
TTiXdtou (ad Magn. 11). Das sieht doch so aus, als wenn er i) die 
Formel ini TT. TT. kennte (sie ließe sich unbedenklich einsetzen), als 
wenn er 2) sie noch in relativer Freiheit gebrauchte und daher nicht 
nur auf das Leiden, sondern auch auf die Auferstehung, ja sogar auf 
die Geburt Jesu (das letzte ist wohl ein allenfalls verzeihlicher historischer 
Schnitzer) bezöge, als ^wenn er 3) ein inl für mehrdeutig gehalten und 
daher umschrieben hätte. — Nicht anders laut sich eine zweite Stelle 
(ad TralL 9) verstehen, wo es von Jesus Christus heißt; dXriöujc 4Öiu>xön 
tiri TTovTiou TTiXdrou, dKnÖujc iciaupubÖTi Ktxi dTTtöav&v ktX. Wenn von 
Jesus ibtdixön ausgesagt wird, so wird Ignatius dabei sein ganzes öffent- 
liches Leben, vermutlich schon Mt 2 im Auge gehabt und kann darum 
sein ^m nicht anders als die erst erwähnte Formel ^v Kajpijj ■n'ic fiye- 
^oviac verstanden haben. Wie er dort Geburt, Leiden und Auferstehung 
auf Pilatus bezog, so hier das Verfolgtwerden Jesu von der Geburt bis 



1/8 J. Boehmer, Zum 2. Artikel des Apostolikums. 

hin zur Auferstehung. — Bestätigt endlich wird dieses Verständnis durch 
eine dritte Stelle (ad Smym. i), wo dXTiOüCic diri TTovrfou TTiXdTOu koI 
*Hpuj&ou rerpdpxou xaOnXuj^lvov d. h. ,,zur Amtszeit des Pontius Pilatus 
und des Tetrarchen Herodes angenagelt'' steht 

An allen diesen Stellen haben wir es erst mit embryonalen Ge- 
stalten des Taufsymbols zu tun. Ganz anders wird die Sache freiliclv 
wenn wir aus dem Zeitalter der apostolischen Väter in das der ältesten 
Kirchenväter kommen. Zunächst wird im Lateinischen das liri durch* 
weg mit „sub" c. Abi. wiedergegeben: dies meint (vgl Cicero: „sub 
rege", Livius: „sub Kannibale magistro", Horaz: „sub iudice lis est") 
auch nichts anderes als: „unter der Statthalterschaft des P. P.". So- 
dann haben wir es weiter vorläufig noch immer mit embryonalen Ge- 
stalten (oder Reminiscenzen) des Taufbekenntnisses zu tun. Hier tritt 
nun aber sofort eine klare Scheidung ein. 

In der ältesten Zeit hei&t es in der weitaus größten Mehrzahl* von 
Fällen: 'IncoOv Xptcröv töv craupujG^vra knl TTovriou TTiXdTOu. So schon 
bei Justin Apol. I, 13. 61. dial. c. Tryph. 85. Oder mit leichter, aber be- 
achtenswerter Wandlung töv iiA TTovriou TTiXdTOU craupujOdvTa: so im 
Taufsymbol nach Marcellus von Ancyra und zahlreichen anderen 
Fassungen. Nicht anders haben die ältesten Taufsymbole des Morgen- 
landes nach ihrer überwiegenden Mehrzahl: Kai craupuiO^vra kii\ TTov- 
Tfou TTiXdTOU Kai racp^ra ktX. In lateinischer Fassung heißt es eben- 
falls dnmal: „crucifixum sub Pontio Pilato" (z. B. TertuUian de virg. 
vel. i) oder in den Taufbekenntnissen von Turin, Ravenna, Aquileia 
(5. Jahrhundert), Florenz (etwas später), in der spanischen Kirche usw. 
„qui sub Pontio Pilato crucifixus est et sepultus*'. Auch Dionysius 
Exiguus hat: „crucifixus est pro nobis sub Pontio Pilato et sepultus 
est etc.". 

Auf der anderen Seite begegfnet aber schon bei Irenaeus (adv. haer. 
in, 4, 2) : „passus sub Pontio Pilato et resurgens**, was immerhin noch 
nicht auf ein Taufsymbol zurückzugehen braucht. Wenn auch später 
gelegentlich „passum sub Pontio Pilato, tertia die resurrexisse a mortuis" 
(Eligius von Noviomus oder Noyon im 7. Jahrhundert) vorkommt, sa 
handelt es ^ich hier sichtlich um eine Zusammenziehung des an sich 



X Die Mannigfaltigkeit der Formeln in Morgen- und Abendland stellt aufs ge- 
nauste Hamack in Hahn, Symbole S. 377 ff. zusammen. Angesichts des Tatbestandes 
ist es nur schwer zu verstehen, wie er S. 390 als Wortlaut des ältesten Symbols töv ^irl 
TT. TT. iraGövra geben und CTaupwO^vra daneben in Klammem setzen kann, während 
es umgekehrt sein sollte. 




J. Boehmeif Zum 2. Artikel des Apostolikums. 



179 




ausführlicheren Taufsymbols. Dennoch findet sich eine Anzalil von 
Taufsymbolen im Morgen- wie im Abendlande, die lediglich das Leiden 
Christi unter Pontius Pilatus nennen und ähnlich wie Irenaeus sinngemäß 
die Kreuzigung darin beschlossen sein lassen, z. B. das s, g, Symbol 
des Ambrosius in der Mailändischen Kirche: „sub P. P. passus et 
sepultus", 

Alletn vereinscelt finden sich auch bald Taufbekenntnisse, die, von 
dem Bestreben gedrängt^ ja keins der überlieferten heiligen Worte zu 
verlieren, beides neben einander setzten: Leiden und Kreuzigung* Und 
zwar ist das zuerst im Morgenlande geschehen. Hier war es auch, wo 
man die schwer m beantwortende Frage, wohin in diesem Falle das „unter 
Pontius Pilatus*' zu ziehen sei, zu gunsten des „gelitten'' entschied» ki* 
dem man dabei natürlich im Sinne hatte und haben muüte» daß es 
auch zu „gekreuzigt" gehöre. Nur ganz ausnahmsweise wurde es 
anders gehalten, z. B. im s, g, Nestorianischen Taufsymbol (aus dem 
4. Jahrhundert), wo die Wortfolge ist: icai TraöovTa Kai cTaupujöeVTa im 
TTovTiou TTiXdTOU, Ähnlich bekanntlich das s. g, Nicaeno-Constantino- 
politanum (das im 4. Jahrhundert aus dem Jerusalemischen Taufsymbol 
erwachsen ist und um joo bereits im Morgenlande allgemeine Giltigkeit 
erlangt und das Nicaenum verdrängt hat) mit merkwürdiger verdrehter 
Reihenfolge von „gelitten und gekreuzigt", nämlich; ciaupujÖevTa T£ 
{»Ttip Tiiuujv ^ni TToYTiOii TTiXdTOu xai Traedviot xd Ta^^vta ktX, — Im 
Abendlande dagegen finden sich erst vom achten Jahrhundert au, von hier 
an aber auch zahlreiche Symbole, die naOovra inl TTovtiou TTiXdTOu 
craupujGivTCi ktX. oder passus sub Pontio Pilato, crucifixus etc, sagen. Das 
„unter P» P,**, wie man versucht sein könnte zu tun, zu „gekreuzigt^* zu 
ziehen, scheitert an dem Umstände, daß in der ganzen Umgebung die 
Modalbestimmungen stets nachstehen, und dat es gelegentlich ganz un- 
mißverständlich heißt: passum sub Pontio Pilato, qui crucifixus et se- 
pultus descendit ad inferos etc. (britische Kirche), oder: sub Pontio 
Pilato passum, crucifixum (Formel des Nicetas von Aquileia im 5. Jahr- 
hundert), Hier sei auch gleich angemerkt, daß im vierzehnten Jahr* 
hundert dann gelegentlich Übersetzungen aus dem Lateinischen auf- 
tauchen^ die Sttööev imb TT» Tl., dcraupdüOrj oder Traöövia \mö TT. TT., 
ciaupuiÖeVTa usw* sagen (Escoriah Handschrift Codex des Ambrosius): 
folgern ließe sich daraus übrigens nur, daß den Übersetzern das ge- 
nügende sprachliche Verständnis abging. Daß die Formulierung >tge- 
litten unter Pontius Pilatus» gekreuzigt** seit dem Catechismus Romanus 
(1566) für die päpstliche Kirche und seit Luthers kleinem Katechismus 



l8o J. Boehmer, Zum 2. Artikel des Apostolikums. 

für die evangelische Christenheit bindend und damit die Frage, ob sie 
richtig sei, akut geworden ist, ist bekannt 

Das dagegen ist freilich so gut wie in Vergessenheit geraten, daß 
von Anfang an, nachweisbar seit dem vierten Jahrhundert, eine ganze 
Anzahl von Taufsymbolen das „unter Pontius Pilatus" überhaupt weg- 
gelassen haben. So griechische (das Nicaenum z. B. hat nur Traöövxa 
Kai dvacTdvTO, also weder das „gekreuzigt" noch „unter Pontius Pilatus"), 
lateinische, vor allem aber die Taufsymbole germanischer und nordischer 
Christenländer. Diese, die außerhalb des einstigen römischen Reiches 
lagen, mochten den Sinn des Namens an dieser Stelle zu wenig wür- 
digen, wie ja überhaupt seit Beendigung der eigentlichen Missionsarbeit 
innerhalb der Grenzen des römischen Reiches die Bedeutung von „Pontius 
Pilatus" an dieser Stelle notwendigerweise (s. o.) verlieren mußte. Schließ- 
lich aber siegte doch in der Kirche, wie in solchen (nicht nur litur- 
gischen) Fällen gewöhnlich, die archaistische Richtung und — Rom. 
Nun haben wir das „gelitten" und „gekreuzigt" und „Pontius Pilatus" 
im Apostolikum und sind uiis im Blick auf die historische Entwicklung 
darüber völlig klar, daß eins von beiden: „gelitten" oder „gekreuzigt" 
oder wenn „Pontius Pilatus" seine Stelle hier behalten soll, einer jener 
beiden Ausdrücke mit P. P. verbunden vollkommen genügen, ja das 
Richtige sein würde. 

Darüber aber sind wir uns auch klar, daß wir an dem Wortlaut des 
Apostolikums nichts zu ändern vermögen, wenigstens nicht in absehbarer 
Zeit — daß dazu kaum (nicht einmal) eine Kirchenbehörde zu haben sein 
wird. Und auch daran werden wir nichts ändern, daß die Auffassung des 
„gelitten unter Pontius Pilatus" allgemein im volkstümlichen Verständnis und 
in Katechismus-Erläuterungen aller Art das ,*,unter" im Sinne von „auf die 
Urheberschaft von" (also = 6tt6 s. o. nicht tnl) nimmt: wer hätte auch 
heutzutage an dieser Stelle: Interesse daran, daß es zur Zeit, unter 
der Amtsführung von P. P. gewesen ist, als Jesus litt und starb? 
So mag es auch in vergangenen Jahrhunderten schon gefaßt worden 
sein, aber die heutige Christenheit kann es in einem Glaubensbekenntnis 
nicht anders nehmen. So oder so aber ist die nähere Bestimmung 
„unter Pontius Pilatus" an dieser Stelle mißlich. Denn tatsächlich ging 
ja Christi Leiden nicht von Pontius Pilatus, sondern von der Judenschaft 
und dem Synedrion aus. Man kann sachgemäß wohl „unter Pontius 
Pilatus" mit „gelitten" verbinden, wenn „gekreuzigt" wegbleibt; denn 
dann umfaßt das „gelitten" eben das „gekreuzigt". Aber man darf nicht 
sagen: „gelitten unter Pontio" und daneben „gekreuzigt** isolieren. Daß 



J. Boehmer, Zum 2. Artikel des Apostolikums. 18 1 

das einst geschehen ist, war gewiß eine Gedankenlosigkeit, die von 
manchem empfunden worden zu sein scheint (das bezeugen die zahl- 
reichen Text- Varianten): aber darum braucht sie nicht verewigt zu 
werden. Wenn wir nun, wie gesagt, nach Lage der Dinge auf eine 
Radikalkur verzichten müssen, so können wir doch ein evangelisches, 
biblisches, sachgemäßes und fruchtbares Verständnis des fraglichen Passus 
auf die einfachste Weise gewinnen, indem wir das Komma statt hinter 
„Pilato" vielmehr nach „gelitten" setzen und sprechen: „gelitten, unter 
Pontio Pilato gekreuzigt". Das bedeutet dann: „gelitten" seit der Ver- 
haftung (ja seit der Versuchung und dem Amtsantritt, wenn man will, 
seit der Geburt und Kindheit) durch Juden, sein Volk, die Seinen; „unter 
Pontius Pilatus gekreuzigt", auf Veranlassung und Befehl der heidnischen 
Obrigkeit, die (nicht das Leidens-, wohl aber) das Todesurteil sprach. 



[Abgeschlossen am 16* Mai X906.J 



l82 Wcl lausen, "ApTov IxXacev Mc 14, 22. 



Miszellen. 



"^AfdToi^ Imkaaev Mc 14, 22. 

Bei der Kontroverse, ob das letzte Mahl Jesu mit den Zwölfen am 
Paschaabend stattgefunden habe, scheint bisher ein wichtiger Um- 
stand übersehen oder wenigstens nicht genügend hervorgehoben worden 
zu sein. Jesus bricht nämlich dfpTOC. Am Pascha mußten aber schon 
älv}ia verwendet werden, und es ist nicht erlaubt, diese unter dfpTOC zu 
verstehen. Also ist der Tod Jesu in Wahrheit nicht auf den Tag ge- 
fallen, der mit dem Paschaabend begann. Als er dann auf diesen Tag 
verlegt war, scheinen auch &lv\xa statt dproc eingeführt zu sein; wenig- 
stens stellenweise. Bei den Abessiniem ist das Brot der Eucharistie im 
Allgemeinen gesäuert, nur am Grünen Donnerstag ist es ungesäuert. 
Wie es in der alten griechischen und lateinischen Kirche damit gehalten 
wurde, müssen andere wissen. 

Göttingen. 

Wellhausen. 



Das Kamel als Schiffstau. 
Zu V, 256. 

Im Jahr 1880 konnte ich in Juliani Imperatoris librorum contra 
Christianos quae supersunt CoUegit recensuit prolegomenis instruxit Caro- 
lus Joannes Neumann, Lipsiae B. G. Teubner S. 56 u. 75 folgendes 
ZdtaX aus dem 16. Buch Cyrills gegen Julian syrisch und lateinisch 
veröffentlichen: Accipit ergo demonstrationem: foramen acus et camelus: 
non animal, ut opinatur Julianus impius et omnino insipiens et idiota, sed 
potius rudens crassus qtä in omni navi. Ita enim mos est nomtnandi iis^ 
qui docH sunt res nautarum. 



r 



£. Nestle, Das Kamel als ScMfistaiL 



1S3 



Beim syrischen Text verwies ich noch auf des Barhebräus Scholien 
zu Matthäus (e recognit, Joh, Spanuth p* 43, 2$) und auf den Thesaurus 
Syriacus coL 736> An der letztgenannten schon 1S70 veröffentlichten 
Stelle ist aus Bar Bahlul gleichfalls „Cyriü" für diese Deutung genannt, 
ebenso bei Barhebräus, Zahn wird zwar recht haben, wenn er zur Stelle 
sagt, daü das dem Origenes zugeschriebene Schoüon, nach dem unter 
dem Kamel tö cxoiviov ific ^iixavrjc verstanden sei (bei Wetstein» 
Matthaei, Tischendorf, Baljon), sich fälschlich mit dem Namen des großen 
Alexandriners geschmückt habe, aber unrecht, wenn er es ein byzan- 
tinisches Fündlein nennt. Jedenfalls ist neben der Pelagiusstelle, die 
Jos. Denk oben nachwies, auch die Stelle aus der im Jahr 392 verfatiten 
Schrift Cyrills von Alexandrien einer Eru*ähnung in unsern Kommen- 
taren wert. Ebenso die Tatsache, auf die Fr. Herklotz (Biblische Zeit- 
schrift II, ijöf) hinweist, daü die armenische Übersetzung des Verses 
mai/t gibt, welches Tau, Seil bedeutet. Eine kleine Bemerkung ut)er 
das armenische Wort in Lagarde's armenischen Studien Nr. 1404. 



Eine Variante in Matth. 28, 18, 

Sowohl im griechisch-erhaltenen, als in dem nur syrisch-überlieferten 
Text der Theophanie des Eusebius wird Mt 23, 18 zitiert i.b6Br\ jLiOi 
TTdca tlouda luc iv oiupavuj küI 4m ttJc (ed. Greßmann 21, 17 = 177, 16), 
Wie erstaunte ^ich als ich bei der Vergleichung des Kodex B an die 
Stelle kam und sah, daß zwischen cioucia und €v „spatium vacuum ob 
rasuram*', wie Fabiani-Cozza 1881 in Bd» VI der sogenannten Faksimile-- 
ausgäbe es ausdrücken, mit andern Worten, daß hier sicher einst auch 
ujc gestanden hat. 

Das ist natürlich eine falsche Reminiscenz an das Vaterunser, aber 
textkritisch lehrreich und darum erwäJinenswert, umsomehr als es noch 
nirgends erwähnt zu sein scheint* 



I Tischendorf sagt im Novum Testamentum Vaticanum (1867); „tTc& Utterae pror- 
sus erasae*'* Dsls. breite w almmt den Kaum von 3 Btichstabeti cm. Dagegen ^ctircibt 
die römlsclic Gegenschrift von 1SB1, ilber welche ^ic TheoL LiUtg, iSSs Nr, 9 und l$^ 
Kr. tö zu vergleichen ist: post cia lu?« adesE tasura. Punttis deticientiam male innuic 
[Tischendorlius]^ Wie diese römiscbe eoncordia discors tu reimen ist, verstehe ein 
anderer! Die PhQtograpbie selgt doch deutlich das Spatiitm. 




l84 E. Nestle, Rabbi. 



Rabbi. 

Wellhausen druckt zu Mt. 23, 7—10 stets pdßßi, ohne Spiritus mit 
zurückgezogenem Akzent. Die Handschriften betonen, soweit ich sehe^ 
das Wort auf der letzten Silbe. Aus dem Kodex Vaticanus B läßt 
sich eine lehrreiche Beobachtung bei dem Worte machen. Er schreibt 
nämlich stets f^aßßei oder ^aßßii, ebenso ^aßßouvii, in Matthäus auch 
dXwii, caßaKTavdi, in Markus £aßaq)9avä d. h. stets mit dem Akzent 
über €. Das bedeutet, daß er €i als Diphthong und nicht als langes i 
gesprochen hat. Denn wenn sonst in der Handschrift €i für 1 steht, 
schreibt er ef mit Akzent über i, z. B. ^IcpariXeCTTic, XeueiTTic Ähnlich 
schreibt B häufig Aau^iö, wie oöö^ic, nicht i, 17. Ich gebe einige Be- 
lege aus Matth. 'Oupeiou, 'Iwceiav; dteivujCKev, /JKpeißujcev, Xeiav, Trapa- 
T€{v€Tai, öHefvTi, ccTtov, ficfXiov, dagegen z. B. raimeiov, wieder x^ivecGe, 
^apTapefiaic, aber TiXardia (so); sehr hübsch ist 7, 27 öiKcfa ^k^ivti; xXefvr), 
i7r€T€i^TiC€V, 'HXefac; doch, wie es scheint 12, 19 ip^icei, 41 NtV€U€iTat 
(scheint Circumflex, nicht Akut). Wo der Schreiber einfachen Vokal 
will, ist meist das € nicht aufgefrischt. 

Ich bemerke bei dieser Gelegenheit, daß auch noch die ältesten 
Drucke bei Diphthongen den Akzent meist auf den ersten Vokal zu 
setzen pflegen.* Sehr lehrreich ist in dieser Hinsicht der erste Druck 
des griechischen Neuen Testaments, die komplutensische Polyglotte. Im 
Text hat sie zwar nur die Tonstelle durch den Akut bezeichnet; aber 
in der Beigabe, der euthalianischen Lebensbeschreibung des Apostels 
Paulus, druckt sie das überaus häufig wiederkehrende €iTa bald Ivra^ 
bald iiia, bald eira, letzteres aber am seltensten. 



Chorazin, Bethsaida. 

In meinen Philologica sacra schrieb ich (1896) S. 20 f.: „Daß Volks- 
etymologien selbst auf die Erzählung eingewirkt, sogar Legenden her- 
vorgerufen haben, ist bei Hakeldama unwidersprechlich . . . Aber auch 
andere Namen bieten sich solcher Deutung dar, womit selbstverständ- 
lich noch nicht gesagt sein soll, daß die im folgenden gegebenen Deu- 
tungen nun auch wirklich alle sicher seien. Umschreiben wir z. B. 



» Ober diese Sitte bei Diphthongen den ersten Buchstaben zu akzentuieren vgL 
Kenyon, Bibllcal Manuscripts in the British Museum (zu Add. Ms. 20002] und Palaeo- 
graphy of Greek Papyri p. 29. 



Nestle, Choraiia, Bethsatdm. 



185 



lacipoc durch 1T\ nicht durch TH\ so heißt es: er wird erwecken*^ Ich 
mache hier noch darauf aufmerksam, daü das Verbum vom Schlaf, nicht: 
vom Tod erwecken bedeutet .»Schreibt man Bri6civia als k;^3( n^?, so 
heißt es „d^ Haus einer sich Plagenden". Und seltsam ist es, daH es 
im Lewis-Syn auch c. 12, 2 hciik: Martha aber plagte sich*'. Folgt eine 
längere Ausführung über die Möglichkeit Naeiv als D^Hi den Erweckten 
zu deuten, in Verbindung mit M^Tcpa Mavaipiou bei Papias. „Die Erzählung 
von den 2000 Schweinen von Gadara wird an einen Ortsnamen wie 
ras d chinzir {Schweinskopf} oder teil abu-l-chinzir (Hügel des Schweine- 
vaters) anknüpfen". Ich lese heuer erstmals mit meinen Schülom das 
Lukas- Evangelium und benutze zur Vorbereitung auf meinem Unterricht 
auch Plummers Erklärung (im International Critical Commentary 1S96, 
4. Aufl. 1901, neuer Abdruck 1905). Da heiüt es nun zum Namen 
lairus: The same name as Jair (Num, XXXII, 41; Judg» X, 3). It is 
Strange that the name (= "he will give üght") should be used as an 
argument against the historical character of the narrative. It is not 
very appropriate to the circumstances. Keine Silbe über die Tatsache, 
daß der Name in Cod^ D in Mc und Lc felilt, und da& er schon m 
einigen der alten Onomastica Kuptou irpilTOpcic gedeutet ist (s, La- 
gardes Ausgabe). 

Aber weiter: Heut komme ich an die Speisung der Fünftausend 
und finde da bei Plummer aus Weiß, Leben Jesu (II, 196 — 200, engl. 
Übersetzung U, 3S1 — 385) zitiert, daß die wunderscheue Kritik dieser 
Erzählung gegenüber in großer Verlegenheit sei, da sie alle Quellen be- 
richten, diese auf Augenzeugen zurückgehen und durch ihre Abweichungen 
in Einzelheiten und Übereinstimmung in der Hauptsache ihre Unab- 
hängigkeit und Tendenzlosigkeit dartun. In the presence of this fact 
the pQisibiUty of inylh or invention is utterly inadmissible* Nun die 
Gerstenbrote des Johannes, auf die Weiß besonderen Wert legt, sind 
schon längst aus 2 Reg 4, 42. 43 erklärt, welche Stelle wie in andern 
Ausgaben, so auch in meinem N* T, am Rand steht. Über das Game 
aber fällt es mir wie Schuppen von den Augen, als ich in Lc 12 iinci- 
Tic^öv lese, und dazu die Bemerkung von Plummer: Here only in N. T*, 
but quite class. It is specially used of provisions for a journey; Gen 
XLn, 25. XLV, 21; JoshIX, 5. II; Judith U, iS, IV, 5; Xen. Anab. 
Ij 5- 9* Vn, I. 9. 'Etticitic^oc ist das gewöhnliche griechische 
Äquivalent für TT\^\ siehe außer den von Plummer zitierten at-lichen 
Stellen noch Ex 12, 39J Jos 9, 14; Jud 7, 8. 20, 10; Ps jj (78), 25 Itnn- 
TiCHÖv dir^creiXtv autoTc de nXrjc^ovnv; Aquila Ps 131 (132), 15; auch 



l86 Nestle, Zur neutestamentlichen Vulgata. 

bei Symmachus. Und wo findet denn die Speisung statt? in Beth-saida. 
Wehe dir Beth-saida! 

Und nun geht mir ein Licht auf — sollte es ein Irrlicht sein? — 
über das bisher noch nicht erklärte Chorazin: das ist nichts anderes als 
Umstellung des oben von mir vorausgesetzten chinzir (Plural chunazir 
Schwein). Umstellungen sind, wo Liquidae und Zischlaute in Betracht 
kommen, ja ganz gewöhnlich. Ich weiß, daß Chorazin in Keräzeh 
gesucht und mit einem talmudischen DM"13 gleichgesetzt wird Aber 
damit steht es sehr bedenklich; und hebr. TTH hat im Arabischen ein 
^ ch, in der Volkssprache hanzir, assyr. Ijumsiru; also macht auch das 
X keine Schwierigkeit. 



Zur neutestamentlichen Vulgata. 

Im Jahr 1710 veröffentlichte der Minoritenmönch Henricus de 
Bukentop — er nennt sich auf dem Titel in Academia Lovaniensi S. 
Theologiae Lector Jubilatus, Provinciae Germaniae Inferioris Exdefinitor, 
et actualis Custos Custodum — unter der hebräischen und lateinischen 
Überschrift Lux de Luce Bruxellis Typis Francisci Foppens (andere 
Exemplare, Col. Agripp., Wilh. Frießem) ein Werk in drei Büchern, in 
quorum primo Ambiguae Lectiones, in secundo Variae ac Dubiae Lec- 
tiones Quae in Vulgata Latina S. Scripturae Eklitione occurrunt, ex 
Originalium Textibus illustrantur, et ita ad determinatum clarumque sen- 
sum, certamque aut verisimiliorem lectionem reducuntur. Wegen des 
dritten: In tertio agitur de Editione Sbcti V facta anno 1590 multaque 
alia tractantur, quae (saltem pleraque) onmes hactenus latuerunt Theo- 
logos et S. Scripturae Interpretes — ist er bei den Protestanten am 
ehesten noch genannt. Aber das erste Buch, S. i — 125 des 536 Seiten 
starken Quartbandes ist besonders anziehend 

Schon in der Widmung fuhrt er aus, wie sich katholische Theo- 
logen, auch seines Ordens, um die Bibel verdient gemacht hätten; 
schreibe doch der Doktor Seraphicus an dnen ungenannten Magister 
über den h. Franciscus: audivi ego a fratre qui vidit, quod cum Novum 
Testamentum venisset ad manus ejus, et plures fratres non possent simul 
habere, dividebat per folia, et singulis communicabat, ut omnes studerent, 
nee unus alterum impediret. 

In der Praefatio fuhrt er aus Augustin (doct Christ. 2, 11) das 
Wort an: Linguae latinae homines duabus aliis ad Scripturarum Divi* 



F 



Nestle, Zur neutcstamemlichen Vulgatau 



187 



nanim cognitionem habent opus, hebraea scilicet et graeca, und zeigt 

dann an einer Reihe hübsch ausgewählter Beispiele, wie das Lateinische 
ohne Rückgang auf die Grundtexte an vielen Stellen doppeldeutig sei, 
und tatsächlich manchmal, z. B. in flandrischen und französischeo Bibel- 
übersetzungen mißverstanden worden sei; z. B. Joh 12, 35 Adhuc modicum 
lumen in vobis est; Gen 46, 22: Hi fiiii Rachel quos genuit Jacob, 
flandrisch: welcke Jacob gewonnen heeft Lc 22, 20 Hie est calix . . . 
in sanguine meOj qui (calix) pro vobis fundetur; flandrisch auf das Blut 
bezogen. 

Joh 3, 43 Nemo ascendit (Perfekt); belgisch: Personne ne monte; 
Niemant en klimpt. 

Joh 15, 23 non vocabitis; flandrisch niet bidden, statt fragen. 

I Fetr 3, 13 boni aemulatores; ob boni Maskulin oder Neutrum seL 

Im Text des Buches sind mehrere Hundert derartiger Stellen be- 
sprochen; die alttestaraentlichen lasse ich hier beiseite, doch soU wenig- 
stens im Vorbeigehen an die nette von Bukentop angeführte Erörterung 
Augustins aus de Gen. ad lit 8, 6 zu 2, 15 erinnert werden, ob die 
Stelle bedeute ut homo excoleret paradisum? an ut Dens honiinem in 
paradiso collocatum? Bei solchen Absichtssätzen, namentlich, wenn sie 
im Infinitiv ausgedrückt werden, ist ja das Subjekt häufig sehr unsicher 
(Wer ist z, B. Act 9, 15 Subjekt von toO ßacidcai? Jesus? Paulus? das 
Gefäß?) Ich beschränke mich hier auf das N. T., und bei diesem auf 
das erste Evangelium. 

Beim N, X beginnen die wirklich doppeldeutigen Stellen mit 

Mt I, 23 Ecce virgoj flandrisch Eene maghet, französisch Une 
vierge; es müsse aber heiÜen De maghet, La vierge. Hiermit ist der 
sprachpsychologisch sehr interessante Punkt berührt, wie eine Sprache 
ohne bestimmten Artikel auskommen konnte. 

Die nächste Stelle II, 16; Herodes occldit omnes pueros qui erant 
in Bethlehem et in omnibus flnibus eius, betrifll das doppeldeutige Ge- 
schlecht von eius; es sei nicht männlich, sondern weiblich; s* zu 6, 33 
justitiam eius (nicht auf regnum); Lc 2, 22* 

In 3, S fructum dignum poenitentiae sei das letzte Wort nicht Dativ, 
sondern Genitiv, wegen t^c M^'^ctvofac, was kein hinreichender Grund ist; 
umgekehrt Abrahae in V, 9 filios Abrahae Dativ nicht Genitiv i V. 13 
venit PräsenSj nicht Perfekt. 7, 22 virtutes sei nicht dperdG, sondern 
buvdjtietc; 8, 3 sei Volo. Mundare zu schreiben, nicht volo mundare, pas- 
siver Imperativ, nicht Infinitiv. 

Mangelhafte griechische Kenntnis verrät die Bemerkung zu 10, 16 




i 



l88 Nestle, Zur neutestamentlichen Vulgata. 

dK^paioi, simplices sei eigentlich incomuii, per a privativum ab K€paöc 
G)rnutus q. d. Sine comibus, inermes ad ulciscendum,- vgl. Luthers Ant- 
wort in Worms: ohne Homer und Zähne. 

12, 6 templo maior est hie, Ortsadverbium, nicht Pronomen; ebenso 
V. 41. 42 trotz Cornelius a Lapide. 

Zu 12, 31 wird die fabche Lesart der Sixtina Spiritus blasphemiae 
(= der Geist der Lästerung statt „die Lästerung des Geistes*^ be- 
sprochen, die eigentlich ins nächste Buch gehört 

13, 33 zu abscondit in farinae satis tribus warnt er ne quis idiota 
forte intelligat: sufficienter pro tribus alendis! 

V. 38 in filii nequam sei das letzte Wort Genitiv sing., in 44 invenit 
et abscondit beide Perfekta. Auch das wieder sprachpsychologisch lehr- 
reich, wie man mit solchen Formen auskam. Bei einzelnen unterscheidet 
die Länge oder Kürze des Vokals für das Ohr, aber wie die Schrift für 
das Auge? Z. B. gleich 20, 6 Invenit (eupev) Perfekt trotz des folgenden 
Präsens et dicit; Joh 16, 32: Venit hora etiam venit. 

V. 12 pondus diei et aestus; das letzte Wort nicht gen. sing., son- 
dern acc. plur. 

In 21, 5 Dicite filiae Sion, das mittlere nicht nom, plur. 

Zu 26, 13 Dicetur et quod haec fecit in memoriam ejus lautet seine 
Bemerkung: Non est sensus q. d. Dicetur Mariam Magdalenam hoc in et 
ad memoriam Christi fecisse, ut istud eitis ad Christum referatur, et quod 
sumatur adverbialiter. Sed est hie sensus: Narrabitur etiam hoc factum 
in memoriam Magdalenae, nam pro qtiod est in graeco pronomen 8 et 
pro eins femininum aÖTf]c. 

Das letztere ist sachlich selbstverständlich richtig; aber der zweite 
Teil seiner Negation daß quod nicht adverbialiter genommen werden 
dürfe, wird wenigstens von den offiziellen römischen Ausgaben widerlegt 
Denn diese drucken sämtlich die Sixtina von 1590, die Clementina 
von 1592 und die Quartausgabe von 1593 — die von 1598 ist mir nicht 
zur Hand — qubd haec fecit, und deuten durch diesen Akzent an, daß 
sie quod als Konjunktion, haec also als acc. neutr. plur. nehmen: „daß 
sie das getan hat", nicht: was diese getan hat Die meisten neueren 
Vulgatadrucke haben diese Akzente über quod cum usw. weggelassen; 
aber Hetzenauer war so korrekt sie wieder zu setzen, und in meiner dem- 
nächst erscheinenden Ausgabe werden sie sich auch wieder finden. Ob 
irgend eine katholische Übersetzung in eine moderne Sprache den von 
der offiziellen Vulgata geforderten Sinn gibt, weiß ich nicht Die von 
mir nachgesehenen tun es nicht (z. B. v. Eß, Allioli). 



r 



Nestle, Zur neutestamentLichen Vul^ta. 



189 



Daß diese Betonung des quöd nicht eine von mir ausgesonnene 
Finesse ist, beweist eine andere Stelle des gleichen Kapitels* Im Schluß- 
vers heißt es: 

Et recordatus est Petrus verbi Jesu, quüd dixerat. 

So drucken alle oben genannten römischen Ausgaben; aber Plantin, 
oder vielmehr sein Nachfolger Joh» Moretus 1605 quod, weil es im Grie- 
chischen heißt Toü (iripaTOC 1t]C0u dpr^icÖToc. Hier haben van Eß und 
AUioU „des Wortes, das"; Luthen „an die Worte Jesu, da er", iin Unter- 
schied von Mc 14, 65,' 

Diese Beispiele aus Mt mögen genügen, um zu zeigen, wie das La- 
teinische Neue Testament auch sprachlich recht lehrreich ist. Ich fuge 
nur noch Bukentops Bemerkung zu der oben angezogenen Stelle Lc 
2, 22 aUj weil Merx sie neulich in gleichem Sinn wie Bukentop miß- 
verstanden hat. 

Zu purgationis ejus schreibt Bukentop; 

Ne quis imperitus haec de Cliristo intelHgat, eo quod praecedentia etl 
sequentia, de ipso, non de B. Virgine faciant mentionem, sciat in giaecis ' 
pen^ mnnihiS €t melioribus esse aÖTf[C* 

In meinem Vortrag über den Textus receptus habe ich nach- 
gewiesen (Barmen 1903, S. 9C), daß bis jetzt keine, aber auch gar 
keine Hds. bekannt sei, die auific habe. Denn auch die Wiener {^6), 
die Gregory-Tischendorf lU, 206, Textkritik S, 927 nach Scrivener für 
diese Lesart anführt, hat in WirWichkdt nicht so, wie derselbe Gregory 
an einer andern Stelle beider Werke gezeigt hat (p. 484, 1267, S, 145). 
In Wirklichkeit gehört diese Lesart zum „spanischen Griechisch*- der 
Komplutenser Polyglotte; die graeca, von denen Bukentop redet, sind 
nur Druckausgaben.* Daß ihm zumal die plantinischen Nachdrucke der 
Komplutensis für besser gelten, ist ihm nicht zu sehr zu verdenken; 
daß er aber sagen kann in graects pe^te ommbus^ ist weniger gewissen- 
haft Vor Plantin scheint niemand die Lesart aus der Komplutensis 
wiederholt zu haben; nachher ist sie vom Rand des Stephanus in die 
Ausgaben Bezas und der Elzevire übergegangen und hat so allerdings 
bis 17 10 eine grolle Verbreitung gefunden. Selbst die englische AV hat 



t DaB wie im Latcmischen quod, so im Dculicheti „diis^' ebensogut ,iWas** als 
,,da.|^^ bedcutctt kommt bei manchen Stellen von Luthers Bibel Iti Frage; %. B. Mt 5» 2t 
llir habt gehört däs £u den Alten gesagt Ut; 6, 12 alles das üir wollet, das euch die 
Leute tna sollen; 18, ig; 23, 3; Mc 14, 58. 

2 Auch JoL "WeiBi Die Schriften des N. T.'i I, 397 redet i ehr mit Unrecht Ton 
„alten Zeugen" (in der MehTzah])| die noch diese Lesart haben sollen« 



IQO G. Krüger, Zum Streit der Apostelfürsten. 

sie ja aufgenommen und Luthers ,^hrer Reinigung** wird mancher in 
diesem Sinn mißverstanden haben. Seltsam, daß Reuß die Stelle nicht 
unter seine looo aufgenommen hat; so wären wir über ihre Verbreitung 
in den alten Drucken besser unterrichtet als wir jetzt sind. Bis jetzt 
gibt es noch keine einzige Ausgabe des griechischen N. T^, die das 
von D, Hieronymus, dem Sinaisyrer bezeugte aÖTOö in den Text gesetzt 
hätte. Da Wellhausen die ersten Kapitel in Lukas nicht berücksichtigt, 
kennen wir seine Stellung zu diesen Varianten nicht Die meisten Aus* 
gaben beruhigen sich bei dem auToiv der großen Mehrzahl der Hand- 
schriften; Blaß streicht das Pronomen ganz, was schon Bengel in einer 
textkritischen Anmerkung des Gnomon empfohlen hat, die wie viele 
andere dieser Art von den neuen Herausgebern dieses in den ersten 
Ausgaben unschätzbaren Werkes einfach getilgt wurde (s. meinen eben- 
genannten Vortrag). Wordsworth- White machen aus Tischendorfs vor- 
sichtigen, aber in seinem Schluß unrichtigen** (1624. 1633 al) aörnc 
cum /^rpaucis ut vdtr minusc (ut y6y^ das nach Vorstehendem noch 
unrichtigere „aörtjc min pauc". Daß die Lesart aus der Komplutensis 
stammt, sollte, beiläufig bemerkt, bei Tischendorf nicht fehlen. 

Fürwahr das lateinische Neue Testament verdient mehr Beachtung, 
als es bei uns protestantischen Theologen in Deutschland zu finden 
pflegt.« 

Maulbronn. 

Eb. Nestle. 



Zum Streit der Apostelfürsten. 

Der konservativen und der radikalen Vermutung (s. o. S. 1 36 ff.) lasse ich 
noch eine Notiz folgen. Die Auseinandersetzung zwischen Petrus und Paulus 
hat die Kirchenlehrer sehr viel beschäftigt Overbeck hat in seinem Baseler 
Programm von 1877: „Ueber die Auffassung des Streites des Paulus 
mit Petrus in Antiochien bei den Kirchenvätern** diesem Thema eine 
sehr ansprechende Studie gewidmet. Neuerdings ist aus den Briefen 



X Za der oben besprochenen Akzentuierung von Wörtern, wie qu6d cum usw. 
wird die Mitteilung interessieren» daß K. Steiff (der erste Buchdruck in Tübingen 1881, 
S. 32£.), auf Grund derselben den Nachweis liefern konnte, bei welchen Werken des 
bekannten Druckers Thomas Anselm Melanchthon als Korrektor tatig war. Die von 
Melanchthon überwachten Ausgaben haben diese Akzente, die andern nicht; z. B. 
Reuchlins defensio Ton 15 14, wahrend die noch von HUtebrant korrigierte Ausgabe von 
15 13 sie nicht hat: ex ungue leoneml 



r 



Ter-MinassiapU, Hat Irenäus Lc i, 46 Map idH oder 'EXcicdpcr gelesen? I91 

des um 823 gestorbenen nestorianischen Katholikos Timotheus I (ver- 
öffentlicht von O- Braun im Oriens christianus 2, 1902, i ff,) ein neues 
Zeugnis an den Tag gekommen. Da der Oriens christianus nicht all- 
gemein zugänglich ist, mögen die nicht uninteressanten Worte des 
wackeren Orientalen hier noch einmal abgedruckt werden; 

„Wenn Du (nämlich Rabban Peölön) Petrus und Paulus Häupter 
unseres Bekenntnisses nennst, sie die eher Diener als Häupter unseres 
Glaubens sind — denn Haupt und Vollender unseres Glaubens ist Jesus 
Christus allein — und (wenn Du) auf einen kleinen, zwischen ihnen vor- 
gefallenen Streit hinweisest, so stritten sie erstens nicht über die Ehe 
mit zwei Schwestern, sondern über die Reinheit der Verkündigung des 
Evangeliums, worin nichts von der Beobachtung des Gesetzes enthalten 
sein sollte» die Paulus genau, vor Allen und jederzeit lehrte und ver- 
kündigte, was Petrus entgegenkommend und nicht genau weder vor 
Alkn noch jederzeit tat. Zweitens wissen wir auch nicht, daß sie 
stritten. Sondern Paulus machte Vorwürfe und Petrus nahm sie bereit- 
willigst an. Streit ist aber dann, wenn iwei feindliche Häupter einander 
entgegentreten* Wenn aber der eine sich stark zeigt, der Andere nach- 
gibt, SD heißt das nicht Kampf*. 

Gießen, 

G, Krüger, 



Hat Irenäus Lc i, 46 Mitfndp^ oder 'EXsasdßBr gelesen? 

In der bedeutenden armenischen neuentdeckten Handschrift de 
IrenäuSp worin auch die armenische Übersetzung der bisher als verloren 
angesehenen Schrift des grollen Kirchenvaters Xotoc irpöc Mapmavöv 
€ic ^7rib€iliv Toü üTTocToXiKoO KripuTfiaTOC (Eus< h. e. V, 26) von Herrn 
Lic, Dr. ^ Karapet Ter-Mekerttschian entdeckt worden ist und deren 
Herausgabe mit der deutschen Übersetzung zusammen bald erfolgen 
wird, befinden sich auch die beiden letzten Bücher des großen Ketzer* 
bestreitenden Werkes desselben Verfassers. Bei der Arbeit des Unter- 
zeichneten mit Herrn Lic, Dr. Karapet Mekerttschian für die Heraus- 
gabe aller armenisch erhaltenen Schriften und Fragmente des Irenäus, 
steUte es sich heraus, daß auch der armenische Irenäus Buch IV, 7, i 




I Da^on handelt der Brief* Breiun bemerkt hierzu: „VgL Act tSr ^o« ^9 (<^a6 
Tropv€iac) icn ZusimmenbaJt^?] mit Gal i^ 11 f.*'. 



192 Ter-Minassiantz, Hat Irenäus Lc i, 46 Mapid|Li oder 'EXcicdßer gelesen? 

(Kapiteleinteilungen hat die Handschrift nicht) statt Maria „EliSabet** 
(so!) liest. Leider sind die ersten drei Bücher des armenischen Irenäus 
noch nicht aufgefunden, sodaß wir nicht sehen können, ob auch III, 10, i 
Elisabeth statt Maria steht 

Jedenfalls ist dieses neue Zeugnis für das Magnifikat als das Lied 
der Elisabeth sehr bedeutsam, da der armenische Text nicht etwa aus 
dem lateinischen, sondern allem Anschein nach aus dem syrischen über- 
setzt worden ist, sodaß wir hier ein syrisches bezw. griechisches Zeugnis 
vor uns haben, das die Lesart des Qaromontanus und Vossianus aul's 
stärkste bekräftigt 

Man darf also nicht etwa mit F. Spitta (Das Magnifikat, ein Psalm 

der Maria und nicht der Elisabeth. Theologische Abhandlungen, eine 

Festgabe für H. J. Holtzmann. 1902. S. 91) Irenäus ohne weiteres zu 

denen zählen, die das Magnifikat der Maria zuschreiben. Im Gegenteil, 

dieses neue Zeugnis lehrt uns, daß Irenäus aller Wahrscheinlichkeit nach 

das Magnifikat als das Lied der Elisabeth gekannt hat. 

Etschmiadsin. 

Lic. Dr. Erwand Ter-Minassiantz. 



21. 5. 1906. 



H. Boehmer, Zu dem Zeugnisse des Irenäus von dem Ansehen etc. 193 



Zu dem Zeugnisse des Irenäus 
von dem Ansehen der römischen Kirche. 

Von H. Boehmer in Bonn a. Rhein. 

Adv. Haereses III, 3, 2: Sed quoniam valde longum est in hoc tali 
volumine omnium ecclesiarum enumerare successiones, maximae et anti- 
quissimae et omnibus cognitae, a glohosissimis duobus apostolis Paulo 
et Petro Romae fundatae et constitutae ecclesiae eam quam habet ab 
apostolis traditionem et ännuntiatam hominibus fidem per successiones 
episcoporum pervenientem usque ad nos indicantes, confundimus omnes 
eos, qui quoquo modo vel per sibiplacentiam malam vel vanam gloriam, 
vel per caecitatem et malam sententiam praeterquam oportet coUigunt. 
Ad hanc enim ecclcsiam propter potentiorem principalitatem necesse 
est omnem convenire ecclesiam — hoc est eos qui sunt undique fideles — , 
in qua semper ab his qui sunt undique conservata est ea quae est ab 
apostolis traditio. $ 3 GcfieXiuicdvTec oOv xai oiKobo^1^cavT€C oi fiaKdptoi 
dTTÖCToXoi TT^v iKxXiidav ACvuj Tf|v TTic imcKOTTfic XeiTOupTtav ivexeipi- 
cav etc. 

Über diese Stelle gibt es eine ganze Literatur.* Zuletzt haben 
Hamack, Sitzungsberichte der Berliner Akademie 1893, p. 939 ff., Chap- 
man, Revue Bin^dictine 1895, p. 49ff., 1896, p. 385 ff., Funk, Kirchen- 
geschichtliche Abhandlungen und Untersuchungen 1897, p. 12 ff., darüber 
gehandelt, aber die Auslegung der drei Forscher differiert gerade an 
den Punkten, über die von jeher die Meinungen auseinandergingen. Man 



I Fast alle Herausgeber der Opp. Irenäus haben sich mit ihr beschäftigt, Feuar- 
dentius (1575), Grabe (I702\ Massuet (1710), Hanrey (1857). Thiersch hat Studien und 
Kritiken 1832, p. 5 12 ff., versucht, den griechischen Urtext in rekonstruieren. Außer 
ihm zitiere ich im folgenden noch Griesbach, Brevis commentatio de potentiore ecclesiae 
Romanae principalitate 1779. [Opuscula II, 151 sqq.] Gieseler, Lehrbuch der Kirchen- 
geschichte I3, p. 176 n. 6. Aus der übrigen Literatur hebe ich hervor: Hagemann, Die 
römische Kirche, 1864, S. 618. Schneemann, S. Irenaei de ecclesiae Romanae principatu 
testimoniom (Appendix inr CoUectio Lacensis t. 4. 1870). Langen, Gesch. der römischen 
Kirche I, p. l7oflf. Sohm, Kirchenrecht I, p. 380 f. 

Z«ttschr. f. d. BeutML Wits. Jahrg. VU. 1906. 13 



194 H.Boehmer, Zu dem Zeugnisse des Irenäus 



könnte sich darnach wohl veranlaßt fühlen, die Debatte über diesen locus 
classicus der Dogmatik und des Kirchenrechts als völlig unfruchtbar ab- 
zubrechen. Aber vielleicht beruht der Gegensatz der Meinungen darauf, 
daß man bei der Deutung der dunkeln Formeln und Ausdrücke nicht 
immer den rechten Weg eingeschlagen hat Vor allem hat man die 
verwandte Stelle IV, 26, 2 nicht oder nicht genügend bei der Inter- 
pretation verwertet, und auch den Sprachgebrauch und den Zusammen- 
hang der Stelle mit den folgenden Paragraphen bis c. 4, 3 nicht genügend 
berücksichtigt. 

Die angezogene Stelle IV, 26, 2 lautet: Quapropter eis qui in eccle- 
sia sunt presbyteris obaudire oportet, his qui successionem habent ab 
apostolis, sicut ostendimus, qui cum episcopatus successione Charisma 
veritatis certum secundum placitum Patris acceperunt: reliquos vero qui 
absistunt a principali successione et quocunque loco coUiguntur, suspectos 
habere vel quasi haereticos et malae sententiae vel quasi scindentes et 
elatos et sibi placentes aut rursus ut hypocritas, quaestus gratia et vanae 
gloriae hoc operantes. 

Die Stelle weist nicht nur ausdrücklich auf III, 3 zurück, sie berührt 
sich auch inhaltlich und im Wortlaute mit III, 3: cf. coUiguntur — colli- 
gunt; sibi placentes — per sibiplacentiam, vanae gloriae gratia — per 
vanam gloriam, malae sententiae — per malam sententiam, principalis 
successio — potentior principalitas. Daraus ergibt sich: die beiden 
Stellen gehören zusammen. Man muß versuchen, die eine aus der andern 
zu deuten. 

I. Quoquo modo — coUigunU In IV, 26, 2 steht dafür quocunque loco 
colligunty resp. coUiguntur^ se coUigunt. Da die beiden Sätze so ver- 
wandt sind, erwartet man in beiden denselben Wortlaut. Liest man 
mit allen Textzeugen III, 3 colligunt, so wird man auch in IV, 26, 2 mit 
dem Claromont colligunt lesen müssen. Zieht man in IV, 26, 2 die Les- 
art des Vetus Vaticanus und des Vossianus se coUigunt, resp. die Les- 
art des Arund. coUiguntur vor, so empfiehlt es sich auch in III, i se 
colUgunt, resp. colUguntur zu korrigieren. Aber auch für quoquo modo 
und quocunque loco darf man dann im Originale denselben Text voraus- 
setzen. Quoquo modo wäre wörtlich übersetzt tuxövti xpöiriiJ, quocunque 
loco TuxövTi TÖTTiii. TpÖTTOC und töttoc siud nun sehr leicht zu verwechseln. 
Man darf darum annehmen: im Originale standen an beiden Stellen die- 
selben Worte; ob tuxövti xpoiriij oder tuxövti töttuj, wird sich erst 
entscheiden lassen, wenn die Bedeutung von coUigere festgestellt ist. 
Thiersch übersetzt HI, 3, i coUigere mit cuWoT^ZecGai «= schließen, denken. 



r 



von dem Ansehen der rombeben Kirche. 



195 




Allein colligere kommt in dieser Bedeutung nie bei Irenäus vor. Es ist 
Ii 9» 3 =~ cuXX^Teiv, Ip 13, 2 =- cu^q)e(p£iv [Sammeln von Geld], I, 3, 5 
(Zitat) « cuvät^iv, III, ö, i, III, 12, 3 und 14, 3 = sammeln, d. i, ciivdreiv 
oder cuXX€T€tv. Das Wort wird also von dem Lateiner nie in über- 
tragenem Sinne und stets transitiv gebraucht. Auch das Substantiv 
callecHo kommt in der Bedeutung cuXXoTicpöc nicht vor. IV, 34, 4 be- 
deutet es soviel wie Zusammenfassung (cuXXaßfl, cuXXotti), Rekapitulation, 
Repräsentation (cuctacic), I, 4, i, III, 25, i bezeichnet es die cücraeic, das 
Gestaltgewinnen der CXq. Darnach empfiehlt es sich, auch hier an der 
konkreten Bedeutung 'sammeln' festzuhalten, dann mv& man aber auch 
in III, 3, I entweder caiiiguntur oder s£ cölUgunt lesen und qmqm tmdp 
in quQquo hcQ korrigieren, denn *an beliebigem Orte sich sammeln' 
ergibt einen besseren Sinn als 'als auf beliebige Weise sich sammeln*. 
Der Urtext würde also in III, 3, i etwa gelautet haben: KOtxoucxövo^tv 
wdvTOC ToOc Ti/xovn TÖTTui — napotcuXXero^^vouc, resp. trapacuvaTOMevouc. 
Zu deutsch; wir machen zu schänden alle diejenigen, die an 
beliebigem Orte sei's aus Eigenwilligkeit, sei*s aus Ruhm- 
sucht, sei's aus Verblendung oder wegen schlechter Ansichten 
Sonder Versammlungen veranstalten* 

Aber wie ist Irenäus darauf gekommen, seine Gegner so umstand* 
lieh und sonderbar %\x charakterisieren? Auch dieses Rätsel löst IV, 26, 2 
und ein Blick auf die entsprechenden adverbiellen Bestimmungen in 
ni, 3 per sibipiacentiam etc. Irenäus hat es darnach nicht nur mit Häre- 
tikern, sondern auch mit Schismatikern zu tun; per sibiplicentiam vel 
vanam gloriam bezieht sich auf Schismatiker, per caecitatem et malam 
sententiam auf Häretiker, In IV, 26, 2 unterscheidet er zuerst sogar 
drei Arten von Gegnern: haeretici, scindentes, hypocritae» und dann 
wieder zwei: haeretici und scindentes unitatem ecclesiae. Es fehlt ihm 
ein Sammelname, der all diese Gruppen umfaßt: Sektierer, atpctiKOi, kann 
er nicht sagen, da dpciiKÖc bereits den Nebensinn der Heterodoxie hat, 
also versucht er den Begriff 'Sektierer' in etwas umständlicher Weise zu 
umschreiben. AU jenen Gruppen ist es in der Tat gemeinsam, i. daß 
sie „a principali successione absistunt", daß sie keine Gemeinschaft halten 
mit den Bischöfen, resp. den Bischöfen der apostolischen Gemeinden, 
2. daß sie Sonderversammlungen halten. Sie sind alle Separatisten, 
Solcher Separatismus galt schon zu Beginn des 2, Jahrhunderts in Klein- 
asien für etwas Illegitimes, cf. Ignat, ad Smym. 8. Ende des 2. Jahr- 
hunderts konnte er daher recht wohl als typisches Merkmal alter un- 
kirchlichen und antikirchlichen Gruppen betrachtet werden. 

13* 



196 H. Boehmer, Zu dem Zeugnisse des Irenäus 

Ist der Separatismus das typische Merkmal insbesondere der Häresie, 
so ist das typische Merkmal der Rechtgläubigkeit der Gehorsam gegen 
die Bischöfe, IV, 26, 2, insbesondere aber des convenire ad ecclesiant 
Romanam. 

2. ad hanc ecclesiam convenire necesse est omnem ecclesiam, Thiersch 
hat diesen Satz wiedergegeben mit den Worten Trpöc raürnv Tt^v 
^KKXiicCav dvdTKTi iracav cujüißaiveiv iKKXricfav. Er behauptet 
also: convenire heißt hier übereinstimmen. Harnack stimmt ihm zu. 
Grabe, Neander, Langen und Funk verwerfen diese Deutung und schlagen 
statt dessen das konkrete zusammenkommen vor. Auch hier führt, 
wie mich dünkt, schon die Beobachtung des Sprachgebrauchs zu einer 
sicheren Entscheidung. Convenire ad wird in der Bedeutung überein- 
stimmen, zu etwas stimmen, passen nur gebraucht von Sachen, 
nie von Personen oder Personengruppen. Man sagt wohl pes convenit 
ad cothumum^ aber nicht Caesar convenit ad Crassum, sondern Caesar 
convenit cum Crasso, Man würde also, falls das Original den Begriff 
Übereinstimmung dargeboten hätte, statt ad hanc ecclesiam *cum hac 
ecclesic^ erwarten. Dazu kommt, daß der Lateiner anderwärts mit con- 
venire das Verb cuv^pxecGai, mit conventus das Substantiv cuvobfa 
wiedergibt, cf. III, 21, 2, III, 4, 2. Folglich ist aus sprachlichen Gründen 
auch hier cuv^pxecGai oder ein anderes, den persönlichen Verkehr 
zwischen Menschen bezeichnendes, Verb zu wählen, z. B. cuvicTacGai 
irpöc Tiva* denn cuvIpxecGai Trp6c * — lat. ad kommt sonst nicht vor. 
Griechisch würde der Satz also lauten: Trpöc xaÜTTiv Tf|V ^xxXiiciav 
cuv^PX€cGai (cuvicracGai) dvdrKT] Träcav* ^KKXnciav, TOurkTiv touc Travxa- 
XÖGev TncTOuc. Zu deutsch: mit dieser Gemeinde steht naturgemäß jede 
Gemeinde, das heißt die Rechtgläubigen aller Orte, in Verkehr. 

Aber gibt diese Auslegung auch einen vernünftigen Sinn? Wie 
denkt sich Irenäus in concreto dies Convenire der Rechtgläubigen aller 
Orte bei der ecclesia Romana? Diese Frage beantwortet er selber 
in, 4, I: si de aliqua modica quaestione disceptatio esset, nonne opor- 
teret in antiquissimas recurrere ecclesias, in quibus aposioli conversati sunt^ 
et ab eis de presenti quaestione sumere quod certum et re liqMdum estf 
Was von den apostolischen Gemeinden im ganzen gilt, gilt selbstver- 
ständlich in erster Linie von Rom. Als apostolische Gemeinde ist die 



1 Nicht irapd> denn irapd übersetzt der Lateiner mit apnd, cf. III, 21, 2, auch nicht 
€(c BS in ; möglich wäre jedoch auch ixd mit acc. 

• Tf)V irficav ^KicXiicfav — die ganze Kirche — hätte der Lateiner mit totam 
ecclesiam übersetzt. 



r 



von dem Ansehen der römisch en Kirche. 



197 




ecclesia Romana befugt und fähig, die apostolische Tradition zu be- 
zeugen, durch 'Wefstum' festzustellen, was apostolische Lehre und 
apostohscher Brauch ist. Diese Befugnis der römischen Gemeinde wird 
praktisch bedeutsam, sobald unter den Rechtgläubigen Streitigkeiten oder 
Zweifel über Fragen der Lehre oder Disziplin entstehen. In solchen 
Fällen haben die Rechtgläubigen von der römischen Gemeinde, wie von 
anderen apostolischen Gemeinden, sich darüber belehren zu lassen, was 
apostolische Lehre und apostolischer Brauch ist, oder die römische Ge- 
meinde um ein 'Weistum' zu ersuchen. Das Convenire ad hanc eccle- 
siam ist also nichts weiter als der recursus ad ecclesiam Romanam 
quaestione de fide aut disciplina mota. Es ist nichts als die logische 
Konsequenz (dvdtK^, necesse est) der Tatsache, daß die römische 
Gemeinde eine apostolische Gemeinde ist und als solche die Fähigkeit 
hat, festzustellen, was in der Zeit der Apostel in der Christenheit Rech- 
tens war. 

In welcher Weise die römische Gemeinde in concreto diese Fähig- 
keit bekundet, dafür führt Irenäus 3, 3 wenigstens ein Beispiel an: den 
I. Clemensbrief Durch diesen Brief hat die römische Gemeinde seiner 
Ansicht nach nicht nur den Frieden, sondern auch die Rechtgläubigkeit 
in Korinth wiederhergestellt, indem sie den Korinthern den ^rechten 
von den Aposteln ihr überlieferten Glauben bezeugte', also ein Weistum 
über den Glauben erteilte. Beispiele dafür, daß fremde Gläubige und 
fremde Gemeinden an Rom bei Streitigkeiten sich wandten, teilt er hier 
nicht mit, D^n Besuch des Polykarp bei Aniket erwähnt er 3, 4, aber 
nur um hervorzuheben, daß Polykarp in Rom durch sein Zeugnis von 
der apostolischen Wahrheit viele Häretiker bekehrt habe* Gleichwohl 
ist die Regel, die er aufstellt, nicht bloß ein Ideal, das noch seiner Ver- 
wirklichung harrt, sondern ein Ausdruck der herrschenden Praxis. Fremde 
Christen, die nach Rom kommen, lassen sich bereits damals von den 
römischen Bischöfen ihre Rechtgläubigkeit bestätigen, et Brief des Irenäus 
an Viktor, Euseb. bist ecch V, 24, 14. 15* Fremde Christen, wie Hege- 
sipp, reisen nach Rom, um festzustellen, was der rechte apostolische 
Glaube sei, Euseb IV, 22, 3. Andere, wie Polykarp» suchen in persön- 
licher Verhandlung mit dem römischen Bischof über Fragen des Glaubens 
und der Disziplin sich zu verständigen, ebda* V, 24, 16, Ja, es kam 
schon um 177 vor, daß ganze Gemeinden den römischen Bischof um An- 
erkennung ihrer bestrittenen Rechtgläubigkeit ersuchten, also faktisch zuge- 
standen, daß man bei Streitigkeiten über d^n Glauben sich an die römische 
Gemeinde wenden müsse, cf* Euseb V, 3, Tertullian adv* Praxean c. I. 



198 H. Boehmer, Zu dem Zeugnisse des Irenäus 

3. Worauf gründete sich diese Sonderstellung der römischen Ge- 
meinde? Irenäus antwortet: auf ihre potentior prindpalitas. Auch dieser 
vielumstrittene Ausdruck ist zu deuten nach der berühmten Parallelstelle 
IV, 26, 2. Hier ist von principalis successio die Rede und zwar ist eine 
solche prtndpaüs successio nach dem vorhergehenden Satze da vorhanden, 
wo die presbyteri successi<num habent ab apostolis. Wenn Irenäus einer 
Gemeinde das Attribut principalüas beilegt, so stellt er damit also fest: 
die Gemeinde ist von einem Apostel gegründet und eingerichtet, d. i. 
ihr erster Bischof ist von einem Apostel eingesetzt. Mithin besteht die 
principalitas der römischen Gemeinde darin, daß sie von Aposteln ge- 
gründet ist und ihr erster Bischof, Linus, von Aposteln sein Amt emp- 
fangen hat. Aber diesen Vorzug teilt die römische Gemeinde mit man- 
chen anderen Gemeinden, z. B. mit Smyma und Ephesus, cf. III, 3, 4, 
Wenn Irenäus ihr also eine potentior principalitas zuschreibt, so erkennt 
er ihr unter den apostolischen Gemeinden sichtlich einen Vorrang zu: 
ihr eignet nicht bloß 'Apostolizität', sondern potenzierte Apostolizität. 
Aber worin besteht diese potenzierte Apostolizität? Darin, daß sie nicht 
bloß einen, sondern zwei, und zwar die beiden hochberühmten Apostel 
Paulus und Petrus als ihre Gründer betrachten darf. — Diese Auslegung 
wird nicht nur durch den Kontext gesichert, sie entspricht 2. auch der 
Bedeutung, welche Irenäus dem Apostolat beilegt, und 3. der Wert- 
schätzung, dessen sich die 'potenzierte Apostolizität* der römischen Ge- 
meinde bei einem Leser und jüngeren Zeitgenossen des Irenäus, bei 
TertuUian erfreut. TertuUian preist de praescr. c. 36 die römische Ge- 
meinde als eine besonders glückliche Gemeinde, weil nicht weniger als 
drei Apostel ihr mit ihrem Blute die rechte Lehre gespendet haben, 
Paulus, Petrus und Johannes. Im gleichen Sinne schreibt er ad Mar- 
cionem IV, 5 : videamus, quid etiam Romani de proximo sonent quibus 
evangeUum et Petrus et Paulus sanguine suo signatum reüquerunt. Hier 
zeigt das betonte et — et ganz deutlich, daß die Abendländer damals in 
der Tat in der Gründung der römischen Gemeinde durch zwei Apostel 
einen besonderen Vorzug erblickten. 

Der Sinn des Ausdrucks potentior principalitas ist darnach ganz klar. 
Wie er im griechischen Originale gelautet hat, wage ich nicht zu ent- 
scheiden. Thiersch übersetzt öiaqp^pouca irpurrefo, Harnack schlägt vor 
ixav^T^pa auGevrfa. Funk bemerkt mit Recht, daß der Ausdruck 
auOevTia in den Parallelstellen I, 26, i und I, 31, i sich auf ein con- 
cretum,, das höchste Wesen, beziehe und iKav6c nur hier mit potens 
übersetzt werde. Er verzichtet daher auf eine Rekonstruktion des 




griechischen Textes und ich halte es für das beste, seinem Beispiele 
zu folgen, 

3* Der Relativsatz in qua sanper ab his gm sunt undique conservata 
est ea quae esi ab apostoUs traditio. Bezieht sich dieser Satz auf ad 
kam €€ciesiamy also auf die römische Gemeinde, oder auf mnnem tccle- 
siam, koc est qui sunt undique ßdeies? Gieseler^ Thiersch, Harvey, 
Harnack, Funk entscheiden sich für die letztere Möglichkeit Ausschlag- 
gebend sind für sie alle die Worte ab his qui undique sunt. Die hi 
qui undique sunt können keine anderen Personen sein, als die eben vor- 
her genannten /// qui sunt undique ßdeies, die reclitgläubigen Christen 
aller Orte, die zusammen die omnis ecclesia, die Gesamtchristenschaft 
im Gegensatze zu den einzelnen Ortschristenschaften bilden. Aber ergibt 
sich bei dieser Deutung ein erträglicher Sinn? Irenäus hätte darnach 
behauptete die rechtgläubigen Christen aller Orte sind die Garanten 
der apostolischen Tradition, Das ist ein Gedanke, der ihm durchaus 
nicht geläufig ist und hier auch gar nicht in den Zusammenhang paßt. 
Irenäus kommt es hier gerade darauf an festzustellen: die presbyteri der 
apostolischen Gemeinden sind die Garanten der apostolischen Tradition, 
und zu dem Zwecke geht er gleich im nächsten Satze mit einem oöv 
zu der römischen Bischofsliste über, die er als hervorragendstes Beispiel 
einer successio principalis in extenso mitteilt Die Worte ab his qui 
undique sunt zerreißen also den Zusammenhang. Statt ihrer erwartet der 
Leser eine Wendung wie: ab /ds qui snccessione^m kabetit ab apastöiis. 
Aber vielleicht wird das Sätzchen klarer, wenn man in qua etc. mit der 
Mehrzahl der bisherigen Ausleger auf ad iiaptc ecciesiam, also auf die 
römische Gemeinde bezieht Dann würde Irenäus behaupten: in der 
römischen Gemeinde ist die apostolische Tradition immer von den 
Christgläubigen aller Orte bewahrt worden, Das ist ein völlig wider- 
sinniger Gedanke* Darum hat man die Worte ab his qui sunt undique 
durch Umdeutung abzuschwächen gesucht- Man behauptet i die hi qui 
sunt undique sind die auswärtigen Christen, die nach Rom kommen, um 
sich über den Glauben zu erkundigen oder um über eine disziplinare 
Streitfrage mit der römischen Gemeinde zu verhandeln. Allein diese 
Deutung verträgt sich i. nicht mit dem Ausdrucke qui sunt undique, 
man würde für sunt dann veniunt oder ven^ruut enA*arten; 2. ist es nicht 
gestattet, qui sunt undique anders zu verstehen als vier Worte vorher, 
qui sunt undique ßdeies^ wo es bedeutet die rechtgläubigen Christen 
aller Orte* 3* Wenn das Relativ in qua die römische Gemeinde be- 
zeichnet, so kann unter den /// nur eine bestimmte Gruppe inner- 



200 H. Boehmer, Zu dem Zeugnisse des Irenäus 



halb der römischen Gemeinde verstanden werden, der als ständige 
Funktion die Bewahrung der apostolischen Tradition zukommt 4. Auch 
bei der Beziehung des Relativs auf die römische Gemeinde erwartet man 
statt ab his qui sunt undique eine Wendung wie ab his qui successionern 
habent ab apostoUs. Denn die successio apostolica der römischen Bischöfe 
ist nach % 3 der Beweis dafür, daß in der römischen Gemeinde die una 
et eadem vivificatrix fides aus der Z^it der Apostel bis auf die Gegen- 
wart sich eiiialten hat und unverfälscht überliefert worden ist. Sie be- 
gründet also die Behauptung, daß die rechtgläubigen Christen aller Orte 
an die römische Gemeinde sich anschließen müssen. In summa: Auch 
bei der Beziehung des Relativs auf die römische Gemeinde scheitert die 
Auslegung des Satzes an den Worten ab his qui undique sunt 

Angesichts dieser Tatsache haben schon Gieseler und Griesbach 
vermutet, daß der Text an unserer Stelle nicht in Ordnung sei. Gries- 
bach nimmt an: das griechische Original bot ^v ijj oder iqp ijj »= prop- 
terea quod. Der Übersetzer schrieb dafür in quo, die Abschreiber ver- 
standen dies in quo nicht, sie setzten dafür in qua, weil sie das Relativ 
falschlich auf hanc ecclesiam oder omnis ecclesia bezogen. Irenäus hätte 
dann behauptet: weil die Rechtgläubigen aller Orte die apostolische 
Tradition immer rein bewahrt haben, müssen alle rechtgläubigen Christen 
mit der römischen Gemeinde übereinstinmien: ein völlig widersinniger 
Gedanke! Diese Konjektur ist also zu verwerfen. Dagegen hat Grieseler, 
wie mich dünkt, den Sitz des Schadens richtig erkannt. Er sucht ihn 
in den Worten ab his qui sunt undique. Er behauptet: das Original bot 
dafür: ToTc iravTaxöOev. Dies übersetzte der Lateiner grammatisch 
richtig, aber dem Sinne nach unrichtig mit ab his, als hätte Irenäus ge- 
schrieben ÖTTÖ TUiV TiavTaxoGev. Irenäus hätte dann behauptet: in 
der römischen Kirche ist immer in der Gemeinschaft mit den Gläubigen 
aller Orte die apostolische Tradition bewahrt worden. Diese Konjektur 
ergibt einen erträglichen Sinn. Allein i. ist ein solcher grober Über- 
setzungsfehler dem Lateiner nicht zuzutrauen, 2. wäre der Satz gram- 
matisch nicht richtig gebildet: Irenäus hätte dann wohl gesagt, J) dei 
ToTc iravTaxöGev cuvTenipiiKe t#|v dirö toiv dTTOcroXuiv Trapdöoav. 

Ich denke daher nicht an einen Übersetzungsfehler, sondern 
an einen Fehler in der Überlieferung des Textes. Es fällt auf, 
daß die Phrase qui sunt undique zweimal hintereinander in einem 
Satze vorkommt. Ich nehme an, daß sie an der zweiten Stelle ver- 
sehentlich durch den Abschreiber wiederholt worden ist: bekanntlich 
ein sehr häufig vorkommendes Versehen. Statt ab his qui sunt undique 



von dem Ansehen der römischen Kirche. 20I 

konjiziere ich, war ursprünglich zu lesen, ab his qui successionem habent 
ab apostoUs. 

Diese Konjektur paßt i. sehr gut zu dem Zusammenhang, 2. ent- 
spricht sie durchaus der Anschauung des Irenäus, daß die presbyteri 
der apostolischen Gemeinden die Garanten der apostolischen Tradition 
seien. Das Relativ in qua kann man dann sowohl auf hanc ecclesiam 
wie auf omnem ecclesiam beziehen: in beiden Fällen ergibt sich ein 
erträglicher Sinn. Aber näher liegt doch nach dem Zusammenhang die 
Beziehung auf die römische Gemeinde. 

Den Versuch, den griechischen Text der Stelle zu rekonstruieren, 
halte ich für aussichtslos. Auch eine Übersetzung ins Deutsche ist 
meines Erachtens nicht gut möglich. Ausdrücke wie potentior princi- 
palitas, successio ab apostolis lassen sich nicht übersetzen, sondern nur 
umschreiben. Darum fasse ich die Ergebnisse dieser Untersuchung 
lieber nicht in einer Übersetzung, sondern in einer Paraphrase des Textes 
zusammen. 

„Weil die römische Gemeinde nicht bloß von einem, sondern von 
zwei und zwar von den hochberühmten Aposteln Paulus und Petrus ge- 
gründet worden ist und ihre Institutionen erhalten hat, so versteht es 
sich für alle rechtgläubigen Christen von selber, daß sie zu dieser Ge- 
meinde sich halten. Denn in ihr ist durch die Personen, welche in un- 
unterbrochener Reihe seit den Tagen der Apostel das Episkopenamt 
bekleidet haben, die apostolische Lehre immer bewahrt worden. Das 
bestätigt (oöv) die folgende Liste: nachdem sie die Gemeinde gegründet 
und eingerichtet hatten, übertrugen die seligen Apostel die Funktionen 
der Gemeindeleitung dem Linus usw." 



[Abgetchlotsen am 14. Juli 1906.] 



202 R. H. Connolly, The early Syriac Creed. 



The Early Syriac Creed 

By Dom R. H. Connolly, Cambridge. 

It is my purpose in the following pages to try and throw some 
light on the subject of the early Syriac Creed, L e. the Syriac Creed 
before it came under the influence of the Nicene and post Nicene de- 
finitions. The documents upon which I shall mainly rely for evidence 
in this matter are, i. the Homilies of Aphraates,' 2. the Acts of Judas 
Thomas (ed. Wright), and, 3. the Doctrine of Addai (ed. Phillips). 
Cureton's Ancient Syriac Documents will also be referred to, as well as 
some works of a later date. 

For an adequate treatment of the subject a thorough examination 
of St Ephraim's works and of the early Martyrologies would be 
essential; but, though I have not attempted this, I have hopes that the 
present study may prove of use, if only to point out some clues which 
it would be worth the while of a cbmpetent scholar to follow up. 

In date the Homilies of Aphraates are post-Nicene (A. D. 337 — 345). 
But I think their teaching has been shewn to be quite independent of 
Nicene language; and any traces of a Creed-formula found in them may 
safely be set down as ante-Nicene. The Acts of Thomas are now re- 
cognized to be an original Syriac composition, thanks to the acute 
criticism of Professor Burkitt, and not a translation from the Greek, as 
Wright thought. When they received their present form is not known; 
but even Dr. Wright, whilst regarding the Syriac as a translation, 
assigned the text, as we have it, to the 4th Century. In regard to the 
Doctrine of Addai^ its theology has been pronounced post-Nicene. 
However my working base is Aphraates, and I shall only admit the 
testimony of other writings in so far as they bear out the language of 
the Homilies. If we find in Aphraates creed-like passages, agreeing in 
general character with early Creeds known to us — especially Greek 



* References will be to Parisot*s ed., PcUroL Syr,, L; but for Hom xxiii (wanting in 
Par.) to Wright's ed. 



Creeds— and at the same time displaying marked individual peculiarities; 
and ifwe find these peculiaritles reproduced consistently in other Syriac 
writings, and even in formulas of Faith, there wiD be a strong prima 
fade presumption that the passages in Aphraates contain allusions to 
an actually exrsling SymboL* 

I sball give below three tentative reconstructions of the Syriac Creed» 
from Aphraates, the Acts of Thomas^ and the Doctrine of Addai re- 
spectively, citing before each the passages upon which I rely as evidence. 
To these will be added a few more or less formal Statements of Faith 
of later date, viz,, one from PhUoxenus, a couple from Isaac of Anlioch, 
and an extract from an 'Apology conceming the Faith*, which forms 
part of the upper writing of Cod, Sin. Syn, and would seem to belong 
to the later Sth or the 6th Century (see Mrs, Lewis' Introd. to The Four 
Göspels in Syriac^ pp. vüifl'J- 

But I must first draw attention to what I believe to be a misreadtng 
of the evidence in Aphraates, Towards the end of the first of the 
Hümiiies, that on Faitli, we read as foUows (I giwt the passage in 
Professor Burkitt's translalion; Eariy Eiistern Christaniiy^ p. 48): the ttalics 
are my own, and will be explained below): *For this is Faith: — VVhen a 
man shall believe in God^ the Lord of a//, That made the keavms and 
the earth and the seas and all that in thtm is^ Who made Adam in 
His image, Who gave the Law to Moses, Who sent of His Spirit in 
the Prophets, Who sent His Messiah into the World; And that a man 
should believe in the br inging to life of the dead, and believe also in 
ihe mysiery of ßaptism : This is the faith of the Church of God. And 
that a man should separate htmself from observing hours and sabbaths 
and months and seasons . . . These are the works of the Faith that is 
laid on tlie Trye Rock, which is the Messiah, upon whom aU the building 
doth rise* (Hom 1, 19)» 

This passage, as far as the word *Baptism' (inclusive), is thonght 
by Bert» Hahn and Burkitt to comprise the text of Aphraates' Symbol 
of Faith. Kattenbusch, on the other band {Das Apostolische Symboi^ i, 
p. 249), thinks there is nothing in the Homiiies that indicates knowledgc 
of a Creed* In regard to the first of tliese posilions, I do not think we 
can takc Aphraates quite so strictly at his word as to conclude that, 
when he says 'this is the Faith\ he undertakes to write out the text 



1 In what foUowE I use the words 'SymboF and 'Creed* in the sanie sensCf to 
lignify generolly a fixed formula of F&Uh. 




204 ^- W- Connolly, The early Syriac Creed. 

of his Creed. Anyone who was inspired by the title of the first Homily 
with the hope of Hearing from the writer a Statement of his doctrinal 
Position would be doomed to disappointment: until he has almost 
reached the end he does not dwell upon a single article of belief — not 
upon the unity of God, not upon the Messianic character of our Lord, 
not upon Baptism, not upon the Resurrection of the dead. He is con- 
sidering Faith from a totally different point of view. Faith, he says, is 
like a building, and Christ is its foundation; and since Christ also is to 
dwell in the building, it must be furnished with suitable adornments, to 
wit, good works, of which he gives a considerable list 

Thus Faith is treated entirely from the moral Standpoint, as one of 
the virtues; precisely in the same way as the writer goes on in Homilies 
ii, iii and iv to treat of Charity, Fasting and Prayer. I prefer, therefore, 
to look upon the passage as a short summing up of the whole arg^- 
ment, wherein Aphraates' mentions a few of the leading articles of the 
Faith only to set overagainst them a list of moral obligations — the works 
of Faith. Regarded as a formal statement of Faith it is altogether in- 
adequate to represent Aphraates' teaching on the fundamental truths 
of Christianity. If the Homily on Faith were all we had of his writings 
we should know next to nothing of his real doctrinal position. 

But there are literary considerations as well which teil against the 
view that the passage in Hom i, 19 is a very ancient Symbol of Faith. 

The apocryphal correspondence between St. Paul and the Corin- 
thians, which was embodied in the Acts of Paul (cf Schmidt, Acta Pauli, 
p. 73ff.)> was received as part of the Syriac N. T. in the time of Aphraates 
and St. Ephraim. The latter commented on it together with the Pau- 
line Epistles.' Moreover the passage from Letter II (Paul to the Corin- 
thians) where it is said that "the Lord Jesus was bom of Mary [the 
Virgin]', who was of the seed of David", is quoted by St. Ephr. {Com. 
in Evang.^ Moes., p. 16), and by Aphraates (xxiii, Wright, p. 472), as 
the testimony of "the Apostle". The sentence, "He distributed and sent 
of His Spirit in the prophets", is citcd by Aphr. in Hom vi, 12: "And 
the blessed Apostle said: Grod divided of the Spirit of His Messiah and 
sent (It) in the prophets" (see Harnack, Gesch, der Altchrist. Lit.^ i, 



« S, Ephr. Syri Com, in Epist, D, Pauli (a Lat. transl. from the Armeniao, by the 
Mecbitarist Fathers of Vcnicc), p. 117 ff. 

a I quote from the Lat. transl. of an Armenian MS., givcn by the Whistons at the 
cndjof thcir Mosis Chorenemis HisU Armen. The Acta Pauli and Ephr. (Moes., p. l6, 
Üom, in Paul,, p. 120) om. "the Virgin". 



f 



R. H, Contjolly, The early Synac Creed. 



aos 



p* 3$)- It may be added that SS '^ ^^^ '3 ^^ ^^ same Homily contaia 
clear references to this passage, It seems certain, therefore, that in the 
''creed"-passage (Hom i, 19) the words "and He sent of His Spirit in 
the prophets" are a quotation from the same source/ 

This literary connection between Aphr i, lg and the pseudo-Pauline 
letters leads us on to a comparison of the contents. 

In the lettcr of the Corinthians to Paul the Apostle is tnformed that 
certain men had come to Corinth teaching; r* that the prophets ought 
not to be read; 2, that God is not almighty; 3» that there is no resur- 
rection of the fiesh; 4, that man was not created by Godj 5. that Christ 
was not bom in the flesh of Mary the Virgin; 6, that the oniverse was 
not the creation of God, but of some angcL The Apostle, in his answer, 
assertsi J. that "the Lord Jesus was born of Mary [the Virgin], who 
was of the seed of David, according to the announcement of the Holy 
Spirit, sent to her by the Father from heaven"; 2, that man was created 
by the Father; 3. that "God, who is the Lord of all, the Father of our 
Lord Jesus Christ, who made the heaven and the earth, 4. sent first the 
prophets to the Jews , . . (andj distributed and sent of His Spirit in the 
prophets" j 5. that "those who say that neithet heaven nor earth is the 
work of God» the Father of aU", are "sons of wrath"j 6, that those who 
say that there is no resurrection of the flesh *'shall not themselves rise 
up unto lifc everlasting'*. Tlie possibility of the resurrection is then 
illustrated by examples: the seed sown in the earth; Jonah preserved in 
the belly of the fish; the dead raised through contact with the bones 
of Elisha; the dead raised by Eüjah. 

Aphraates^ in i, 19, says that the Faith demands belief in God as 
I. Lord of all, 2. and Creator of the universe, 3. and Creator of man, 
4, and giver of the Law and inspirer of the prophets» 5. and sender of 
the Messiah into the world; and 6. in the resurrection of the dead, The-i 
Statement of the virgin birth is omitted (but, as we have seen, is formally 




^ It may be that the opening words of the "creed*'-passaße in Apbr. are a remi- 
nUcence of ps.-f'aul v. 11: '^God, who is the Lord of all > . . who made the heaven 
and the eaith'*. In yiii, ti Aphr. dtes the niirades wrougbt hy Elijah, and by Üie 
bonea of Elisha, id defence of the resurrectioTi ; similarly ps^Fanl- Compare al^^o Aphr, 
vilij J9: "It were well för them if tbey did not rise, according to their belief "^ with 
ps.-Paul V. 34: qui dicant non esse tesuTTectionem camis, illi quidero non sunt resurrectari 
ad uitam actcrnam; and Aphr* viü, 25: *^eceive and believe that tn the day of thej 
resurrection thy body shall arise in its entirety^', with pa,-Paal v, ja: qyanto magis* 
TOS . . . Ulo die resurgetii, integro corpore* 1 nunsber the iw, for conveniencc a$ in 
Haroack's text# 



2o6 R. H. Connoiiy, The early Syriac Crced 



quoted in Hom xxiii), and belief in Baptism is added. Apart from 
these two points the resemblance is a strildng one. Now the false 
doctrines said to have been taught in Corinth are stated by Ephraim 
to have been those of the school of Bardaisan. After enumerating the 
different headings of heretical teaching, he says: "Now this is the 
teaching of the Doctors of the foUowing of Bardaisan; and so it is that 
the Daisanites did not place this letter in their Apostle** (Com, in Paul^ 
p. II 8).. May not this very well supply the raison (Titre of the stränge 
"Creed" of Aphraates? A friend had written to him for instniction on 
the Faith; and Aphraates must, it seems to me, have had a special 
reason to State the Faith for him in the light of the errors of a parti- 
cular school: probably that of the Syrian Bardaisan. However this may 
be, the fact that the passage in Hom i, 19 contains a quotation from 
the apocryphal letters and shows also a close agreement with their 
argument must greatly discount its claim to represent the Creed of 
Aphraates' Church. It points to the conclusion that the passage was 
composed by Aphraates himself; and, although it doubtless contains ex- 
tracts from, and is thrown into the form of, a Creed, the Contents are 
due to his selection. 

Are there any traces of a more elaborated Creed in Aphraates? 
I believe there are; and I proceed to transcribe a number of passages 
in Support of my view. The words, or clauses, in italics will be drawn 
upon in the ensuing attempted reconstruction. 

1. For this is Faith . . . mystery of Baptism (cited above, p. 203). 

2. He is the PirsUbom Son, the offspring of Mary: let us receive 
His littleness, that we may rejoice in His greatness; and He it is that 
suffered and üved (again) and ascended to the height: let us believe in 
Him in truth, that we may receive His Coming; and He is the Judge 
of the dead and the üvingy who sitteih upon the throne and judgeth all 
generations (xiv, 39). 

3. Nevertheless it is affirmed by us that Jesus our Lord is God, Son of 
God^ King, Son of the King, Light from Light, Son,* and Counsellor, 
and Guide, and Way, and Saviour, and Shepherd, and Gatherer, and Door, 
and Pearl, and Lamp; and by many (such) names is He sumamed; but 
we shall leave aside all (the rest) of them, and prove conceming Him 
that He is the Son of God^ and God who from God came forth (xvii, 2). 

« Syr. f^ld. Parisot and Gwynn transiate •Creator*, as if it wcre Bari; bnt 
•Creator' would natnrally be Bäryä, or Bäriyä, and since Aphr. does not elsewhere 
ascribe creation to the Son it seems necessary to read the word as Brä *Son'. 



r 



R, H. CoBnollf 1 The early Symc Creed 



207 



4, But for US, we afHrm that Jesus is Güd^ Söh ^f Gad (xvii, 8). 

5, This brief argument I have written for thee, beloved, that thou 
mayest make a defence against thejews concerning this, that they say 
that God has no Son, and concerning this, that we call Hirn God, Sm 
üf Güd, and King^ and Firsi-Bont qf all creatures (xvii, 12). 

6, Though He is God^ and the San of God, yet He took the likeness 
of a ser^ant (vi, 9)* i 

7, He is our lifegiver, cur Lord y^sus Christ, who came and put an 
our manküüd^ and suffered^ and was tempted in the itod^ wkkh He took 
from US (iii, 16). 

8, Joseph's father put on him a priestly tunic, and Jesus* Father pui 
on Him a body from the Virgin (xxi, 9). 

9, And when Jesus, the slayer of Death, came and pui on a body 
from the seed of Adam, and was cruäfied in His Body, and tasted 1 
death, and when he (Deatli) perceived that He had c^me down unSa 
kirn, he was shaken from his place and agitated when he saw Jesus 
(xxii, 4)* 

10, Because Mordecai sat and put on sackcloth He delivered Esther 
and her people from the sword; and because Jesus put on a bod}\ and 
humbkd Himself^ He delivered the Church and her sons from death 
(xxi, 20) ■ 

ii^ And Jacob begat Joseph, and Joseph was called father to Jesus 
the Messiah, And Jesus was born from Mary tht Virgin of the seed 
of t/i€ house of Davide from ihe Holy Spirit, as it is written : Joseph and 
his betrothed were both of the house of David;* and the Apostle beareth 
witness: Jesus the Messiah was (t^öoo) from Mary, of the seed of the 
house of David, by t/te Hoiy Spirit/ Joseph was called father to Jesus 




1 The read in g of the Old Syr. in Lk ii^ 4; see BarkitV Evan^^U&n D^'M^hamskt* 
voL i, p. 355, 

3 As alreadjr stated, thta quotation is from Che psettdo^Patillne letter to the Coiia* 
thiäüs. But io the letter tbe inention of the Holy Spirit is introdiiced differervtlyi ic- 
cundum aniiuiiciationem Spifitus Sancti, a Patre e coclo in eam missi: ef, Ephr. in hr, 
Again Aphraates gives the pa^sage twicc over; the ürst time not as a dircct quotation 
from the Apostle, whom he pfoceeds to cite in support of his Statement In this first 
passage he introduces "the Virgin'*, which apparently was not in hia text of "the Apostle ^\ 
Were we dealing with a Greek writer of, say, the jrd cent,, wc *hould not he si täte to 
characteriae these changes as approjtimations to the language of a Creed. And as 
I am perttiaded on indcpendent gronnds that Aphfaates was acquainted with a Creed 
which foUowed ibe general llnes of early Greek formulas, I shall fcel justified in inserting 
tHs passage provisionallj in my reconstnictton of his Creed. The idea that Maiy 
was of the seed of David appcars to be connected with the langnage of a Creed by 



208 R. H. Connolly, The early Syriac Creed. 



although He was not born of his seed; but the name of fatherhood was 
passed down from Adam to Joseph, sixty-three generations; and the 
name of fatherhood was taken from Joseph and laid upon the Messiah. 
From Joseph he received the name of fatherhood, and from John the 
name of priesthood, and front Mary He put an a body^ and received the 
name of birth (xxiii, Wright, p. 472). 

12. Of all (men) born, who have put on a body, one alone is innocent, 
even our Lord Jesus Christ (vii, i). 

13. For our Lord suffered and rose and dieth now no more (xü, 13). 

14. He was delivered from destruction, and wentup from the tnidst 
of Sheol, and lived (again), and rose the third day (xvii, 10). 

15. Joseph's brethren cast him into a pit; and Jesus' brethren sent 
Hirn down to the place of the dead (K'Äüw iv^sA) (xxi, 9). 

16. They cast Daniel into the pit of lions, and he came up from 
the midst thereof acquitted; and Jesus they sent down to the pit of th^ 
place of the dead, and He came up, and death had no authority over 
Him (xxi, 18). 

17. Ananias and his brethren were cast into a furnace of fire, and 
it became cool as dew upon the righteous (men); and Jesus went down 
to the place of darkness, and broke the gates thereof and brought out 
the prisoners (xxi, 19). 

18. Thou didst send Him down to Sheol when we constrained Thee 
not (xxiii, Wright, p. 488). 

19. When our Saviour went down to the place of the dead He 
quickened and raised up many (vi, 13). [xii, 6, 7 is devoted to proving 
that Christ was three days with the dead (r^Aiiöa Jus)]. 

20. But Christ is not fallen, because He rose t/te third day (v, 9). 

21. Moses went up into the mountain and died there; and Jesus 
went up into heaven, and sat on the right hand of His Father (xxi, lo), 

22. Elijah went up in a chariot to heaven; and our Saviour went 
up and sat on the right hand of His Father (xxi, 14). 

23. For Christ sitteth at the right hand of His Father . . . He sat 
on the right hand of His Father (vi, 10). 



Isaac of Antiocb (Bickell, iii; Bedjan, Ixiv): "Fire from Fire {nürä men nürä, clearly a 
pun on nührä men nührä, "Light from Light") came down, flame tabernacled in flesh: 
even God from God, in a woman of the kouse of Damd'*\ Again, in the exposition of the 
Faith fonnd in the over-writing of Cod. Sin. Syr. the Incarnation is thus described: "And 
He came down from His heavenly throne, without separating from the hidden bosom 
of His Father, and dwelt in the pure womb of a holy and glorious virgin, our Lady 
Mary, the God-bearing, she who was of the seed of the house of David'*'* (below, p. 222). 

I. 8. Z906. 



F 



R. H; ConnoUy, The eariy Syriac Crced. 



309 



24. Something of Christ is in us, yet Christ is in Heaven at the 
fight hand of His Faiktr (vi, 12). 

25- Jesus Christ is Lord unto the glory of God His Father, and is 
become Judge and Lcrd of the dcad and the living (xiv, 31). 

26. Because He knew tliat God is King and ^udge of the dead and 
ty äving (xxii, 2). [cf. passage 2,] 

27. And they that are circumcised in heart are alive, and are cir- 
cumcised for the second time at the true Jordan, the Bapfism qf r€- 
mission of stns (xi, ii). 

28- Know then, beloved, that the tapüsm of yohn did not assure 
rsndsswn of sins, but (only) repentance (xii, 10). 

The following passage, though there is nothing to connect its 
language with a Creed, is important for the study of Aphraates' theology: 

We worship Thee (vA, perhaps read v^, *in Thee') (and) the Most 
High, Thy Father, who hath lifted us up in Thee, and calied ns to 
Himself* We praise in Thee the naercies that sent Thee, (even Hirn) who 
had pleasure in us that we should live by the death of His Only-begotten 
(eia.344**3); we glorify in Thee the self-existent Being (oax&i.Y f<«K*f^) 
who separated Thee (v^iÄrt) from His essence (co^oi^r<' ^) 
(Kxiii, Wright. p, 486). 

In the following tentative reconstruction of Aphraates* Creed I have 
kept to the actual expressions used by him. The words within Square 
brackets are not found in contexts which would suggest their connection 
with a Symbol, but are fully represented in Aphraates' teaching, and 
some equivalent of them doubtless stood in his Creed — assuming its 
existence for the present. For the words in round brackets there would 
seem to be a lesser degree of probability that they belonged to a Creed. 

A Riconstniction of the Creed of Aphraates. 




*Asf^i^r^cvAr£3[fdir^f|aaiCiasQ] l. 
.f<lGpai ^ f<ic»<u 

Zeitschr. T. d ncutoit. Wltk Jfttir^, VU- jgoA, 



[I believe] in God the Lord of 
all, that made the heavens and 
the earth and the seas and all 
that in them is; 
[And in our Lord Jesus Christ] 
[the Son of God,] 
God, Son of God, 
King, Son of the King, 

Light from Light, 

14 



2IO 



R. H. Connolly, The early Syriac Creed. 






.K^^ia ^cnia^.! K^idkOsO 



.f<&aajLl or K^oiX jA< 



Qoa 



(Son, and Counsellor, and Guide, 
and Way, and Saviour, and She- 
pherd, and Gatherer, and Door, 
and Pearl, and LampJ 
and First-born of all creatures, 

Who came and put on a body 
from Mary the Virgin (of the 
seed of the house of David, from 
the Holy Spirit), 
and put on our manhood, 

and suffered, oTy and was crucified, 

5. went down to the place of the 
dead, ^r, to Sheol, 
and lived again, and rose the 
third day, 

6. and ascended to the height, or, 
to heaven, 

and sat on the right hand of 
His Father, 

7. and He is the Judge of the dead 
and of the living, who sitteth on 
the throne; 

8. [And in the Holy Spirit;] 

II. [And I believe] in the Coming to 
life of the dead; 

f^JK^.l A ^ V ^.1 f<'\if<J3[a] 10. [and] in the mystery of Baptism 
(.K'cii^i.i f<laaax..i) (of ^^^ remission of sins). 

Notes on the above. 

Article i. Compare the opening words of the Creed of Irenaeus 
{Contr. Haer.y i, 9) : the faith in one God the Father Almighty, who hath 
nxade heaven and earth, and the seas and all things that in them are';« 
also the Acts of Sharbil (A. S. D,, p. 50): *I confess one God who made 
the heaven and the earth, and the seas and everything that therein is; 
and the Son who of Him is Christ the King*. 

Lord of all. Syn, Aa K'isQ ; the form Afl^n Klisn is also used 
byAphr. (ii, 19); cf. GaLiv, i, «^.Oeoia^.! OCD f^i», i.e. KÖpioc irdvTUJV. 



[.f<!x..iao.i f^Uiaiao] 



I Cf. Harnack. Patr, AposU Op., p. 135. 



Both Aai r^UQ and X^n r^^s^ occur in Jc/s of T/wmas. In Clem. 
Rom., xxxrii, becirÖTric tuüv diravTaiv is rendered by Aa,i r^üa (Bensly, 
p. 25); and in Apraates' Creed 'Lord of all' probably Stands for Ö€cirö- 
THC (or KÜpioc) Tujv dirdvTiJuVj and not for TravTOKpdiujp, the regtilar Syn 
rendcring of which was Jla :tJL«r< or t^aj^x^ Aäs» 

Articie 2. Güd^ Sort of God is evidently an early Syriac equivalent 
of 0€Öv iK 0eoö; it is used side by side with *God from God' by Isaac 
of Antioch. It is of such freqüent occurrence in early Syriac writings as 
to süggest stongly that it was known in a formula of Faith: it occyrs 
about four times in Aphraates; in Acts of TAomas, pp. 187 and 1S8 — 
the Greek translation in both cases being öefe tn Qwu (Bonnet, p. 164, 
IL S and i6)^and p. 199; in AS.D., pp. 17 {Ms), and 92(^*1); m 
Äddai, p. 17. 

King^ San of the King is on the same model as the preceding, and 
evidently comes from ßaciXia Ik ßanXiujc, which occairs in the Lucianic 
Creed of Antioch. Of the same type again is :im ts 1**, *One Son 
of One*, in Isaac of Antioch (Bedj. i p. 804), for ^ovov 4k movou (also found 
in the Lucianic Creed)* A stiU further adaptation to the Semitic idiom is 
seenin'Living, Sonof theLiving* (f^iif.l cota f^-^\ ^^ ^^^^ ^f Tk^mas^ 
p* 204, donbtless from tujftv ^k lmx\t (cf the Creed of Euseb, of 
Caesarea)* 

Light from Light: Ouic ^k qpuuiöc also belonged to the Creed of 
Caesarea; and has come down to us through the Nicene and 'Constan- 
tinopolitan' fomiulas. It is a non- Scriptural expression, and its mere 
occurrence in Aphraates as a title of the Son %vould be enough to raise 
a strong probability that he knew it in a Creed-formula, and one of Greek 
origin. * This probability is increased almost to certainty when we find 
it following upon two other Greek Creed- clauses (see passage 3, above). 

S&n . . < Lamp: these titles, which follow in xvii, 2 (see passage 3) 
immediately upon the clause 'Light from Light*, may be an expansion 
due to Aphraates himself, though some, if not all, of them may well 
have been familiär to him through his Creed; three of them, 'Way'p 



' Jordan, Die TheoL der neue/tSdeckien Predigten NbvaSians^ p, ^Zt quotes Terltü., 
ApoLt at: Nam et deas Spiritus» Et com radius ex aole porrigitur, portio ck summa; 
scd sol erit in radio» qula solis est radius ncc separalur substantia scd extenditür. Ita 
de spirita spiritus «t de deo deus ut lumcn de lumvne accensuBi. Also Hippol., i&n/rn 
NimLj Cp 10: Kai cpdüc i% cpuüTÖc t^vviIiv TTpgf^Kfv Tij KTkei KÜpiov TÖv tbiov voOv» And 
c. II: frcpov hi X^TUJV oö böo öcoöe ki-fUi, dKX" düc qjü)c iK qjtüxöc. But the uie of 
•Light from Light* in Aphr* is quite different from thi*: he employs it as a recognized 
title of the Son. 

14* 



212 R. H. Connolly, The early Syriac Creed. 

*Shepherd', and *Door', are found again in the Creed attributed to Lu- 
cian the Martyr and put forward as his by the Council of Antioch (A. D. 
341). Now the second article of the Creed, as represented by Aphraates, 
bears a considerable resemblance to that of the Lucianic Creed; and, 
considering the close connection which the Church of Exlessa — ^the head- 
quarters of S3aiac-speaking Christianity— had with that of Antioch at 
the end of the 2nd Century, it is not improbable that the earliest Syriac 
Creed was derived, at least in part, from the latter Church. The Lu- 
cianic Creed describes the Son as *the Only-begotten God' (cf. Hort, 
Two Dissert.^ pp. 61 ff.)» by whom are all things; begotten before the 
worlds of the Father, God of God, Whole of Whole, Only of Only 
(compare the 'One, Son of One* of Isaac of Antioch, above, p. 211), 
Perfect of Perfect, King of King, Lord of Lord; the living Word, the 
living Wisdom, the true Light, the Way, the Resurrection, the Shepherd, 
the Door; the unchangeable and unalterable Image of the Godhead, 
both of the essence and will and power and glory of the Father (cf. 
Acts of Thomas, pp. 187 f.: 'and Ye are one in power and in will and 
in glory and in essence*); the First-bom of every Creatur^. The last 
clause, 'First-born', etc., is not in Aphr. xvii, 2 (passage 3), but is given 
in a similar context at the end of the same Homily (see passage $). 

Article 3. Put on a body: this is the regulär early Syriac mode of 
describing the Incarnation (see the Creeds from Acts of Thomas and 
Addai, below). After the rise of the Christological controversies it would 
seem to have been replaced in formal Statements of Faith by >UB^^f<, 
*became incorporate' (see formulas from Isaac of Antioch and Philoxe- 
nus, below). Vjos^h\r<, 'became incarnate', was also used; but *put on 
a body' was still kept, e. g. by Isaac. It is also the regulär phrase of 
St. Ephraim, and was evidently the earliest, as it was the most idio- 
matic, Syriac equivalent of capKUiOeic. 

From Mary . . . Spirit: on the probabilities of this passage having 
a connection with a Syriac Creed see [note 2 on p. 207, above. The 
virgin birth is clearly taught in Aphr., Ephr., Acts of Thomas, and 
Addai. 

And put on our manhood: — ^the suscepit hominem of the Western 
Church— it occurs also in Acts of Tltomas (p. 216). 'Became man' 
(rtüois f^oco), which appears in Acts of Thomas^ Addai, and Isaac of 
Ant. in the expression 'put on a body and became man' (see below, 
pp. 218, 220, 221), I have not noticed in Aphr. The two phrases appear 
to have been collateral renderings of ivavGpuiTnicac. 




Article 4, Suffered: cf» passages 2 and 7, Acis of Tßwmas aod 
Addai, 'was crucified' (see pp. 218, 220, below); so Aphn tn passage 9. 

Article 5. Went down io Ihe place of the dtad: tliis occars in the 
Edessenc document contained in the Doctrine of Addai and qiioted by 
Euseb* {Hist. EccL, i, 13: Kailprj ^{<l tov ^h^v), It is referred to seven 
or cight tinies by Aphr.; hvice in Acts of llwmas ('Sheor); by Ephr.» 
On our Lard (Lamy, i, 148): 'this is He who descended to Sheol and 
ascended'; and is in one of the confessions madc by Isaac of Antioch 
(given below). Apparently i Pet. was not included in the early Syriac 
N» T. Canon, vvhich, according to the Doctrine of Addai (p. 40), compnsed 
only the Gospel (i. e, Diatessaron), the Epistles of St Paul, and the 
Acts, In agreement with the Statement of Addai is the fact that 
Aphraates doe snot quote the Catholic Epistles. i Pet iii, 19 cannot there- 
fore he cited as a source of the doctrine of the descensus ad inferos in 
the Syriac Church, On the other hand, the present Pesh* rendering of 
the verse may he due to the influence of a Creed *To the souls which 
were held in SheoP is a mere explanatory paraphrase of toTc ^v ^uXaKfl 

TTVEÜ^aCU 

The clause would appear to have becn used in the Syriac Creed as 
a Substitute for the statement of the burial, and not in addition to it 
The first Greek formulas which have it are those of the Arian Synods 
of Sirmium, Nice in Thrace, and Constantinople^ in the years 359 and 
360 {see Swete, The Apüsiks^ Creed^ p, 56). In the West it appears 
first in the Creed of Aquileia, drca 400 A* D* It is jüst possible that the 
descendii ad inferna^ etc., of Western Creeds was ultimately of Syriac 
origin, It would be more Hkely to originate in Syriac tlian in either 
Greek or Latin, notwithstanding the exclusion of i Pet from the early 
Syriac Canon, It is true that drscendii in infetnum, or the hke, is used 
to translate H^Höf T^J (Swete, Ibid,^ p. 59); but the language of early 
Creeds was^ apart from the stress of controversy, drawn almost ex- 
clusively from the N. T.; and the Syriac versions, as we have them, are 
far more suggestive in this matter than either the Greek or the Latin, 
The regulär Syriac rendering of ix V£Kpu*v, which occurs so frequently 
in the N, T,» is K'iu^ iua ^^\ this will bear the meaning *from 
among the dead\ But r^i\« iv^^ had also another meaning, *the 
place (house) of the dead', and was synonym ous witJi acux-, 'Sheor, 
the Hebrew word taken over from the Old Testament, This at least is 
the sense which the early Syriac Church soon put upon it in the N, T. 
Thus the Syriac-speaking Christian was confronted in almost every book 



214 ^- ^- Connolly, The early Syriac Creed. 

of his New Testament with the notion of our Lord's ascent from Sheol, 
implying His descent But this is not all: the Peshitta Version of Rom 
X, 6 — 7, besides giving a peculiar turn to the whole passage, introduces 
an explicit mention of Sheol; it runs: *But the righteousness which is 
by faith sayeth thus: Thou shalt not say in thy heart, Who hath 
ascended to heaven and brought down Christ? or, Who hath descended 
to the abyss of Sheol (Afluz.:i K^aco^ ^^ma) and brought up Christ 
from among the dead' (f^iubo &ua ^)? If we may suppose this to 
be an early S3aiac rendering of the passage — it appears to have been 
the reading known to St. Ephraim — the meaning would be that the 
righteousness which is by faith forbids us to question either Chrisfs 
descent from heaven or His ascent from Sheol, the place of the dead, 
whither He descended. 

Article 6. Sat at the right hand of His Fat her: in N. T. passages 
where the session at the right hand is recorded the expression is, *at 
the right hand oi God\ or, *of Power^, etc.; never 'of the Father'. Our 
familiarity with the phrase 'at the right hand of the Father" is due 
entirdy to the Creeds; when, therefore, we find that Aphraates invariably 
(five times) uses this form, we may reasonably infer that his ear was 
educated to it by its occurrence in his Creed. 

Article 7. Dead and living: this characteristically Syriac order is 
found three times in Aphr., in Acts of Thomas, Addai, the Creed of 
Philoxenus, the Creed written over Cod. Sin. Syr., the Creed of a 
Nestorian baptismal liturgy drawn up about the middle of the 7th cent, 
(Diettrich, Die Nestorianische Taufliturgie, p. 31), and in the Nestorian 
Creed of to-day. Isaac of Antioch is the only Syriac writer I have met 
with who gives the order 'living and dead', and he clearly does so under 
the influence of Greek Creeds. ' The MS. used by Mrs Gibson in her 
edition of the Didascalia Apostolorum in Syriac (p. Kli), and also the 
Latin version (Hauler, Didascaüae Apostolorum Fragmenta Latina^ p. 90), 
contain what was evidently the oreer of the original Greek (i. e. 'living 
and dead') in the well-known Creed passage; but it is significant that in 
Cod. Sangermanensis, edited by Lagarde, the scribe has reverted to the 
familiär Syriac order. The same thing has happened in another passage 



« I find, howcver, that Ephr., Carm, Nis, Ix vi {ßn,) has the order in the following 
passage: * Fraise from us all to Thee . . . who by the sacrifice of Thy Body hast given 
life to the living and the dead. Fraise to Hirn who put on our body, and died and rose 
again\ Another case of the Syr. order is in Wright's Conirib. to Apocr. Lit, of N, 7'., 
p. KlfiO : * He livcth who is about to come to judge the dead and the living*. 



m 



R. H. Conaolly, Tbc early S>*riac Crced, 



215 



(p, oiäoä), wliere the Greek author appends a guotation from his Creed 
to a passage from Matth (x, 33)j thus: *Whosoever denieth me . , . I 
will deny him before my Father who is in heavcn, when I come to 
jydge the Hving and the dead": the scribe of Cod. Sang, has again 
changed tlie order to *dead and living', Once more: in i Pet iv, 5 the 
Greek order, Miving and dead\ is reversed in Pesh< In the other three 
N. T. passages the Syr* follows the Gn order, and has 'dead and living' 
only once, viz. Rom xiv, 9; *that He miglit be Lord of the dead and 
the living*. As this passage contains no mention of the Judgment it is 
out of the question to suppose that all these writers by a coincidence 
quote it in that connection, instead of Acts x, 42, or 2 Tim iv, l which 
both speak of Christ as the Judge, but have the other order, The only 
explanation I can see is that Aphraates and the authors of Acfs ä/ 
Tkünuis and Addai^ equally with later writers, quote the words from a 
Syriac Creed, 

Wko siifefh on the throne: cf. passage 2j also Addai (p, 40), *and 
He sitteth on the throne of righteousness and judgeth the dead and the 
living', There seems to have been mention in the early Syriac Creed 
of Christ*s sitting *on the throne', as well as 'at the right hand of His 
Father\ We have thetwo ideas combined in the Creed of Philoxenus 
(given below): *He sitteth tipon the everlasting tlirone at the right hand 
of His Father, and will come to judge the dead and the living*; and 
it is possible that they may have been thus combined in the Creed 
known to Aphraates. 

There is no evidence that Aphraates* Creed contained an arücle on 
the Church. For his idea of the Church as one cf, xii, 9: *Understand 
then, beloved, concerning tlie pascal lamb, that the Most High gav^e 
command that it should be eaten in one house, and not in many houses, 
The one house is the Church of God', 

Articles 11, and IG, See passage i, above; also the Creed from 
Acts of Thomas^ below. 

In justification of this attempt to reconstruct Aphraates' Creed it 
may be well to sum up briefly the evidence in support of the view that 
he was in fact acqoainted with a formula of Greek origin, The points 
of primary importance are the followingi — 

r. In passage 2 reference is made to six articles of belief in the 
order in which we are familiär with them in Greek Creeds* On this Burkitt 
rightly, though rather paradoxicaUy, observes: 'There are, it should be 
noticed, traces of a (baptismal) Symbol in Aphraates' {Earfy Chrisiiamty 



2l6 R. H. Connolly, The early Syriac Creed. 

outside the Roman Empire, p. 35, note). — This passage gives the frame- 
work of Aphraates* Creed for those articles which relate to the Son, 
and fuUy justifies us in reading in connection with a Symbol other 
creed-like expressions found in his writings. 

2. In passage 3 Christ is called 'God, Son of God; King, Son of 
the King; Light from Light'. These expressions are clearly connected 
with the language of early Greek Creeds, and are not found in the same 
form in tlie Bible. 

3. In the same way, it can scarcely be by a mere coincidence that 
Aphraates invariably employs the non-Scriptural 'sat {pr^ sitteth) at the 
right hand of His Father\ which is almost universal also in Greek Creeds. 

4. The ubiquity of the order *dead and living' in native Syriac 
writings is not to be explained as in every case a quotation from Rom 
xiv, 9; but points to some other widely known and very early document 
as the immediate source. That document was doubtless based upon 
Rom xiv, 9; and if, as I suppose, it was a formula of Faith, it is not 
difficult to see how the phrase in Rom. got into it: it came in in Com- 
pany with two other articles of Faith contained in the same verse, thus: 
'For this end Christ died, and lived again^ (Pesh. adds, 'and rose'; so 
Ephr.) that he might be Lord of both the dead and the living'. Then, 
under the influence of Acts x, 42 and 2 Tim iv, i, the expression was 
interpreted as referring to the Judgment. I can see no other way of 
accounting for the extraordinarily wide influence which the verse 
exercised in this connection upon Syriac writers. 

5. The descent to Sheol, though not met with so consistently in 
Syriac as the order 'dead and living', yet is referred to frequently by 
Aphraates, and is found in Acts of Thomas^ Addai^ and St Ephraim, 
and finds a place in the Creed of Isaac of Antioch. 

6. It has been pointed out above that the departure from the Greek 
involved in the explicit mention of Sheol, and in the order 'dead and 
living', in the Syriac of i Pet iii, 19 and iv, 5 respectively, may be due to 
the influence of a Syriac Creed. The Syr. rendering of iii, 21 and 22 
comes very near to supplying positive evidence for the existence of 
such a Creed. The translator plainly interpreted the i7r€pd)Tr||Lia of v. 21 
as referring to a baptismal confession of Faith; and he changed the 
construction in this and the following verse so as to connect the re- 
ferences to Christ's resurrection, sitting at the right hand, and ascension 
with the confession, thus: — 'by which same type you also are saved, 
(i. e.) by baptism: not when you wash the body from filth, but when 



you make cmifessim (of belief) in Gad (f^cfAf<^ .^jO Juf^ ^nc&i n^) 
with a clean conscience, and in the rtsurrection of Jesus Christ^ — he 
whü was lified up to heaven, and is ai the right hand of God\ I think 
any onc who witl compare this with the Greek will agree that the Syriac 
translator was influenced by the baptismal usage of his Church, Another 
witness to the existeace of a baptismal confession among the Syrians is 
the Acts of Skardilj A. S, D., p. 44): 'And because they were afraid of 
the persecutors, they gave him the seal of salvation, as he made his 
confession {f^a^a f<nc&i :iä) in the Father, and in the Son, and in tlie 
Spirit of holiness'. On p. 46 Sharbil speaks of, 'Christ, in whom I made 
my confession yesterday'. 



Traces of a Creed in ihe Acts of Judas Thomas* 

Passages. , 

1. And they have glorified the Father, ihe Lord of all (A&s ri^sn) 
and ihe oniyi'begütten) (f^sti**) Son^ who is of Hirn, and have praised 
the Spiriff His Wisdom (Wright, Engl trans., p. 152). 

2. Fear one Gad, the Lord of all (iü f^i^aa), and Jesus the 
Messiah^ His Süh, and ye shall live for ever and ever (p* 235). 

3. Tobe glorified art Thou^ Lord of all (Aäs r^i»), self-existent, 
unutterable (p. 245). 

4* Glory to the Only{-begottm\ who (is) of the Father (p. 259), 

5. To Thee be glory, Living (One) who (art) from the Lwing 
(One) . . . Thou art God, the Son of God (r^crdr^ t= f<eAr<) (p* 199)^ 

6. Jesus, born a man, slatn, dead; Jesüs, God^ Son of God (Gr. 9efe 
Ik Ö£Oü): Lifegiver and Restorer of the dead to life (p. 187) - , . , 
Jesus, who art in tlie Father and the Father in Thee, and Ye are one 
in power and in will and in gloiy and in essence, and for our sake 
thou wast named with names, and art the Son, and didst put on a body; 
Jesus, who didst become a NazJr, and thy grace provides for all like 
God,^ Son of God most High (Gr. Otk 4k Qeoö Oq/[cTOu}* who didst become 
a man despised and humble (pp. 187 — 18S), 

7. / delieve m Thee, Jesus the Messiah^ God, that Thou art the 
Living^ the Son of ihe Living^ and didst become man (p, 204). 

8. This (is He) who oame from on high, and became visible from 



1 I have chi^gcd Wright*s semi-coton after *God* Kq a eomma, connectiüg 'Son 
of God* with wbftt precedes. This seems to Ije nccessary, smce each fresh invocation 



begixis Willi *Jesus'. 




2l8 R. H. Connolly, The early Syriac Creed. 

Mary t/te Virgin^ and was called the son of Joseph (cf. passage ii from 
Aphr.) the carpenter (p, 278). 

9. Jesus who didst put on the body^ and become man (c^t^k ^^^^ 
Klziia K'acDO) (p. 210). 

10. Glory to Thy Godhead, which for us put on aur manhood, Glory 
to Thy naanhood, which was made new for us, and died for us to give 
US life! Glory to Thy Ressurection from the grave, that we might have 
a resurrection and a rising upl Glory to Thy Ascension into heaven 
(p. 216). 

11. And He came^ and was crua/Ud^ and rose in three days (p, 198). 

12. Voice that came from on high^ comforting the hearts of Thy 
believers . . . Physician without fee, (who) wast crucified . . . Thou 
didst descend into Sheol . . . and Thou didst ascend with great glory 
(p. 288). 

13. And Thou didst Uescend to Sheol . . . and bring out its prisoners, 
and didst tread for them the path (leading) above by the nature of Thy 
Godhead (p. 155). 

14. But expect the Coming of Jesus, and hope in Him, and believe 
in His name, because He is tJu Judge of the dead and the living, and 
He shall recompense every man according to his works at His last 
Coming (p. 168). Also: Lord of the dead and the living (p. 169). * 

15. This \sJhe baptism of the remis sion of sins . . . and the establisher 
of the new man in the Trinity, and which becometh a participation of 
the remission of sins (p. 267). 

Of the above passages only nos. 8, 13, and 16 are extant in the 
Sinaitic palimpsest fragments published by Mrs Lewis; but in each of 
these cases the italicised words are supported by the older MS. (cf. 
Horae Semiticae, iv, pp. 235, 240, and 231). 

Reconstruction of Creed from t/ie Acts of Judas T/iomas, 

1. [I believe in] "one God^ the Lord of aU; 

2. and in Jesus the Messiah, His Son" (p. 235), 
"the Only-begotten" (pp. 152, 259, et passim\ 
''God, Son of God'' (pp. 187 and 199), 
"Living, Son of the Living" (p. 204, cp. p. 199), 

3. "that came from on high" (p. 288), 

"Who didst put on a body^ and become man" (p. 210, cp. pp. 187, 
216, and 204), 

'from Mary the Virgin'' (p. 278), 



R. H. Connolly, The early Syriac Creed. 219 



4. ''was crucified" (p. 198), 

5. "didst descend to SheoF' (pp. 155, and 288), 

''and rose the third day'' (following "was crucified", p. 198), 

6. "Ascension into heaven" (p. 216), 

7. "He is the Judge of the dead and the living'' (pp. 168, 169); 

8. "The Spirir (p. 152; more probably, "the Holy Spirit", fre- 
quently) ; 

10. "Bapiism of the remission of sins" (p. 267); 

11, Resurrection (p. 216). 

[The italics denote coincidences with the language of Aphraates.] 

Traces of a Creed in the Doctrine of Addau 

Passages. 

1. He humbled His exalted divinity by the body which He took, 
and was cmcified and descended to the place of the dead (e^Äuba ivoA), 
and cleaved the partition which had never been cleft, and gave life to 
the dead by being Himself slain, and He descended by Himself, and 
ascended with many to His glorious Father (Phillips, pp. 8 — 9). 

2. And he narrated ... the signs of our Lord . . . and His 
ascension to His Father . . . and the resuscitation and resurrection^ which 
is about to be for all men .... For except that there is a good end 
for faithful men, our Lord had not descended front Juaven^ and come to 
the birth, and the sufferings of death (pp. 9—10). 

3. That many may understand that I believed rightly in Christ, in 
the Letter which I sent to Him, and may know that He is God, the 
Son of God (r^cair^ la aco r^ca\f^i; p. 17). 

4. But I am the disciple of S^esus Christ, the Physician of troubled 
souls, and the Saviour of future life, the Son of God, who came doTvn 

front luaven, and put on a body (K'i^^ K'OCD Jtalo) and becante man 
(f^lziia r^ocDO); and He gave Himself and was crucificd for all men. 
And when He was suspended on the wood the sun He made dark in 
the firmament; and when He entered into the grave. He arose and went 
forth from the grave with many . . . who if He had not wished, had 
not died, because He is the Lord of death, the exit (of all things); nor, 
again, would He have put on a body, for He is Himself the framer of 
the body. For the will which inclined Him to the birth front a virgin, 
also made Him condescend to the suffering of death, and He humbled 
the majesty of His exalted divinity, who was with His Father from 
etemity, He of whom the Prophets of old spake in their mysteries; and 



220 R. H. Connolly, The early Syriac Creed. 

they represented images of His birth, and His suffering, and His 
resurrection^ and His ascension to His Father^ and of His sitting at tfie 
right hand (pp. 18—19). 

5. But we should worship Him and His Father, with His Holy Spirit 
(p. 22). 

6. Because that although He put on this body^ He was God with 
His Father (p. 27). 

7. Peoples and creatures confess God, who became man (p. 27). 

8. For He is i/te Ki?ig*s Son, and goes to receive a kingdom, and 
to return, and to come and make a resurrection for aU men, and He 
sitteth on the throne of righteousness^ and judgeth the dead and the living^ 
as He Said to us (p. 40).* 



Reconstruction of Creed front the Doctrine of Addai, 

2. [I believe in] ''Jesus Christ . . . the Son of God'' (p. 18), 
"God, Son of God" (p. 17), 

["The Son of the King" (p. 40),] 

3. "Who came down from heaven, 
and put on a body^ 

and became man" (p. 18, cp. p. 9), 
"The birth from a virgitt" (p. 19), 

4. 5. "And He was crucified, 

. . . entered the grave" (p. 18), 

(or, more probably) **was crucified a?id descended to the place of the 
dead" (p. 9; and Euseb., Hist. EccL, i, 13: Kai dcraupiiGn, Kai KaT^ßn 
eic TÖv <5^&nv), 

''He arose and went forth from the grave with many (p. 18), 

6. "His ascension to the Father y and His sitting at the right hand" 

(p. 19), 

7» "and He sitteth on the throne of righteousness and judgeth the 
dead and the living" (p. 40), 

II. "and is to come and make a resurrection for all men" (p. 40, 
cf. pp. 9 and 30); 

. 8. ''Holy Spirit" (p. 22, et passim). 

[The italics denote coincidences with the language of Aphraates.] 



< It cannot be maintained that the words and phrases in italics are the product of 
post-Nicene teaching: they mark no advance on the language of Aphraates. 



r 



R, H. Conuolly, The early Syriac Creed 



221 



Creeds fr^m Isaac of Äntwch^ 

There appear to have been thrce Isaacs, the period of whose literary 
activity lay between the beginning of the 5th and the early years of 
the 6th Century. As their writings have become confused the date of 
the metrical Homily containing the foUowing passages (no. ii, in Bickell, 
no* Ixüi in Bedjan) cannot be easily detertnined; but it may be placed 
in the latter half of the Jth cent 

The writer had been accused of being a Monophysite; he protests 
that he believes that: — 

*The one God %vho is become incarnate (this is repeated as a refrain 
before each of the following clauses) was born of a woman, walked on 
the earth three years, was seized by the murdering Jews, was crudfied 
by the people on Golgotha, was smitten with a reed, suffered on behalf 
of creatures, went down to Sheol and quickened the dead, was rmsed 
and quickened the buried, came into the Upper room to his servants^ 
was Ußed up iö the height, is seaUd at the right hand of His Father, 
is to cotne with glory at the last The one God incorporeal came 
down and became incarnate of Mary. Lo, God, ihe Son üf God^ Hirn I 
preach incarnate. Lo, I do not deny His Body, as the liars misrepresent 
me < . . Bodily we have received Hirn, bodily we have known Him, 
even God, the Son of God, who is not to be searched out by man . . . 
From her CMar>^) he put on a body and becanu man' (i^iiTs r^OGp)* 

He goes on to say that he holds the same Faith as his bishop; 

and that the latter: 'Confesses God incamate (this is repeated before 
each succeeding clause), who was born froni a woman, who healed the 
diseases of manldnd, who zvas cnmfied by the murdering people, who 
died and Uvcd (again) and quickened us all, who was raised from the 
midst of the grave, who was Ufted up in gIor>^ tQ the height, who sits 
at the right hand of His Faiher, who is to come with gIor>% who Judges 
the living and the dead\ 

The writer of these passages is concerned only with the Christo- 
logical controversies of his day* He is necessarily influenced by Greek 
formulas, and even conforms to the Greek order *living and dead'; bnt 
he still uses some of the old watchwords found in Äphraates, e. g.^ 
^went down to SheoP, was lifted up 'to the height\ 'God, the Son of 



^ BickeU, no. \\\ Bedjan, no. büiL 




222 R. H. Connolly, The early Syriac Creed. 

God', 'put on a body'; while the combined 'put on a body and became 
man' has already met us in Acts of Thomas and Addai^ 

Creed front PMloxenus (Bishop of Mabbogh A. D. 4S5—523).* 

'Orthodox Christians, the children of the Holy Church, confess one 
nature of the Father, Son, and Holy Spirit. And they believe that one 
of the Persons of this Trinity — the second Person of the Trinity — Him- 
self came down from heaven, and was incamate from the Holy Spirit 
of the Virgin Mary, and He took from her a body, but the incamation 
made no addition to His Person, for as it was a Trinity, so it remained, 
even after one of the Trinity, God the Word, had become incarnate. 
And He in very truth was born and was made manifest in the world, 
and He ate, and drank, and was aweary, and rested, and tasted suflfer- 
ings in Truth, and He was crucißedy and was buried, and rose on the 
third dayj as it is written. And by the will of His Father, and by the 
will of the Holy Spirit, He sitteth upon the everlasting throne at the right 
hand of His Fatfier» and He will come to judge the dead and the Irvings 
to whom, and to His Holy Spirit be glory, always, and for ever and 
ever, Amen'. 

From Creed written over Cod. Sin, Syr. 

This document begins with a Statement of belief in the Trinity: *I 
believe in one Holy Trinity, of the Father, and of the Son, and of the 
Holy Ghost, a glorious essence, and an exalted Godhead'. Further on: 
'He the Creator of [his (i. e. Adam's)] nature, the Father and Lord of 
all (A-A,i T<i»), spared His image, that it should not perish; and He 
sent His beloved Son, the Word, God the offspring of His nature, for 
US, and for our salvation. And He cam^ down from the heavenly throne, 
without separating from the hidden bosom of His Father, and dwelt in 



I Compare the foUowing, from the famous poem on the parrot: 'I praised Hirn 
for His deatk, by which He bestowed new life; for He has authority over death and U/e, 
and by them He supplies helps. I praised Hirn for His setting free; for He lay down 
among the dead in Sheol, and thereby set free from the midst thereof all who were made 
subject to corruption. I praised Hirn for his resurreciion, whereby our race was raised 
up . . . I praised Him for His ascensicn, whereby we ascended to heaven ... I praised 
Hirn for His honour, which is ai the right hand of Him that begat Him * (Bedj., p. 752 — 3). 

St Ephraim (Lamy, ii col. 743) makes mention in a Single context of Christ's 
Coming down from heaven, conception by Mary, putting on a body, descent to Sheol, 
resurrection, ascension to heaven, sitting on the right hand. 

a Ed. Budge, voL II, p. czxxvii; Engl, trans., p. xlvii. 



R. H. Connolly, The early Syriac Creed. 223 



the pure womb of a holy and glorious virgin, our Lady Mary^ the God- 
bearing, she wlio was of the seed of the house of David .... 

He to whom all these things belonged suffered, and was crucified 
for our sakes in the flesh, in the days of Pontius Pilate, and He died 
and was buried, and rose from amongst the dead on the third day^ and 
ascended to Heaven, and sat on the right hand of the Godhead in the 
highest heavens; and He is worshipped and glorified in the heights and 
the depths, and we look for His second Coming, which shall be with 
glory to judge therein the dead and tJie üving\ 

In these few specimens of Sth, or early 6th, Century creed language 
there is no indication that any of the more recent Greek formulas had 
yet been substituted bodily for the older Syriac Creed; though the latter 
was evidently undergoing a change. In the middle of the 7th cent. the 
Nestorian» Catholicus Isho*-yabh III, in the baptismal Liturgy which he 
drew up (see Diettrich, op. city p, 30), adopted a confession of Faith 
substantially identical with the *Constantinopolitan* Creed.* It, however, 
rentained the clause *First-bom of all creatures', and kept the ancient 
Syriac order, *dead and living', which survives to this day. 



X I say 'substantially identical', because the ^onst' Creed snpplies the frame-work, 
and the Nicene theology is formally introduced. Bat it is clear that some other Creed 
formed the basis of artt 2, 3 and 4. This was, apparently, the Creed of Antioch. Prof. 
W. £. Barnes prints {Journal ofTheobgical Studies, vii, 441) a Creed, taken from Nestorian 
Psalters of centt xiii — xix, which is identical with that of Isho'-yabh. He exhibits the 
striking agreements (first noticed by Caspari), both in language and order, presented by 
the three articles in question with the extant fragment of the Antiochene Creed. 



[Abgeichlofsen am 28. Juli 1906.] 



224 Ivan Franko, Betträj^e aus dem KirchenslaTischen 



Beiträge aus dem Kirchenslavischen 
zu den neutestamentlichen Apokiyphen und der altchrist- 
lichen Lriteratur. 

Von Dr. Ivan Franko in Lemberg. 
rv. Das Bftartjrriom der heiligen Photine. ^ 

Dieses Apokryphum ist kein regelrechtes Apokryphum; in keinem 
Apokryphenindex wird es erwähnt und destoweniger verboten. Nur das 
totale Vergessen seiner Urgestalt scheint es als Apokryphum zu stem- 
pehu Zwar figuriert die heilige Photine mit ihrer zahlreichen Sippschaft 
sowohl in griechischen Synaxarien, als auch in lateinischen Martyrologien 
unter dem 2. März als Opfer der neronischen Christenverfolgung, und 
kurze Erzählungen von ihrem Tode sind aus griechischen S3niaxarien 
und späteren lateinischen Legendarien bei den BoUandisten gesammelt 
und sogar zum Gegenstand eines gelehrten Konmientars gemacht 
worden.» Doch haben die gelehrten Herausgeber eine ausfiihriiche 
Fassung dieser Passion, den sogenannten Menäen-Text, entweder gar 
nicht zu Gesicht bekommen, oder vollständig außer acht gelassen; dieses 
letztere mutmaße ich nur darum, weil sie auch die kurzen, farblosen 
Synaxartexte nur mit einigem Kopfschütteln in ihr großes Corpus auf- 
nehmen. Doch scheint es mir wahrscheinlicher anzunehmen, der aus- 
fuhrliche Menäentext sei ihnen gänzlich unbekannt geblieben, da sie 
sonst mit den färb- und inhaltslosen Synaxartexten, welche sich als sehr 
unvollkommene Inhaltsangaben der Menäen-Passion entpuppen, nicht so 
viel Wesens gemacht hätten, um gelehrte Forschungen (welche oben- 
drein zu keinem wissenschaftlich irgendwie brauchbarem Resultat fuhren) 
an sie zu knüpfen. 

X Acta Sanctorum Martii tomus tertias. Parisiis et Romae 1865, pag. 80 — 82; 
griechische Synaxartexte s. Propylaeum ad Acta Sanctorum Novembris. Synaxaritxm 
eccl. Constantinopolitanae e cod. Sirmondiano, nunc Berolinensi ed. Hippolytus Delahaye. 
Bruxelles T902, p. 549 — 552. 

1. 8. 1906. 



r 



zu den Deutestamentl Apokryphen und der altchristl Literatur. 



225 



Um nun diesen Ausgangspunkt meiner heutigen Mitteilung gehörig 
zu beleuchten, sei es mir erlaubt, unter Verweisung auf die in den AASS 
abgedruckten lateinischen und griechischen Texte der Passion der heiligen 
Photine hier eine wortgetreue Übersetzung der kirchensla vischen Synaxar- 
Passion mitzuteilen, welche sich in kirchenslavischen Prologen auch unterm 
20, Mär^ findet und von mir aus einem 1632 geschriebenen Prolog in 
Bd. II meiner Denkmäler (S* 367) abgedruckt wurde»' ^ i 

Passion der heiligen Märtyrerin Phetynia der Samariterin 
und ihres Sohnes Joseph us. Phetynia, die berühmte Samariterin, 
mit welcher der Herr am Brunnen sich unterredete, sie kam auch während 
der Regierungszeit Neros von Samarien nach Rom, um die heiligen 
Apostel Petrus und Paulus zu begrüßen. Hernach wohnte sie mit ihrem 
Sohne Josias in der Stadt Karthago, Christus als den wahren Gott 
predigend. Ihr Sohn aber wurde ein tapferer Krieger, kämpfte gegen 
die Barbaren und wurde ein Heerführer. Und er wurde vom Kaiser 
nach Gallien geschickt, um alle dort lebenden Christen zu töten. Da er 
sie aber nicht tötete, sondern im Gegenteil alle lehrte Christen zu 
werden und viele zum Glauben bekehrte, wie er auch den Dux Sebastian 
selbst dazu brachte an Christus zu glauben, befahl der Kaiser, nachdem 
er dies erfahren hatte, ihn zu fesseln und zu sich zu bringen mit andern, 
welche verschiedentlich gemartert wurden. Den einen wurden die Augen 
ausgebohrt, die andern aber wurden in einen von giftigen Schlangen 
gefüllten Kerker hineingeworfen. Hier aber erschien ihnen der Herr mit 
Petrus und Paulus und stärkte sie. Und nach drei Jahren führte er 
(seil Nero) ihn heraus und hängte ihn kopfunter an einen Baum und 
alle die bei ihm befindlichen Gläubigen und kratzte sie mit eisernen 
Nägeln^ hernach wurde allen die Haut abgeschunden und den Männern 
wurden die Schamteile abgeschnitten und den Hunden vorgeworfen- 
Die heilige Phetynia aber, nachdem sie geschunden worden, wurde an 
die Wipfel der zwei zusammengebogenen Bäume gebunden, damit sie 
entzweigerissen werde, Gott aber beschützte sie davon Alle übrigen 
starben vom Schwert, die heilige Phetynia aber lebte noch viele Tage 
im Kerker und Gott dankend entschlief sie im Frieden, 

Es lohnt nicht der Mühe, die geringfügigen Abweichungen dieses 
kirchenslavischen Textes von den in den AASS. veröffentlichten griechi- 
schen und lateinischen Texten zu notieren, sobald wir wissen, daß alle 




1 Monuroenta linguafi nee non litteraniin afcjftinO'russicuriiEa, voL IL Codex apo- 
cryphu^i part 11. Eviuigelia apokrypha (Leopolis 1899, p. 767. 

Zeittcbr. £. d. neutetL Wiis^ Jahr;^ Vtl 1^/06. je 



226 Ivan Franko, Beiträge aus dem Kirchenslavischen 



diese Texte nur Kürzungen einer ausführlichen Passion sind. Da ich 
keine griechischen Menäen zur Hand habe, kann ich nicht ausdrück- 
lich sagen, ob sich dieser ausfuhrliche Passionstext auch dort befindet; 
jedenfalls muß es handschriftliche griechische Menäen geben, in denen 
er zu finden sein wird, da ja der kirchenslavische Text, auf welchen ich 
gleich zu sprechen komme, gewiß eine Übersetzung aus dem griechischen 
ist. Dieser kirchenslavische Text wurde vielfach gedruckt, zuerst im 
Moskauer Prologus 1685, und ist auch in Handschriften verbreitet. Ich 
habe ihn in Lemberg in zwei Kopien gefunden: die eine in einem kirchen- 
slavischen Menäon aus dem Jahre 1492 (in Jassy geschrieben), die andere 
in einer neueren (Ende des XVI. und Anfang des XVII. Jahrhunderts) 
in Lemberg geschriebenen griechisch-russischen Handschrift; beide Hand- 
schriften befinden sich in der Ossolinski-Bibliothek unter den NN. 368 
und 827. Der Text der älteren Kopie wurde von mir im dritten Bande 
meines Codex apocryphus (Monumenta III, p. 364 — 369) herausgegeben, 
woraus ich hier eine wortgetreue Übersetzung mitteile. 

An demselben Tage (20. März) das Andenken der heiligen 
Märtyrerin Christi Photine der Samariterin, mit welcher 
Christus beim Brunnen sprach, und der mit ihr Gemarterten. 

In den Tagen des römischen Kaisers Nero wurde eine große 
Christenverfolgung erhoben. Nach dem Martyrium der heiligen Apostel- 
häupter Petrus und Paulus wurden ihre Jünger fleißig gesucht. Damals 
lebte im afrikanischen Karthago die heilige Photine mit ihrem Sohne 
Josias und verkündigte mutig das Evangelium Christi. Ihr älterer Sohn 
Viktor aber hatte viele Heldentaten vollbracht in dem Kriege gegen die 
Avaren, welche die Römer bekriegten, und wurde hernach als Heer- 
führer vom Kaiser nach Italien geschickt, um alle dort anwesenden 
Christen zu martern. Als aber Dux Sebastian dies hörte, sagte er: „Ich 
weiß es sicher, o Heerführer ^ daß du ein Christ bist und daß deine 
Mutter mit deinem Bruder Josias dem Petrus nachfolgen. Du aber er- 
fülle den Befehl des Kaisers, damit du nicht mit der Seele verloren 
gehst." 

Und Viktor sprach: „Ich will den Willen des himmlischen Kaisers 
und unsterblichen Gottes erfüllen, den Befehl aber des Kaisers Nero in 
betrefT der Marterung der Christen achte ich als nichts.'" 

Dux aber antwortete: „Als meinem herzlichen Freunde habe ich dir 



» Im Slavischen vojevoda, GeneraL 

* Slavisch: ne bregii — vernachlässige, mißachte ich. 



w 



tu. den seutestamentL Apokryphen und der altchrisiL Literatur. 



22/ 



diesen Rat gegeben. Denn wenn du neben dem Wege aufzulauern bc* 
ginnst und die vorbeigehenden Christen ausfragst und marterst, wirst du 
sowohl dem Kaiser Angenehmes tun, als auch dich selbst mit christ- 
licher Habe bereichem. Erkläre aber auch brieflich deiner Mutter und 
deinem Bruder, daß sie nicht so mutig die Griechen ihren väterlichen 
Kultus 2u verlassen lehren, damit auch du ihretwegen nicht gleich ihnen 
leidest Insgeheim aber möget ihr euren Glauben an Christum behalten, 
wie ihr wollt'* 

Viktor aber sprach: „Fern sei mir solches zu tun, dat ich Christen 
martere oder irgend etwas von ihnen nehme oder meiner Mutter und 
meinem Bruder den Rat gebe, nicht zu predigen, Christus sei ein Gott, 
Im Gegenteil, auch ich selbst bin ein Verkünder Christi, bin und werde 
sein wie sie, und wir werden alle das Übel erfahren, das da kommen 
soll/' 

Dux aber sprach: „Ich habe dir Nützliches gesagt, du aber wirst 
selbst sehen, was kommen wird/' 

Und nachdem er dies gesagt hatte, stieg ihm ein Brand im Antlitz 
auf und er fiel zu Boden vor heftigem und großen und scharfen Augen- 
leiden, und konnte nichts mehr sagen.* Die Anwesenden aber hoben 
ihn auf und legten ihn ins Bett Und er lag da drei Tage ohne ein 
Wort gesagt zn haben, nach dem dritten Tage aber schrie er mit großer 
Stimme und rief: „Groß ist der christliche Gott!'* 

Da kam Viktor zu ihm herein und sprach: „Warum hast du dich 
so plötzlich verändert?" 

Er aber sprach; », Christus ruft mich, süßester Viktor," 

Und er taufte sich gleich, von Viktor belehrt, und als er aus dem 
Wasser herauskam, gab er plötzlich Gott die Ehre,* Und als das Volk 
dieses ruhmvolle Wunder sah, bekam es Furcht, es möge, im Unglauben 
verharrend, von ebensolchem Leiden heimgesucht werden, und es kam 
herbei und taufte sich. 

Hernach aber kam es zu Neros Gehör, daß Viktor, der italische 
Heerführer^ und Sebastian, der Dux derselben Stadt, die Predigt des 
Petrus und Paulus verkündigen und alle zum Christo führen, andererseits 
aber auch die Mutter des Stratelates Fhotine mit ihrem Sohn Josias in 
Karthago nach einem Brief dasselbe tun» Nachdem der Kaiser dies 
gehört hatte, entbrannte er vor Zorn und scliickte Krieger nach Italien, 



X WdrtHcb sI&Tisch: und verweilte &tiiziinlo&. 
■ D, h. er wtirde gesund. 



•5* 




228 Ivan Franko, Beiträge aus dem Kirchenslavischen 



um die dort weilenden Christen, Männer und Weiber herbeizuführen. 
Ihnen allen aber erschien Christus und sagte: „Kommt zu mir alle Mühe- 
vollen und Beladenen, und ich werde euch zur Ruhe bringen. Denn 
ich bin mit euch, und Nero und seine Gefolgschaft werden besiegt 
werden." Und dann sprach er zu Viktor: „Von nun an wird Photinus 
dein Name sein. Denn viele werden durch dich erleuchtet zu mir 
kommen. Sebastian aber, sofern er durch das Wort zum Martyrium 
gestärkt wird, selig wird er sein, der bis ans Ende ausharrt." Nachdem 
der Herr dies gesprochen, stieg er in den Himmel hinauf. 

Der heiligen Photine offenbarte er auch alles, was geschehen sollte, 
und sie hob sich auf von Karthago mit vielen Christen und kam in das 
große Rom. Und die ganze Stadt geriet in Bewegung» und sprach: 
„Wer ist diese?" Sie aber verkündigte mutig den Namen Christi. Da 
wurde auch ihr Sohn Photinus mit dem Dux Sebastianus und den Sol- 
daten herbeigeführt. Doch die heilige Photine kam ihm zuvor und 
stellte sich vor Nero mit Josias und ihrem Anhang.* Und Nero sprach 
zu ihr: „Weswegen kamt ihr zu uns?" Die heilige Photine aber sprach: 
„Um dich zu lehren Christum zu verehren." Da sagten zum Kaiser die 
Wachehaltenden: „Dux Sebastian und der Heerführer Viktor, welche an 
die Götter nicht glauben, sind aus Italien angekommen." Und der Kaiser 
sprach: „Sie sollen vorgeführt werden." 

Als diese vorgeführt wurden, sprach der Kaiser zu ihnen: „Was ist's, 
was ich von euch gehört habe?" 

Die Heiligen sprachen: „Was du von uns gehört hast, o Kaiser, ist 
wahr." 

Nero aber blickte auf die heiligen Frauen und sprach zu ihnen: 
„Wollt ihr auch euch von Christus absagen, oder zieht ihr es vor, eines 
schlimmen Todes zu sterben? Wer seid ihr und wie nennt ihr euch.^' 

Die heilige [Photine] aber sprach: „Ich wurde vom Christus, meinem 
Gott, Photine genannt. Meine Schwestern aber, die mit mir sind, heißen 
die erste Anatole, die zweite Photo, die dritte Photis, die vierte Parasceve, 
die fünfte Kyriake. Meine Söhne aber sind der erste Viktor, der von 
dem Herrn Photinus genannt wurde, der zweite aber Osis.** 

Und Nero sprach: „Seid ihr alle einig darin, gemartert zu werden 
und im Nasoräer Christus zu sterben?" 

Die Heilige sprach: „Seinetwegen zu sterben sind wir alle mit Freude 
und Lust übereingekommen." 

» Slavisch : protresö sc — crzitterle. 
« Wörtiich: und den mit ihr. 



zu den Deutesiamcnll. Apokryphen und der altchrisü, Literatur, 



229 



Dann befahl der Kaiser, mit eisernen Hämmern die Glieder ihrer 
Finger zu zermalmen. Da %vurde ein Amboß gebracht, und die Heiligen 
legten ihre Hände darauf, und die Diener begannen d raufzuschlagen. 
Und von der dritten Stunde bis zur neunten wechselten dreimal die 
Schlagenden, die Heiligen aber fühlten gar keinen Schmerz. Als Nero 
dies hörte, staunte er und befahl ihnen die Hände abzuhauen. Und 
gleich ergriffen sie die Heilige, banden dieselbe, legten sie auf den 
Amboß und ergriffen die Hackmesser, und schlugen und hackten die 
drei Diener auf die Hände der heiligen Photine siebenmal wechselnd 
los, und konnten nichts ausrichten, bis sie ganz kraftlos wie Tote nieder- 
fielen. Die Heilige aber wurde durch die Gnade Christi unversehrt be- 
wahrt und betete und sprach: ,,Der Herr ist mein Helfer! Ich fürchte 
nicht, was kann ein Mensch mir tunl*' 

Da begann der Kaiser vor Staunen nachzudenken, wie er mit ver- 
schiedenen Listen die Heiligen quälen möchte. Und er ließ jene in einen 
tiefen Kerker abführen, die heilige Photine aber mit ihren fünf Schwestern 
befahl er in sein goldenes Kubulium (vemmüich cubicuUim, Schlafgemach) 
zu führen und sieben Leuchter und einen Tisch vorzusetzen. Und er 
befahl seiner Tochter Domnina hineinzugehen und mit ihnen samt ihren 
Sklavinnen zu verweilen. Und er legte viele Schätze und goldene 
Zeichen (?) und Kleider und goldene Gürtel hin. Als aber die heilige Photine 
das Mädchen Domnina erblickte, sprach sie: „Sei gegrüßt'. Braut Christi!'* 
Diese aber antwortete: „Sei gegrüßt auch du, meine Herrin, leuchtende 
Fackel Christi!'* Und es wurde die Kaisertochter von den heiligen 
Frauen belehrt mit ihren 100 Sklavinnen, und sie tauften sich. Und 
[Photine] nannte die Kaisertochter Domnina Anthussa. Und gleich be- 
fahl die selige Anthussa all ihr Gold, und alles, was in ihrem goldenen 
Kubuklium war, den Armen zu verteilen durch die Hand der Stephanide, 
der Ältesten der Sklavinnen* 

Als aber der Kaiser dies erfuhr, ergrimmte er und befahl drei Tage 
den Ofen zu heizen und In denselben die heilige Photine und alle die 
mit ihr %varen, bis 3000 an der Zahl, Männer und Weiber» lüneinzuwerfen. 
Nachdem dies geschehen war, weilten sie im Innern des Ofens drei 
Tage. Nach drei Tagen aber, in der Meinung, die Heiligen seien vom 
Feuer verzehrt worden, ließ er den Ofen aufmachen und ihre Gebeine 
in den Fluß werfen. Und nachdem aufgemacht worden war, fand man die 
Heiligen Gott lobend und preisend, und alle erschraken, da das Feuer 




I Sla^Uch Raduj sia, dasselbe wie die gricch. Begni£>ungsformeIt X^^P^' 



230 Ivan Franko, Beiträge aus dem Kirchenslavischen 

sie gar nicht berührt hatte. Und als alle Leute der römischen Stadt 
dieses berühmte Wunder hörten und sahen, wunderten sie sich und 
priesen Gott auch diese. 

Der Kaiser aber war Augenzeuge dieses Wunders und befahl ihnen 
ein giftiges Kraut zu geben. Es wurde ein Zauberer Lambadius gerufen 
und er goß das Kraut ein und gab es zuerst der heiligen Photine. Sie 
aber nahm es an und sprach: ,J>u unreines» verzaubertes Kraut, es ge- 
ziemte dir nicht ims auch nur zu berühren; doch damit jener, der dich 
gebraut hat, auch die Kraft Christi und meines Gottes erkenne, da will 
ich ab erste von allen dies austrinken im Namen des einzig wahren 
Gottes und unseres Heilands Jesu Christi, und dann alle bei mir An- 
wesenden." Und nachdem alle getrunken hatten und unversehrt geblieben 
waren, sah dies der Zauberer und verwunderte sich und sah die Heilige 
an und sprach: ,Jch habe noch ein künstliches Kraut, und wenn du 
davon kostest und nicht bald stirbst, so wiU auch ich an Christus, euren 
Gott, glauben." Und als das Kraut gebracht wurde und alle davon 
kosteten und nichts Schlimmes erlitten, sammelte er alle seine Zauber- 
bücher und übergab sie dem Feuer, glaubte an Christus, taufte sich und 
empfing den Namen Christodulos. 

Als der Kaiser dies erfahren, befahl er ihn aus ihrer Mitte heraus- 
zugreifen und außerhalb der Stadt zu köpfen. Und so vollendete 
Christodulos vor allen anderen sein Martyrium, um Christi willen ge- 
köpft, und empfing die Krone und ging in den Himmel hinauf. Allen 
Heiligen aber mit der Großmärtyrerin Photine ließ der verruchte Nero die 
Adern aufschlitzen. Und als dies geschehen war und die Heiligen ihn ver- 
höhnten und seine Götter verspotteten, befahl er, die Heiligen mit sieden- 
dem Blei und Schwefel zu tränken, sowie ihnen solches auf die Schul- 
tern zu gießen. Und als dies geschah, riefen alle wie mit einem Munde: 
„Wir danken dir, Herr unser Gott, daß du imsere Herzen mit siedendem 
Blei betaut hast, wie die vor Sonnenhitze Lechzenden und Verbrannten!" 
Nero verwunderte sich sehr und befahl die Heiligen aufzuhängen und 
sie gewaltig am ganzen Leib zu kratzen und mit brennenden Fackeln 
zu sengen. Als dies geschah und die Heiligen beteten und durch die 
göttliche Gnade fest blieben, ergrimmte der verruchte Nero und ließ 
siedendes Wasser mit starkem Essig vermischen und den Heiligen in 
die Nasenlöcher hineingießen. Ak dies an den Heiligen vollzogen wurde, 
sprachen sie: „Es ist uns wie Meth und Honigseim.'^ Und noch ärger 
ergrimmte der Tyrann und befahl, ihnen die Augen auszustechen und 
sie blind in einen dunklen und stinkenden Kerker zu werfen, der von 



zu den neutestameatl. Apokryphen und der altchristL Literatur, 23 1 

giftigen Schlangen und Skorpionen voll wan Die Heiligen sangen Gott 
mit großer Stimme, und die im Kerker gehaltenen giftigen Tiere kre- 
pierten und der Kerker erfüllte sich mit einem unaussprechlichen Wohl- 
geruch und das Dunkel verwandelte sich in glänzendes Licht- Und da 
stand Christus unter den Heiligen und sprach zu ihnen: „Friede sei mit 
euch!'* Und er nalim die Heilige [bei der Hand] und richtete sie auf 
und sprach: „Freuet euch, denn ich bin mit euch, freuet euch heut' und 
immerdar/* Und von diesem Wort wurden ihre Augen sehend und sie 
sahen den Herrn* Und er segnete sie und sprach: „Seid mannhaft und 
stark 1** und so stieg er zum Himmel auf Von den Leibern der Heiligen 
fiel es wie Schuppen herab und sie wurden gesund, wie sie früher ge- 
wesen. 

Der leidenschaftliche und gottverhaßte Nero aber ließ die Heiligen 
mehr als drei Jahre im Kerker verweileni ^.bis sie — sagte er — in einem 
schlimmen Tode ihre Seelen verlieren/* Nach drei Jahren aber hatte 
der Kaiser einen Sklaven aus seinem Palaste, welcher im Gefängnis 
gehalten wurde, und ließ diesen befreien. Und als die vom Kaiser [zu 
diesem Behuf] Geschickten die Heiligen gesund sahen, erzählten sie, die 
geblendeten Galiläer seien sehend und gesund, ihr Gefängnis so hell 
erleuchtet und lasse sehr viele Wohlgerüche emporsteigen, indem es 
sich in einen Ruhm Gottes und in ein heiliges Haus verwandelt hat, 
und in der Mitte des Kerkers sei ein siedendes Reichtum (ofifenbar wird 
eine wunderbare Springquelle gemeint), wo die Leute zusammenlaufen, 
sich von ihnen taufen lassen und an ihren Gott glauben. Nachdem der 
Kaiser dies gehört hatte, wunderte er sich» schickte und ließ sie vor sich 
führen und sprach: ,,Habe ich euch nicht mit kaiserlichem Gebot auf- 
getragen, Christum in der römischen Stadt nicht zu predigen ? Wie wagt 
ihr so etwas im Kerker zu tun? Deswegen verfüge ich viele und große 
Qualen über euch/' 

Diese sagten: „Tue, was du willst! Wir werden nicht unterlassen 
Christum als den wahren Gott und Schöpfer des WeltaUs zu predigen/' 

Deswegen von Grimm entbrennend, ließ er sie kopfunter kreuzigen 
und drei Tage lang ihre Körper mit Ochsenziemern peitschen ', „bis ihre 
Glieder — sagte er — auseinander fallen*'. Nachdem dies geschehen 
war, stellte er Wachen auf und ließ sie vier Tage lang hängend be- 
wachen. Als aber am vierten Tag die Diener herbeikamen, um zu 
sehen, ob sie noch am Leben sind, und als sie sie hängend sahen, da 



> Im Slarischen; mzfesyvftü rylnmi, mit Adern darchkimmen. 



232 Ivan Franko, Beiträge aus dem Kirchenslaviscben 

erblindeten sie. Ein Engel Gottes aber kam vom Himmel herab^ band 
die Heiligen los, küßte sie und machte sie gesund. Dann erbarmte 
sich die Heilige (seil. Photine) der geblendeten Diener und betete, und 
gleich wurden sie sehend, glaubten (an Christus), tauften sich im Namen 
Christi und folgten ihnen nach. 

Als der abscheuliche Nero dies hörte, ergrimmte er, der verdammte, 
und befahl, der heiligen Photine die Haut abzuschinden. Als dies ge- 
schah, sang die Heilige: „Herr, du hast mich erprobt!" Als sie ihr die 
Haut abgeschunden hatten, warfen sie dieselbe in den Fluü und die 
Heilige stürzten sie in eine trockene Zisterne. Den Sebastian, Photinus 
und Josias aber ergriffen sie und schnitten ihnen die Schamteile samt den 
Waden ab und warfen sie den Hunden vor, schunden ihnen die Haut 
von den Köpfen ab und warfen sie in ein altes Bad hinein. Dann 
brachten sie die fünf Schwestern der heiligen Photine herbei, schnitten 
ihnen die Brüste ab und schunden hernach auch ihnen die Haut ab. 
Als sie aber an die heilige Photis kamen, wollte sie sich von keinem 
ergreifen lassen, wie die andern, sondern stellte sich heldenhaft hin und 
riß selbst ihre Haut ab und warf sie Nero ins Gesicht, so daß der 
Kaiser über ihre Mannhaftigkeit und Geduld sehr erstaunt war. Eine 
andere grimmige und tödliche Qual erdachte er für sie: in seinem Garten 
ließ er zwei Bäume mit Gewalt herumbiegen und die Heilige bei den 
Füßen daran binden, und als sie losgelassen wurden, zerrissen sie die 
Heilige, und sie übergab Gott ihre heilige und selige Seele, Dann ließ 
der Schlimme die übrigen mit dem Schwerte hinrichten. Die selige 
Photine aber holte er aus der Zisterne herauf und warf sie in den 
Kerker. Dort lebte sie noch 20 Tage. Dann ließ er sie vorführen und 
fragte, ob sie bereuen wolle und sich herbeilasse seinen Göttern ein 
Opfer darzubringen? Die Heilige aber spuckte ihm ins Gesicht, ver- 
spottete seine Eitelkeit und seine sinnlose Denkweise und sprach: „Du 
allerabscheulichster Blinder! Denkst du, ich sei so unverständig, du 
Lügner und Dummkopf, daß ich meinen Herrn verleugnen und deinen 
blinden Göttern opfern werde?" Dies hörend, befahl der Kaiser, sie 
wieder in die Zisterne herabzuschleudern. Und als dies geschah, gab 
die Heilige ihre Seele an Gott auf, einen Kranz tragend und ewig jubi- 
lierend. 

Es ist genug, diese lebhafte, dramatische Darstellung, gepaart mit 
der grauenhaftesten Phantastik nur einmal zu lesen, um den Gedanken 
an das Nachforschen des historischen oder geographischen Hintergrundes 
derselben lächerlich zu finden. Was hilft es uns, den Heerführer Viktor, 




zu deii neutestamentl Apokryphen und der altchristl, Literatur. 233 

welcher zu Neros Zeit mit Avaren kämpft und dann den Auftrag erhält, 
die Christen in Italien zu verfolgen, mit dem römischen Legionär Viktor 
zu identifizieren, welcher unter Vespasian in Palästina kämpfte» wie es 
die Bollandisten tun? Oder was helfen uns alle Nachforschungen nach 
jenem Dux Sebastian, welcher in unserer Erzählung ofTfenbar als Korn- 
mandant einer Stadt, genannt Italien, gedacht wird? Wir sehen ja gleich, 
daß der ganze Hintergrund dieser Erzählung durchaus phantastisch ist, 
ebenso phantastisch, wie die in ihr dargestellten menschlichen Verhältnisse- 
Dieser Heerführer, welcher an der Straße sitzen sollj um gleich einem 
StraÜenräuber vorübergehende Christen nach ihrem Katechismus auszu- 
fragen und zu berauben, diese Photinc, welche wie eine zweite Königin 
von Saba mit einem ungeheuren Gefolge aus Karthago nach Rom zieht, 
um sich und die Ihrigen hier martern zu lassen, dieser Nero, welcher 
der halsstarrigen Christin zu unbekanntem Zwecke gleich seine Schätze 
und seine Tociiter vorsetzt, — alles dies zeigt deutlich, daß wir hier 
keine Spur historischer Reminiszenz, sondern nur ein pures Phantasiespiel 
vor uns haben, keine echte Legende, sondern das Bruchstück eines 
christlichen Romans im Geschmacke der Pseudoklementinen (sit venia 
verbo), oder der apokryphen Apostelgeschichten. Ebenso wie spätere 
Generationen diese phantastischen und im Rahmen der Phantastik ge- 
wisse sektiererische Doktrinen propagierenden Erzeugnisse für das katho- 
lische Publikum in der Weise adoptierten, daß sie das Gift der Doktrin 
mehr oder weniger gründlich entfernten und das phantastische Grund- 
gewebe als einen X6toc iiiuxoqpeXric stehen ließen, ebenso scheint auch 
hier geschehen zu. sein. Daß wir in unserer Erzählung nur ein von 
lehrhaften Bestandteilen ausgeweidetes Bruchstück eines Romans vor 
uns haben, braucht ja nicht speziell bewiesen zu werden. Die Situation 
zu Anfang der Erzählung ist Ja gleich in mediis rebus; Dux Sebastian 
spricht mit Viktor wie mit einem alten Bekannten und sogar wie mit 
einem intimen Freund, dessen Mutter und Bruder er kennt Daß sie 
intime Freunde sind und trotzdem Sebastian noch ein Heide, läßt ver- 
muten, daß auch Viktors Christentum nicht alten Datums ist und daß 
der gegenwärtigen ErzäMung eine womöglich wunderbare Bekehrungs- 
geschichte vorangegangen sein muß. Über den Inhalt dieser Bekehrungs- 
geschichtc finden wir eine Andeutung in der Rede der Photine vor Nero, 
wo sie auf des Kaisers Anfrage über ihren Namen antwortet; „Vom 
Christus, meinem Herrn, bin ich Photine genannt worden»" Nun wissen 
wir aber von einer solchen, quasi durch Christum bewerkstelligten 
Namengebung gar nichts und es waren wahrscheinlich erst die späteren 



234 Ivan Franko, Beiträge aus dem Kirchenslavischen 

byzantinischen Legendenschreiber, welche die bereits auf den gegen- 
wärtigen Zustand reduzierte Erzählung auf Grund eben dieser Worte 
mit der Episode über die Samariterin im Johannesevangelium in Ver- 
bindung brachten, von der Hypothese ausgehend, Christus hätte, wenn 
je, so doch nur damals, im intimen Gespräch mit der Samariterin ihr 
auch einen solchen Namen gegeben haben. Doch es genügt wieder, 
unsere Erzählung nur einmal zu lesen, um sich zu überzeugen, daß 
Photine mit jener Samariterin gar nichts gemein hat, daß sie als eine 
reiche, angesehene karthagische Patrizierin auftritt, deren Sohn ein 
römischer General ist und deren Erscheinen in Rom eine allgemeine 
Sensation hervorruft. Nur einmal scheint der Text auf ihren palästini- 
schen Ursprung hinzudeuten, indem alle diese karthagischen Damen 
„Galiläerinnen" genannt werden. Doch auch dies reimt sich schlecht 
mit ihrem Samaritanertum und erklärt sich weit besser als der verächt- 
liche Name der Christen überhaupt, wie wir ihn aus zahlreichen Mar- 
tyrien nach der diokletianischen Christenverfolgung kennen. 

So wie sie da ist, scheint diese Passio S. Photinae nur eine zweck- 
lose Anhäufung der horrenden Greuelszenen zu sein, ein 2^ugnis fiir die 
blutgierige Phantasie und den schlechten Geschmack ihres Verfassers. 
Erst wenn wir sie als ein Epitome aus dem verlorenen Ganzen be- 
trachten, wenn wir auf ihr Spuren und Narben der einst am Prototyp 
vorgenommenen Operation verfolgen und dieselben mit anderen der- 
artigen uns wohl bekannten Zeugnissen in Verbindung betrachten, ge- 
winnt sie für uns eine gewisse religions- und literaturgeschichtliche 
Bedeutung. Da möge nun vor allem an die auffallende Sucht der Namen- 
änderung hingewiesen werden, welche hier vorherrscht und als deren 
Urheber Christus selbst dargestellt wird. Bemerkenswert ist auch die 
Tendenz, alle Namen mit den Begriffen: Licht, Sonnenaufgang in Ver- 
bindung zu bringen; für den Kirchenhistoriker wird dies vielleicht ein 
Fingerzeig sein, in welcher häretischen Sphäre er den Ursprung unserer 
Erzählung zu suchen hätte. Zu den kulturgeschichtlich interessanten Er- 
scheinungen dieser Erzählung gehört die Erwähnung der durch ein Weib 
vorgenommenen Taufe (in der Episode mit der Tochter Neros, welche 
in der Episode mit dem Zauberer Lambadius ihre nicht so deutlich aus 
gesprochene Doublette hat), welche uns an die Acta Pauli et Theclae 
mit der sich selbst und ihre getreue Löwin taufenden Jungfrau erinnert. 
Wenn nicht gnostische Doktrin, wovon freilich fast keine Spuren übrig- 
geblieben sind, so herrscht doch die gnostische Phantasie, wie sie Lipsius 
in seinem Werke über die apokryphen Apostelgeschichten so gut charak- 



zu den neutestamentl. Apokryphen und der altchristl. Literatur. 235 

terisiert hat, auch in dieser Erzählung vor. Häufige Erscheinungen der 
Engel und besonders Christi in Person, statt sprechender Tiere solche, 
welche bei der Berührung der Heiligen sterben, die orientalischen Mar- 
tern, wie die Hautabschindung (wie beim heiligen Thomas und Bartho- 
lomäus), wobei der Geschundene dann noch tage- und jahrelang am 
Leben bleibt, die Augenausbohrung, das wunderbare Anwachsen zer- 
störter Glieder, die übernatürliche Widerstandskraft gegen die Qualen, 
alles dies führt uns in die wohlbekannte Atmosphäre jener sektiererischen 
Phantasiegebilde, welche wie eine dichte Wolke die ersten vier Jahr- 
hunderte der Geschichte des Christentums umfloren und ihrer ganzen 
weiteren Entwicklung ihren unverlöschlichen Stempel aufdrückten. 



[Abgeschlossen am 21. Juli 1906.] 



236 Hans Windisch, Das Evangelium des Basilides. 



Das Evangelium des Basilides. 

Von Dr. Hans Windisch in Berlin. 

In seiner i.Homilie zum Lukasevangelium (über Lc i, i) legt Ori- 
genes den Unterschied der kirchlich gebrauchten Evangelien und der 
nichtkirchlichen Evangelien dar: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes 
waren vom heiligen Geist getrieben; die Verfasser der anderen Evan- 
gelien sind „leichtfertig und ohne Charisma" an ihr Werk gegangen: 
„d7T€X€ipiicav". Origenes nennt das Ägypterevangelium, das Evangelium 
der Zwölf, das Evangelium nach Thomas und nach Matthias, endlich 
das Evangelium nach Basilides. "Hbt] bi. dTÖXjuuice Kai BaciXi&nc TPoti|iat 
Kaxd BactX(biiv cuaTT^Xiov; lateinisch: Ausus fuit et Basilides scribere 
evangelium et suo illud nomine titulare (Orig. ed. Lommatzsch V, S. 86 f.).* 
Darnach ist in den Schulen des Basilides ein Evangelium gebraucht 
worden, das neben den sonstigen, kanonischen wie außerkanonischen 
Evangelien genannt werden konnte, also offenbar einen gewissen selb- 
ständigen Charakter hatte. 

Gegen Basilides hat ein „zu seiner Zeit namhafter Schriftsteller" 
Agrippa Castor geschrieben. Eusebius verdankt seinem trefflichen 
JXexxoc Kaxd BaciXei&ou die Notiz, daß Basilides 24 Bücher eic xö eucrf- 
T^Xiov verfaßt habe (hist. eccl. IV, 7, 6 f.).* Nach allgemeiner Annahme 
ist darunter ein Kommentarwerk zu „seinem Evangelium** zu verstehen. 
Clemens Alex, gibt uns den Titel dieses Werkes an: "ESiiTiixiKd und 
zitiert einige Stücke aus seinem 23. Buch (Strom. IV, 81—88). Die 
tractatus des Basilides, von denen in der disputatio Archelai et Manetis 
Buchanfang und ein Bruchstück des 13. Buches aufbewahrt sind, (ed. 
Routh, reliqu. sacr.' V, S. 197), werden mit Recht mit den dSnTHTiKd 
identifiziert. 3 



< Vgl. Hieronymas comm. in Matth. prooem. und Ambrosius expositio evang. sec 
Luc. I, 2: beide schreiben Origenes aus. 

a Hieronymus vir. ill. cap. 21 schreibt den Eu& ab ; ygl. Zahn, Geschichte des neu- 
testamentlichen Kanons S. 764, A. i. 

3 Vgl. Th. Zahn, a. a. O. S. 764, Anm. 4. 




Hans Wiadiscb, Das Evangelium des Basilides. 



237 



Man urteilt verschieden über die Art des j,Evangeliums nach Basi- 
lides". Nach A, Hilgenfeld* war es dem Lc verwandt, Dagegen hat 
TL Zahn^ zu beweisen versucht, daß Basilides aus den 4 kirchlichen 
Evangelien ein einheitliches Evangelium, eine Art Evangelienharmonie 
hergestellt habe: außer Stücken aus Lc findet er eine Joh-Perikope und 
eine Matth-Perikope bezeugt, A, Harnack,^ dem diese Beweisführung 
Zahns unsicher erscheint, spricht ganz allgemein von der eigenen Evan- 
gelienrezension des Basilides, von dem Evangeliumj das „wahrscheinlich 
von Basilides selbst redigiert'* war Ich glaube den Beweis liefern zu 
können, daß wir in dem Evangelium des Basilides eine Ausgabe des 
kanonischen Lukasevangeliums zu sehen haben. 

Ich habe zunächst die Joh-Perikope und die Matth-Perikope, die 
Zahn nachweisen will^ zu beseitigen. 

Zahn* ist der Meinung, daß die Fragmente, die Clemens Alex, 
(Strom. IV, 81 — S8) aus dem 23, Buche mitteilt, Erläuterungen des Basi* 
lides 2U Joh 9, i — 3 darstellen. Basilides behandele den Zusammenhang 
von Sünden und Leiden: dreimal nehme er Bezug auf die kleinen Kinder, 
welche zu leiden haben, während sie doch nicht gesündigt zu haben 
scheinen- es gebe keinen anderen evangelischen Text, an dessen Aus* 
legung sich diese Erörterung hätte anschließen können als Joh 9, i — 3, 
das Gespräch Jesu und seiner Jünger über den Blindgeborenen* 

Wenn nun aber anzunehmen ist, daß die Exegetika eine fortlaufende 
Erläuterung des Evangeliums waren» so ist von vornherein sehr unwahr- 
scheinlich, daß im vorletzten Buche die johanncische Erzählung vom 
Blindgeborenen daran gekommen sei. Zahn gibt aber auch den Inhalt 
der Fragmente, wie mir scheint, nicht richtig an- 
Clemens sagt bei der Einführung des r. Fragmentes deutlich, wovon 
Basilides in seinem 23. Buch gehandelt habei Tiepl xijuv Kaid TÖ ^aprupiov 
KoXaloji^vujv. Der Ausgangspunkt der Erörterung ist also nicht die 
allgemeine Frage des Zusammenhangs von Sünden und Leiden, sondern 
das Problem der Martyrien. Es ist ihm ein Problem der Theodicee: 
alle Leiden und Verfolgungen sind von einem direkten Willensbeschluß 



1 EmL i, d. NT, S* 46 f„ ferner ZwTh XXJ. 1S7S, S. 334, und die KetiergcscliiGlite 
des Urchristentums 18^4, S. 30t, 

a Geschiciile des ireuteitamentL Kanons I^ 2, 1889, S. 763—774, G. Krüger hat 
stell Zahn an^eschloueiip RE3 11, S. 432. 

j Chronologie I, S* 291, S^^^^t 59*** — Vgl» aacb Hennecke, NeutesUmentl. Apo- 
kryphen S. 41; H&ndbuch S« 9z. 

4 A, EL O., S. 766 t 




238 Hans Windisch, Das Evangelium des Basilides. 

Gottes gewirkt, und sie gelten als Sündenstrafen. So sucht Basilides 
das Leiden der Märtyrer zu rechtfertigen, die doch meist zu den heilig- 
sten Männern der Gemeinde gehören, und vergleicht ihr Leiden mit dem 
Leiden der kleinen Kinder, die doch auch offenbar nicht aktuell ge- 
sündigt haben. Aus den Fragmenten des Basilides und aus den Erörte- 
rungen des Clemens ist nun aber auch zu ersehen, daß dem Clemens 
nicht etwa eine allgemeine Auslassung über die Martyrien vorlag, sondern 
daß Basilides von dem Martyrium Jesu ausgegangen war: Er will seinen 
Satz rechtfertigen 6 Kupioc GeXrj^aTi ?Tra0€V toö irarpöc (86), weil dieser 
Satz angegriffen wird im Hinweis auf die übliche Vorstellung: 6 beiva 
oöv fi^apT€V fitv, ?Tra0€V fäp 6 Ö€ivcl Er behauptet zunächst von Jesus: 
ouK %apT€V juifev, ö^oiöc T€ i^v TUi TrdcxovTi vriTTiiji, und wagt alsdann 
das Bekenntnis: jedweder Mensch ist eben ein Mensch, und gerecht ist 
nur Gott (83). 

Die Erläuterungen gehören also zur Leidensgeschichte. Die Voraus- 
setzung, nach der wir oben Zahns Annahme unwahrscheinlich fanden, 
bewährt sich. Basilides hat in seinen Exegetika das Evangelium fort- 
laufend kommentiert: im vorletzten Buche kam die Passionsgeschichte 
an die Reihe. Hier hat Basilides die Frage behandelt, wie sich der 
Tod des Herrn mit dem Vorsehungsglauben vereinen lasse. 

Somit ist die Joh-Perikope beseitigt.^ An sich konnte nun aber 
eine Ausführung über den Tod Jesu und die Gerechtigkeit Gottes an 
jede Passionserzählung angeschlossen werden. Ich meine jedoch, wir 
haben Grund, an die Erzählung des Lc zu denken. Allein in der Passions- 
geschichte nach Lc findet sich eine Episode, die die Frage, ob Jesus 
gerechterweise von Gott dem Tod überantwortet sei, geradezu heraus- 
fordert. Es ist das Wort des reuigen Schachers, das uns Lc allein 
überliefert hat: oüöfe qpoß^ cü töv Geov, 6ti dv tuj auTiu Kpfjuati ei; Kai 
fmeic jitv biKaiuic, äüa Tap il»v dirpaHa^ev, dTroXa^ßdvo^ev • outoc bk oi>bkv 
dTOTTOV InpaHv (Lc 23, 40 f.). Die Annahme hat große Wahrscheinlich- 
keit, daß die Leidensgeschichte, die Basilides in sein Evangelium auf- 
genommen hatte, aus dem Lc-Evangelium stammte.* 



X Unnötig ist es, Hofstede de Groot zu widerlegen, der in einer kleinen Schrift 
„Basilides am Ausgange des apostolischen Zeitalters usw." Leipzig 1868, in den Frag- 
menten Gedanken und Ausdrücke findet, die aus i Petr 4, 4—16 entlehnt sein sollen (S. 11). 
Die Stelle ist zum Vergleich interessant, aher es ist de Groot entgangen, daß sie das 
Gegenteil von dem meint, was Basilides ausfuhrt 

2 Damit ist zugleich erwiesen, daß die Nachricht, die Irenäus (adv. Haer. I, 19, 3 
zuerst bringt (vgl. auch Philaster haer. 32, Epiphan. haer. 24, 3 f., 8 f.), nach Basilides 



r 



Hans \V indisch. Das Evangelium des Basilides. 



239 



Eine Mt-Perikope im Evangelium des Basilides» Mt 19, li, 12, ver- 
sucht Zahn wiederum aus einem bei Clemens Alex. (Strom. III, i)' auf- 
bewahrten basilidianischen Fragment nachzuweisen. 

Clemens teilt uns ausführlich eine Exegese dieses Wortes von den 
Eunuchen mit, wie sie von den Basilidianern (oi dirö BaaXEiöou) vor- 
getragen werde; er führt sein Zitat ein: i£i]TOuvTai bk xö prjTÖv üibi ttupc. 
Ein folgendes, sachven^^andtes Zitat gibt er wörtlich wieder: er ninMnt 
es aus Isidors Ethika (Strom, HI, 2). Zum Schluß erklärt er, er habe 
diese Äußerungen zitiert, um die Basilidianer, die dem Liberttnismus 
huldigten, auf die ethischen Dogmen ihrer TTpoTraroptc zu weisen. Zahn* 
vermutet darnach, daß das i, Fragment aus der Evangelienauslegung 
des Basilides genommen sei und gewinnt so für das Basilidesevangelium 
eine Mt-Perikope, da das Wort von den Eunuchen Mt eigentümlich ist* 
Diese Argumentation Zahns ist keineswegs unmöglich oder unwahr- 
scheinlich. Indessen ist sie jedenfalls unsicher^ Wenn freilich die Exe- 
gese der Mt-Stelle aus einem Buch des Basilides entnooimen wäre, 
würden die Schlüsse Zahns wahrscheinlich sein. Aber es mu(^ stutzig 
machen, daß Clemens nicht Basilides, sondern die Basilidianer nennt: 
„die Basilidianer meinen"; sie legen es ungefähr so aus; im 2. Satz des 
Fragments noch einmal 9aciv* Warum nennt Clemens nicht ausdrück- 
lich den Basilides und das Werk, wie er alsbald den Isidor und seine 
Schrift namhaft macht, wie er im 4, Buch die Exegetika anfuhrt, da er 
doch den Basilidianern zeigen will, wie die Stifter ihrer Schule dachten! 
Die Vermutung, das i. Fragment stamme aus dem Kommen tarw^erk des 
Basilides, ist also als unsicher zu bezeichnen. VieUeicbt ist sogar die 
Ansicht Hilgenfelds* wahrscheinlicher, daß schon das i* Fragment den 
Ethika Isidors entnommen sei. Man vergleiche: iEriToOvTai hl t6 ^rixov 
\hbi nujc (i) und cpr^ci xaTct Xl£tv ö Iciöujpoc ^v xok 'H6iKoTc (2), Man 
kann diese Wendungen so verstehen, daß Clemens von der ungefähren 
zur wörtlichen Zitation übergeht; es ist verständlich, daß er bei der 
zweiten Anführung Verfasser und Quelle genau angibt. Von den irpo- 
ttctTOptc konnte er am Schlüsse auch reden, \venn er nur den Isidor, 



habe an SteUe Jesu Simon von Cyrcne atn Kren« gehangen, fQr BjuiUdes selbst nicht 
zutreffen kann. Vgl* Kruge r, REj, II, S» 434. 

^ Epipbanios hneT- 32, 4 schreibt Clemens aus, hat aber eine heillose Verwiirung 
angeiicbtet, vgL Lipsius, Zur Quellenkritik des Epipbanios S. jölL 

a A. a. O. S. 767 f, 

3 VgL Hamackt Chronologie t, S, 591, Ania. z. 

4 Ketzergesehichte^ S* 2l§f.f vgl. aach Lipsio«, Zur Qcelienkritik des Epiphsnios, 

S. lÖ2f. 



240 Hans Windisch, Das Evangelium des Basilides. 

den Sohn und Nachfolger des Basilides zitiert hatte. Und auch der 
Plural in i ist begreiflich zu machen: Clemens will die sexuellen An- 
schauungen der Häretiker erörtern; erst nennt er „die Valentinianer", 
dann „die Basilidianer'*; der Hieb auf die jüngeren Basilidianer ist nur 
Nebenabsicht: so kommt es, daß er „die Basilidianer'* hinweist auf die 
Äußerungen „der Basilidianer". Die Verwertung des Fragments Clem. 
Str. III, I für die Zusammensetzung des Evangeliums des Basilides ist 
also entweder unsicher oder ausgeschlossen. 

Wir haben bisher einen ziemlich sicheren Hinweis auf das Lukas- 
evangelium gefunden. Wir suchen nach weiteren Andeutungen. Zu- 
nächst kommen in Betracht die Fragmente aus den Acta Archelai. 
Damach hat Basilides im 13. Buch seiner Traktate die Parabel vom 
Reichen und Armen ausgelegt. Es ist damit sicher die Parabel vom 
reichen Mann und armen Lazarus gemeint, die wiederum allein Lc über- 
liefert (Lc 16, iQff.). Ein zweiter deutlicher Hinweis auf Lc. 

Weiter macht Zahn* darauf aufmerksam, daß die chronologischen 
Versuche der Basilidianer, von denen Clemens (Strom. I, 145 f.) b>erichtet, 
offenbar auf den beiden Lc-Stellen 3, i und 4, 19 beruhen, welche 
Clemens unmittelbar vorher für seine eigenen chronologischen Bestim- 
mungen angeführt hat Wir können mit Zahn auch darin ein Zeugnis 
für den Evangeliengebrauch des Basilides und seiner Schule sehen. 

Aus den Fragmenten und Notizen, die wir dem Clemens Alex, und 
den Archelaosakten verdanken, hat sich ergeben: das Evangelium des 
Basilides hat Stücke enthalten, die uns sonst nur aus Lc bekannt 
sind. Weiter zu gehen in unserem Urteil, erlauben uns einige Be- 
merkungen, die sich in den Lukashomilien des Origenes verstreut 
finden. 

Wir lassen vorderhand die Äußerung des Origenes, mit der wir 
unsere Erörterung begonnen haben, außer Betracht. 

In seinen Homilien über das Lc-Evangelium nimmt Origenes mehr- 
fach Anlaß gegen Häretiker zu polemisieren. Wir haben zu fragen, 
was ihn dazu bestimmt. In der 16. Homilie (ed. Lomm. V, S. 142 f.) 
wird es den Lesern deutlich gesagt. Origenes handelt hier von dem 
Wort des Simeon: ecce iste positus est in ruinam et resurrectionem 
multorum in Israel (Lc 2, 34). Er weist an diesem Wort die Über- 
einstimmung des Evangeliums mit dem Gesetz und den Propheten nach. 
Wenn die Häretiker aus dem Alten Testament Zeugnisse sammeln und 



I A. a. 0., s. 7691. 

^ 8. 1906, 



r 



Hans Windiäch, Das Evangetium des BasiUdes. 



24r 



ausrufen; ecce Deus legis et prophetarum videte quaüs sit, so will Ori- 
genes ihnen das Zeugnis des Evangeliums entgegenhalteru Der Gott, 
den dieses Wort des Lc verkündet, ist derselbe, der da sprach: ego 
interficiam et vivi/icabo, percutiam et sanabo. Und Orjgenes meint, mit 
diesem Nachweis die Häretiker zu schlagen; das Zeugnis des Evan- 
geliums nehmen sie ja für sich in Anspruch: InHum^raBiks quippe fuu- 
reses suni, quae euangelium secundum Lucam recipümi. Wir erfahren 
also, daß xahlreiche Sekten das Lc- Evangelium als ihr Evangelium in 
Anspmcli nehmen. Origenes kann sie mit üiren eigenen Waffen schlagen. 
Und zwar meint er offenbar, daß sie den kanonischen Lc in Gebrauch 
haben; er setzt voraus, daß die Stelle Lc 2, 34 in ihrem Evangelium 
steht 

Ähnlich äußert sich Origenes in der 20. Homilie (Lomm« S* 159) zu 
dem Wort des zwölfjährigen Jesus: nesciebatis, quia in his, quae sunt 
Patris mei, oportet me esse? (Lc 2, 49), Hier erklart Jesus den SchÖpfcr- 
gott, den Gott des Gesetzes und der Propheten, den Gott des Tempels 
für seinen Vater, Erubescant Valentiniani audtentes lesum inquientem 
etc, Erubescant omnes haeretki, gm evangeUmn recipiunt secundum 
Lucam^ et quae in eo sunt scripta, contemnunt. Ortgencs wendet den- 
selben apologetischen Gedanken an: die Häretiker nehmen das Evan- 
gelium der Kirche an, aber nicht die Lehre, die die Kirche aus diesem 
Evangelium ziehe. Er sieht davon ab, daß etwa einige Perikopen in 
den häretischen Evangelien gestrichen seien: sie gebrauchen den kano- 
nischen Lukas. 

Hier sind unter den Häretikern die Valentinianer besonders genannt. 
Wir fragen, ob auch Basiüdes zu d^n zahlreichen Häretikern gehörte, 
die den kanonischen Lc gebrauchen. 

An 3£vvei Stellen nennt Origenes mit voller Deutlichkeit auch den 
BasiUdes. 

In der 31, Homilie über die Versuchungsgeschichte (a. a, O. S. 201 1) 
spricht er sich darüber aus, daß der Teufel es wage, die göttlichen 
Bücher des Alten Testamentes zu zitieren, freilich nicht um selbst besser 
zu werden, sondern um Freunde der Schrift zu töten. Genau so machen 
es die Häretiker: sie fuhren das Zeugnis der Schrift an und töten zu- 
gleich durch das Gift ihrer Häresie, In ihren eigenen Evangelien steht 
ja geschrieben, was der Teufel dem Herrn vorhält Sic legit scripturas 
Marcion ut diabolus^ sie Basilides, sie Valentinus^ ut cum diaboio dice- 
rent salvatori: folgt Lc 4, lOf Was oben von Valentin gesagt war, 
gilt also nach Origenes auch für Marcion und Basilides. Origenes 



Zeiuchr. 1^ d. neutcst. WUt. Jabis« Vtt 1906. 



16 




242 Hans Windisch, Das Evangelium des Basilides. 

rechnet auch Basilides zu den zahlreichen Häretikern, die den kano- 
nischen Lc gebrauchen. 

Hier könnten uns freilich Zweifel an der Sachkenntnis des Origenes 
aufsteigen. Auch Marcion soll die Versuchungsgeschichte und vielleicht 
auch das Wort des Simeon und des zwölfjährigen Jesus in seinem Evan- 
gelium gelesen haben; aber wir wissen, dafi Marcion gerade diese Peri- 
kopen gestrichen hat. Dieser Einwand kann jedoch die Hauptsache 
nicht erschüttern: Marcion hatte den Lc jedenfalls zur Grundlage seines 
Evangeliums gemacht. Es kann also die Meinung des Origenes wohl 
richtig sein, daß auch Basilides den, wenn auch veränderten, Lc ge- 
brauchte. 

Nun war dem Origenes aber auch bekannt, daß die Häretiker an 
ihrem Lc Korrekturen sich erlaubten. Das lehrt die andere Stelle, 

In einem Fragment derLc-Homilien, das uns Macarius Chrysocephalus 
aufbewahrt hat (Lomm. V, S. 240), argumentiert Origenes wiederum in 
der uns bereits bekannten Weise gegen Valentin, Basilides und Marcion. 

Ein Schriftgelehrter fragt, was er tun müsse, um das ewige Leben 
zu ererben, und der Herr weist ihn auf zwei Worte des Pentateuchs 
(Lc IG, 25 — 28). Im Gesetz ist schon der Weg zimi ewigen Leben 
gezeigt TaOra bi äptyrai irpöc touc dtrö OuaXevrivou Kai BaaX(6ou xcti 
Toiic dTTÖ Mapxiujvoc, "Exouci yop xal aÖToi lac \iievc iv Tip Ka6' 4auTOvic 
euaTTcXfip. Nach Zahn * sind hier zwei Auslegungen möglich. Entweder 
faßt man Iv tijj kqG' 4auT0Üc cuaTT^Xiuj distributiv: jede dieser drei 
Parteien in ihrem besonderen Evangelium. Oder der zweite Satz beziehe 
sich allein auf die durch einen besonderen Artikel abgesonderten Mar- 
cioniten. Jedenfalls sei es unstatthaft, hier ein gemeinsames Evangelium 
der drei Parteien bezeugt zu finden, oder gar an eine Verbreitung des 
Evangeliums Marcions auch unter Valentinianern und Basilidianem zu 
denken wie Routh (rec. sacr. P, S. 89, 432). Die letztere Annahme ist 
sicher unstatthaft Aber auch Zahns Auslegungen sind beide, wie mich 
dünkt, nicht möglich. 

Einmal hat die ganze polemische Wendung doch nur Sinn, wenn 
auch Valentin und Basilides auf Wprte, die in ihrem Evangelium stehen, 
aufmerksam gemacht werden: nicht bloß Marcion, sondern auch die 
anderen Häretiker, die den Lc gebrauchen, tadelt Origenes, daß sie das 
Evangelium haben, aber seine Lehre nicht annehmen. Die Äußerung 
ist nach ihrem allgemeinen Sinn den obigen vollkommen parallel Die 



» A. a, O. S. 749, Anm. 3. 



F 



Hans Windisch, Das Eyangelium des Batitides. 



343 




Wiederholung des Toijc öttö hat also nur stilistischen Grund. Sodann 1 
erscheint Kiir aber auch die distrubutive Übersetzung Zahns nicht richtig; 
wäre an ganz verschiedene Evangelien gedacht, so müßte der Plural 
stehen: Iv TOic KaS' lotuToi^c ^iaTftXloic. Ist also der 2, Satz auf alle 
drei Ketzergruppen zu beziehen und doch nicht an drei völlig ver- 
schiedene Evangelien zu denken, so ergibt sich als die natürlichste Aus- 
legung: dies ist gegen die Valentinianer, Basilidianer und Marcioniten 
gesagt; denn auch sie haben ja die Worte in ihrem Evangelium: näm- 
lich in ihrem Lc-Evangelium. 

Es sind also auch hier die Schüler Valentins, des Basilides und 
Marcions zusammengenommen. Sie werden auf eine Perikope venviesen, 
die in ihrer Form dem Lc-Evangelium eigentümlich ist. Nun ist dies 
aber hier nicht so zu verstehen, daß sie diese Perikope in ihr Evangelium 
aufgenommen hätten; sie haben sie in ihrem Evangelium „stehen lassen" 
— unvorsichtigerweise. Das kanonische Lc-Evangelium, meint Origenes, 
hat sich an dieser Stelle in den Ausgaben der drei Häretikerschulen 
keine Veränderung gefallen lassen müssen. Es ist ihm also wohl be- 
kannt, daü die Häretiker ein kanonisches Evangelium gebrauchten, nur 
haben sie nicht überall den kanonischen Text beibehalten," 

Wir verstehen von hier aus die Bemerkung des Origenes in der 
I. Lc-Homilte, von der wir ausgingen. Auch BasiUdes hat es gewagt 
ein eöaYT^Xtov Kaxd BactXiöriv zu schreiben; wenn Hieronymus in seiner 
Übersetzung hinzufügt: und mit seinem Namen zu betiteln, so wird dies 
eine Ausdeutung des griechischen Ausdrucks €ucein"€Xiov Kaxa BaciXibr^v 
sein.' Diese Wendung kennen wir aber schon: sie bedeutet ein be- 
stimmtes, kanonisches Evangelium in der Ausgabe des Basilides. So 
haben wir sie zu verstehen nach all den polemischen Äußerungen, die 
Origenes in seine Homilien eingeflochten hat. Nun wird aber hier das 
Evangelium nach Basilides als ein eigenartiges häretisches Evangelium 
genannt, das „geschrieben" worden ist ohne göttliche Inspiration, das 
sich schon seiner Entstehungsweise nach durchaus von den kanonischen 
Evangelien, also auch dem Lc-Evangelium, unterscheidet Zahn^ urteilt 
daher, diese Nachricht dürfe nicht dahin abgeschwächt werden, daß 
Origenes aus den Abweichungen des im Kommentar des Basilides be- 




1 Vgl. hierzu Orig, c Olsuui 11» 27: jiCTdxapdEavTic M rd eöaxTdXiov oök eilha 
öAXouc ?{ Toöc dTTÖ Mapxfuuvöc Kai toüc dir6 OöaXcvxtvoi?, oT^al M Kai touc änö 
AouKdvov» Warum die Basilidianer hier febJen, dazu vgl. Zahn a, a. O. S. 77öip Anm. 2* 

* Vgl Zahn, a, a, O. S. 770. 

3 A. ju O. S. 770f. 

16* 



244 Hans Windisch, Das Evangelium des Basilides. 

handelten evangelischen Textes auf die Existenz eines besonderen Evan- 
geliums nach Basilides geschlossen habe; es handele sich vielmehr um 
ein von Basilides zusammengestelltes, neu hergestelltes Evangelium. 

Nach unseren Nachweisen hat Origenes durchaus nicht aus Text- 
abweichungen auf ein besonderes Evangelium nach Basilides geschlossen. 
Er sagt uns vielmehr, dafi auch Basilides den kanonischen Lc in Ge- 
brauch hatte; es ist nur eine verderbte Ausgabe. Es ist nun aber ver- 
ständlich, dafi in der Polemik aus dem kanonischen Lc in der Ausgabe 
des Basilides auch einmal ein falsches von Basilides geschriebenes Hvan- 
gelium wird. Schon wenn Häretiker den kanonischen Text zum Erweis 
ihrer Lüge gebrauchen, ist ihr Evangelium vom Geiste Gottes verlassen; 
liegt es ihnen gar in einer besonderen Ausgabe vor, so kann man es 
ebenso gut „ein von den Häretikern gebrauchtes und verdorbenes Lc- 
Evangelium'*, wie ein von den Häretikern aus eigenem oder diabolischem 
Impuls geschriebenes Evangelium nennen. Eine gute Parallele bieten 
die Äußerungen Tertullians über das Evangelium Mardons. Tertullian 
weiß, daß Marcion den kanonischen Lc zur Grundlage seines Evangeliums 
gemacht hat: der Lc ist gemeinsamer Besitz Marcions und der Kirche.* 
Aber Marcion hat den kanonischen Text emendiert, d. h. verdorben 
(adv. Marc. IV, 4). Es ist daher gar nicht mehr unser Lc-Evangelium, 
sondern Marcions eigenes Evangelium: ad ipsum jam evangelium ejus 
provocamus, quod interpolando suum fecit (a. a. O. i). So spricht auch 
Origenes von einem Evangelium nach Marcion. Es ist also unberechtigt, 
aus der Nennung des Evangeliums nach Basilides neben anderen nicht- 
kanonischen Evangelien Schlüsse zu ziehen, die dem widersprechen, was 
Origenes sonst über das Evangelium der Basilidianer zu sagen weift. 

Wir fassen zusammen. Wir konnten zunächst nachweisen, daß die 
verschiedenen Fragmente und Notizen, die wir untersuchten, mit großer 
Wahrscheinlichkeit auf Perikopen schließen lassen, die nur aus Lc 
bekannt sind. Die Notizen, die wir aus den Lc-Homilien des Origenes 
gesammelt haben,« ergaben nicht nur das gleiche Resultat; es ließ sich 
aus ihnen klar beweisen, daß Basilides zu den Häretikern gehörte, die 

X Qaod autem pertinet ad eyangelium interim Lucae, qaatenut communio efns inter 
nos et Marcionem de veritate disceptat, etc. adv. Marc. IV, 4. 

2 Mit einer Ausnahme hat schon Zahn (a. a. O. S. 740<j auf sie hingewiesen, ohne 
sie freilich för das Eyangelium des Basilides zu verwerten. Zahn fuhrt auch an einen 
Passus 29. Homilie (Lomm. S. 195), vgL a. a. O. S. 750 Anm. Doch wird hier dem 
Wortlaut nach mit den Steinen, die Marcion, Valentin und Basilides für Brot ausgaben, 
nicht ihr Evangelium, sondern ihre falsche Lehre verglichen, dsgl. Orig. in Matth. Lomm. 
IV, S. 297 f., 170. 



Hans Windi&ch, Das EvaugeUuin des Basüide s, 24S 

den kanonischen Lc, in eigener Bearbeitung, gebrauchen* Es 
ist also nicht Zufall, daß die verschiedenen Fragmente und Notizen nur 
auf Lc-Perikopen weisen» Wir können nun auch unser Urteil über das 
basilidianische Fragment, aus dem Zahn eine Mt-Perikope ableiten will^ 
bestimmter fassen : es ist kaum möglich, daß das Wort von den Eunuchen 
Mt ig im Evangelium nach BasiÜdes stand; die Annahme^ daß auch 
das t, Fragment den Ethika Isidors entnommen sci^ gewinnt an Wahr- 
scheinlichkeit 

Wie hat das Evangelium, das BasHides gebrauchte, ursprünglich 
geheißen? Es ist wahrscheinlich, daß das Kommentarwerk IEnT»]Tucd 
efc TÖ £i)tineXiov hieß-* Darnach wird Basilides seinen Lc einrach ,,da3 
Evangelium" genannt haben. Der Ausdruck «uan^Xiov icani BanXfötiv 
wird erst durch die Polemik, sei es von den Schülern des Basilides, sei 
es von den kirchlichen Ketzerbestreitem, geschaffen worden sein. Auch 
Marcion hat Ja sein Evangelium ursprünglich ohne Titel herausgegeben.* 

Über den Umfang und das Aussehen des basilidianischen Lc, über 
die Streichungen und Textveränderungen, die Basilides vornahm, um 
sein Evangelium für seine Schule brauchbar zu machen, lassen sich keine 
bestimmten Angaben machen. Aus den Bemerkungen des Origenes 
können wir nur ganz allgemein schließen, daß Basilides den kanonischen 
Text nicht unverändert gelassen hat; er hat wie Marcion das Evan- 
gelium des Lc 2u seinem eigenen gemacht Aus dem Fehlen einer 
Parallele zu TertuUians Kritik der Lc-Ausgabe Marcions könnte man 
vielleicht den Schluß ziehen, daß Basilides nicht so stark den Text ver- 
ändert hat wie Marcion. Jedenfalls hat er, freilich ebenso wie Marcion, J 
vieles stehen lassen, womit man seine eigene Lehre widerlegen konnte,* 
Dürften wir die Fragmente aus dem Kommentar zu dieser frage heran- 
ziehen, so wäre zu vermuten, daß seine Bearbeitung von der des Marcion 
prinzipiell nicht verschieden war. Im 23, Buch hat Basilides die Passions- 
geschichte behandelt (Lc 22, 23), offenbar im 24, Buch die Auferstehungs- 
erzählung, dagegen begann er das 13, Buch mit einer Erzählung, die 



k 



' Vgl, Euitb. ft. a. O, QemenB Alex Strom. IV^ Bu 

3 TerL adv, Marc. IV ^ i: contrft Marcion eTangdio sciUcet tao nnllum adscribil 
ittictorem, 

J Vgl. Zahn ^ a. O. S. 602, 

4 Doch werden sich Basilides wie Marcion durch eine eigcntüinliclie Exegese ge- 
rechtfertigt haben. So werden sie I^ 10. 2%^* efklärt haben: Jesus ineine, die Erfüll an g 
des GeseUec rerleihe Wohlergehen in diesem Leben. Denn Origenes fügt ausdrücklich 
tunxu (Lomm* V, S. 240); bT])kovdn Ti\y Imf^v ttiv oiiuviov, Tr£pl f|C xaKCivöc T€ ^itvÖcto 
Kai 6 cturfip h&dcicei. 



246 Hans Windisch, Das Evangelium des Basilides. 

schon im 16. Kap. unseres Lc steht Der ersten Hälfte des Kommen- 
tars entsprechen etwa zwei Drittel unseres Lc, der zweiten Hälfte nur 
ein Drittel.* Wir könnten vermuten, daß Basilides in der i. Hälfte seines 
Lc stark gestrichen habe, wenn nicht auch die Annahme möglich wäre, 
daß er das letzte Drittel ausführlicher kommentiert hat, d. h. daß ihm 
die Erzählungen dieses Teils mehr Gelegenheit geben, seine häretischen 
Lehren in das Evangelium hineinzudeuten.* 

Endlich noch eine Bemerkung zu den ^EiryfrynKa. Dieses Werfe 
ist, wie allgemein angenommen wird, ein fortlaufender Evangelienkommen- 
tar, d. h. es ist der älteste Kommentar zum Lc-Evangelium, 
überhaupt der älteste Evangelienkommentar, von dem wir wissen. 



» In Nesties Nov. test Graece (1898) beginnt Lc i auf S. 138, Lc 16, 19 ff. *uf 
S. 200, und schließt das Lc-Evangelium auf S. 229. 

3 Vgl Act Archel. S. 197: necessarium sermonem uberemque salutarls senno prae- 
stavit 



[Abgeschlossen am ao. Juli 190$.] 



P. Volz, Ein heutiger Passahabend. 247 



Ein heutiger Passahabend. 

Von Lic P. Volz in Leonberg. 

In jüngst vergangener Zeit hatte ich zweimal die Grelegenheit, ein 
jüdisches Passahmahl mitzufeiern, zuerst in Jerusalem, dann in meiner 
Heimat, beidemal bei einem Rabbiner; der Verlauf der Feiern war fast 
ganz derselbe, so daß es möglich ist, dieselben als eine zu nehmen. 

Nach dem synagogalen Teil traten wir in den festlich geschmückten 
Wohnraum, in dem die Familie und die Gäste sich versammelten. Der 
Hausherr führte mich zuerst an die Mitte des Tisches und deutete ge- 
heimnisvoll auf einen bedeckten, mit Wein gefüllten Becher, der für Elia 
bestimmt sei. Die Erwartung des Elia bzw. des Messias ist allem nach 
gerade in der Passahzeit besonders lebendig oder doch früher so ge- 
wesen. Nun zieht der Hausvater ein weißes Chorhemd an und setzt sich 
zu Häupten des Tisches. Vor ihm auf dem Tische stehen die Gegen- 
stände des Passahmahls: drei Doppelmazzen, große, dünne, steife pfann- 
kuchenfbrmige Fladen, jedes Paar durch ein Tüchlein vom andern ge- 
trennt; ein Teller und darauf ein in Asche gebratenes Ei, ein Knöchlein 
etwa von ein^m Huhn, ein Glas mit einer braunen Masse (rionn); weiter 
eine Schüssel mit Salzwasser, eine Schüssel mit Salatblättern bzw. mit 
Meerrettich und eine solche mit Petersilienstengeln (oder auch mit Ra- 
dieschen und Kresse). Der Gastgeber erklärt mir diese Gegenstände: 
das Grünkraut werde verzehrt im Gedanken daran, daß der Mensch im 
Anfang der Welt zuerst von Pflanzenkost lebte; das Salzwasser diene 
zur Erleichterung des Essens; Meerrettich sei das bittere Brot des Elends; 
die braune Masse (ein aus Nüssen, Ingwer und Äpfeln gemischter süßer 
Brei) erinnere an Lehm und Mörtel, an die Sklavenarbeit in Ägypten; 
das Ei werde nach jeder Trauer- und Fastenzeit als erste Speise ge- 
nossen, ehe etwas andres verzehrt werden dürfe; das Knöchlein sei als 
ein Sinnbild des Passahlammes seit der Zerstörung des Tempels und 
dem Aufhören des Opferdienstes übrig geblieben. Frauen, Kinder und 



248 P. Volz, Ein heutiger PassahabencL 

das ganze Hausgesinde müssen an der Passahfeier C»Seder**) teilnehinen, 
und das Familienhaupt hat die Pflicht, ihnen die Geschichte des Aus- 
zugs ausführlich vorzutragen und zu erklären. 

Jeder erwachsene Teilnehmer hat eine gedruckte Liturgie und einen 
Becher für den Wein vor sich und die Feier beginnt mit dem Kiddusch 
(das die Danksagung für das Gewächs des Weinstocks mitenthält) und 
dem Trinken des i. Bechers. Dann wäscht der Hausherr die Hände, 
nimmt ein Stückchen Grünkraut (Petersilie, Radieschen oder dgl.), tunkt 
es in Salzwasser, spricht die Berakha für das Gewächs der Erde („sagt 
Dank**) und ißt; ebenso ißt jeder von der Tafelrunde, dann bricht der 
Hausherr von der mittelsten Mazze ein Stück ab und verwahrt es unter 
weißseidenen Kissen zum jpip^p^ )>eim Beginn des eigentlichen Abend- 
mahls. Nun hebt er den Teller mit dem ,Elendbrot* in die Höhe und 
spricht (aramäisch): ,J)ieses ist das Elendbrot, das unsere Väter im Land 
Mizraim aßen. Wen da hungert, der komme und esse; wer bedürftig 
ist, komme und feiere Passah mit uns, dieses Jahr hier, künftiges Jahr 
im Lande Israel» dieses Jahr als Knechte, nächstes Jahr als freie Leute!^ 
Es wird der 2. Becher eingeschenkt und der Jüngste der Tischgesell- 
schaft fragt, warum man diese Nacht in so merkwürdiger Weise, anders 
als die gewöhnlichen Nächte feiere (Ex 12, 26). Man erwidert ihm mit 
Hinweis auf das Wunder des Auszugs. Daran knüpft sich ein Lobpreis 
des Passahfestes in den Worten berühmter Rabbiner und eine Erklärung 
der Feier, je nach der Fassungskraft der im Gresetz vorgesehenen 
Fragenden. Bei allem was gesprochen wird, gibt der Hausvater den 
Ton an, die übrigen Teilnehmer sprechen mit, bald stärker bald schwächer, 
bald murmeln sie, bald rufen sie leidenschaftlich, wie wenn die Wellen 
des Meeres heranbrausen und wieder verfließen. Es ist eine Art näseln- 
des Rezitieren, ein Mittelding zwischen Sprechen und Singen, wie wir es 
im Morgenland, bei Juden, Griechen, Muhammedanem, Armeniern und 
Abessiniem unterschiedslos gehört haben. Die Sprache ist (außer jener 
aramäischen Einladungsformel) die klassisch-hebräische, aber in deutscher 
(nicht in spanischer) Aussprache. Und nun fangen sie an zu singen und 
zu sagen von den großen Taten Gottes. Die lange Liturgie erzählt von 
der alten Geschichte Israels, von Abraham, Jakob und dem Ej^bösewicht 
Laban, von dem Elend in Ägypten, von Mose und Aaron, von den 
Plagen, dem Auszug, dem Wunder am Roten Meer. Dazu erwähnt sie 
exegetische Fündlein der großen alten Rabbinen und deren Anweisung 
zur richtigen Festfeier. Unser Gastgeber mischt geistreiche Erklärung 
oder feine Anekdoten darein. Z. B. „Esau gab ich das Gebirge Sdr 



F 



P, Voll, Ein heutiger Passahabend. 24g 



zum Besitz, Jakob aber und seine Söhne zogen nach Ägfypten hinab'. 
Der Hausherr erklärt dea tieferen Sinn dieser geschichtlichen Notiz: 
Esau ist nach Gottes Wille der Verteter des materiellen irdischen Be- 
sitzes, Jakob-Israel aber ist der Wanderer der Idee. Oder: ,,Die Ägypter 
taten übel an uns" (Ex i, gL). Inwiefern? Nicht etwa durch die Be- 
druckung und die Fronarbeit (das ist erst nachher besonders erwähnt), 
sondern dadurch, daß sie die nationale Gesinnung der Israeliten an- 
zweifelten und den Verdacht gegen sie hatten, sie würden im Fall eines 
Krieges 2u den Feinden halten; das sei es, was den Juden auch heute 
noch besonders wehe tue, der Zweifel in ihre nationale Gesinnung, Oder: 
„hätte uns unser Gott nur vor den Sinai geführt, schon das wäre genug 
gewesen, nun hat er uns aber noch dazu die Tora gegeben". Was ist 
da für ein Unterschied? Es heißt Ex ig, 2 ^tjnl^^ Btf ]m 1|-[ö;5 Uqn 
nrjn ^JJ; zuerst steht der Plural, das deutet auf eine Zersplitterung und 
Uneinigkeit der Stämme, dann aber der Singular, als sie angesichts des 
Sinai waren» das beweist, daß sie angesichts des Berges einig w^urden; 
diese Einigung am Sinai ist das Gnadengeschenk Gottes, das schon ge- 
nügt hätte, nun kam noch die herrliche Tora dazul 

So wird mittelst dieser Liturgie am Passah dem Volk immer wieder 
die große Geschichte ins Gedächtnis gerufen und seine Eigenart und 
seine Hoffnung in ihm wach erhalten, zugleich bekommt es stets neue 
Schulung in der rabbinischen Denkweise* — Nun heben sie den 2, Becher 
in die Hohe und singen den Anfang vom Hallel, das 113, und 114. Lied 
aus dem Psalmbuch» dann sagen sie Dank (für das Gewächs des Wein- 
Stocks), lehnen sich auf die Unke Seite und trinken den Becher* Darauf 
(als Beginn der Mahlzeit) waschen alle Anwesenden die Hände, man 
sagt eine Berakha für das Gebot des Händewaschens, der Hausvater 
nimmt die oberste Mazze, sagt Dank, dann die mittlere Mazze, sagt eine 
etwas andere Berakha, bricht von beiden Mazze n ein Stück ab, ißt davon 
und reicht sie den Hausleuten und den Gästen weiter zum Abbrechen. 
Nachdem dann noch eine Schnitte Meerrettichj in die Charosetschüssel 
getaucht, und ein Stück von der untersten Mazze mit Meerrettich (ohne 
Danksagung!) verspeist sind, ist der erste (geschichtliche) Teil der Feier 
zu Ende und es beginnt das eigentliche Abendmahl, Dieses war in 
alter Zeit wohl das Verzehren des Passahlamms» in heutiger Zeit ist ein 
Festessen daraus geworden. Zum Beginn der Mahlzeit hat man ein Ei 
und ein Stück von der in den Kissen verborgenen Mazze zu genieüen* 
Es ist beachtenswert, daß das erstmalige Essen vom Brotkuchen un- 
mittelbar vor dem .,Abendmahl" stattfindet. 




250 P. Volz, Ein heutiger PassahabencL 

Während der ganzen bisherigen Handlung hatte sich ein drolliger 
Osterspaß abgespielt, der, wie der Hausvater uns sagte, zu jedem rich- 
tigen Familienpassah gehört und eingeführt sein soll, um die kleinen 
Kinder während der langen Feier wach zu erhalten. Der Sohn des 
Hauses nämlich sitzt nahe bei seinem Vater am Knabentisch und lauert 
die ganze 2^it, wie er das im Kissen verborgene Mazzenstück entwenden 
könnte; die Mutter hilft ihm ein wenig und auf einmal ist .es dem Jungen 
unversehens gelungen. Wie nun der Vater an den feierlichen Akt 
kommt und das Stück braucht, will es der Sohn nicht herausgeben und 
es entspinnt sich ein Handel zwischen Vater und Sohn, der mit der 
Ablieferung des Mazzenstückes gegen das Versprechen eines Oster- 
geschenkes endigt. 

Das „Abendmahl", das mit Fug ein recht fröhliches Mahl ist, 
dauerte bei 2 Stunden. Nach dem Abendmahl wird der 3. Becher ein- 
geschenkt und das Tischgebet gesprochen, dazu ein langer Lobpreis 
Gottes und ein Bittgebet um Hilfe, um das Kommen des Elia u. dgl. 
Wieder lehnt man sich auf die linke Seite und trinkt den 3. Becher 
nach der Danksagung für das Gewächs des Weinstocks und spricht ein 
Fluchwort über die Gojjim. Der 4.. Becher ist eingeschenkt und es folgt 
der schönste Teil der Feier, das Singen des „Lobgesangs" (Ps 115 — 118, 
dazu Ps 136), wobei aus dem eintönigen Rezitieren plötzlich wunder- 
schöne, einschmeichelnde Melodien herausklingen; Ps 1 18, i — 4 im Wechsel- 
gesang des Vorsängers und des Chors, imd musikalisch noch bedeu- 
tender die Strophe von dem Stein, den die Bauleute verworfen haben 
und der zum Eckstein geworden ist. Ob sich nicht diese Psalmen- 
melodien zum Ausgangspunkt einer Untersuchung über hebräische Metrik 
verwenden ließen? Noch ein langes Lobgebet und ein Preis Gottes für 
die Stunde der Passahnacht wird aufgesagt, dann folgt der 4. Becher 
mit Danksagung und zum Schluß der schließlich etwas ermüdenden 
Feier die Bitte um Wiederaufbau des Tempels „in unsem Tagen". An 
die religiöse Liturgie reihten sich noch etliche volksmäßige Lieder. 

Ich fragte meinen Gastgeber, ob wohl in alten Zeiten (zur Zeit Jesu) 
aus einem gemeinsamen Becher getrunken wurde: er hält es nicht für 
wahrscheinlich. Jesus ist dann also beim Darreichen seines Kelches von 
dem sonstigen Brauch abgewichen. Im übrigen hat Jesus in die ge- 
gebenen Formen seine Gedanken gehüllt, denn es bleibt doch wohl 
wahrscheinlich, daß sein „Abendmahl" an das Passahmahl anknüpfte. 
Er brach den ungesäuerten Brotkuchen, reichte ihn weiter, daß jeder 
abbrechen konnte; er trank den Passahwein und reichte das Trinkgefaß 



P. Volz, Ein heutiger Passahabend. 25 1 

herum, daß jeder davon trinken konnte. Er wollte, daß jeder, der ein 
Stück von dem Brot, von seinem Leib, aß und von dem Wein, seinem 
Blut, trank, in eine geheimnisvolle unlösliche Verbindung mit ihm ge- 
bracht wurde. Er selbst aß und trank dabei nicht, denn er war das 
Brot und der Wein. Daß das Zerbrechen des Brotkuchens das Zer- 
brechen des Leibes versinnbildliche, ist ein künstlicher und fernliegender 
Gedanke. Auch der Zweck der Sündenvergebung ist wohl erst dazu 
gekommen, indem man den sonst in der Christologie aufgetauchten Ge- 
danken des Sühnopfers mit dem Passahlamm verknüpfte, während Jesus 
selbst sich nicht mit dem Passahlamm vergleicht. Die Hauptsache in 
jener Trennungsstunde, da Jesus sich von seiner geistigen Familie ver- 
abschiedete, war die Herstellung einer unzertrennlichen Gemeinschaft 
zwischen dem Haupt und den Gliedern. 



[Abgeschlouen am fi. Juli Z906.J 



252 G. Klein, Rein und unrein Mt 23. 25; L c 11, 37. 42- 



Miszellen. 



Rein und unrein Mt 23, 25. Lc n, 37, 42, 

Zu den ältesten Halachoth in der Mischnah gehören diejenigen, 
welche die levitische Reinheit und Absonderung betreffen. Wir kennen 
die Ursachen der Erstarkung des gesetzestreuen Judentums. Im Kampfe 
mit den Syrern, den jüdischen Hellenisten, den Sadducäem galt es, das 
Volk mit einem Wall von nationalen Satzungen zu schützen. Und zu 
diesen gehörten in erster Linie die Halachoth über „rein" und „unrein**. — 
Gegen diese Versteinerung der Religion erhebt Jesus seine Stimme in 
seiner Rede gegen den Pharisäismus.' — Diese Rede leitet Lc 11, 37 so 
ein: Ein Pharisäer bat Jesus bei ihm zu frühstücken. Jesus trat ein und 
setzte sich. Der Pharisäer aber sah mit Verwunderung, daß er das 
Waschen vor dem Frühstück unterließ. 

Weder Matthäus noch Markus wissen etwas von dieser Einladung. 
Doch scheint dieses Faktum ein wichtiges Bindeglied zu sein ziun 
besseren Verständnis der Rede Jesu. 

Wir wissen Jesus im innigsten Verkehr mit seinem Volke. Da 
mochte ein Pharisäer nach damaliger Sitte zu ihm gesprochen haben: 
^oy niyo «Sl TH^ yrri Wasche deine Hände und speise bei mir.* Jesus 
folgt der Einladung, beobachtet aber nicht die Zeremonie des Hände- 
waschens. Das Erstaunen des Pharisäers über seine Handlungsweise 
gibt Jesu Veranlassung, seine Ansicht über „rein" und „unrein** zu ent- 
wickeln. Seinen Ausgangspunkt nimmt Jesus, der Situation gemäß, vom 
Händewaschen. 

Wie er sonst seine Reden an Prophetenworte anknüpfte, so wird 
er das auch bei dieser Gelegenheit getan haben. Und ich vermute, daß 



» Vgl. joma 23 a: D^OT nü^Wfö D^Va nnn» un^bv «»p» ttoVV. 

2 Vgl Jalkut ha-Machiri zu Jes S. 12, Z. 3. 



r 



G. Klein, Rem tind tmrem Mt 23, 25; Lc ti, 37. 42, 



253 



Jesus seine Rede mit Jes i, 16, 17, 18 eingeleitet hat — Wir setzen die 
Worte des Propheten her: Waschet euch^ reinigt euch, schalt eure 
bösen Werke mir aus den Augen, höret auf zu freveln* Gewöhnt euch, 
Gutes zu tun, trachtet nach Recht, weist zurück den Übermütigen, 
Schafft Recht dem Waisen, fuhrt den Streit der Witwe. Wohlan denn, 
lasset uns rechten, spricht Jahwe, Wenn eure Sünden wie Scharlach sind, 
sollen sie weiü werden wie Schnee; wenn sie sich roten wie Purpur, 
sollen sie wie Wolle werden* 

Jesu Gedankengang mag nun folgender gewesen sein; Ihr Pharisäer 
setzet „Becher und Schüssel'* in eine Kategorie mit dem Menschen. Ihr 
glaubt, daß wie man jene durch Waschen reinigen kann, so auch diese. 
Das aber ist ein verhängnisvoller Irrtum I Der Mensch kann auswendig 
rein sein, aber inwendig voll Raub und Bosheit (vgl Leu, 3g. 40). 
Leset den Propheten, und er wird euch die Bedeutung von: isni 
„Waschet euch" erklären. Nach ihm bedeutet 13rn soviel wie Otn, 
reinigt euch usw. Hier mochte Jesus bis vn^ "^ö^JD, sollen sie wie 
Wolle werden, zitiert haben. 

Beweis dessen scheint mir Lc li, 41 zu sein. In diesem Verse finde 
ich nämlich Anfang und Ende des paraphrasierten Zitates aus Jes i, 
16—18» TTXf|v rä ^vövra ftöie tXenPOCÜvriv entspricht dem iDin, nävia 
Ka6ütp(i ipiv icfxv dem VTV 1033. 

Interessant ist die Paraphrase des Targum zu diesen Versen. Für 
ism heiÜt es: kehret zurück zur Lehre, für "tDin reinigt euch von euren 
Sünden, für VH^ 1ÖX3 sie sollen wie Wolle rein sein.^ 

Daß Lukas uns einen besseren Text als Mt überliefert, geht schon 
aus dem Satze hervor: tö bi IcuüOev O^tiiv t4^£1 dpnaTnc xai irovripiac 
In Bechern und Schüsseln gibt's keine movnpiot* So übersetzt auch LXX 
Jes I, 16 i<pi\€T^ tdc novripiac äno tujv i^juxiDv iijiuiv. Für ÜO'hbyü las 
LXX DDMiD, Vielleicht lag diese Lesart auch Lc 11, 39 zugrunde. 

Eine Parallele zu unserer Stelle haben wir Mc 7, iflg,, Mt 15, iflg* 
Dort sind es die Jünger, die mit ungewaschenen Händen essen. Jesus 
darüber interpelliert, antwortet auch dort mit einem Zitat aus Jesaja, 
aus dem er beweist, daß Gottes Gebote mehr gelten als Menschen- 
satzungen. 

Schließlich noch ein Wort über das boxe tXetifiOCuvqv* Wie kam 
Lukas dazu, anstatt des erwarteten Kaeapicete laut Mt 23, 26 an Almosen 
zu denken? — Dem Scharfsinne Wellhausens ist es nicht entgangen, 




VgL L^arde, FioplieCäe Ch&ldsLice z. St 



J 



254 £b. Nestle, Zum Erstickten im Aposteldekret 

daß wir hier ein Verbum zakki in der Bedeutung Almosen geben zu- 
grunde legen müßten. Dalman gibt Beispiele für diese Bedeutung. 
Nach unserer Annahme, daß wir es mit einem Zitat aus Jesaja zu 
tun haben, haben wir das postulierte Wort in tDTH des Propheten, Mt 
übersetzt es richtig mit reinigen, während Lukas es in der aramäischen 
Bedeutung: Almosen geben, faßt.» 
Stockholm. 

G. Klein. 



Zum Erstickten im Aposteldekret« 

1. Schon längst fiel mir auf, daß tö ttviktöv im Aposteldekret einem 
jüdischen Terminus entsprechen müsse, und doch war mir keiner be- 
kannt, und die Kommentare fragten gar nicht nach einem solchen. 
Bekannt ist mir, daß die jüdischen Autoritäten zu dem noachischen 
Gebot über das Vergießen von Menschenblut stritten, wie es mit einem 
zu halten sei, der einen Menschen erwürge, ohne sein Blut zu vergießen. 
Und sie entschieden, daß auch das unter Gren 9 falle, indem sie das 
WIM (« durch Menschen) aus dem Nachsatz in den Vordersatz ziehend 
übersetzten: wer des Menschen Blut vergießt im Menschen — das tue 
eben der Erwürgende — , des Blut soll vergossen werden. Aber Er- 
örterungen, wie es mit dem Fleischgenuß von erstickten Tieren zu 
halten sei, sind mir nicht bekannt Dem H^^ö des Gesetzes entspricht 
kein ttviktöv. Daher meine Frage an die Sachkundigen auf dem Grenz- 
gebiet des jüdisch- christlichen Lebens: ist ttviktöv ein terminus, der in 
jener Zeit eine Rolle spielte? Die hebräischen Übersetzungen des 
NT.s weisen auf keine sichere Spur. 

2. Sehr merkwürdig stellt sich zu diesem Ausdruck im Apostel- 
dekret die Clementinische Literatur: 

a) Hom 7, 3 (ed. Lag. 82 f.) faßt Petrus den Inhalt der christlichen 
Lehre so zusammen: ?CTiv bk. rä dpIcKOVTa Ttjj Gcifi (A) tö aÖTtu Trpoc€u- 
X€c9ai, auTÖv aJTeiv übe irdvTa vöjbiuj KpiTiKtp öövTa, (B) i. TpaniZr]c öai- 
jiövu)v dTT^x^cOai, 2. vcKpöc \ii\ T€U€c9ai capKÖc, 3. \xi\ i|;aü£iv aY^oroCf 
4. iK TTttVTÖc dTToXoÜ€c9ai XiifiaTOC. Td bi Xomd 4vi Xötqi üjc ol Gcöv 
cfßovTCC fJKOucav 'louöaToi Kai ifieic dKOÜcaTC dTTavTCC dv ttoXXoTc cui^aciv 



» Vgl. Wellhausen, Skizzen VI, S. IV u. 189 u. Komm, zu Lc li, 4I. G. Dalman, 
die Worte Jesu S. 50 und 71. 



£b. Nestle^ Zum Erstickten im Äpostcldekret. 



255 



V piav Tvu*ju»iv dvaXap6vT€c, 5* ÄTtep ?KacToc iaxnCi ßoiiXeiai KCtXd, xd aurä 

I ßouXei/icÖui Kai tuj nXnciov. 

I Hier haben wir die 4 Stücke des gewöhnlichen Textes mit dem in 

I positiver Fassung gegebenen Zusatz, den (in negativer) sonst nur die 
■ Zeugen zu bieten pflegen, welche das nvuciöv auslassen. 

Nun vergleiche man damit die entsprechende Stelle der Epitonie 
c. S4^ ^CT^ ^^ '^^ dpecKOVta tiJ* Oeifi (A) tö aÖTijj T€ iTpoc€ux£cdai (B) 
Kai I. Tpant2^T]c baifiOvEtuv dirextcOai, 3. \if\ i|;autiv aVaToc, 4. ^k traviöc 
mdcMaioc dcniXouc fauxouc cuvTTipevv, iv iioXXoTc cwMaci ^i^ Tv^M^S 
CToixoüvxac S' ß^tp ^Kacxoc ^aurqj 9IXii, xoöxo Kai irepi xou rcXiiciov 
9pov£tv, 

Es fehlt hier also das iTViKröv. Ganz ebenso in der zweiten 
Epitome (ed, Dressel p. 156), wo es nur jioXucMOö statt pidc^atOQ 
btaxTipeiv statt cyv- heißt und pfav TV^Jü^n'^ dvaXaßövxac . * • xd aüxd 
ßouXeuiceuj KOI xur TrXricfov. 

b) Aber weiter: Hom 7, 8 (Lag. 84, 12) heißt es abermals: xpaTr4tr|c 
bai^övujv ^rj ^exaXajLißdvtiv (X^f^ bi tibwXoBuTwv, V€Kpujv, ttvikxüjv, 
GripiaXiixLuv, a^^axoc)J ^r| dnaedpiuic ßiouv, äito Kotxric T^vaiKOc 
XouecOai etc. 

In der Epitome fehlt der entsprechende Abschnitt 

c) Dagegen ist die Parallele wieder da zu Hom 8, 19: 
Hier heißt es (ed. Lag, p» 91); t^c öiitxepac ^£xaXaMßdvujv Tpanl^Tic 

f\ ^X€p6v Ti u>v ou XP^ ^KxeXüjv 1^ af^a x^*^v f\ cctpKdiv vtKpüuv t€u- 
o^evoc f\ 9r)ptou Xcii^jdvou 9\ xMfixoö fj irviKXOÖ F| dXXou xivöc ÄKaSdpxou 
ipmirXdnEvoc 

In der Epitome I heifit der betreffende Abschnitt c, 64: pfjxe oiSv 
eibübXoic mcxcuexe, ^irixt xpaTrirr|c auxojv Koivujveixc* ^r| q}OV£i!)cx£, ^t^ 
|ioiX€uexe, ^f\ ^ictTxc dXXiiXouc, li^bi KXenxexc, yLj\bi KaKöTc nci Tipd£eci 
ÖXuic lnvx£ip£ix€. 

Fast ganz so in der Epitome altera (ed, Dressel S* 162), nur fiiapdc 
— so zu schreiben! — hinter KOivaivelxcT und am Schluß xici ÖXujc 
TipdEeav imßdXXtcSc* 

Also auch hier die Weglassung des irviKx6v^ und in dem fjf) ^iccixe 
der Zusatz angedeutet. 

3, Tischendorf zitiert zu dem ttviktov die Apostolischen Kon- 
stitutionen 6, 12, 6 (Lag- p. 171, 19» 172, IS), Der Text enthält die 
bekannten 4 Stücke: nur an der ersten Stelle schwankt nopveia, indem 
es in w an die Spitze, in ^^/ ans Ende gerückt ist Aber in der 
Didascalia heißt es (p. 104, 12 ed Lagarde ^ 15, 20), daß sie sich 




256 Eb. Nestle, Zu Lc 20, 22. 



entfernt halten sollten „vom Bösen und von den Götzen und vom Er- 
stickten und vom Blut"; dann Z. 24 (— V. 29) „von dem was nötig ist, 
vom Geopferten und vom Blut und vom Erstickten und von Unzucht". 

Im Kodex der Mrs. Gibson (187, 11) heißt es an erster Stelle: „ent- 
fernt euch von den Götzen und vom Geopferten und vom Blut und vom 
Erstickten"; an der zweiten: „von dem was nötig ist und vom Geopferten 
und vom Blut und vom Erstickten". Hier fehlt also die iropveia beide- 
mal, die nach Tischendorf in 15, 20 auch in der römischen Ausgabe 
des Äthiopen fehlt 

Zum Schluß bemerke ich, daß die Beifügung der „goldenen Regel" 
aus dem Ganzen nicht notwendig einen allgemeinen Moralkatechismus 
macht, sondern ursprünglich sich auf das Verhältnis von Heiden- und 
Judenchristen bezogen haben könnte; diese beiden Teile der Gemeinde 
sollen gegenseitig aufeinander Rücksicht nehmen.' 

Maulbronn. 

Eb. Nestle. 



Zu Lc 20, 22. 

Von den drei in Bd. 3, 359 zu dieser Stelle an mich gerichteten 
Gegenfragen Oskar Holtzmanns beantwortet sich die erste zugleich mit 
der zweiten: in der vernachlässigten Kongruenz von ^ Tifi aijüuxn und 
TÖ imkp {ijiiliv £kxuwö^€VOV sehe ich ein Zeichen davon, daß die Stelle 
aus 2 Quellen zusammengeschweißt ist, ob schon von Lukas oder einem 
Glossator bleibt dahingestellt' Keinesfalls entnehme ich daraus mit 
O. Holtzmann, der Evangelist „weiß, daß beim Abendmahl ein Becher 
ausgeschüttet wurde". 

Die dritte Frage, ob ich es für undenkbar halte, daß von Jesus die 
im griechisch-römischen Altertum geläufige Spende in die Jünger- 
gemeinde herübergenommen wurde, beantworte ich nicht mit einem 
undenkbar; um so mehr muß ich aber wiederum ablehnen, was Oskar 
Holtzmann, Leben Jesu S. 363, schrieb: „die Form wird dann die ge- 
wesen sein, daß ein Teil des Becherinhalts zur Erde geschüttet, das 
übrige unter die Abendmahlsgäste verteilt wurde"; denn die antike 



» In Westcotl-Hort II, 96 ist das Zitat Const. Apost. VIT, ai zu Act 15, 20 in 
Vn, I zn verbessern. 

« Vgl. Blaß, Gr. S 31» 6- Schon Piscator zitiert in Poles Synopsis Job i, 14 Eph 3, 17 
und die bekannten Stellen der Apokalypse. 

9* 8. X9061. 



Eb. Nestle, Die Hirten von Bethlehen]. 257 

Spende bestand ja gerade darin» daß der ganze Inhalt ausgegossen 
wurde. Vgl Berliaer PhiIoL Wochenschrift 1902, No. 25, Sp. yS$, wo 
in einer Anzeige von Schömann-Lipsius, Griechische Altertümer, 4, Aufi 
IL Die internationalen Verhältnisse und das Religionswesen gesagt wird: 
,jS. 600 wird nach Flut Arist. 21 die jährliche Totenfeier für die Ge- 
fallenen in Plataiai geschildert Dabei sind wie in der 3. Auflage die 
Worte Kpaiflpa KCpdcac orvou köi xedjutvoc fniX^T^i* ttpottivui etc, wieder- 
gegeben: füllte darauf einen Becher mit Wein, goß etwas aus und 
sprach : dies trink ich den Römern zu etc. Der Archon gieüt aber das 
ganze Gefäß aus, wie dies bei jeder cnovör) geschah.** 

Maulbronn, 

Eb, Nestle, 




Die Hirten von Bethlehem, 

Warum erfolgt die Verkündigung der Geburt des Messias gerade 
an Hirten? Am bestimmtesten äußert sich zu dieser Frage unter den 
von mir nachgesehenen Büchern H, Holtzmann im Hand- Kommentar: 
p,Die Hirtenwelt erinnert nicht bloß, charakteristisch für diese spätere 
Form der Geburtsgeschichtej an die traditionelle Rolle der Hirten in 
Sage und Geschichte Israels (Jakob, Moses, David. Arnos, vgl. auch den 
,Herdenturm* bei Bethlehem Gen 35, 21) und an die Jugendgeschichte 
anderer, unter Hirten aufwachsender Heroen, wie David, Romulus, Cyrus, 
sondern stellt auch in Übereinstimmung mit dem Gedanken I, 51 — 53 
den Gegensatz gegen die Hohen und Mächtigenj Vornehmen und Ge- 
lehrten dar: , Armen wird das Evangelium gepredigt*. 

Jedermann wird das Gefühl haben, daß diese Motive die Entstehung 
der Erzählung nicht genügend begründen. Der Gedanke, daß der, ,,der 
einst den frommen Knaben Isais, den Hirten sich zum Streiter ausersehen, 
der stets den Hirten gnädig sich bewies", bei der Geburt des Davididen 
wiederum Hirten bevorzugt habe, genügt nicht. Es muß ein spezieller 
Anlaß der Erzählung vorliegen, und der liegt auch in der Tat vor, in 
dem von Holtzmann erwähnten „Herdenturm'*, aber nicht an der von 
ihm genannten Stelle Gen 35t 21, sondern an der von ihm nicht ge- 
nannten, Micha 4, 8. Wie Mt 2 auf Micha 5, i» so geht Lc 2 auf 
Micha 4, 8 zurück, Hicronymus bemerkt in den Quaestiones hebraicae 
in libro Geneseos zu 35, 21 turrim Ader: hunc locum esse Hebraei 
volunt, übi postea templum aedificatum est, et turriro Ader turrim gregis 



258 £b. Nestle, Die Hirten von Bethlehem. 

significari, hoc est congregationes etcoetus: quod et Michaeas propheta 
testatur dicens et tu turris gregis nebulosay filia Szon et cetera: illoque 
tempore lacob trans locum ubi postea templum aedificatum est, habuisse 
tentoria. sed si sequamur ordinem viae, pastorum iuxta Bethleem locus 
est, ubi vel angelorum grex in ortu domini cecinit vel lacob pecora sua 
pavit, loco nomen imponens, vel (quod verius est) quodam vaticinio 
futurum iam tunc mystenutn monstrabatur. 

Hieronymus ist seinerseits nicht der erste gewesen, der Micha 4, 8 
messianisch deutete. Es genügt neben Luthers Übersetzung: „Und du 
Turm Eder, eine Feste der Tochter Zion, es wird deine goldene Rose 
kommen, die vorige Herrschaft, das Königreich der Tochter Jerusalem*' 
die des Targum zu stellen: Und du Messias Israels, der verborgen 
ist vor den Schulden der Kongregation Zions, dir ist bereit das König- 
reich zu kommen, und es kommt die frühere Macht für das Königreich 
der Kongregation Israels. 

Statt congregatio (nach dem Wortspiel des Hieronymus) wäre natür- 
lich Synagoge das gewöhnliche Wort. 

In seiner Bearbeitung der biblischen Geographie des Eusebius fügt 
Hieronymus zu dessen Artikel Bethlehem die Bemerkung hinzu: et mille 
circiter passibus procul turris Ader, quae interpretatur turris gregis, 
quodam vaticinio pastores nativitatis dominicae conscios ante significans. 

In seiner Beschreibung der Reise der Paula sagt er ep. 108, 10 haud 
procul inde (von Bethlehem) descendit ad turrem Ader, id est gregis, 
iuxta quem lacob pavit greges suos et pastores nocte vigilantes audire 
meruerunt Gloria etc. 

Wer in der jüdischen Literatur belesener ist als ich, wird sicher 
noch mehr Beweise dafür beibringen können, daß der Herdenturm von 
(Gen 35, 21) jMicha 4, 8 in den messianischen Erwartungen der Juden 
eine Rolle spielte, und daß daher die Erzählungen von Lc 2 stammt. 
Ob nicht auch die Geburt in der Herberge (außerhalb der Stadt) mit 
Micha 4, 9. IG zusammenhängt, soll nur andeutungsweise noch gefragt 
werden. Irgendwo meine ich gelesen zu haben, daß nach jüdischer An- 
schauung der Messias beim Herden türm erscheinen werde. Jedenfalls 
glaube ich nichts unnötiges zu tun, wenn ich zu Lc 2, 8 künftig Mi 4, 8 
auf den Rand meines griechischen Neuen Testamentes setze. Wegen 
Gen 35, 21 kommt Migdal Eder vor im Buch der Jubiläen 35, i (34, 15?), 
Testament Rubens 3. Die modernen Handkommentare (Nowack, Marti) 
erwähnen die messianische Deutung von 4, 8 im Targum mit keiner 
Silbe; dagegen führt Pole aus Grotius zu 4, 8 an: Plane idem est hie 



Eb. Nestle, Zur Einteilung der Apostelgeschichte im Codex B. 259 



sttisiis qui reperiiiir aliis verbis infra 5, 2. Um so gerechtfertigter wird 

es sein, wenn ich zwischen 4, 8 und Lc 2, 8 denselben Zusammenhang 

vermute, der zwischen 5, 2 und Mt 2, 6 offen zutage liegt 

Maulbronn. 

Eb. Nestle. 



Zur Einteilung der Apostelgeschichte im Codex B. 

Ein ausführlicher Abschnitt in v. Sodens großem Werk über die 
Schriften des Neuen Testaments ist den „Einteilungen des Textes" ge- 
widmet. S. 440 — 456 behandelt er die „Einteilung der Akten'* und stellt, 
wie billig, die in unserer ältesten Urkunde, im Codex B, bezeugte an 
die Spitze. Dabei ist ihm aber ein seltsamer Fehler und eine merk- 
würdige Verkennung mit untergelaufen, v. Soden sagt S. 441 : B (bei 
ihm ö i) beginne sein 8. Kapitel bei 8, i^ und er belobt den Schöpfer 
dieser Einteilung dafür als feinen Kenner. In Wirklichkeit steht aber H 
bei 8, 4. So richtig schon Mai 1859, ebenso Fabiani-Cozza. Woher 
der Irrtum bei v. Soden stammt, weiß ich nicht. 

Umgekehrt tadelt v. Soden B, daß er sein Kapitel 16 bei 14, 6 be- 
ginne — „14, 6 bildet keinen Anfang" — und sucht einen Grund, was 
den Schreiber von B „verwirrt" haben könne. In der Tat ist es auf 
den ersten Blick sehr überraschend, dort in der Zeile 

TOUC CUVlÖ0VT€C Ktt 

hinter touc einen Punkt gesetzt und dazu am Rand die Kapitelzahl 16 
beigeschrieben zu sehen. Trotzdem ist es richtig, und gerade diese 
Stelle gibt den schönsten Anhalt über das Alter der hier vorliegenden 
Kapiteleinteilung. Ein Blick in Matthäi's griech. NT. von 1803 — 7 oder 
in die Perikopenlisten von Scrivener (I, p. 80), Gregory S. 345 zeigt, daß 
14, 6—18 die Lektion der Mesopentekoste ist. Diese Einteilung in B 
ist also jünger als die Mesopentekoste und ihre Tageslesung. Diese 
Tageslesung erklärt nun aber zugleich noch einen andern merkwürdigen 
Umstand. Schon im Codex C, dann in einer Menge von Cursiven, auch 
am Rand der Harklensis folgen auf die Schlußworte von 14, 18 toO 
^T^ 9u€iv auToTc noch die Worte dXXd TTOpeüecGai ?KacTOV cic rd ibia. 
Blaß hat sie — nach E mit Kai statt dXXd — in seine forma quae vide- 
tur romana aufgenommen. Sie erinnern jedermann unwillkürlich an 
Joh 7, 53 in der Perikope von der Ehebrecherin und werden den nicht 
mehr überraschen, der aus den genannten Perikopenlisten sieht, daß eben 

17* 



26o £b. Nestle, Eine semitische schriftliche Quelle für Mt und Lc. 



an der Mesopentekoste die Evangelienlektion Joh 7, 14 — 30 und am 
nächsten Tag Joh 8, 12—20 ist, d. h. eine Stelle kurz vor und unmittel- 
bar hinter der pericope de adultera* Doch dies nur gelegentlich. 

Wie alt ist nun die Mesopentekoste? Nach K. Holl (Amphilochius 
von Ikonium, Tüb. 1904, S. 105) taucht sie „zum erstenial** in dessen 
Predigten auf. Und: „mit einigem Erstaunen," sagt er, „sieht man, daß 
schon damals die Stelle Joh 7, I4flf. der solenne Festtext war." S. 106. 
Was Holl dort weiter über den Festkalender sagt, will ich hier nicht 
berühren; es sind umfassendere Untersuchungen nötig; nur zu seiner 
Bemerkung, daß zuletzt Nilles 1895 über die Mesopentekoste gehandelt 
habe, will ich aus meiner Besprechung seines Buches im ,JCirchlichen 
Anzeiger" (Württembergs) 1904, Nr. 35, den Hinweis auf C L. Feltoe 
im Journal of Theological Studies 11 (Oct 1900), 134 — 137 wiederholen. 
Man sieht, welch weitgehende Ergebnisse für die Greschichte des Kirchen- 
jahres und des neutestamentlichen Textes von einer solchen Kleinigkeit 
abhängen, ob im Codex B die Ziffer 16 mit Recht bei AG 14, 6 stehe 
oder nicht. 

Maulbronn. Eb, Nestle. 



Eine semitische schriftliche Quelle für Matthäus und Lukas. 

Im Vorwort zu seinem Buch über „die synoptische Frage" bezeichnet 
Wemle (1899) es als „eine immer noch unerschütterte Tatsache", 
dafi unsere Evangelien samt ihren nachweisbaren Quellen ursprüng- 
lich griechisch geschrieben sind. 

Ebenso sagt er am Schluß (S. 233): „Von dem Entstehen und der 
Verwandtschaft griechischer Schriften allein hat die synoptische 
Frage zu handeln. Was rückwärts derselben 11^, die mündliche 
aramäische Tradition, ist bis jetzt das Objekt mehr der Vermutungen 
als des sicheren Wissens. Ein neues großes Forschungsgebiet dehnt 
sich hier für diejenigen aus, die sich dazu berufen nennen dürfen." 

Ebenso sagt er noch 1904 im ersten der religionsgeschichtlichen 
Volksbücher „Die Quellen des Lebens Jesu" S. 71 ausdrücklich: „Die 
Sprache der Quelle, die Mt und Lc benutzte, war das Griechische, 
denn im griechischen Wortlaut trafen Mt und Lc zusammen." Zu dieser 
Quelle der „Spruchsammlung" rechnet Wemle ausdrücklich auch die 
„Pharisäerrede" Lc 11, 39—52, Mt 23, i — 39, s. „S>'noptische Frage" 
S. 40, 187 („Mit Sicherheit etc."); Quellen S. 48. 



D. Volte r^ Bemerkungen zum i. Clemensbnef. 



261 



1- 



Weriüe scheint also auch jeUt noch von Wellhausens Zurückführung 

von boxe IXctmocuviiv Lc 11,49 siif ein mißverstandenes semitisches 
n^T, das sowohl „reinigen'' als ,* Almosen geben" bedeutet, nichts wissen 
zu wollen, trotzdem daß Wellhausens Deutung durch die Belege in 
Dalmans Grammatik des jüdisch -palästinischen Aramäisch S, 196 die 
glänzendste Bestätigung gefunden hat 

Ich habe seither in den Expository Times XV, 528 aus dem gleichen 
Zusammenhang die Differenz zwischen Mt 23,23 „Tili** und Lc 11,42 
,,Raute*' durch Zuriickführiang auf semitisches HtOü^ = Anethum grave- 
olens und K'OIS' = Peganum Harmala (Low, Aramäische Pfianzennamen 
S 318, 317) erklärt 

Da die schottische Zeitschrift wenigen zugänglich ist und es für 
die Evangelienkritik keine kleine Bedeutung hat, ob man mit Wernle 
nur griechische Quellen anerkennt und höchstens von einer darüber 
hinausgehenden mündlichen aramäischen Tradition redet, erlaube ich 
mir nochmals den Finger auf diese Stellen zu legen. Im Neudruck von 
Weizsäckers Evangelischen Untersuchungen ist Wernles Urteil hervor* 
gehoben, dat das Buch noch immer ^^die glänzendste, durchsichtigste 
Einführung in die synoptische Frage" sei. Ich denke, eine einzige Stelle, 
wie die von Wellhausen erklärte, führt, falls man die Erklärung zutreffend 
findet, zu ganz neuer Problemstellung. Zu volkstümlicher Erörterung 
mag sie noch nicht geeignet sein; in wissenschaftlichen Untersuchungen 
sollte man an der Frage nicht länger vorübergehen, ob sich Stellen wie 
die hervorgehobenen nicht am besten durch die Annahme einer semi- 
tischen und zwar schriftlichen Quelle erklären, 

Maulbronn^ Eb. Nestle. 




Bemerkungen snjm i, Clemensbrief. 

In meiner Untersuchung des i . Clemensbriefes (Die Apostolischen 
Väter I, Leiden, Brill, 1904) habe ich den Versuch gemacht, diesen 
Brief auf seine ursprüngliche Gestalt zurückzuführen und von den späteren 
spezifisch christlichen Zutaten xu säubern. Ich halte das dort gewonnene 
Resultat durchaus aufrecht und möchte dazu nur in einigen Einzelheiten 
eine Ergänzung liefern. 

In den beiden Kapiteln 13 und 46 werden zwei Herrnworte ange- 
geführt, die ich in meinem Buche noch als Bestandteile des ursprüng- 
lichen Briefes glaubte festhalten zu müssen. Darin habe ich ohne 



202 D. Völter, Bemerkungen zum i. Clemensbrief. 



Zweifel geirrt. Die beiden Hermworte stammen ebenfalls vom Über- 
arbeiter. In Kap. 13 liegt für den unbefangenen Blick die Sache so 
klar, daß eigentlich nicht darüber gestritten werden kann. Das ^dXtcra 
^€^V1^Ji4vol, womit das Herrnwort eingeleitet ist, ist offenbar völlig un- 
passend und gezwungen angehängt an \iy^\ t&P tö irveO^a tö ä-pov 
und das darauf folgende alttestamentliche Zitat. Das ist Flickwerk, wie 
es nur von einem Überarbeiter zu erwarten ist. Man hat also in Kap, 13 
den Schluß von S ^ ^^^ den ganzen § 2, d. h. die Worte fiäXicra 
[l£^vr|^tvol — fi€Tpr|6riceTai öfiTv zu streichen. Mit Rücksicht auf diese 
Zutat hat dann der Überarbeiter in S 3 neben raÖTij rfl ivToX^ noch 
die Worte Kai toTc napaTT^^Maciv toutoic eingefügt und wahrscheinlich 
auch die Worte cfc tö TrapeuccGai utuiköouc övrac toTc dYiOTipeTreci 
XÖTOic auToO, durch welche das Ta7T€ivoq)povoövT€C zuweit von cnipiSui^ev 
geschieden wird, so daß es ganz unpassend hinten nachhinkt und um 
seine Bedeutung kommt. 

Ist nun das Herrnwort in i. Clem 13 nicht ursprünglich, dann wird 
damit sofort auch das Herrnwort in i. Clem 46, 7. 8 verdächtig. Daß 
wir es hier und dort wohl mit derselben Hand zu tun haben, darauf 
deutet schon das ^vric9^T£, womit das Herrnwort in Kap. 46 eingeleitet 
wird und das unmittelbar an das ^€^vr|fi^VOi in Kap. 13 erinnert. Läßt 
man das Hermwort in Kap. 46 aus, dann wird jedenfalls der Zusammen- 
hang nicht gestört. Im Gegenteil schließt S 9 über S 8 hinweg an § 5 
und S 7 (ohne die letzten Worte fivric9T]T6 k. t. X.) an. Denn tö cxCcj^a 
in S 9 nimmt rd cxicjbiaTa in S 5 und f\ crdcic in S 9 das CTacidZo/Liev 
in ^ 7 auf. Der Zusammenhang wird also durch die Auslassung nur 
besser. Aber das Recht zur Ausscheidung des Herrnworts ergibt sich 
überdies daraus, daß Kap. 46 auch sonst noch deutlich verrät, nach- 
träglich in spccifisch christlichem Sinne überarbeitet zu sein. Man lese 
nur § 7: Ivati bi4XK0|bi€V Kai öiacTruj|bi€V rd jh^Xti toö XpicToO Kai craci- 
d2o|bi€V TTpöc TÖ cujjbia TÖ löiov Kai eic Tocaürnv dTiövoiav dpxöjiieGa löcre 
dmXaG^cGai fmdc öti jui^Xii ic^iiv dXXrjXujv. Das ist nicht aus einem 
Gusse. Was hier nicht zusammenpaßt, ist, daß die Empörung zunächst 
als ein Wüten gegen die Glieder Christi, dann aber als ein Wüten gegen 
den eigenen Leib und die eigenen Glieder vorgestellt wird, zumal da 
gerade das Vergessen der letzteren Tatsache als die größte Verirrung 
bezeichnet wird. Es scheint uns darum nichts übrig zu bleiben als die 
Worte bUXKO^€V — toO XpicTOö Kai zu streichen. Dann aber müssen 
auch die Worte in § 6 (fj ouxi — iv XpiCTiu) gestrichen werden, mit 
denen der Einschub in § 7 im engsten Zusammenhang steht. Die Folge 



f 



D VÖ Lt er, Bemerkungen zum t. Clemensbnef, 263 



ist, daß die beiden je mit fvaii eingeleiteten Sätze in § 5 und § 7 un- 
mittelbar zusammenrücken, was denn auch für das natürlichste und 
passendste gehalten werden muß. 

Des weiteren ein Wort zu k Clem 17 bezw. 15 — 17. Ich habe in 
meinem Buche behauptet, daü r. Clem 16 und im Zysammenhangf damit 
auch der Anfang von Kap. 17 nicht ursprünglich sei. Ich halte diese 
Behauptung, was Kap. 16 betrifft, vollkommen aufrecht Nur bin ich 
bezüglich des Anfangs von Kap. 17 etwas anderer Ansicht geworden. 
Dieses letztere Kapitel beginnt mit den Worten: „Laßt uns auch Nach- 
ahmer derjenigen werden, die in Ziegenhäuten und Schaffellen umher- 
zogen und das Kommen Christi verkündigten* Wir meinen nämlich 
Elias und Elisa, sowie auch Ezechiel, die Propheten, dazu auch die- 
jenigen, die ein gutes Zeugnis (von Gott) erhalten haben (Abraham, 
Hi ob, David)* Was in dieser Stelle Bedenken erregt, das sind die 
Worte ,,und das Kommen Christi verkündigten" (KTipucGOvrec trlv IXcuciv 
Toö XpicToö), Denn daß Elias und Elisa das Kommen Christi ver- 
kündigten, davon ist aus dem Alten Testament absolut nichts bekannt 
Überdies steht auch in der Quelle, aus der Clemens hier schöpft, näm- 
lich im Hebräerbrief, durchaus nichts davon* Denn der Hebräerbrief 
spricht in 11. 37 einfach von solchen, die in Schaffellen und Ziegen- 
häuten umhergingen. So erhebt sich die Frage, ob die Worte KT)puc- 
covTec TTjv IXeuav toO XpiCTOÜ nicht ein nachträglicher Zusatz sind, der 
dazu dienen soll, Kap. 17 mit Kap. 16, das von Christus handelt, zu 
verbinden. Wir meinen diese Frage entschieden bejalien zu müssen, da 
wir Kap. 16 selbst nicht für ursprünglich halten können. Kap. 15 be- 
ginnt mit den Worten: „Schließen wir uns also denen an, die frommen 
Sinnes den Frieden suchen, nicht denjenigen, die nur heuchlerisch den 
Frieden zu wollen behaupten,'* worauf eine alttestamentliche Begründung 
dieser Ermahnung folgt Als unmittelbare formell gleichartige Fort- 
setzung und Ei^änzung der Ermahnung in Kap. TS stellt sich die Er- 
mahnung in Kap. 17 dar: „Laßt uns auch Nachahmer derjenigen werden, 
die in Ziegen häuten und Schaffellen umhergingen" etc* Zwischen diese 
unmittelbar aneinander anschUeüende und auch der durchweg alttesta- 
raentliclien Begründung nach zusammengehörige Kapitel paßt Kap. 16 
mit seiner Ausführung über Christus durchaus nicht herein. Mit Kap. x6 
aber verlieren auch die an sich schon anstößigen Worte xripüccoVTec 
Ti^v IXiuciv ToO XpiCToO im Anfang von Kap. 17 ihren letzten Halt 
I Schließlich noch eine Bemerkung zu 1. Clem 20. Am Schluß dieses 

■ Kapitels findet sich eine Doxologie, die wegen der Worte bid toö Kupiou 



li^iui^ KfCuC A#mct<^ jutcir ^mf skx nmiiiirrliAA. vantsr grikinnlmi Gaz:, 
«c/Liöcrr. ^jf -.^isLo:^ wssa^a. wcmer moL. In nriiKim'ti i rnar- hsa^at ^so:, 
u^öcsm;!. rtaCiituw<;i^ex ^^sircin üaL tkt angrführrgc IS^oife lücixr Qi^iDal 
^iii ^ticiiiocr licc <3al dit: I/dKOio^ uconisQgüct: Giot: gpqpalBeD isdcs 
fuüir. Ici. iiiat^ c^iir v<;ncisi£f»K: urnnuk y^lrrur grnantit, sd öes 
Zu:^aaiiieiiü<t%' mr Ka^. ^:. »uwrit des. caL vdc öcd pärnyiun; nroü* Bbil? 
auci: :K>fi5t iflD : . 'Jjtreacmsurj^r «^ : tunK äa: 7nw**" Itt L K die iLcdc 
i:^. Ai«eki <ia^ eidlocosu: uctc woü ismänisksvfilkB&c Ai^mnsiil ixate icii 
oicot j^eocüHH. Ici. üK^ine t:^ tianiii: iisr Tgintthritm. Es hr^sTrhr in 
^^ ¥€^< : wx kaac taac am äsäuiiL i^oc SLiOä. 2D cme I>nix>lngie auf 
<JurkAat^ ef i»«rx»:. an: l^csüut «»es &giiftrffi. cbs 7.iHwtmnir ü jiäL 'Ksq^ 19 
v<4J A— Z Ocf V<:*iÄfrik:hunj <jr3!i(K, »ner MaräiL Wcäiät und Gäbe 
I^v^j4a3bet i^^ Wissm <ü(e»es K^cbeC ao: Scämit cme 2>iacDiqgsc hat, so 
kaoA m A>idu vkm^^'vw^likcäi aut atif Grxt hcxagca. iabca. Es ist also 
oficah;a 4«r Cbcraitiditef, 4fer, uan cot bnwTrnrrirriscite Bedratmig dnisti 
pjm hu3idfw:k tu Uiog^:«, d«e Wc«tc tid toG cupiou ^fuiinr L X. ein- 
^^i4^ ud4 im 7Ai^mnyrnh'4n% damit dste Doxologie voo Gott auf Christus 

ti^nni wu&te ich, v//fi dk^er oder jener Kleiiugkeit abgesehen, meinen 
A^i^Mnmmt:!} uinnf den 1, Clemensbrief kaum etwas wesentliches hmzu- 
^M^MgA^M* i^h kiifui dd;rum nur aufs neue zum Studium derselben ein- 
\^4m MMd 'iW'4r jeCxt im Zusammenhang mit meiner Schrift über den 
|. i^ctruübrief fStrattUurg, Hcltz, 1906), Es wird sich, wie ich keinen 
AiigtiHiilick 9,wt:\(kf ht\ näherer Prüfung doch noch herausstellen, daß 
^jc (iuiiciuciUe de« Apoütolischen und nachapostolischen Zeitalters eine 
4iuicrc: Aiiftciiiöiiny und Behandlung erheischt, als die ihr herkömmlicher- 
wcifip zuteil wild. 

Amsterdam. Daniel Völter. 



InaphrUtUoh^ 9ur Qeachichte des Qebets. 

\K\^ GpUvi vki* ^(i^chUch^i) leli^iosea Texte aus der Antike hat 

vivi^vh Uw* t*4j|^N'vvw^^^bJtikiAtk^>c« vl^^f Wt^t^u Jsthrjehnte eine überraschende 
Avi^vWhiuui^ vi^hw^ skhUÜ^ die <;^cQt!Khea lo^chriften dem gegenüber 
f^Vvv^^ ^u{a<;K|ivU9l9U ^iukL \V\> ^x^ c^ «. 6w auf iuschriftiichem Gebiete 
vVwa.'», vU"» A- i>ivWi^i^^'» Nfcthro^uii^H? ^ax die Seite gestellt werden 
kv.4mW> Akx?*; wciw^ A»^<h uicht ScImöc, so sind doch noch 
i^TuJslkv^iiUfi siui dwui A^kv«" 0<^r ^rwNljtiticbvut Kpigra^jhik 2u tinden. 



G, Tbiemc, Isschriftliches lur GescHicbte des Gebets. 26$ 

Es sei hier auf zwei größere Inschriften sakralen Charakters aus den 
von O* Kern edierten Inschriften der kleinasialischen Stadt Magnesia am 
Mäander (Berlin, 1900) aufmerksam gemacht, die für die religiöse Ter* 
minologie der Antike im allgemeinen wie insbesondere für die Geschichte 
des Gebets interessant sind. 

Zur Erinnerung an die Neuaufstellung des Bildes der Stadtgöttin 
Artemis mit dem Zunamen Leukophryene im umgebauten Tempel be- 
schließt man eine jährlich wiederkehrende Feier mit Umzug und Fest- 
opfer, bei welcher Gelegenheit der jedesmalige iepOKfipuS an die ver- 
sammelte ,, Gemeinde'' eine Ansprache zu richten hat (Kaieuxi'iv kol! irapd- 
kXiiciv TTaVToc ToO nXiiSouc Tioieicöat), mit der Aufforderung zu allgemeinem 
Opfer und zu Gebet an die Schutzgöttin der Stadt, das die Bitten ent- 
hält, um u-ffeioi und [ttKoutoc '], fernen [cujilecöai '] Kai lUTUxeiv ttiv rtvtdv 
OTTctpxoucav und: Tfiv imtovf^v ^aKCipiav [ttvkOai^]. Bei der Seltenheit 
formulierter Gebetstexte aus dem Altertum ist es doppelt bedauerlich, 
daß diese Inschrift des 2, Jahrhunderts v. Chn gerade hier abbricht 

Besser steht es in dieser Beziehung mit der Vorschrift über das 
Gebet am großen Zeusfeste (Magn* 98)* Die Gegenstände, auf die sich 
das Gebet erstreckt, sind vollständig genannt Z. 26fir.: bnkp cuJiripbc xnc 
Tt TTÖAeuic mi Tfjc x^pQc Kai Tufv ttoXituiv Kai t^vqiküuv Kai TtKVuiv mi 

TlIlV ÖXXtJUV TUIV KatOIKOVVTWV Iv T€ T^ TTOXtl Kai T^ X^P^ ^^^P T€ £lpnVr|C 

Kai irXoikou Kai citou q>opdc Kai tüüv dXXujv Kapiruiv TrdvTmv Kai imv 

KTriViliv. — Wenn oft gesagt wird^ der Mensch sei überall derselbe, so 
gilt das auch in religiöser Beziehung. Wer wäre bei vorliegendem Ge- 
bete nicht frappiert durch die auffallende Ähnlichkeit der Sprache mit 
der der alten griechischen Liturgien, wie mit unserm heutigen allgemeinen 
sonntäglichen Kirchengebet? Die Wohlfahrt von Stadt und Land, Friede 
und Gelderwerb, Getreide und andere Feldfrüchte, Viehstand — darauf 
richten sich die Sorgen und Bitten des Menschenlierzens damals wie 
heute, und man konnte zumal aus ländlichen Gegenden dieses Gebet 
aus dem 2. Jahrhundert v. Chn zweifellos Punkt um Punkt durch litur- 
gische Parallelen belegen. 

Für die Gleichheit der religiösen Sprache in den verschiedenen 
Zeiten ist übrigens die oben zitierte Inschrift (Magn, lOOa) ein weiteres 
Beispiel. Von dem glücklich vollendeten Tempelbau heißt es dort, er 
sei zustande gekommen $£tac ^mirvoiac Kai irapaCTdccujc Tevo^evr|C t<^ 
cü}iTravTi irXriÖei tou noXirtu^aioc eic ttiv dftOKaTdcTaciv toö vaoö: Klingt 

1 So ergänzt Dittenberger Sylloge^ diese Inschrift« 
* Ergini ung von W. Di Itenb erger, Sylloge». 




266 A. Bischoff, *£Tno6aoc. 



das nicht wie aus einer Weiherede für ein christliches Gotteshaus der 
Gegenwart? Wenn dann allerdings einige Zeilen weiter (Mag-n. loob 
Z. 38 ff.) die Verheißung dfieivov eivai nötig ist, um den Hausbesitzern 
und biedern Werkmeistern der Stadt Magnesia es eindringlich zu machen, 
der Göttin zu Ehren Altäre vor ihren Türen zu errichten und sie sauber 
mit Tünche zu streichen (wobei den Widerwilligen mit der Aussicht 
gedroht wird: ^i^l dfietvov eivai), so fordert diese Art Frömmigkeit den 
religiösen Menschen von heute notwendig zur Kritik auf. Und ebenso 
Magn. 98. Hier handelt es sich um die Verpflegung eines Opferstiers, 
der bis zum eigentlichen Festtage in freiwillige Obhut gegeben werden 
soll. Wer sich nun zu einer Beisteuer zu den Fütterungskosten versteht, 
dem gilt die Verheißung: Kai d^eivov eivai toTc öiöoOciv (Z. 64). 

Dresden. (Lageado, Brasilien.) 

G. Thieme. 



'Enffovaftog. 



In G. Kleines gelehrter Abhandlung über die ursprüngliche Gestalt des 
Vaterunsers (i. Heft dieser Ztschr. 1906, S. 34 ff.) ist, zumal es sich dabei 
um so tiefgreifende Untersuchungen wie das Verhältnis zur Johannes- 
taufe, die Bitte um den h. Geist u. Ä. gehandelt, eine demgegenüber 
unbedeutende, überdies reichlich und überreichlich besprochene Einzel- 
heit, nämlich die immer noch fragliche Bedeutung des Wortes ^ttioucioc, 
unerörtert geblieben; nur indirekt konnte der Hinweis auf den Zusammen- 
hang, in dem bei Mt die ersten drei, ja vier Bitten Erklärung und Be- 
gründung finden, wie v. 12 durch 14. 1$, so v. 11 durch 33. 34, dazu 
dienen, die ältere Erklärung (quotidianus, crastinus) zu beseitigen; und 
so ist überall dort die Bitte angeführt in der Form: „unser nötiges Brot". 
Näher gehen neuerdings auf diese Sache ein die Aufsätze von Lic. Dr. 
Gustav Hönnicke in der N. kirchl. Ztschr. v. 1906, wo S. 176 über jenes 
Wort so gehandelt wird, daß nach kurzer Erwähnung und Ablehnung 
anderer Deutungen die Erklärung Zahn's (z. d. St.) eingehende Be- 
sprechung findet Wiedereintretend für die ältere Ableitung von fj 
{inoöca sc. f\\xipa umschreibe derselbe die Bitte so: Gott möge uns heute 
das Brot für morgen geben, eine Erklärung, die durch Berufung auf 
Hieronymus, der im Hebräerevangelium an dieser Stelle 1^*9 gefimden, 
ferner auf einige Übersetzungen, wie die koptische, die crastinum, und 
die sahidische, die venientem übersetze, begründet werde. H. gibt zu, 



A, Bischoff, 'Emokioc. 



267 



I 



daß diese schon von andern wie Bengel, Meyer, Hofmann vertretene 
Erklärung viel für sich habe, während die Gegengründe teihveise nicht 
stichhaltig seien, 2. B, daß einige Übersetzungen wie die syrische und 
die altlateinische Ittioücioc auffassen im Sinne von fortwährend, beständig 
(quottdianus) (?), oder daß diese Erklärung einen Widerspruch mit Mt 
6, 34, wonach Sorgen für morgen verboten sei, ergebe* Dennoch glaubt 
H, auf zwei Einwänden bestehen zu müssen^ die er nicht so leicht wie 
Z. abweisen könne. Erstens sei nun einmal f] ^moüca ohne fmlpa nicht 
ohne Weiteres Ausdruck für den morgenden Tag, Doch, um sogleich 
dies zu berichtigen, findet sich ja t^ ^Tnoucrj Act 20, 14; und wie oft f\ 
£iCT€paia, f] ixo}iivt\ in solchem Gebrauch vorkommt (außer a. a. O, auch 
sonst wie bei Plato, Crito pp 44 A u. B), bedarf so wenig weiteren Nach- 
weises w^ie die übliche Substantivierung von Adjektiven mit leicht ergänz- 
barem Substantiv (wie f\ ?pimoc, f] 5€£ui, f) eööeta, r| ciivTo^oc). Wenn 
aber H, fragt, warum denn, wenn es galt das aram« ^1^ zu übersetzen, 
nicht einfach nach dem üblichen Sprachgebrauch töv äpiov töv ttjc 
aupiov gesetzt worden sei, so übersieht er die Neigung allerj besonders 
der alten Sprachen zur Abwechslung im Auiädruck, wie sich denn z. B. 
Act 6, 1 findet tv t^ biotKOvtqt r^ KaOri^iepivri, wofür es auch einfach 
heißen konnte ^v i^ Kaö* fj^epav biaK., wo nun aber das gewiß auch 
sehr spät erst gebrauchte Adjektivum (nur Ka8nM^ptoc findet sich schon 
bei Klassikern, auch dieses höchst selten) gewählt wurde. Bedeutender 
ist der andere Einwand, daß der Gedanke, wie ihn Z, darstellt, logische 
Schwierigkeiten biete. Die Bitte: ,.gib uns täglich unser morgendes 
Brot*', entbehre der natürlichen Fassung, Auch komme die durch Mt 
6, 34 abgewehrte Sorge doch dabei zum Ausdruck (womit also der vorher 
für nicht stichhaltig erklärte Einwand nachträglich anerkannt wird), H* 
glaubt deshalb die Erklärung; „gib uns das uns angemessene, ausreichende 
Brot" vorziehen zu sollen, indem er emoucioc von tireivai ableitet^ wobei 
die Unterlassung der Ehsion in Ini vor dem Vokal am besten daraus zu 
erklären sei, daß die Wortbildung auf solche zurückgehe, die die grie- 
chisclie Sprache nicht völlig beherrschen. Über letzteres hatte sich 
schon früher C* Weizsäcker geäußert in den Untersuchungen über die 
evang, Geschichte, 1864, wo er (S. 407) übersetzt: „das notwendige 
Brot gib uns alle Tage" (ebenso in den Ausgg. des NT.s, so igoo bei 
Mt 6, II, Lc I r, 3 „unser nötiges Brot'*), und seine Ablehnung der ge- 
v^öhnlichen Ableitung von f] fTitoöcot mit Berufung auf den Kontext, 
nämlich den ,, maßgebenden Gedanken"j so begründet: „die auffallende 
aber grammatisch mögliche Wortbildung aus im und oucia (wie inr- 




268 A. Bischoff, *EmoOcioc. 



eSoucioc) kann um so weniger von der sachlich richtigen Deutung ab- 
halten, als das Wort unter die ganz freien Bildungen der NTlichen 
Sprache gehört", mit dem weiteren Zusatz: „je rascher das erste Ver- 
ständnis verloren gehen konnte, desto leichter begreift sich, daß schon 
das Hebräerevangelium der Nazaräer nach Hieronymus mit "UT^p über- 
setzte". Aus letzterem Satz, womit freilich die Sache auf den Kopf 
gestellt wird, als ob nämlich das griechische Vaterunser das Original 
wäre, das in das Hebräische oder Aramäische übersetzt worden sei, ist 
wenigstens zu sehen, daß die Notiz des Hieronymus (vollständig jetzt im 
Wortlaut bei E. Preuschen, Antilegomena, p. 5), an die nun Z. und Nestle 
(Einführung S. 112) erinnern, auch W. kannte, ohne sich jedoch dadurch 
in seiner Erklärung bestimmen zu lassen. Was aber die grammatische 
Möglichkeit betrifft, so hatte W. dieselbe zwar behauptet, jedoch nicht 
nachgewiesen. Diesen Mangel hat sich eifrig zu ergänzen bemüht 
Cremer in seinem bibl. theol. Wörterb. zur neutestamentL Gräcität, wo dieser 
Punkt genau behandelt ist. Freilich so schlagende Beispiele wie ^€i- 
K11C, dmopKCiv gibt es nicht sehr viele, und bei diesen erklärt sich der 
Mangel der Elision durch ursprüngliches Digamma; andere, bei denen 
diese Erklärung nicht zulässig, scheinen sich immerhin nur selten und 
weniger zuverlässige zu finden. Richtig wird aber allerdings sein, daß 
solche Dinge wie Digamma und Hiatus in der späteren Gräcität weniger 
beachtet wurden, das Digamma nicht, indem wir i^pTdcaTO finden Mt 
25, 16. Mc 14, 6 (neben eipTcicaro Mt 26, 10), der Hiatus aber, der schon 
der Deutlichkeit wegen in der klassischen Gräcität vielfach nicht zu ver- 
meiden war, jetzt wohl noch weniger Anstoß gab, als man sich aus Be- 
quemlichkeit, um die feinere Unterscheidung zu ersparen, gewöhnt hatte 
das V dqpeXic überall, vor Konsonanten wie vor Vokalen, zu setzen 
(analog outujc, \xix9^^)y wofür dann wohl auch umgekehrt ein Hiatus 
nicht als störend empfunden werden mochte. Großen Nachdruck aber 
legt Cremer mit Recht darauf, daß dTnoüacc nicht von dem entfernteren 
direivai (wie noch H. tut) sondern (wie auch von W. geschehen) un- 
mittelbar von dem nächsten, von oöcict, abgeleitet werde, sowie dSouaoc 
nicht von dHcTvai, sondern von oucfa (ein seines Vermögens, seiner oöcio, 
beraubter), und sucht weiter nachzuweisen, daß ouda nicht bloß Wesen 
(wie in ö^ooucioc) sondern auch Existenz, Subsistenz bedeute, dmouaoc 
also: zur Existenz nötig, ausreichend. Trotz dieser gründlichen Unter- 
suchung schließt aber Cr. mit der nicht volle Zuversicht verratenden 
Erinnerung, man dürfe nicht vergessen, daß es im gewöhnlichen Leben 
mit der Bildung der Wörter nicht so hergehe, wie es die Gelehrten nach 



A. Bisch off, 'Emoöciöc. 



269 



ihren methodischen Gesetzen erwarten, mit andern Worten, daß man es 
so genau nicht nehmen dürfe. Als ob nicht gerade die Entwicklung der 
Volkiisprache nach bestimmten, man darf wohl sagen, Naturgesetzen vor 
sich ginge, von denen die am wenigsten Gebildeten unbedingt, obgleich 
unbewußt, geleitet werden! Jedoch wie steht nun die Sache? Die 
scheinbar nächstliegende Ableitung von 1^ imoöca hat unleugbar unüber- 
windliche Schwierigkeiten. Ungerechnet die Disharmonie von Mt 6, 1 1 
mit der, wenn auch etwa nicht ursprünglich^ doch im Zusammenhang 
unseres jetzigen Textes bald folgenden Stelle 6, 34 ist die zweimalige 
Zeitbezeichnung in so kurzem Satz störend genug. Denn %venn auch 
unsere deutsche Bibel Lc 11, 3 die anstößige Form (wörthch: unser tag* 
liches Brot gib uns täglich) durch die Übersetzung von Kaö* fiplpav mit 
„immerdar** vermeidet, so daß man wahrscheinlich unlogischerweise auch 
am Urtext weniger Anstoß nahm, und wenn es bei Mt etwas erträglicher 
lautet: unser tägliches Brot — heute (cr^^tpov), wenn man femer dieses 
notdürftig erklären kann: unser Brot für den kommenden Tag gib uns 
(schon) heute (daß wir uns nicht doch in den 2u fliehenden Sorgen 
verzehren), — das eine läßt sich nicht wegschaffen: die zweimalige Zeit- 
bestimmung in so kleinem Satz bleibt eine Sonderbarkeit, für die man 
vergebens nach einer Erklärung sucht. Solche Bedenken müssen sich 
aber schon frühzeitig gehend gemacht haben, wie das seltsame Wort 
supersubstantialis beweist, das die Vulg. bietet Mt 6, r i (panem nostrum 
supersubstantialem), während sich für dasselbe Wort des Urtextes da- 
selbst findet Lc 11, 3: panem nostrum quotidianumj und zwar hat jenes 
Wort Hieronymus nach der oben erwähnten Notiz schon vorgefunden." 
Wie der Übersetzer oder Abschreiber, der die Bildung dieses sein grie- 
chisches Vorbild an Einzigartigkeit wo möglich übertreffenden Wortes 
gewagt, hierzu gekommen sein mag, laut sich, wenn auch nicht nachweisen, 
doch vermuten. Entweder hatte und fand derselbe kein lateinisches 
Wort fiir das wiederzugebende griechische, dessen Bestandteüe er zwar 
zü erkennen glaubte, ohne sich aber über den Begriff klar zu sein, oder 
er fand schon die lateinische Übersetzung mit quotidianus (vielleicht auch 
crastinus) vor, ohne aber von deren Richtigkeit überzeugt zu sein, und 
suchte nun wie in einer Interlinearübersetzung die ihm verständlichen 
Bestandteile, so gut er konnte. Im durch ein übergeschriebenes super 
und — oucioc durch ein vermeintlich entsprechendes substantialis, nach- 
zubilden. An ehie Beibehaltung dieses Versuchs war aber schon wegen 




I iVo fapersabitantiaU pane reperi mab&r etc* a. sl O. 



270 A. Bisch off, 'EinoOcioc. 



der Unförtnlichkeit und Unverständlichkeit des Ausdrucks nicht zu 
denken. Und nachdem Hieronymus sein inif entdeckt, glaubte Niemand 
mehr an der Ableitung von f\ dmouca zweifeln zu dürfen. Ist nun aber 
diese trotz allem nicht festzuhalten, so fragt sich, ob der andern Er- 
klärung (von itxl und oöcia) unbedingt zu vertrauen sein wird. Wenn 
auch dies nicht zu behaupten ist, insofern sich immer wieder die Frage 
aufdrängt, ob nicht doch die Ableitung von f| dmoOca die näher liegende 
sei, so wird man, woran freilich schon von Anfang an zu denken war, 
fragen müssen, welches aramäische Wort denn wohl mit diesem dmouctoc 
wiedergegeben werden sollte. In den altjüdischen Gebeten, nach deren 
Muster, wie wir nach den neueren Untersuchungen wissen, das Vater- 
unser gebildet wurde, scheint man ein entsprechendes Wort noch nicht 
entdeckt zu haben. Franz Delitzsch hat nun in seinem hebräischen NT 
an beiden Stellen gesetzt: UglJ DH^, das Brot des uns beschiedenen, be- 
stimmten Teils oder Maßes, also das uns zukommende, beschiedene Brot, 
mit Anlehnung an Gen 47, 22. Prov 30, 8. Ezech 16, 27. Ergibt sich 
hierdurch unleugbar ein angemessener Sinn, so ist doch kaum wahr- 
scheinlich zu machen, wie hieraus die Übersetzung mit imoucioc ent- 
stehen konnte. Dennoch wird die Schwierigkeit nicht unlösbar sein, 
wenn man sich erinnert, daß neben dem bekannten ITI^ cras, crastinus 
noch eine obgleich in der biblischen Sprache als solche nicht gebräuch- 
liche Wurzel *inD (verwandt mit IJlp, 159, Grundbedeutung vendidit) sich 
findet, wovon ein nicht eben seltenes Wort abgeleitet wird, THD, Kauf- 
preis, merces, praemium laboris, Arbeitslohn, Hi 28, 15. Ps 44, 13. Jes 
4S> 13- S5f I- Mi 3, II. 2 S 24, 24. Dt 23, 19; auch Dn 11, 39. Ob nun 
dieses Tflö selbst, nur defective geschrieben, oder eine andere Form des- 
selben Stammes ursprünglich diese Stelle eingenommen, mögen Andere, 
die als Orientalisten hierin die erste Stimme haben, entscheiden. Ist 
unsere Vermutung begründet, so würde ein unbestreitbar passender Ge- 
danke gewonnen: das Brot des Arbeitslohnes, somit unser verdientes, 
redlich erworbenes Brot, zu übersetzen also etwa: unser ehrliches Brot 
gib uns heute (täglich); zugleich aber wäre damit erklärt, was sonst 
immer ein Rätsel bliebe, wie schon in allerfrühester Zeit, als die Tradi- 
tion noch von den ersten Jüngern her lebendig sein mußte, bei diesen 
gewiß nie in Veigessenheit kommenden Worten die irrige Auffassung 
sich bilden konnte, die dann bald in dem griechischen dmoücioc, lat. 
quotidianus ihren Ausdruck suchte. Mißverstand eines doppelsinnigen 
Wortes oder Wortstammes würde den seltsamen aber gerade bei 
solchen überall mit ehrfurchtvoller Scheu gesprochenen und gehörten 



A . B i s c h o f f , 'AXAoT pi(o)€tf (octmoc. 



271 



I 



Worten verzeihlichen und bei der unendlichen, daher wohl oft 
gedankenlosen, Wiederholung lange unbeiiierlrt gebliebenen Irrtum ver- 
schuldet haben. 



Weißenburg i/B, 



A, Bischoff 




Wenn auch die Bestandteile des in der ganzen Gräcität nicht mehr 
und im NT an der einzigen Stelle i Petr 4, 15 vorkommenden Wortes, 
dessen Schreibung, ob richtiger dXXoTpioeTiicKOTTOC oder äXXoTpi€TTic»C0HOCp 
für jetzt dahingestellt bleibe, offen vorliegen, scheint doch die Bedeutung 
desselben für unsere Stelle, um die es sich ja allein handeln kann, 
wenigstens nicht allgemein richtig erkannt zu werden, soweit sich näm- 
lich ohne Kenntnis aller einzelnen Kommentare aus den am meisten ge- 
brauchten Übersetzungen urteilen läßt, Vulg,: „alienorum appetitor", L,; 
„der in ein fremd Amt greift", H. A. Schott: „male sedulus", Weizsäcker: 
„der sich fremder Dinge anmaßt". Cremer verweist in seinem Lexikon 
s, V, auf Plato's Phaedrus p, 230 A, (genauer p, 229 E.), wo sich aber 
nur die Äuüemng des Sokrates findet, er halte (ur lächerlich sich um 
fremde Dinge zu kümmern, ehe man die nach dem Delphischen Spruch 
gebotene Pflicht der Selbsterkenntnis erfüllt (ou buva|iai ttuj Katd t6 ÄeX- 
(piKÖv TPtS^M*^ Tv*^vai l^auTÖv^ T^Xoiov bf\ ^01 (paiv£Tai toOto In dfvooövTCt 
TÄ dXXoTpia CKOTTfcvv). An unserer Stelle jedoch scheint das Wort nicht 
blol^ wie in der platonischen unnütze und gegenüber der weit wichtigeren 
Selbsterkenntnis unbedeutende Beschäftigung^ wie dem Sokrates dort die 
mythologischen Fragen über Boreas, Chimaira, Hippocentauren und 
Pegasus erscheinen» sondern ein höchst bedenkliches und streng zu 
meidendes Tun zu bedeuteni vor dem mit allem Ernst zu warnen sei. 
Nach der gewöhnlichen Ansicht wäre ein Verhalten gemeint, das an 
sich gewiß tadelnswert leicht auch schädlich wirken, aber kaum als so 
gefährlich gelten kann, um in diesem Zusammenhang genannt zu werden. 
Cremer verwirft daher Luther's Auffassung, hält aber selbst dafür, daü 
die Sünden wider das achte Gebot gemeint seien, ohne jedoch diese 
Ansicht näher zu begründen. Die Möglichkeit dieser Beziehung ist nun 
freilich dem Wortlaut nach nicht zu bestreiten, insofern z. B, ein KOta- 
XaXeiv, wovor Jak 4, 11 gewarnt wird, nie ohne ein ctXXoTpia ckottciv 
wird entstehen können; aber für unsere Stelle ist diese Bedeutung nicht 
ausreichend Denn der Zusammenhang ist ja dieser, daQ die Leser er- 
mahnt werden, in drohenden Leiden nicht zu verzagen, insbesondere 



2/2 A. Bischoff, *AXXoTpi(o)€iriCKOiroc. 



nicht, wenn sie um Christi willen geschmäht werden. Denn nur in diesem 
Fall, so will das T<ip des Überganges v. 15 sagen, wenn ihr um Christi 
willen Schmach leidet, seid ihr ^aKdplOl, nicht aber, wenn ihr selbst Un- 
glück verschuldet, also verdiente Strafe erfahret, sondern nur wenn als 
Christen usw. (v. 16). Wenn es also hier heißt: keiner von euch leide 
(bc q)OV€uc f^ KXdimic, so sieht man, daß hiermit auf Handlungen hin- 
gewiesen ist, die vom bürgerlichen Strafgesetz betroffen sind, deren kein 
Mensch, wieviel weniger ein Christ, sich schuldig machen solL AufTallen 
kann hier, um dies beiläufig zu bemerken, daß als drittes KaKOiroiöc ge- 
setzt ist, das sonst z. B. oben (i Petr) 2, 12 allgemein: Übeltäter, Misse- 
täter bedeutet. Doch darf man, wenn diese Nebenbemerkung gestattet 
ist, annehmen, daß dieses Wort hier spezielle Bedeutung hat, wie etwa 
lat. malus bei Hör. sat. 1,4, 3: si quis erat dignus describi quod malus 
ac für, wo malus einen Schehn oder Schurken bedeutet, dessen Tun, 
wenn auch nicht eigentlich Diebstahl, doch (durch Betrug, Unterschlagung, 
Veruntreuimg u. dgl.) nicht minder gefährlich, daher ebenso von den 
Gesetzen bedroht ist, ib. I, 3, 59: nuUique malo latus obdit apertum (wo 
malo masc, nicht neutr., weil nur so das Bild passend: latus obdit 
apertum), besonders noch ib. I, 1,77: formidare malos, fures (nicht malos 
fures, böse Diebe, sondern:) Schelme, Diebe, weil die Angst des reichen 
Filzes desto besser veranschaulicht wird, je mehr Feinde er furchtet. Zu 
vergleichen ist hier auch der Ausdruck: „Zöllner und Sünder", wo das 
Wort „Sünder" gleichfalls in einem speziellen Sinn (im Gegensatz zu den 
Zöllnern, die ja von den Sündern im allgemeinen nicht ausgenommen 
werden sollten) zu stehen scheint. Nach diesen dreien (qpovcuc, kX^itttic, 
KaKOTTOiöc) folgt nun (iXXoTpi(o)€TricKOTTOC. Daß es sich hiermit etwas 
anders verhalten wird, ist schon aus der Wiederholung des ibc zu sehen. 
Um so gemeine Verbrechen wie Mord, Diebstahl, Betrug scheint es sich 
nicht zu handeln, da sonst das Wort einfach jenen an die Seite gestellt 
werden konnte, immerhin aber auch um Handlungen, die zum Konflikt 
mit dem Strafgesetz fuhren mußten. Ein Übergreifen in fremdes Amt, 
überhaupt in fremde Angelegenheiten, war aber vom geltenden römischen 
Strafgesetz so wenig bedroht wie üble Nachrede gegen den Nächsten, 
wenn durch solche nicht geradezu die Wohlfahrt des Andern gefährdet 
wurde. Als strafbar nun bleiben, nachdem der Vergehen und Verbrechen 
gegen Leben und Eigentum der Mitbürger schon gedacht ist, nur übrig 
politische Handlungen, denen eine staatsgefährliche Absicht zugeschrieben 
werden konnte. Alle solche Handlungen fielen unter die lex maiestatis, 
wonach ein crimen minutae oder laesae maiestatis in der 2^it der Republik 

8. 8. 1906. 



A. Bischoff, *AUoTpi(o)ciriCKOiToc. 



273 



I 



zwar nur durch wirklichen Vaterlaodsverrat, später aber in der Kaiserzcit 
mehr und mehr schon durch Worte und Mienen, überiiaiipt durch die 
harmlosesten Schritte begangen werdeii konnte, wie aus Tacitus und Sueton 
sattsam bekannt ist, wobei freilich zu beniierken, daß im allgemeinen mehr 
Angehörige vornehmen als geringen Standes deshalb verdächtigt und 
verurteilt wurden. Die Gefahr solcher Anklagen wurde aber immer 
größer» je mehr die öflTentlichen Zustände zu Beschwerden Anlaß gaben, 
und gerade fromme Gläubige mochten, nicht in eigenem Interesse wohl 
aber in dem unglücklicher Mitbürger^ an Maßregeln der Obrigkeit oft 
berechtigten Anstoß nehmen. Um so eindringlicher wird in den neu- 
testamenttichen Briefen vor allen möglichenvebe verdachterregenden 
Schritten gewarnt und Gehorsam gegen die bestehende Obrigkeit ein- 
geschärft. So hier oben (i Fctr): 3, 13. 17 ll Rom 13, 1—7* l Tim 2, 2, 
Tit 3» K Ist hier, wie somit anzunehmen, auf solches hingedeutet, so ist 
auch leicht zu sehen, weshalb der etwas euphemistische Ausdruck ge- 
wählt ist* Denn an sich bedeutet das Wort freilich nicht homo rebellis, 
nicht einmal tnsidiator, sondern synonym mit KaidcKOTToc nur allgemein: 
explorator, Späher, wie übrigens auch ^ttickottoc selbst gebraucht ist 
schon bei Hom. IL K (X) v. 58; t^ Tiv* ^Taipujv ÖTpuvkic Tpuiecciv ^iri- 
CKOTTOv; willst du einen der Genossen (zu) den Troern als Späher sen- 
den? Aber die Leser des Briefes konnten sicherlich verstehen, was das 
Wort hier bedeute, da für alles ob auch mißgünstige Einmischen in 
fremde Dinge oder gar bloßes Beobachten und Beurteilen der Angelegen- 
heiten anderer, wenn es nur Privatsachen betraf, keine gerichtliche Strafe 
zu fürchten war. Immerhin schien die Unbestimmtheit des Ausdruckes 
gegen den Verdacht zu schützen, als ob der Verfasser annehme, daß 
staatsgefährliche Absichten oder nur Gesinnungen unter den Gläubigen 
gehegt würden. 

Es soll aber nicht verschwiegen werden, daß eine nahezu überein- 
stimmende Auffassung der Stelle sich schon bei Bengel findet, der sich 
so darüber äußert: Tales sunt qui sese in negotia publica aut privata, 
Sacra aut civilia, ad ipsos nil pertinentia» quasi magna prudentia et fide- 
litate et odio mundanae iniquitatis impellerentur, ingerunt. cuius modi 
homines * , facile in ^^passiones'* incurrunt* Man sieht daß B* den Zu- 
sammenhang des Prädikats* ^f\ Tic iracx^TUj mit den Subjekten ujc ktX, 
nicht verkennt, also auch die Gefahr schwerer gerichtlicher Bestrafung 
angedeutet findet;' wenn er nur nicht die negotia privata geglaubt hätte 




* Wie er aiicli noch bemerkt : idqiie imprimis ß«ri potcrat apud ethnicoi lua^stratns. 



274 A. Bischoff, T6 t^Xoc Kupiou. 



mit herbeiziehen zu sollen. So mögen wohl auch andere Ausleger die 
richtige Auffassung vertreten. Meistens scheint jedoch das neugierige 
und übelwollende Beobachten und Besprechen fremder Privatsachen 
immer noch zu sehr hereingedeutet zu werden, wodurch diese Warnung 
mit andern Grundsätzen wie dem von i Kor lO, 24: firfieic tö ^auroO 
lr\Tih\JJ dXXd tö toO ttipou in einigen Widerspruch kommt, wenn solcher 
nicht mehr oder weniger künstlich verwischt wird. — Es ist aber auch 
noch hinzuweisen auf die Fortsetzung im Text, wodurch die obige Er- 
klärung bestätigt wird. Wenn es heißt v. 16: „leidet er aber als Christ, 
so schäme er sich nicht usw.", so sind, da ja irdcxci aus v. 15 zu er- 
gänzen, nicht Nachteile und Anfechtungen im Privatleben, wie sie wohl 
einen Religionswechsel schon damals begleiten mochten, sondern gericht- 
liche Strafen gemeint, wie sie Mörder und Diebe treffen, von denen aber 
auch Bekenner des Christenglaubens selbst unter dem milden Regiment 
eines Trajan nach dessen bekanntem Brief an Plinius (ep. X, 97 (98), 
wenn sie nicht tätige Reue bewiesen (suppUcando diis nostris), bedroht 
waren. Bei solchen Leiden — : ^f| aicx^vdcOuj, wie sonst der bisher un- 
bescholtene Mann es als Schmach empfinden muß, mit den staatlichen 
Strafgesetzen in Konflikt zu kommen, sondern boialiTW t. G. — Endlich 
sei noch die Bemerkung gestattet, daß die soeben geäußerte Vermutung, 
es möchten auch andere zum richtigen Verständnis des Wortes gekommen 
sein, sich schon bestätigt hat, indem der, wie angedeutet, nicht über um- 
fassende Kenntnis der neueren exegetischen Literatur verfügende Verfasser 
leider erst jetzt bei Gunkel (d. Sehr. d. NT.'s neu übers, usw. z. d. St) die 
Anmerkung findet; „Aufrührer, novarumrenimcupidus(Deißmann)." Wenn 
aber diese Auffassung doch nur als „möglich" erwähnt, neben und vor 
dieser aber die gewöhnliche vorgetragen wird (wonach z. B. auf taktlose 
Zudringlichkeit von Wanderpredigem angespielt sei, als wäre auch solches 
Verhalten von gerichtlicher Strafe bedroht gewesen), so wird der vorstehen- 
den Besprechung auch jetzt noch Berechtigung nicht abzusprechen sein. 

Weißenburg i/B. A. Bischoff, 

Tb riXos nvphv. 

Daß der Ausdruck tö t^Xoc Kupiou (Jak 5, 11) vom Lebensende Jesu 
verstanden werden könne, soll nach Zahn (Einl. I % 54) schon deshalb 
unmöglich sein, weil neben 6 KÜpioc, das in demselben Vers zweifellos 
Gott bezeichne, das artikellose KÜpioc am wenigsten auf Jesum sich be- 
ziehen könne. Wo eine Unterscheidung stattfinde, sei umgekehrt KÖpioc 
Gott, 6 KÜpioc Jesus, so Jak 5, 8. 10. 14. 15. Aber schon die beiden letzten 



I 



A* Bise ho ff, T6 rikoc Kupbu. 



275 



Stellen beweisen nicht, was sie sollen. Entweder wird den Kranken 

derselbe gesund machen, aufrichten {iytpd auTÖv ö k,), in dessen Namen 
(Iw ävö^OTi ic) Gebet und Ölsalbung angewendet worden, oder es wird 
der, für den im Namen Jesu gebetet worden, durch Gottes Hilfe ge- 
nesen, nicht aber umgekehrt. Auch oben 1, 1 hieß es: Ö€oO Kai Kupiou 
1, XP' öoöXoc, ohne Artikel, Daß sogar das gleiche Wort in demselben 
Satz verschiedene Subjekte bezeichnen Icann, beweist das bekannte 
Beispiel, wo im Gegensatz zum Gnmdtext, der nicht dasselbe Wort 
wiederholt (Ps HO, i: ''i'THb Hlil^J, die Übersetzung wie absichtlich änig- 
matisch dasselbe Wort in verschiedener Bedeutung gebraucht: ckev 
6 icüpioc Tu> Kupiijj ixoMf Mt 22, 44. Act 2, 54 (allerdings nach LXX). 
Umgekehrt kann man sagen, daß Kupiou dem 'liuß des vorausgehenden 
Satzes entsprechend als nom, propn und deshalb olme Artikel stehe, 
dagegen am Ende des Wortes 6 Kijptoc ab nom, appell, daher mit 
Artikel (gleichsam: ^,der Herrgott*). Es ist jedoch der Gebrauch des 
Artikels in solcher Verbindung überall so schwankend, daß hierauf allein 
ein sicherer Beweis nicht zu gründen ist. Wörtlich heißt nun jedenfalls 
t6 t^Xoc Kupiou das Ende des Herrn (Herrnende, -ausgang), exitus do- 
mini. Hier darf wohl gefragt werden, ob es denn, wenn auch die Worte 
TT]v uTTOjjt. *l, HK, vorausgehen j ohne Gewaltsamkeit möglich, den Aus- 
druck TÖ TeXoc K. zu verstehen in der Bedeutung: das vom Herrn be- 
wirkte Ende — wessen? Hiob's? unmöglich; denn er lebte ja „nach 
diesem" (Hi 42, 16} noch 140 Jahre, ein Zeitraum, der doch nicht ein- 
fach ais in TeXoc inbegriffen zu denken wäre; noch weniger aber kann 
es heißen sollen : das Ende der allerdings soeben genannten^ daher für 
die grammatische Beziehung zunächst liegenden, uTtopovrii seiner Geduld 
(als ob diese den Vielgeprüften doch endlich verlassen hätte! womit sich 
aber der Genetiv KUpiou nicht vertrüge, wenn ii\oc eigentlich das tIXcc 
TfJG uTTO]Liovfjc 'Itiß sein sollte), also; das Ende der Leiden, die seine 
uTTo/iovi] so lange getragen; denn so muß man ja dann erklären: das 
vom Herrn bewirkte Ende der Leiden des Dulders; dies soll mit to t^Aoc 
K. (Herrnende) bezeichnet sein. Eine für den schlichten Leser etwas 
starke Zumutung, mit dem einfachen Ausdrucke „des Herrn Ende (Ans- 
gang)*' einen so verschiedenes enthaltenden Begriff zu verbinden. Aber, 
so wird eingewendet, kann denn der Verfasser seine Leser an Jesu 
Lebensende erinnern wollen? Ohne allen Zweifel; wenn man nur, was 
sich doch von selbst verstehen sollte, dieses Lebensende auf Leiden und 
Sterben des Gekreuzigten beschränkt und nicht auch Auferstehung und 

Himmelfahrt darunter verstehen zu müssen meint, wobei man dann nicht 

i8* 




2/6 A. Bischoff, Tö x^Xoc Kupiou. 



stehen bleiben könnte, ohne auch noch die Erhöhung zu himmlischer 
Herrlichkeit einzuschliefien, so daß freilich von einem rdXoc nicht mehr 
die Rede sein könnte. Ist es also, auch für gläubigen Standpunkt, nicht 
unzulässig, von einem Lebensende des Herrn in diesem Sinn, mit der 
Beschränkung auf Leiden und Sterben, zu sprechen, so ist nur die Frage, 
ob die Leser daran als an etwas, das sie selbst gesehen, erinnert werden 
konnten. Aber Augenzeugen konnten, wenn auch freilich nicht alle, 
welches anzunehmen nicht nötig, so doch manche Leser gewesen sein, 
zumal wenn, wie ja viele wollen, dieser Brief eine der ersten oder gar 
die älteste Schrift des NT. 's ist; im anderen Fall, wenn sie späteren 
Ursprungs ist, paßte solche Voraussetzung trefflich zur Fiktion der Autor- 
schaft Aber, was die Hauptsache, öpclv und löcTv muß ja nicht buch- 
stäblich Augenzeugschaft bedeuten, sondern kann dasselbe sein wie 
unser „erleben", so z.B. 6päv — f\\iipay Soph. O. R. 831, lat diem videre, 
Tac. Ann. I, 8. Jedoch, so hören wir weiter, die gewöhnliche Verbindung 
von uTTOjiovri und t^Xoc mache zweifellos, daß das dem geduldigen Aus- 
harren Hiob's entsprechende segen- und ruhmgekrönte Ende dieser 
Leiden gemeint sei. Aber die zu vergleichenden Stellen (Mt 10, 22. 
24, 13. Jak I, 4) sind anderer Art. Wo vom Beharren bis ans Ende die 
Rede, bedeutet t^Xoc den äußersten, letzten Grad des Leidens, worin die 
Geduld sich bewähren muß, wenn nicht die ganze Prüfung vergeblich 
gewesen sein soll; hier müßte es die Befreiung und herrliche Belohnung 
bedeuten. Denn wenn es heißt: 6 ÖTTO^£ivac üc t. oötoc — , so ist 
offenbar gemeint, daß das ÖTTO|üidv£iv vorausgehen muß und zwar cic 
TeXoc, dann erst tritt ein, was bezeichnet wird mit oötoc cujG. Ebenso 
ist es Jak i, S: f| öxTOjiOvi^ fpTOV rdXeiov ^x^tuj, das im (inojieveiv be- 
stehende JpTOV muß bis zur letzten Bewährung geleistet, muß ein T^Xeiov 
sein, dann erst ist zu erwarten, was v. 12 sagt: ^aKdplOC — öoki^oc — 
XrjjüiifieTai — . Aber freilich das Haupthindernis, das die Annahme der 
einfachsten Erklärung erschwert, ist noch ein anderes, das Bedenken 
nämlich, daß dadurch das Beispiel Jesu demjenigen Hiob's an die Seite 
gestellt werde, Christus und Hiob auf eine Stufe! Jedoch ist dies ja 
nur eine Seite, woraus keineswegs eine allgemeine Gleichstellung ge- 
folgert werden dürfte. Wie? hat doch Christus selbst die Nachfolge, 
also die Befolgung seines Beispiels, in der Kirche imitatio genannt, den 
Seinigen empfohlen, Mt 10, 38. 16, 24 u. Parall., Anweisungen, die in der 
apostolischen 2^it fortgesetzt wurden, wie i Petr 2, 21, wo Christus den 
Knechten vorgestellt wird als ÖTToXijuiTTdvwv {;ttotpci|üi|üiöv, Kva ^iraxoXou- 
9r|C£T€ ToTc txveav auroO. Beides, Hinweis auf Christum und andere 



E 



A, Biscboff, Td t^o<; ict^plou 



^n 



Vorbilder, findet sich verbündeü im Hebräerbrief 12,2.3: fasset uns 
(laufen durch Geduld und) aufsehen auf Jesum, den Anfanger und VoE- 
ender des Glaubens, und 13,7t gedenket an eure Lehrer, ihr Ende 
schauet an und folget ilirem Glauben nach''j worauf sich dann unmittel- 
bar anschließt: , Jesus Christus gestern und heute usw." Wenn nun an 
unserer Stelle bei der Ermahnung zur Geduld nach den Hinweisen auf 
die Propheten und auf Hiob der Gedanke an das höchste aller hiefür 
vorzustellender Vorbilder dem Verfasser sich aufdrängte, kann dies so 
wenig anstößig sein, daß es, wenn es fehlen würde, schmerzlich vernfiißt 
werden niüßte. Außerdem könnte noch erinnert werden, daß der Satz 
iöoü ^QKapIZioMev loOc uno^civaVTac wegen dieses Pluralis mindestens 
zwei Beispiele erwarten läßt. Denn unerträglich künstlich würde es sein, 
da doch gewiß das folgende ttjv iiroM* X iix. einen Beleg zu dem voraus- 
gehenden pcsK, T» iito^. geben soll, dieses eben des Pluralis wegen noch 
auf die vorhergenannten Propheten zurückbeziehen zu sollen. Auf diesen 
Grund würde zwar zu verzichten sein, wenn sich, wie noch zu bemerken, 
eine Änderung der Textesgcstalt empfehlen sollte, während bei Fest- 
haltung des überlieferten Tcxtzusamnienhanges dieses Argument sein 
volles Gewicht behält Eines aber wird man nicht der vertretenen Auf- 
fassung entgegenhalten, daß nämlich eine Erwähnung der dem Hiob 
zuletzt gewordenen Belohnung fehlen würde, da auch bei den Propheten 
eine solche nicht genannt ist, überhaupt nicht zu nennen war, insofern 
der Entschluß, Heroen wie die Propheten und Hiob tum Vorbild zu 
nehmen, abgesehen von jeder zu hoffenden Belohnung an sich schon 
durch den Reiz solchen Vornehmens hinreichend begründet ist. Zudem 
ist in dem einzigen Wort Mct^tapflOjUEV sowie in dem Schlußsatz: hoXucttX, 
€. 6 K. K. oiKT. die Aussicht auf künftige Herrlichkeit genügend an- 
gedeutet, — Bis hierher hatte die Erklärung unserer Stelle keine beson- 
dere Schwierigkeit. Bedenken aber erregt der Schlußsatz und dessen 
Zusammenhang mit dem Vorhergehenden, Auch von jenen ^ die mit 
tIXoc Kup, durchaus nur den gottgewirkten Lebensausgang Hiob's be- 
zeichnet wissen wollen, haben doch manche, unter ihnen Hofmann, dem 
Zahn %\\ folgen geneigt scheint, eingesehen, daß das Verbum eibeit zu 
solchem Objekt nicht paßt, da ja in diesem Fall das zweite (Hiob's 
Ausgang) ebenso wie das erste (sein geduldiges Ausharren) nur durch 
Tradition erfahren, also gehört, nicht gesehen und selbsterlebt heißen 
könne; um jedoch durchaus der einfachsten Erklärung vom Lebensende 
Jesu auszuweichen, fluchtete man zu dem Vorschlag fbere zu lesen mit 
vorausgehender starker Interpunktion: von Hiob's Geduld habt ihr 




2/8 A. Bischoff, Td rikoc Kup(ou. 



gehört und von seinem gottgewirkten Lebensausgang; sehet (imi>er.), daß 
Gott gnädig ist und barmherzig (nötigenfalls auch bei der LA. eibere 
anzuwenden: ihr habt (also daran) gesehen , daß Gott gnädig ist und 
barmherzig). Nur nebenher sei hier bemerkt, daß die Erklärung des rikoc 
K. vom Lebensende Jesu auch mit dieser Konstruktion beibehalten werden 
kann, ja einfacher ist als die andere; wiewohl das cTbere immer dazu 
aufforderte, es auf das näher liegende und selbsterlebte Ereignis zu be- 
ziehen, wie es denn auch zu dem auf die in grauer Vorzeit liegende 
Geschichte bezüglichen i^KOucaic den treffendsten C^egensatz bildet. 
Schwer annehmbar ist aber jene Konstruktion Hofmann's wegen der 
UnWahrscheinlichkeit der Verbindung eines Verbum's mit zwei Objekten, 
in deren Mitte es stände, statt wie gewöhnlich vor oder hinter beiden, 
wo nicht der Grund so auffallender Stellung leicht zu erkennen (anders 
ist das Oeui bouXeueiv Kai Mamutiuv^ schon wegen des Dativs, der keine 
so direkte Beziehung enthält wie der Akkusativ), dann auch wegen der 
Verbindungslosigkeit, womit, ohne jede den Zusammenhang andeutende 
Konjunktion wie — ouv, Öi6, öid toöto, der folgende Satz (mit ibere oder 
eTbere) angeschlossen würde. Zwar finden sich ähnliche asyndetische 
Strukturen auch sonst in Schlußformen, oben (Jak) 2, 22. 24 ßX47T€ic — , dann 
öp&T€, doch geht bcidemale eine andere (die 3.) Person voraus, wodurch 
das Verständnis erleichtert wird, wälirend hier das Töere oder eTÖerc in 
ganz andersartiger Bedeutung und Struktur gebraucht würde als das 
kurz vorhergegangene i^KOucaie, dem es doch entsprechen zu wollen 
schien. Wenn daher diese Konstruktion für das iberc (elÖere) ön ab- 
zulehnen ist, so bleiben mehrere Möglichkeiten. Entweder bringt der 
Satz ÖTi ttoXucttX. — die Begründung zu dem vorangehenden juiaKapiZo- 
fiev, wobei die Zwischensätze: ^KOucaTe— elÖeie als Parenthese aufzufassen 
wären: wir preisen selig die Dulder (wie ihr ja von Hiob's CJeduld ge- 
hört und des Herrn Ende selbst erlebt), denn (oder: weil) der Herr 
gnädig ist und barmherzig. Beispiellos ist solche Verbindung nicht, s. 
Lk II, 18, wo vor dem öti kiftie, („ist denn der Satan mit ihm selbst 
uneins? dieweil ihr saget usw.**) notwendig zu ergänzen ist: eine so un- 
gereimte Meinung scheint ihr zu hegen, oder ähnliches. So wäre hier 
nach den Zwischensätzen aus dem vorhergegangenen jiaKapiZofjiev zu 
ergänzen: ja, selig sind sie gewiß (oder ähnlich), denn — . Ebenso ist 
es Lk 20, 19 mit {irvwcav f&p, womit nicht der Grund angegeben sein 
kann für das eben gesagte dqpoßnGricav töv Xa6v, sondern für das diesem 
vorhergehende ttt^jiricav dmßaXeiv In auTÖv rdc X^ipac. Ähnlich auch 
Rom I, 13, wo der Absichtssatz tva Ttvd Kapiröv cxui nicht abhängen 



I 



Eb. Nestle, Zum neutestamenilicheQ Ciiechlsck 2jg 

kann von dem nächsten IkuiXuOiiv dxpt toO ÖEupo, sondern von dem 
diesem vorhergehenden TipotS^^iiv ^Xötiv npbc ö^dc I^ine zweite Mög- 
liclikeit zur Herstellung des Ztisamnii^nhanges wäre gegeben, wenn man 
£tb€T£ gewissermaßen als doppelt gesetzt nehmen dürfte, so daß es außer 
seinem Akkusativ noch einen Sata mit Ott mm Objekt hätte- des Herrn 
Ende habt ihr gesehen (und somit^ da euch ja seine Erhöhung bekannt, 
auch gesehen) daß Gott usw* Auch solche Verbindung, ob man nun 
dabei von Brachylogie (Breviloquenz) oder von Prägnanz spreche, würde 
kaum beispiellos sein. Etwas ähnlich sind die bekannten Fälle, wo das 
Subjekt des regierten Satzes als Objekt des Hauptsatzes antizipiert wird, 
wie man z. B* statt oibü ön Övtitoc €l\x\ sagen kann: o\ba ^fiauTOV ÖTi 
ev, € , insofern auch hier von demselben Verbum ein Akkusativ und 
noch ein Satz mit 8ti abhängt Endlich wäre noch zu helfen durch 
eine Umstellung der Sätze in dieser Weise: Trjv 6^o^* 'l nKouc K, t. lih 
K. £!b. ibou ^aK(ipi2o|iev xouc OnoMefvavxöc, öti koXucttX. L ö k. k. ojkt- — 
Es wird gestattet sein, hier zunächst nur auf diese drei Wege zur Her- 
stellung des zugestandenermaßen schwierigen Zusammenhanges hinzu- 
weisen, ohne schon einem derselben den Vorzug zu geben, da der Nach- 
weis für die Richtigkeit des einen sowie der notwendig damit zu ver- 
bindende von der Ungangbarkeit der beiden andern für sich langwierige 
grammatische oder stilistische, wohl auch kritische, Untersuchungen erfor- 
dern würde. Wie übrigens das Urteil über diesen letzten Punlct ausfallen 
möge, so wird die Erklärung des teXoc Kup., um die es sich hier zunächst 
gehandelt, genug gesichert sein, um nicht durch jene Entscheidung auf's 
neue in Frage gestellt zu werden. 

Weißenburg i/B. A, BischofL 



Zum neutestamentlicheo Griechisch. 

Gegenwärtig herrscht vielfach das Bestreben, die semitischen Einflüsse 
auf das biblische Griechisch möglichst gering anzuschlagen, am Ende 
ganz abzuleugnen. Wie kann man aber ohne solche d^n Sprachgebrauch 
erklären, der Mt lO, 32 und Lc 12^ 8 vorliegt? Mit Recht bemerkt Zahn 
zur »erstgenannten Stelle: öpoXotetv Ev Tivi hier und Lc 12, S, noch nicht 
in LXX, weil hebn JTJin (welchem 6^oX* . . , , entspricht) , im AT nicht 
mit 2 konstriiiert vorkommt; w^ohl aber das entsprechende jüdisch-aram. 
niK und christlich-syr. n^». 

Auch Blaß (Gr. § 42, 2) bezeichnet die Konstruktion mit Recht als 
einen Syrismus. Wie fremd sie einem Griechen war, zeigt die Tatsache^ 



28o Eb. Nestle, i Kor 13, 3. 



daß Chrysostomus sie vollständig verkennt. Er schreibt zur Matthäus- 
Stelle (hom. 34 in Mt p. 392 E; ed. Field I, 481): 

Kai ck6tt€i Tfjv dKpfßeiav. Ouk ciirev, t}ii, i\\\ ty ^Moi, betKvuc on 
ouK oiK€i(f buvdji€i, dXXd tQ dvwOev ßonOoCjicvoc x<ipi'<^ öfioXoreT ö ö^o- 
XoTwv. TTcpi hk toO dpvou^€Vou ouk emev, iv i\io\, &Kk\ i^ii- JpTijioc 
ydp TCv6^€V0c ttjc buipedc, oötiüc dpveiTau Wie er sich dann freilich das 
folgende öjüioXoTncuj KdTui ^v auTtu zurechtgelegt hat, deutet er nicht an. 
Er sagt später nur: 'EnXeov^KTficac, qp^ci, Tif» irp6T€pöc ^e ö/LioXoTUiV iy- 
raOGa; TTXeoveicTricuj ce KdTÜi, cpncu Tif» jieiZovd coi öoOvai, Kai dqpdruic 
fieiZcva* iK& TÄp c£ öjicXotncuj. 

Im Unterschied von diesem Syrismus ist öjioXoTcTv mit Dativ (Hebr 
13» IS)> gewöhnlicher dHcjuioXoTeTcOai mit Dativ im Sinne von „preisen" 
ein ausgesprochener Hebraismus — 'h »TJin, obwohl das h im AT selbst 
schon aramäische Objektsbezeichnung sein wird. 

Maulbronn. Eb. Nestle. 

I Kor 13, 3. 

Zur Entscheidung der schwierigen und textkritisch nicht unwichtigen 
Frage, ob KauOrjcujfiai oder Kauxrjciu^ai die richtige Lesart sei — für letz- 
teres, das nach Tischendorf von Handschriften nur «AB 17 bezeugen. 
entscheiden sich Westcott-Hort — , hilft vielleicht die Beobachtung, daß 
statt fraglos richtigem KauOrjccvrai in II Reg 23, 7 die 3 Handschriften 71. 
242. 24s KauxncovTai bieten, hier allerdings offenbar durch den Zusammen- 
hang (^v dcxuvri) und etwaige Erinnerung an Phil 3, 19 veranlaßt. Ich 
habe nicht verfolgt, ob noch weitere Belege für diese Verwechslung sich 
finden lassen. Entscheidet man gegen Westcott-Hort, so teilen « AB hier 
einen starken Fehler und schaden dadurch sehr ihrem Ansehen, 

Maulbronn. Eb. Nestle. 

Mitteilung. 

Die erste Serie der von uns herausgegebenen „Studien zur Geschichte der Theo- 
logie und der Kirche" ist in neun Bänden 1898—1903 in der Dieterichscheu Verlags- 
Buchhandlung in Leipzig erschienen. Nachdem dies literarische Unternehmen einige 
Jahre über geruht hat, beabsichtigen wir, uns vielfach ausgesprochenen Wfinschen nach- 
gebend, jetzt mit der Herausgabe einer zweiten Serie zu beginnen, die unter dem Titel 
„Neue Studien zur Geschichte der Theologie und der Kirche" im Verlag von Trowi tisch & 
Sohn in Berlin im Umfang von zwei Bänden jährlich erscheinen soll. Absicht nnd Art 
dieser „Studien" dürfen wir als von der ersten Serie her bekannt voraussetzen. 

Göttingen und Berlin, Mai 1906. N. Bonwetsch. R. Seeberg. 

4. 8. T906 



Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i u. 2. 28 1 



Die chronologischen Notizen und die Hymnen 
in LrC I u. 2. 

Von Friedrich Spitta. 

I. 
Die chronologischen Notizen. 

Die paar kurzen chronologischen Notizen in den beiden ersten Ka- 
piteln des dritten Evangeliums haben eine bis in die Gegenwart hinein 
fühlbare Bedeutung für Kirche und Theologie: auf ihnen beruht ein Teil 
der christlichen Festordnung, mit ihnen hängen eng zusammen die Fragen 
nach Zeit und Ort der Geburt Jesu. Die ganze Fülle der hier vor- 
liegenden Probleme zu berühren, ist nicht meine Absicht. Dagegen liegt 
es mir an, herauszustellen, in welchem Sinne und zu welchem Zwecke 
der Verfasser der lukanischen Kindheitsgeschichte seine chronologischen 
Bemerkungen gemacht hat, da hierüber keineswegs Übereinstimmung bei 
den Auslegern besteht, und da die Differenzen in der Auffassung auch 
für gewisse, eben jetzt lebhaft verhandelte Hauptprobleme der Leben 
Jesu-Forschung nicht ohne Bedeutung sind. 

Die Geschichte von der Ankündigung der Geburt des Johannes be- 
ginnt I, 5 mit dem chronologischen Datum: tfivejo tv raic fiii^patc 
'Hpwöou ßaciXeuiC xflc 'louidac, dem dann erst in 2, if. die zweite An- 
knüpfung der Erzählung an den Verlauf der Weltgeschichte folgt: tfi- 
V€TO bk dv TttTc f||uidpaic dKeivaic dSfjXGev iÖTM« T^cipoL Kdcapoc Autoüctou 
dTTOTpdqpecOai iräcav ti^v oiKOu^4v1^v. auiri dTTOTpctqpfj TTpwTn ^T^vcto fiye- 
^ov€liovTOC TTic CupittC Kupr|viou. In welchem Verhältnis diese beiden 
Notizen zu einander stehen, kann erst herausgestellt werden, wenn die 
zwischen ihnen liegenden chronologischen Andeutungen in dem vom 
Erzähler gemeinten Sinn richtig erkannt sind. 

Nachdem Zacharias von dem Dienst im Tempel in sein Haus zurück- 
gekehrt ist, beginnt die Schwangerschaft der Elisabet; V. 24: fieid hi, 
Tttörac Tdc fm^pac cuvdXaßcv 'EXicdßcT f| fvvi\ aöroO, Kai ircpUKpußcv 

Zeitschr. £ d. neuteit Wim. Jahrg. VII. 1906. 19 



282 Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i u. 2. 

fauTi^v ^fjvac tt^vtc. Was der Verfasser mit der Bemerkung, daß Klisabet 
sich 5 Monate verborgen habe, bezwecken wollte, läßt sich mit Sicher- 
heit nicht bestimmen. Jedenfalls verbarg sie dadurch den Zustand ihrer 
Schwangerschaft vor den Menschen, der also erst im sechsten Monate 
allgemein bekannt werden konnte. Hiermit scheint es zusammenzu- 
hängen, daß die folgende Mariageschichte V. 26 — 56, die Proklamierung 
der Maria als Messiasmutter durch Gabriel und Elisabet, mit der vorher- 
gehenden eng verknüpft wird durch die chronologische Notiz £v b^ Tip 
lir\vi TUJ ?KTiu: Im sechsten Monat der Schwangerschaft der Elisabet, 
da sie ihren gesegneten Zustand der Welt offenbarte und in Folge davon 
die Glückwünsche ihrer Freunde und Verwandten entgegennehmen konnte, 
ereignete sich die Verkündigung des Engels an Maria, die ihr sofort 
beim Besuch der Elisabet zum zweiten Male wunderbar entgegenklang. 
Wenn nun aber V. 24 — 26 vollkommen ausreicht zur Begründung des 
Besuchs der Maria bei Elisabet, dann ist es immerhin merkwürdig, daß 
Gabriel in V. 36 die Schwangerschaft Elisabets der Maria mitteilt, als 
etwas Neues; denn er zieht nicht bloß die wunderbare Tatsache, daß 
Elisabet in ihrem Alter noch schwanger geworden sei, heran als Parallele 
zu dem Wunder, das ihr verheißen ist, sondern berichtet auch, daß sie 
sich bereits im sechsten Monate befinde. So scheint diese Mitteilung 
des Engels das Motiv für den Besuch der Maria bei Elisabet zu wieder- 
holen. Wir werden später sehen, wie V. 36 und 37 in noch anderer 
Beziehung Bedenken erregen. — Bei Elisabet bleibt Maria nach V. 56 
gegen drei Monate, d. h. bis gegen die Geburt des Johannes. Die Ge- 
burt Jesu, des Kindes der Maria, wird dann C. 2 berichtet, ohne Angabe 
des bis dahin sich erstreckenden Zeitraumes. Die Erklärer aber bis zu 
den neuesten urteilen, die drei Monate des Aufenthaltes der Maria bei 
Elisabet bezeichneten das erste Drittel ihrer Schwangerschaft. Mithin 
lägen zwischen der Geburt des Täufers und Jesu nach Ansicht des Er- 
zählers 6 Monate. Auf dieser Berechnung beruht die Distanz zwischen 
dem Weihnachtsfeste (25. Dezember) und dem Johannistage (24. Juni). 

Ob wir damit wirklich den Sinn unsrer Erzählung richtig verstanden 
haben? Die Antwort darauf hängt zunächst ab von der Deutung der 
Szene im Hause der Elisabet Noch J. Weiß bemerkt dazu: „Am 
wunderbarsten ist, daß nicht nur Elisabet die Mutter des Messias er- 
kennt, sondern daß das Kind im Mutterleibe die Nähe seines Herrn 
fühlt und in frohlockende Erregung gerät." Auf den Wortlaut der Er- 
zählung gründet sich diese Erklärung gewiß nicht; denn von der Gegen- 
wart des noch ungeborenen Messias ist nirgends eine Andeutung zu 



Fr. Spitta, Die cbronologischeo Notkeo imd die Hy innen b Lc l u. 2. 283 



p 




finden. V, 41 heißt es, als Elisabet den Gruß der eintretenden Maria 
vernommen, habe das Kind in ihrem Leibe gehüpft (IcictpTricev tö ßpl^oc 
^v Tfj KOiki^ auTflc}. Diese Begebenheit wird in V. 44 genau so von 
EEsabet wiederholt: ibou Top djc ^T^vtro t] cpuüVT] toö dcrracMou cou €ic 
id thia ^ou, kKipTTicev ^v dta^Xidcei tö ßp^cpoc iv t^ KotXit? juou. Daß 
dieses Hüpfen des Kindes ein Gruli für den anwesenden Messias gewesen 
sei, findet sich noch nicht einmal im Protevangeliuni Jacobi C 12, wo 
der vorliegende Text folgende charakterisHsche Ausführung erhalt; ibob 
tdp TÖ iv i\ioi ßp^qpoc ^CKipTiice Kai ^i\6rr\cl ce 

Dagegen scheint die abgewiesene Ansicht einen Halt zu haben an 
V. 42: £i&XoiniM^vr| cü iv Tuvai0v, Kai eOXoTTiM^voc ö Kapnöc xfic KatXlac 
cou. Diese Worte scheinen vorauszusetzen, daß die Frucht des Leibes 
der Maria schon vorhanden gewesen sei. Das ist nun schon an sich 
unrichtig. Der Segen, mag er in der Form des Wunsches oder, wie 
offenbar hier, in der Form der Anerkennung des tatsächlich Vorhandenen 
ausgesprochen werden, kann sich ebenso wie auf das Gegenwärtige auch 
auf das Zukünftige beziehen. Deut 28, i ff. wird Israel verkündigt, wenn 
es der Stimme seines Gottes gehorche, würden an ihm sich die folgen- 
den Segnungen verwirklichen: eiiXoTnM^voc cu 4v iroXei, Kai €uXoTtijulvoc 
eil iy dtpil» ^ €uXotTi|ii£va td tKTöva rnc KOiXiac cov, Kai Td Y^vfi- 
paia TTic KTJc cou, xd ßouKÖXm tu>v ßoüuv cou Kai id Ttoijuvia tujv Trpo- 
ßdiojv cou. Hier haben wir die genaue Parallele zu unsrer Stelle. Daß 
die gesegneten Leibesfrüchte, Feldfrüchte usw. in der Zeit des Aus- 
spruchs des Segens noch nicht vorhanden waren, versteht sich von selbst 
Aber das gilt auch von der Situation, in der Elisabet das Segens wort 
ausgesprochen hat. Wie schwer vollziehbar wäre die Vorstellung von 
einer bereits vorhandenen Leibesfrucht der Maria, da ihr erst unmittelbar 
vor dem Besuch bei Elisabet V. 31 verkündigt worden war: cuXXriM^nj 
iv Tctcxpi, ohne daß von einer Empfängnis die Rede gewesen, sodaß also 
bei Maria keinesfalls eine durch ihre Bewegungen sich kundmachende 
Leibesfrucht, kein eigentiicher KapTTÖc rfic KOtXiac vorhanden gewesen 
sein könnte, sondern nur der allererste Keim des werdenden Menschen. 
Wenn Elisabet die Leibesfrucht der Maria ab gesegnet bezeichnet, so 
denkt sie dabei selbstverständlich an den von ihr zu gebärenden Messias. 
Dafür bleibt es sich völlig gleich, ob dieser durch göttlichen Beschluß 
der Maria als Sohn zugesprochen worden ist, oder ob bereits der erste 
zarte Anfang seines Lebens im Mutterschoß der Maria schlummert. 
Wenn Elisabet in V. 43 Maria bezeichnet als f] ^f\rr\p xou Kuplou gou, 
so ist der Ausdruck unter allen Umständen proleptisch zu verstehen und 

19* 



284 Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i u. 2. 

vergleicht sich dem, dafi Adam nach Gen 3,20 sein Weib Eva nennt, 
was der Erzähler deutet als „Mutter aller Lebendigen", oder daß Rom 
4, 17 die Stelle Gen 17, $ so zitiert wird: Trar^pa TroXXuiv idvüifv T^Oeixä 
ce (sc. 'Aßpad^). Die Bezeichnung als Messiasmutter hat den Sinn, dafi 
die Maria nach Gottes Rat den Messias gebären wird, nicht aber, daß 
sie soeben in den Zustand der solcher Geburt vorausgehenden Schwanger- 
schaft eingetreten ist Wenn die Anrede der Elisabet an Maria nur eine 
Wiederholung der gleichen Worte im Engelgruß V. 28 ist,* so sind diese 
dort, wo die Schwangerschaft ausdrücklich als etwas Zukünftiges hin- 
gestellt wird (V. 31: iboi) cuXXii|ii|;i] dv Tacrpi), doch zweifellos gebraucht 
mit Rücksicht auf das, was der göttliche Wille für Marias Zukunft be- 
stimmt hatte. Damit ist angegeben, in welchem Sinne V. 42 f. aufzu- 
fassen ist. Daß Maria vom Schriftsteller damals bereits als schwanger 
vorgestellt worden sei, ist also aus diesen Worten keinesfalls zu ge- 
winnen. 

Dagegen sprechen nun auch weitere Züge. Davon, daß Elisabet 
die Erfüllung der ihr gewordenen Verheißung zu erleben begann, berichtet 
ausdrücklich i, 24: jierd öfe raurac rdc ^|ui^pac cuv^Xaßev *EXicd߀T f\ jvvfi 
aÖToO. Eine ähnliche Wendung in bezug auf Maria würde man vor 
V. 39 erwarten, wenn sie während ihres Besuches bei Elisabet bereits 
als schwanger vorgestellt sein sollte. Mehr noch: unter jener Voraus- 
setzung ist es völlig unerklärlich, wie der Erzähler dazu gekommen sein 
sollte, 2, 5 noch einmal die Schwangerschaft der Maria zu berichten: 
ciiv Mapidjüi rf) f^vaiKi auTOÖ, oöcij ^ri^uqj. War Maria bereits i, 39 fr. 
als schwanger vorgestellt worden, so genügte vollkommen die i, 57 
(rij bfe 'EXicdßcT d7rXr|c9»i 6 xpövoc toO tckcTv aör/jv) entsprechende Be- 
merkung 2, 6: dT^vcTO bk iv Tifi eivai auroöc dKCi ^7rXr|c9r|cav a! fm^pai 
ToO TCKÖv aurriv. Hält es der Erzähler aber für nötig, vor diesem Satze 
noch zu bemerken, Maria sei schwanger gewesen, so kann er nicht der 
Meinung gewesen sein, seine Leser müßten seine Erzählung 1,39fr. so 
verstanden haben, daß Maria damals bereits gesegneten Leibes gewesen. 

Dagegen spricht endlich, daß, während i, 24 von der Elisabet be- 
richtet worden ist, sie habe sich nach ihrem Schwangerwerden 5 Monate 
lang in der Verborgenheit ihres Hauses gehalten, Maria unmittelbar nach 



X Genügender Grund dafiir, in V. 28 die Worte cOXoTim^vii cO ^v twaiHCv als aus 
V. 42 herübergenommen zu streichen, ist nicht vorhanden. Zu der überwiegenden äußeren 
Bezeugung kommt, daß die Antwort der Maria in V. 29 besser motiviert ist bei Bei- 
behaltung jener. Worte. Eine Streichung konnte aus der Erwägung stammen, daß die 
Bezeichnung Marias als lüv/) erst nach ihrer EmpHuignis am Platze sei. 




Fr, Spitta, Die chrotipiogischen Noüzep und die Hymnen io Lc i u. a. 285 

ihrer Empfängnis ihr Haus veriassen und 3 Monate in der Fremde zu- 
gebracht haben sollte. Man sagt wohl, sie habe das Bedürfnis gefühlt^ 
von der ihr gewordenen Botschaft der Elisabet Mitteilung zu machen* 
Allein davon steht nicht die leiseste Andeutung im Texte; das Motiv 
dafür findet sich vielmehr, wie oben bereits bemerkt ist, in i, 24 — 26 an- 
gedeutet. Aber eben dieses macht es ganz unwahrscheinlich, daü sich 
Maria in demselben Zustande befunden habe wie Elisabet. Auch hier 
hat die weiterbildende Sage im Protevangelium Jacobi C 12 offenbar 
unter dem Einfluß ähnlicher Empfindungen auch von Maria ein solches 
Sichverbergen ausgesagt, es aber erst auf den Besuch bei Elisabet folgen 
lassen: ^trofncc hk xpiTc |ufjvac trpöc Ti*iv ^EXicdßeT, ical dirfiXöev de töv 
oiKov aÖTflc. fiju^pa hi ical f^plpa f] xotcTTip aörf^c übTKOuro, küi ?Kpußev 
taurriv dnö xiüv uiüjv Mcpa^iX. 

Der eigentliche Grund, weshalb man annimmt, daß Maria im Hause 
der Elisabet als schwanger erschienen sei, liegt nicht in dem Wortlaut 
der Erzählung vom Besuche der Maria, sondern in der vorangehenden 
Geschichte von der Botschaft Gabriels an Maria. Hier lieißt es V, 34 C, 
daß die Jungfrau durch Wirkung heiligen Geistes schwanger werden 
sollte, und diesen Akl hat die alte Exegese durch das Wort des Engels 
bewirkt sein lassen, während andere an den Moment dachten, wo Maria 
sich bereit erklärt hatte, an sich den Willen Gottes geschehen zu lassen, 
V> 38, Ein irgendwie durchschlagender Grund, die Wirkung des heiligen 
Geistes nicht später eintreten zu lassen, ist nicht zu erkennen. Aber 
wichtiger noch ist, daß für alle diese Reflexionen die Voraussetzung 
fehlt, sofern die vom Herausgeber des 3, Evangeliums vorgefundene Ge- 
burt sgeschichte Jesu überhaupt nichts von einer Jungfraugeburt ge- 
wütet hat 

Es wird nöüg sein, den Beweis für diese Behauptung noch einmal 
mit aller Deutlichkeit zu erbringen, um die Resultate der chronologischen 
Betrachtungen völlig sicher zu stellen. 

Zunächst ist klar, daß die Botschaft Gabriels an Maria V. 30 — 33 
nichts von jungfräulicher Geburt weiß, sondern sie geradezu ausschließt 
Man vergleiche: iboi) c\j\kx\\x^>ri tv Tctcrpi Kai xiEvi ut6v, Kai KaXIceic tö 
övopa auTou 'Ir|co0v. oötoc Iciai ixiyac Koti ulöc xoö ui|;iCTOu KXfiöriGeTai, 
Köi öüucei auTUj KÜptoc 6 Ö€Oc töv Opovov Aaueiö toö Traipöc atuToO, Kai 
ßaciXeuca Itti tov oIkov 'laKiijß ttc touc aiOüvac, koI iflc ßaciX€iac aütoö 
oÜK Icrai xiKoc Nachdem zuvor V. 27 berichtet worden war, Maria sei 
verlobt gewesen dvbpi \h dvojaa 'Iwcrjcp, iE oTkou Aaueii>, ist doch die 
Rede des Engels nicht anders zu verstehen, als daß Maria durch Joseph 



286 Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i. u 2. 

schwanger werden solle, zumal durch ihn, den Davididen, Maria3 Sohn 
den David als seinen irarfip bezeichnen konnte. An der Tatsache läßt 
sich nicht rütteln, daß von der Maria Geschlecht in unsem Erzählungen 
nie die Rede ist, während Josephs Davidssohnschaft nicht bloß i, 27, 
sondern auch 2, 4 ausdrücklich und geflissentlich hervorgehoben wird. 
Ebenso geflissentlich wird aber auch die Davidssohnschaft Jesus als des 
Messias hervorgehoben: i, 32. 69. 2, 11. Unter diesen Umständen ist 
das Schweigen über die Herkunft der Maria ein argumentum e silentio 
gegen die jungfräuliche Geburt von stärkster Art Daß uiöc öi|iiCT0u 
KX?i9ric6Tai V. 32 nicht dafür spricht, weiß jeder Leser von Psalm 2, 7. 
Aber auch die Anspielung an Jes 7, 14 (ibob f\ irapG^voc ^v Tocxpi Xn|H- 
ipexai Kd T^£€Tai ul6v, Kai xaX^ceic tö övo|uia aöioO *E|ui|uiavourjX) in V. 31 : 
iöoü cuXXrimpij Iv racTpi Kai rilr] ul6v, Kai KaXketc övo|uia auroO 'lr|coöv, 
hat nicht den Sinn eines wirklichen Zitates. Vor allem aber ist es un- 
berechtigt, dieser Stelle denselben Sinn zu geben, der ihr in Mt i, 22 f. 
aufgezwungen ist Daß die Anschauung von der jungfräulichen Geburt 
nicht in Jes 7, 14 ihren Ursprung hat, sondern in diese Stelle erst hinein- 
gedeutet ist von der auf heidenchristlichem Boden gewachsenen Vor- 
stellung aus, hat uns Usener doch wohl ein für allemale klar gemacht. 
Weder der Grundtext, der überhaupt nur von einer jungen Frau redet 
(npSg), noch die Exegese der Synagoge weiß in Jes 7, 14 etwas von 
einer Jungfraugeburt. Mithin kann die Anspielung an diese Stelle in 
einem Zusammenhange, der geradezu jener Vorstellung widerspricht, sie 
nicht sicher stellen. 

Nun ist aber davon ausdrücklich die Rede in i, 35: Kai äiroxpiOeic 
6 äTfeXoc eiirev aÖTf|- irveOiuia fiinov ^TreXeöceiai im ce, Kai öuvajuuc öi|iictou 
dmcKidcei coi- bxb Kai tö T^vvuiimevov äifiov KXnOncerai uiöc eeoO. Hinge 
nicht unsere Frage so eng mit dogmatischen Interessen zusammen, man 
wäre sich wohl längst über i, 34 — 37 einig geworden. Daß durch diese 
Verse auf das zarte Bild der Geschichte von der Botschaft Gabriels an 
Maria, rein ästhetisch betrachtet, ein entstellender Flecken gekommen 
ist, werden die meisten schlichten Bibelleser instinktiv empfinden. Daß 
die Maria, die V. 38 so demütig und keusch antwortet: ibov f\ bovXt] 
Kup(ou, T^voiTÖ ^01 Kard tö {>f]\i& cou, sich an der Himmelsbotschaft nicht 
still habe genügen lassen, sondern dem Gabriel Anlaß gegeben, sich 
über den Vorgang einer Zeugung ohne Manneszutun zu verbreiten und 
den wunderbaren Vorgang durch Berufung auf die Schwangerschaft 
des erstorbenen Leibes der Elisabet plausibel zu machen, das bringt 
einen störenden Zug in die Erzählung. Die Einrede der Maria i, 34: 



H Fr. Spitta, Die cbrcmologisdien Notizen und die Hymnen in Lc i u, 2, 2 8/ 

■ TTdic IcTöi TOÖTO, iTTci (Svbpa oö Tivtl^CKUü, entspricht ganz deijenigen des 
H Zacharias i, rS: Kaid ti xvujco^m toüto; t^\b ^dp dya TrptcßuTnc Kai f\ 

■ TUVfj ^ou npoP€ßr|Kma iv xaTc ^^epaic auTfjc Aber während dieser i, 20 
B eine Strafrede wegen seines Unglaubens erhält (Kai iboh Icr) ciuittuiv kqx 
H \xf\ buvüM€voc XaXncai äxpi f|C ^lilpac ttvniai jaOia, dve' \hv oök dmcicu- 
B cac TOic XÖToic fiouj onivec TiXripujöricovTai eic töv Kaipov aÜTüüv), so wird^ 
I Maria 1,45 wegen ihres Glaubens selig gepriesen: Koti paxapia f] mcTetJ- 
H caca ÖTi Icrm icXettücic toIc XcXaXq^lvoic auir) irapa Kupiou. Es ist 
H schwer, einzusehen, inwiefern Maria, w^as gläubige Annahme der Engel- 
I botschaft betrifil, bei dem traditionellen Texte etwas vor Zacharias voraus- 

■ gehabt haben sollte. Der offenbar von dem Erzähler gewollte Gegen- 
i satz zwischen dem skeptischen Zacharias und der demütig glaubenden 

Maria, kommt nur heraus, wenn die Einrede der Jungfrau i, 34 und die 
ihr antwortende Engelrede i, 35^^37 späterer Zusati sind. Dieses Urteil 
ist gänzlich unabhängig von der Stellung zur Frage nach der Jungfrau- 
geburt. Von hier aus wird auch der Text des Cod b verständlich, in 
dem Merx die älteste Form der Erzählung sehen möchte. Dort fallt 
der skeptische Einwand der Maria ganz fort; es schlieft sich an die 
erste Engelrede unmittelbar die Antwort von V* 3S an, und dann erst 
folgt, durch kein anderes Wort der Jungfrau veranlaßt, die Darlegung 
des Engels in V. 35 — S?- ^s ist merkwürdig, daß eine solche Tatsache 
auf unsere moderne Exegese so wenig Einfluß ausgeübt hat 

Der skeptische Einwand der Maria i, 34 unterliegt aber noch weiteren 
Bedenken r Die Begründung der Frage iru^c leim touto durch inei ävbpa 
oü tivuiCKUJ entspricht weder der Engelbotschaft noch dem, was i, 27 
der Erzähler über Maria und ihr Verhalbiis zu Josef berichtet hat. Der 
Zweifel an der Möglichkeit, daß Maria die Mutter des großen Königs 
der messianischen Endzeit werde, erklärt sich doch daraus, daß Maria 
und Josef aus kleinen Verhältnissen und keine Glieder einer regierenden 
Familie waren, nicht aber daraus, daß Maria keinen Mann erkennt. 
Diese Tatsache kann nur den Übergang bilden sollen zu dem Bericht, 
daß Maria ohne Manneszutun aus Wirken des heiligen Geistes einen 
Sohn gebären werde. Daß Maria keinen Mann erkennt, reimt sich nun 
aber nicht damit, daß der Erzähler i, 27 sie bezeichnet hatte als napOI- 
vov i^vricTfeUM^VTiv dvbpi i|; ovofia 'luicriq), es müßte denn mit diesen 
Worten ausgedrückt sein sollen, daß die Jungfrau Maria dem frommen 
Greise Josef übergeben worden sei, damit er ihre Jungfrauschaft bewahre. 
Das präsentische „da ich einen Mann nicht erkenne'*, kann nichts anderes 
bedeuten, als was die katholische Exegese darin findet, daß Maria über- 




288 Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i o. 2. 

haupt sich des geschlechtlichen Verkehres enthalte ; denn nur von diesem 
Gedanken, nicht von dem, daß Maria sich bis jetzt vom Umgange mit 
einem Manne frei gehalten hat, ergibt sich der Schluß, daß die in einer 
nicht näher bestimmten Zukunft erwartete Geburt eines Kindes von ihr 
etwas Unbegreifliches sei. Der Gedanke an eine ewige Jungfrauschalt 
der Maria ist aber ebensowenig vereinbar mit i, 27, wo sie als dem Josef 
zur Ehe verlobt bezeichnet wird, als mit 2, 5, wo sie nach dem ältesten 
Texte geradezu als Josefs yvvri auftritt.* 

Die Richtigkeit dieser Erwägungen wird durch die apokryphischen 
Evangelien bestätigt, in denen der Frage der Maria eine charakteristisch 
verschiedene Engelrede vorausgeht So heißt es im Protevangelium 
Jacobi C. II: Mi^ 9oßoö, Mapidp, eöpec yäip x^9^^ dviiimov toO OeoO, Kai 
cuXXfjqiri ^k X6tou auTOÖ, und Maria antwortet fragend: ei £t^ cuXXti- 
ipojüiai diTÖ 0€oO CÄVTOC, Kttl Ytvvrjcuj, ibc Tiäca Y^vi^ T^w^j Die ganze 
Weissagung vom Messias ist geschwunden, und das Interesse fiir die 
Jungfraugeburt bestimmt alles. Noch instruktiver ist die entsprechende 
Partie aus dem Evangelium de nativitate s. Mariae, C. 9: Ne timeas, in- 
quit, Maria, quasi aliquid contrarium tuae castitati hac salutatione prae- 
texam. Invenisti enim gratiam apud dominum, quia castitatem elegisti. 
Ideoque virgo sine peccato concipies et paries filium. Hie erit mag- 
nus, quia dominabitur a mari usque ad mare, et a flumine usque ad 
terminos orbis terrae. Et filius altissimi vocabitur, quia qui in terris 
nascitur humilis, in coelo regnat sublimis. Et dabit illi dominus deus 
sedem David patris eius, et regnabit in domo lacob in aetemum, et 
regni eius non erit finis. Ipse quippe rex regum et dominus dominan- 
tium est, et thronus eius in saeculum saeculi. His angeli verbis virgo 
non incredula, se modum scire volens respondit: quomodo istud fieri 
potest? Nam cum ipsa virum juxta votum meum numquam cognosco, 
quomodo sine virilis seminis incremento parere possum. Der messianische 
Teil der Engelrede (Lc i, 30 — 33) ist nicht gefallen; aber ihm gehen 
die Ausführungen über die jungfräuliche Geburt voran, an die dann 
Maria in ihrer Antwort direkt anknüpft in einer Weise, bei der von dem 
keuschen Zauber der Situation in Lc i, 38 nicht das Geringste erhalten 
ist Von dem Unterschied der Stimmung in dem biblischen und dem 
apokryphischen Berichte erhält man einen charakteristischen Eindruck 
bei dem Vergleich der Worte Lc i, 38: emev bk Mapidji- iöoü f\ bov\r\ 



X VgL A. Merx, Die EvaDgelien des Markus und Lukas nach der syrischen im 
Sinaikloster gefundenen Palimpsesthandschrift erläutert S. 189 f. 



Fr. Spitta, Die ctironobgischeii Notken und die Hymnen in Lc l u. 2. 289 




KupEou, mit; tunc Mana manibus expansis et oculis ad coclum levatis 

dixit: ecce ancilla domini; nequc en im dorn inae nomine digna s um. Das 
ävhpa ou tivujcKui wird vom Gelübde ewiger Keuschheit verstanden, und 
eben darauf beruht die Befähigung der Maria zur Empfängnis aus 
heiligem Geist Interessant ist, wie der Verfasser beflissen ist, von der 
Frage der Maria den Schein des Unglaubens abzuwehren; ein deutlicher 
Beweis für das gute Recht unserer oben angestellten Beurteilung von 
I, 34 in Verhältnis zu r, 18, Hier hat man den konsequenten Versuch, 
die in Lc i unorganisch nebeneinander stehenden Züge zu einem ein- 
hdtÜchen Berichte zu verarbeiten. Dasselbe erkennt man an der Form, 
in der Justin M. in apol. i, 33 die Anrede des Engels an Maria repro- 
duziert; ihoi} cuXKrmjT) ^v TQtcTpi Ik TrveujiaTOC dtiou Kai liEi} ulöv, itai 
uiöc uqjicTou KXr|0riC€Tai, Kai KaXectic tö övo^ia auTou *tncoüv. 

Auf Grund dieser Ausführungen kann man Lc i, 34 f. nur beurteilen 
als einen Zusatz des Herausgebers des Evangeliums auf Grund von 
Berichten über die Geburt Jesu, die, wie der in Mt i, 18—25, auf der 
Annahme von der Empfängnis Marias durch heiligen Geist beruhen. Es 
fragt sich nur, ob nicht auch V. 36 f. zu diesem Zusatz gehört Ich 
glaube, daß es sich so verhält. Denn es handelt sich auch dort um 
einen Fall wunderbarer Geburt, durch den der Maria das ihr geweis- 
sagte Wunder der jungfräulichen Geburt plausibel gemacht werden soll. 
Für das Maria in V, 30 — 33 in Aussicht gestellte Geschick, Mutter des 
Messias zu werden, war der Hinweis darauf, daü Elisabet noch in ihrem 
Alter von dem alten Zacharias schwanger geworden sei, ohne Bedeutung, 
Etwas anders wäre es gewesen, wenn ihr verkündigt worden wäre, das 
Kind^ das Elisabet unter ihrem Herzen trage, sei seinem Vater durch 
Engelsbotschaft mit den Worten charakterisiert worden: npoeXtucetai 
dvannov auToO (toO KUpioir) Iv irvtü^AaTi Kai 6uvdM€i 'HXeia, ^wiCTpii^ai 
Küpbiac rrax^puiv im riKva Kai dntiötic iv qjpovTicei biKaiwv, ^toi^dcm 
Küpiiij Xaöv KaiccKeuacjuievov. Daraus hätte sich mindestens ergeben, 
daß Gott jetzt mit der Sendung des Messias Ernst mache, sodaß man 
allen Grund habe, die Davidssöhne darauf anzusehen, wer von ihnen 
Messias zu werden verspreche- Da Reflexionen solcher Art in i, 36 f. 
nicht vorliegen, und da diese Verse vorzüglich xur Eriäuterung von 
I, 34 f. dienen, so wird man den ganzen Abschnitt i, 34 — 37 als späteren 
Zusatz von der Hand des Herausgebers des Evangeliums anzusehen 
haben. 

Gehört nun aber die ganze Ausführung über die jungfräuliche Geburt 
nicht der Originalschrift an, sondern ist ein Zusatz, wie das liic ivo^K£TO 



290 Fr. Spitta, IMe chronologischen Xodzen und die Hymnen in Lc i o. 3. 

Lc 3, 23 in der lukaniscben Genealogie Jesu, so bleibt nicht der g^eringste 
Anhalt dafür bestehen, dafi der Eizähler der Meinung gewesen, die 
Empfängnis der Maria falle vor ihren Besuch bei ElisabeL Von allem 
zuvor namhaft Gemachten al^esehen, ist es bei dem Weibe des Josef 
ohne weiteres ausgeschlossen, daß sie die drei ersten Monate ihrer Ehe 
bei Ellisabet zugebracht habe, und daß sie dann zurückgekehrt sei eic 
TÖv oiKOV auTilc; I, 56. Wenn es 1,40 von der Maria hieß: eicnXBcv 
€(c TÖv oiKOv Zaxaptou Koi fjordcorro ttjv 'EXicä߀T, so konnte sie als 
Weib des Joseph nicht zurückkehren etc töv oIkov auTf)C, sondern nur 

Cic TÖV OtKOV TOO 'IUICT)9. 

Das Resultat unsrer Untersuchung ist also dieses, daß sich aus den 
chronologischen Daten für die Schwangerschaft der Elisabet, i, 24. 26. 
56 überhaupt kein Schluß gewinnen läßt (ilr die Zeit der Schwanger- 
schaft der Maria und der Geburt Jesu. Die Behauptung, nach der An- 
sicht des Verfassers der Kindheitsgeschichte falle die Geburt Jesu gerade 
ein halbes Jahr später als die des Johannes, ist unhaltbar. Allemünde- 
stens beträgt der Zwischenraum neun Monate. Aber in C. i liegt kein 
Grund vor, nicht noch über diesen 2^traum hinauszugehen« Ks wird sich 
fragen, ob sich nicht aus C. 2 andere chronologische Anhaltspunkte 
ergeben. 



Die Geschichte von der Geburt Jesu beginnt 2, i mit dem chrono- 
logischen Datum: ^T^veTO bk iy rate f||i£patc ^Keivcuc ££f)X8ev ÖÖTHa iropä 
Kcucapoc Auxoucrou diroTPii9ec6(n irdcav Tf|v o{kou)i£vt)v. Uns inter- 
essiert daran zunächst das Verhältnis zu den chronologischen Daten im 
ersten Kapitel Es wird zu diesem in Beziehung gesetzt durch die Worte 
iliv€TO ^v xaic f)|Lidpaic ^xetvaic Die Wendung ist eine sehr allgemeine; 
immerhin wird man sich zu fragen haben, woran der Erzähler bei ,Jenen 
Tagen'' gedacht hat Meistens nimmt man an, er knüpfe mit 2, l wieder 
an I, 5 an: dr^vcTO iy rate ^^^poic 'Hpiiiöcu ßaciXdwc tt^c 'loubatac Allein 
das müßte doch irgendwie angedeutet sein. Wenn der Erzähler „jene 
Tage" näher kennzeichnet durch das vom Kaiser Augustus ausgegangene 
Besteuerungsgebot, so haben wir keinen Anlaß anzunehmen, er habe 
— wenn er nicht ausdrücklich das Gegenteil behaupte — diese Zeit 
als die des Herodes angesehen. Richtiger ist es, wenn man sagt, 
der Erzähler weise mit Iv raic r]}iipaxc dK€tvmc zurück auf die vorher* 
gehende Erzählung. Allein diese spielt sich nicht in einem eng begrenzten 
Zeitraum ab. Freilich, wenn die drei letzten Monate der Schwanger- 




Fr* Spltta, Die chronologbcbeQ Notizen imd die Hyiniien in Lc i \i. 2. 29 1 

Schaft der Ellsabet mit den drei ersten der Maria zusammenralleii, so 
ist zwischen dem durch die chronologische Notiz i, 5 festgesetzten Zeit- 
punlct und dem Ausgang des Ediktes des Augustus, das für Joseph und 
Maria der Anlaß zur Reise nach Bethlehem wurde, etwa der Zeitraum 
von einem Jahre anzunehmen* Anders steht die Sache, wenn in C I 
von dem Beginn der Schwangerschaft der Maria, ja, von dem Vollzug 
ihrer Heirat mit Joseph noch garnicht die Rede gewesen ist. Da kann 
sich der Zeitraum, über den m i, 5—80 bericlitet worden ist, über 
Jahre erstrecken* Und tatsächlich tut er das, auch abgesehen von den 
eben gemachten Bemerkungen, Nicht mit dem Berichte von der Be- 
schneidung des Johannes und den bei dieser Gelegenheit stattgehabten 
Ereignissen schließt das Kapitel, sondern mit der Entwickelung des 
Kindes und seinem Aufenthalte in der Wüste j V, 80 : tö hk naibiov 
TjuEaviv Ktti iKpaTOtioüto nveu^axi. Kai f\v iv raic 4pfi|ioic ?üjc fjM^pac 
dvabei£€UJC aÖTou Tipöc töv 'IcpariX, Diese Zeit kann bei Feststellujig 
des Sinnes von ^v xaTc fj^lpmc ^Kitvaic umsoweniger außer Anschlag 
gebracht werden, als sie unmittelbar vor 2, i genannt wird, der Erzähler 
an sie also gerade zuerst gedacht haben muß* 

Daraus würde sich dann zuerst ergeben^ daß der aus C, i heraus- 
gelesene Altersunterschied von einem halben Jahre zwisciien Johannes 
und Jesus eine Ulusion war* Wie weit die i , 80 beschriebene Entwicke- 
lung des Kindes Johannes fortgeschritten war, als Jesus geboren wurde, 
läßt sich aus der allgemeinen Darstellung nicht entnehmen* Jedenfalls 
reimt sich die Annahme eines größeren Altersabstandes Jesu von dem 
Täufer ausgezeichnet mit der Darstellung in den folgenden Kapiteln, in 
denen Johannes Jesus gegenüber als der ältere Mann erscheint. 

Wichtiger noch ist der Schluß, daß unter diesen Umständen schlechter- 
dings kein Grund vorliegt zur Annahme, der Erzähler habe für die 
chronologische Notiz 2, i noch eine Nachwirkung derjenigen von l, S 
angenommen. Im Gegenteil, wie die Anknüpfung an die Ereignisse der 
Weltgeschichte in 3, 2 ohne weiteres einen neuen Abschnitt einleitet, 
so auch das gleiche Vorgehen in 2, i, ohne daß ausdrücklich hatte ge- 
sagt werden müssen, Herodes sei einige Zeit nach der Geburt des 
Johannes gestorben ^ und der römische Kaiser bestimme Jetzt über das 
jüdische Land* Der Name Augustus tritt an die Stelle des Namens 
Herodes. Das ist doch deutlich und für die Zwecke des Erzählers auch 
ausriihrlich genug geredet. Es würde nicht so leicht jemand an dem 
Gedanken gehalten haben, der Verfasser von Lc 2 sei der Ansicht, die 
von ihm berichteten Erzählungen hätten sich unter der Regierung des 



292 Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i. u. 2. 

Hcrodes ereignet, wenn nicht die Vorgeschichte des i. Evangeliums 
ganz und ausschließlich unter dem Gesichtspunkt des Beding^eins durch 
Herodes entworfen wäre. 

Daß eine Harmonistik um jeden Preis sich nicht dazu versteht, die 
Ansicht des Verfassers von Mt 2 über die Geburt Jesu zur Zeit des 
Königs- Herodes bei dem lukanischen Bericht fallen zu lassen, ist begreif- 
lich. Daß aber die Vertreter rein historischer Kritik denselben Stand- 
punkt festhalten, ist mir unverständlich. Wie grundverschieden die 
beiden Vorgeschichten sind, hat sich bereits bei der Frage nach der 
jungfräulichen Geburt herausgestellt. Andererseits ist in den kritischen 
Kreisen ja auch keine Meinungsverschiedenheit darüber, daß eine Kom- 
bination der Geschichten von Mt 2 und Lc 2 eine Unmöglichkeit ist 
Wie reimt sich die Geschichte von der Feindschaft des Herodes gegen 
den neugeborenen König, vom Kindermord in Bethlehem, von der Flucht 
nach Egypten und der durch die Furcht vor Archelaos bedingten Über- 
siedelung der heiligen Familie von Bethlehem nach Nazareth mit dem 
ungestörten Aufenthalte der aus Anlaß der Schätzung von Nazareth nach 
Bethlehem gewanderten Familie in Judäa, mit ihrem Besuch im Tempel 
zu Jerusalem sechs Wochen nach der Geburt Jesu und der unmittelbar 
daran sich anschließenden Heimkehr nach Nazareth? Es liegen hier 
zwei absolut unvereinbare Berichte vor. Die Punkte, an denen die Un- 
vereinbarkeit am grellsten hervortritt, sind eben die, wo bei Matthäus 
die Ereignisse deutlich bedingt sind durch Herodes, bezw. durch Arche- 
laos. Und nun soll man sich einreden, der Verfasser von Lc 2 gehe 
von derselben historischen Voraussetzung aus? In diese Anschauung kann 
ich mich nicht hineinfinden. Und noch weniger dahinein, daß man an einem 
der charakteristischen DifTerenzpunkte — nach Matthäus wohnen Joseph 
und Maria in Bethlehem, nach Lukas machen sie nur aus Anlaß der 
Schätzung des Augustus eine Reise dorthin — den Berichterstatter von 
Lc 2 anklagt, daß er die geschichtlich unhaltbare Ansicht vertrete, 
Augustus hätte bei Lebzeiten des Herodes sich einen Eingriff in die 
Steuerangelegenheiten eines rex socius erlaubt. Freilich, wenn man den 
Inhalt von Mt 2 gleichsetzt mit der „Überlieferung der palästinensischen 
Christen um 60 — 70" oder gar ihn ohne weiteres als „die christliche 
Überlieferung" bezeichnet (Zahn), so könnte man darüber stutzig werden, 
daß diese von dem Verfasser von Lc 2 ignoriert sein sollte. Doppelt 
verwunderlich wäre dies, da die ganze apokryphische Evangelienliteratur 
von Matthäus die Verknüpfung der Geburt Jesu mit der Person des 
Herodes übernommen hat — Somit werden wir hier eben nicht vor 



Fr. Spitta^ Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i u. 2. 293 



h 




der ältesten Tradition stehen und haben keinen Anlaß, in Lukas die 
Überliefenmg des Matthäus hineinzuinterpretieren. 

Die ungünstige Beurteilung der Notiz von der Schätzung des 
Augustus, die der Anlaß fiir die Geburt Jesu in Bethlehem geworden, 
hängt ganz wesentlich von der Voraussetzung ab, daü der Verfasser 
von Lc 2 dieses Ereignis in die Lebenszeit des Herodes gelegt habe* 
Die Sätze, die Schürer* über die drei wichtigsten von seinen fünf 
Kapiteln über „Die Schätzung des Quirinius** gesetzt hat — ,jEin römi- 
scher Census konnte überhaupt in Palästina zur Zeit des Königs Herodes 
nicht vorgenommen werden; Josephus weiß nichts von einem römischen 
Census in Palästina zur Zeit des Herodes j ein unter Quirinius gehaltener 
Census konnte nicht in die Zeit des Herodes fallen, da Quirinius bei 
Lebzeiten des Herodes niemals Statthalter von Syrien war" — scheinen 
auch mir unwidersprechlich zu sein. Aber ihre Behauptung wird gegen- 
standslos, wenn Lc 2 überhaupt nichts von einer Schätzung zur Zeit des 
Herodes berichtet 

Bei dieser Sachlage ist es die Notiz 2, i wohl wert, noch einmal 
ohne Voreingenommenheit auf ihren geschichtlichen Wert geprüft zu 
werden. Es scheint mir nicht gerade eine Äußerung besonderer Billig- 
keit zu sein, wenn man das dinoypitptcBai näcav tflv oiKOu^i^vriv so 
besonders scharf betont und urteilt: ,,Von einem allgemeinen Reichs- 
census zur Zeit des Augustus weiß die Geschichte sonst nichts." Ganz 
recht. Aber will man dem Erzähler wirklich zutrauen, daß er hier von 
einem allgemeinen Reichscensus habe berichten wollen? Etwas Hyper- 
bolisches haftet jenen Worten unter allen Umständen an, da fi oiKOup^vii 
ja nicht das römiche Reich, sondern die bewohnte Erde bedeutet. Solche 
Hyperbeln erhalten ihre selbstverständlichen Beschränkungen durch den 
Zusammenhang, Man sagt nun, die Beschränkung von f] oiKQU^4v?i auf 
die von den Römern beherrschte Welt sei durch den Hinweis auf den 
Kaiser Augustus von selbst gegeben. Das scheint mir voreilig geurteilt» 
da in V* 2 die Schätzung bestimmt wird nach der Zeitj wo Quirinius 
Prokurator von Syrien war. Das spricht doch wohl dafür, daß der Ver- 
fasser trotz ndca f\ oiKOV\iiyr\ an ein Ereignis gedacht hat, das von 
Augustus veranlaßt, den Statthalter von Syrien anging, bezw- das ganze 
unter seine Botmäßigkeit gefallene Land, das von Herodes beherrscht 
gewesen wan Nun wäre dafür allerdings Trctca f| oEkou^Ivt) ein 
ganz unpassender Ausdruck, Aber wenn Wellhausen und Nestle 



* GcEchichte des jüdischen Volkes im Zeitalter Jesa diristi I, z* Aufl. S. 436 C 



294 ^^' Spitta, Die chronologischen Noiizen und die Hymnen in Lc i u. 2. 

mit Recht auf eine aramäische Grundlage des Lukasevangeliuais hin- 
gewiesen haben,* so dürfte bei dem überaus stark hebraisierenden Cha- 
rakter der Vorgeschichte hier diese Annahme vor allem ein Recht haben. 
Nun gibt die Septuaginta oft p« durch ofKOUjidvn wieder (vgL z. B. 
Jes lO, 23. 13, 5. 9. 14, 26. 23, 17. 24, I. 37, 16. 18). Andererseits wird 
oft Y^l nicht von der ganzen Erde, also im Sinne von oiKOU^^vr), ge- 
braucht, sondern von dem in Frage kommenden Lande. So heißt es 
Lc 4, 25 von der Dürre zur Zeit des Elia: ^KXeicOn ö oupavöc ini lTr\ 
Tp(a Kai luinvac ?E, ibc Mv€TO Xi|uiöc ^^ac ini TTdcav rfiv yf\v. Diese 
Worte hat man wiederholt auf die ganze Erde gedeutet, während sie 
sich doch offenbar nur auf das ganze Land beziehen (vgl. i Reg 17, 7; 
auch Lc 23, 44). Hat nun in dem aramäischen Original von Lc 26 jnjj 
gestanden, so konnte wohl die Erwähnung des Augustus in V. i den 
Übersetzer auf die Wahl des Ausdrucks oiKOU|ui^vn bringen, während er 
hätte übersetzen sollen irdcav ti^v Tflv. Zufallig liest auch der sinaitische 
Syrer „die ganze Erde", während Delitzsch in seiner hebräischen Über- 
setzung gesetzt hat: ^?n •'^Bh-^^-nK. — Vielleicht steht es mit der Stelle 
Act II, 28 ("Araßoc kriimavev öid toO irveuiiaToc h\ibv |üi€T<SXnv jidXX€iv 
fcecöai dq)* öXnv ifjv oiKOu^^vriv, fixic 4t^V€T0 ^ttI KXauöiou) nicht anders. 
Unter diesen Umständen scheint es mir ein sehr gewagtes Stück, auf 
Grund des dTroTpd9ec8ai Trdcav tt^v oiKOU|ui^VT]v gegen den Verfasser der 
Vorgeschichte den Vorwurf zu erheben, er hätte hier von einem all- 
gemeinen Reichscensus geredet und zeige sich somit geschichtlich nicht 
unterrichtet. 

Freilich, bei der Annahme, dafi der Erzähler von einer Steuer für 
das ganze jüdische Land, bezw. das ehemalige Herrschaftsgebiet des 
Königs Herodes, habe berichten wollen, scheinen sich die Schwierig- 
keiten nicht zu vermindern. Nach traditioneller, auf den Bericht des 
Josephus zurückgehender Annahme, hat die Schätzung des Quirinius im 
Jahre 6/j n. Chr. stattgefunden, d. h. nach der Absetzung des Arche- 
laos. Sie konnte sich da aber nur auf das nun unter unmittelbare 
römische Verwaltung kommende Gebiet des Ethnarchen, Judäa, Samaria 
und Idumäa, beziehen, nicht auf das ganze Reich, speziell nicht auf das 
•unter der Regierung des Herodes Antipas stehende Galiläa. Der Aus- 
druck des Lukas weist also auf eine Zeit hin, wo das ganze jüdische 
Reich von einer Censusmaßregel des römischen Kaisers getroffen werden 



* Vgl. J. Wellhausen, Einleitung in die drei ersten Evangelien S. 35 ff., E. Nestle, 
Eine semitiscbe schriftliche Quelle für Matthäus und Lukas: Zeitschrift f&r die neu- 
testamentliche Wissenschaft VII, 260 £ 



t 



Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc l u. 3. 295 

konnte* Dafür ist nur an die Zeit nach des Königs Herodes Tode zu 
denken, wo Rom die Teilung des Reiches tmter Archelaos, Antipas und 
Philippüs ordnete. 

Gegen das Datum der Schätzung als im Jahre 6jy n. Chr, protestiert 
auch Lc 3, 23, Dort heiSit es von Jesus, nachdem er vom Johannes ge- 
tauft war: xai qutöc i^v Ificouc dpxoptvoc u>cti diuiv ipidKOvia, Lc 3, 1 
tritt der Täufer auf 4v liei irevTeKaiöeKdiui if\c fixeMOviac Tißepiou 
Kakapoc, also im Jahre 28/29 ^* Chr. Geht man nun für die Taufe Jesu 
auch bis zum Jahre 30 hinab, so kommt, von 6/7 n. Chn an gerechnet, 
für Jesus ein Alter von höchstens 24 Jaiiren heraus, wofür doch der 
Ausdruck in Lc 3, 23, selbst bei stärkster Betonung des dicef» nicht zu- 
treffend wäre. Mit der Annahme, Lukas vertrete dieselbe Ansicht wie 
Matthäus, wonach Jesus einige Zeit vor dem Tode des Herodes (4 v. Chr.) 
geboren ist, laut sich Lc 3, 23 ebensowenig vereinigen, da man von dort' 
aus etwa zu einem Alter von 35 Jahren käme. Lc 3, 23 stimmt also 
insofern gewiß mit Lc 2, als beide Male die Geburt Jesu nach dem Tode 
des Herodes angesetzt wird. 

Dagegen sprechen auch die beiden Personen nicht, deren Namen 
bei Lukas in Verbindung mit der Schätzung erscheinen ^ Quirinius und 
Judas der GaUläen Daß Quirinius bereits in den Jahren unmittelbar nach 
des Herodes Tode Statthalter von Syrieit war, steht fest/ auch wenn 
Josephus nichts davon berichtet. Ob er später (in den Jahren 6ff n, Chr.) 
denselben Posten noch einmal bekleidete, kann hier nicht untersucht 
werden; jedenfalls würde der Ausdruck Lc 2, 2: aörri dTTOTpotqjr) TTpiirrHj 
ly^veio iqTC^oveuovTOC tric Cupiac Kupiiviou, auf die erste Zeit des Qui- 
rinius hinweisen. 

Auch in Act 5, 37 geschieht der Schätzung Erwähnung: dvlcrr] 'Jou- 
ftac 6 raXiXmoc ^v xaic fm^pmc tfic dTtoYpa<pfic kqI dirlcTricev Xaöv ömcui 
aÜTOu ' KdKcivoc dTTuiXeTo, Kat irdvitc ocoi ^ireiQovTo aOiüj bi£CK0pTTic6T]cav. 
Da Judas nach der wiederholten Angabe des Josephus aus der Gaulani- 
tis, aus Gamala» stammte, so weist die Bezeichnung 6 raXiXaioc hier 
offenbar auf den Ort seiner Taten, Galiläa, hin. Somit scheint es sich bei 
der dnOTP^stpi, die seinen Aufstand veranlaßte, um eine Maßregel zu 
handeln, die sich, gerade wie die Schätzung in Lc 2, auch auf Galiläa 
bezog. Eine solche ist aber im Jahre 6/7 n. Chr* undenkbar, da Galiläa 
damals unter der Regierung des Herodes Antipas stand. Das Gewicht 
des Zusammenstimmens von Lc 2 und Act 5 wird doppelt stark, wenn 



1 Vgl. Scliürer I, ^60. 




296 Fr. Spitta, Die chronologisch en Notizen und die Hymnen in Lc i u, 2. 

man in Betracht zieht, daß der Verfasser der Vorgeschichte Jesu Lc i f. 
schwerlich mit dem von Act $ identisch ist. 

Somit stimmen alle lukanischen Berührungen unsrer Frage darin zu- 
sammen, daß die Geburt Jesu in die Zeit der Wirren nach dem Tod 
des Herodes falle, und daß eben dort die Schätzung des Quirinius zu 
finden sei. 

Dagegen erhebt sich nun das Zeugnis des Josephus. Von einer 
Prokuratur des Quirinius über Syrien um 4 — i v. Chr. berichtet er nicht 
Das bedeutet nichts, da sie durch römische Quellen feststeht. Von einem 
Auftreten Judas des Galiläers nach dem Tode des Herodes erzählt da- 
gegen auch Josephus Ant 17, 10, 5; Bell. Jud. 2, 4, i, ganz detailliert und 
mit einer Schilderung, die sich in allen charakteristischen Punkten mit 
Act 5 berührt Aber derselbe Judas erscheint noch einmal in der Zeit 
nach des Archelaos Absetzung in Judäa: Ant 18, i, i; Bell. Jud. 2, 8, i, 
und zwar so, daß er wie eine unbekannte Person neu eingeführt wird. 
Was von ihr berichtet wird, ist, verglichen mit dem ersten Bericht, ganz 
schattenhaft und keine wirkliche Parallele zu Act 5: er reizte das Volk 
zum Aufstand und Abfall, indem er es für verächtlich erklärte, wenn es 
den Römern Steuern zahlen und neben Gott andere Herren dulden wollte. 
Von einem Erfolge dieser Tätigkeit und von blutiger Unterdrückung eines 
Aufruhrs, wie Ant. 17, 10, 5 und Act 5 davon die Rede ist, weiß Josephus 
hier nichts zu berichten. Die merkwürdige Dublette eines zweimaligen 
Auftretens des Judas besitzt eine nicht minder merkwürdige Parallele an 
dem zweimaligen Erscheinen des. Hohenpriesters Joazar. Nach Josephus 
Ant. 17, 6, 4 wurde dieser von Herodes kurz vor seinem Tode an Stelle 
des Matthias zum Hohenpriester eingesetzt, nach Rückkehr des Arche- 
laos von Rom aber auf Anklage des gegen ihn revoltierenden Volkes 
wieder abgesetzt: Ant. 17, 13, i. Nach Ant 18, i, i tritt ohne Andeutung^ 
daß eine bereits bekannte Person wieder erscheine, Joazar zum zweiten 
Male auf und beruhigt das Volk wegen der römischen Schätzung; nach 
Ant 18, 2, I wird er dann aber wieder, veranlaßt durch die gegen ihn 
revoltierende Menge, von Quirinius seiner hohepriesterlichen Würde be- 
raubt Daß das seitens des römischen Beamten geschieht, dem er doch 
die besten Dienste geleistet, ist besonders auffällig. 

Ich kann angesichts dieses merkwürdigen Dublettenpaares, zu dem 
Quirinius das dritte bilden würde, wenn seine Statthalterschaft um 4 — i 
V. Chr. von Josephus erwähnt worden wäre, mich des Eindrucks nicht 
erwehren, daß hier dieselben Ereignisse zweimal berichtet worden sind. 
Dann kann aber nur der erste Bericht Vertrauen zu seiner geschieht- 

16. XX. X906. 



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I 



Fr, Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i u, j, 297 

liehen Sicherheit envecken. Es ist anerkannte Tatsache, daß Josephus 
über den Zeitraum von des Herodes Tod (4 v. Chr) bis zum Regierungs- 
antritt des Herades Agrippa {41 n. Chr,) g^nz ungenügend unterrichtet 
und von schriftlichen Quellen verlassen gewesen ist Es empfiehlt sich 
also von vornherein» den Berichten aus dieser Zeit mindestens mit so 
vieler Vorsicht zu begegnen, wie man sie den Schriften des Lukas gegen- 
über für selbstverständlich ansieht, in denen man doch auch Djbletten 
findet, die dem Herausgeber nicht zum Bewußtsein gekommen sind 
Nun wird bei Josephus die Schätzung in Verbindung gebracht mit jenen 
Wiederholungen von Personen und Ereignissen aus der Zeit nach dem 
Tode des Herodes (Ant. 17, 13,5. 18, i,2j 2, i. 20, 5,2. Bell. Jud. 2, 8,1), 
somit muß man auch ihrer Datierung Bedenken entgegen bringen, zumal 
wenn die lukanischen Schriften an drei verschiedenen Stellen, die unter 
sich völlig selbständig dastehen, für die römischen Zensusanordnungen 
auf die Zeit um 4/j v. Chr. und nicht auf 6/7 n. Chr. hinweisen. Es ist das 
Verdienst Zahns, den historischen Wert der Berichte des Josephus in 
der angegebenen Weise ins Licht gestellt zu haben, und je unbegreif- 
Kcher es mir ist, daH er auf diesem Wege m dem Schlüsse kommt, 
Jesus sei auch nach des Lukas Darstellung zur Zeit des Herodes ge- 
boren, und je peinlicher mir der Nebel ist, der bei ihm über dem historischen 
Wert von Lc 2 liegt, umso entschiedener muß ich aussprechen, daß 
ich seine Hauptbeobachtungen an Josephus zu widerlegen nicht imstande 
bin und mich nur darüber wundere, wie wenig sie in der theologischen 
Literatur berücksichtigt worden sind. Daß die lukanischen Berichte 
von Josephus abhängig seien und dessen Angaben nur in entstellter Form 
bringen, scheint mir ganz ausgeschlossen zu sein. Josephus aber 
ohne weiteres als den festen geschichtlichen Punkt anzunehmen und jede 
Abweichung von ihm von vornherein ab mit den geschichtlichen Tat- 
sachen streitend zu bezeichnen, dazu können doch eigentlich diejenigen 
nicht ihre Zustimmung geben, die mit Forschern wie Schürer ein mangel- 
haftes Unterrichtetsein des Josephus gerade über die Zeit nach der Ab- 
setzung des Archelaos annehmen» 

Die Ungeschichtlichkeit der Darstellung des Lukas findet man weiter 
darin, daß nach V* 3 die Anfertigung der Steuerlisten nach Stämmen, 
Geschlechtern und Familien geschehen sei, was keinesfalls römischer 
Brauch und doch auch zur Zeit Jesu in Israel nicht mehr durchzuführen 
gewesen sei. Wir wissen zu wenig Sicheres über die Erhaltung der 
Stammeslisten,* als daß wir über letzteres ein sicheres Urteil abgeben 

I Vgl. übrigens Euseb, MsL eccl- 1, 7, i.^. 

Zeitschr. f, d. n^uleat, WLii. Jahr^g. VU. i^fA. 20 




298 Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i u. 2. 

könnten. Eine Anbequemung an jüdische Sitte, wie sie gerade bei dem 
Abgabenwesen früher schon Cäsar geübt hatte, wäre sehr wohl denkbar, 
auch wenn sie mancherlei Unbequemlichkeiten mit sich brachte. Gerade 
wenn dieser Zensuserlaß nicht den definitiven Übergang des jüdischen 
Reiches in römischen Besitz einleitete, war eine Rücksichtnahme auf die 
jüdischen Gewohnheiten begreiflich. Aber freilich, so sehr man Anlaü 
hat, hier vor voreiligen Schlüssen zu warnen, so wenig sind wir doch 
auch imstande, die gegen 2, 3 erhobenen geschichtlichen Bedenken zu 
zerstreuen. Das ist ja aber auch gar nicht nötig, um die Sicherheit der 
Angaben in 2, if. zu retten. Man sollte vielmehr mit dem p>opuIären 
Charakter unsrer Erzählung rechnen, die fiir an sich ganz sichere Daten 
Erklärungen bietet, die in ihrer Allgemeinheit nicht richtig sind. Eine 
diese Eigenart des Berichtes berücksichtigende Klritik wird vor allem die 
Frage aufwerfen, ob für die Eintragung in die Steuerlisten denn über- 
haupt nie die Anwesenheit des zu Besteuernden in seiner Heimat ein 
Erfordernis gewesen. Damit wäre allerdings das Verbindungsband zwischen 
der Schätzung und Josephs Reise definitiv durchschnitten. Daß dem je- 
doch nicht so war, zeigt die bekannte Verfügung:* Is vero qui agrum 
in alia civitate habet, in ea civitate profiteri debet, in qua ager est ; agri 
enim tributum in eam civitatem debet levare, in cujus territorio posside- 
tur. Bei der Ansicht des Erzählers, daß Joseph Davidide gewesen, ist 
die Annahme, daß er in Judaea, im Gebiet Bethlehems irgendwelchen 
Besitz gehabt habe, doch nicht so unwahrscheinlich. Daß dieser Fall 
in V. 3 (Kai ^TTopeiiovTO irdviec (iTroTp<iq)€c6ai, ?KacTOC eic rriv 4auT0u 
TTÖXiv) verallgemeinert worden wäre, liegt auf der Hand. Aber wenn 
man den Verfasser so peinlich beim Worte nehmen will, so muß man 
ihm auch die Ansicht zuschieben, daß keiner der zu Schatzenden sich 
in seiner Heimat befunden hätte und somit eine sehr wunderliche Völker- 
wanderung entstanden wäre, wo die Wandernden jedesmal vor leere 
Häuser gekommen wären, da deren Besitzer sich ebenfalls auf der 
Wanderung befunden. Schränkt man den Sinn des Ausdrucks dahin ein, 
daß nur die in ihre Stadt gegangen seien, die nicht bereits in ihrer 
Heimat gesessen,* so ist es doch keine so viel weiter gehende Ungenauig- 
keit des Ausdrucks, wenn nur diejenigen in ihre Stadt gezogen sind, die 
dort Versteuerbares hatten. Die ganze Vorstellung von der Völker- 
wanderung nach Bethlehem hat man phantasiereich in V. 7 hineininter- 

» Vgl. Schürer I, 430. 

' Vgl. Syr. sin. : „Jeder Mensch aber ging, um aufgeschrieben zu werden, anch yon 
seiner Stadt ging er zu seinem Orte, damit er dort aufgeschrieben würde." 



Fr. Spitta, Die chronologiscließ Noiiien tmd die Hymnen io Lc t u. 2. 299 



pretiert- Wenn es dort von Maria heißt: IxeKfeV töv ulöv aCrrfic töv 
TTpujTÖTOKOVt Kcti lcTrapTdvu>c£V aÖTov Kai dvlxXivev auTOV iv qpdTv^, b\6x\ 
ouK ^v auTotc t6ttoc Iv tiD KottaXOMaxw so hat man daraus gemacht, die 
Herberge sei so überfüllt gewesen» daß Jesu Eltern in einem Stall hätten 
Zuflucht suchen müssen, wo denn das neugeborne Kind in eine Krippe 
gelegt worden sei. Aber von einer Herberge findet sich nichts, noch 
weniger von einer Übersiedelung in den Stall, sondern daß sie ^v Ti^i 
KaraXu^aTi, in dem Hause, wo sie Aufnahme gefunden, für das Kind 
.keinen anderen Platz gefunden, als den Futtertrog. Bei dem KardKu^a 
scheint der Erzähler an ein Haus gedacht zu haben, das für die jetzt 
auf dem Felde befindlichen Heerden bestimmt wan Im Testament Hiobs ^ 
wird C, 40 vom Werbe Hiobs berichtet; Kai direXBoOca £fc ti^v ttoXiv 
efcfjXScv ELC Tf|V £nauXr]V tiüv ßoüjv aitnc tujv dpTracöeVTuw hnb tüjv dp- 
Xovrujv oTc IbouXeuev* kqI ntpi iivot qpdrvriv ^KOifinöi^. Einen solchen 
Wohnort hat auch wohl der Erzähler von Lc 2, 7 gemeint Aber daß 
er hierdurch die durch die Schätzung veranlaüte ÜberfüUung habe 
schildern wollen, ist eben so verkehrt, wie anzunehmen, es habe zur 
Charakterisierung der Armut der Familie dienen sollen. Das Motiv ist 
offenbar kein anderes, als daß der Davidssohn in der Stadt, wo sein 
Urahn als Hirte gelebt, auch unter hirtlichen Verhältnissen und von 
Hirten begrüßt sein Leben beginnt^ in der Krippe sollen die Hirten nach 
der Weisung des Engels 2, 12 den Messias suchen. Wie weit hierin 
Legendenbildung zu erkennen ist, ist eine andere Frage, von deren Be- 
antwortung das Urteil über die geschichtlichen Daten, an die sie sich 
angeschlossen, unabhängig ist. 

Ganz fremde Gedanken schiebt man ferner dem Erzähler unter, 
wenn man an V, 5 die Bemerkung knüpft, Lukas erwecke den Schein, 
als sei Maria um der Schätzung willen genötigt gewesen, mitzureisen ; 
eine solche Nötigung habe aber bei einem römischen Census nicht vor- 
gelegen, bei dem die Frauen nicht persönlich zu erscheinen brauchten. 
Diese Annalime ist schon deshalb unhaltbar, weil in der Vorgeschichte 
Maria überhaupt nicht als Davididin erscheint, sondern wohl nach alt- 
kirchlicher Überlieferung als Levitin vorgestellt ist.^ Jene Deutung unsrer 
Stelle liegt freilich schon im sinaitischen Syrer vor; aber ans ihm er- 
kennt man auch, wie dann der Text gelautet haben müsse: „und auch 
Joseph stieg von Nasrat, der Stadt GaUläas, nach Judäa zur Stadt Davids^ 

< J» ArmiCiLge Robin^op, Tests and slwdies voL V No, 1 p. 129, 
' VgL i, 3Ö ; auch meine Schrift Der Brief des Julius Africanus an Aristtdes 
S, 44f- 




300 Fr. Spitta, EHe chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i u. 2. 

die Bethlehem genannt wird, er und Mariam, sein Weib, die schwanger 
war, damit sie dort aufgeschrieben würden, weil sie beide aus dem Hause 
Davids waren." Die vom griechischen Texte charakteristisch verschiedene 
Wortstellung des Syrers zeigt schon, daß die Worte cuv Mapidfi xQ pi- 
vaiKi auToO, oCq) ^yKUip nicht, wie man gewöhnlich annimmt, mit diro- 
Tp<ii|iac6ai zu verbinden sind, sondern ein dem Bericht von dem Hinauf- 
gehen des Joseph nach Bethlehem zum Zweck der Einschreibung nach- 
träglich hinzugefügter Satz sind, der zu V. 6 überleiten soll: daß Maria 
gelegentlich der Anwesenheit Josephs in Bethlehem auch mit dort war, 
hatte zur Folge, daß ihr Kind in der Davidsstadt zur Welt kam. Auf 
die Frage, weshalb denn Joseph sein schwangeres Weib mit nach Bethle- 
hem genommen habe, wenn dessen Anwesenheit zur Eintragung in die 
Steuerlisten nicht nötig gewesen, gibt es so viele Antworten, daß es 
keinen Sinn hat, sie hier zur gefälligen Auswahl vorzulegen. 

Das Resultat unsrer Untersuchung der chronologischen Angabe in 
Lc 2, I ff. lautet dahin, daß wir es hier nicht mit den präzisen Angaben 
eines Chronisten zu tun haben, sondern mit einer volkstümlichen Erzählung, 
in der mit naiver Freiheit die sicheren Daten der Geschichte behandelt 
worden sind. Dabei hat sich jedoch herausgestellt, daß die geschicht- 
lichen Ereignisse keineswegs eine radikale Umgestaltimg erfahren haben. 
Die geschichtliche Möglichkeit einer bald nach des Herodes Tode von 
dem syrischen Statthalter Quirinius angeordneten Schätzung des ganzen 
jüdischen Landes ist ebenso zuzugeben, wie daß bei dieser Gelegenheit 
ein jung verheirateter Mann mit seinem schwangeren Weibe von Naza- 
reth nach Bethlehem reiste und daß dieses hier mit ihrem ersten Kinde 
niederkam. 

Aber es fragt sich nur, ob die bloße Möglichkeit sich in diesem 
Falle zur Wahrscheinlichkeit erheben läßt Die kritische Theologie sieht 
hier durchweg eine absichtliche Geschichtskonstruktion: Sah die alte 
Christenheit in Jesus den Messias, so stand von vornherein seine Davids- 
sohnschaft sowie seine Geburt in Bethlehem fest War nun nach sicherer 
Überlieferung Jesus in dem galiläischen Nazareth aufgewaschen, so mußte 
auf irgend welche Weise doch wenigstens seine Geburt in Bethlehem 
möglich gemacht werden. Und das hat der Erzähler zuwege gebracht 
durch eine überaus „packende Kombination** der Geburtsgeschichte Jesu 
mit den Ereignissen der Weltgeschichte. „In diesem Zusammentreffen 
(der Reise des Joseph nach Bethlehem) liegt für den Erzähler das eigent- 
liche Pathos der Geschichte. Für das jüdische Empfinden gab es nichts 
Gehässigeres als die Steuereinschätzung durch die Römer, denn sie war 



w 



Fr, Spitta^ Die chronologischen Notizen tmd die Hymnen in Lc r u. 2, 3OI 



das deutlichste und verletzendste Zeichen der Knechtschart; und so hat 
denn auch die erste derartige Einschätzung den blutigen Aufstand des 
Galiläers Judas entfesselt Wenn nun gerade dies demütigende Ereignis 
dazu führen mußte, daß der sehnlichst erwartete Messias in der alten Königs- 
stadt geboren werden konnte, so ist das eine wunderbare Fügung, von 
der hier staunend erzählt wird. Der Kaiser Augustus selber muß ein 
Dekret erlassen, durch das die Erfüllung der Weissagung ermöglicht 
wird." (J, Weiß,) 

Durch die Weihnachtspredigten sind uns diese Gedankengänge sehr 
geläufig geworden, und man kann es unsern Homileten nicht verdenken, 
wenn sie in ihrem Sinnen über die Weihnachtsgeschichte zu solchen 
Reflexionen geführt werden. Aber unsre Kritik wolle sich doch nur 
nicht in die Selbsttäuschung begeben, als ob jene Reflexionen auch die 
des Erzählers von Lc 2, i — 7 wären. Von einem „Pathos der Ge- 
schichte" von einer „wunderbaren Fügung, von der staunend erzählt 
wird", finde ich in jenem überaus sinnpelen und unpathetischen Berichte 
nicht die leiseste Spur. Man merkt dort nichts davon, daß die römische 
Schätzung etwas Gehässiges für die Juden war; nichts davon, daß Augustus 
mit seinen der Welt geltenden Dekreten in den Dienst Gottes zur Er- 
füllung seiner Messiasverheißungen getreten sei. Solche Gedanken sind 
ja dem Verfasser der lukanischen Schriften keineswegs fremd; vgl. 
Act 4, 27 f.: cuvrixöncctv ^äp in ät\r\B^iac tv tQ TrdXtt lauTtj Inltöv ötiov 
TTctibd cou 'Ir^couv 6v Ixpicac, *Hpui&r|c re Kai TTovtioc fTeiXdTOc cuv 
Eöveciv Kai Xaoic Mcpa^X, TTOifiCöi 6ca f\ xBp cou Kai f\ ßouXti cou wpo- 
düptcev Ttvicöai. Aber in Lc 2 %vird nicht einmal die Weissagung Micha 5, 
I erwähntj wie das Mt 2, 5 f. geschieht 1 mithin kann doch auch Augustus 
nicht als der unbewußte Vollstrecker dieser göttlichen Vorherbestimmung 
dargestellt sein. Es ist, wenn wir unser eigenes Pathos zuhause lassen, 
in Lc 2, I — 7 gar nichts anderes berichtet, als wie es gekommen ist, 
daß Jesus, dessen Eltern in Nazareth lebten, in Bethlehem geboren 
worden ist. 

Das muß zunächst einmal mit voller Klarheit festgestellt werden, ehe 
ein Urteil darüber abgegeben werden kann, wie das Zusammentreffen 
der Schätzung mit Jesu Geburt in Bethlehem geschichtlich zu beurteilen 
sei. Wenn man letztere als eine aus Micha 5* T folgende Notw^endigkeit 
ansieht, so bleibt jenes Zusammentreffen als absichtliche Dichtung völlig 
unerklärt. Der Dichter hatte es ja viel bequemer, wenn er, wie es in 
ft Mt 2 der Fall ist, die Eltern Jesu einfach zuerst in Bethlehem wohnen 
I und später aus Furcht vor den Nachstellungen des Archelaos nach 



h 



302 Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc l u. 2. 

Galiläa und Nazareth auswandern ließ. Hier bei Matthäus finden sich 
tatsächlich jene Reflexionen, die man ohne Grund in den Text des Lukas 
hineininterpretiert. Da erscheint das Geborenwerden in Bethlehem als 
notwendige Erfüllung der prophetischen Weissagung; da tritt auch der 
neugeborene König der Juden dem König Herodes gegenüber. Wie 
will man es nun gar erklären, daü Lukas die angeblich ältere Über- 
lieferung von der Geburt Jesu zur Zeit des Königs Herodes verlassen 
und von den sinnvollen Deutungen dieser Geschichte nichts auf die neu- 
gewählte Situation übertragen habe. Was hat ihn überhaupt zu dieser 
Änderung Anlaß gegeben, wenn irgend welche erbaulichen Gründe dafür 
nicht begreiflich gemacht werden können? 

Alle diese Erwägungen machen mir die Richtigkeit der Überlieferung, 
daß Jesus gelegentlich der Schätzung des Quirinius in Bethlehem geboren 
sei, wahrscheinlich. Daneben bleibt ja die Möglichkeit bestehen, daß die 
Bethlehemgeburt Jesu aus Micha S, i hervorgewachsen, also christliche 
Dichtung sei. Es wäre das nicht der einzige Fall dieser Art. Ich halte 
es aber für angebracht, daß man auch einmal die entgegengesetzte Be- 
trachtung in ihrer Berechtigung hervorhebt. Das AT ist nicht bloß der 
Anlaß gewesen zur Bildung mancher Züge in der Tradition von 
Jesus, sondern man hat auch die wirkliche Geschichte hinterher in der 
alttestamentlichen Verkündigung vorgebildet gefunden. 

Bei der Frage nach der Geburt Jesu in Bethlehem wie nach der 
von seiner Davidssohnschaft hängt viel an der anderen Frage, ob er 
sich selbst für den Messias gehalten habe oder nicht. Hat ihn erst die 
christliche Gemeinde dazu gemacht, so wird sie es auch wohl gewesen 
sein, die ihm die Davidssohnschaft und die Geburt in Bethlehem zu- 
geschrieben hat. Hat er sich selbst für den Messias gehalten, so fragt 
es sich, wie es bei ihm zu dieser Ansicht gekommen ist. Von dem 
Gefühl seiner innigen Verbundenheit mit Gott erklärt sich die Entstehung 
seines Messiasbewußtseins noch nicht Dazu bedurfte es gewisser äußerer 
Voraussetzungen, die sein religiöses Bewußtsein in jene Richtung wiesen. 
Stammte er von einem Davididen ab, ja, war der in Galiläa aufgewachsene 
Knabe in der Davidsstadt Bethlehem geboren, so konnten solche Voraus- 
setzungen von früh auf den Anstoß dafür geben, daß sich sein religiöses 
Bewußtsein messianisch entwickelte. 

Aber das führt zu Fragen, die hier nicht zu Ende gebracht werden 
können. Ihre große Wichtigkeit mehr noch als das Interesse an dem 
Geburtsdatum Jesu wird es begreiflich erscheinen lassen, wenn ich so 
peripherische Punkte wie die chronologischen Notizen in Lc if. noch 



Fr. Spittai Die chrondogischea Notizen und die Hymnen in Lc i u» 2« 305 

einmal untersucht und dabei diejenigen Momente hervorgehoben habe, 
die geeignet sind, einen voreiligen Abschluß der Untersuchung z\x ver- 
hüten, selbst auf die Gefahr hin, dafi man mich unter die ,,Apologcten" 
rechne. 



2. 

Die Hymnen. 



Im einzelnen sind über die in den Anfangskapiteln des Lukasevan- 
geHums auftretenden Hymnen — 1,46 — S5* ^7 — 79* ^p ^4- ^9— '3^ — 
mannigfach Untersuchungen angestellt worden. Ich selbst habe dem 
Lobgesang der Maria und dem der Engel ausführliche Studien gewid- 
met»* Der Widerspruch, den die erste derselben von manchen Seiten 
her erfahren hat, ist mir insofern wertvoll geworden^ als er mir gezeigt 
hat| daß es, um zu sichreren Resultaten zu kommen, nötig sei, nicht eine 
dieser Dichtungen für sich zu untersuchen, sondern alle vier miteinander 
zu betrachten; vielleicht daß sich auf diese Weise mandhe Dunkelheit 
lichte, manche unsichere Möglichkeit zu einer hörenswerten Hypothese 
verfestige. 

Für das Verhältnis der vier Dichtungen zu dem sie umgebenden 
Prosatexte können drei verschiedene Möglichkeiten angenommen werden: 

1. Dichtungen und Prosatext sind zugleich mit einander entstanden; 
sie stammen aus der Feder desselben Schriftstellers, 

2. Der Verfasser des Evangeliums, bczw, der Vorgeschichte in 
C, I und 2, hat die Dichtungen vorgefunden und sie zusammen mit der 
ihm bekannt gewordenen Überlieferung über die Jugendzeit Jesu zu einem 
einheitlichen Bericht verarbeitet* 

3. In die unabhängig von den Dichtungen schriftlich fixierte Jugend- 
geschichte Jesu und seines Vorläufers Johannes hat der Herausgeber 
des 3, Evangeliums die vier Hymnen eingefügt, die ihm in dem großen 
Materiale vorlagen, das er für sein Sammelwerk benutzte. 

Versuchen wir nun^ ohne von einer im Voraus feststehenden Theorie 
über die Entstehung des 3* Evangeliums gefesselt 2u sein, herauszu- 
stellen, welche von den drei Möglichkeiten sich durchfuhren läßt, ohne 
daß man sich genötigt sieht, den Tatsachen Gewalt anzutun* 



I Dfts Mrignifikatj ein Psalm der Maria und nicht der ElUabet: Theologische Ab- 
handlungen. Eine Festgabe zum tj, Mai igoi för Heinrich Juliuj Holt^mann, S. 61 — 
94- — IHe ilteste Form des Gloria in esccbi^ : Monalichrift füt Gottesdienst und kircb- 
liehe Kunst X, 44-^5 1* 



^1^ 



304 Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i tu 2. 

Daß sich die erste Möglichkeit — der Verfasser des Prosatextes ist 
auch der der Dichtungen — bei dem Hymnus zur Geburt Jesu (2, 14) 
nicht durchführen läßt, dürfte feststehen, wenn meine Untersuchung über 
die älteste Form des Gloria in excelsis das Rechte getroffen hat. Es 
scheint dieselbe den neutestamentlichen Theologen ziemlich unbekannt 
geblieben zu sein. Sie ist weder von Joh. Weiß in dem von ihm heraus- 
gegebenen Erklärungswerke (Die Schriften des NTs neu übersetzt und 
für die Gegenwart erklärt. I. S. 396) benutzt, noch von Arnold Meyer 
im Theol. Jahresbericht über die neutestamentliche Literatur des Jahres 
1905 zitiert worden. Das wird es rechtfertigen, wenn ich das von mir 
Gebotene nicht einfach als bekannt voraussetze, sondern es, soweit es 
nötig ist, hier reproduziere. 

Eine noch immer nicht zum Abschluß gebrachte Streitfrage ist, ob 
der Engelgesang bei der Geburt Jesu — böla dv ui|i(cTOic 0€uj Kai iiA 
Tflc eipiiVTi [xai i\] dvGpüuTroic eöÖ0K{a[c] dreizeilig oder zweizeilig- aufzu- 
fassen sei. Was die äußere Bezeugung betrifft, so gehört die dreizeilige 
Form vorwiegend dem Morgenland, die zweizeilige dem Abendland an. 
E. Nestle* urteilt, obwohl er in den Text seiner Ausgabe euöOKtac auf- 
genommen hat: „Ehe weitere Zeugnisse gefunden werden, "würde ich es 
beim Nominativ lassen." Man kommt also auf rein textkritischem Wege 
nicht zum Ende. Noch viel weniger auf rein exegetischem: für die eine 
wie für die andere Form bringt man die treffendsten Erklärungen herbei. 
— Es ist mir immer sehr merkwürdig erschienen, daß man zur Lösung 
des Problems nicht energischer die Stelle herangezogen hat, die doch 
nach allgemeinem Urteil aufs nächste mit dem Gloria in excelsis ver- 
wandt ist, nämlich Lc 19, 38. Das Verhältnis der beiden Stellen zu 
einander wird eine Gegenüberstellung der Texte sofort klar machen: 

Lc 19, 38 Lc 2, 14 

iv oupavui €ipr|VTi 

Kai ö6Ea iv öq/iCTOic böEa iv öi|;fcT0ic Geifi 

Kai inl Tflc eiprivTi 

dv dv6pu)TT0ic euboKia 

Die zweite Zeile aus Lc 19, 38 deckt sich mit der ersten aus Lc 2, 14, 
nur daß hier das Kai fehlt und ein Geili hinzugetreten ist. Die zweite 
Zeile aus Lc 2, 14 hat ein gewisses Gegenstück an der ersten in Lc 19, 38, 
nur daß hier 4v oöpavif» statt iiri ff\c steht. Dieses Verhältnis der beiden 



I Einführung in das griechische Neue Testament. 2. Aufl. S. 223 £. 



I 



Stellen zu einander schließt die herkömmliche Annahme aus, daß Lc 19, ^B 
aus Lc 2, 14 genommen seij aber auch die Wellhausens, daü Lc 19, 58 
das Muster für Lc 2^ 14 gewesen. Jede von den beiden so charakteristisch 
sich berührenden Stellen ist durchaus verständlich in sich selbst, und die 
erste Zeile aus Lc 19, 38 würde gar nicht dunkel erschienen sein und 
die Vermutung nahegelegt haben, daß sie irgendwie aus der zweiten 
Zeile von Lc 2, 14 gemacht worden sei, wenn man sich die richtigen 
Parallelen gegenwärtig gehalten hätte. Ich habe in meiner Abhandlung 
außer auf Henoch 71, 15; Testament Hiob C 36 besonders auf das 
Kaddisch hingewiesen: „Es werde uns und dem ganzen Hause Israel 
ein großer Friede und Leben vom Himmel gegeben .., Derjen ige, 
welcher Frieden in seinen Höhen macht, der wolle uns und dem 
ganzen Israel Friede verschafTen," Aus dieser Parallele erhellt zur Ge- 
nüge, wie die beiden Sätze 4v oupavui eipriVTi und im jf\c dptivri neben 
einander Platz haben, aber auch eng zusammengehören. Das führt aber 
zu dem Seh hisse, daß wir in Lc 2, 14 und 19, 3S zwei verschieden be- 
grenzte Zitate aus demselben Hymnus haben, in dem in einem Zeilen- 
paar auf die Seligkeit des Himmels hingewiesen wird, die in der messiani* 
sehen Zeit sich auf die Erde herabsenken wird, wie davon das zweite 
Zeilenpaar zu reden weiß. 

Ich sehe hier von weiterer Ausführung ab, die man zum Teil in 
meiner Abhandlung finden wird. Die oben gestellte P"rage, ob der 
Hymnus Lc 2, 14 vom Verfasser des ihm umgebenden Prosatextes 
stamme, muß verneint werden, da wir es hier mit einem Fragment xu 
tun haben, von dessen beiden Zeilenpaaren das erste nur zur Hälfte mit- 
geteilt worden ist. ~ 

Zu demselben Schluß kommt man, wenn man die drei anderen 
Hymnen, die offenbar in ganzem Umfange mitgeteilt worden sind^ auf 
ihren Inhalt ansieht* Hat der Verfasser des Frosatextes auch die 
Dichtungen verfaüt^ so versteht es sich von selbst^ daß sie organisch 
aus der betreffenden Geschichte hervorwachsen; daü ihr Ausdruck 
durch die Erzählung bedingt ist, etwaige Dunkelheiten desselben durch 
die Erzählung aufgehellt werden. 

Bei dem Lobgesang der Maria (bezw. der Elisabet) Lc i, 46 — ^55 
ist das gerade Gegenteil davon der FaU. Von der öouXr| toö Kupiou 
I, 38. 48 abgesehen, findet sich in dem ganzen Liede nichts, was auf 
das Erlebnis der Maria (oder der EUsabet) hinwiese. Ein Schriftsteller, 
der die Gedanken der betreffenden Frau auf Grund der von ihm be- 
richteten Geschichte in einem Liede zum Ausdruck bringen wollte, konnte 




306 Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i u. 2. 

einfach nicht auf die Schilderungen V. 51 — 53 verfallen. Die Berufung 
auf den Lobgesang der Hanna i Sam 2, i S., dem das Magnifikat nach- 
gebildet sei, ist insofern ganz verfehlt, als von einer wirklichen Nach- 
bildung nicht die Rede sein kann, und als kein kritischer Forscher der 
Ansicht ist, daß der Psalm der Hanna von demselben Schriftsteller ver- 
faßt sei, auf den die Erzählung zurückgeht, in der er sich befindet. 

Etwas anders steht es mit dem Lobgesang des Zacharias Lc i, 
68 — 69. Die Verse 76 — 79 passen ganz wohl in den Zusammenhang 
der Geschichte. Dagegen setzt das vorhergehende Stück die bereits 
erfolgte Erscheinung des Messias, des verheißenen Retters Israels aus 
Davids Hause voraus. Der Zusammenklang von V. 68 und 69 (cuXo- 
TnTÖc Klipioc 6 6eöc 'IcpanX, 8ti dTrccKiqiaTO Kai ^ttoCtic€v Xurpujciv tijj 
Xauj auToO Kai fixeip^v K^pac cujxripiac fj^iv iv oTKip Aaueib naiööc aurou) 
mit der 15. Beracha des Schmone esre („Den Sproß Davids, deines 
Knechtes, lasse bald aufsprossen, und sein Hörn erhebe durch deine 
Hilfe. Denn auf deine Hilfe harren wir alle Tage. Gelobet seist du, 
Herr, der du aufsprossen lassest ein Hörn des Heils'O macht es vollends 
unmöglich Lc i, 68 f. anders als vom Auftreten des Messias zu ver- 
stehen. Daß man auf Erklärungen gekommen ist wie, daß Zacharias an 
das Embryo im Mutterleib der Maria gedacht habe, ist mir ein Beweis 
dafür, daß für jeden Vernünftigen eine weitere Diskussion über unsem 
Fall ausgeschlossen ist. Derselbe Schriftsteller, der erst in C. 3 von der 
Schwangerschaft der Maria und der Geburt des Messias berichtete, 
konnte kein Lied dichten, das bereits in C. i diese Geburt als der Ver- 
gangenheit angehörig hinstellt. Es ist wohl der Erwähnung wert, daß 
im Evangelium de nativitate s. Mariae C. 15 dem Simeon bei der Dar- 
stellung Jesu im Tempel Worte in den Mund gelegt werden, die wie 
eine Zusammenfassung des Benediktus aussehen: Visitavit deus plebem 
suam et implevit dominus promissionem suam. In diese Situation passen 
sie, in den Mund des Zacharias lange vor Jesu Geburt nicht. 

Im Lobgesang des Simeon, der am besten in den Zusammen- 
hang zu passen scheint, ist von dem jüngst geborenen Kinde, das der 
Greis auf seine Arme genommen, ja überhaupt von der Person des 
Heilands, nicht die Rede. Wenn Luther die Worte eibov oi öq>6aX|Lio( 
jiou TÖ cujxripiöv jüiou übersetzt hat: „Meine Augen haben deinen Heiland 
gesehen", so liegt darin die deutliche Anerkennung der eben erwähnten 
Schwierigkeit. Und wenn es nun von dem erschienenen Heile heißt: 
8 fiTotjüiacac xard irpöcwiTOV irdvTUJV tujv Xa&v, so paßt das auch ohne 
Umdeutung nicht auf das vor sechs Wochen in tiefer Verborgenheit 



geborene Jesuskind, So bleibt auch bei der vierten Dichtung der Ein- 
druck bestehen, daß Lied und Geschichtserzählung nicht aus derselben 
Feder stammen können. 



■ Fr, Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen m Lc i u. 2. 307 

I SO geartet, daß man sieht, der Erzähler habe sie auf die m seinen Händen 

■ befindlichen Dichtungen angelegt, oder kommt die dritte der oben an- 
I genommenen Möglichkeiten in Betracht, daß die Hymnen von dem 
I Herausgeber des kanonischen Evangeliums in die ihm fertig vorliegende 

■ Erzählung eingefügt worden seien. In ersterem Falle dürfte man er- 
" warten, daß bei aller inhalüichen Unstimmigkeit zwischen Erzählung und 

Dichtung doch eine gewisse formelle Einheit erzielt worden wärej im 
anderen läßt sich vermuten, daß es dem Herausgeber nicht immer ge- 
lungen sein möchte, in das feste Gefüge der fertig vorliegenden Ge- 
schichtsdarstellung die betreffende Dichtung so einzuschieben, daß das 
Gewaltsame der Operation verborgen bleiben konnte* 

Am schnellsten läßt sich eine Antwort auf die gestellte Frage geben 
bei dem Liede des Zacharias, j, 6B — 79. In der Geschichte der 
Namengebung des Johannes heißt es von Zacharias V. 64: dviiljxön bi 
TÖ crd^a aöioö trapaxpnj^ct Kai f\ t^üjcca autoö, Kai i\a\ti euXotüiV riv 
0€6v. Diese Worte sehen wie eine Einleitung zum Psalm des Zacharias 
aus. Aber dieser folgt hier gar nicht, sondern erst nach den einleiten- 
den Worten in V. 6^; kq! Zaxapiac 6 Ttaxi^p aitoO ^TrXr)C0r| irvEÖpOTOC 
dYiou Kcii ^npoqprjieucev XtTtuv. Wenn der Erzähler bei Abfassung seines 
Berichtes schon im Auge hatte, ein ihm bekannt gewordenes Lpoblied 
des Zacharias einzufügen, so sollte man meinen, er habe etwa zu dem 
Zweck die W^orte V. 64t ^kaXei töXoTiuv töv 0eöv geschrieben, zumal 
das Lied beginnt mit euKoTHTÖc Kiipioc 6 0€6c toö 'IcpanX. Hatte er 
aber ericannt, daß in ihm schon auf die Erscheinung des Messias Rück- 
sicht genommen war, so mußte er versuchen, es an anderer Stelle, etwa 
hinter 1, 80 unterzubringen. 

Wie erklärt sich nun die merkwürdige Stellung hinter i, 67? Ich 
war früher der Ansicht,* die Tatsache, daß in i, 6SL bereits die Er- 
scheinung des Messias vorausgesetzt sei. habe den Herausgeber des 
Evangeliums veranlaßt, den Lobgesang des Zacharias nicht in die Ge- 
schichte von der Beschneidung des Johannes einzufügen, sondern in den 



I Theolog. Abhandlungen 5. 72. 




308 Fr. Spitta, Die chronologischcD Notizen und die Hymnen in Lc i a. 2. 

Bericht von der Jugendzeit des Vorläufers Jesu, wobei die Möglichkeit 
gegeben sei, dafi damab Jesus eben schon geboren gewesen scL Allein 
was V. 65 f. steht, ist doch kein Bericht von des Täufers Jugend, sondern 
von dem Eindruck, den die Ereignisse bei Johannes' Beschneidung^ auf 
die Nachbaren und die Bewohner des judäischen Gebirges gemacht haben. 
Der Bericht von der Entwickelung des Kindes liegt erst in V. 80 vor: 
TÖ bk iratöiov iiö£av£v xai ^KpcrraioCTO irvcuMan, Koi ifv iy rdic dpqiioic 
£uic fiM^pac dvaÖ€i£euic aöroö irpöc töv 'IcpocrjX. überdies findet sich 
weder in V. 65 f. noch in V. 80 eine Andeutung des Gedankens, auf 
den die Einfügung des Psalmes beruhen soll, daß nämlich der Messias 
unterdeß tatsächlich erschienen sei. Somit bleibt von meinen früheren 
Erwägungen nur der Satz: „Daneben bleibt bestehen, daß das Benediktus 
völlig unvermittelt eintritt und den Bericht von der Geschichte des Jo- 
hannes störend auseinander reißt." 

Sieht man zunächst einmal von dem 2^chariaspsalm V. 68 ff. ab, 
so springt in die Augen, daß V. 6j: Kai Zaxaplac 6 irati^p auroö dxrXTicGn 
TTveujüiaTOC dyCou Kai iirpoqpriTeucev Xifwy, keineswegs, wie unsre Aus- 
gaben und Übersetzungen des NTs vielfach angeben, einen neuen Ab- 
schnitt beginnt, sondern vielmehr eng mit V. 65 und 66 zusammengehört- 
Erstaunt über die Ereignisse bei Johannes' Geburt fragen alle, die davon 
gehört haben: ri dfpa tö iraiöiov toOto ^crai, Kai y&p x^^P Kupiou fjv ^er' 
auToO. Wenn es dann von 2^charias (beachte die enge Verknüpfung 
mit Kai!) heißt, er sei heiligen Geistes voll geworden und habe prophe- 
zeit, so ist doch wohl die nächstliegende Vermutung die, er habe über die 
Zukunft des Kindes prophezeit. Eine solche Prophezeiung findet sich 
nun nicht in V. 68—75, wohl aber in V. 76 — 79: cu iraiMov 'rTpo9ii'nic 
(n|;(cTOu KXriOtiq) ktX. Anstatt anzunehmen, wie es z. B. Joh. Weiß tut, und 
wie ich es auch früher vertreten habe, daß in den Psalm des Zacharias 
V. 76 f. später eingeschoben seien, um ein ganz allgemein gehaltenes 
Lied für die Situation in der Geschichte von Johannes dem Täufer passend 
zu machen, ist vielmehr zuzugeben, daß nicht bloß V. 76 f., sondern 
V. 76 — 79 vortrefflich in die Situation passen und sich tadellos * an das 
einleitende Wort V. 6y und die damit zusammenhängenden Verse 65 
und 66 anschließen. 

Tatsächlich haben wir in V. 68 — 79 nicht ein zusammenhängendes 
Stück, in das der Herausgeber des Evangeliums einige Worte ein- 



X Natürlich unter Beseitigung des Kai und hi, womit V. 76 sich an V. 75 an- 
schließen mußte. 



I 

I 




Fr. Spitta, Die chroDoIogischen Nodzen und die Hymtieii in Lc t u. %, 309 

geschoben hat, sondern zwei von einander ursprünglich völlig unabhängige 
Stücke: einen Freisgesang auf die Erscheinung des Messias V. 6B — 75, 
und eine Prophezeiung des Zacharias über die Zukunft seines Kindes. 
Daß mit V, 75 voll und rund der Messiaspsalm abschließt, ist ebenso 
deutlich, wie daß V. j6 — 79 ein Stück ganz anderer Art ist als V. 6$— 
75. Dieses ist ein an Gott sich richtendes Loblied, jenes dagegen eine 
Anrede an das Kind: also unter allen Untständen zwei heterogene Schrift- 
stücke, für deren Zusammenfassung ich eine wirklich zutreßende Parallele 
nicht beizubringen wüßte. — Unter Annahme, daß V. 76—79 ursprüng- 
lich der Erzählung angehört hat, erklärt sich auch die Textvariante in 
V« 78. Statt des traditionellen iirtCKtii/crro lesen dort WBL cop pesch 
s>Tsin arm (got, x-ielleicht auch einige Lateiner) dmcKtii/tTCti. Man könnte 
nun freilich vermuten, das Futurum sei eine Korrektur, um diesen Satz 
für die Situation vor der Geburt Jesu passend zu machen* Aber dem 
Korrektor, dem solche Bedenken in den Sinn gekommen, hätte es doch 
vor allem angelegen, die Aoriste in Y.6S und 69 in Futura zu ver- 
wandeln ; aber das dort stehende ^Tr£CK4t|;aT0 hat nicht die Variante von 
V, 78, Somit wird das Futurum in V, jB wohl ursprünglich sein und 
den Beweis vollenden > daß die Prophezeiung von der Zukunft des Jo- 
hannes der Erzählung von Haus aus eigen ist, während der Psalm V* 68 — 
75 erst in den fertigen Bericht, seinen Zusammenhang oflenbar störend, 
eingeschoben worden ist Daß er nicht hinter V. 64 steht, wird nun 
einfach dadurch erklärt, daß der ursprüngliche Text der Erzählung den 
Zacharias mit V. 6j redend einführte: So schien es dem Herausgeber 
geeignet, hier zuerst ein dem Zacharias zugescliriebencs DankUed zu 
bringen und dann seine FropheEeiung folgen zu lassen. 

Auch bei dem Lobgesang des Simeon läßt sich herausstellen, 
ob die zweite oder dritte der oben genannten Möglichkeiten zutrifft 
Hier sieht man aufs deutlichste, daß der ursprungliche Text der Er- 
zählung umgestaltet worden ist. Man kann das am besten von 2, 55 
aus %^erfolgen, wo die Worte: xal cou hl aiJTf(c xi^v ^^uxnv hieX^ucexcti 
^Ojuqpcsla, schon in den Textausgaben vielfach als eine den Zusammen- 
hang unterbrechende Parenthese behandelt werden, Sie sind an die 
Maria gerichtet, Ihr allein gilt nach v. 34; Kai dntv irpöc Mapidjn trjv 
jnr|t4pa auToO, die Rede Simeons überhaupt Das ist umso auffallender, 
als der Anlali zu der Rede nach V, 33 durch das Staunen des Joseph 
und der Maria gegeben war (kci f{V 6 nax^p auTou Kai i\ M^nip aöiou 
Buu^dJloVTEc ^Tri xok XaXou^tvoic nepi auTOu), und als sie beide Objekt 
der Segensworte des Simeon sind nach V. 34: icai euXÖTricev auToOc 



3IO Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i u. 2. 

Ci)yi€uiv. Auf Grund dieser Beobachtung kann man sich dem Kindnick 
nicht verschließen, daß ebenso wie V. 35* auch die Worte irpöc Maptdp 
xr^v iir\Tipa aÖTOÖ in V. 34 auf das Konto des Herausgebers des Evan- 
geliums kommen. Wer der Ansicht ist, daß auch i, 34 — 37 und das ibc 
£vo)yi(2l€TO 3, 23 derselben Feder ihren Ursprung verdanken, ist sich über 
das Motiv der Zusätze in 2, 34 f. nicht im Unklaren. 

Von hier erwächst auch ein Verdacht gegen die anderen Partieen 
unsrer Erzählung. Daß das Lied Simeons 2, 29 — 32 inhaltlich nicht aus 
unsrer Erzählung herausgewachsen sein kann, ist oben nachgewiesen. 
Seine formelle Einfügung in den Zusammenhang ist tadellos. Aber es 
ist doch sehr beachtenswert, daß sich bei Ausscheidung des Liedes und 
des einführenden Kai eirrev zwischen V. 28: Kai cöXÖTncev töv Bcöv und 
V. 32: Kai r^v 6 narfip autoö Kai f\ Mtittip auroö QavixAlovT^c ini toic 
XaXouji^voic Trepi aÖToO, genau das gleiche Verhältnis zeigt, wie zwischen 
1,64: Koi £XdXet eiiXoTÄv töv 6€6v, und V, 6$: Kai Mveio im irdvrac 
qpößoc Touc TrepioiKOÖVTac aÖTOuc, Kai iv öXq t^ öpeivQ Tf\c loubatac 
öieXaXeiTO Trdvra rd ^rj/iaia. Daraus ergibt sich zum Mindesten, daß 
beim Wegfall des Simeonliedes im Texte nicht die geringste Lücke ent- 
stände und der offenbare Parallelismus zu der Geschichte von der Be- 
schneidung des Johannes an einem weiteren Punkte charakteristisch zu 
Tage käme. — Bestätigt werden diese Worte auch, wenn man beachtet, 
daß der Satz V. 28: euXöfncev töv Geöv, im Evangelium de nativitate 
s, Mariae C. 15 den Anlaß gibt zu dem oben (S, 306) mitgeteilten 
Lobspruch. Erst nachdem dieser mitgeteilt ist, folgt das Nunc dimittis 
mit folgender neuer Einleitung: et festinans adoravit infantem, et post- 
haec suscipiens eum in pallio suo adoravit eum iterum, et osculabatur 
plantas eins dicens. Unter diesen Umständen ist von den beiden an- 
genommenen Möglichkeiten — Verwendung des Liedes durch den Ver- 
fasser der Geschichte ; Einfügung des Liedes in die Geschichtsdarstellung 
durch den Herausgeber des Evangeliums — die zweite die wahr- 
scheinlichere. 

Bei dem Magnificat i, 46 — 55, von dessen inhaltlicher Dishar- 
monie mit der vorangehenden Erzählung schon die Rede war, erkennt 
man die Aufnahme in den bereits fertig vorliegenden Text der Erzählung 
deutlich an i, $6: f|i€iV6V bk Mapidji cüv out^. Nicht bloß schließt 
sich diese Bemerkung inhaltlich eng zusammen mit dem Bericht von 
dem Besuch der Maria bei Elisabet und deren Begrüßung der Ein- 
tretenden V. 39—45, sondern die Anwendung des Pronomens für Elisa- 
bet ist nur verständlich, wenn unmittelbar vorher von dieser berichtet 



r 



I 



Fr. Spitta, Db chronologischen Nolken und die Hymnen in Lc i u. 2. 311 

worden war< Das schUeßt das Lied in V. 46 — 55 aus, auch wenn in 
V, 46 Elisabet wirklich als die Sängerin bezeichnet worden wäre; denn 
so persönlich die Rede der Elisabet in V. 42 — 45 ist, so unpersönlich 
der Psalm V. 46 — 55* Wena Stage in seiner Übersetzung V, 56 wieder- 
gegeben hat durch „Maria blieb etwa drei Monate bei Elisabet*', so hat 
er damit richtig angegeben, wie der Schriftsteller sich ausgedrückt 
haben würde, hätte er selbst das Magnihkat in seine Darstellung auf- 
genommen. 

An dieser Stelle unsrer Untersuchung ist es nicht möglich, an dem 
in die Augen springenden Parallelismus der drei Geschichten, in die die 
drei besprochenen Dichtungen durch den Herausgeber des Evangeliums 
(bezw; der Vorgeschichte) eingefügt sind, vorüberzugehen. In allen drei 
Fällen handelt es sich um eine vom prophetischen Geiste vemnlaüte 
Verkündigung: in der ersten um eine solche der Eüsabet über die Zu- 
kunft der Maria; in der andern um eine solche des Zacharias über die 
Zukunft des Johannes; in der dritten um eine solche des Simeon über 
die Zukunft Jesu, Der Bau dieser drei Geschichten ist so gleichartig, 
daß auch dadurch die in der Zachariaserzahlung am deutlichsten nach- 
zuweisende Störung des ursprünglichen Textes durch den Einschub des 
Psalmes i, 68 — 75 den Schluß nahelegt, es werde sich in den beiden 
Parallelstucken mit d^n entsprechenden Dichtungen ebenso verhalten. 

Es konnte nun scheinen, daß von hier aus die Ansicht von Elisabet 
als der Sängerin des Magnifikat neue Unterstützung bekommen würdei 
und ich leugne nicht, daß ich trotz meiner eingehenden Begründung der 
traditionellen Ansicht, dann und wann Neigung verspürt habe, der von 
mir bekämpften Ansicht beizutreten. Nicht als ob die von mir wider- 
legte Beweisführung Harnacks hinterher doch noch Eindruck auf mich 
gemacht hätte. Bei meiner Auflassung des Magnifikat, als eines erst 
durch den Herausgeber des Evangeliums in den Text aufgenommenen 
Stückes, sind die meisten Erwägungen Harnacks für mich gegenstands- 
los geworden. Es spitzt sich alles zu der Frage zu: Als was hat der 
Herausgeber das Magnifikat in den Text einfügen wollen» als ein Lied 
der Maria oder als ein solches der Elisabet. An sich ist es ebenso 
denkbar, daß der Psalm überliefert wurde als Äußerung der Elisabet wie als 
solche der Maria ; auf beide Personen paßt er so gut und so schlecht wie das 
Hannalied auf die Mutter Samuels. Für Elisabet könnte nach den obigen 
Ausführungen sprechen, daß in den beiden ParallelerEählungen jedes Mal 
der weissagenden Person noch ein Psalm zugeschrieben wird. Aber für 
den Einschub eines Etisabetpsalmes an dieser Stelle, war für den Heraus- 



312 Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i u. 2. 

geber nicht bloß der Parallelismus der Erzählungen der Anlaß, sondern 
vor allem das Vorhandensein eines der Elisabet zugeschriebenen Psalmes. 
Wir müssen nun, da uns über diese Möglichkeit kein Urteil erreichbar 
ist, aus der Stelle, wo der Psalm eingeschoben ist, zu erkennen suchen, 
wer nach Meinung des Herausgebers die Sängerin ist. Andere Er- 
wägungen fuhren nicht zum Ziel: Sagt man, auf Elisabet passen die 
Worte 1,48: dTT^ßXcqicv ini ti^v Tairelvujav ttic öouXnc auToO, im Ver- 
gleich mit I, 2$: oOtuic ^01 Tr€TTOiTiK€V Kupioc dv fm^paic atc direiöev 
dq)€X€iv öv€iö6c ^ou dv dvGpiwTroic, so spricht für Maria der Vergleich 
mit I, 38; iöoü #1 öouXti Kupiou. Meint man, ein Lied der Maria müsse 
hinter der Verkündigung des Engels, also nach V. 38, eingeschoben 
sein, so scheint fiir ein Lied der Elisabet die Stelle hinter V. 25 erst 
recht passend. Was hätte nun aber den Herausgeber des Evangeliums 
veranlassen können, hinter einer Prophezeiung über die herrliche Zukunft 
der Maria einen Psalm einzuschieben, der von der der Prophezeienden 
selbst erwiesenen Machttat Gottes redete? Der Psalm schließt sich un- 
mittelbar an den inbezug auf die Maria gesprochenen Makarismus: 
)LAaKap(a f\ mcreucaca ön ^crai TcXeiiuac toTc XcXaXim^voic aurQ Trapa 
Kupiou. Das ist für den Herausgeber der Anlaß gewesen, eine Äußerung 
des Glückes von Seiten der Maria einzufügen. Und wenn es im Psalm 
V. 48 heißt: iboxj fäp dirö toö vOv inaKapioOciv )li€ irdcat af T^vcai, so 
schien ihm das geradezu hinzuweisen auf die Szene, wo Maria ziun ersten 
Male von Menschen, von Elisabet und dem Kinde, das sie unter 
dem Herzen trug, als Messiasmutter beglückwünscht wurde. Somit wird 
die weit überwiegend bezeugte Lesart in V. 46: Kai eirrev Maptd^, doch 
wohl die älteste sein, und das sporadische Aufboten der Variante *EXi- 
cdßcT auf ein Schreiberversehen zurückgehen oder auf Reflexionen, wie 
deren oben einige abgewiesen worden sind. 



Die Frage, ob die drei besprochenen Hymnen von Anfang an den 
betreffenden Erzählungen angehört haben oder ihnen erst später durch 
den Herausgeber des kanonischen Evangeliums eingefugt worden sind, 
ist, soviel ich weiß, bei dem Lobgesang der Engel 2, 14 überhaupt 
noch nicht aufgeworfen worden. So sehr hat man sich von Jugend auf 
an die holdselige Weihnachtsgeschichte und das in ihrer liiGtte auf- 
leuchtende Gloria gewöhnt, daß jene Frage in bezug auf den Lobgesang 
der hinmilischen Heerscharen, wenn auch nicht als Vermessenheit, so 
doch als grobe Geschmacklosigkeit erscheinen müßte. Und doch wird 
es nötig sein, diesen Fall wenigstens in Erwägung zu ziehen, nachdem 

x6. tu X906. 



r 




festgestellt worden ist, daß das Gloria das Fragment eines nicht vom 
Verfasser der Geschichte stammenden Hymnus ist, und daii die anderen 
drei in Frage kommenden Erzählungen erst später eingefügt worden 
sind. 

Ist erst einmal die Aufmerksamkeit wach geworden, so läßt sich ja 
auch garnicht verkennen, daß der Zusammenhang des Berichts keines- 
wegs so selbstverständlich ist, wie er uns aof den ersten Anblick er- 
scheint. Die Erzählung von dem Auftreten der jubilierenden Engel- 
schar, V, 13 und 14, unterbricht ziemlich unmotiviert den Bericht von 
der Verkündigung des Engels an die Hirten und von dem Erfolg dieser 
Verkündigung. Von einem Eindruck der Erscheinung des Himmels* 
heeres auf die Hirten weiß V, ij nichts. Wenn sie zu einander sprechen; 
bUXöuupev btrj luuc BnOXe^M KCtl ftujMCV t6 f>r\pLa toöto tö t^Tovöc 8 6 
KÜpioc dfv^picev fi^iv, so bezieht sich das natürlich nur auf die Ver- 
kündigung des Engels V, 10—12. Die Fortführung der Erzählung in 
V- 15: Kai iyiveto \hc dnnXGov &n ctuTÜiv ek t6v oupavöv oi ätteXoi, 
knüpft allerdings an den Bericht von der Erscheinung des Himmels- 
heeres an, aber die altlatcinischen Zeugen (bceff*lq) haben: discessit-, , 
angeluSj also eine Wendung, die ihre Parallele hat in der ersten Engel* 
Verkündigung von dem Erscheinen des Messias 1, 38: dTrfiXOtv dir* airrnc 
6 fifT^Xoc. Hätten wir es hier mit einer späteren Korrektur zu tun, so 
bewiese sie wenigstens, wie stark man V. 13 und 14 als eine Unter- 
brechung der Erzählung empfand. Aber es scheint, daß sie tatsachlich 
der Rest einer älteren Textgestalt ist 

Der sinaitische Syrer liest in V. 13: „und sofort sind bei ihm er- 
schienen Kräfte und Engel des Herrn vielem Das dem ,,mit ihm** in 
der traditionellen Textüberlieferung entsprechende c(jv tu) dfr^Xtp hat 
Blaß in seiner Textaüsgabe eingeklammert. Tatsächlich üest der Alt- 
lateiner b nur: et subito facta est multitudo exercitus coelestium. In a 
steht cum illis =^ cüv aÖToTcj im Cod, 700 ; ctrv tu» Xotiu* Diese Varianten 
lassen es als sehr wahrscheinlich erscheinen, daß die älteste Lesart von 
dem Syrer aufbewahrt worden ist, also „mit ihm = civ aÖTip^ Hieraus 
erklärt sich die Fülle der Varianten; Das traditionelle cüv tüj dtT^^H' 
setzt an Stelle des Pronomens das vermutete Nomen, den Engel der 
Verkündigung, Aus der Empfindung heraus^ daß man nicht bei diesem, 
sondern bei den Hirten die Erscheinung des himmlischen Heeres be- 
richtet 2u sehen erwartet, korrigiert a cuv aÜTolc und b streicht das 
unbequeme cuv auTUi vollends- Der Cod, 700 endlich findet in cuv 
aÜTiij eine Beziehung auf das Kind, den Fleisch gewordenen Xdtoc. 



314 Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i o. 2. 

Auch Merx deutet das „bei ihm" des Syrers auf das Kind, von dem 
V. 10 — 12 die Rede gewesen. Daß diese Beziehung die nächstliegende 
ist, bedarf keines Beweises. Ob der Syrer selbst sie gehabt hat, ist 
allerdings die Frage; denn dann gehörte V. 13 und 14 mit zu der Rede 
des Engels der Verkündigung und in V. 15 müßte wie in den Alt- 
lateinem nur von diesem zu lesen sein, nicht aber „Nachdem diese Eingel 
von ihnen gen Himmel gegangen waren". Freilich heißt es auch in V. 9: 
„es erschienen ihnen Engel**, wonach also bei der Verkündigung selbst 
schon eine Mehrzahl von Engeln gegenwärtig gewesen sein müßte, und 
auf diese, nicht auf die Engel in V. 13 f., würde sich dann der Plural in 
V. 15 beziehen können. Es scheint aber, nach den Darlegungen von 
Merx, im syrischen Texte eine Korruption vorzuliegen, da in V. 9 auf 
„es erschienen ihnen Engel** der Singular folgt „da er stand**. So liegt 
in der Tat die Vermutung nahe, daß ursprüngiich in V. 9 gestanden „es 
erschien ihnen der Engel** und daß der Plural in V. 15 vielleicht nur 
durch die Textverwirrung in V. 9 bedingt ist und also ursprünglich 
V. 15 gelautet hat wie bei den Altlateinem. 

Nach dem Texte in ältester Form wäre also das Gloria kein Gesang 
der himnilischen Heerscharen für die Hirten, nachdem ihnen die Weisung 
geworden, sie sollten nach Bethlehem gehen und dort das neugeborene 
Christuskind ausfindig machen, sondern ein Gesang für das Christusldnd 
selbst. Daß diese Verwendung des Liedes die einleuchtendere ist, be- 
weisen die mancherlei freien Ausgestaltungen der Weihnachtsgeschichte, 
die Eingelgesang an der Krippe erklingen lassen. Geradezu findet sich 
die Stellung des Gloria im Bericht von der Geburt Christi im Evangelium 
de nativitatae s. Mariae c. 13. Dort heißt es: et ibi (Maria) peperit 
masculum, quem circumdederunt angeli nascentem et natum adora- 
verunt dicentes: gloria in excelsis deo et in terra pax hominibus bonae 
voluntatis. Der Hirtenszene geschieht daneben in folgender Weise Er- 
wähnung: nam et pastores ovium asserebant se angelos vidisse in medio 
noctis hymnum dicentes: deum coeli laudate et benedicite, quia natus 
est salvator onmium, qui est Christus dominus, in quo restituetur omne 
regnum Israel Diese Umgestaltung der Geburtsgeschichte geht offen- 
bar auf die Überlieferung zurück, die in Lc 2, 13 cuv aurifi liest und das 
auf das neugeborene Kind bezieht» dem die Engel ihr Gloria bringen. 
Inunediin berührt das Zitat des Liedes in der Rede des Verkündigungs- 
engels merkwürdig; oder s<^te das nur die Folge des Ungewohnten 
sein? Merx hat die Sache so aufgefaßt, daß der Engelgesang von dem 
Verfasser verstanden worden wäre ab Kennzeichen des Messias für die 



Fn Spittat Die cfaronologischen Nodzcn und die Hymnen In Lc i u.2. 315 



I 



I 



ihn suchenden Hirten; Windeln und Krippe eigneten sich nicht dazu, 
es müsse vielmehr etwas hinzukommen, wodurch bezeugt werde, daß es 
sich nicht um ein gewöhnliches Kind handle, sondern um den Messias* 
Diese Erwägung scheint mir nicht zutreffend zu sein* Daß es sich nicht 
um ein gewöhnliches Kind handelt, dafür ist die Engelsbotschaft an die 
Hirten Zeugnis genug. In V. 12 handelt es sich nur darum, daß die 
Hirten wirklich das vom Engel gem^nte Kind finden j dazu bedarf es 
nicht noch einmal des Eintretens von Engeln* Überdies läßt sich jene 
Ansicht nur durchführen, wenn man mit Menc annimmt, der Ursprung* 
liehe Text habe nicht gelautet: sind erschienen iteveto, sondern: werden 
erscheinen Ttvr|ceTai, und die Erfüllung der Voraussagung vom Erklingen 
des Gloria sei in V* 17 und 18 „durch eine Banalität ersetzt", Marx 
muß gestehen^ „Aus welchen Gründen hier überarbeitet ist, bleibt un- 
deutlich/' Unter diesen Umständen ist kaum zu erwarten, daß seine 
sehr kühn mit dem Text umspringende Deutung Zustimmung finden 
werde* 

Dann erhebt sich aber von neuem die Frage, weshalb der Bericht 
vom Erklingen des Engelsgesanges nicht in der Erzälilung von der 
Geburt Jesu, also hinter V* 7, berichtet worden sei. Wäre die Erzählung 
aus einem Guß, so würde aller Wahrscheinlichkeit nach hinter dem Bericht 
von der Geburt Jesu und seiner Aufbewahrung in Stall und Krippe, 
V, 6L, erzählt worden sein, daß und was die Engel ihm gesungen hätten. 
In der Rede des Engels aber würde wohl eher vor als nach V- 12 kuix 
des Grußes der Engel gedacht sein. Diese Tatsache in Verbindung 
mit den Beobachtungen, die wir an den drei andern Hymnen gemacht 
haben^ legt die Vermutung nahe, daß die Erwähnung des Engelgesangen 
wahrscheinlich erst durch den Herausgeber des Evangeliums in den 
Zusammenhang der Geschichte eingefügt worden ist Weshalb er das 
nicht hinter V. 7, sondern hinter V. I3 getan, dafür weiß ich keinen 
Grund anzugeben. Das hierin sich zeigende Ungeschick ist aber unter 
allen Umständen eher einem Interpolator als dem Verfasser des einheit- 
lichen Berichtes zuzumuten. 




Was folgt aus alledem für den Ursprung der vier in Lc 1 und 2 
benutzten Dichtungen? Daß wir hier die Anfänge christlicher L>Tik vor 
uns hätten, ist eine ganz unhaltbare Annahme. Wenn der Verfasser des 
Evangeliums in 19, 38 zwei Zeilen des Egelliedes dem Jüdischen Volk 
beim Einzug Jesu in den Mund legt, so kann wenigstens er das von 
ihm zitierte Lied nicht für ein christliches gehalten haben* Die oben 



3l6 Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i o. 2. 

erwähnte Verwandtschaft mit dem Kaddisch bestätigt den jüdischen 
Ursprung. 

Was das Magnifikat betrifft, so enthält es anerkanntermaßen keinen 
Zug, der es über die Linie des Jüdischen hinausfuhren würde. Selbst 
eine christliche Bearbeitung in V. 48 kann ich nicht für wahrscheinlich 
halten. Eine Heldenmutter in der Zeit der makkabäischen Kämpfe hätte 
sich ähnlich äußern können. 

Was den Psalm des Zacharias betrifft, so tritt er in eine ganz neue 
Beleuchtung, sobald man erkannt hat, daß er nur i, 68 — 75 umfaßt, die 
Prophezeiung über die Zukunft des Johannes i, 76—79 dagegen nicht 
dazu gehört Zwischen diesen beiden Stücken tritt der Unterschied 
jüdischer und christlicher Darstellung ganz besonders deutlich hervor: 
Vergebung der Sünden, Errettung aus Finsternis und Todesschatten, 
Hinleiten auf den Weg des Friedens — das sind die messianischen 
Aussichten in der Prophezeiung i, 76 — yg; Errettung von den Feinden 
durch das Hom im Hause Davids, das ist die rein jüdisch gefärbte 
ZukunftshofTnung im Liede i, öS — 75. Freilich dürfte es schwer sein, 
nachzuweisen, auf wen das K^pac cuiTTip(ac iv oTKifi Aaueib sich beziehen 
könnte. Ob „in Davids Hause" nicht bedeutet aus Davids Geschlechte, 
sondern nur in dem israelitischen Königtume, oder ob hier die Hand 
eines christlichen Korrektors sich zeigt? Ich wage nicht zu entscheiden. 

Was endlich den Psalm des Simeon betrifft, so ist darin überhaupt 
von der Person des Messias nicht die Rede und auf die Jesu weist 
vollends gamichts hin. In der Art von Deuterojesaja wird eines Heues 
gedacht, das Israel auf offenem weltgeschichtlichen Schauplatz zuteil 
geworden ist zum Zweck der Erleuchtung der Heiden und der Ver- 
herrlichung des Volkes der Verheißung. Für eine solche Äußerung hat 
die Zeit der israelitischen Freiheitskämpfe von Antiochus Epiphanes bis 
Pompejus oft genug Anlaß gegeben. 

Aber nun fragt es sich: Wie kommt der Verfasser des 3. Evan- 
geliums dazu, die vier jüdischen Lieder den betreffenden Personen in 
den Mund zu geben? Das erklärt sich doch wohl nicht allein daraus, 
daß sie ihm bekannt geworden sind, da ja nachgewiesen ist, wie die 
Psalmen der Maria, des Zacharias und des Simeon keineswegs gut in 
den Zusammenhang passen, in dem sie jetzt stehen. Man muß doch 
wohl annehmen, daß er sie kennen gelernt hat mit den Überschriften 
Tf\c Map{ac, toO Zaxapiou, toO ^l^€U)VOC, vielleicht als Stücke einer 
Liedersammlung aus altchristlicher 2^it. Dabei ist es möglich, daß diese 
Namen wirklich diejenigen Personen bezeichnen, die in Lc i. 2 auftreten. 



Fr. Spitta, Die chronologischen Notizen und die Hymnen in Lc i u. 2. 317 

und denen sie von der Urchristenheit in den Mund gelegt worden sind, 
ohne daß sie als die Dichter gelten könnten — analog dem, was uns in 
den Überschriften des alttestamentlichen Psalters begegnet. Möglich ist 
aber auch, daß jene Überschriften eine geschichtlich richtige Notiz 
bringen, daß aber die Verfasser mit den oft vorkommenden Namen 
nicht identisch sind mit jenen am Ursprung des Christentums stehenden 
Personen, und daß nur die Gleichheit der Namen dem Herausgeber zum 
Anlaß wurde, die Psalmen in der Vorgeschichte des Lebens Jesu zu 
verwenden. 

Etwas anders muß es mit dem Gloria stehen. Wenn in Lc 2, 13 f., 
wie wir nachzuweisen suchten, ein Zusatz des Herausgebers des Evan- 
geliums Hegt, • so unterscheidet er sich von dem der drei besprochenen 
Psalmen dadurch, daß er ein neues Stück Geschichte mitbringt (V. 13), 
und daß er die Dichtung nicht ganz auffuhrt, sondern nur ein Zitat von 
drei Zeilen gibt. Das läßt vermuten, daß der Herausgeber hier den ihm 
vorliegenden Bericht ergänzt nach einer anderen ihm bekannt gewordenen 
Geburtsgeschichte, wie er ähnliches ja i, 34 — 37 getan hat. Dem Ur- 
sprung des zitierten Liedes selbst weiter auf die Spur zu kommen, dient 
uns vielleicht die oben herangezogene Parallele Lc 19, 38. Es ist doch 
wohl nicht zufallig, daß es sich an beiden Stellen um ein Lied handelt, 
das angestimmt wird beim Erscheinen des Messias: Lc 2, 14 begrüßen 
ihn damit die Engel bei seiner Geburt, Lc 19, 38 die Jünger bei seinem 
Einzug in Jerusalem« Nimmt man hinzu, daß die in den vier uns er- 
haltenen Zeilen geschilderte Glückseligkeit im Himmel und auf Erden 
ihre Parallelen hat an Stücken wie Psalm 72, so liegt die Vermutung 
nahe, daß wir es hier zu tun haben mit den Bruchstücken eines Königs- 
liedes, in dem die Späteren eine Beschreibung des Glückes der messia- 
nischen Zeit sahen. 



[AbgeschloMen am 31. Okt. 1906 ] 



3l8 F. C. Conybcare, The Gospel Commcntary of Epij 



The Gospel Commentary of l^iphanius. 

Bj F. C. Co ny fa ci e, Oxford. 

The foUowing text is taken from an Armenian codex piieserved in 
the libraiy of San Lazaro in Venice, written on paper in double columns 
in a small cursive band on 322 pages in the year of tfae Annenians 
1198-= 1750. The codex is entitied within as foUows: *The book called 
of the blessed Epiphanius archbishop of Constantia in Cyprus. Homifies 
on the original text (?) of Genesis and on the gospel preachings ac- 
cording to Luke." The Armenian version is in the classical idiom of the 
fiftib centuiy, and is at least as old as Moses of Khoren ^dio cites it in 
his histoiy. Parts of it, e. g. the History of Joseph, are found in the 
twelfth Century codex Paris. Anc. Fonds Arm. 44, of the Bibliotheque 
nationale. The frequent appeab to Jewish tradition and Jewish Rabbis as 
his source encourage us to suppose that the author of this work was 
really Epiphanius, although Armenian scribes have certainly interpolated 
it here and there. In the following |>ages I merely translate a few exccrpts. 

Fred C Conybeare. 



On Genesis and Ltike. 

(The creation of maxu) 

(F. 25) . . . God the word took clay from mount Sion, called ac- 
cordingly Sion the mother, and water from the brimming spring which 
ran down by the ravinc of Gesameni, the Kedron, which lang Hezeldah 
and the prophet and others afterwards laid waste, for they were often 
straitened by inroads of the gentiles, and they permitted a little {seil, of 
the water) to pass out which \s now called Selowam, and is translated 
'Senf {pr Apostle). But he also took fire from the effulgent sun's rays, 
and air from the holy-gleaming space which is near imto heaven's firma- 
ment, and with holy wind he mingled <it> of one weight, as also the 
Clements in one measure. But it is also said to be one name, and is 



F. C, Conybeare, The Gospel Coniinentary of Epiphanius, 



3t9 



named of wind and ain So with his divine hands he framed man, out 

of the five matcrials; and tlaen out of liis ovvn godhead by afflation he 
endowed him with üfe, equipping and fashioning hinn with five setises, 
in essence likc to God through grace, as indced spake he that is the 
Lord of gloiy, Let us make etc 

(F. 28.) And God said, It is not good for the man to be alone. 
And he forthwith laid a trance on him, at the spot where he was 
himself to sleep upon the cross for three hours, In like manner also 
the lirst father siept for three hours. And he took from the ribs on 
his right side the innermost (or lowest) one, which is the sroallest of 
all; and he filled in beneath it flesh, and made it into a perfect woman, 
with divine and hidden mystery, just as today our body is forraed by 
remaining in a raother's womb . . . 

Now in three hours the Lord wrought this. And it was about tlie 

ninth hour of Friday And he took Eva by the right hand, and 

led her to Adam, and with his divine right hand he laid Eva's in the 
right hand of Adam (ms. Moses), as the priests of holy church have 

learned to do And again the Lord rested on the place of the 

holy cross, and made Adam rest on hfs right hand, and Eva on tlie 
right of Adam, And he raised his diiane right hand and blessed tJiem, 
and made Adam known unto Eva; and he melted with compassion for 
her, inspired thereto by divine passionless love, as today Christ for his 
bride the church. And he said, This now is bone of my bone and flesh 
of my flesh, She shall be calied Life, for she hath been taken out of 
her husband. And he rose up and set them factn^ the east on his 
right hand, and opcned the firmament of heaven unto theoi, laying his 
divine right hand on the head of Adam. And he again blessed him, 
bestowing on him the grade of priesthood and the dignity of kingship, 
and furthermore the spirit of prophecy. And God became their shetter 
and defence. 



On Mekhisedic. 




(F. 56) Arphaksath begat Melcbi father of Sedek, and Melchi begat 
Sedek. And when Sedek was 30 years of age, Sem besought for him 
of his fathers that they would allow him to follow him of his own will 
wherever he should go* And with secret Intention by night they two took, 
as if loosing the yokes of asses^ the precious reUcs of Adam and of 



320 F. C. Conybcarc, The Gospel Commcntary of Epiphanius. 

Eva. And they came to the land of Palestine which being interpreted 
is the place of the arena (asparisi) of battle and war. 

And there they found amidst leafy trees, nigh unto Qapara, a cave 
dug naturally by the creator and by no man. For there was no man 
in this land, before the ark was brought thitherwards. And there in the 
cave they placed the relics of Eva, and with prayer committed them 
to God. But they took the relics of Adam, and went up into mount 
Sion, out of which were fashioned the first father and first mother. And 
Sedek said, Unto where Sem? And the name of the place was called 
Jerusalem until this day. And thence under God*s guidance they came 
to the place of Salvation called Golgotha, because there they laid the 
skull of Adam« And the place was high up . . . and they prayed and 
entrusted the relics to God. 

And Sem began to speak to Sedek and said : My son and my hope 
in the God of my fathers, thus hath it been conmianded me by the 
Lord as we have done. And now again I speak by his command: that 
thou remain here and minister unto our holy father and mother, who 
were planned and made by divine holy hands of the creator, who for 
their sake made all creatures. . . And thou wilt receive as thou deservest 
from the most High anointing of priesthood and honour of kingship, 
being long-lived, as it were etemal, from generation to generation, until 
the Lord, the son of creation (pr creatures) shall truly copy Thee. 
Thou art a priest for ever after the order of Melchisedec, and the Lord 
is on thy right hand. 

. . And without sweat or labour thou shalt be fed by holy angels 
waiting on thee. Old age and sickness shall not come upon thee, but 
thou shalt remain, alive, glorious of God and through men praising and 
glorifying the creator, of our father Adam. But near the end of the 
World, in the days when shall be bom of a holy virgin the maker him- 
self of Adam, upon the relics of Eva, — in that very watch of Salvation 
shat thou be gathered unto thy fathers, the angels of God passing on 
thy holy spirit sweetly and not with bittemess. And do thou my son 
lay up in thy mind all I have told thee. 

But he stood before him bowing his head, and listened, and shed 
tears, and tried to stifle his tears, but could not But the father Sem said 
to him, Why thus bitterly weepest thou, my son? I know that for lack 
of fathers and home and brethren thou doest so. And he said: Yea, 
but I will do the commands of my creator sevenfold more than of 
father and mother. And Sem blessed him with God's blessing, and they 






raised htm up and set him before the relics of Adam, and they adored 

and kissed the ho!y spot and the relics^ and with great bulwarks they 
surrounded it . - . And Sem kissed him and embraced him» and with tears 
bedcwed the godltke countenance of Üie young Sedek, for in it imaged 
forth was seen Christ the son of God, And he blessed him *Gods peace 
be with thee always, my son\ And he satd: *Amen/ 

Pbidem p»66 of the Same, Called Rest (?),] Now in the reign of Anti- 
patros of Ascalon whom Augustus, Caesar ofRome, made king ofjüdsea, 
Zacharias was chief priest, son of Barek. There was a certain ruler faithful 
of the race and house of David named Joachim, and his wife of the tribe 
of Judahj and both were barren. And they entreated the Lord witfa 
much sollicitude and tearfui prayers, and the Lord heard their prayers^ 
and gave them a child a dayghten And they toc^k her, the elect one 
as she was a gift from God s hand, and with all their family and intimacy 
they gave thanks to the Lord God of Israel, and reared her with great 
care and in the law of God according to the Lord*s command. And 
when she was three years old, they carry her before the Lord, into 
tlic holy temple with gifts and oflferings; and the high priests blessed 
her, and the aged Simeon did the same. And in her fifth year . , . ' And 
after that Joachim died, father of Mary the holy virgin, and was gathered 
to his fatliers. And when the holy virgin was eleven, again they carried 
her with great offerings into the Lord's house, and she was blessed alike 
by priests and chief priests ; and they returned thence home, glorifying 
the God of IsraeL And when her mother Anna died, the holy virgin 
was left an orphan without father or mother, having God for fatlier, and 
the Lord was with her. **My father and mother left me, but my Lord 
received me'*. And Elisabeth took and carried her to her home, kept 
and nourished her, and ministered <to her> as to a temple of God* 
For Elizabeth was sister of her mother Anna, And since the virgin 
was vowed to God, Elizabeth and all her household took and led her 
with offerings to the holy temple as the law required. And the holy 
vii^n was of eleven years and remained in the service of the Lord God 
of Israel in the midst of the temple from mom tili eve, with prayers 
and also tears praying to the Lord for the peace and salvatton of all 
the World, of Jews and gentiles, That this day and for ever she might 
ask the pardon of all the world, especially of faitliful Christians* And 
she remained in the Service of the temple of God for three years 



t The phr&sc is not ünisbed in tht MS, 



322 F. C. Conybcare, The Gospel Commentary of Epiphanius. 

joining an angelic life with her spotiess soul, with the allholy trinity 
God/ whom she reconciled with all creatures. And she was herseif fed 
by the holy angels. There were also other viigins vowed to the house 
of God; for ever since they heard the words of God spoken through 
Esaiah the Prophet, Behold a virgin shall conceive and bear a child, 
they began and kept guard and outpost thus; but there was none like 
to the holy virgin Mary. And her father was a son of David, and her 
mother of the house of David and of the daughters of Levi. And it 
was because of the längs and priests being providentially mingled with 
each other that they were allied in blood to one another. Wherefore 
the virgin Mary had the grace of priesthood and honour of kingship, 
but also she was much adomed by tlie spirit of the fear of Grod. 



About the giving of the holy virgin into the temple of the high 
priest So then when she was fourteen years old, the chief priest 
Zachariah began to think, and as he was Struck dumb, he conimunicated 
in his own handwriting with the aged Simeon and with the chief priests 
and eiders conceming the holy virgin Mariam, to give her into the 
keeping of a trusty man until the completion of her fifteenth year. For 
the Hebrews had a law handed down in the tradition of the eiders, to 
give the bride into the house of the bridegroom, or for receiving the 
bridegroom into the house of the bride. And this according to the 
possibilities * of the households they did, in order that by seeing each 
other for one year they might salute and please one another; but in 
case they were not pleasing, the contract might he rescinded. 

They took the same course for the virgin in whom God dweüed, 
and mustered all the presbytery^ of the children of Israel from the twelvc 
tribes, those whose lives they knew by testing; and in the name of the 
Lord God of Israel they cast lots. And it feil to the lot of the spotiess 
and faithful [man Joseph, who was also of the house and race of David, 
and he was honored by God with priestly dignity. And he had a wife 
Marim, sister of Anna mother of the virgin Mariam, out of whom he 
had begotten four sons and three daughters. And the virgin Mariam 
feil to the lot of guardianship of the Lord* by bebest of the Lord. 
And he took and received her as if from the hands of God, and led 
her into his house. And there were with her Simeon and Joseph his 



» Gramm ar lacks. » or capacities. 3 or Senate. 4 ? Joseph. 



F. C. Couybeare, The Go^el Commentary of EpipbaDius. 323 

sons, and Solome his daughter; and thcy walked in joy glorifying Go4 
And Marim/ the wife of Joseph, when she beheld thc daughter of her 
sister Anna, exulted and rcjoiced, and said: If Anna my sister should 
today come to us from the daad. And she threw her arms around her 
and out of her unmeasured love shed tears and wept. And the damsel 
remaincd with unspeakable lowliness and joy and gentleness and waiting 
on all was their servant, But they all waited on her, as if out of fear 
and reverence for God. And Marem (sie) the wife of Joseph was near 
to bringing forth Jacob the less, and the virgin Mariam had been in tlie 
house of, Joseph about eight days, when his wife bore Jacob, whom also 
they call the less ; whereforc also at his conception Joseph and his wife 
had made a vow to God, not again to come togethen For thus they 
spake: Seven (chiidren) have we born, like Anna, after barrenness, and 
let this suffice us. So they left one anotJier alone, and gave themselves 
up to the Lord God. 

But we have heard from some that they said that Marem the wife] 
of Joseph was also dead ; but it was not so ascertaincd by us, However - 
tliis (and) many Üiings hard to understand we accurately leamcd from 
doctors of the Jews and ancient chroniclers, and them we have exhibited 
and set forth truly and surely; so that no one may waver here and there, 
and utter any thing harmful, and injure his soul. 

So then as we have related about the God-taught and gentle virgin 
Mariam, how with unspeakable lowliness she waited on her mother's 
sister, and on the sucking child, Jacob the less; and she w^as touched 
to pity in her divine holy love for them. But also she neglected not» 
while so doing, the appointed and usual prayers to God at noon and 
eventide. For when she entered tlie house of Joseph, the first thing 
she asked for of her mother*s sister was that she might have a place 
of prayer of her own apart from all And she had a garden deeper 
than the apartment belonging to her; and this garden was shut in by 
a wall all round without and within, being near to a spring, whence 
entered within the wall water by a canal^ to irrigate the flowers and 
trees of the garden; for the garden and flower plot were protected by 
doors and bolts, so that one entering in could shut tliem fast; but no 
one from eise \^^ here could enter in there, except the person within shoiild 
open the doors. And Joseph had made it so because of his house and 

1 ,1/aremay in the Armenianp the geniti^e of Marim or Mtn«.m equally, 
* kayamir? 




324 F. C. Conybeare, The Gospel Commentary of Epiphanias. 

his daughters. Marem sister of her mother Anna had appointed this 
place of prayer and repose for the holy and blessed virgin. And she 
regularly went in at dawn and eve to pray to the Lord God of Israel, 
entreating for peace and atonement of his creatures, yea and also for 
salvation of souls. But also she continually looked toward the lofty 
throne that passes understanding and comprehension, in divine vision, 
in holy and sober meditation, and outloud <she repeated> the prophetic 
words: Have fear, with supplication and tearful prayers, with arms 
outspread to heaven and gazing over against the temple of God. And 
again she would prostrate herseif in the godlike image upon the ground, 
and say: My Lord and God, in whom wilt thou be pleased, who knowest 
all? As thou indeed hast said: I will have mercy on whom I will have 
mercy on, and will pity whom I will pity. So then have mercy and 
pity, and arise Lord in thy repose. Because it is time for thee to arise, 
for thy law is set at naught. So now awake in thy invincible might, and 
come to make us alive. 

This and the like words to God, of the prophets, about the Coming 
of the Word into the world, she had leamed through the holy spirit; 
and she had them also written down, and knew it all, and in these 
(words) she sent up her prayers to God at dawn and eve. 

So then on the sixth of april according to calendarial art, and ac- 
cording to the lunar numbering of the Jews on the tenth of the moon, 
the day on which they shut up the lamb hidden with divine mystery, 
whence also by supernal command these two met on one and the same 
day, on the sixth of April, and the tenth of the moon, and the image 
of the day is Kyriake, the lamb was shut up in the spotless womb of 
the holy virgin, he who took away and takes in perpetual sacrifice away 
the sins of the world. For the holy virgin Mariam * was at prayers in 
her garden of which above we spake. And she had with her skeins, 
scarlet and purple for making the veil of the temple; that when her 
prayers were ended, she might work and weave, and then she went 
.out to draw water in a vessel for her needs; and shutting the door of the 
garden tightly from within she secured it, as aforetime was her custom, 
lest anyone should enter and hinder her prayers. And at dawn she 
began to pray to the God of Israel with tears and entreaties, and besought 
on her knees tili the third hour of the Great Sunday. And as she thus 
prayed she exulted because she saw füll opposite the Lord God of 



X Spelled Ä^m, 



F. C. Conybeare, The Gaspcl Commentary of Epiphanius, 325 

Israel who was in very troth. And as she prayed she feil on her face, 
fainting and in a swoon, as is written; My heart and my body swoonedi 
God of my heart, my poition art thou, God eternally* And this praycr 
for our sals^ation she made with entreaty. 

And she rose up and extended her holy arms cross-wise and said; 

Lord God, who sittest upon the many-eyed cherubs and in songs 
of praise art exalted with never silent voices by all the choir of watchers 
who cease not from acclaiming thee holy^ unto glory and praise of thy 
'dread holy name. Harken now nnto thy handmaid, an orphan without 
father or mother, for thou art father of the childless. So hear my prayer 
and remember the Word of thy scrvant, my father David. Thus and 
the like from the holy prophecy of her father she recalled, not forgetful 
of the nature of God; for she had also learned the 150^^ psalm; and 
this and similar divine matters the holy virgin knew, For she knew all 
in spirit and in letter , . . 

(The annunciation is then related in a conventional mannen To- 
wards fixing its date Epiphanias recurs to the incident which befel 
Zachariah in the temple) . • » 

(F. 74) Zachariah remained until the completion of the two feasts, 
twelve days, and it was on Tisri 22, on the fifth day of the week <that 
he feil dumb>, and on the Friday {uröaih) he went home and came 
in to his wife Elisabeth and she conceived at eventide of Urbath the 
üghtgiving torch which was to precede the sun of righteousness. So 
that from that day until Nisan, the 6^^ of April there are sYj months, 
a point set forth by the holy archangel when he said *In the sixth 
month'. But it was also the $$00^ year from the ftrst man to the day 
on which the holy virgin received the annunciation from the holy Watcher 
of God. Consequently in the sixth age, do proclaim all teachers of 
Christas church. Likewise the fkvo. and a half months were calied six 
by the holy angel The ages were also set down to be 5'/j, And 
why was it proper so to be? Because on the sixth day God made 
Adam and btiilded Eva out of him* Therefore is all this marvellous 
mystery designed as it is* _ . * , 

It befell at the third hour, and the iroage' of the day was Kuriake; 
but as some say the fourth of tlie week, though our conviction is other- 
wdse, and why? Because on the Kuriake God said, Let there be light, 
and on the same day of Kuriake the increate light God the word chose 
to become created light from the virgin . , , - 

1 1. e. nafne. 




326 F. C. Conybeare, The Gospel Commentary of Epiphanius. 

(F. 84) And on the veiy day of the great Kuriakfi at the third 
hour all creatures were saved, and freed from servitude of the enemy. 
Furthermore all the heavenly hosts received the fragrance of life, which 
once at the creation from Adam they had received. Likewise on the 
great and marvellous divine annunciation feast .... 



(F. 85) Of the same. On the visit of the virgin to her kinswoman 
Elisabeth. Gospel according to Lc i, 39. 



Mariam arose in those days etc. 

Why does the Evangelist so immediately relate her visit? For after 
the salutation of the archangel, when she became a tenement of God, 
she remained that day entire, filled with exultation and joy; and j>er- 
ceived herseif through the same spirit to be purified from all necessities, 
and from the bodily affections, renewed* in some new way to the 
honour and glory of God the son. For hers was a miraculous and un- 
translatable matter which the beginningless word began to effect. There- 
fore on the third day the virgin desired to confirm still more surely the 
archangeFs words, unto the sure and real faith of herseif and of all who 
looked for the salvation of Israel. And she said in a sober and gentle 
voice to Marim the wife of Joseph, the sister of her mother Anna. My 
lady and mother, supplicate for mysake the Lord Joseph, that I may 
go Jo Jerusalem before you. For the feast of Zatik was near at hand, 
after a few days, and all Israel was to meet there. But the virgin was 
in haste, because of God's matter, a holy and hidden mystery. And she 
yielded to the prayers of the holy virgin and spake to Joseph, who 
listened and at once bade his two sons Simon and Jesse and his daughter 
Solome be ready to go with her. And they with promptitude went 
before, and the virgin came in haste on the second day at the ninth 
hour, and the image of the day was the third of the week. And the 
holy virgin entered God*s temple and worshipped before the Lord Grod 
of Israel, with voice of thanksgiving; and those with her. And they 
went forth and came giving salutation from house to house. Because 
the city of Juda lies to the west of Jerusalem , and is in a mountain 
district, what today is named St John, because the holy forerunner John 
was therein. And having entered the city of Juda they came to the 
house of Zachariah 

* or renewing. 



F, C, Couybeare, The Gospcl Commentary of Epiphanius* 



327 



(Here thc codex leaves nearly 27s columns blank, pp, 86 and 87. 
The magnificat and visit to Elisabeth are then explained at length) . . , , 

(F- 95.) Wherefore Simon and Jose returned after tlieir father and 
mother and sisters, since they had all together come to the feast of 
Zatik, But thc virgin and Solome remained with Elisabeth about three 
months .... Elisabeth beheld wtth the eye offaith as in a lookingglass^ the 
Creator of all things coagulated in the virgin's womb in flesh* And there- 
fore she told her, supplicatingly as if imploring, to go forthwith to Nazareth. 
So the virgin being gentle and lowly listened to her, and spoke to 
Solome, and they sent word to Joseph at Nazareth, And he sent Simon 
and Jose. And they came and brought the virgin holy and their sister 
to their home, and she saluted them and bowed to the holy priest 
Zachariah, for he was stiU dumb, But he rose up and called with a 
gesture of his hand the holy virgin, and with pure divine love bade her 
farewell, and blessed her with tears .... And they went straight to their 
home, and when they approached Joseph and his wife Marem, he went 
forth to meet them with every one eke^ and they entered his house 
and rejoiced and thanked God. But the vii^in would not at once sit 
down and rest, but went and entered her garden, where she received the 
tidtngs from the holy watcher, and feil to praying . , * . 



Of tlic same. Aboüt the holy baptist. 

(F. 106) This also is a mine of wisdom, that the testimony of the 
archangel (s€, to Joseph) be to us an assurance of our faith, and stop 
the mouths of the impious. For <she possessed> the by nature uncon- 
tamLnated and onconfused Channel (? aru) of blood, and was a sister of 
the just Joseph* For Anna mother of the virgin was daughter of Kleo- 
phas, and Joseph was brother of Kleophas. But the watcher called her 
wß^, saying, Joseph, thou son of David, fear not to take unto thee 
Maria m thy wife etc. . . . - See how at once the just man did the biddfng 
of the angeL When he heard he wavered, not for a second vision and 
a third wife,* but eagerly through his faith in God took unto himself 
his life. 

(F. 107) When the just Joseph awoke from his inspired dream, 
he called his daughter Solome and Marim his wife, mother of Solome, 




I I feet sure neilber of the tezt nor of my interprctätioo of it. 



328 F. C. Conybeare, The Gospel Commentary of Epiphanias. 

and burst into tears of unmeasured joy, and related to them his dream. 
And they came füll of joy and glorified the Grod of Israel .... But after that 
the neighbours and inhabitants of the city of Nazareth saw that the eye 
of guardianship of Joseph and his household and sons over the virgin 
was changed, and her holy and spotless pregnancy became visible. Now 
the priests who dwelled in Nazareth hated the just and blessed priest 
Joseph .... and sent to Jerusalem as messenger Annas who in those 
days was a scribe and child in years. And he dwelled in Nazareth, but 
was afterwards chief-priest in Jerusalem .... They wrote separately to 
2^chariah and the aged Simeon and to Alexander the priest whe was 
old in wisdom, but a stripling in years, and they on hearing all this 
came in haste to the temple and summoned the presb3^erate Scribes 
and Pharisees .... They read the letter bome by Annas, and wrote off 
to Joseph to take Mariam and come in haste .... and justify himself 
in the Lord's house as touching the holy vii^n they had betrothed to 
him, as a deposit and not in wedlock .... And Joseph read their letter 
and arose in haste, and bade his sons and his daughter Solome and 
his wife Marem and the holy virgin .... and they came straight to 
certify the truth and the purity of the virgin; and entering the temple 
they worshipped and prayed. And the virgin had no misgivings, as 
she was spotless, but went boldly to the raised dais reserved for virgins 
.... (her prayer is given) .... And Elisabeth received them and took 
them to her house, which she had in Jerusalem, against her Coming to 
honour the feasts. But the chiefpriest Hyrkanus who was in authority 
at Jerusalem and the chief priest Zachariah and the aged Simeon and 
the other scribes and pharisees and eiders of Israel met and took counsel 
.... (The ordeal of water) .... Alexander took living water in an 
earthen pot and of the tithes of barley meal in a vessel of wood, 
and he came forward and called Joseph to him, and put on this 
hands the meal, and he himself had in his hand water, and he bared 
(F. 110) the head of Joseph and he asked him, Art thou pure and 
blameless as touching this virgin? .... (Joseph swears a long oath that 
he is, writes it on parchment and washes it in the living water) .... 
and he took earth, a handfull from the floor of the temple near the 
altar, holy soil, and cast it in the water; and he took the barley meal 
from the hand of Joseph and gave the water in the earthen jar to 
Joseph and placed the bariey before the Lord near the altar. And he took 
a handfull of the barley meal, and laid it on the altar. And he tumed 
to Joseph, and said to him, Drink, and if thou hast sinned before the 

a»* XT. X906. 



r 



F. C Coaybearc, The Gospel Commcntary of Epiphamius. 



329 



Lord, let this water and thy oath and the soll from tlie Lord's house 
be to thee for 2. curse and for death. And Joseph said, Be it so, be it so, 
and all said, Amen. And Joseph raised bis eyes to God and said , . . . 
and he drank the water, and according to the order of the law they 
bade him go and ascend the hill of Olives; and he went down and then 
proceeded to ascend. And all the crowd of the city foUowed, and 
many otfaers on the waDs looked on. . , . . And Joseph retumed from 
the mount of Olives, descended and came resplendent and radiant as 
light; and a sweet odour exhaled from him and penetrated the Lord*s 
house. He feil on his face and said with joy: At my crying out, thou 
heardest me, O God, according to my righteousness. And Alexander 
came forward and took him in his arms and kissed him, and hid his 
head. So did also the priests and eiders and Simeon . * . . 

(The virgin also drinks the water and triumphs under the ordeaU 
Then great rejoicings follow, and Elisabeth decks her out and all repair 
for a feast to Elisabeth's house) , ^ , * 

(F, 113) But the virgin Mariam in that hour took the chAd prophet, 
and wept for love and kissed his face tenderly and would not be 
separated from him or go her way. So also Elisabeth took the little 
Jacob yonogest son of Joseph, for he was only about a month old; and 
they were of the tribe of Levi and Juda^ allied with each other according 
to the law as one in kinship * . * . and they returned to their city Naza- 
reth < . , . and after two months was the census, and Joseph went up 
with all his household . . , , and when they reached Bethlehem, and the 
birth hour came for the holy virgin, they hastily entered a cave, for there ' 
was no room in the inn. And in the third watch of the night was bom 
the Word God man of the holy virgin upon the arms of the first mother 
Eva, and she was a virgin in conception and in parturition and with- 
out pangs - - ♦ » and a cloud of light overshadowed the cave, and a 
sweet fragrance scented all the world, according to the annunciation of 
Gabriel to the holy virgin. 

But until this moment was kept alive Melchisedek by bebest of God, 
and he was at that time on mount Thabor, and his Itfe had heen drawn 
out au those long ages and centuries according to the saying, Thou 
art a priest for ever in the succession of Melchisedech, and the Lord 
is on thy right band, But he was not yet rown old, but like a youth 
was kept strong by supernal bebest, he who is called without father, 
without mother, like the son of God, motherless in heaven by generation, 
and fatheriess on earth by original birth. Wherefore in that veiy hour 

Zeitichr. f, d. neu teil. WIm. Jahr^. \1T. igoö. 23 




330 F. C. Conybeare, The Gospel Commentary of Epiphanius. 

the angels bore him off and set him down in the cave before the Word 
made flesh, while the latter still lay on the arms of Eva, and he had 
in his hands a censer of gold and a censer of silver, and a pure white 
linen cloth and three loaves of unleavened bread and a precious cup of 
wine incorrupt, and he worshipped before the Lord son of creation, 
and kissed the place on which the Lord was bom, and then the feet 
and hands of the Lord in fear and trembling, upon the arms of Eva. 
And he bestowed on him who laid hands on him and made his the 
Order of priesthood and dignity of kingship, as he had received it frora 
liim, and laid before him as offering the bread and wine and the Utensils 
thereof, the flambeau giving light and the censer the perfume bumer (?). 
And he himself stretched out his arms before the word of God the 
Father, and spake a prayer: 

My Lord and son of the Lord, from God the Father and Lord 
from Lord, give rest to thy servant Sedek, son of thy servant Melchi 
on this day, for now have I bestowed on thee thy high heritage on 
the very day in which I found thee faithful. 

Now command thou my flesh to repose in dust, from which I was 
moulded, and my spirit to retum to thee, and ever with the heavenly 
priesthoods to abide in spirit, and as thy priest for ever for the Ser- 
vice of glory. 

And he prostrated himself before the new-bom king, Idssing the 
earth. And the angels of God invested him with great honour, and 
carried him * . . . . near to the tomb of Moses. And handed over his 
holy spirit tenderly and advanced it near to the throne of glory, a priest 
of God eternally in presence of God. But his holy body was buried by 
angels near to the tomb of Moses unknown to any. And Melchisedek 
was gathered unto his fathers, as a man holy and faithful, and he 
truly died unto the refuting of the opinion expressed by some conceming 
him, and the book of the law fixed a place, as they were affrighted 
beholding the creator and the legislator .... 



Ch. i8. On Lc 2 etc. 

But there was also there (in Bethlehem) the grave of the first 
mother, who also had heard the solemn and immovable edict, With 
sorrow shalt thou bear chUdren. But today came the child of a virgin 
by means of virginal birth to change the curse into a blessing .... 



I Igayi a vox nihiU, 



F. C. Conybeare, The Gospel Commentary of Epiphanius. 331 

(p. 1 19.) On the cave of Bethlehem. 

Why was Bethlehem called House of Ephrath by the prophet? At 
the death of Sarah in all the land of Palestine Abraham had not the 
smallest holding nor a foot of earth .... But he sought in the region to 
buy for silver in Hebron a plot, and the cave which had been dug out 
of the rock for burial of his forefathers. And there he buried Sarah in the 
cave wRich is called Repetition. But Abraham himself, Isaac and Jacob 
and all of them, were buried there to this day. And it is near Bethlehem, 
which is why it was called after the name Ephron house of Ephratha, 
and Bethlehem after our translation and rendering is called House of Bread. 

But we, longing to know the truth, took the trouble to consult the 
ancient and earliest chroniclers and doctors of the Jews, asking them 
why Bethlehem was called the House of Bread. And they told me 
the following, bestowing the knowledge as a great gift: 

What time Jesu led Israel over Jordan and gave them for heritage 
the land of Canaan and Palestine, there was a youth of the tribe of 
Judah called Jose who had taken much spoil, and with it a damsel of 
the gentiles whom from pity he slew not, but carried her off in holy 
wedlock to his home. And he talked with her of the faith of Abraham 
and of the God of Israel and law of Moses. And the damsel heard all 
and feil on her face and said: I belle ve in the God of Abraham. And 
Jose led her to Jesu, and told him all, and Jesu was pleased and blessed 
him and also the damsel and bade the priests to act according to the 
law of Moses. And they gave the virgin who believed to the youth to 
wed, for he respected her person tili he had wedded her, and curbed 
his desires. And Jose received her from the hands of the priests and 
led her to the house of his father and mother. But before long his 
parents and Idnsfolk opposed Jose and insulted him over the damsel 
who believed, because she was of gentile race. But he wept and bcsought 
his father saying: Lead me where thou wilt and make me a house of 
a threshing floor,* and prepare me bread to eat and settle me there. 
And let me not be a reproach to thy family .... And Jose went down 
and walked amid the leafy pine trees of Sikim, and found a cave where 
were laid the relics of Eva, just as it had been naturally dug by the 
Creator; however he knew it not then to be the tomb of the first 
mother Eva. 

And Jose took a pick, and dug and enlarged it making it cut out 



1 Or perhaps the sense is House of possessing. 



332 F. C. Conybeare, The Gospel Commcntary of Epiphanias. 

of the rock, and he made it like a house, and on the right hand side 
he made a little manger for the use of his animals, that the damsel 
might have occupation and means of livelihood. And she went in and 
lived there, and said to her husband : Lo this is for me a house of eating 
bread and a dwelling place of peace. And the woman's name was 
Ephrat, and on the score of the woman's living in the cave, a city was 
built there, and the name was givcn it by the great Jesu, Bethlehem 
house of Ephrat, which is why in the ancestral tonguc by translation 
Ephrat is called Fruitbearing. For in the place so named the virgin- 
bom fruit Christ was given us by God . . . . To continue — : At that time 
a man oppressed of the race of Israel having an ox and a very few 
sheep was dwelling in the cave and working in the üelds of Bethlehem. 
foUowing the sheep for the shepherds who were there, and he himself 
had exchanged the calf which he had and was working the land. But 
he had no wife or children. And he was a godfearing man, and what 
ever he eamed by toil and also milk of his flocks he gave to the way- 
farers and needy. So he on that miraculous and salutary night, chanced 
to be come there, and found Joseph and his party, because there was 
no room in the inn . . . . And Joseph advanced to meet him, and they 
saluted one another enquiring each for the other's welfare .... And 
Joseph told him modestly, as one trustworthy, of the circumstances, and 
he praised the God of Israel; and they both remained outside praying 
to God, until the ineffable birth appeared in glory for the world's sal- 
vation .... 

And they themselves sat down and asked of one another, and 
Joseph found the man to be of the house of David and a near kinsman 
of his own, and his name was Isaac. And there were hard by* shepherds 
sleeping in the open who were there on account of the few sheep he 
had Wandering round with them. But he also dwelt in the cave in order 
to feed his calf. There then he was priveleged to witness the miraculous 
birth. It is also no matter for surprise that this is not recorded in the 
Gospel, if we look at the truth of facts. There were so many wonder- 
ful things not recorded, because there was eager anxiety on the part 
of the holy evangelists to proclaim Christ God. But let us retum to 
our narrative .... 



« Were hard by ] The text hcrc is not certain. 



LAbgescbloscen am xa. Nov. 1906. J 



H. Boehmer, Zur altrömischen Bischofsliste. 333 



Zur altrömischen Bischofsliste. 

Von H. Boehmer in Bonn a. Rhein. 

I, Epiphanius schreibt haeresis 27, 6: f\\Be |Lifev eic fmfic f\br\ ttiüc 
MapKcXXiva Tic vnr* aÖTiIiv — den Karpokratianern — diraTTi GeTca Kai 

TTOXXOUC dXu)LirivaTO iv XP6V01C 'AvIKIITOU diriCKÖTTOU Plü)LinC TOO KttTd Tf|V 

öiaöoxi^v TTiou Kai tujv dvujT^pu)- dv *Pi&|liij t^p T^TÖvaci irpiüTOi TT^Tpoc 
Kai TTaOXoc ol diröcToXoi auToi Kai diriCKOTTOi, elia Aivoc, eiia KXf]TOc, 
eixa KXrj^nc cuvxpovoc uiv TTeipou Kai TTauXou. Darauf sucht Epipha- 
nius zu erklären, wie es komme, daß Clemens, obwohl er ein Zeitgenosse 
Petri und Pauli war, erst an dritter Stelle in der Liste figuriere. Er er- 
wähnt dabei, daß Petrus und Paulus im 12. Jahre Neros gestorben seien 
und Linus und Cletus je 12 Jahre regiert hätten. Dann heißt es weiter: 
öjiujc f\ TUJV dv *Pu))Lii) dmcKÖTTiüV öiaöox»^ TauTTiv ?x€i Trjv dKoXouGfav: 
TTdTpoc Kai TTaüXoc, ATvoc Kai KXfJTOC, KXrjiLUic, Eudpicxoc, 'AXeHavöpoc, 
£ucTOC, TeXecqpöpoc, TtTvoc, TTTgc, 'Aviktitoc ö dfvui iy tuj KaiaXÖTV 
TrpoöeönXuifidvoc- Kai |liii tic Gaufiidcij, 6ti fKacra outwc dKpißoic öinX- 
Go^ev h\& fäp TOUTUJV dci tö caqpic öeiKVuxar iv xP^voic Toivuv ujc ?q)n- 

^€V 'AviKtlTOU f| 7TpOÖ€ÖTlXu))Ll^V11 MapKeXXlVa dv PlW|Lir| T€V0|LI€V11 xfiv 

Xu^nv Tf\c KapTTOKpd öi5acKaXtav dSefiikaca TroXXoOc tüüv dKcTce Xu^iiva- 
IxiyfT] /iqpdvice' Kai fvGev yifoviy f\ dpx»^ tiöv fvujcnKOüv toiv KaXou- 
fidvujv. Erst Lightfoot, St. Clement of Rome i, p. 204 fr. hat erkannt, 
daß Epiphanius hier eine römische Quelle ausschreibt. Er glaubt jene 
ungenannte Quelle mit den Hypomnemata des Hegesipp identifizieren 
zu dürfen. Diese Annahme haben Funk, Kirchengesch. Abhandlungen 
I. Bd. und Hamack, Gesch. der altchristl. Literatur II, i, S. 184 ff., zur 
Genüge widerlegt Nach Funk hat Epiphanius an der genannten Stelle 
Irenaeus oder Euseb benützt, nach Hamack eine alte römische Urkunde 
des zweiten Jahrhunderts, eine Art Bischofschronik aus der Zeit des 
Bischofs Soter (f 170), deren Wortlaut er 1. c. p. 191 ff. aus Epiphanius, 
Irenaeus und dem Catalogus Liberianus zu rekonstruieren versucht. Wie 
mich dünkt, liegt eine andere Deutung des Tatbestandes noch viel näher. 



334 H. Boehmer, Zur altrömischen Bischofsliste. 

Epiphanius hat nachweislich das Syntagma des Hippolytus ausgiebig 
benutzt Vergleicht man einmal haer. 27 mit Hippolyt Philos. VII, 32, 
Pseudo-TertuUian adv. haer. c. 48 und Hippolyts Hauptquelle Irenaeus 
adv. haer. I, 25, so kommt man ganz von selbst auf die Vermutung, 
daß Epiphanius auch haer. 27, i — 6, d. i. den ganzen Abschnitt Ober 
die Karpokratianer fast wörtlich aus dem Syntagma abgeschrieben 
habe. Diese Vermutung wird bestätigt durch die Worte flXOc eJc 
f|)Lictc. Hippolyt lebte und schrieb nachweislich in Rom. Auch das 
Syntagma hat er in Rom verfaßt, cf. Hamack 1. c. II, 2, p. 220 f. Gerade 
in unserem Falle ist also die Abhängigkeit des Epiphanius von Hippolyt 
ganz sicher festzustellen. 

Allein wie weit reicht in haer. 27 S 6 der Text des Syntagma? 
Schon ein flüchtiger Blick auf den Kontext zeigt, daß die ganze Aus- 
führung über die römische Bischofsliste von iy VdtpLr) fäp TCTovaci an 
eine Digression ist, zu der Epiphanius durch den Namen Aniketos 
veranlaßt wurde. Er sagt das übrigens ausdrücklich auch selber, wenn 
er weiter unten sich entschuldigt: Kai juiri nc 6au]Lidcr), öti ^KacTa outujc 
dKpißuic biriXGojiev b\ä Tdp toutujv del tö caqp^c befKVuxai. Dann 
nimmt er mit den Worten ty xpovoic Toivuv, ujc f qpTiiuiev, 'Avikt^tou f] Trpobe- 
br]XiüjidvTi MapKeXXiva ktX. den Faden der Erzählung wieder auf, d. i. 
er schreibt wieder wörtlich das Syntagma aus, cf. Irenaeus I, 25, 5, 
denn Hippolytus hat seinerseits den Irenaeus ausgeschrieben. Hieraus 
folgt: die Digression über den Catalogus Romanus stammt nicht aus 
dem Syntagma, sie ist eine eigenhändige Zutat des Epiphanius. Aber 
woher hat der gelehrte Häreseolog die Nachrichten über die römische 
Kirche, die er hier verwertet? Die Bemerkungen über die Einsetzung 
des Clemens zum Bischof durch den Apostel Petrus, sind offenbar eine 
Erinnerung an die Clementinen, die Worte dvaxujpw, dTreijii, ^KCTaGnTui 6 
Xaöc ToO Geoö sind ein sehr ungenaues Zitat aus i. Clem. 54, 2 (dicxuipui, 
fiTTCi^i, ov iäv ßoiiXTicGe), aber er hat das Zitat, wie er selbst andeutet, 
nicht direkt aus i. Clemens geschöpft, sondern aus einer Schrift (?v nci 
ÖTTOjiviijiaTiCjievoic), deren Titel ihm allem Anschein nach entfallen ist 
— das kann bei seiner Vielleserei nicht Wunder nehmen. Allein woher 
hat er den Katalog der römischen Bischöfe von Linus bis auf Aniket? 
Man könnte zunächst mit Funk an Eusebs Chronik denken. Aber i. da- 
gegen spricht schon die Tatsache, daß Epiphanius sonst keine Kenntnis 
dieses Werkes verrät. 

2. Die Differenz der beiden Autoren hinsichtlich des Todesjahres 
Petri und Pauli: Euseb setzt das Martyrium der Apostel in das 13. oder 



H. BoebmcT» Zur a^trömischeo Bischo&lbte. 



335 



14^ Epiphanius in das 12. Jahr Neros* Eher könnte man auch hier ah 
Quelle des Epiphanius eine Schrift des Hippolyt, nämlich die Chronik 
des Hippolyt, vermuten* Allein die Form KXnioc fiir 'Av&XKXnTOC würde I 
nicht ausreichen, diese Annahme zu begründen, rumal Epiphanius sonst 
mit der Chronik des Hippolyt sich nicht vertraut zeigt. Dagegen laßt 
sich nachweisen, daß Epiphanius die Chronik des Africanus oder ein 
auf die Chronik des Africanus unmittelbar zurückgehendes chronographi- 
sches Werk gekannt hat* Beweis dafür: die breiten historischen Aus- 
führungen in haen i — 4, Hier rechnet Epiphanius r. genau so wie 
Africanus nach Jahren der Weltschöpfung. Er setzt 2. die Sintflut 
genau wie Africanus in das Jahr 2262 der Welt — ^ein sicheres Kenn- 
zeichen " wenigstens — unmittelbarer Abhängigkeit" von dessen Werk, 
cf. Geizer, Africanus, ij p. 53. Auch ihm bezeichnet endlich 3. genau 
so wie dem Africanus die Geburt des Patriarchen Phalek eine Epoche,! 
den Beginn der Völkerzerstreuung und des Paganismus. Hatte er aber 
den Africanus oder doch eine auf Africanus zurückgehende Chrono- 
graphie zur Hand, so darf man vermuten^ daß der vielgenannte Passus 
über den catalogus Romanus in haen 27, 6^ sei's direkt; sei's indirekt, 
aus Africanus geschöpft ist Wir kommen somit zu dem Ergebnis: 
r. haer. 27^ 1—6 f\kQe }xiv efc %dc rjön ^tX, und dann wieder von 
Iv xp^voic Toivuv 'AviKrJTOü ktX. ist wörtliches Exzerpt aus dem Syn- 
tagma des Hippolyt» 2. Der dazwischen dastehende Passus von iv 
Püb^r) fäp an ist eine Digression des Epiphanius, die durch den Namen 
Aniket veranlaßt ist Epiphanius verwendet in dieser Digression Lese- 
früchte aus den Clementinen, ungenaue Erinnerungen an eine Schrift, in 
der I. Clem* $4 zitiert war, und die Chronographie des Africanus, Nur 
die beiden dogmatischen Schluüabschnitte C, 7 und 8 des Kapitels sind 
aller Wahrscheinlichkeit nach schriftstellerisches Eigentum des fleißigen 
Bischofs, 

Geht nun die Bischofsliste in haer. 27, 6, sei's direkt, sei*s indirekt» 
auf Africanus zurück, so darf sie hinfort nicht als ältestes Zeugnis für 
die römische Bischofsliste genannt und gebraucht werden* Sie ist ein 
Fragment aus einem Autor des dritten, nicht des zweiten Jahrhunderts* 
Für die römische Bischofsliste des zweiten Jahrhunderts bleibt Irenaeus 
III, 3, 3 unser erster und einziger Zeuge, 

2, Dies Ergebnis führt sofort zu einigen weiteren Schlüssen, Aus 

i Dies hat Gdxer, Africanus nicht bemerkt, obwohl er einmal den aemens 
netiiit. Ich begnüge mi<;b, die Abhängigkeit des Epiphajims von Africanus fe^ttusteUen. 
Pur die Africanasforschung dtirfte diese Tatsache nicht bedeutungslos sein. 




336 H. Boehmer, Zur altrömischen Bischofeliste. 



Epiphanius haer. 27, 6 hat Hamack gefolgert, dafi schon in der ältesten 
römischen Liste nicht bloß die Namen und die Successionsnummer, 
sondern auch die Amtsjahre der altrömischen Bischöfe angegeben ge- 
wesen seien. Irenaeus verrät noch keine Kenntnis von den Amtsjahren 
der römischen Bischöfe. Erst bei Africanus und Hippol3^us tauchen 
dieselben auf. Daraus darf man schließen, dafi man erst zu Beginn des 
dritten Jahrhunderts das Bedürfnis empfand, die Liste durch Angabe der 
Amtsjahre zu vervollständigen. Jedenfalls ist auf diese Zahlen gar kein 
Verlaß. Wenn den beiden ersten Bischöfen Linus und Cletus je 12, 
dem 6. Alexander und dem 7. Sixtus je 10 Episkopatsjahre zugeschrieben 
werden, so liegt der Verdacht sehr nahe, daß man die Amtszeit der 
Bischöfe der vorirenäischen Zeit ganz willkürlich fixiert hat. Es ist 
daher nicht gestattet, andere historische Ereignisse nach den chrono- 
logischen Angaben der späteren Liste zu datieren. Wenn also z. B. 
Irenäus berichtet, daß Polykarp zur Zeit des Aniket der römischen 
Gemeinde einen Besuch abgestattet habe, so ist aus der Liste fiir das 
Datum dieses Besuches nichts zu entnehmen. Maßgebend sind allein 
hierfür vielmehr das Datum von Polykarps Tod — 23. Februar 155 — 
und die Angabe des Irenäus HI, 3, 4, daß Polykarp in Rom bei jener 
Gelegenheit viele Anhänger des Valentin, Kerdon und Marcion bekehrt 
habe. Daraus folgt: Polykarps Romreise fiel in die 2^it nach Marcions 
Ausstoßung aus der römischen Gemeinde, also nach 144, vermutlich 
aber einige wenige Jahre nach 144.* Denn Marcion besaß schon einen 
bedeutenden Anhang. Genauer läßt sich der Termin nicht bestimmen. 
Aber nichts nötigt über 1 50 hinauszugehen, und jedenfalls ist die Rom- 
reise des Polykarp nicht nach der höchst verdächtigen Chronologie der 
römischen Bischofsliste zu datieren, sondern umgekehrt Anikets Episkopat 
nach der Romreise des Polykarp. Nach der gleichen Regel sind dann 
auch andere chronologische Probleme zu behandeln. Es mag richtig 
sein, daß Valentin zur Zeit des Bischofs Hyginus nach Rom kam. Aber 
für die Chronologie ergibt sich aus dieser Notiz kein fester Anhalts- 
punkt. Es mag auch richtig sein, daß das Hermabuch erst zur Zeit 
des Bischofs Pius seine jetzige Gestalt erhalten hat. Aber ein sicherer 
Schluß auf den Zeitpunkt der Endredaktion ergibt sich daraus nicht 
Eher darf man aus dem Hermabuche schließen, in welche Zeit etwa 
der Episkopat des Pius fallt. Der Verzicht auf die künstliche Chrono- 



s Daß Polykarp damals mit Marcion in Rom zusammen getro£fen sei, sagt Irenaeus 
1. c. nicht ausdrücklich, ist aber sehr wahrscheinlich. 



I 

l 



logie der Liste entlastet uns also von einigen viel erörterten chrono- 
logischen Problemen, die allein der Liste ihr Dasein verdanken. 

3. So wie die Liste bei dem ältesten Zeugen, Irenaeus, vorliegt, ist 
sie mehr als eine Liste, Sie bietet bei den Namen Clemens und Teles- 
phorus auch chronikalische Angaben, Standen diese Angaben schon 
in der Vorlage des Irenaeus, sind die historischen Notizen, die Irenaeus 
gelegentlich über Ereignisse aus der Amtszeit des Hyginos und Aniketos 
mitteilt, als Exzerpte aus der Liste aufzufassen, mit anderen Worten, 
T^var die Liste schon in ihrer Urform eine kleine Bischofschronik? Die 
Antwort auf diese Frage ergibt sich, wie mich dünkt, schon aus der 
Beschaffenheit der späteren römischen Liste, wie sie im catalogus Libe- 
rianus vorliegt. Der Liberianus enthält keinen einzigen jener von Hamack 
der alten Liste zugeschriebenen Zusätze- Das ist sehr auffällig. Denn 
derartige Urkunden v^on offiziellem oder quasioffiziellem Charakter wagt 
man wohl zu bereichern und zu verbessern, aber nicht zu verkürzen 
und damit ihre Beweiskraft zu verschlechtern. Auch fehlt es in alt- 
kirchlicher Zeit an aller und jeder Analogie zu einer solch chronikartig 
erweiterten Bischofsliste. Wir haben also keinen Anlaß, in jenen histo- 
rischen Angaben und Notizen etwas anderes zu erblicken als eigen- 
händige Zusätze des Irenaeus* Die Liste war wie die anderen Bischofs- 
listen ursprünglich nichts weiter als eine Liste- Sie enthielt die Namen 
und die Successionsnummer der altrömischen Bischöfe, nichts weiter, 

4. Irenaeus äußert sich mit keinem Worte über die Herkunft der 
Liste, Aber die Art, wie er mit ihr operiert, schließt die Annahme 
geradezu aus, daß er die successio episcoporum selber bei seinem 
Aufenthalte in Rom gelegentlich festgestellt habe. Aller Wahrscheinlich- 
keit nach fand er vielmehr bei seinem Besuche in Rom ca> 177 n, Chr. 
die Liste schon in praktischem Gebrauche. In Rom wurde vermutlich 
damals schon jenes summarische Verfahren bei der Bekämpfung der 
Ketzer geübt, das er III, 1 — 3 schildert. Römischen Brauch hätte er 
dann also an der berühmten Stelle allen Kirchen zur Nachahmung 
empfohlen* Aber wenn die Liste in Rom entstanden ist, so erhebt sich 
die Frage, w^ann ist sie entstanden und wer war ihr Urheber? Man hat 
die Antwort auf diese Frage vielfach in der bekannten Äußerung des 
Hegesipp bei Euseb hist eccl ed. Schwartz IV, 22, 3 gesucht: t^vö* 

^£VOC h\ iv VwpH} 6iabOX^V ^TTOincd^iriV M^XP'C 'AviKrJTOU- OÖ öldKOVOC 

T^v 'EXeüSepoc, Kai irapa "AviKntou haö^x^Tai luiTrjp, ^e8' 5v ^EXtuQtpoc. 
Allein leistet diese Stelle wirklich, was sie auf den ersten Blick ver- 
spricht? Der Text der hist eccles. ist gerade an dieser Stelle nach- 




338 H. Boehmer, Zur altrömischen Bischofeliste. 

weislich schon früher verderbt gewesen. Sowohl der syrische Übersetzer, 
wie Rufin, hatten eine Handschrift vor sich, in der infolge Homoiote- 
leutons die Worte ou öidKOvoc — Trapd 'Avikiitou ausgefallen waren. 
Aber die Worte öiaboxf|V diroiTicd^nv hat sicher der Syrer schon gelesen. 
Denn er übersetzt: „ich machte dort in der Herleitung der Bischöfe bis 
auf Aniket". Auch Rufin hatte wohl schon diesen Text vor sich. 
Denn seine Übersetzung permansi ibi, donec Soteri successit Eleu- 
therus" ist vermutlich Konjektur für die unverständlichen Worte: 5ia- 
öcx^iv d7T0incd|Linv jifxP*c 'Avikiitou öiaö^xeiai luiiVip, jueG* 5v 'EXeuOepoc. 
Die Worte öiabox»^v dTTOiT]cd)LiTiv sind also sehr gut bezeugt Aber was 
sollen sie bedeuten? successionem feci usque adAnicetum? eine so un- 
behülfliche Ausdrucksweise darf man selbst einem so ungeschickten 
Stilisten wie Hegesipp nicht zutrauen, wenn man auch zugeben muß, 
daß biabcxn zur Not in übertragenem Sinne gebraucht werden kann 
— Bericht über die Succession. Nur würde man dann, wie in dem 
Titel eines vielbenutzten Buches des Peripatetikers Sotion biaöoxai sciL 
Toiv qpiXocöcpujv* den Plural erwarten. Man nimmt daher jetzt allgemein 
an, daß der Text der Stelle verderbt ist Aber wo steckt der Fehler? 
Hamack meint in biaboxriv» Er vermutet aus Euseb IV, 11,7: Euseb 
habe anstatt dessen etwa btarpißdc gelesen. Denn Euseb IV, 11, 7 
KttO* 5v (Aniket) 'Htticittttoc IcTopeT fauTÖv dmbimncai t^ 'Pwjiri, napa- 
jieivai T€ auToOi jLiIxPi Tf]c dTTiCKOTTfic 'EXeuGfpou sei ein Regest unserer 
Stelle. Allein dann hätte Euseb den Hegesipp völlig mißverstanden, 
eine Annahme, zu der man sich ohne Not nicht entschließen darf. 
Andere suchen den Fehler in dTroincdjLiriv und schlagen dafür als Ersatz 
vor dTPOM^oiMnv oder eine entsprechende Wendung. Allein wenn Hege- 
sipp wirklich hier behauptet hätte, er habe die Succession der römi- 
schen Bischöfe festgestellt, so wäre diese wichtige Mitteilung Euseb 
schwerlich entgangen, sondern nach Gebühr von ihm hervorgehoben 
worden. Euseb hat an unserer Stelle jedenfalls nichts davon gelesen, 
daß Hegesipp die römische Liste verfaßt habe. Dann bleibt kaum 
etwas anderes übrig, als in d7T0iT]cd^Tiv mit Schwartz eine alte Schlimm- 
besserung zur Ausfüllung einer vielleicht wieder durch Homoioteleuton 
veranlaßten Lücke zu erblicken, also den Schaden für unheilbar zu er- 
klären. Fest steht nur, daß Hegesipp hier etwas über die Succession 
der römischen Bischöfe bis auf Aniket gesagt hat. Aber sicher hat er 



* cf. daru Zeller, Gesch. der Philosophie der Griechen 2, 2, S. 931. 
a Ich habe früher an ^iT€Cr)fidviiv gedacht, das leicht in epiisamin verhört werden 
konnte. 



H. Boehmer, Zur altrömischen Bischofsliste. 339 



nicht die Liste selber angeführt noch auch behauptet, daß er sie bei 
seinem Aufenthalte in Rom erst festgestellt habe. Sonst würde Euseb, 
der so eifrig nach derartigen Mitteilungen gespürt hat, dies ausdrücklich 
bemerkt haben. 

Gleichwohl scheint es mir nicht unmöglich, den ungefähren Zeit- 
punkt für die Entstehung der Liste zu bestimmen. Hat Hegesipp an 
der genannten Stelle etwas über die biabcxn bis auf Aniket gesagt, so 
darf man annehmen, daß der Traditionsbeweis schon zu der Zeit, als er 
in Rom anlangte, d. i. zur Zeit des Aniket, eine gewisse Rolle in den 
Verhandlungen mit den Ketzern spielte, daß man also schon zur 2^it des 
Aniket die Successionsfolge der Bischöfe von Linus an festgestellt hatte. 
Dazu würde auch die Form, in der die Liste dann bei Irenaeus erscheint, 
gut stimmen. Irenaeus zählt die ersten zehn Bischöfe bis auf Aniket 
ziemlich gleichförmig auf: )Li€Td bi toOtov TeXecqpöpoc . . . Jireixa "YtTvoc, 
eiTtt TTioc, ji€9* 8v 'Avikiitoc; dann fährt er fort': biabegdiiievoc hk töv 

'AVIKTITOV ZlüTfjpOC VUV bwbeKdxifJ TÖTTUJ TOV THC dTTlCKOTniC ÖTTÖ TOIV dlTO- 

CTÖXiüv Kar^xci KXfipov 'EXcuOepoc. Es scheint darnach, als habe die 
Urkunde, die er brauchte, nur bis Aniket gereicht, und als habe er selber 
die beiden letzten Namen hinzugefügt. Jedenfalls darf man schon aus 
dem Fragmente des Hegesippus schließen, daß die Bischofsliste bereits 
zur Zeit des Aniket angelegt worden ist. Sie wäre dann also schon 
etwa um 150 entstanden. 



[Abgeschlossen am 3. Des. 1906.] 



340 Hans Waitz, Die Quelle der Philippusgeschichten 



Die Quelle der Philippusgeschichten in der 
Apostelgeschichte 8, 5—40. 

Von Hans Waitx in Darm Stadt. 

Die quellenkritische Untersuchung der Apostelgeschichte (AG) hat 
sich in neuerer 2^it vomehmKch deren erster Hälfte (C i — 12) zugewandt 
und ist zu dem Ergebnis gekommen, daß, wie sonst in den lukanischen 
Schriften, so auch hier verschiedene literarische Schichten vorliegen, die 
von dem Autor ad Theophilum verarbeitet worden sind.* Ziemlich all- 
gemein werden dazu, um von den Stephanus- und Sauluserzählungen 
abzusehen, die Geschichten gerechnet, die sich um Petrus gruppieren. 
Von vielen Forschern, wie Schwanbeck, Hausrath, Davidson, B. Weiß, 
Sorof, van Manen, Giemen, Hilgenfeld, Soltau, werden sie ausdrücklich 
unter dem Namen Historia Petri, updHic TTdipou oder einem ähnlichen, 
von andern, wie Keim, Wendt, andeutungsweise als Hauptquelle dir 
G. I — 12 bezeichnet Auf eine derartige Hauptquelle kommen schließlich 
auch die andersartigen Quellenhypothesen von Feine, J. Weiß und Jüngst 
heraus. Nur darüber gehen die Ansichten auseinander, was man ihr im 
einzelnen zuweisen oder absprechen, insbesondere ob man die Erwähnung 
des Johannes in diesen Petrusgeschichten als eine spätere Zutat be- 
trachten soll, weil er hier überall nur die Rolle eines Statisten spielt 
(vgl. 3, I- 3- 4"; 4i 13- 19 mit 3, 6. 7. I2ff.; 4, 8; 5, iff.; 9, 32». 36«*.; 
10, 9 ff.). 

Umsoweniger weiß man mit den Philippusgeschichten 8, 5 — ^40 anzu- 
fangen. Soll man sie als ein selbständiges literarisches Ganzes oder als 
einen ursprünglichen Bestandteil etwa der Petrusgeschichten ansehen, 
oder wie Hilgenfeld mit der Stephanusgeschichte zu einer Quellenschrift, 



1 Die Literatur findet sich bei W. Heitmuller, Die Quellenfrage in der AG in Theol. 
Rundschau II. Freiburg 1899. Nachzutragen ist A. Hilgenfeld, Acta apostolomm. Berlin 
1899. H. J. Holtxmann, Die AG, Handkommentar zum NT i 2 ^. Tübingen 1901. B. Weiß, 
Das Neue Testament III 2. Leipzig 1902. W. Soltau, Die Herkunft der Reden in der AG. 
Z. nt W. IV. 1903. 



in der Apostelgeschichte S, 5^40^ 



341 



TTpdfetc Tujv imäy rechnen? Eine neue quell enkritisdic Untersuchung 
von AG 8, S— 40 dürfte daher an und für sich, aber auch für die Frage 
nach den Quellen der AG und deren geschichtlichem Wert überhaupt 
nicht ohne Interesse und Bedeutung sein. — 



Ich wende mich zunächst zu dem Abschnitt 8,5 — 25, zu der Er- 
zählung von der Bekehrung des Magiers Simon durch Philippus und 
seiner Begegnung mit Petrus und Johannes,* 

In ihrer gegenwärtigen Textgestalt trägt sie unverkennbar die Spuren 
einer Überarbeitung, So kann V. 10 nicht von demselben Verfasser her- 
rühren, von dem V. 9 und V. n — 13 stammen. Denn während Simon 
dort als eine göttliche Potenz erscheint, wie solche ein ständiges Zubehör 
gnostischer Systeme sind, ist er in den andern Versen weiter nichts als 
ein gewöhnlicher Zauberen Beide Vorstellungen von Simon können nur 
schwer in Einklang gebracht werden ; jene gnostische weist dazu in eine 
spätere Zeit, in die Zeit der beginnenden Gnosis, Es wird daher V. 10 
als eine Interpolation zu betrachten sein. Als Naht, wodurch er mit 
dem Kontext verbunden worden ist, verrät sich die Wiederholung dc^ 
Ausdrucks npocttxov V. lo in V. 11. Die Hand desselben Überarbeiters 
zeigt sich wieder in V, 14 — 18 a (TTvcujua) und V 195 (ha ict^,). Die 
Handlung, die nach V. 5 und V, 9 in der Stadt Samana spielt, wird 
V. 14 ins Land Samaria verlegt, ohne daÜ diese Vertauschung des Schau- 
platzes irgendwie begründet wird! B. Weiß findet hierin mit Recht eine 
Spur der Bearbeitung einer Quellenschrift. Diese tritt noch deutlicher 
zutage in den Ausführungen dieses Abschnitts über das Vorrecht des 
apostolischen AmtSj alleiniges Organ der Geistesmitteilung zu sein. Diese 
Vorstelkmg, die auch AG 19, 6 wiederkehrt, steht mit der Auffassung 
von dem Empfang des heiligen Geistes^ wie sie sich sonst durchgängig 
in der AG findet (vgl 2, 38; 10, 44 u. ö,)t so sehr in Widerspruch und 
trägt so deutlich das Gepräge einer späteren Zeit, der Zeit der Anfänge 
der katholischen Kirche, daß sie nicht als ui'sprünglich gelten kann. 
Überdies weist das Auftreten des Johannes V. 14, das auch im Blick 
auf V* 20 flr. auffällig ist, auf denselben Redaktor hin, der ihn auch sonst 
eingefügt hat (s. o.). Wie V, 10 sind daher auch V, i4*-i8a und 19b 
Interpolationen. So können sie auch — ebenso wie V. 10 — aus dem 
gegenwärtigen Text leicht herausgenommen werden, ohne dalä der Sinn 




» VgL meine Scluift Die P«cudokJein6nlinen in TU< N. R X. 4. 
1904« »3ffl, sowie meinen Artikel Simon der Magier in R£^, XVin* 352 f. 



Leipiig 



342 Hans Waitz, Die Quelle der Philippusgeschicixten 



dadurch notlitte. Wird nämlich mit dem Partizip iöiuv V. i8 der Parti- 
zipialsatz Oeiwpwv T€ crmeia ktX. aus V. 13 aufgenommen, so knüpft der 
Satz V. 18 b, 19a 7Tpocriv€TK€V auroTc xP'lMCiTa XdinüV" bore Kd|Ltoi Tr\y 
iEouciav TaÖTnv unmittelbar an diesen Partizipialsatz an; nur müssen 
statt der Pluralia auroTc und ööre die Singularia auTiu und böc ein- 
gesetzt werden. Und es ergibt sich unter Ausschaltung der Interpolation 
der einfache Sinn: Als Simon die 2^ichen und Wunder sah, die durch 
den Apostel (Philippus bzw. Petrus [s. u. S. 343]) geschahen (V. 13), 
brachte er ihm Geld, um dieselbe Macht zu erlangen (V. i8b, 19 a). 

Wie diese Zusätze in V. 10 und V. 14 — 18 a, 19b, so beweist auch 
der Schluß der Erzählung in unserm Text, daß sie hier nicht mehr in 
ihrer ursprünglichen Gestalt vorliegt. Unvermittelt und unbefriedigend 
bricht sie V. 24 ab, ohne auf die Fragen Antwort zu geben, die sich 
von selbst aufdrängen: Sind der erbitterten Auseinandersetzung zwischen 
Petrus und Simon noch weitere gefolgt? Und wenn ja, wo haben sie 
sich fortgesetzt? Hat Simon schließlich wirklich -Buße getan, oder hat 
er im Wettstreit mit seinem gottgewaltigen Gegner sein dämonisches 
Zauberhandwerk weiter getrieben? Unser Text schweigt sich darüber 
aus. Aber wir müssen annehmen, daß er ursprünglich eine Fortsetzung 
gehabt hat. und wir dürfen vielleicht aus V. 25 entnehmen, daß sie sich 
in Jerusalem abgespielt hat. 

Diese ältere Vorlage unsres Abschnitts läßt auch der hebraisierende 
Sprachcharakter an einzelnen Stellen nicht undeutlich erkennen, wo der 
Pinsel des griechisch denkenden und redenden Redaktors nur leicht über 
sie hinweggegangen ist. Das offenbaren einzelne Wendungen und Aus- 
drücke besonders in V. 20 ff., wo, wie oben gezeigt, die Grundschrift 
in ihrer ganzen Ursprünglichkeit vorliegt. Mögen sie auch aus der 
LXX belegt werden, so beweisen sie doch in der Art und Anzahl, wie 
sie hier zusammengestellt sind, in her\'orragendem Maße einen Mangel 
an griechischem Sprachgefühl. Man lese z. B. ouk {crtv coi fiepic oibi 
kX?1poc V. 21 (vgl Deut 14. 27 TJ^Tt n^l P^ ^ IH? "9. außerdem Deut 
14. 29; 17, 12; Jcs 57, 6), f\ Kapöia cou ouk fcnv euOeia (vovn toö 9€ou, 
V. 21 (vgl. Ps. 78. ^7 VSS JtSJtA D?V*j), xoXfi mxpiac Kcd cuvöeqioc dbiKiac 
V, 23 ^vgK Deut 29, 17 n)J^ tf«^ rrjfc tt« und Jes 58, 6 3«^ HTS^) 
sowie die Konstruktionen clvon cic V. ^o und V. 23 («= b rrn) und 
^tTavolClV äir6 V. 22 (-» jp 2Mf), AU diese Gründe nötigen zu der 
Annahme, dafi AG & $ — 24 eine Quellenschrift zugrunde liegt, welche 
in V. 5 — 9, II — 13, iSb — 19a, 20 — 24 im wesentlichen wiedemi- 
nnden ist 



r 



iD der Apostelgescliiclite Z^ S — 4^^- 



343 



Aber ist sie auch eine Philippusgeschichte gewesen, wie sie sich in 
der AG einführt, oder eine Fetrusgeschichte, wie sie hier endet ? Offen- 
sichtlich ist Philippus im Anfang der alleinige Held. Sehr bald tritt er 
aber zurück und gerade da, wo er vor allem hätte hervortreten müssen, 
bei der Exkommunikation des von ihm in die Christengemeinde auf- 
genommenen Simon. Zum Schluß verschwindet er völlig. Was sie also 
anfänglich ist, ist sie zuletzt nicht mehr — eine Philippusgeschichte und, 
wie die Einführung des Petrus mit der großen Interpolation uns zeigt, 
will sie das überhaupt nicht mehr sein. Statt dessen enthüllt sie sich 
hier als das, was sie anfänglich nicht sein will, als eine Petrusgeschichte. 
Das ist sie aber ursprünglich auch von Anfang an gewesen, wie der 
Textbefund uns belehrt Hat nämlich > wie oben dargetan, die große 
Interpolation V. 14 — i8a, 19b in der Grundschrift gefehlt, so kann Simon 
sein Geldanerbieten (V. rSb vgl. V. 20) dem Petrus nicht für die £lou- 
cfa der Geistesmitteilung gemacht haben, sondern fiir eine andere. Diese 
kann dann nur die ^Soucia gewesen sein, cn^eta köI &uvdfi€ic ^tyciXac zu 
verrichten. Ist es aber nach V* f8b und V. 20 Petrus, von dem er diese 
i£oucia für sein Geld zu erlangen hofft , dann muß es auch Petrus ge- 
wesen sein, der vorher diese lEoucfa vor den Augen des Simon aus* 
geübt hat. Dann aber ist es auch Petrus gewesen, der nach V. 5 nach 
Samarien kam und hier Christus verkündigte, wie er es vorher in 
Jerusalem und später in Cäsarea getan hat, und allerlei Kranke, Be- 
sessene, Gicht brüchige und Lahme, gesund machte, wie er vorher in 
Jerusalem gerade solche Kranke, Besessene (5, 1 5 f,) und Lahme {3, 1 ff., 
5, IS), und ebenso später in Lydda Gichtbrüchige (9, 33; vgl auch 5, 15) 
geheilt hat. Nicht Philippus, sondern Petrus hat also nach der Grund* 
schrift auf diese Weise die Bewohner der Stadt Samaria bekehrt, so daß 
sie sich von ihm taufen ließen, und schließlich auch den Zauberer Simon, 
der sich an ihn herangemacht hatte, als er die von ihm verrichteten 
Wunder sah* Dem Petrus hat daher Simon Geld gebracht, damit er 
dieselbe dlouGia erlange. Und wie Petrus ihn deshalb zur Buße auf- 
fordert, so ist er es — und er allein, nicht auch Johannes — , dessen Für- 
bitte Simon erfleht* Nur durch diese Annahme, daß für Petrus nach- 
träglich Philippus eingesetzt worden ist, erklärt sich der sonst höchst 
merkwürdige Sachverhalt in der Darstellung der AG, daß Philippus, der 
anfangs die HauptroDe spielte, am Ende in der Versenkung verschwindet 
und an seiner Stelle Petrus erscheint 
^ Damit erledigt sich aber zugleich eine andre Inkongruenz unsrer Er- 

■ Zahlung, Handelt es sich nämlich nach ihr um den Diakon Philippus 



I 



344 Hans Waitz, Die Quelle der Philippusgeschichten 

(6, 5), so fragt es sich, wie er, der nach 6, iff. ausdrücklich auf die 
Diakonie der Armenpflege beschränkt ist, nun auf einmal dazu kommt, 
die ötaKOvia toO Xötou, die sich nach 6, 4 die Apostel vorbehalten hatten, 
und überhaupt die ganze apostolische Wirksamkeit (Predigt und Kranken- 
heilungen) auszuüben, die nach der AG sonst Sache des Petrus ist. 
Diese Frage findet keine genügende Beantwortung, wenn man mit van 
Manen und Spitta annimmt, es sei hier nicht der Diakon, sondern der 
Apostel Philippus gemeint Denn dieser Aimahme steht die Auffassung 
der AG selbst gegenüber, daß der Evangelist Philippus, der nach 8, 5 
in Samarien wirkt, nach 8, 40 schließlich nach Cäsarea kommt und dort 
von Paulus besucht wird, einer von den Sieben war (21, 8). Sie wird 
auch nicht durch die andre Annahme erledigt, die über die Jerusalemer 
Christengemeinde hereingebrochene Verfolgung (8, l) habe ihn zur Evan- 
gelistentätigkeit veranlaßt. Denn nach 8, 25 üben sie ja die Apostel 
noch aus. So bleibt nur unsre Annahme übrig, die alles aufhellt, daß 
in der Grundschrift nicht der Diakon Philippus, sondern der Apostel 
Petrus alle diese Funktionen gehabt hat 

Nur so löst sich auch das weitere Rätsel, das unser Text uns auf- 
gibt, daß nach 8, 25 nicht Philippus, sondern Petrus (und Johannes) als 
Evangelist in Samarien tätig ist, obwohl doch jener nach 8, $ ff. mit dem 
denkbar besten Erfolg hier gewirkt hat Die in 8, 5 — 24 vorliegende 
Grundschrift ist keine Philippus-, sondern eine Petrusgeschichte gewesen. 
Erst der Bearbeiter hat sie, z. T. wenigstens, zu einer Philippusgeschichte 
gemacht. 

Daß er, in dem wir den Autor ad Theophilum sehen, in solcher 
Weise seine Quellen umgebildet hat, erscheint freilich befremdlich, findet 
aber seine Analogie und damit seine Erklärung in der schriftstellerischen 
Freiheit, mit der er sonst sowohl in der AG als auch in seinem Evan- 
gelium an seine Quellen herangegangen ist, wie wir dies an der Hand 
der paulinischen Briefe bzw. der synoptischen Berichte im einzelnen ver- 
folgen können. Es wäre daher nur noch darzulegen, was ihn gerade 
hier zu solch tiefeingreifenden Änderungen veranlaßt oder bewogen 
hat. Das wird nach Behandlung der Philippusgeschichte 8, 25 — 40 ge- 
schehen. Vgl. S. 352 ff. 

Zuvor gilt es, die für 8, 5 — 24 als Grundschrift angenommene Petrus- 
geschichte auf eine festere Unterlage zu bringen, als es mit den Mitteln 
der Textkritik möglich war, indem ihre Existenz durch Zeugnisse aus 
der übrigen altchristlichen Literatur, insbesondere aus den apokryphen 
Petrusakten nachgewiesen werden soll. Dabei mag darauf kein größeres 

5. 13. tgo6. 



iö der Apostelgeschichte 8, 5—40. 



34S 



Gewicht gelegt werden, daß überall da, wo in altcli ristlichen Schriften 
der ersten zwei Jahrhunderte und darüber hinaus AG S, 5 — 24 nicht direkt 
zitiert, sondern nur auf den hier geschilderten Vorgang angespielt wird, 
niemals Philippus, sondern nur Petrus als Gegner Simons genannt wird. 
Denn dieser Sachverhalt ließe sich einigermaßen auch durch den Schluß 
der Erzählung 8, 20 ff, erklären. Bedeutungsvoller ist es^ daß Petrus 
überall in gleicher Weise auch ohne Johannes und erst in späteren 
Rezensionen der apokryphen Petrusakten mit Paulus zusammen genannt 
wird, sowie daß er nirgends wie 8^ I4ff, als der Hierarch auftritt, der 
allein den heiligen Geist spenden kann, noch auch Simon als der Rivale, 
der sich diese Gabe von ihm erkaufen will Das weist darauf bin, daß 
die Interpolation 8, 14 ff. hier noch nicht bekannt ist oder Irotzdcm an 
einer älteren Tradition zäh festgehalten wird, welche der rekonstruierten 
Grundschrift entspricht. Vor allem aber — und das ist mehr als ein 
argumentum e silentio — übernimmt hier Petrus dem Simon gegenüber 
überall dieselben Funktionen, die in AG 8 Philippus hat. Wenn AG 8, 5 ff, 
erzählt: <tiXmTroc . . . lKT)puccev aLualc töv Xpiciöv und 8, 12 fortfährt: 
imcteucav tuj 4>tXiTrn4; £uaTTtXiSo|aivuj mpi tt|C ßaciXeiac tou ötoö Kai 
Tou dvö^iaTOC 'It)cou XpiCTou . . , 6 hk IiVuiv Kai auiöc tmcTeucev, so be- 
richtet Clena. Alex. Strom. VII, 17 ganz ähnlich, nur von Petrus; Zi^uiv 
iw* öXitov KTipuccovTOC TOÖ TTiTpou i/nfiKouctv. Daß sich dies Krjpücceiv 
nicht auf den Fluch beziehen kann, den Petrus 8, 20 ff* über Simon 
spricht, liegt auf der Hand und ist durch den Sinn ausgesclilossen, den 
das Wort dem Zusammenhang nach bei Klemens hat. Bezieht es sich 
aber danach nur auf eine Lehr* und Predigtverkündigung des Petrus, 
der Simon Gehör schenkt (öni^Koucev), so kann es nur mit dem Kfipüc- 
ceiv in 8, 5 — 12 zusammengebracht werden, Klemens, der auch sonst 
manches von Petrus weiß, was er anderswoher als aus der AG ge- 
schöpft hat (vgl bei Eus. II. E. III 30» i, 2), hat offenbar nur von Petrus, 
aber nicht von Pliilippus gewußt, daß er dem Simon Christus verkündigt 
hat D. h* er hat unsre Grundschrift gekannt* Wenn AG 8, 5 ff. von 
Philippus berichtet, daß er als großer Wundertäter dem Simon entgegen- 
getreten sei, so erzählen das die apokryphen Petrusakten in demselben 
Zusammenhang von Petrus und erwähnen dabei gerade diejenigen Wunder- 
wirkungen, welche nach AG 8, 7 durch Philippus geschahen, die Heilungen 
von Besessenen, Gicht brüchigen und Lahmen (vgl Act Petr. c. Sim. ed, 
Lips. et Bannet. Lips. 1891, c. 11. 29, sowie das von C Schmidt in 
TU» N, F. VIII. I herausgegebene koptische Fragment). Ebenso sucht 
hier Simon mit Petrus nur durch seine Zauberkünste zu rivalisierenj wie 



346 Hans Waitz, Die Quelle der Philippusgeschichten 

wir das aus AG 8, 13 für die Grundschrift folgerten. Auch diese Petrus- 
akten gehen also nicht auf AG 8, sondern deren Quelle zurück. Wenn 
sie das ZusammentrefTen des Petrus und Simon nicht in Samaria, 
sondern in Judäa bzw. Jerusalem stattfinden lassen (vgl. 1. c. C. 5, 9. 17 
[öfters]. 23), so geben sie damit einen neuen Beleg für die Grundschrift 
der AG. Denn auch sie hat von einem weiteren Zusammentreffen beider 
Gegner gewufit, das sich aller Wahrscheinlichkeit nach in Jerusalem ab- 
gespielt hat (s. o. S. 342). Dasselbe Verhältnis zu der Grundschrift deckt 
besonders die Stelle im 23. Kapitel der Act. Petr. c. Sim. auf, wo es 
heißt: Die, Simon, non tu Hierosolymis procidisti ad pedes mihi et Paulo,' 
videns per manus nostras remedia (« Heilwunder AG 8), quae facta sunt, 
dicens: Rogo vos, inquit, accipite a me mercedem, quantum vultis, ut 
possim manum inponere et tales virtutes (= öuvd^€ic AG 8, 13). Das 
ist ja unverkennbar ganz derselbe Zusammenhang zwischen den Heil- 
wundern des Petrus und dem Geldanerbieten Simons, wie wir ihn mit 
Hilfe der Textkritik für die Grundschrift der AG folgerten. Der Fuß- 
fall des Simon, von dem die AG schweigt, ist eine Variante, wie sein 
unablässiges Weinen, von dem cod. D. 8, 24 berichtet, die übrigen Hand- 
schriften aber nichts wissen, und konmit nicht weiter in Betracht Ebenso 
wie die Petrusakten verraten noch Didascalia VI, 7 und Eus. H. E. 11, 
14, 4 Kenntnis einer Überlieferung, welche über den Text der AG hinaus- 
weist, indem auch sie den Schauplatz der Handlung nach Judäa bzw. 
Jerusalem verlegen. Wenn Euseb außerdem erzählt, Simon sei von Petrus 
in Judäa bei seinen schlechten Taten entlarvt worden und dann gen 
Westen geflohen, so hat er auch damit eine andre Überlieferung im 
Sinn, als sie in AG 8 vorliegt. Jedenfalls — das beweisen alle diese 
Stellen — hat es eine Überlieferung über Petrus und Simon gegeben, 
welche in wichtigen Punkten von der Darstellung der AG abweicht, und 
hat sich neben ihr erhalten, auch wo wie in Act. Petr. c. Sim., Qem. 
Alex., Didascal. und Euseb. Bekanntschaft mit ihr vorausgesetzt werden 
kann. Stimmt nun diese Überlieferung in allen wesentlichen Zügen mit 
der Grundschrift überein, die wir nach dem gegenwärtigen Textbefund 
für AG 8, S — 24 annehmen mußten, so wird sie als Beweis gelten 
dürfen, daß dieser Grundschrift mehr als eine bloß hypothetische 
Existenz zugesprochen werden muß. Ebenso wird es als gesichertes 
Ergebnis unsrer Untersuchung angesehen werden dürfen, daß sie als 



1 Die Worte et Paulo sind ein Zusatz des Redaktors der Petrusakten, der den Paulus 
auch sonst nachträglich eingefügt hat 



F 



in der Apostelg^chichte 8, 5—40. 



Petrusgeschichte — und nicht als Philippusgeschichte — zu bezeichnen 
M ist, dies um so mehr, als die kanonischen Akten wie die apokryphen 
m Petrusakten auch in andern Partien eine derartige Grundschrift, irpdEtic 
H TTexpoUp postulieren. ~ 

I " 



Wie aber stellt es mit der Fortsetzung unsrer Geschichte, mit der 
Bekehrung des Kämmerers aus dem Mohrenlande AG S, 25—40? Darf 
sie noch als eine Philippus- oder muß auch sie als eine Petrusgeschichte 
betrachtet werden, derart daß seine Bekehrung nicht mehr als ein Werk 
des Philtppus, sondern des Petrus zu gelten hätte? Die Schlußfolgerung 
liegt nahe: Ist das, was sich 8, J — 24 als Philippusgeschichte einführt, 
ursprünglich eine Petrusgeschichte gewesen, so auch das, was S, 25 — ^40 
von Philippus erzählt wird. Sind doch beide Geschichten nicht nur 
äußerlich im Text der AG^ sondern auch inhaltlich durch die Notiz 
8, 25 verbunden, wonach die Apostel von Samaria wieder nach Jerusalem 
zurückgekehrt sind. Läßt sich das aber auch beweisen? 

Gehen wir auch hier zunäclist auf dem Wege der Textkritik vor, 
so sind wir nicht in der Lage, in dem Maße in S,2$ff. wie in 8, 5 ff. 
Zusätze oder Lücken aufweisen zu können. Doch fällt von vornherein 
aufj daß unser Text kein klares Bild gibt, wo Philippus zum Beginn 
unsrer Geschichte weilt Nach 8, 5 ff. war er in der Stadt Samaria. 
Ist er nach 8, 25 mit den Aposteln nach Jerusalem zurückgekehrt? Nach 
dem Zusammenhang wie nach dem Wortlaute kann hier nur von den 
beiden Aposteln Petrus und Johannes die Rede sein. An sie ist schon 
wegen 8, 24 zu denken, weil Simon nur an sie seine Bitte gerichtet hat 
Nur von ihnen konnte gesagt werden, dal^ sie nach Jerusalem zurück- 
kehrten (£jnlcrp€<pov), weil nur von ihnen erzählt war, daß sie aus Jeru- 
salem gekommen waren^ wo nur sie nach 8, i noch weilten. Und doch 
müssen wir nach 8, 26 annehmen, daß Philippus wieder in Jerusalem 
weilt. Den Befehl des Engels: „Mache dich auf auf die Straße, die von 
Jerusalem nach Gaza führt,'* kann er nur in Jerusalem empfangen haben, 
wie er auch bald darauf den Eunuchen antritt, als er gerade von Jeru- 
salem umgekehrt war (i^v uTtocTpttpujv S, 2%). Warum wird uns das aber 
nicht deutlich gesagt, zumal wir von Philippus lange nichts gehört haben? 
Wir haben oben S. 342 gezeigt, daß hinter 8, 24 eine Lücke anzunehmen 
ist die in der Grundschrift durch den Bericht von Jerusalemer Verhand- 
lungen des Petrus und Simon ausgefüllt war. Nehmen wir an, daß dieser 
■ Bericht mit der Erzählung 8, 26 ff. ursprünglich verbunden war, so wird 
I uns alles klar^ Weil unser Text diesen Bericht ausgelassen hat, ei^ählt 
I ^3* 



348 Hans Waitz, Die Quelle der Philippusgeschichten 

er nichts darüber, wo der lang vermißte Philippus weilt. Dazu kommt 
ein andres, was zugleich diesen Sachverhalt weiter aufhellt Wenn näm- 
lich Jerusalem die Station ist, von der Philippus zur Bekehrung des 
äthiopischen Eunuchen aufbricht, so besteht hier insofern ein Wider- 
spruch, als kurz vorher (8, i, vgl. 8, 4. 5) erzählt worden ist, Jerusalem 
sei infolge der großen Verfolgung von allen, auch von Philippus, ver- 
lassen worden und nur die 12 Apostel seien hier zurückgeblieben. Haben 
also nach dieser Vorstellung von den Aposteln, die mit der 8, 14 ff. dar- 
gelegten völlig harmoniert, nur sie in Jerusalem zurückbleiben können 
oder dürfen, wie kann es ein Diakon wagen, dorthin zurückzukehren? 
War er nach 8, i unwert, im Kreise der 12 Apostel zurückzubleiben, wie 
ist er nun auf einmal würdig geworden, in diesen Kreis einzutreten? 
Diesen Widerspruch hat der Verfasser von AG 8 gefühlt Trotzdem 
läßt er ihn in seiner Darstellung bestehen und zwar aus dem Grunde, 
weil er aus einer Quellenschrift schöpfte, die Jerusalem als Ausgangs- 
punkt für die Reise zur Bekehrung des Eunuchen angab. 

Wie aber diese widerspruchsvolle Unklarheit in der Ortsbestimmung, 
so läßt sich auch die auffällige Genauigkeit in der Zeitbestimmung (Kard 
|ui£cr||uißpiav 8,26)^ kaum anders als durch die Benutzung einer Quellen- 
schrift erklären. Nach der Darstellung der AG hat Philippus längere 
Zeit in Samaria geweilt Und nun heißt es auf einmal von ihm: Gegen 
Mittag soll er eine andre Reise antreten. Hier macht die Erzälilung 
der AG einen Sprung, weil sie — so versuchen wir ihn uns verständlich 
zu machen — über eine Lücke zu der Grundschrift wieder zurückkehrt, 
wo sich diese Zeitbestimmung aus dem Zusammenhang ungesucht er- 
geben haben wird. 

Aus dem weiteren Inhalt der Erzählung hebt J. Weiß' als bemerkens- 
wert hervor die Anknüpfung der Philippuspredigt an Jes 53 (8, 32) und 
sieht darin ein Merkmal für den judenchristlichen Charakter der von ilim 
hier angenommenen Quellenschrift. Wichtiger erscheint es, daß sich 
auch 8, 26 ff. wie 8, 5 ff. nicht wenige Hebraismen finden, welche die Be- 
nutzung ein- und derselben Quellenschrift verraten. So führt uns schon 
gleich am Anfang der Satz fiTT^Xoc Kupfou dXdXncev npöc OiXiTnrov Xe- 
TUJV (8, 26) auf hebräisches Sprachgebiet} denn sowohl der "^ ^^5^9 als 
auch das *tiDK^ ^T\ ist hebräische Eigentümlichkeit. Dorthin weisen auch 
die Wendungen dvdcniOi xai nopeuou (8, 26) und xai dvacrdc irropeuOT] 

X Denn so und nicht als Ortsbestimmung ist dieser Ausdruck aufzufassen. VgL 
AG 22, 6 sowie E. Nestle in St. u. Kr. 65. Gotha 1892. 335—337- 

« Das Judenchristentum usw. St u. Kr. 66. Ck)tha 1893. 5^3 Annu 





in der Apostelgeschichte 8, S—^ 349 

(8, 27), wie Gritnm, Lexicon GraecD-Latimim.* Lips. 1879. p. 31 zu dvi- 

CTr||Ji bemerkt: Eodem modo hebr D^p, imprC QiJ*l verbis eundi, proli- 
ciscendi al praemittitur e notissitno orientaUum more, quo nihil omittitiir, 
qüod ad plenam actionb vel rei imaginem adumbrandam spectat» undc 
olim O;;^ et dvacTÖc interdum redundare male docebatur. Hebräisch 
klingt die nachgestellte Erklärung zu 656c (8, 26); aCrn icrlv ^pti^oc (H^'ll 
Sl^ltJ) und ebenso ungriechisch der Titel des Eunuchen (8, 2^): dv% 
AiOio^; cuvoöxöc buvdcTT]c Kavbdicr]C ßaciXEccnc. Von dem vorangestellten 
xai ihov aber, das auch 8, $6 wiederkehrt, bemerkt wiederum Grimm Ic. 
p, 206: iboü particula demonstrativa , . , ex imitatione hebr* ri^ri frequen- 
tissime usurpari solita und weiter p. 207: hebr, n|^l Ibou et Kai t5ciö 
ante nominativum, quem nullum sequitur verbtjm praedicatum. Eine recht 
deutliche Spur der Grundschrift ist es, wenn für Jerusalem in 8, 27 die 
hebräische Form 'lepoucaXii^, an den Stellen aber, wo der Redaktor spricht 
8, I j 8, 14 (die große Interpolation) und 8, 25 die griechische Form *kpo- 
cöXupa steht Es ist also dasselbe fremdartige Material hebräischen Ur- 
sprungs, das der griechische Autor ad Theophilum auch 8, 26 ff, in sein 
Werk eingefügt hat, und es wird daher der Schluß eriaubt sein, daß es 
ein- und dieselbe QueUenschrift ist, die er da^u benutzt hat, daß also 
auch 8j 26flf. ursprünglich eine Petrusgeschichte war. 

Zu diesem Etgebnis gelangen wir, wenn wir unsem Abschnitt nicht 
bloß für sich^ sondern auch in dem Zusammenhang betrachten, in dem 
er in der AG steht. Wir wollen dabei nicht noch einmal hervorheben, 
daß eine evangelistische Tätigkeit des Diakons Phihppus auch hier auf- 
fällig ist. Soll sie ihm trotzdem einmal zugestanden sein, so mag man 
es erklärlich finden, daß er sie gelegentlich auf seiner Flucht aus Jeru- 
salem in Samaria ausübt Aber nach den kirchlichen Vorstellungen 
der AG ist es wenig verständlich, daß er sie berufsmäßig betrieben 
haben soll* Von ihrem geschichtspragmaüschen Standpunkt aber mi?ß es 
geradezu rätselhaft erscheinen, daß nun gerade er, ein Diakon, und nicht 
ein Apostel erwälilt sein soll, als erster die Botschaft von Jesus einem 
NichtJuden, der als Verschnittener noch nicht einmal ein wirklicher 
Prosei jt war und dazu als Schatzmeister der äthiopischen Königin sich 
in so bevorzugter gesellschaftlicher Stellung befand, zu bringen und ihn 
durch die Taufe in die christliche Gemeinde aufzunehmen* Ein Petrus 
bedarf nach der Darstellung der AG ro; il einer ganz außerordentlichen 
himmlischen Bestätigung, um das gleiche Wagnis, die Taufe des Heiden 
und Prosel>ien Komelius von Cäsarea, zu unternehmen und zu rechtfertigen. 
und ein PhilippuSj der doch sonst sogar der apostolischen Approbation 



3SO Ha ns Waitz, Die Quelle der Philippusgeschichten 

bedarf (8, 14 ff.), soll vor ihm dasselbe ohne jede göttliche und mensch- 
liche Vollmacht getan haben! 

Nicht weniger muß es auffallen, daß Philippus der erste Afissionar 
gewesen sein soll, der nicht nur nach 8, 5 ff. in ganz Samaria, sondern 
auch nach 8, 40 in allen Städten des ganzen Küstenstrichs von Asdod 
bis Cäsarea das Evangelium verkündigt habe. Wie wir aus der AG 
selbst entnehmen, hat auch Petrus hier gewirkt. Nach 8, 25 sowie 9, 31. 
32 war Samaria auch sein Missionsfeld. Nach 9, 32. 36; 10, iff. hat er 
ganz dieselbe Missionsreise wie Philippus gemacht und dazu genau in 
derselben Richtung. Wie Philippus nach 8, 40 von Asdod bis Cäsarea 
d. h. auf der Strecke missioniert hat, auf der auch die Städte Lydda und Joppe 
liegen, so hat auch Petrus in beiden Städten und schließlich in Cäsarea ge- 
wirkt und hier viele zum Glauben bekehrt. Dazu wird seine Missionsreise 
mit ähnlichen Worten erzählt wie die des Philippus. Man vergleiche: 

8, 40 9, 32 

4>(XiTr7roc bk €upd8n eic "AZuitov Kai iftvero bk TTdipov öiepx6)ievov btd 
öi€pxö^€VOC eönTTcXiZcTO rdc iröXeic ttovtuiv KoreXOeTv Kai irpöc touc 
ndcac £ujc toö iXOeiv eic Katcapiav. dTiouc ktX. 

Soll man vielleicht annehmen, daß Petrus überall nur ein Nachtreter des 
Philippus war? Das ist mit der führenden Stellung völlig unvereinbar, 
die er wie nach Gal 2, so auch nach der AG auf dem palästinensischen 
Missionsgebiet hatte. So wird man, wenn man auch die literarische Be- 
ziehung zwischen beiden Reiseberichten vergleicht, zu dem Schluß ge- 
drängt, daß das, was von der Missionsreise des Philippus erzählt ist^ in 
der Grrundschrift nur eine Beschreibung der Missionsreise des Petrus war. 
Erst der Bearbeiter der Grundschrift hat den Philippus an Stelle des 
Petms eingesetzt Doch hat er dabei den Ruhm des Petrus, der erste 
große Missionar auch unter den NichtJuden auf dem palästinensischen 
Missionsgebiet gewesen zu sein, nicht schmälern können noch wollen. 
Darum hat er ihn schließlich doch noch nach Samaria gerufen, wo 
schon Philippus gewirkt hat, und ihn als Evangelist iroXXdc Ktb^ac niiv 
Za^iapiTuiv besuchen lassen. Darum hat er ihn nochmals von Jerusalem 
öid trdvTuiv bis nach Lydda reisen und viele Bewohner dieser Stadt zum 
christlichen Glauben bekehren lassen, obwohl er die Bekehrung des 
Eunuchen auf dem Wege dorthin auf Rechnung des Philippus gesetzt 
hat Darum hat er ihn schließlich auch in Cäsarea wirken lassen, obwohl 
doch Philippus nach 8, 40 damals dort war und — nach der Taufe des 
äthiopischen Eunuchen — zur Taufe des römischen Hauptmanns die* 
selbe Befähigung hatte wie Petrus. 



i 



r 




_ in der Apogtelgeschichte S, 5— 4a 351 

Dazu kommt noch eine Erwägung, Betrachtet man den ganzen Ab- 
schnitt der AG, in dem die Philippusgeschichte 8, 5 — 40 sich befindet, vom 
Standpunkt der Quellenkritik» so wird man mit Sorof, van Manen, Spitta 
und }. Weiß leicht erkennen, daß der Bericht über die Missionstatigkeit 
des Petrus g, 32 ff. unmittelbar und — wie gezeigt — 2^ T* wörtlich den 
Bericht über die des Philippus aufnimmt und zwar ganz in derselben 
Weise, wie der Bericht über die Christenverfolgung unter Saulus 9, iff. 
denselben Gegenstand wieder aufnimmt, der 8, 3 eingeleitet worden ist 
Dieser Zusammenhang kann nicht zufällig sein* Wie vielmehr 9, 1 ff, inhalt- 
lich und literarisch mit 8, 3 zusammengehört, so auch 9, 32 ff* mit 8,40 
bzw, 8, 5 — 40* Ist aber 9, 32 ff* ein Abschnitt aus alten Petrusakten, wie 
solche auch sonst in der AG verarbeitet vorliegen, dann muß das auch 
von 8, 5 — 40 gelten, Unsre Philippusgeschichte ist weiter nichts als ein 
umgearbeitetes Stück alter Petrusakten, Hier wie dort derselbe Inhalt — 
ein großer Apostel, der das Evangelium verkündet und in der Kraft 
Gottes Wunder tut und so Einzelne wie Massen zum Glauben bringt; 
hier wie dort dieselbe Tendenz — das Christentum, die Religion, welche 
über die Mauern Jerusalems und die Schranken des Judentums hinaus 
wirken muß- hier wie dort dieselbe Vorstellungswelt im einzelnen, der- 
selbe Engel, hier und dort auch irveu^a genannt, der in gleicher Weise 
bedeutungsvoll in die Handlung eingreift (vgL 8, 26, 39 bzw. 10, 3, 19, 
außerdem in den Petrusgeschichteii 5, 19; 10, 22; 12,7,23);' hier wie 
dort dieselbe Sprache mit den gleichen Orientalismen: Das alles macht 
es uns unzweifelhaft, daü es auch eine Quelle ist, aus der beides ge- 
flossen ist, alte TTpdtIcic Tiiipou. 

In dieser Auffassung darf uns noch eine letzte Beobachtung be- 
stärken. Hat sich die Geschichte von dem samaritischen Magier auch 
in der übrigen altchristlichen Literatur als eine ursprüngliche Petrus- 
geschichte nachweisen lassen ^ so lindet sich, soweit ich sehe, für die 
Geschichte von dem äthiopischen Eunuchen, ein gleicher Beleg nicht. Nur 
auf eine Stelle darf vielleicht hingewiesen werden, die, für sich betrachtet, 
belanglos wäre, aber in diesem Zusammenhang unsre Aufmerksamkeit 
verdient. Dieselben Petrusakien, die uns von dem Zusammentreffen des 
Petrus und Simon auf Grund einer von AG 8, 5 ff. abweichenden Über- 
lieferung berichten, bringen — und zwar in einem Kapitel, worin auch 
jenes Zusammentreffens gedacht ist (Act. Petr. c. Sim. c. 5) — ^ine Et^ 
Zählung von der Taufe, die Petrus auf seiner Seereise von Casarea nach 
Rom an dem Steuermann des Schiffes Theon vornimmt. Vergleicht man 

i In AG erscheint er sonst nur noch 27, zj und hier nur im Traum. 



352 HansWaitz, Die Quelle der Philippusgeschichten 

sie mit der Erzählung über die Taufe des Eunuchen, so erkennt man, 
daß sie in manchen Einzelheiten dieser nachgebildet ist Wie Phüippus 
dem Eunuchen die frohe Botschaft von Jesus verkündet, so setzt auch 
.Petrus dem Theon zunächst die Großtaten Gottes auseinander. Wie 
dann der Eunuch bei dem Wasser fragt: „Sieh, hier ist Wasser, was 
hindert, mich taufen zu lassen?", so wendet sich auch Theon an Petrus 
mit der Bitte: „Wenn du mich für würdig halten willst, mich in das 
Zeichen des Herrn einzutauchen, so hast du hier Gelegenheit" Wie es 
zuletzt von dem Eunuchen heißt, daß er seines Wegs fröhlich gezogen 
sei, so auch von Theon, daß er aus dem Wasser stieg, fröhlich in großer 
Freude. Selbstverständlich kann dem Verfasser der Petrusakten bei 
dieser NachbUdung die Erzählung von Philippus und dem Eunuchen vor- 
geschwebt haben. Nach dem Gesetz der Ideenassoziation ist es aber 
wahrscheinlicher, daß es eine Geschichte von Petrus und dem Eunuchen 
war. Ist er doch auch kurz vorher nicht unsrer AG, sondern ihrer 
Grundschrift gefolgt, wenn er sagt: Petrus habe den Simon aus Judäa 
vertrieben, nachdem er ihn als Magier erwiesen habe. 

Wir dürfen daher auch nach dieser Seite das Ergebnis unsrer Unter- 
suchung als gesichert ansehen, daß der ganze Abschnitt 8, $ — 40, von 
den Interpolationen abgesehen, in der Grundschrift keine Philippus-, 
sondern eüie Petrusgeschichte, ein Abschnitt alter Petrusakten gewesen ist. 

Wie aber ist es dann zu erklären, daß der Autor ad Theophilum 
an Stelle des Petrus, den ihm seine Vorlage bot, den Philippus einsetzte? 
Eine bestimmte Tendenz kann er dabei nicht gehabt haben, da er sonst, 
wie oben gezeigt, den Petrus ungestört seines Apostelamts walten läßt. 
Was ihn dazu verleitet hat, kann nach dem literarischen Befund nur ein 
Doppeltes gewesen sein: einerseits die Vorstellungen, die er von dem 
Apostolat und Diakonat der Urgemeinde hatte, andrerseits die histori- 
schen Mitteilungen, die er in seinen Quellenschriften fand. Suchen wir 
von hier aus einen Einblick in die Werkstätte seiner schriftstellerischen 
Tätigkeit zu gewinnen, so finden wir zunächst in 8, i. 4 die Bemerkung, 
die aller Wahrscheinlichkeit nach sein alleiniges literarisches Eigentum ist : 
Infolge der großen Christenverfolgung, die über die Gemeinde in Jerusalem 
hereinbrach, hätten sich alle über die Länder Judäas und Samariens zer- 
streut und dabei das Evangelium verkündet, alle ttXi^v toiv dnocröXujv. 
Solange nach dieser Geschichtsbetrachtung die Apostel in Jerusalem aus- 
harren mußten, konnten sie — und so auch Petrus — eine apostolisch- 
evangelistische Tätigkeit nicht ausüben, wie denn auch Petrus sie nach 



I 



9, 31' 3^ ^''st dann wieder aufnahm, als die Gemeinde wieder allenthalben 
Frieden hatte* Nun aber war in der Quellenschrift der AG, den Petrus- 
akten, erzählt, daß Petrus, nachdem er durch seine Predigten und 
Krankenheilungen nicht bloß die Jerusalemische Bevölkening (vgt 2, iffi; 
3, iff,; 5, 13), sondern auch rd frXflöoc tüuv ir^piE noXeuuv 'lepoucaXii^ 
(S, 16)' erregt hatte, nach der Stadt Samaria hjnabgezogen war, um 
auch hier Cliristus zu verkünden und allerlei Kranke zu heilen (8, sffl), 
sowie daß er hierauf, nach Jerusalem zurückgekehrt, in andrer Richtung, 
nach dem Küstenstrich von Gaza bis Cäs*irea, ausgezogen sei, um in 
gleicher Weise das Evangelium zu verkünden sowie allerlei Heilwunder 
zu verrichten (8,26.40; Qi, 31 f. 36 ff»; !0, iff). Konnte er nun nach 
8, I. 4 Jerusalem in Jener Zeit nicht verlassen haben, so mußte ein andrer 
(nr ihn eintreten, dessen evangelistische Wirksamkeit freilich trotzdem 
zum Teil wenigstens einer Ergänzung durch die Apostel, insbesondere 
durch Petrus bedurfte (8, i, 4 ff.). Da bot sich als Ersatzmann der 
Diakon Philippus. 

Daß aber gerade er dazu ausersehen wurde, hatte seine besonderen 
Gründe. Wie das KoHegium der 12 Apostelj so hatte auch das Kollegium 
der 7 Diakonen (6, iff) in den Augen des Verfassers der AG eine 
höhere Bedeutung gewonnen, als es sie anfänglich gehabt hat. Überdies 
hatte der erste unter ihnen, Stephanus, tatsächlich schon in Jerusalem 
eine Wirksamkeit entfaltet, die weit über sein Diakonenamt hinausging, 
wie eine andere Quellenschrift dargelegt hatte (6, i ff.). Sollte das nicht 
auch bei dem zweiten unter den Sieben, Philippus, der Fall gewesen 
sein? Nachrichten, die eine solche evangelistische Tätigkeit desselben 
bezeugten, waren nicht vorhanden. Aber eine Notiz, die sich in einer 
Quellenschrift ersten Ranges vorfand, erschien wolü bedeutungsvoll genug, 
um den Mangel an andern urkundlichen Urkunden auszugleichen und 
Licht über seine Wirksamkeit zu bringen* In dem Bericht über die 
Reise des Paulus, in dem sogenannten Wirbericht » AG 21, 8, war ein 
Evangelist Philippus genannt^ der mit seinen vier prophetischen Töchtern 
damals in Cäsarea wohnte. Allerdings die ganze kirchliche Tradition, die 
durch keine geringeren Gewährsmänner als Papias vonHierapoUs, Polykrates 
von Ephesus und Klemens von Alexandrien gedeckt ist, wie auch die 
ältere montanistische,* sah in diesem Vater der prophetischen Töchter, 
der später in Hierapolis beiges€t:zt wurde, den Apostel Philippus* Nur 

V Man beachte auch liier die hebriliche Form des Namens, die auf eme Qtietlen« 
schrifl schlicO^en li&t 

* VgL da^u P. Corssen, Die Töchter des Piiilippua in dieser Zcitschiift IL igai, 294 L 



354 Hans Waitz, Die Quelle der Philippusgeschichten 

ihn und keinen andern kann auch der Wirbericht gemeint haben, wenn 
der ihn als eöarTcXicrric bezeichnete. Denn wie die Apostel selbst oft 
ol €uaTT€Xicd^€Voi genannt wurden, so galten die Evangelisten in ältester 
Zeit den meisten einfach als Apostel. * Was wußte jedoch der Autor 
ad Theophilum von einem Evangelisten? Ein Zwölfapostel kann das 
doch nicht gewesen sein ; denn ein solcher hätte doch auch durch seinen 
Titel gekennzeichnet sein müssen; und nun gar ein Zwölfapostel mit 
vier Töchtern! Aber von einem Diakon Stephanus hatte er gelesen, 
daß er auch evangelisiert hatte. Ein Diakon mochte wohl auch Evan- 
gelist genannt werden können. Der „Evangelist** PhUippus in Cäsarea, 
von dem der Wirbericht erzählt, konnte darum kein andrer gewesen sein, 
als einer von den Sieben, der zweite in der Reihenfolge nach Stephanus. 
Das war das. Ergebnis seiner Überlegungen, das er denn auch nicht 
versäumte, dem Wirbericht erklärend hinzuzufügen.* Wenn nun dieser 
Philippus, der doch früher in Jerusalem gewesen, zur Zeit des Paulus in 
Cäsarea wohnte, so mußte er damals dorthin gereist sein, als nach dem 
Tode seines Amtsgenossen Stephanus alle Jerusalem verließen, alle außer 
den Aposteln. Das konnte selbstverständlich nur der Diakon gewesen sein 
und nicht der Apostel Philippus, der doch wie Petrus und die andern 
in Jerusalem bleiben mußte. Auf diese Weise aber ist er das geworden, 
was vorher der erste unter den Sieben war, ein Evangelist, euopTT^XiZö- 
^evoc nepi ific ßaciXe(ac toö Oeoö Kai toO övöjiaTOc Incoö XptcroO (8, 12 ; 
vgl. 8, 4. 35). Darum muß es dieser Philippus gewesen sein, — und nicht 
Petrus, wie seine Quellenschrift erzählte, — der damals nach Samaria 
kam und alsdann über Gaza und Asdod nach Cäsarea gelangte, wo ihn 
dann Paulus besuchte. — Wie ist es aber mit seinen prophetischen 
Töchtern gegangen, die in Cäsarea bei ihm wohnten und später mit 
ihm nach Hierapolis zogen? Hat er in Jerusalem noch keine Töchter 
gehabt und sie deshalb auf seiner Flucht bzw. Missionsreise auch nicht 
mitnehmen können? Oder sind sie ihm erst in Cäsarea geboren worden? 
Wir verstehen es, warum sich der Verfasser der AG, obwohl er über 
die Reise des Philippus von Jerusalem nach Cäsarea genaueres zu er- 
zählen weiß, über seine Töchter ausschweigt In seiner Quellenschrift, 
aus der er die andem Erzählungen nahm, stand davon nichts. Denn 
sie handelte nicht von Philippus, sondern von Petrus, an dessen Stelle 
erst er den Philippus einsetzte. — 

< Vgl. A. Hamack, Die Mission. Leipzig 1902. 254. Anm. i. 
3 Ich betrachte also die Worte dvTOC ^k tiDv imd als Zusatz, ahnlich wie Gieseler 
und Renan; vgl. F. Sieffert, Art. Philippus der Evangelist in RE^ XV. 335. 



in der Apostelgeschichte 8, 5—40 



355 



Die Quelte der Philippusgeschichten AG 8, 5 — 40 sind also alte 
Petrusaktea gewesen. Steht dies Ergebnis unsrer Untersuchung fest, so 
löst sich die Quellenfrage der AG wesentlich einfacher und leichter, als 
es bisher möglich war. Denn damit sind Petrusakten als eine Haupt- 
quelle der AG festgestellt* Zugleich aber ist damit der Kritik neues 
Material gegeben, um zu untersuchen und nachzuweisen, wo sonst noch 
iti der AG diese Petrusakten als Quelle vorliegen- Dabei wird sich er- 
geben, daß sie den Kern aller jener halb historischen, halb legend arischen 
echt volkstümlichen Erzählungen in der AG bilden, deren Held der evan- 
gelisierende und Wunder vollbringende Petrus ist und deren Leitmotiv, 
soweit es sich aus der AG feststellen läßt, die Ausbreitung des Christen- 
tums von Jerusalem bis nach Cäsarea ist Vielleicht ist es dann mög- 
lich, ihren Faden, der AG 12, 17 mit der rätselvollen Bemerkung ino- 
piüöii eic Ctepov töttov abbricht, auch in der übrigen altcliristlichcn 
Literatur da und dort bloßzulegen und weiterzuführen. Jedenfalls ver- 
einfacht und erleichtert sich mit Erkenntnis dieser Quellenschrift in der 
AG die Aufgabe, die Fäden sonstiger Quellenschriften aufzufinden, welche 
etwa hier noch vorhanden sind. 

Durch die Feststellung des ursprünglichen Charakters der Philippus- 
geschichten in AG S wird aber nicht nur die Quellenfrage der AG^ 
sondern auch manches Geschichtsproblem des apostolischen Zeitalters 
in ein neues Licht gerückt. Insbesondere wird für die Frage nach 
der Bedeutung des Apostolats, Diakonats und Evangelistenamts und 
für die Frage nach dem Verhältnis der petrinischen Misston zur paulini- 
schen sowie des Judenchristentums zum Heidenchristentum die Er- 
kenntnis alter Petrusakten als einer Quellenschrift auch für AG 8 nicht 
ohne Bedeutung sein^ einerlei, wie man über ihren geschichüichen Wert 
urteilen möge. 




^ Auch A« Hartiack, LiiUas der Ar^ti Leipzig 1906, welche Schrift mir erst nach 
AbscMüli de» Mamiskiiptes m die Hin de kam, hÜt es für aberwiegend wahrscheinlich, 
vreon auch keineswegs gewiß, dal^ den Petrus perikopen eine aramäische Quetleiischrift 
lugrunde lic^ Für die Phjlippu&geschichteD i5t er jedoch geneigL« eine weitere Quelle, 
den mündlichen Bericht de^ Evo-ngelisten rhilipptis selber, anzunehmen, obwoh] er sich 
dem Eindruck nicht verschließen kann^ daJ^ beid^^ die Petrus- und PhilippuserKählungeiif 
miteinander verklammert sind (vgl* a* a. O. S. S4f-, 88 a* Anm, 4^ 107 ff., sowie 38), In- 
wiefern sie nicht erst künstlich verklammert, sondern ursprüngiich verbunden gewesen 
und dann zertteiint worden sindj hat meine Abhandlung gezeigt, deren gesamte Beweis^ 
führung und Ergebnisse übrigens kaum berührt werden» auch wenn man mit Hamack 
den Wirbericht nicht, wie hier S. 353 f, vorausgesetzt ist, als Quelle, sondern als Werke 
des Autors ad Thcophilum betrachtet. 



LAbf ucMoticQ am 17. Nov* i$o&,] 



356 Schläger, Bemerkungen zu tricnc Mt^coO XpiCToO. 



Miszellen. 



Bemerkungen zu nUfr$^ 'Ii{(rol7 X(M<r<ror. 

In seinem Aufsatz tricnc '\r\co\} XpicroO bei Paulus (Jahrgang 1906 
der theologischen Studien und Kritiken, S. 419—436) hat Kittel den Nach- 
weis zu erbringen versucht, daß der Genetiv 1r|coO XpicroO als Genetivus 
subjectivus zu verstehen sei. Seine Ausfiihmngen sind aller Beachtung 
wert und haben doch vielleicht den einen oder andern stutzig gemacht, 
dem von vornherein die Auslegung von irtcnc *lr|coO XpicroO als Glaube 
Jesu Christi kaum diskutierbar erschien. Ich stimme mit Kittel und Hauß- 
leiter in der negativen Aussage überein, daß Paulus in den Briefen an die 
Römer und an die Galater nicht von einem „Glauben an Jesus Christus" 
redet. Aber die These, daß der Apostel einen „Glauben Jesu Christi** 
gekannt habe, stützt sich doch auf zu wenig Stellen, um sie annehmbar 
erscheinen zu lassen. In dem ganzen Umkreis paulinischer Ideen tritt 
dieser Gedanke denn doch gar nicht hervor. Mir scheint eine andere 
Lösung der Frage nötig zu sein. 

Kittel hat gezählt, daß nCcnc in Rm 40 Mal vorkomme, davon 32 Mal 
für sich allein, d. h. ohne nähere Bestimmung. Ebenso wird mcrcuciv 
von 20 Malen 9 Mal absolut gebraucht. Dieser zahlenmäßige Sach- 
verhalt legt die Annahme nahe, daß an den beiden einzigen von Kittel 
ausführlich behandelten Versen Rm 3, 22 und 26 die Genetive *lncoO 
XpicroO, bzw. *lr]co0 nicht zum ursprünglichen Text gehören, sondern als 
späterer Zusatz gelegentlich eingedrungen sind. 

Der Sinn des Verses 22 ohne I. Xp., also in der Lesart: öiKaiocuvi] bi 
9€o0 b\& Triciewc cic irdvrac loiic mcretjovrac ist durchaus Mar, und kein 
Exeget würde heute auf den Gedanken kommen, zu TrfcrcuiC müsse 
eigentlich noch der Genetiv I. Xp. getzt werden. 

Die TT(cnc erscheint hier ebenso absolut als neues religiöses Prinzip 
im Gegensatz zum Gesetz und zu den Werken, wie gleich danach ia 



Schläger, Bemerkungen zu irCcnc *\r\cob XpiCToO. 357 

V. 25 und an vielen anderen Stellen, vgl. i, 16. 17; 4, 11. 13. 16; 5, 12. 
— Auffallend ist der Ausdruck Ik ttictcujc Incoö in V. 26. Nur noch 
Rm 8, 1 1 steht der Name Jesus allein. Haußleiter nimmt an, daß der 
Apostel an beiden Stellen den Namen gewählt habe, um den Herrn in 
seiner geschichtlichen Erscheinung, den „Menschen** Jesus zu bezeichnen. 
Aber der Apostel hat diese Absicht doch nicht im geringsten angedeutet, 
und das nur 2 malige Vorkommen des Namens berechtigt uns nicht, dem 
Apostel eine so feine dogmatische Distinktion zu unterscliieben, die die 
Leser des Briefes doch auch nicht ohne weiteres herausfühlen konnten. 
Jedenfalls ist die einfache Benennung Jesus im Vergleich mit der üb- 
lichen Bezeichnung Jesus Christus oder Christus Jesus so auffallig, daß 
es mir erlaubt und geboten erscheint, in V. 26 'Incoö als Zusatz zu 
streichen und zu lesen: Kai biKaioOvTa töv dK Tricreujc, vgl Gal 3, 7. 9: 
oi dK iricreujc. 

Zwar kann ich mich für beide Streichungen nicht auf Textzeugen 
berufen. Aber gerade der Name Jesus Christus oder Jesus konnte doch 
wohl leicht eindringen, wo die mcTic doch in irgend einer Beziehung zu 
Jesus Christus stand, und war der Zusatz einmal gemacht, dann hielt er 
sich auch. Deshalb scheint es mir aus den Gründen höherer Textkritik 
erlaubt und begründet, in V. 22 und 26 I. Xp. und *liicoö zu streichen. 
Nebenbei sei bemerkt, daß in Rm 8, 1 1 statt töv Incoöv, wo der Artikel 
bei dem Eigennamen besonders auffällig ist, auch XpiCTÖv oder Xp. 
lilcoOv zu lesen wäre. 

Im Brief an die Galater kommen für Kittels Untersuchung nur die 
Verse 2, 16 (mit 2 maligem Genetiv) und 3, 22 in Betracht. Da iricric 
von 21 Malen 16 Mal ohne nähere Bestimmung vorkommt, kann man 
geneigt sein, auch in 2, 16 die beiden Genetive sowie die Worte eic 
XpiCTÖv zu streichen, also zu lesen: eiböiec bi öti du biKaiouTai dvGpujTroc 
ii EpTU)v vojLiou ddv jiifi bid mcieujc, Kai f\^€\c dniCTeuca^ev. Vielleicht 
ist sogar der ganze Satzteil: ddv jaf) bxä nfcTeujc hicoö XpiCToO zu tilgen, 
wie Cramer will, siehe Lipsius in Holtzmanns Handkommentar 1891, S. 26. 
Ebenso ist es nicht schwierig, in 3, 22 den Genetiv zu streichen, sodaß 
TTiCTic ebenso absolut gebraucht wäre wie das im selben Verse stehende 
TOic mcTeuGuciv. — Wer Bedenken trägt, Textänderungen vorzunehmen, 
für die er sich nicht auf Textzeugen berufen kann, dem werden die oben 
vorgeschlagenen Streichungen unzulässig erscheinen, und er wird das 
Gefühl haben, daß sie vorgenommen seien im Interesse der vorgefaßten 
Meinung, ttictic werde in den Briefen an die Rm und die Gal absolut 
gebraucht. Mancher wird dagegen geneigt sein, der Konjekturalkritik 



358 R. Sillib, Nachtrag zu S. 82g. dieses Jahrg. 

einen weiteren Spielraum zu gewähren, wenn er durch unbedeutende 
Streichungen wie in unserem Falle ein glattes Ergebnis erhält Kittel 
hat recht mit dem Satze: Die irfcnc erscheint stets als eine Tätigkeit, 
die Gott zum Gegenstande hat, aber die Fortsetzung: und die in hervor- 
ragender Weise Christo eigen war — kann, wie gesagt, nicht als An- 
schauung des Paulinismus aus dem Brief an die Rm und die Gal heraus- 
gelesen werden. Vielmehr wird die iricnc schlechthin als neues Kriterium 
der Religiosität empfunden, wie ja auch die Polemik des Jakobusbriefes, 
2, 14 — 26, sich gegen die ttCctic ohne jede nähere Bezeichnung richtet 

Celle. Dr. Schläger. 



Nachtrag zu S. 82 IF. dieses Jahrg. 

Alfred Holder, dessen erster Band seines monumentalen Katalogs 
der Reichenauer Handschriften soeben erschienen ist, verdanke ich die 
Mitteilung, daß das von mir in diesem Jahrgang dieser Zeitschrift ver- 
öffentlichte Bruchstück der Augustinischen Bibel wohl jenen verschollenen 
epistolarum Pauli apostoli volumina IV angehört, die im Reichenauer 
Handschriftenverzeichnis des Jahres 822 (gedruckt von G. Becker in 
seinen catalogi bibliothecarum antiqui, Bonnae 1885, p. 5, 30 — 33) ge- 
nannt sind. Damit hat meine Annahme, die Handschrift sei einst 
Reichenauer Besitz gewesen, wohl ihre Bestätigung gefunden; gleichzeitig 
erhalten wir durch unser Bruchstück aber auch einen Hinweis auf das 
Schicksal dieser Paulusbriefe, die vielleicht um das Jahr 1600 noch voll- 
ständig in Petershausen erhalten waren und dann erst aus dem erwähnten 
Grund zerschnitten und somit fast völlig verloren gegangen sind 

Heidelberg. Rudolf Sillib. 

Zur Taube als Symbol des Geistes. 

It is not true that the dove was an ancient Jewish symbol for the 
Spirit In Jewish symbolism the dove is Israel So Plummer zu Lc 3, 22 
(4. A. 1901, reprinted 1905). Der zweite Satz mag wahr sein, und muü 
doch den ersten nicht ausschließen. Ich weiß nicht, ob in diesem Zu- 
sammenhang schon angeführt wurde, was Philo (quis rer. div. heres 25 
M. 490 «W. III, 30) zu Gen 15,9 sagt: irpöc bk toötoic „rpuröva xai 
TrepiCTcpdv", t/jv t€ Gefav xai Tf|v dvGpujirfvnv coq)(av, TrrT]vdc jifcv 
djiqpoTf pac kqI dfvu) m]bäv jiCjicXeTTiKufac, öiaqpcpoucac ö'dXXrjXwv, ^ bia- 



Eb. Nestle, Zur Taube als Symbol des Geistes. 



3S9 



ipipei T^voc tfbouc f\ pLimyia äpx^rvnou, <p\Upriixoc |ilv t^p ^ öctot co9(ar 
biet TÖv jLiovov 0£6v, oi5 KTfi^d icTx, ifjv jiövujciv aTaTTüuca — cu^goXixiBc 
aÖTTi TpuT^v KaXeiiai — , f||t€poc bi Kai Tieotcöc xai dfcXatoc fi lilpa, 
Tot dvöpuiTTiuv dcTfi TTcpiTToXoöca Kai biaiv} T^ M€Tä övriTüüv icjx^vilouca* 
n€piCT€pql xaÜTfiv direiKciZ^ouciv* lauiac \xöi öOKti idc dpCTdc Mujircfic 
aivi£d^£VOC potiac'Eßpaiiuv övo^dcai ZeTrqpujpav te Kai 4>oi>dv (Ex. 1,15)" 
f) fiiv Tdp dpviGiov, 4>o\jd öfe 4püGp6v lp;jr|V£U£TaL xnc ^£V ouv Geiac Ini- 
cniMTic dpvtOoc TpÖHOv tö dei HtT€U)po7ioXeiv ftiov etc. 

Sehn wir von der speziellen Ausdeutung ab, so ist hier die göttliche 
Weisheit — mit Kif^pa erinnert Philo ausdrücklich an Prov, 8, 22 — , die 
bei ihm von dem hypostasierten Geist nicht weit entfernt ist, mit einer 
Taubenart verglichen. Nur beiläufig merke ich ati, daß Philo bei xfjv 
inovuiciv dTctTTUJca an Ps 102, S gedacht haben wird, wo im Hebr, llBl 
steht. Ebenso scheint die Tatsache noch lange nicht die genügende 
Beachtung gefunden zu haben, daß nach dem Codex D die Taube bei 
allen 3 Evangelisten in Jesus eingeht (£ic auTÖv), nicht bloß über ihn 
kommt (in aÖTOv).* Von solcher Vorstellung aus ist es dann auch be- 
greiflich, wenn beim Tod des Polykarp eine Taube aus seiner Wunde 
herauskommt, ^£nXee Kepiciepä Kai TrXfi0oc alMaioc Funk in seiner 
editio minor setzt nepiCTcpa kqI in Klammer, v, Gebhardt, Harnack, Zahn 
ersetzen es durch die geistvolle, jetzt aber gewiß als unnötig anzusehende 
Konjektur Wordsworth's Trepi cTiipaKa (so daß man in ihrer editio minor 
von der Lesart der Hds. gar nichts erfährt). Weinel, für den die 
richtige Lesart von höchstem Interesse gewesen wäre, übersetzt das 
(Wirkungen des Geistes S. 169): „sprang an der Spitze ein Strom 
Blutes heraus." Auchanjoh 19, 34 d£f)X9e af^aKai üöujp wird in diesem 
Zusammenhang erinnert werden dürfen. 

Maulbronn. Eb- Nestle. 



Ein Gegenstück zum Gewölbe und zur Taube 
im Martyrium des Polykarp ♦ 

Die zTivei Stellen im Martyrium des Polykarp c. 15, 16, daß das 
Feuer eine Art Gewölbe um ihn bildete und 50 den Leib des Märtyrers 
umschloß (Ktt^dpac dboc noiricav . . , kukXlu 7T£pi£T£ixtC£ to curpa tou gdp- 
Tupoc) und daß, als der Henker ihn durchbohrte, eine Taube und so 



I Auch der Gnostiker Markus bat eic oCMv (Hipp, tet 6* 51); «be&so Cerinth 
(Hipp. 10, 2i)j dagegen Theodotus ^Tci t6v Hn'^oOv (16, 23> 



jfjO £b. Nestle. E. Gt:g^suäiick z. Gevolbe n. znr Taube im Marryrimc d. Y^ykj^zr^ 

vki Blut berd. jskam, daS dsis Fejcr enosdi (€£f)I6£ irepiCTEpa u& jLkr^^oc 
iii^tnoc weit warac^icm tö vOp;. haben las in die neoestc Zeit Schiricng- 
ktstcA beratet, sodab xiacb jüogstcns TextändcruDgcxi und ialsäie Über- 
&et£uflg'e3i veröfl e n ü icfat wurden. Aber an der Errühlimg isi nichts zo 
zadznii das zeigt das c^enbar von ihr abhängt Gegenstück im Mar- 
tyrium des heiHjen ilamas (Acta mait>Tjm et sandoram, ei. Bedjan 
VI, 454t) 

Mamas wird 3 Tage in einen Ofen gesperrt. ^Als er ghibcnd ge- 
füacfat m'iirde« kam eine Taube vom Himmel herab und zerteilte 
das Feuer und es war über ihm in Form eines Gewölbes (rrars 
WK) und dann erlosch es. Und viele von den Briidem fireuten £ch 
und priesen Gott über diesem Wunder^ usw. Das mird auf der nächsten 
Seilte wiederholt: ^Diejenigen, wdcfae den Märtyrer gesehen hatten, als 
er in den Ofen geworfen «iirde und auch die Taube, die vom 
Himmel herabkam und die Flamme von ihm zerteilte und die 
Form des Gewölbes, die entstand, und uie das Feuer erlosch" usw. 

Diese Darstellung ruht zwar ihrerseits auch schon auf einem Miß- 
verständnis der Erzählung über Polykarp; denn bei Pol>icarp hat die 
Taube mit dem Gewölbe nichts zu tun und kommt aus ihm selbst heraus*: 
im übrigen aber bezeugt sie die alte Erzählung in erwünschter Weise. 
Ob das Martyrium in dieser Form auch griechisch vorliegt, weiü ich 
nicht. Nilles I, 269 verweist unterm 2. September auf AS. Aug. III, 
423 — 446. Die Analecta BoUandiana IX, in denen dieser s>'rische Text 
erstmals erschien, sind mir nicht zur Hand. In den griechischen Syna- 
xorien ist sein Martyrium zum 2. Sept. nur verkürzt wiederg^eben.' 

Maulbronn. Eb. Nestle. 



Eine nicht ausgenützte Quelle der neutestamentlichen Textkritik. 

Im Jahr 1870 und wieder 1887 wurde von Lagarde des Hieronymus 
Libcr intcrpretationis hebraicorum nominum so bequem als möglich zu- 
gänglich gemacht. Aber noch niemand scheint diese Quelle neutesta- 
mentlichcr Textkritik systematisch durchgearbeitet zu haben. Grelegent- 
lich machte ich aufmerksam, daß dieser Zeuge uns in Act 4, 5 Jonatha 
für Johannes erhalten hat Wordsworth -White führen das jetzt an, 
während Lagarde noch „Macc a 10, 74" auf den Rand gesetzt hatte. Als 

s Anmerkung bei der Korrektur: Über das Wort KOfidpa jetzt Solmsen in BerL 
I'hll WS 1906, a; Sp. 853 zu A. Fick, Vorgriecliifche OrUnamen 1905. 

5. 18. 1906 



i 



Eb. Nestle, Eine nicht ausgenützte Quelle der neutestamentl. Textkiitik. 361 

„De actibus apostolorum" zitiert diese Sammlung „Arnos'' zwischen 
Ananias *- S, I und Azotus S, 40. Lagarde schreibt auf den Rand „Luc 
3» 25 '* Ich vermute, daß das Arnos-Zitat in 7, 42 gemeint ist 

Weiter „Ascalon" zwischen Azotus 8^ 40 und Aeneas 9, 33- Lagarde 
zitiert „Sophon 2, 4" Ich denke, es ist eine Verderbnis fiir Assarona — 
Sarona, 9, 35. 

Zwischen Pafum = 13, 6 und Perge -^13^ 13 lesen wir: 

Parion discooperientem. Lagarde setzt „?" Die Etymologie fuhrt 
auf J?1©* Ich denke an Entstellung aus BarieUp 13, 6. 

Wordsworth-White schreiben zu Asson 27, 13: „videtur Hicron, 'de 
nom hebr,' DL 98 hoc loco ascaicn legisse**; die obige Vermutung wird 
eher zutreffen. 

Zum Namen Arnos schreibt hier Hieronymus: potens vel fortis, si 
tarnen ab aleph littera incipiatur, et finiatur in sade. Quod si exordium 
[sumit ab ain et consummatur in sin, in popuium dwellttittm transfertun 
l^ ist eine Änderung Lagardes^ seine Handschriften haben alle: «1^. 
'Sachlich ist die Änderung richtig; denn /^/i/üa diuelUns ist = D»0 DJ?, 
allerdings mit samech^ nicht sin. Trotzdem ist nun von Hieronymus ge- 
schrieben worden- Es liegt die Verwechslung von Amas und Aman vor, 
die zu Matth 1 so oft schon erörtert wurde.' 

Diese Proben mögen genügen als Beweis, daü sich eine systemati- 
sche Durcharbeitung lohnen würde. 

Maulbronn. Eb, Nestle. 



Ein neues TA/^ort für das Wörterbuch des Neuen Testaments» 

An ^n&^va €a(v€C0at bi rate 6X{i(/eciv Taütcttc t Thess 3, 3 haben 

schon viele Anstoli genommen; aber kein Erklärer so weit ich sehe, hat 
es der Mühe wert gefunden, anzuführen, daß FG cieveceai d. h, oaivecSai 
schreiben. Nun vergleiche man mit dem Zusammenhang bei Paulus auch 
nur die folgenden 2 Belege aus der historia Lausiaca (ed, Butler, 1904)« 

iwiüyv bi TOÖTO ])Xy lJ1ToKuTTou^lvuJV, ToiJTo hi Kai ciatvO|^evu)V ön 
TOioÖTOC ßioc TOlOUT^J ncpmfTTTUJKe irdöei (c. 24, p. 78, 10), 

. , . i{Kx\hiacoi Kai dKrjöidcac KaTCt^Tf^ca . * . xai ^iri toOto (besser 
TOuTLp) cictvöfic Ti^v bidvoiav IcKtTTTÖ^nv civaxuipf]cai Karaqppovi^cac 
aÖToO (c. 3S, p, 102, 16). Statt ciavOeic lesen einige Zeugen hier ocavöa- 



■ VgL 60, 11 zu Mt t, tT Amol« (so, ohne Variante) Jidelii vel iiDtrieiui, ai tamen 
ab aiifh IJttera exordioin hab«t (also nun am ScMuß). quod si en mn «cribitur, onustus 
interpreUtüf (also s^mech am Schluß, aber trotxdem Amen). 

Zeucht, t d, neuieis- Wjsi. J>ihre. VH, 1906. 24 



362 £b. Nestle, Em neues Wort für das Wörterbuch des Neuen Testaments. 

XtcOcfc und geben uns einen trefilichen Kommentar zu i Thess 3, 3. Noch 
besseren Aufschluß gibt die Atxffordenmg, die ebenda an den aavOek 
gerichtet wird: ^f| ^tKpoipi}x€i. Das Wort verdient weitere Untersuchung. 
Maulbronn. Eb. Nestle. 



Die Stelle vom SurtvanXffrfop Mt ao, 28. 

Am Schluß hat D den bekannten Zusatz, welcher mit dem geist- 
reichen Paradoxon anfangt: „trachtet darnach, aus Kleinem zu wachsen, 
und aus Großem Kleines zu werden." So Wellhausen zu Mt 20, 28 (19CX4.). 
* Die Erklärer, welche die neueren Forschungen sorgfaltig verfolgen, nennen 
als griechische Zeugen dafür D0, so Westcott-Hort^, Scrivcner*, Blaß, 
Zahn, Baijon (mit Verweisung auf die ausfuhrliche Erörterung der Stelle 
in meiner Einführung). Ältere wie Mill z. B., Bengel, Wetstein, Tischen- 
dorf, Tregelles, Westcott-Hort* kennen als griechischen Zeugen nur D. 

Wie kommt dann Sabatier (175 1) zu der Angabe: 

Praeterea idem assumentum totidem pen^ verbis exstat Graeü ex 
tribus Apographis in Bibliorum polyglott. Londinensium, to VI. en illa: 
T^€Tc h\, ZiiT£iT£ dK jLitKpoO aö£f]cat, Kai hu iieiZovoc £XaTTOV civou, al 
dXaTToOcOai. 

Mill (1707), der zur Stelle von griech. Zeugen gleichfalls nur CofU 
hat, schreibt in den Prolegomena p. 73: 

Sed et aliud assumentum exhibebat Codex Jvvenci, ad Mat. 20, 28. 
quod in Codice Cantabrigiensi Bezae exstat, ac pervetusto quodam in 
BibL Bodkiana nostra, unoque item et altero apud Gallos, teste Marti- 
fdanaeo. 

Und S. 133 über D: 

E locis Codicis vitiosis et interpolatis, pauca duntaxat hie notabimus. 
In Evangelio Matthaei, insignis illa pericope de primis accubitibus coenae 
c. 20. V. 28. in interpolatis hisce Graece jam primum apparet: Tjick h\. 
Zi1T£Tt€ dK ^tKpoO aöEficat Kai iK ^€fZovoc dXaTTOvctcOat. (sie enim legen- 
dum) ciccpxö^cvot bi ktX. cujus cum partem posteriorem ex Lucae 
cap. 14, 8. sumtam nemo non norit, dum certe prior (quod nondum a 
quoquam observatum, quod sciam) ortum habuit ex Graecis Cant. ejus- 
dem Evangelü, cap. 22. v. 27. 28. 'Etüj t^ bf \xio^ 6^u>v ifXeov oäx 
die ö dvaxeifievoc, dXX' übe ö öiaKOViLv. Kai i}\k&c i\\}if\Qx\it iv tQ btaKOvfagi 
^ou, die ö öiaKOvdiv, oi bia)i€|i€vnKÖT€C ktX. 

X The only extant Greek for the passage is in Codd O aad D . . . No other Oreek 
codex, or Tersion, or ecdesiastical writer hms any kno^dedfe of the pastage. 



I 



Eb. Nestle, Die Stelle vom ^eiTrv<)icXi^tiu|> Mt 20, tS. 363 

Auch zur Fortsetzung schreibt Sabatier: Eadem exstant Graece ejr 
tribus Ms. codidbiis in Bibliorum polyglott Londin, totno VL Eice|>- 
XÖ^evoi hky Kai TiotpaKXfiG^vrtc ötiTTvfjcai {aL 6£iTrveic0ai)